zielbewußt die Milchstraße erforschte, und ein, wie er selber gestand,
ungenügende Bild ihrer Natur entwarf, reicht wahrlich nicht hin, ihm
eine so führende Stellung in der modernen Wissenschaft anzuweisen,
daß man ihn den »Vater der Stellarastronomie« nennt. Herschels
unvergleichliches Verdienst liegt tiefer: er lehrte uns das Fernrohr
für die Erforschung der Fixsternwelt und des Milchstraßengürtels
anzuwenden. Herschel lehrte uns sehen.
[Illustration: Abb. 6. Das Milchstraßensystem nach Herschel.]
Das Auge des Menschen ist eine Camera obscura wie der photographische
Apparat. Er besteht aus einer Linse, die das Licht der Außenwelt
auffängt, sammelt, und als verkleinertes verschärftes Bild auf eine
lichtempfindliche Platte, die Netzhaut, wirft. Linse und Netzhaut
sind die beiden wesentlichen Teile des Auges. Das Fernrohr ist
eine künstliche Linse, die sich der Mensch zur Verstärkung seiner
natürlichen vor das Auge stellt. Die teleskopische Linse ist hundertmal
größer, schärfer, lichtstärker. Dadurch verhundertfacht sie die
Leistungen des menschlichen Auges. Während das Auge günstigenfalls 6000
Sterne am ganzen Himmel, also von einem Standpunkt aus 3000 wahrnimmt,
die man nach ihrer Helligkeit in sechs Klassen von der ersten bis
sechsten Größe einteilt, sieht das Fernrohr viele Millionen bis zur
12., 13. und 14. Größe. Auf einer Himmelsfläche von dem Umfang einer
Mondscheibe zählte Herschel 2400 Sterne! Man sieht also im Fernrohr
tatsächlich »wie Gras der Nacht Myriaden Welten keimen«.
Neben der Erkenntnis der ungeheueren Zahl der Milchstraßensterne
ermöglicht das Fernrohr genaue Untersuchungen über die +Verteilung+
dieser Sternheere. Herschel begann diese Untersuchungen mit
seinen berühmten Sterneichungen, d. s. Auszählungen der Sterne
nach Stichproben; vollendet wurden sie in unseren Tagen durch die
eingehenden »Untersuchungen über die Verteilung der Fixsterne« des
Münchener Forschers v. Seeliger. Diese mühevollen Studien gipfeln in
dem Ergebnis, daß alle uns sichtbaren Sterne tatsächlich, wie Wright,
Kant und Lambert angenommen haben, in einer flachen, linsenförmigen
Scheibe, dem Milchstraßensystem, angeordnet sind. Je mehr man sich von
den Polen ausgehend dem Milchstraßenäquator nähert, um so zahlreicher,
dichtgedrängter erscheinen die Sterne als Zeichen ihrer Anordnung in
einer großen Ebene, der Milchstraße.
Fast noch wichtiger als die Bestimmung der allgemeinen Sternverteilung
ist die genaue Ortsbestimmung einzelner Sterne durch gewissenhafte
Fernrohrbeobachtung, da sie allein zur Ermittlung der +Sternentfernung+
führen kann. Die Kunst, das Fernrohr zu gebrauchen, sollte bald auf
diesem Gebiet die schönsten Früchte reifen lassen.
Wenn wir uns in einem Eisenbahnzug durch eine Landschaft bewegen,
so fliegen die Bäume und Kirchturmspitzen an uns vorbei, wobei sie
sich gegen ihren Hintergrund, den Horizont, verschieben. Je ferner
ein Gegenstand sich von uns befindet, umso geringer ist diese
scheinbare Verschiebung. Man nennt diese scheinbare Verschiebung eines
Gegenstandes gegen seinen Hintergrund bei Ortswechsel des Betrachters
die +Parallaxe+. Man halte seinen Zeigefinger vor dieses Buch und
betrachte ihn abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge. Dann
verschiebt sich seine scheinbare Stellung gegen den Buchhintergrund.
