Brust, seltener und später in dem darauf liegenden Zellgewebe und
Fette. Die erweichenden Umschläge müssen aus dieser Ursache unermüdet
fortgesezt werden, so lange, bis daß gar keine Härte mehr übrig ist,
bis sich alles ganz weich anfühlen läßt, mit einem Wort, bis der
Eiter sich von Natur selbst eine Öffnung, einen Ausweg bahnt. An
der Stelle, die vorher am röthesten war, zuerst in einem Hügel sich
erhob, zuerst weiß wurde, wird die Haut dünner, und es entsteht ein
kleiner Riß, durch den der Eiter ausfließen kann. Immer muß dieser
Zeitpunkt abgewartet werden; nie muß man zu voreilig seyn, und durch
einen Schnitt eine künstliche Öffnung machen wollen. Ich habe in
Hospitälern und Entbindungshäusern so oft diese Erfahrung gemacht,
daß ich aus voller Überzeugung sagen kann: Man überlasse die Öffnung
eines Brustabszesses der Natur. Nur sie weiß diesen Zeitpunkt genau
anzugeben, nur sie kann am besten durch das schiklichste Mittel
den Eiter, die Härte zerschmelzen und zur Reife bringen. Bei einer
künstlichen Öffnung kostet dieses weit mehr Mühe; es wird eine viel
längere Zeit dazu erfordert, und doch bleiben nicht selten nach der
Heilung Knoten zurük. Auch giebt diese eine breite, häßliche Narbe;
jene von der Natur hingegen, eine fast ganz unmerkbare, nachdem sie
überhaupt geschwinder zugeheilt ist.
§. 62.
Künstliche Öffnung.
Seltenere Fälle von einer besondern Schwäche der Kranken, machen jedoch
auch hierinnen, so wie bei allen Krankheiten, eine Ausnahme. Sie müssen
sie Ihrem, wie ich hoffe, vernünftigen Wundarzte überlassen, der
alsdann der Natur durch einen oder mehrere Schnitte mit dem Bistourie,
an dem untern Theil der Brust, und nicht zu nahe an der Warze gemacht,
zu Hülfe kommen wird. Indessen sind Chirurgen, welche gerne als
Operateurs passiren möchten, ohne die Kenntnisse und Geschiklichkeit zu
besizzen, gemeiniglich in solchen Fällen sehr eilfertig, ihre Kunst mit
der Lanzette zu zeigen. Sehr dreist und unwissend muß man seyn, etwas
dergleichen ohne Nothwendigkeit zu thun, und somit die Krankheit nur
schmerzhafter, langwieriger und bösartig zu machen.
§. 63.
Verband.
Man hat nachher weiter nichts zu thun, als den Ausfluß des Eiters zu
unterhalten. Dieses geschieht am besten, wenn man ungesalzene Butter,
oder das Gelbe von dem Ei, mit einigen Tropfen Terpentinöl vermischt,
oder eine andre einfache Digestivsalbe auf Charpie gestrichen, auf und
in die Öffnung legt, mit Heftpflastern befestigt, und darüber her die
Brust mit einer Kompresse und Binde leicht bedekt. Diese darf aber
keineswegs fest angezogen werden, sondern der kranke Theil muß in
ihr, so zu sagen, wie in einem Tragebeutel ruhen. So wird der Ausfluß
des Eiters von Tag zu Tage geringer, und nach diesem Vorgang richtet
sich auch die Wiederholung des Verbandes, ob sie in längern oder
kürzern Zwischenräumen geschieht. Anfangs ist es vielleicht in zwölf,
nachher in vier und zwanzig, und noch später in sechs und dreißig
Stunden einmal nöthig. Zulezt, wenn gar kein Eiter oder nur wenig noch
ausfließt, wenn alle Härte und Schmerzen verschwunden sind, verbindet
man blos mit trokkener Charpie. Mit den erweichenden Breiumschlägen
fährt man zu gleicher Zeit so lange fort, bis alle Eiterstellen von
selbst sich geöffnet und ausgeheilt haben. Sind auch anfänglich die
Öffnungen noch klein, so vergrößern sie sich nach und nach von selbst.
