Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des

Buches.

[Illustration: Die Milchstraße

von Dr. Fritz Kahn]

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und

damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen

in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel

glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher

Literatur zu erreichen mittels des

=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten

Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es

erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):

=Wilh. Bölsche, Die Zukunft des Menschen.=

Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

=Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der

Naturgeschichte der Krebse.

Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K. 1.20 h ö. W.

=Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.=

Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K. 1.20 h ö. W.

Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno Marx=.

Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im

Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden,

worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.

Diese Veröffentlichungen sind durch +alle Buchhandlungen+ zu beziehen;

daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum

=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch

für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen),

entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen

Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Die Milchstraße

Von

Dr. Fritz Kahn

Mit einem farbigen Umschlag und zahlreichen

Abbildungen nach Photographien u. Zeichnungen

von Georg +Helbig+, R. +Oeffinger+ und andern

[Illustration]

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

1914

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in

den Vereinigten Staaten von Amerika:

~Copyright by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.~

~STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & CO. STUTTGART~

[Illustration]

Wenn man in einer klaren Sternennacht aus der Lichtnähe menschlicher

Behausungen in die Dunkelheit hinaustritt und den Blick zum Himmel

wendet, sieht man zuerst nur die hellsten Sterne als leuchtende Punkte

auf schwarzem Grund. Je länger man aber im Finstern weilt, um so mehr

Sterne tauchen aus dem Dunkel; Hunderte, Tausende, erst vereinzelt,

dann in Scharen, und wenn sich das Auge gänzlich an die Finsternis

gewöhnt hat, so gewahrt es tief hinter dem Heer der übrigen Sterne

einen schimmernden Nebelstreifen, der sich wie ein silbergraues Band um

die Himmelskugel schlängelt -- die +Milchstraße+.

Sie erhebt sich als ein 10--12 Mondscheiben breiter Lichtstreifen von

unregelmäßiger Helle und Gestalt zwischen den beiden auffallenden

Sternen Sirius und Prokyon über den Horizont, steigt zwischen dem

glänzenden Bild des Orion und den Zwillingssternen Kastor und Pollux

aufwärts durch das Dreieck des Fuhrmanns empor mitten durch den Perseus

und überbrückt im ~W~ der Kassiopeia den Zenit in ihrer größten

Annäherung an den Himmelspol. Von der Kassiopeia läuft sie zum hellen

Stern Deneb im Schwan, wo sie sich in zwei Arme teilt, von denen der

hellere und breitere genau über den Stern Atair im Adler, der schmälere

und schwächere dagegen am Sternbild der Leier vorüber den Horizont

hinabstrebt, um sich für unsere Breiten hier im Dunst der Atmosphäre

zu verlieren. Auf der uns unsichtbaren Südhälfte des Himmels setzt

sich die Milchstraße in genau der gleichen Weise fort. Die beiden Arme

laufen getrennt zwischen Schütze und Skorpion und vereinigen sich,

nachdem sie ein Drittel des ganzen Kreisumfangs gesondert waren, am

hellen Stern Alpha im Centauern. Von hier aus läuft der ungeteilte

Ring durch das schönste aller Sternbilder, das Kreuz, dem Südpol zu

und steigt dann durch das ausgedehnte Bild des Schiffes hinüber in

die Gegend des Orion, wo sich der Milchstraßengürtel wieder unserem

nördlichen Firmament nähert.

[Illustration: Abb. 1. Die Milchstraße auf der südlichen Himmelshälfte.]

Erhöbe man sich so hoch über die Erde, daß kein irdischer Horizont mehr

den Blick begrenzte, so würde man demnach die Milchstraße als einen

ununterbrochenen Ring um das ganze Himmelsgewölbe ziehen sehen wie

einen silbernen Reifen um eine gläserne Kugel.

Die Milchstraße ist keineswegs ein regelmäßige Gebilde. In einem

Drittel ihres Laufes vom Schwan bis zum Centauern ist sie in zwei Arme

geteilt wie ein Fluß, der eine Insel umfließt. Ihre Breite wechselt,

erreicht ihr größtes Maß im Bild des Skorpions, ihre geringste

Ausdehnung nahe dem Südpol im Kreuz. Seitenarme zweigen von ihr ab,

verlieren sich allmählich im Dunkel des Himmels oder brechen scharf und

hart ab, als seien sie abgeschnitten. Ihre Lichthelle ist wechselnd.

An manchen Stellen erscheint sie wolkenartig zusammengeballt und

auffallend lichtstark, dicht daneben schwach, schattenhaft, zerrissen

und zerklüftet, ja völlig von finsteren Räumen und Gängen durchbrochen,

von denen man die zwei größten südlich im Kreuz und nördlich im Schwan

als die beiden »Kohlensäcke« der Milchstraße bezeichnet hat. (Abb. 1.)

[Illustration: Abb. 2. Die Milchstraße auf der nördlichen

Himmelshälfte.]

Uns, die wir in hellerleuchteten Städten leben und, wenn wir reisen,

im Expreßzug sicher unsere Schienenstraße zwischen Telegraphendrähten

entlangsausen, kommt das Sternenband der Milchstraße nur selten zu

Gesicht. Wir müssen es suchen, um es zu finden. Uns Kindern der

Kultur ist zwischen Bogenlampe und Laternenpfahl der Glanz der Sterne

entschwunden, und der Silbergürtel der Milchstraße gehört nicht zu den

Schönheiten unserer täglichen Betrachtung. Wozu brauchen wir zu den

Sternen aufzuschauen? Wann müßten wir durch einen Blick zum Himmel

einen Weg erkunden, eine Stunde berechnen, eine Jahreszeit bestimmen?

Der Sekundenschlag der Uhren zählt uns unsere Minuten, Turmglocken

und Fabriksignale künden uns den Mittag, der Kalender führt uns durch

Wochen und Monde, Telegraphenstangen und Eisenbahngleise weisen uns

den Weg über wohlgepflegte Straßen und Dämme, Seekarte und Kompaß

leiten unsere Dampfer über die Weiten vielbefahrener Meere. Was sind

uns die Sterne? Sind sie uns mehr als ein Abendschmuck der Natur? Ist

es uns nicht ein Erlebnis, wenn wir einmal auf Gebirg oder Meer den

Sternenhimmel in ungetrübter Schönheit sehen? Wer von uns kennt den

Lauf des nächtlichen Nebelbandes der Milchstraße?