Aus dieser Parallaxe des Fingers kann man seine Entfernung vom Auge
berechnen, wenn man den Abstand der beiden Augen voneinander kennt.
Bekanntlich steht die Erde nicht still, sondern bewegt sich in einem
Kreis um die Sonne. Der Durchmesser dieser Erdbahn beträgt 300
Millionen Kilometer. Wir stehen im Frühling um 300 Millionen Kilometer
von jener Stelle entfernt, an der wir uns im Herbst befunden haben.
Es müssen sich demnach die Gestirne zwischen der Frühlings- und der
Herbstbetrachtung gegen den Himmelshintergrund genau so verschieben,
wie der Finger, den wir einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken
Auge betrachten (Abb. 7).
[Illustration: Abb. 7. Entstehung der Sternparallaxe infolge des
Erdumlaufs um die Sonne.]
Diese Verschiebung ist so minimal, daß sie weder Galilei noch Herschel
trotz eifrigster Bemühungen feststellen konnten. Dieses gelang erst
im Jahre 1837 dem berühmten Königsberger Astronomen +Bessel+, der in
seiner Jugend Kaufmann gewesen war, mit einem neuen stereoskopartigen
Fernrohr, dem Heliometer. Das von Fraunhofer konstruierte Heliometer
ist ein so feines Instrument, daß man damit in der Entfernung eines
Kilometer die Verschiebung eines Körpers um ½ ~mm~ auf das genaueste
bestimmen kann. Nach jahrelanger, unverdrossener Beobachtung bestimmte
Bessel die Parallaxe eines kleinen Sternes 61 im Schwan und berechnete
seine Entfernung auf 80 Billionen ~km~, d.h. auf das 500000fache der
Sonnenentfernung, die 150 Millionen ~km~ beträgt. +Die unvorstellbare
Entfernung der Fixsterne war bewiesen.+ Sternentfernungen zu fassen,
ist Menschensinnen versagt. Wir können uns Meter und Kilometer
vorstellen, aber nicht Sonnenabstände oder Sternenweiten. Die kühnste
Phantasie scheitert an jedem Versuch, die Räume des Universums zu
messen. Wir sind Erdensöhne und durch unsere irdische Organisation an
planetarische Maße gebunden. Was jenseits dieser Erdenwelt gelegen,
können wir bewundern, verehren, aber fassen können wir es nicht.
Astronomische Entfernungen in Kilometer auszudrücken ist ebenso töricht
wie ein Land in Quadratmillimetern zu vermessen. Fehler, die selbst
Millionen dieser Einheiten betrügen, wären immer noch unbestimmbar
klein. Daher hat man als Normalmaß in der Astronomie das +Lichtjahr+
eingeführt. Die Lichtschwingung des Weltäthers ist die schnellste
Bewegung, die wir kennen. Die Lichtwelle pflanzt sich in einer Sekunde
um 300000 ~km~ fort. Man lege seine Hand an seinen Puls und zähle.
Zwischen zwei Pulsschlägen schwingt die Lichtwelle achtmal um den
Erdball. Diesen Weg bezeichnet man als Lichtsekunde. Den Weg, den
das Licht in einem Jahr zurücklegt, ein Jahr hat über 30 Millionen
Sekunden, d.h. also 10 Millionen mal eine Million ~km~ = 10 Billionen
~km~ bezeichnet man als ein Lichtjahr und sagt, ein Stern ist 10
Lichtjahre von uns entfernt, wenn das Licht 10 Jahre braucht, um von
ihm zu uns zu gelangen. 1 ~km~ verhält sich zu einem Lichtjahr wie
eine Sekunde zu 60000 Jahren. Die Entfernungen zwischen den einzelnen
Sternen sind ungeheuer. Sie betragen Lichtjahre, Lichtjahrzehnte,
Lichtjahrhunderte. Selbst zwischen den benachbarten Sternen einer
Gruppe gähnen Räume von unheimlicher Länge und Weite, unüberbrückbar
selbst für den Gedanken. Der nächste Stern ist von der Sonne über 4
Lichtjahre entfernt, ¼ Million mal weiter als sie von uns. Nur durch
ein Bild kann man sich einer Vorstellung von den Maßen der Sternenwelt
nähern. Denkt man sich die Erdkugel, unsere schöne große weite Erdkugel
zu einer Erbse geschrumpft, so läge die Sonne 100 ~m~ von ihr als ein
großer Kürbis. Läge dieses Sonnensystem in Berlin, wo würde dann das
nächste Fixsternsystem liegen? Das allernächste? Draußen vor der Stadt?