Nachdem dabei der Ausfluß der Milch oder des Eiters beträchtlich
ist, müssen Kompressen und Überschläge öfter gewechselt werden. Die
Unterhaltung der Reinlichkeit ist während der ganzen Kur eine der
hauptsächlichsten Bedingnisse.
§. 64.
Überbliebene Verhärtungen.
Zuweilen bleiben nach der Heilung der Geschwüre noch harte Stellen in
den Brüsten zurük. Sie verlieren sich insgemein von selbst, geschwinder
aber zertheilen sie sich noch bei dem Gebrauch von Schierlingspflaster.
Mit Nuzzen bedient man sich auch zu ihrer Heilung einer, auf folgende
Art bereiteten Salbe: Man löse Seife zu einem dünnen Brei in Wasser
auf, und gieße zu einer halben Kaffeetasse voll davon, zwei Löffel
voll Kampferspiritus, und lege diese Salbe täglich zweimal frisch auf.
Sollten jene leichten Verhärtungen niemals ganz wieder vergehen, so
arten sie doch in der Folge nicht in schlimmere Übel aus, besonders
wenn keine vorzüglich fehlerhafte Anlage des Individuums vorhanden ist,
wenn die ursprünglichen Geschwüre nicht mit dem Messer geöffnet, und
die Sachen überhaupt nicht zwekwidrig getrieben worden sind.
§. 65.
Weitere Rüksichten bei der Behandlung dieser Krankheit.
Unter den hier in diesem Abschnitt angegebenen Verhältnissen und
Verhaltungsregeln wird dieses schmerzhafte Naturgeschäft sehr bald und
glüklich zu Ende gebracht. Dabei geht die Mutter allmählig zu einer
nahrhaftern, leichtverdaulichen Diät, zu dem Genuß von Gerste, Reiß,
Sagosuppen, Chokolate ohne Gewürz, leichtem Fleisch, Geflügel, u. dgl.
über. Sie sorgt für ungehinderte Ausleerung durch Schweis, Urin und
Stuhl. Zufällige Nebenumstände, andre damit verbundene Krankheiten
können hingegen die Sache, und also auch die Behandlung ändern. Nähmen
z. B. die Kräfte ab, stellte sich Abends Fieber ein, d. h. Frösteln,
Hitze und Schweis, mit einer umschriebenen Röthe der Wangen; so müßte
man zu stärkender Arznei, zu China u. dgl. seine Zuflucht nehmen.
Dieses ist die Sorge des Arztes.
Der Umstand, daß eine Brust sich entzündet und in Eiterung übergeht,
macht es nicht in jedem Falle unmöglich, daß die Mutter ihr Kind dabei
fortsäuge. Das Stillen aus der andern gesunden Brust trägt vielmehr, so
lange es Statt haben kann, wesentlich zu der Linderung der Zufälle bei,
und befördert die Heilung überhaupt.
Auch die Brustwarzen können in dem Kindbett anschwellen, heiß, roth
und schmerzhaft, d. h. entzündet werden. Sobald die Wöchnerinn einen
ähnlichen Zufall verspürt, so muß mit den ernstlichsten Mitteln die
Entzündung zertheilt, und somit der Eiterung vorgebeugt werden.