Aber es gab Zeiten, in denen es anders war. Kein Rauch aus steinernen

Schloten hüllte die Städte ein, kein Lichterglanz der Straßen rötete

den Himmel über den Dächern der Häuser. Der Schein der Sterne fiel in

ungedeckte Hallen und in stillverträumte Gärten. Auf seinem Wege durch

das Land begleitete den Wanderer nichts als am Tag die Sonne und des

Nachts die Gestirne. Von Meilenstein zu Meilenstein über Busch und

Tal waren ihm die Himmelsbilder die einzigen Weiser seines Pfades.

Den Schiffen auf weitem Meere zeigte nichts den Weg zur Heimat als

die Plejaden und die Milchstraße. Odysseus sitzt des Nachts am Steuer

und schaut empor zum Großen Bären; die drei Weisen wandern aus dem

Morgenland einem Sterne nach gen Bethlehem; Kolumbus segelt über das

Weltmeer unter dem blauen Banner der Sterne. Monde und Jahre wurden

durch nichts anderes bestimmt als durch die Stellung der Gestirne.

Wenn der Strahl des Sirius zum ersten Male durch den Mauerspalt des

Hathortempels fiel und den Altar des Heiligtums mit mildem Glanze

übergoß, verkündete der ägyptische Priester die Sonnenwende, und der

Jahrestanz zu Dendera begann. Wenn das Regengestirn in der Dämmerung

emporstieg, kehrt der Fischer heim vom Meere zur attischen Küste,

treibt der Hirte seine Herde von den Bergen des Apennin, bricht der

römische Imperator in Britannien seine Zelte ab, denn sie alle wissen,

daß der Herbst mit seinen Stürmen naht. Den alten Völkern war der

Sternenhimmel die Weltenuhr und die Milchstraße der große Zeiger

auf dem gestirnten Zifferblatt. Der Mensch der Vorzeit fand sich am

Himmel unter den Sternen zurecht wie wir uns in Fahrplan und Kalender

zwischen Zahlen und Rubriken. Dem Menschen der Vergangenheit war der

Sternenhimmel ebenso vertraut, wie er dem Menschen der Gegenwart es

nicht ist.

Leider. Denn jenseits von allem trockenen Wissen geht dem Menschen,

der den Himmel nicht kennt, ein sittlicher Reichtum verloren, der ihm

in der maschinenschnellen Zeit der Moderne doppelt not und doppelt

teuer wäre. Klein ist die Mühe, groß und nimmer endend der Lohn, ihn

zu kennen. Ein abendlicher Blick vom Fenster seines Zimmers, vom Wege

seines Gartens, von der Luke seines Daches, ein kurzes Stillestehen

beim nächtlichen Gang durch den Park oder beim Überschreiten einer

Wiese, und bald ist dem Naturfreund mit Hilfe einer Sternenkarte oder

eines Sternbüchleins der Himmel bekannt. Wir wollen absehen von dem

Hochgenuß, den ihm das Wissen über die Natur des Himmels bereitet.

Jedes Wissen birgt Genüsse. Aber einzig und unvergleichlich ist die

Wirkung auf das Gemüt, die aus der Kenntnis des gestirnten Himmels

auf den Menschen niederstrahlt. Wer zu den Sternen aufschaut wie zu

nimmer wankenden Freunden, dem gibt ihre ewige Ruhe im Strom des

Lebens ein Bild von der Unendlichkeit und Größe der Welt, von der

Kleinheit und Flüchtigkeit menschlichen Erlebens, den erhebt ihr

Anblick über die kleinlichen Nöte des menschlichen Tagesdaseins und

lenkt allabendlich wie ein Nachtgebet seine Gedanken aus der Tiefe des

Alltagslebens zur Natur, zum Weltempfinden, zur Ewigkeitsidee. Und

wenn er mit seinen Gedanken aus den Fernen des Universums zurückkehrt

zu sich, zur Menschheit, zur Erde und bedenkt, daß in derselben Stunde

Tausende Gleichgesinnter in allen Zonen der Erde zu diesem Himmelsbilde

aufschauen, Tausende in seinem Anblick das Wesen der Welt bedenken,

Ruhe, Kraft und Erbauung finden, daß Hunderte von Sternkundigen ihre

Teleskope ebenso auf den Höhen der Cordilleren wie auf den Türmen des

Vatikans, ebenso an den eisigen Felsenküsten des Nordens wie in der

dunklen Tropennacht des Kaps auf diese Sternenpunkte richten, alle

von gleichem Empfinden beseelt, von der gleichen Schönheit bezaubert

-- dann findet seine nächtliche Gedankenfahrt ins Reich der Sterne

einen würdigen Abschluß durch das erhebende Gefühl von der Einheit der

strebenden Menschheit, von dem friedlichen Zusammenschluß, von der

geistigen Brüderschaft aller naturforschenden und naturverehrenden

Völker und Menschen.

Unter allen Erscheinungen des Sternenhimmels mußte von frühester Zeit

an das Band der Milchstraße Geist und Phantasie des Himmelsbetrachters

am stärksten locken. Ein Nebelweg hoch zwischen glitzernden Sternen,

der sich vom Firmament aus unerforschter Ferne emporhebt, in

schwindelnder Höhe das Land überbrückt und jenseits hinter den Bergen,

hinter denen das Glück wohnt, geheimnisvoll versinkt -- kann etwas die

Sehnsucht des Menschen mehr reizen, den Wissensdurst des Denkers mehr

entfachen? In den ältesten Volksmärchen und Göttersagen der grauen

Vorzeit taucht das Problem der Milchstraße hervor.

Zeus, so erzählt die griechische Sage, wollte seinem Lieblingssohn

Herkules Unsterblichkeit verleihen und legte ihn daher heimlich an die

Brust der schlafenden Hera. Als diese erwachte, schleuderte sie im

Zorn den ihr verhaßten Säugling von sich fort, daß sich die Milch im

Bogen über den Himmel ergoß und so die Milchstraße bildete. Nach einer

anderen Sage entstand die Milchstraße bei jenem Weltbrand, den Phaëton

verschuldete. Phaëton, ein Sohn des Sonnengottes, beschwor seinen

Vater, ihn einmal den Sonnenwagen über den Himmel lenken zu lassen.

