Kitty.
Es überlief Anna Marie kalt, nicht kälter, als da sie die Anzeige von
Kittys Vermählung erhalten. Das eine war die Folge des anderen; der Brief
hatte kommen müssen nach der Anzeige.
Ein Weilchen saß sie still, am ganzen Körper vor Erregung zitternd,
da. Dann öffnete sie ein Fach ihres Schreibtisches, in welchem sie ihre
Reliquien aufzubewahren pflegte, und zog das Briefchen hervor, welches
Kitty im Frühling 1870 an sie geschrieben.
Die Thränen traten ihr in die Augen, während sie dieselben auf den armen
kleinen Zettel heftete, dessen Papier vergilbt, dessen Tinte verblaßt
war. Sie las die noch in uncharakteristischer Kinderschrift geformten Worte
halblaut vor sich hin:
Liebe, liebe Anna Marie!
Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und
ich brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und
ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht.
Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich
zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,
Kitty.
Anna Marie steckte die beiden Briefe, den alten und den neuen, zusammen in
einen Umschlag, schrieb darauf »Kitty« und legte das Päckchen in ihren
bescheidenen Reliquienschrein zurück.
Die Jungfer kam, um zu melden, daß sie einen Ausgang mache, und zu fragen,
ob Anna keinen Brief zu bestellen habe.
Anna Marie hatte keinen Brief für die Post -- derjenige, den sie zu
schreiben im Begriff gewesen, galt nicht -- aber zwei Telegramme wollte sie
dem Mädchen mitgeben, eins an die Gräfin Ruysbruck, in dem sie sich ab-,
und eins an Kitty, in dem sie sich anmeldete.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Kitty war nicht entgegengekommen auf die Bahn, sondern hatte ihr nur einen
Wagen und einen schriftlichen Willkommengruß geschickt.
Anna Marie war ein wenig enttäuscht, sie begriff nicht recht, und während
sie in den Kissen des sehr eleganten Viktoria, der sie in Hanau abgeholt
hatte, denselben hübschen Weg entlang fuhr, den sie damals mit Kitty
gefahren war, überließ sie sich allerhand Betrachtungen. Damals vor zehn
Jahren -- und heute ... Wie verschieden war alles! Damals war Frühling
gewesen, jetzt war's Herbst, ein früher Herbst. Es hatte stark geregnet
in der Nacht, ein süßer Duft von faulendem Holz und faulenden Blättern
schwebte über die nasse Erde hin. Alles war still, nur ein leiser,
wehmütiger Hauch seufzte in den Kronen der alten Linden, aus weiter Ferne
hörte man das eintönige Wimmern einer Dampfdreschmaschine. Mit einemmal
schnitt ein scharfer, harter Laut in die Stille hinein. Anna Marie fuhr
auf, eins der Pferde begann sich zu bäumen, der Kutscher hatte Mühe, es
zu beruhigen. Der Lakai wendete sich indessen, den Hut ans Ohr haltend,
nach Anna Marie und bemerkte: »Es sind die Manöver, gnädige Frau!« Der
Frauenrang verstand sich für ihn einer so würdigen und stattlichen Dame
gegenüber von selbst.
Indem biegt der Wagen aus der Lindenallee in die Heerstraße, über die
sich die Apfelbäume neigen. Zwischen den krummen, grauen Stämmen erblickt
Anna Marie auf den Stoppelfeldern endlose Reihen von Soldaten platt auf dem
Bauch ausgestreckt mit ausgespreizten Beinen und das Gewehr an der Wange;
Offiziere zu Fuß, Offiziere zu Pferde mit lautem Kommando hin und her
galoppierend über Stoppeln und Schollen; kleine, rote Fähnchen in den
Boden eingerammelt, gegen den flachen Horizont zu im Sonnendunst blinkend
etwas wie einen breiten Streifen von weißlichem und gelbem Metallglanz,
der sich langsam zu zerteilen und zu verdunkeln scheint -- ein
heranmarschierendes Regiment, von dem man anfangs nichts als das Geblitz
der Waffen und blanken Knöpfe gesehen hat; auf dem hohen Feldrain zahllose
Zuschauer, ein oder der andere Gutsbesitzer aus der Umgebung zu Pferd,
ein paar schäbige Kareten mit abgeschundenen Rädern und altersgrauem
Lederzeug, bespannt mit tief eingesattelten Schindmähren, die sich mit den
dünnen Schwänzen, so gut es geht, gegen die fetten blauen Herbstfliegen
wehren, und angefüllt mit aufgeputzter, eroberungslustiger,
kleinstädtischer weiblicher Schaugier; ein junger Forstgehilfe zu Pferd,
mit einem ziegelroten Gesicht, sehr dick und vom Kopf bis zu den Füßen
grün angezogen, so daß er aussieht, als ob er im Begriff stünde, sich
langsam in einen Laubfrosch zu verwandeln; ein Marketenderkarren, an den
ein wahnsinnig wimmernder und bellender Hund angebunden ist; große Haufen
neugieriger Zerlumptheit rings herum; und etwas weiter in dem Feld, knapp
neben der Aktion, so nah, als es überhaupt zulässig ist, ein Break und
ein Landauer, beide dicht mit Menschen besetzt -- auf dem Bock des Breaks
eine elegante, üppige weibliche Gestalt, einen Operngucker in der Hand.
»Ist das nicht Emma Becker?« fragt sich Anna Marie.
Da der Wagen, welcher sie von der Bahn geholt, einer ihm die Straße
versperrenden Truppenbewegung halber halten muß, der Diener sich
infolgedessen verpflichtet fühlt, Fräulein von Hohleisen zu unterhalten,
wendet er sich nach ihr um und sagt, auf die beiden Equipagen im
Manöverfeld deutend: »Das sind unsere Herrschaften, gnädige Frau.«
»Ist Frau Förster dabei?« fragt nicht ohne Aufregung Anna Marie.