Bei neugebohrnen Kindern weiblichen Geschlechts findet man oft die
kleinen Brüste verhärtet, und bis zu einer ansehnlichen Größe
geschwollen. Die Stelle schmerzt, entzündet sich, und geht nicht selten
in einen Abszeß über. Durch Vernachlässigung dieses Übels können solche
Personen in spätern Jahren weder Kinder säugen, noch Milch absondern;
ja es kann sogar dadurch die Anlage zu dem Krebs gebildet werden. Oft
entsteht diese Verhärtung aus der dummen Gewohnheit alter Hebammen,
welche die Brüste ansaugen, um, wie sie wähnen, dieselben zu ihrer
künftigen Bestimmung vorzubereiten. Auch kann das feste Einwikkeln
und Pressen dazu Veranlassung geben. Man kann jene Verhärtungen durch
erweichende Salben, Öle und Umschläge leicht zur Zertheilung bringen,
und wir müssen es uns zu einer besondern Angelegenheit machen. Fänden
sich dennoch Zufälle von einem höhern Entzündungsgrad ein, oder
entstünde Eiterung, so behandle man die Krankheit nach den oben im
Allgemeinen empfohlenen Regeln. Bliebe die Geschwulst kalt und hart
eine geraume Zeitlang stehen, so kann man sich von dem Auflegen des
Merkurialpflasters Nuzzen versprechen.
VII.
Selbststillen.
§. 66.
Empfehlung desselben.
Die Frau soll ihr Kind selbst stillen; dieses ist ein von der Natur
fest gegründeter Saz, welcher nur selten Ausnahmen leidet. Möchten
ihn doch alle Mütter, deren Körperbau es nur einigermaßen erlaubt,
beherzigen! Möchten sie doch alle der lauten Stimme der Natur Gehör
geben, und ihren eignen Busen ihrem eignen Kinde, ihrem zweiten Ich,
nicht versagen; möchten sie doch alle fühlen, welche erhabene Würde es
ist, Mutter zu seyn, und diese ihre heiligste Pflicht erfüllt zu haben!
Das kleine Geschöpf schreit und weint sogleich bei seinem Eintritt in
die Welt, es will Mitleid und die Dauer seines Daseyns erflehen. Welche
Mutter kann dabei kalt und unempfindlich bleiben; wer könnte es noch
ohne gegründete Ursache einer gemietheten Säugamme überlassen, welche,
so gute Eigenschaften sie auch immer haben mag, doch die Verrichtungen
einer wahren Mutter nie über sich nehmen kann! Bemerkt man dann die
stufenweise erfolgende Vermehrung der Kräfte des Kindes, die rührenden
Proben von seiner Zuneigung; wer wird wohl da noch an die gehabte Mühe
und Unruhe denken; wer wird da nicht bald die Gesellschaften vergessen,
welche man vielleicht seinetwegen entbehren mußte?
§. 67.
Die in Hinsicht auf das neugebohrne Kind rohen Nahrungsmittel, blos
geschikt zu der Ernährung der schon zu einem gewissen Alter erwachsenen
Menschen, können demselben durchaus nicht angemessen seyn; es kann sie
nur schwer verdauen und seiner Natur angleichen. Es bedarf in seiner
neuen Lebensbahn eines Nahrungsmittels, welches jenem noch vor kurzem
im Mutterleibe erhaltenen, am nächsten kommt; es bedarf der Milch aus
den Brüsten seiner Mutter vornehmlich von ihm selbst gesogen. Nichts
kann an diesem Naturgesez geändert, nichts davon unterlassen werden,
ohne Nachtheil für Mutter und Kind, wenn anders die Bedingnisse
vorhanden sind, welche eines und das andere für dasselbe eignen. Das
Säugungsgeschäft, diese mütterlich süße Pflicht, ist leider durch
Vorurtheile und falsche Begriffe fast überall so sehr herabgesezt
worden, daß für Mutter und Kind, selbst für die Menschheit im Ganzen,
daraus sehr vieles Unheil erwachsen mußte. Jede Mutter, welche stark
genug war, ihr Kind viele Monate in dem Leibe zu tragen und zu
ernähren, ist auch stark genug, demselben, nachdem sie es zur Welt
gebohren, noch einige Zeit hindurch die Brust zu geben. Die wirklichen
Ausnahmen von dieser Naturregel sind wenigstens höchst selten. Sobald
das Kind gebohren ist, und sich wohl befindet, so sucht es schon die
Brust seiner Mutter, und findet es sie nicht, so säugt es an allem, was
ihm vor den Mund kommt, an seinem eignen Fäustchen, an dem Finger, den
man ihm in den Mund stekt. Wessen sich die Thiermutter schämen würde,
das erlaubt sich wohl eine ausgeartete Mutter des Menschenkindes; sie
sieht es, und fühlt nicht in ihrem Herzen, daß es Zeit ist, ihrer
Frucht die Brust zu reichen: nein, der reiche Busen muß verwelken, und
das unglükliche Kind kommt nie zu der vollkommenen Reife, oder muß
vielleicht gar sterben, ehe es anfieng, seines Lebens bewußt und froh
zu werden.
