Erwachen und Bestimmung

Nach abgerastem Tag, der schlimme Lust, Verzweiflung, Hassen trug

Und mir den Abend, da ich mild zurück mich fand, vergällte,

Kam eine Nacht, die riesig windgetürmte Wogen schlug,

Mit Wrack und Hilfschrei laut an meine Schlafesufer bellte.

Ich sah mich in der Elemente Wut hineingetan

Und spritzte mit der Brandung Donner hoch in rasendem Schwung.

Und wieder trieb ich, wunderbar gelöst, in leichtem Kahn,

Auf dunkelrotem See mit meines Bluts Verwilderung.

Doch Sterne zogen am Gewölbe auf

Und gaben Ruhe, wachsendes Besinnen.

Und ließen Scham erglühn, die kein Entrinnen

Mehr gönnte der Gesichte düsterm Lauf.

Ein Strom von anderm Blut war ausgegossen

Und dampfte schwarz und stockend in die Nacht;

Drauf schwammen Menschenklumpen aus der Schlacht,

Gebläht von Schärfe, giftigen Geschossen.

Die Sternenbilder, grauenhaft verflochten,

Sich spiegelten in dem gurgelnden Naß,

Daß Ekel und ein grenzenloser Haß

Mir in den Gaumen und die Schläfen kochten.

Ein Fluch entschwelte dem erstarrten Munde

Vor soviel Gräßlichem mit einemmal;

Der rohe Mord, das Winseln, alle Qual

Zusammenstürzte mir in diese Stunde.

O Scham, zu atmen eine falsche Zeit,

Die aufgetürmtes, unnennbares Leid

Mit Phrasen, Lügen und mit Eitelkeit,

Mit frechen Worten höhnisch überschreit!

O Scham, selbstisch im kleinen Kreis zu liegen,

Wo die Gewalt stachlichten Knüppel schwingt!

Wo Menschheitsschmach von allen Türmen singt,

Im Sattel der Gefühle hinzufliegen!

* * * * *

Ich tauchte, angstgeschüttelt, meine Hände,

Die lustgewohnten, in das dunkle Bad

Und schauerte zu Gott empor und bat,

Daß er dies fürchterliche Schauspiel wende.

_Ein Schauspiel?!_ donnerten die Schlünde wider.

O schnödes Wort! wie fuhr es in mein Hirn!

Das noch der Mund sprach ohn' Bedacht, indes die Stirn

Sich neigte schon vor den Gewalten nieder.

Es sprengte, berstend, die verwachsene Rinde,

Warf den Erlebnis-Fetisch aus dem Schrein,

Daß sich erschrocken mein erwachtes Sein

Schwang in das Weh'n der morgenkühlen Winde --

Doch eh' mich noch der neue Tag umschallte

Und mich verschlug in einen engern Raum,

Ward ich erlöst durch einen dritten Traum,

An den Zertretner ich mich rettend krallte:

Tief in verworrener Wildnis hub es an,

Ein Sausen, das sich tagwärts heller tönte

Und brausend schwoll zu Chören, die (erst süß geahnt) erdröhnten,

Als der erste Strahl des Lichts begann,

Der auf mich traf mit unirdischer Helle.

Doch Stimmen standen auf aus dem Gesang, und eine Welle

Von Duft (aus frühen Gärten) und von Jauchzen schlug mir ins

Gesicht.

Und als sich klärte bald der Sinne heißes Drehen

Und ich mich kühler hob aus dem verwirrenden Gischt:

Sah ich mich ragend auf dem höchsten Punkt gebogener Brücke stehen,

Von unten durchgleitenden Schiffen fröhliche Wimpel in den Sturz des

blauen Himmels zu mir wehen;

Die Arme warf ich weit und sprach zu Menschen, tausenden,

beglückten,

Die nach Not- und Elendjahren die verbrauchten Körper in den Teich

der Sonne bückten.

Meine Stimme sprang in den Taumel neugeborener Kreatur!

Jubelnder Schrei schlug lohend empor ..

Indes hinauf, hinab an der Ätherwand der versöhnende Bogen Gottes

fuhr.

Leicht an mein Ohr

Durch das Tosen der Wasser

Kam eine ferne Stimme,

Gütig und furchtbar,

Und sprach ein Wort,

Das ungeheure Wort: _Erwache!_

Da wußt' ich mein Teil,

Zu dem ich geboren;

Sah meiner Brüder wühlendes Leid,

Die verpestete Zeit

Mit fanatischem Grollen

Auf den Flammenwink endlos verschlungener Hände in den Orkus rollen.

Sah wieder den göttlichen Bogen

Und Paradiese blühen auf den blutgedüngten Ackerwogen.

Erwachen und Bestimmung: Eine Station: Gedichte · 第 16 / 21 题