Oder in einem Vorort? Oder gar in Leipzig? In München? Vielleicht
selbst in Rom, 1500 ~km~ weit entfernt? Nein, es läge über zehnmal
weiter, 25000 ~km~ weit, also irgendwo im Innern Australien oder in
der Südsee jenseits dieses Erdteils nahe dem Südpol. Der zweitnächste
Stern, um die Hälfte weiter entfernt, fände auf Erden gar keinen
Raum mehr und schwebte jenseits des Gegenpols draußen im Weltraum!
Wir Menschen sind Wesen auf einer Erbse, die irgendwo im Grase
versteckt in Mitteleuropa liegt. Im Polareis des Südpols zwischen den
gefrorenen Schollen liegt ein kürbisgroßer Stein und einige Schritte
von ihm entfernt liegen wahrscheinlich einige Erbsen, das ist unsere
nächste Schwesterwelt im Universum! Wenn wir seiner überhaupt fähig
waren, welch trostloses Einsamkeitsgefühl müßte uns ergreifen! Welch
grauenhafte Öde umschauert uns als toter kalter dunkler Raum! Was ist
der Mensch im All? Wenn die Erde eine Erbse wäre in einem Raum so groß
wie ein Zimmer, so wäre sie schon klein zu nennen und nicht wert, den
Mittelpunkt der Welt zu bilden. Schon dann wäre es Hochmut, wenn der
Mensch, der auf dieser Erbse in ganzen Völkerscharen lebt, sich für
den Herrn der Welt, für die Krone der Schöpfung hielte. Eine Erbse
inmitten einer großen Stadt ist schon ein Nichts, ein unauffindbares,
verschwindendes Nichts, dessen Dasein oder Nichtdasein am Bilde der
Stadt auch nicht einen Deut veränderte. Aber irgendwo im Grase eines
leeren Europa, vielleicht im Geröll der Alpen oder in einem Sumpfried
der sibirischen Steppe oder im öden Sande der Sahara oder in den Wellen
des Atlantischen Ozeans eine Erbse zu sein und auf ihr zu leben,
weniger, 100000 mal weniger als ein Bazillus -- »wenn ich den Himmel
anschaue, den Mond und die Sterne, was ist der Mensch, daß du seiner
gedenkst, und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«
Nur von den allernächsten Sternen, die naturgemäß die größte Parallaxe
besitzen, sind zuverlässige Bestimmungen gelungen, so daß wir von nur
ungefähr 200 der nächsten Sterne die genaue Entfernung kennen, während
wir von all den übrigen Millionen nur sagen können, daß sie um ein
vielfaches ferner sein müssen als diese Schwesterwelten, mit denen wir
zusammen eine Sterngruppe bilden. Von den bekannten Sternen sind von
uns entfernt:
Alpha Centauri, der nächste aller Fixsterne 4,3 Lichtj.
Sirius im Großen Hund 8,6 "
Prokyon im Kleinen Hund 9,5 "
Atair im Adler 14 "
Kastor in den Zwillingen 17 "
Aldebaran im Stier 30 "
Regulus im Löwen 36 "
Wega in der Leier 39 "
Kapella im Fuhrmann 40 "
Polarstern im Kleinen Bären 46 "
Pollux in den Zwillingen 57 "
Arktur im Bootes 136 "
Beteigeuze im Orion 142 "
Rigel im Orion 320 "
Man wende seinen Blick zum glänzenden Pollux*. Die Lichtwellen, die
jetzt unser Auge treffen, haben vor 57 Jahren diese Sonne verlassen.