§. 68.
Vortheile des Selbststillens.
Durch das Selbststillen wird unzähligen Übeln, schweren Wochenbetten,
entzündeten Brüsten, Milchversezzungen, welche leicht tödtlich werden
können, vorgebeugt, sogar manche andere Krankheit, welche vorher da
war, geheilt. Man vergleiche nur die Gesundheit, die Stärke, die
Munterkeit der stillenden Mutter mit dem schmachtenden, ängstlichen und
kranken Zustande, in welchem sich diejenigen zu ihrer Quaal befinden,
die nicht stillen. Erstere sind aller Beschwerlichkeit überhoben,
die Absonderung der Milch geschieht bei ihnen in der natürlichsten
Ordnung, sie haben keinen Feind zu fürchten. Die Frauen, welche
glüklich genug sind, der ganzen Mannichfaltigkeit jener Übel zu
entgehen, bezahlen dieses seltene Vorrecht mit der Vervielfältigung
ihrer Schwangerschaften oft sehr theuer. Kaum von einem Wochenbette
wieder auflebend, konzipiren sie abermals, und diese gegen die Absicht
der Natur zu oft und zu schnell wiederholte Schwangerschaften, sind
eben nicht einer jeden Konstituzion zuträglich. Es bestätigt sich aus
der Geschichte aller Nazionen, daß bei den Müttern mit dem zunehmenden
Luxus die wahre Liebe zu ihren Kindern abnahm, daß sie ihnen dann
oft aus Eitelkeit oder Gemächlichkeit ihre eignen Brüste zu reichen
versagten. Der Geschichtschreiber TACITUS sagt von den alten Deutschen,
um sie ruhmvoll von seiner Nazion, der römischen, auszuzeichnen: Dort
säugt jede Mutter ihre Frucht selbst, und die Kinder werden nicht zu
Säugammen und Mägden verdingt. Wie rührend ist nicht das von mehreren
Reisebeschreibern bestätigte Beispiel der Kanadienserinnen, jener
wilden Amerikanerinnen! Sie dehnen den Beweis ihrer mütterlichen
Sorgfalt sogar auf diejenigen Kinder aus, die an ihrer Brust starben.
Sie kommen noch täglich einmal mehrere Wochen hinter einander, und
drükken aus ihren Brüsten einige Tropfen Milch auf den Grabhügel ihres
verstorbenen Säuglings.
§. 69.
Seltene Beispiele von Säugenden.