Der Führung unkundig und in der ungewohnten Höhe schwindelig geworden,

verlor er die Herrschaft über das Gefährt, die Sonnenrosse jagten

zügellos über das Gewölbe und entfachten jenen ungeheuren Himmelsbrand,

durch den nach griechischer Auffassung die Wüsten verdorrten, die

Vulkane entflammten und die Neger schwarz gebrannt wurden. Als Spur

dieses Feuerweges, gleichsam als Asche dieses Weltbrands ist die

Milchstraße geblieben.

In der römischen Mythologie beschreibt Ovid die Milchstraße als den

Weg, auf dem die Götter vom Olymp zum Palast des Zeus hinschreiten,

und zu dessen Seiten die Behausungen der Unsterblichen liegen. Bei

den Arabern ist sie die Mutter des Himmels, die mit ihrer Milch die

Sternkinder nährt, oder der große Himmelsfluß, an dem die Sternbilder

der Tiere zur Tränke ziehen. Schön und sinnvoll nannten die Mexikaner

die Milchstraße die Schwester des Regenbogens, poetisch und

gedankenreich nennen andere Völker sie den Pfad der Toten hinüber ins

Land der Seligkeit.

Im Kreise dieser Volksvorstellungen wurde die Wissenschaft geboren.

Bei Chinesen, Indern, Ägyptern und Chaldäern blühte die Astronomie,

als Europa noch eine Wildnis war. Aber ihre Wissenschaft war auf das

Praktische gerichtet und beschränkt auf Landvermessung, Kalenderkunde

und Finsternisberechnungen. Für die Nebelferne der Milchstraße hatten

die Astronomen zu Peking und die Irispriester am Nil kein Auge. Um

sich mit einer so wenig hervortretenden schattenhaften Erscheinung

zu befassen, mußte man Philosoph sein und den Himmel nicht als ein

Kalendarium, sondern als eine Naturerscheinung, als ein Welträtsel

betrachten, das man zu lösen sucht. Daher finden wir die ersten ernsten

Gedanken über die Milchstraße bei den griechischen Philosophen. Wie

es sich oft ereignet, daß man in kindlicher Unbefangenheit im ersten

Zugreifen der Wahrheit näher kommt als durch gewissenhafte Bemühungen,

so erfaßten die griechischen Philosophen ohne alle wissenschaftlichen

Grundlagen nur von Vernunft, Gedankenklarheit, Schönheitssinn und

Wahrheitsdrang geleitet das Bild der Welt in jenen Grundzügen der

Wahrheit, die erst durch eine jahrtausendlange Forschung Allgemeingut

der Menschheit geworden sind. Man könnte die griechischen Philosophen

geradezu die Propheten der Wissenschaft nennen. Pythagoras hat das

Wesen der Algebra, Euklid die Fundamente der Geometrie, Aristoteles

die Methoden der Naturbeschreibung, Demokrit die Atomlehre, Aristarch

die Mechanik unseres Sonnensystems, Epikur mit Lukrez später den

Entwicklungsgedanken mit allen seinen Konsequenzen durchgeführt. Unsere

ganze moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die sich erst

im 19. Jahrhundert zur vollen Blüte entfaltete, finden wir bei den

griechischen Philosophen vor über 2000 Jahren als Knospe sprießen.

Im Kreise dieser Männer wurde das Milchstraßenproblem zum ersten Mal

als wissenschaftliche Frage aufgeworfen. Die Pythagoräer knüpfen noch

an die Phaëtonmythe an und erklären die Milchstraße für die Spur einer

ehemaligen Sonnenbahn. Aristoteles hält sie für ein gewaltiges Meteor,

sein Nachfolger Theophrast beschreibt sie als die Fuge zwischen den

beiden Halbkugeln des Himmels, durch die das Licht des Zentralfeuers

hindurchschimmere. +Demokrit+ von Abdera, der geistvolle Begründer der

Atomlehre (460 v. Chr.), war der erste Sterbliche, der die Milchstraße

als das erkannte, was sie nach den unzweifelhaften Ergebnissen der

modernen Wissenschaft in Wahrheit ist: +als eine Anhäufung unendlich

ferner dichtgedrängter Sterne+.

Die Größe dieser Vorstellung im Hirn eines antiken Griechen können

wir heute kaum noch würdigen. Man muß bedenken, daß sie im Kopf

eines Menschen reifte, der in den Anschauungen erzogen wurde, Wald

und Triften seien bevölkert von Nymphen und Faunen, drüben über den

Schneegipfeln des Olymp wohnten in Saus und Braus die weltregierenden

Götter, die Sonne sei der Wagen des Phoebus Apollo, dem die Mondgöttin

Luna in der Nacht verliebt über die himmlischen Gefilde nachschweife,

und das Tal zu Delphi sei der Nabel der Welt. In Demokrit verehren wir

den Vater der Milchstraßenforschung.