Dieser Stern steht gar nicht an jener Stelle, wo wir ihn jetzt sehen,
so wenig wie der Sirius oder die Kapella sich in Wirklichkeit jetzt
an ihrem scheinbaren Platz befinden, sondern stand vor 57 Jahren an
diesem Punkt. Als diese Ätherwellen, die jetzt unsere Netzhaut erregen,
dem flammenden Chaos dieser Welt vor 57 Jahren entwirbelten, waren wir
noch nicht geboren, unsere Eltern kannten sich in jener Stunde noch
nicht, und während jener Strahl durch den Weltraum zu uns eilte, 57
Jahre lang in jeder Sekunde 300000 ~km~ fliegend, wuchsen wir heran aus
einer kleinen Gallertzelle, wurden wir als ein hilf- und ahnungsloses
Wesen geboren, lagen wir in der Wiege, lernten wir gehen und sprechen,
lesen und schreiben vom ABC und Einmaleins durch Märchenbuch und
Räubergeschichte bis zu diesen Zeilen, die uns Kunde bringen von den
Wundern, die uns umschwingen. Was haben wir nicht alles in dieser Zeit
gesehen und gehört, erlebt und erlitten? Was ist nicht alles geschehen
auf diesem kleinen Erdball in 57 Jahren! Und was auf jener Sternenwelt
dort droben? Vielleicht ist sie in dieser Zeit erloschen, vielleicht
zusammengeprallt mit einem dunklen Körper und in den Weltraum
zerstoben, ist vielleicht vor 30 Jahren in glühenden Nebel verdampft
und existiert nicht mehr. Wir aber sehen dann in dieser Stunde etwas,
was gar nicht mehr ist, und werden es morgen noch sehen und in zehn
und in zwanzig Jahren, und wenn die Lichtwellen, die jetzt jene Welt
verlassen, in 57 Jahren unsere Atmosphäre überfluten, liegen wir längst
draußen im Feld unter dem Rasen, heimgekehrt in den Allmutterschoß
der Erde, und kein Sehnerv zittert mehr in unserer Augenhöhle, keine
Zellfaser schwingt mehr in unserer Hirnschale in dem Gedanken von der
Größe und Erhabenheit der Welt -- kurz ist die Frist, die dem Menschen
gegeben, zu forschen und zu fühlen, kürzer als die Spanne, die das
Licht von einem Stern zum andern schwingt -- ~carpe diem~, nützen wir
den Tag und die Stunde!
Die äußersten Sterne des Milchstraßensystems, deren verschwommener,
zusammenfließender Schein das Milchlicht dieses Gürtels erzeugt, sind
von uns 10000 Lichtjahre entfernt. Wenn wir auf den Planeten einer
solchen Sonne lebten und unsere Erde beobachten könnten, so sähen wir
die Welt vor drei-, sechs-, acht-, zehntausend Jahren. Die Bewohner
einer Sternenwelt in der noch mäßigen Entfernung von 3000 Lichtjahren
sähen heute Griechen und Trojaner in der Ebene von Ilion kämpfen,
sähen den greisen Priamus im Kreis der Alten auf der Mauer, die schöne
Helena auf ihrem Ruhelager im fürstlichen Gemach, Achill grübelnd in
seinem Zelte sitzen und Hektor im Kampf mit dem fallenden Patroklus.