Wie allgewaltig die Natur ist in allem, was Erzeugung, Gedeihen und
Wachsthum des Menschen und aller Geschöpfe betrifft, davon hat man
die auffallendsten Beweise. Um ein Kind, welches eine sechzigjährige
Wärterin besorgen sollte, des Nachts zu besänftigen, bestrich sie ihre
Brüste mit Milch, und legte das Kind an. Nach einigen Tagen bemerkte
sie, daß sie selbst Milch in den Brüsten hatte, mit welcher sie das
Kind drei viertel Jahre ernährte. Herr SCHMIDTMANN sah in Westphalen,
in der Bauerschaft Kaukum in dem Osnabrükkischen Kirchspiel Riemsloh,
in dem Jahr 1790 eine Frau, welche vier und sechzig Jahr alt war, vor
zehn Jahren ihr sechstes und leztes Kind gebohren, und dasselbe fünf
Jahre hindurch gestillt hatte; deren monatliche Reinigung zwischen dem
acht und vierzigsten und funfzigsten Jahr verschwunden war, und die
dabei immer eine seröse Feuchtigkeit in den Brüsten behielt. Vor drei
Jahren starb ihre Tochter in dem Kindbette; das zurükgebliebene Mädchen
ward einer Säugamme übergeben, welche es aus kärglichem Milchvorrath
hungern ließ. Aus Mitleid, und weil es ihr schwer gehalten hätte, es
sonst aufzufüttern, hatte sie sich entschlossen, es aus ihrem eignen
Busen zu nähren. Sie legte es an, und zu ihrer Verwunderung und Freude
verwandelte sich schon nach einigen Tagen jener Wasserquell in eine
strozzend reiche Milchquelle. Sie säugte nun schon drei Jahre lang das
Kind, und dachte damals noch ein Jahr hinzuzufügen, um ihrer Enkelin
das nämliche zu leisten, was sie ihren Kindern geleistet hatte.
Dieses alte Mütterchen hatte noch eine blühende Gesichtsfarbe, sagte
aber doch, sie sey durch das dreijährige Trinken ihrer Enkelin sehr
gealtert, obgleich sie keinen Abgang von Kräften spüre; sie hatte
stärkere Eßlust als sonst, und verdaute gut. Ihre Brüste waren prall,
gerundet, aufgequollen und glichen fast dem reizenden Busen einer
jugendlichen Schönen. Die Milch konnte sie weit weg aussprizzen, und
ihr milder Geschmak, ihre in das Bläulichte spielende Farbe waren auf
keine Weise von den Eigenschaften der Milch einer jungen stillenden
Mutter verschieden. Die damals vorhandene Quantität war für die Hälfte
der nöthigen Nahrung des dreijährigen Kindes hinreichend. Es war
ein seltenes, angenehmes Schauspiel zu sehen, wie dieses blühende,
rothbakkigte, kerngesunde Mädchen, lüstern und vergnügt den nämlichen
Busen sog, woran seine eigne Mutter vor dreißig Jahren sich gelabt
hatte!
§. 70.
Fälle, wo das Selbststillen nicht geschehen kann und darf.
Indessen darf man doch auch mit der Anempfehlung jener Regel, daß eine
Mutter ihrem eignen Kinde, ihren eignen Busen reichen soll, nicht
zu weit gehen. Sie hat, wie jede Regel, ihre Ausnahmen. Es giebt
allerdings Fälle, wo man vernünftigerweise das Selbststillen abrathen
muß. Hat eine Wöchnerin das Unglük, ein todtes Kind gebohren zu haben,
so versteht sich das Unterbleiben desselben leider von selbst. Örtliche
Krankheiten an den Brüsten, deren wir schon einiger in diesen Blättern
erwähnt haben, verbieten es zuweilen. Ferner auch einige allgemeine
forterbende oder anstekkende Krankheiten. Dahin gehören die Kräzze, die
Lustseuche, die Lungenfehler u. a. m. Viele Weiber in den hohem Ständen
sind nervenkrank, oft zu zart und zu schwächlich, als daß sie ihr Kind
selbst säugen könnten. Dieses Schiksal trifft beinahe alle hysterische;
und ich erinnere mich einer solchen Wöchnerin, welche troz meiner
Warnung immer ihr Kind an die Brust legte, und saugen ließ; sie wurde
zusehens schwächer und elender, sie bekam sogar die gefährlichsten
Krämpfe und Konvulsionen, wodurch sie dann endlich gezwungen ward,
von ihrem Vorhaben, ihr Kind selbst zu nähren, abzustehen. Was uns
hauptsächlich zu dem Nichtstillen nöthigt, ist der gänzliche Mangel
an Milch, ein Umstand, der sich zwar sehr selten ereignet, daß die
Wöchnerinnen, troz ihrem guten Willen oder allen Bemühungen des Arztes,
nicht so viel Milchvorrath bekommen, daß das Kind davon genährt werden
könnte.