Wie all die köstliche Prophetenweisheit der griechischen Philosophen,

so verhallten auch die Seherworte des Demokrit von der Natur der

Milchstraße in der allgemeinen Nacht der naturwissenschaftlichen

Unbildung des Mittelalters. Kein einziger Forscher der nächsten zwei

Jahrtausende befaßt sich ernsthaft mit dieser Frage, nur in Legenden

und theologischen Weltbeschreibungen wird hie und da die Milchstraße

kurz gestreift. Sie soll die Hufspur der Pferde des Attila sein,

berichtet eine Königssage. Kirchengelehrte halten sie für die Weltfuge,

in der die beiden Schalen des Firmaments zusammengefügt sind, und

betrachten die Milchstraße sozusagen als den Leim, der die beiden

Kugelhälften zusammenkleistert. Niemand nimmt den großen Gedanken des

Demokrit mehr auf. War das edle Wissen der Griechen spurlos in alle

Winde zerflattert? War der Menschengeist im Mittelalter wirklich so

verkommen und gesunken, wie es uns die Zeit zu lehren scheint? Schwankt

die Kurve der geistigen Entwicklung der Menschheit wirklich so zwischen

steiler Höhe und tiefem Abfall? Mit nichten. Wie in der Entwicklung der

Lebewelt die einzelnen Tierarten nacheinander die Erde beherrschen, die

Kreidetiere, die Ammoniten, die Lurche, die Saurier sich abwechseln

und heute die Menschen den Planeten regieren, so beherrschen in der

geistigen Entwicklung nacheinander die verschiedenen Ideenarten die

Menschheit. Die Art, die Richtung, nicht die Höhe des Geistes schwankt

in den Jahrhunderten. Derselbe Sinn, der im Altertum die schönsten

Früchte wissenschaftlicher und künstlerischer Leistungen reifen ließ,

war im Mittelalter auf das Religiöse, auf das Mystisch-Phantastische

gerichtet und daher für die Wissenschaft unfruchtbar. Ein Mensch, der

zur Zeit der Pythagoräer durch seine geistigen Gaben auffiel, wurde

zu den Naturphilosophen in die Schule gebracht und wurde Philosoph,

Mathematiker, Naturforscher. Überragte ein Knabe im Mittelalter

seine Genossen, so kam er ins Kloster und wurde im Ideenkreis der

Religion erzogen und in die Laufbahn kirchlicher Würden gedrängt.

Die Intelligenz des Mittelalters wurde von der Kirche aufgesogen wie

das Wasser eines Beckens von einem riesigen Schwamm, und wir finden

in ihrem Dienste +alle+ geistigen Elemente vom frömmsten bis zum

unreligiösesten vereinigt: kriegerische Päpste, weltlich gesinnte

Kirchenfürsten, schürzenjägerische Kardinäle, freigeistige Mönche, der

Wissenschaft mehr als dem Glauben huldigende Priester. Wieviel echte

Milchstraßenforscher mag es unter ihnen gegeben haben! In wieviel

Tausend erleuchteten Geistern, die nie eine ihrer Überzeugungen zu

Papier gebracht, nie eine ihrer Ideen zu Papier bringen durften, mag

der Gedanke Demokrits nachgeleuchtet haben? Wie oft mögen Freunde, die

in stiller Nacht über Fluren wandelten, zu den Sternen emporgeblickt

und über das Nebelband zu ihren Häupten gesprochen haben, wie oft

mögen Priester, wenn sie auf dem Turm ihrer Kirche standen, Mönche

auf dem Hof ihrer Abtei, Talmudisten in der Gasse ihres Ghettos sich

in den Anblick der Milchstraße versenkt, sie als ferne Sternenheere

erkannt haben und in Andacht versunken sein vor dieser geisterhaften

Offenbarung der Unendlichkeit? Kein Lied, kein Heldenbuch nennt ihre

Namen, versunken und vergessen ...

2000 Jahre nach Demokrit, um 1550, trat Kopernikus, der Domherr zu

Frauenburg, mit seiner Schrift über die Bewegungen der Gestirne auf,

in der er die antike Weltanschauung, daß die Erde im Mittelpunkt des

Alls stehe und die Sonne um sie kreise, widerlegte und durch die Lehre

ersetzte, daß die Sonne das Zentrum sei, um das Erde und Planeten

sich bewegten. Durch diesen Weltgedanken erwarb sich Kopernikus

unsterbliche Verdienste um den Fortschritt der Menschheit. Aber er

begründete keineswegs, wie die meisten Menschen annehmen, unsere

moderne Auffassung vom Universum. Er glaubte, daß die Sonne der

ruhende Pol des ganzen Weltalls sei, und daß die Fixsterne an einem

Kugelhimmel angeheftet sich mit diesem um die Sonne drehten. Seine

Theorie, ideenreich und gedankentief genug, den ganzen Inhalt eines

großen Forscherlebens auszufüllen, erstreckte sich nur auf den Raum

unseres Planetensystems. Zum Flug ins Universum hinauf in die Ferne

der Milchstraße reichte seines Geistes Flügelkraft nicht hin. Das war

seinem jüngeren Zeitgenossen und begeisterten Herold seiner Lehre,

+Giordano Bruno+ (geboren 1548), vorbehalten.

Giordano Bruno war wie Kopernikus im Dienst der Kirche aufgewachsen.

Als ihm das Buch des Kopernikus zu Gesicht kam, griff er diese neue

Weltidee mit Feuereifer auf, entfloh im offenen Zwiespalt mit der

Kirchenlehre dem Kloster und wurde auf jahrelangen Reisen durch ganz

Europa der Wanderprophet der neuen Weltanschauung. Giordano Bruno ist

in der Tat ein prophetisches Phänomen. In noch ausgeprägterer Art

als bei den griechischen Philosophen erleben wir an ihm das Wunder,

daß ein Mensch ohne alle Mittel sicheren Wissens, nur von Gefühl,

Vernunft und Phantasie geleitet die wissenschaftlichen Ergebnisse der

kommenden Jahrhunderte vorausahnt. Er hat den Beweis erbracht, daß der

phantasiebeschwingte Gedanke, der Sinn für Wahrheit, Größe, Rhythmus

und Einheit mit seinen Dichterflügeln weiter reicht als aller grübelnde

Verstand, hinausreicht über den Kreis der Planeten in das Reich der

Sterne und über die Grenzen der Milchstraße hinaus in jene Bezirke der

Unendlichkeit, in denen sich für alle Zeit der menschliche Gedanke

hoffnungslos verlieren wird. Giordano Bruno ist der Kopernikus des

Universums. Was jener für das Sonnensystem, ist Giordano Bruno für die

Fixsterne, für die Milchstraße, für das Weltall. Während Kopernikus

als Abschluß des erforschlichen Diesseits die Kristallsphäre der Alten

mit den in ihr schwebenden Fixsternen bestehen ließ, zerbrach Giordano

Bruno das gläserne Gewölbe, zerstörte den Wahn von der Übersinnlichkeit

der Sternenwelt und eröffnete der Forschung das Universum, die

schrankenlose äthererfüllte Unendlichkeit, wie er es selbst in

poetischer Verzückung ausgesprochen in den Versen:

»Die Schwingen darf ich selbstgewiß entfalten,

nicht fürcht' ich ein Gewölbe von Kristall,

wenn ich des Äthers blauen Duft zerteile,

und nun empor zu Sternenwelten eile,

tief unten lassend diesen Erdenball

und alle niederen Triebe, die hier walten.«

Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus dem engen

Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite der Sternenwelt,

berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der Größe und Schönheit

des Alls. »Einzig ist der Himmel,« so beginnt einer seiner berühmten

Dialoge, »der unermeßliche Raum, das Universum, der allumfassende

Äther, in dem sich alles regt und bewegt. In ihm sind unzählige

Gestirne, Weltkugeln, Sonnen und Planeten, wahrnehmbare und unzählige

andere nicht mehr wahrnehmbare müssen vernünftigerweise angenommen

werden.« »Es gibt zahllose Sonnen und zahllose Erden, die alle in

gleicher Weise ihre Sonnen umkreisen, so wie wir es an den sieben

Planeten unseres Systems sehen. Wir erblicken nur die Sonnen, weil

sie die größten Körper sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben,

weil sie kleiner sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar.« Er

durchdenkt diesen Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt

zur Überzeugung von der Bewohnbarkeit der Welten: »Die unzähligen

Welten des Alls sind um nichts schlechter und nichts weniger bewohnt

als unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich

einbilden, daß jene unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht

noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine

Sonne befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht

ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde.

Die ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt,

demselben Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen untertan.«

Mit seinem Seherauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte

und prophezeit der Wissenschaft ihre Aufgaben und Erfolge: »Schenk

uns die Lehre von der Universalität der irdischen Gesetze auf allen

Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe! Vernichte

die Theorien von dem Weltmittelpunkt der Erde! Zerschmettere die

überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die Schalen

der sogenannten Himmelskugeln! Öffne uns das Tor, durch welches

wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche, ohne

Unterschiede zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die anderen

Welten im Äthermeer schwimmen wie die unsere! Erkläre uns, daß die

Bewegungen aller Welten aus inneren Kräften hervorgehen, und lehre uns

im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem Schritt vorwärts schreiten

in der Erforschung und der Erkenntnis der Natur.« Hoffnungsvoll ruft er

seinen Jüngern das Zukunftswort entgegen: »Seid getrost, die Zeit wird

kommen, wo alle sehen werden, was ich sehe!«

Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien es

hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte. Keine

Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, keine Sphärenmusik klingt, wie

die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht für Nacht zieht

das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder. Nur ein einziger

stummer Bote eilt vom Himmel zu uns herab: das Licht. Aber bringt uns

dieser Bote auf leuchtenden Schwingen auch eine Kunde? Birgt sich

hinter diesen Lichtpünktchen des Himmels eine Sprache wie hinter den

Punkten des Morsetelegramms? Wird je eine Zeit kommen, in der die

Menschen diese Himmelssprache auch enträtseln? Diese Zeit kam.

Kaum war die Asche verraucht auf dem Scheiterhaufen Giordano Brunos,

auf dem er am 16. Februar 1600 zu Rom für sein Weltbekenntnis den

Märtyrertod erlitten, da drang aus Holland die Kunde nach Italien, daß

man durch Zusammenstellung mehrerer Linsen ein Instrument verfertigen

könnte, durch das man ferne Gegenstände nahe sieht. Galilei baute ein

solches Instrument: das +Fernrohr+ war erfunden. Das goldene Zeitalter

der Astronomie brach an. Galilei richtete sein Rohr zum Himmel und

machte wunderbare Entdeckungen. Er sah, daß der Mond eine Kugel war wie

die Erde, mit Bergen, Tälern und Meeresflächen, daß der Jupiter von

Monden umkreist wurde wie unser Planet, daß die Sonne ein glühender

Ball war, auf dem es loderte und brodelte wie in Feuerschlünden,

und daß er sich um seine Achse drehte wie Erde, Mond, Jupiter und

Saturn. Die Einheit des Sonnensystems war erkannt, der Sieg der

Kopernikanischen Lehre über die alte Weltanschauung wurde in allen

Ländern proklamiert.

Aber für die Milchstraßenforschung war der Frühlingstag noch nicht

gekommen. Sie hatte von der neuen Erfindung keinen Gewinn. Im

Gegenteil, man war grenzenlos enttäuscht und konnte sich des Spottes

der Gegner nicht erwehren. Die Fixsterne erschienen im Fernrohr

noch kleiner und punkthafter als vordem. Die Milchstraße blieb ein

undurchdringlicher Nebel, der im schmalen Gesichtsfeld des Fernrohrs

noch geisterhafter, überirdischer, unerforschlicher aussah. Nur

schüchtern wagte Galilei angesichts der Unzahl der im Fernrohr

sichtbaren Sterne den Gedanken Demokrits aufzunehmen, daß die

Milchstraße aus dichtgedrängten Sternscharen bestehe. Die Gegner des

Kopernikus triumphierten. Ihr habt recht, sagten sie, Erde und Planeten

drehen sich um die Sonne. Aber die Sonne ist der Mittelpunkt der Welt,

»das Herz des Universums«. Jenseits des Saturn wird die Welt vom

kristallenen Himmelsgewölbe begrenzt, in dem die himmlischen Lichter

der Fixsterne aufgehängt sind.