Wenn wirklich denkende Wesen uns aus dieser Ferne beobachteten --
und wer will diese Möglichkeit in unserer Welt der Wunder einfach
leugnen? -- so sähen sie Europa als Sumpf und Urwald, bevölkert von
Heiden und Barbaren, und spotten vielleicht unserer, nicht ahnend,
daß auf derselben Stelle, wo sie Götzenaltäre und Göttereichen sehen,
in Wahrheit schon Kuppelhallen stehen mit gewaltigen Teleskopen,
elektrischen Uhren, Tabellen und Sterntafeln, und daß Menschen unter
ihnen sitzen, die die Geheimnisse des Weltalls bis in tausendjährige
Lichtentfernungen ergründen ...
Bei den genauen Ortsbestimmungen, die zur Feststellung der Parallaxe
notwendig waren, entdeckte Bessel an manchen Sternen kleine
Verschiebungen, die sich nicht durch die Bewegung der Erde um die
Sonne erklären ließen. Vor allem an den beiden hellen Sternen Sirius
und Prokyon fielen ihm kleine periodische Bahnbewegungen auf, die
er nach jahrelanger reiflicher Beobachtung und Überlegung auf die
Anwesenheit unsichtbarer Trabanten zurückführte. Der Sirius sollte
von einer Begleitsonne umkreist werden, die ihn in 50 Jahren umläuft
und durch ihre Anziehungskraft die Störungen der Siriusstellung
hervorruft. Dieser von Bessel vermutete Siriusbegleiter war aber
selbst in den stärksten Fernrohren nicht zu entdecken. 18 Monate nach
Veröffentlichung seiner Arbeit über den unsichtbaren Siriusbegleiter
starb Bessel. Sein Nachfolger Peters führte die Untersuchungen fort und
berechnete, daß dieser Begleiter augenblicklich in dem und dem Abstand
an einem ganz bestimmten Punkt stehen müßte. Eine verwegene Behauptung!
Einen Körper in einer Entfernung von ½ Millionen Sonnenweiten, den
kein menschliche Auge sehen konnte, nicht nur zu vermuten, sondern
sogar genau seine Bahn, seine Bewegungsgeschwindigkeit, seinen Standort
zu berechnen! Klingt es nicht wie ein Märchen, daß ein Mensch im
Dunkel nie gesehener Welten, in Fernen, die sich keine Vorstellung
mehr auszudenken vermag, unsichtbare Trabanten berechnet, und mit der
Bestimmtheit einer eidlichen Versicherung ihr Gewicht, ihre Entfernung,
ihre Bahn und ihre Geschwindigkeit zu kennen behauptet? Wer sollte den
Sternenguckern solche Phantasien glauben, zumal niemand selbst mit
den immer besseren Teleskopen der folgenden Jahre diesen Begleiter zu
entdecken vermochte! Aber es kam anders, als die Zweifler glaubten
und die Spötter lachten. 20 Jahre nach dem Tode Bessels erprobte der
berühmte amerikanische Linsengießer Clark sein neuestes Glas, richtet
es auf den Sirius -- und entdeckt genau an der Stelle, die Peters
für dieses Jahr als Stand des Siriustrabanten angegeben hatte, ein
Sternchen! Man verfolgte seinen Lauf und siehe da, es bewegte sich
in 50 Jahren um den Sirius und stand in jedem Jahr an jenem Punkt,
den Bessel und Peters vor seiner Entdeckung für diese Zeit berechnet
hatten! Welches Wunder ist größer? Daß es Welten gibt in dieser Fülle
und in diesen Fernen, die sich umkreisen wie Sonne und Planeten, oder
daß auf einem dunklen Sonnenstäubchen zwischen ihnen ein Eintagswesen
lebt mit einer grauen Gallertmasse in seiner Schädelschale, das die
Bahnen dieser Welten bestimmt, ohne sie in ihrer Größe und Entfernung
sich vorstellen zu können, ja selbst ohne sie im schärfsten Fernrohr
überhaupt zu sehen?
