Von gierigen Fäusten hündisch in das Glied gebracht,
Sind sie noch einmal vor gereckter Wand des Gotteshauses furchtbar
aufgewacht ..
Den kotigen Hohn, mit dem man sie beschmissen
Und all die grimme Angst erlesener Quälereien haben sie vergessen;
Nicht wissen sie mehr, daß sie nachts in fauliger Baracke
aufgesessen
Mit runden Wahnsinnsaugen drohend-stickiges Dunkel rings zerrissen
Und sich -- schon furchtbarem Gelächter nahe -- in das
hirnzermahlende _Wozu_ verbissen.
Nur zärtlich fühlen sie jetzt ihre Hände und so kameradschaftlich
verkettet
Und sind, mit zuckender Wimper, schwindelnd schon in die
Unwegsamkeit des Nichts gebettet.
O dröhnendes Erwachen in vereister Luft der Kathedrale!
Wo sind die heulenden Tuben des jüngsten Gerichts?
Wie jagt über die flimmernde Ebene aufgelösten Gesichts
Einem da die hohe Stunde, wo er ungezählte Male
(Elende Vermessenheit!) zusammenbrach in wohligen Schauern vor dem
gotischen Säulenwald;
Der andre schmeckt die fromme Ahnung jenes Kindheitstages bitterlich
und kalt
Des ersten Abendmahls mit blauen Unschuldsaugen, Freuden und
Geschenken
Und muß unwiderstehlich seiner wogenden Heimat denken.
Doch wird die Hatz der Bilder scheußlich weggefegt
Von dunklen Rohren, drohend auf sie angelegt.
Und schon umhüllt, noch eh' die Todessalve kracht,
Moder die blühenden Leiber der verworfenen Opfer und erstarrende
Nacht.
Warum nicht schleudertet ihr weit von euch die mörderischen Waffen,
Da hoffnungslos Entsetzen euch anstierte,
Ihr Schergen, von dem gleichen falschen Wort Vertierte?!
Ihr, die aus gleichem Fleisch und Bein und rotem, wallendem Blut ihr
seid geschaffen,
Was warft ihr nicht das Fremde fort, ließet den Finger sinken
Von dem Schlag des lebenzerstörenden Hahns oder ließet den Schuß
ertrinken
Hoch in dem Donnergewölbe, dem hallenden (das schon von andern
Geschossen
Den Schmerz dieser tobenden Zeit in klaffenden Wunden genossen)?
Glaubt nicht, wenn man euch sagt: dies ist der Feind!
Der blind wie ihr sich treiben ließ zu Hauf
Und nun sich krümmt vor euch, niemals mehr schlägt die erlöschenden
Augen auf
Zu dem verschwebenden Himmel, der so Feind wie Freunden scheint!
Barst euch kein Schrei des Mitleids in der Kehle,
Als eure Hände, vergewaltigt von dem Geist der blutigen Befehle,
Sich gräßlich kehrten wider Menschen, wie das Wild gehetzte --
Da euer brüllender Lauf die verschwitzten, aufgezwungenen Kleider
unbarmherzig von gewehrgeschundenen armen Schultern fetzte
(Auch achtend nicht der taglang bohrenden Wunden, die schon schlug
die verheerende Schlacht)?
Wie hätten diese sündigen Hände herrlich sich entfacht
Am Nacken eurer Brüder, eurer Kameraden sklavischen Gehorsams, die
ihr nur schnöde umgebracht!
Weil ihr -- wie jene -- nicht erkanntet, was euch ruhlos vorwärts
treibt,
Weil ihr -- wie sie -- dem Moloch opfert, der die ehernen,
unmenschlichen Gesetze schreibt,
Die für morgen euch das gleiche Schicksal aufbewahren,
Das maßlos teuflischer Durst euch Blutverwirrte heut' vollziehen
heißt.
In heiliger Wut erwacht auch ihr! Eh' euch die Binde von den Augen
reißt
Der ewige Tag .. eh' ihr (zu spät!) erkennt,
Daß ausgespieen ihr der Liebe Sakrament --
_Und daß einst alle Wesen gut und friedlich waren_.
Egalité, Fraternité!