Die beobachtende und rechnende Astronomie war ohnmächtig gegenüber

der Erscheinung der Milchstraße. Aber der grübelnde Sinn des Menschen

gibt sich nicht zufrieden mit den Schranken des Wissens. Was er sieht,

will er begreifen, und was er nicht mehr zu sehen vermag, sucht er

durch Ideen auszufüllen. Wo das exakte Wissen aufhört, setzt der

Vernunftsschluß, setzt die Spekulation ein. Die Grenze der Wissenschaft

ist der Markstein der Philosophie; wo jene endet, nimmt diese ihren

Anfang. So finden wir im 18. Jahrhundert das Milchstraßenproblem wieder

wie in den Tagen Alt-Griechenlands in den Händen der Philosophen

und sehen, wie wissensdurstige Männer unabhängig von Berechnung

und Instrument sich auf den Flügeln ihres Geistes erheben, um das

Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, und wir erleben abermals die

Genugtuung, daß der kühne geistvolle Gedanke, daß die klare logische

Idee über die Grenzen unseres ach, so beschränkten Wissens hinaus auch

die letzten und größten Wahrheiten in ihren Grundzügen zu erfassen

vermag; ja, was die Leser dieser Zeilen als Freunde der Natur ganz

besonders fesseln wird, die befruchtenden Gedanken über das Wesen der

Milchstraße, die zu den erhabensten gehören, die je dem Menschengeist

entsprungen sind, gingen nicht aus von zahlenkundigen Astronomen, nicht

von Männern mit Doktorhut und akademischen Würden, sondern von Menschen

niederster Herkunft und einfachster Bildung, von Dilettanten in der

Wissenschaft, die nichts anderes mitgebracht als Liebe zur Allnatur und

ihrer Erkenntnis, Wissensdrang und unablässige Streben nach den Quellen

der Wahrheit.

Über das Weltmeer fährt ein armer Matrose. Er war als Sohn eines

Zimmermanns geboren, zwischen Takelwerk und Teerfaß aufgewachsen und

führte nun ein hartes Dasein in Wind und Wellen. Stürmisch wie der

Ozean war sein Leben, einsam und freudlos wie die Wasserwüste waren

seine Tage. Aber nachts, wenn die Sterne heraufzogen über das Meer,

dann lag er vorn am Bug des Seglers auf den Tauen und blickte auf

zu den Lichtern, die über der Wasserfläche glänzten, und wenn in

der Klarheit der Meeresluft das Band der Milchstraße mit all seinem

Reichtum an Nebeln, Wolken, Unterbrechungen und Seitenarmen hervortrat,

dann versenkte sich dieser einfache Seemann in die Wunder des Himmels

und seine ganze Sehnsucht ging dahin, dieses Weltband zu enträtseln. Er

erkannte auf seinen Reisen durch alle Zonen, daß die Milchstraße ein

lückenloser Ring war um den ganzen Himmel. Als ihm später in seinem

englischen Heimatland ein sorgenloses Dasein winkte, da schrieb dieser

ehemalige Matrose eine Schrift über das Wesen der Milchstraße und den

Bau der Welt unter dem Titel »Neue Hypothese über das Weltall« 1740.

Zwei Männer schöpften aus dieser Schrift des Seemanns +Thomas

Wright+ ihre Ideen über den Aufbau des Universums. Der eine war ein

Schneidergeselle aus dem Elsaß, der es durch Fleiß und Talent und

durch die verdiente Gunst Friedrich des Großen bis zum Mitglied der

Akademie der Wissenschaften brachte, +Heinrich Lambert+. Seine populär

geschriebenen »Kosmologischen Briefe« (1761) erregten überall durch

ihren feurig-enthusiastischen Stil die Begeisterung des Publikums

und wurden in vielen Tausend Exemplaren über alle Länder verbreitet.

Der andere war der Sohn eines Sattlers. Er kam nie über die Grenze

seiner abgelegenen Vaterstadt hinaus. Aber sein Geist kannte keine

Schranken und erhob sich bis in die Weiten des Himmels, dessen Bau und

Entwicklung er so grundlegend darstellte, daß wir noch heute auf seinem

Werke fußen. Dieser dritte war +Immanuel Kant+.

Diese drei Männer, vor allem in höchster Vollendung Kant, bauten

folgendes Weltbild auf. Wir leben auf unserer Erde im Sonnensystem. In

der Mitte unseres Systems steht die strahlende Sonne, um sie kreisen

in elliptischen Bahnen die Planeten, deren einer unsere Erde ist.

Im Gegensatz zur leuchtenden Sonne sind die Planeten infolge ihrer

Kleinheit erkaltet und dunkel. Dieses Planetensystem ist als ein System

erster Ordnung zu betrachten. +Jeder Stern am Himmel ist eine glühende

Sonne wie unsere.+ Diese Sonnen sind so unausdenklich fern, daß sie uns

als Punkte erscheinen und selbst im Fernrohr kleinste Punkte bleiben.

Mit größter Wahrscheinlichkeit besitzt jede dieser Sonnen um sich ein

System von Planeten, die wir aber wegen der großen Entfernung und ihrer

Dunkelheit nicht wahrnehmen. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit sind

diese Planeten zum Teil bewohnt wie die Erde.

[Illustration: Abb. 3. Sternhaufen im Centaurn. (Photogr. von Gill.)]

Diese Idee von der Sonnennatur der Sterne, von den unsichtbaren

Planeten dieser Sonnen und der Bewohnbarkeit dieser Welten hatte

schon Giordano Bruno ausgesprochen. Nun aber überflügeln ihn die drei

Weltdenker des 18. Jahrhunderts vermöge ihrer größeren astronomischen

Kenntnisse. Es waren nämlich durch das Fernrohr am Himmel außer einer

Unzahl kleinerer Sterne ungefähr 100 Sternhaufen und Nebelflecke

entdeckt worden. Mit unbewaffnetem Auge sind die größten Sternhaufen

eben als verschwommene Lichtpünktchen wahrnehmbar wie der berühmte

Sternhaufen im Perseus*[1] genau in der Mitte zwischen dem ~W~ der

Kassiopeia und den Hauptsternen des Perseus. Im Fernrohr enthüllt

sich solch ein Sternhaufen als eine kugelförmige Anhäufung Hunderter,

ja Tausender Sterne, die eng zusammengedrängt sind wie die Brillanten

eines Diadems. Der Anblick eines solchen Himmelsdiadems gehört zu dem

schönsten, das die Natur überhaupt dem Menschen zu offenbaren vermag

(Abb. 3).

[1] Sämtliche mit einem Stern bezeichnete Himmelsobjekte sind

auf der Sternkarte S. 21 hervorgehoben.

Außer diesen Sternhaufen entdeckte man noch nebelig verwaschene Gebilde

von teils unregelmäßig zerklüfteter, teils regelmäßig scheiben-, ring-

und linsenförmiger Gestalt, die man +Nebelflecke+ nannte. Auch von

ihnen sind die größten mit bloßem Auge gerade noch wahrnehmbar, so

der Nebelfleck im Bilde der Andromeda* und als größter von allen der

berühmte Nebel im Orion* dicht unter dem Dreigestirn des Jakobstabes.