Sterne, die mit einem anderen Stern ein kreisendes System bilden, nennt
man Doppelsterne. Fast jeder dritte Stern unserer näheren Umgebung
ist ein Doppelstern, so daß wir heute ungefähr 15000 Doppelsterne
kennen. Weit auseinander stehende Doppelsterne wie das Sternpaar rechts
neben dem Aldebaran* kann man mit bloßem Auge als solche erkennen,
die meisten aber sind erst im Fernrohr und sehr viele auch mit diesem
nicht mehr zu trennen. Die Umlaufszeiten der Doppelsterne schwanken
zwischen einigen Tagen und mehreren Tausend Jahren, je nach dem Abstand
der Sonnen, wie ja auch die Umlaufszeiten unserer Planeten von Merkur
bis Neptun zwischen 88 Tagen und 165 Jahren voneinander abweichen. Die
Umlaufszeiten betragen im Doppelsystem des
Prokyon 40 Jahre
Sirius 50 "
Alpha Centauri 87 "
Kastor 997 "
Es gibt aber nicht nur Systeme von zwei Sonnen, sondern solche von 3,
4, 6, 8, 16, ja 20 Sonnen. Dicht neben der Wega in der Leier steht ein
Sternsystem*, von dem ein mäßiges Auge nur ein Pünktchen sieht; ein
gutes Auge sieht diesen Stern als längliche Linie; ein sehr gutes Auge
erkennt zwei eng zusammenstehende Sterne 5. Größe. Schon ein kleines
Fernrohr aber zerlegt jeden dieser beiden Sterne in zwei Körper, so daß
wir hier ein Sternsystem von vier Sonnen vor uns haben. Der hellste
Stern der Plejadengruppe,* Alkyone, ist ein vierfacher, der mittlere
Deichselstern im großen Wagen Mizar* ist ein fünffacher Stern. Der
Lichtschimmer des Orionnebels* unter dem Jakobstab geht von einem
sechsfachen Sternsystem aus, das seiner Gestalt wegen Trapez genannt
wird.
Die Entdeckung dieser Doppelsterne und ihrer Bewegungen bedeutet einen
großen Fortschritt in der Erkenntnis des Milchstraßensystems. Diese
umeinanderkreisenden Sonnen beweisen uns das Wirken der Schwerkraft
zwischen den Sternsystemen anderer Welten. Dieselbe Kraft, die uns
an den Boden unseres Planeten fesselt, die den Mond an die Erde,
die Erde an die Sonne kettet, waltet droben zwischen den Sonnen der
Milchstraßenferne und heißt sie umeinanderkreisen in nimmer endendem
Doppellauf. +Die Doppelsterne beweisen die Einheit und Allheit der
Schwerkraft im System der Milchstraße.+
Aber nicht nur dies. Die Planeten unseres Systems bewegen sich nach
bestimmten Gesetzen um die Sonne, die nach ihrem Entdecker die
Keplerschen Gesetze genannt werden. Die drei Keplerschen Gesetze
sagen, daß die Planeten sich in Ellipsen um die Sonne bewegen, die im
Brennpunkt dieser Ellipsen steht, daß die Bewegung der Planeten um so
rascher wird, je näher sie der Sonne kommen, und daß ihre Umlaufszeiten
in bestimmtem Verhältnis von ihrer Sonnenentfernung abhängig sind.
Als man die Bahnen der Doppelsterne verfolgte, fand man, daß sie sich
genau nach den Keplerschen Gesetzen wie die Planeten unseres Systems
bewegen. Mit Hilfe der Keplerschen Gesetze kann man, und das haben ja
die Vorentdecker des Sirius- und Prokyontrabanten getan, die Stellung
jedes Doppelsterns für jeden beliebigen Zeitpunkt der Zukunft ebenso
genau bestimmen, wie wir es von den Ortsbestimmungen der Planeten
gewöhnt sind. +Durch diese Entdeckung ist neben der Einheit der Kraft
die Einheit des Gesetzes innerhalb des Milchstraßensystems bewiesen.+
Die Planetengesetze wirken im All. Gibt es aber auch Planeten, die
ihnen folgen? Werden die Sonnen von dunklen Körpern umkreist wie unsere?