Von steilen Wänden rieselt dünn das Leuchten
Erstarrter Mittagssonne, hart und kalt;
Erblindend sind die Fenster von dem feuchten,
Erbarmungslosen Atem zugewallt.
Ein Wintertag blüht in verschneiten Bergen,
Verwahrt in Schönheit, doch nicht allzufern --
Hier wühlen sich der leichtumhegten Schergen
Verbissne Sklaven in Maschinenlärm.
Und ahnen schwach, daß ihrer Pulse Feuer,
Wenn es geschürt, den stumpfen Block zerreißt --
Und über dieses nüchterne Gemäuer
Auflodernd furienhaft ins Blaue beißt!
Doch hart benagt von Unzulänglichkeiten,
Sind sie der Fron verfallen, unbewußt;
Nicht dämmert ihnen in verhangnen Weiten
Das schmale Frührot einer tiefern Lust.
_Warum_ seid ihr mit Dumpfheit zugeschüttet,
Indes ich bade in azurenem Licht?
Wer hat, mit frevlen Listen, so zerrüttet
Eherner Schicksalswogen Gleichgewicht?
_Besinnt euch!_ Rafft die Glut der Fackelbrände,
Die hell in eure ewigen Nächte bricht ..
Seht diese züngelnd aufgereckten Hände
Und meiner Aufruhrstimme weißen Gischt!!
Du auch, Tier, mein Bruderwesen!
(Dem toten Maler Marc, dem Franziskus einer entmenschten Zeit,
zum Gedächtnis)
Ich bin zum Überströmen vollgetan
Mit Klage und mit einem großen Schmerz,
Der sich aus schwankenden Gebilden saugt und nährt
Und mir den Riß in jedes Dings Geründetheit entschleiert.
Ein gern geschenktes Lächeln wird zum haßverzerrten Hohn
Und Stirne, die sich tief umdunkelt, wird des heitern Schwebens in
dem Raum nicht mehr gewahr.
Auf mein Gesicht traf heute, als im Mittag sich die Straße dehnte,
Ein Blick aus Augen, die schon matt verglasten,
Aus großen Augen, die noch einmal brünstig rückverschlangen
Das Licht und seinen taumelnden Gespensterritt --
Sterbenden Pferdes Blick im Straßenhasten.
Wo ist der Tag mit fröhlichem Gewieher?
Die reichgefüllte Krippe müden Abends?
Nur Schweiß und Arbeit rieb die Lenden durch ..
Nun tritt es ohne Dank und Streicheln ab
Und muß auf Steinen jämmerlich verrecken.
Warum springt niemand bei?
Warum ist keiner so erbarmungsvoll,
Daß er verhängte schwindendes Gesicht?
Seid ihr so taub dem Ruf dunkel-verglutenden Auges?
Fühlt nicht, ihr Oberflächen-Betaster,
Wie er tief anklagend, rüttelt an euch?!
Seid nicht auch ihr geschöpft aus Zeit und Erde,
Um wieder euch zu drehn in Schlamm und Tod?
Wer gab euch Recht, zu knechten Kreatur,
Die mit euch teilhat an dem gleichen Tag?
Seid ihr nicht selbst gepfercht in eures Käfigs Wände
Und freßt das Gnadenbrot dem Moloch Tod aus knochig-hohlen Händen?
Was wißt vom Leben ihr in euren dumpfen Betten?
Was, Kettenschüttler ihr, von sehendem, wissendem Gang durch
qualmverschüttete Stadt?
Dies Tier, das teilnahmlos ihr ließet sterben,
Es war dem Leben näher wohl als ihr
Und floß mit Baum und Wolke, Sonn' und Brudertier
Inbrünstiger dahin
Als ihr mit eures schallenden Tuns gemächlichem Verderben.
Wer von euch blieb in diesem Mittag stehn
Und sprach demütig-groß das rasende Wort: ich bin?
An dieses Daseins schmerzlichem Vergehn
Entzündete sich keine Stirne hehr --
Eiserner Reifen hielt die Schläfen euch,
Und nicht erfand sich eine Spur in euer zugemauertes Bereich.
Einsam verlohte unerfülltes Opfer in den blauen Himmelsteich
Und brach in weinenden Gewittern nieder auf das verlorene
Häusermeer.