Die Sterne sind, so schlossen Wright, Lambert und Kant, nicht

regellos im Raum verteilt, sondern zu Sternenhaufen gruppiert. Diese

Sternenhaufen sind die Systeme zweiter Ordnung. Auch wir leben im

Innern eines Fixsternhaufens. Unsere Sonne bildet mit allen helleren

Sternen des nächtlichen Himmels zusammen einen Sternenhaufen, wie wir

ihn im Bilde des Centaurn oder des Perseus aus großer Ferne erblicken.

Uns erscheinen die helleren Sterne am Himmel so verstreut, weil wir

uns inmitten dieses Haufens befinden und nach allen Seiten von diesen

Nachbarsternen umgeben sind. Würden wir aber aus anderen Sternhaufen,

beispielsweise aus dem abgebildeten Haufen im Centaurn auf unsere Sonne

herniederschauen, so würden wir die Sterne des Centaurnhaufens rings um

uns am Himmel verteilt sehen als hellere Sterne, unsere Sonne dagegen

im Innern eines fernen zusammengedrängten Sternhaufens nach Art des

abgebildeten als lichtschwaches Pünktchen erblicken. Aber auch diese

Sternhaufen sind nicht regellos im Raum zerstreut. Sie sind genau so zu

einem System geordnet wie die Planeten unseres Sonnensystems. Sie sind

alle in einer Ebene neben- und hintereinander, aber nicht übereinander

gelagert, so wie unsere Planeten alle in einer Ebene, der sogenannten

Ekliptik, schweben, und kreisen in dieser Ebene wahrscheinlich um einen

Weltmittelpunkt wie die Planeten um die Sonne. Während die Sternhaufen

als Ganzes in dieser Ebene dahinfliegen, bewegen sich die Sonnen

innerhalb ihres einzelnen Haufens um den Mittelpunkt desselben, so wie

die Monde während der Sonnenreise ihrer Planeten diese in Kreisen

umschwingen. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den Sirius* für den

Mittelpunkt unseres Sternhaufen. Alle diese Sternhaufen zusammen bilden

ein System dritter Ordnung. Die Gestalt dieses Systems ist die einer

Linse, wie man sie erhält, wenn man zwei Suppenteller mit ihren Rändern

aufeinanderstellt. Der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört, befindet

sich in der Mitte einer solchen ungeheuren Weltlinse. Schauen wir durch

diese Sternenhaufenlinse nach den Breitseiten, den Polen zu, so sehen

wir verhältnismäßig wenig Sterne. Blicken wir dagegen flach durch das

ganze Linsensystem, in der Richtung der Sternhaufenebene, so müssen

wir durch die ganze Masse der Sterne und Sternhaufen hindurchsehen,

und sie erscheinen uns als ein Ring von dichtgedrängten Sternen und

Sternhaufen, so fein und so dicht, daß wir ihre Gesamtmasse nur als

einen zusammenhängenden, verwaschenen Nebelgürtel rings um den Himmel

wahrnehmen, -- die Milchstraße.

[Illustration: Abb. 4. Sternkarte mit Hervorhebung der für die

Milchstraßenforschung wichtigen und erwähnten Himmelsobjekte.]

Die Milchstraße ist also nach der Hypothese dieser drei Männer die

Erscheinung eines ungeheuren Sternsystems, einer linsenförmigen

Weltinsel, in deren Mitte sich unsere Sonne als ein Stern in einem

Sternhaufen befindet (Abb. 5). Von den sichtbaren Sternen gehören die

helleren unserem Sternhaufen, die schwächeren und alle jene, deren

Licht wir nur als Nebel wahrnehmen, den andern Sternhaufen an, alle

aber dem einen großen Weltsystem der Milchstraße.

Man stelle sich vor, wir ständen nachts auf dem Deck eines

illuminierten Schiffes. Vor, hinter, neben und über uns sehen wir

die Lichter unseres Schiffes in den Masten und am Bordrand hängen.

In allen Himmelsrichtungen sind wir also von einzelnen hellen,

uns sehr nahen Lampen umgeben. In weiter Ferne ist das ganze Meer

bevölkert von gleichfalls illuminierten Schiffen. Man sieht von diesen

Schiffen, da es Nacht ist, nur die Lichter. Die näheren erkennt man

als zusammengedrängte Haufen von Lichtern. Hier eine solche Anhäufung

von Lichtern, ein Schiff, dort eine andere Lichtergruppe, ein zweites

Schiff. Von den fernen Schiffen nimmt man keine einzelnen Lichtpunkte

mehr wahr, sondern nur noch einen unbestimmten Schimmer. Da die Schiffe

weiter verteilt sind, als unser Auge reicht, und allseitig um uns das

Meer befahren, so sind wir rings umgeben von einem mattleuchtenden

nebeligen Schein, von einem Lichtgürtel, der den Horizont ringförmig

umschließt.

Das Meer ist der Weltraum. Das Schiff, auf dem wir uns befinden, ist

der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört. Die nächste größte Laterne

ist unsere Sonne selbst. Die kleinen Lichter über, neben und hinter uns

sind die übrigen Sterne unseres Haufens. In mäßiger Entfernung, aber

immer noch tausendmal weiter als die letzten Sterne unseres Haufens

sehen wir andere Sterngruppen als Sternhaufen. Die weitaus meisten

Sternhaufen aber sind von uns so weit entfernt, daß ihr Glanz mit

dem der übrigen hinter, neben und vor ihnen verschwimmt, und so ihre

Gesamtheit uns als leuchtender Gürtel, als Milchstraße umgibt.