§. 71.
Kränkliche Frauenzimmer thun sehr wohl daran, sich bei Zeiten eine
gesunde Amme anzuschaffen, um dadurch ihrem Erben, eine gute Nahrung
und die nöthige Stärke zu geben. Manche Mutter aus den höhern Ständen
ist auch wohl zu sehr an zerstreuende Gesellschaften gewöhnt, als daß
sie ihre Pflichten durch Vermeidung derselben genau erfüllen könnte.
Sie möchte gerne das leztere thun, und doch auch jene nicht entbehren.
Die Vernunft befiehlt der säugenden Mutter, sich dem Kinde ganz und
allein zu widmen; die Mode erlaubt alle rauschenden Vergnügungen, wenn
sie sich nur dann und wann mit dem Kinde abfindet. Beide, Mutter und
Kind, müssen aber nothwendig durch diese Mode leiden. Die Mutter,
welche ihre Pflicht ganz erfüllt, lebt häuslich und ruhig, wird
nicht durch Leidenschaften und Anstrengungen zerrüttet, reicht ihrem
Kleinen den Tag über reichliche, milde und gesunde Nahrung, damit er
ihre und seine Ruhe des Nachts gar nicht oder selten unterbreche, und
gewöhnt ihn so an eine ordentliche und der Gesundheit zuträgliche
Diät. Einerlei Nahrung zu einer bestimmten Zeit gereicht, erhält
und stärkt hier das Leben und die Kräfte beider, des Kindes und der
guten Mutter. Beobachtet hat man in einzelnen Fällen, daß die Brüste
säugender Mütter der Aufenthalt von Unreinigkeiten der Säfte werden,
aus welchen sich diese in den Körper des Säuglings hinüberziehen, und
sich an ihm unter mancherlei Gestalten äußern, während die Mütter mehr
als je von Hautschärfen und andern Zufällen frei sind. Vorzüglich
soll dieses der Fall bei der venerischen Krankheit seyn, wobei sich
zugleich die besondere Verbindung der weiblichen Geschlechtstheile
mit den Brüsten auf eine auffallende Art äußert. So sollen sich z. B.
venerische Geschwüre, der weiße Fluß u. dgl. während der Säugezeit
sehr vermindern, und beinahe ganz verlieren, und dagegen andere wunde
Stellen und Geschwüre an dem Säugling erscheinen.
§. 72.
Vertreiben der Milch.