Es gibt dunkle Sterntrabanten. Rechts abseits von der hellen Sternlinie
des Perseus steht ein einzelner auffälliger Stern 2. Größe, Algol*.
Dieser Stern wechselt seine Lichtstärke. Zwei Tage 20 Stunden 48
Minuten 53 Sekunden ist er hell, dann sinkt sein Licht innerhalb 4½
Stunden von der 2. auf die 4. Größe, so daß er ein unscheinbares
Pünktchen wird, verharrt 18 Minuten in dieser Lichtschwäche, um danach
wieder in 4½ Stunden zur gewöhnlichen Helle anzusteigen. Derartige
»Algolsterne« kennt man über 50, und jährlich werden neue Vertreter
dieses Algoltypus entdeckt. Das charakteristische für die Algolsterne
liegt in der astronomischen Pünktlichkeit ihrer Periode. Mit derselben
Genauigkeit, mit der sich eine Sonnenfinsternis für 100 und für 1000
Jahre voraussagen läßt, kann man von jedem Algolstern die Zeiten
seiner Verdunkelungen auf die Sekunde vorhersagen, so daß es keinem
Zweifel unterliegt, daß wir hier tatsächlich die Verfinsterungen von
Sonnen durch dunkle Begleiter wahrnehmen (Abb. 8). Alle Algolsterne
sind Sonnen, die von dunklen Trabanten umkreist und verfinstert werden.
+Die Algolsterne beweisen die allgemeine Existenz von Planeten um die
Sonnen des Milchstraßensystems.+
[Illustration: Abb. 8. Das Algolsystem im Augenblick der größten
Verfinsterung.]
Natürlich können wir nur große und den Sonnen nahe Planeten wahrnehmen,
denn nur solche können eine merkliche Verfinsterung verursachen. Ein
Planet von der Größe und der Sonnenentfernung der Erde, der sich zu
seiner Sonne verhält wie einer dieser hier gedruckten Lettern zur
ganzen Buchseite und dabei von dieser Seite noch 30 ~m~ entfernt
wäre, kann keinen verdunkelnden Schatten durch den Weltraum werfen.
Außerdem können nur solche Planeten nachgewiesen werden, deren Bahn
in der Blickrichtung gelegen ist, also von uns aus gesehen an der
Sonnenscheibe vorbei und nicht daneben oder darüber hinwegzieht, da
sonst von uns keine Verfinsterung beobachtet werden kann. Infolge ihrer
Größe und Sonnennähe leuchten diese Planeten vom Algoltypus meist noch
selbstständig. Wenn es aber große leuchtende sonnennahe Planeten gibt,
die nach den Keplerschen Gesetzen ihr Zentralgestirn umkreisen, so gibt
es auch ganz gewiß kleinere kalte und sonnenferne Planeten, wie wir sie
in unserem System sehen und wie einer von ihnen unsere Erde ist; und
um diese Planeten schwingen ganz gewiß Ringe und Monde wie um Erde,
Mars und Saturn. So erhebt uns die Kenntnis der Algolsterne abermals
um eine Stufe auf der Leiter der Milchstraßenerforschung. Blicken wir
empor zu den Sternen, die uns zu Häupten glühen und die zu Myriaden
zusammengedrängt den Schimmer der Milchstraße zu uns niedersenden
-- jeder einzelne von ihnen ist eine Sonne, umkreist von Trabanten,
eine Welt von Planeten und Monden, von denselben Kräften, denselben
Gesetzen beherrscht wie unsere, und so weitet sich uns der Anblick
des sternbesäten Firmaments zu einem Gedanken von überwältigender
Größe und Erhabenheit, während andererseits vor dem geistigen Auge des
Weltbetrachters unser groß-gewaltiges harmonisches Sonnensystem mit all
seinem Reichtum an Licht, Farben, Körpern und Leben abermals schrumpft,
zusammenschrumpft zu einem Pünktchen im All, einem Lichtfünkchen in dem
großen leuchtenden Sonnenkranz der Milchstraße.