Hört die Welt jenseits der Milchstraße auf? Nein. Die Milchstraßenlinse

ist zwar unvorstellbar groß, aber ein durchaus festbegrenztes

endliches Gebilde. Sie ist eine Weltinsel. Das Weltall aber ist

unendlich. Andere Milchstraßensysteme bevölkern es. Diese fremden

Milchstraßensysteme sehen wir als Nebel von Linsengestalt aus

ungeheurer Ferne schimmern. Der Andromedanebel ist solch ein fernes

Milchstraßensystem, das wir weit außerhalb unserer Weltinsel im

Raum schweben sehen. Unendlich wie das All ist die Zahl solcher

Milchstraßen. Auch sie sind wieder zu Systemen geordnet, Systemen 4.,

5. und 6. Ordnung, kreisen um- und ineinander wie Räder, jede von ihnen

ein Rad im Getriebe einer großen Weltmaschine, ein Rädchen an der

großen Weltenuhr, deren unerforschlicher Gang dem Menschen ein ewiges

Rätsel bleibt ...

[Illustration: Abb. 5. Das Milchstraßensystem als Weltlinse nach

Wright, Kant und Lambert.]

Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer? Kopernikus

stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte sie zu ewigem Lauf

um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne aus ihrer Angel und stießen

sie hinein in den Weltraum, daß sie in ihm kreise, ein Stern unter

Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl der Milchstraße. Sie

ordnen mit weltenschöpferischer Kraft das Heer der Sterne zum wahren

Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung, zur harmonischen Einheit von Raum

und Materie, Kraft und Stoff, Masse und Bewegung.

Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung

vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein Stern war und

nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«? Daß die Sterne

Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen als Punkte erschienen? Konnten

sie beweisen, daß Planeten um sie kreisen, und sie sich wirklich

zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne sich in einem solchen Haufen

befindet? Daß sich die Sterne im Raum bewegen und keine ~prima sphaera

immobilis~, keine höchste unbewegliche Himmelssphäre bildeten? Daß sie

eine Einheit waren aus gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften

regiert? Daß die Milchstraße in der Tat aus Sternen zusammengesetzt

und keine Fuge im Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne

Milchstraßensysteme vorstellen?

Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn sie ihre

philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen Hypothese

erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts. Der Mond

war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren berechnet,

Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße, war ein

unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis zu spotten

und für die Menschheit, die auf diesem winzigen Erdplaneten gebannt

ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte auch in jene Fernen

dringen können? In jene Fernen, in denen Sonnen zu Punkten werden und

selbst im Fernrohr sich nicht einmal zur kleinsten Scheibe verbreitern,

ja, in denen selbst diese Punkte schwinden und in ihrer Unzahl zu einem

milchigen Schimmer verschwimmen, der uns als Nebelgürtel umleuchtet;

und in jene noch tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme

dieser Art, ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein,

daß das Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt!

Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers hier

dem Menschen eine ewige Grenze bieten:

»Steh! du segelst umsonst -- vor dir Unendlichkeit!«

»Steh! Du segelst umsonst -- Pilger, auch hinter mir! --

Senke nieder,

Adlergedank', dein Gefieder!

Kühne Seglerin, Phantasie,

Wirf ein mutloses Anker hie.«

Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die Phantasie

ein mutlos Anker wirft? Wer?

Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen Grenadiere

nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein blutarmer

19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker gewesen war,

aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald dem Dienst und

schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In den Pausen zwischen

den Stunden aber setzte er sich hin und studierte die Gesetze der

Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein Geld besaß, ein

fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine selbstkonstruierten

Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt der Sterne. Das Geheimnis

der Milchstraße zu entschleiern, war das Ideal seines Lebens. Bruder

und Schwester entflammte er für sein hohes Ziel, und dieser arme,

aber erlauchte Kreis der drei Geschwister wetteiferte im Studium der

Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser Aufgabe. Da die Linsen, je größer

sie geschliffen wurden, um so unschärfere Bilder lieferten, baute er

Spiegelteleskope, in denen ein Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt

und in einem Brennpunkt sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her,

immer längere Rohre setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von

unerhörten Dimensionen. 1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument

den Planeten Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum

Hofastronomen ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere

Forschungen verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel

126 ~cm~ Durchmesser und dessen Rohr 12 ~m~ Länge besaß, »durchbrach«

der ehemalige Militärmusiker +William Herschel+, wie es auf seiner

Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete so die

moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.

Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die

Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste

Beobachtung der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als

ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand

ich, daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine

früheren Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von

Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war

in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die Sterne

der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes ziehen und

vermochte nicht weniger als 50000 einzelne zu zählen. Aber es waren

gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer Lichtschwäche

nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen konnte.« Die Zahl aller

mit seinem Rohr erkennbaren Sterne schätzte Herschel auf ungefähr

30 Millionen. +Die Unzählbarkeit der Sterne, die Sternnatur der

Milchstraße war bewiesen.+ Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß

das Milchstraßensystem tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen

Sternen sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in

einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig

geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von Sternen

schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da ihm aber

seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten,

Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen

enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels erwähnten,

konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht die Gestalt

einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer unregelmäßig

verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er durch sorgfältige

Studien zu bestimmen suchte (Abb. 6).

Auch die Stellung der Sonne in diesem System suchte er durch folgende

Überlegung zu bestimmen. Da der Milchstraßengürtel uns allseitig fast

in gleicher Breite erscheint, müssen wir uns ungefähr in der Mitte

des Systems befinden. Die nördliche Hälfte ist etwas breiter als

die südliche, also stehen wir dieser etwas näher und nicht genau im

Zentrum. Außerdem schwebt die Sonne nicht ganz genau in der Mittelebene

des Systems, sondern etwas nördlich über der allgemeinen Ebene der

Sternhaufen.

Aber je weiter sich Herschel in die Wunder der Milchstraße versenkte,

um so klarer erkannte er, daß sein Milchstraßenbild unvollkommen war

und keineswegs die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen erschöpfte. Es

war seinem Wissen als Forscher und seinem Scharfsinn als Denker nicht

möglich, alle Widersprüche zu bannen und alle Probleme durch ein

großes einheitliches Weltbild zu umspannen. Er widerrief in späteren

Jahren seine Hypothese und bekannte resigniert, daß weder Fernrohr

noch Gedanke reiche, ein zufriedenstellendes Bild der Welt zu geben,

und daß es einem späteren Geschlecht vorbehalten sei, das Land, das er

entdeckt, in seiner wahren Gestalt zu erforschen.

Die Milchstraße · 第 1 / 8 段