Ob eine Wöchnerinn ihre Frucht selbst stillen soll oder nicht, dieses
bleibt allemal der Bestimmung des Arztes, welcher die individuellen
Gesundheitsumstände in genaue Erwägung zieht, überlassen. Könnte es
nun nicht geschehen, so muß die Mutter wo möglich, doch wenigstens
einige Tage oder Wochen dem Kinde die Brust reichen. Beide gewinnen
auch dabei: die erstere, indem alsdann die Milch sich leichter und mit
weniger Gefahr vertreiben läßt, und das leztere, weil die erste Milch,
welche eine abführende Eigenschaft besizt, ihm zuträglich ist. Hierauf
muß nun der Zufluß der Milch nach den Brüsten abgeleitet, und ihr ein
anderer Ausweg, hauptsächlich durch den Stuhlgang, bei dem Gebrauch von
Laxiermitteln, Doppelsalz u. dgl. verschafft werden. Das eigentliche
Vertreiben der Milch ist, wegen mancherlei dabei obwaltenden Umständen,
ebenfalls die Sache eines Arztes. Es darf ja nicht zu schnell
geschehen; die Gliedmaßen, besonders die untern, müssen sehr warm
gehalten werden. Alle Auswege aus dem Körper müssen frei und offen
seyn. Äußerst nachtheilig ist die Gewohnheit, die Brüste mit Binden
fest zu umwikkeln, um dem Eintritt der Milch in dieselben Einhalt zu
thun, und die Gestalt und Schönheit des Busens zu erhalten. Dergleichen
Personen bezahlen fast immer diese vergängliche Annehmlichkeit mit
dem Verlust ihrer Gesundheit. Man sah sogar tödtliche Schlagflüsse,
oder fürchterliche Beängstigungen bis zu dem Erstikken, heftige
Kopfschmerzen und Zukkungen entstehen. Diese Zufälle hörten nicht eher
auf, als bis die Milch, durch Wegnahme der Binden, sich in die Brüste
begeben, und den Busen frei entwikkeln konnte. Eben so schädlich sind
die sogenannten Milchpflaster, welche man in der nämlichen Absicht als
die Binden, oder aber um Milchknoten zu vertheilen, anwendet, besonders
wenn ihnen Bleikalche zugemischt sind. Sie geben häufig Veranlassung zu
Milchversezzungen. Bei Gelegenheit des Entwöhnens (§. 55.) ist schon
ausführlich über diesen Gegenstand gesprochen worden.
VIII.
Säugammen.
§. 73.
Bestimmung und Wahl derselben.
Mütter, deren Körperbau, deren Gesundheit es nicht erlaubt, dem Kinde
ihre eigne Brust zu reichen, schreiten nun zu der Wahl einer Säugamme,
oder ernähren das kleine Geschöpf mit Thiermilch. Nur in dem höchsten
Nothfalle, ich wiederhole es, nur dann, wenn es der Geburtshelfer als
unvermeidlich anräth, dürfte dieses geschehen. In der Wahl der Säugamme
kann man nicht zu vorsichtig seyn, weil beide, sowohl die körperlichen
als Seeleneigenschaften derselben, den stärksten Einfluß auf den
Säugling haben. Nicht allein Krankheiten, besonders die anstekkenden,
pflanzen sich auf diesen fort, sondern auch Leidenschaften. So sind z.
B. die meisten in einem höhern Grade wollüstig, weil eben Wollust sie
zur Amme machte. Der Kummer einer solchen Person über den vielleicht
verlohrnen Liebhaber, oder die unbefriedigte Sehnsucht nach demselben,
kann schon viel Schaden anrichten. In Findelhäusern hat man die
richtige Erfahrung gemacht, daß die Anzahl der darinnen verstorbenen
Kinder durch die Ammen um vieles vergrößert wurde. Eine Amme muß eine
vollkommene Gesundheit genießen, in dem besten jugendlichen Alter seyn,
und muß, wenn sie eben stillen will, noch nicht lange niedergekommen
seyn. Sie darf nicht jähzornig, eigensinnig seyn, sie muß überhaupt bei
einer gewissen Empfänglichkeit für das Gute, auch Liebe zu dem Kinde
veräußern können. Sie sollte eigentlich nur ein- höchstens zweimal
gebohren haben. Ihre Brüste müssen groß genug, derb, feste anzufühlen
seyn, die Warzen gehörig erhaben, zylindrisch und nicht aufgesprungen
seyn, sich auch bei der Berührung mit dem Finger in die Höhe richten
und steif werden. Beide Brüste müssen zu dem Stillen gleich tauglich
seyn. Frauenzimmer, welche ihre Kinder nicht selbst stillen können,
müssen noch, ehe sie entbunden werden, für eine Säugamme sorgen, und
haben dabei, wie oben schon erinnert worden, auch besonders auf den
moralischen Karakter derselben zu sehen. Sie darf eben deswegen nicht
gar zu jung seyn, und muß, wo möglich, von dem Lande hergenommen werden.
§. 74.
Verhaltungsregeln für Säugammen.