Der Diener schüttelt den Kopf. »O nein!« sagt er betrübt, »die
gnädige Frau hat keinen Sinn dafür, sie kann das Schießen nicht
vertragen. Sie ist nicht so fürs Militär; aber die anderen Damen, du
mein Gott! jeden Tag rücken sie aus mit der Truppe und bleiben draußen,
solange noch ein Soldat auf dem Felde ist!«
Der Diener hat selbst noch bis vor einem halben Jahr und zwar bei den
Ziethenhusaren gedient, daher seine ritterliche Besorgnis um Anna Maries
Unterhaltung, sowie seine respektvolle Zutraulichkeit.
Während er noch spricht, bemerkt Anna Marie zwei kleine Jungen auf
allerliebsten schottischen Ponies, der eine etwa zehn, der andere
kaum sieben Jahre alt, beide, jeder seinem Alter gemäß, sehr elegant
herausgeputzt, beide gerade im Sattel sitzend und offenbar mit Leib und
Seele dabei.
»Das sind unsere jungen Herren,« erzählt mit strahlendem Gesicht der
Lakai; »wie aufmerksam die zusehen! Erst hatte nur der älteste ein
Pferdchen, aber der kleinere gab keine Ruh, bis er sich auch eins ertrotzt
hatte. Die gnädige Frau kann dem kleinen nichts abschlagen. Er sitzt
übrigens besser als der ältere, 's wird mal ein schneidiger Offizier.«
Anna Marie hört nur mit halbem Ohr. Ihre Augen hängen an den Kindern.
Eine neue Musketensalve!
Ein Aufblitzen von kleinen Flämmchen die Reihe der Gewehrmündungen
entlang, das gräßliche hagelartige Gepolter, dicke Streifen Rauch sich
erst an der Erde entlang ziehend und in ihren dicken Nebel die platt auf
dem Bauch ausgestreckten Soldaten einhüllend, dann sich in große Fetzen
zerteilend, die ihrerseits in krause Löckchen zerflattern und langsam
emporsteigend verschweben.
»Ich glaub, das war der Schluß,« sagt nach einem Weilchen der
militärkundige Lakai.
»Sollen wir zufahren?« fragt der Kutscher. »Wenn wir jetzt nicht fahren,
kommen wir mitten unter die Soldaten hinein.«
Anna Marie bittet ihn -- sie bittet immer -- zuzufahren.
Noch einmal blickt sie sich um. Das letzte, was ihr auf dem Manöverfeld
in die Augen springt, ist der kleinere der beiden Jungen, der, mit seiner
Reitgerte hoch zum Hieb ausholend, auf seinem ungeduldig die Mähne
schüttelnden Shetland-Pony querfeldein einem höheren Offizier
entgegensprengt, der ihn freundlich zu sich heranruft. Es läßt sich nicht
leugnen, sie passen gut zusammen, der hübsche Junge und das mutige kleine
Pferd.
* * *
Eine halbe Stunde später steht Anna Marie in der großen Halle Ulmenhofs,
der Halle, die, quer durch den Mitteltrakt des Schlosses gehend, auf der
einen Seite in das gegen die Straße zu gelegene schmale Vorgärtchen, auf
der anderen in den endlosen Park mündet.
Anna Marie sieht sich um -- sucht etwas. Ihr Auge gleitet über die
seltenen Waffen und vielen alten Bilder, meist Familienporträts der
Altenrieds, an der Wand hin, gleitet über einen sehr schönen, großen
Kamin in roter Marmorverkleidung, der in die Mauer eingelassen ist und vor
dem ein weißes Bärenfell liegt, über ein Klavier mit einer malerischen
Decke aus altem Brokat, über allerhand schöne oder bequeme Möbel,
schwere Tische und Stühle nach alten Renaissancemustern geschnitzt aus
braungebeiztem Eichenholz, in freundlicher Gemeinschaft mit englischen
Lehnstühlen aus Korbgeflecht und mit orientalischen Teppichen bedeckte
niedrige Diwans. Überall erblickt Anna die Spuren einer geschmackvollen
Hausfrau, die Hausfrau selber erblickt sie nicht. Ein Gefühl demütigender
Enttäuschung und noch unklaren, aber um so drückenderen Mißbehagens
bemächtigt sich ihrer. Daß Kitty es nicht über sich gebracht, quer durch
das Manöver hindurch zu fahren, um sie auf der Bahn zu begrüßen, hat
sie begriffen, daß aber Kitty nicht auf der Schwelle des Hauses steht,
ungeduldig des Augenblicks harrend, wo sie sich ihr in die Arme stürzen
kann, das begreift sie nicht. Die Thränen treten ihr in die Augen, sie
nagt ungeduldig an ihrer Oberlippe, als eine Erscheinung, die ihr anfangs
völlig fremd dünkt, eine schlanke, vornehme Erscheinung mit weich um
sie hinfließendem blaßgrauem Morgenkleid die Treppe herunterkommt; ein
kleines Mädchen mit schwarzen Strümpfen und einem gestickten weißen
Schürzchen hüpft neben ihr her.
»Anna! Du liebe alte Anna!« Mit den Worten schließt die junge Frau
Fräulein von Hohleisen in die Arme.
Ja, das ist Kitty, noch immer schön, schöner denn je, aber nicht
zum Erkennen! Um einen halben Kopf gewachsen, das Gesicht länger und
schmäler, die Augen größer, die Züge fester herausgemeißelt, das Haar
dunkler. Und wie sie sich in den sie umgebenden Wohlstand hineingefunden
hat! Nicht nur in ihrem Äußeren, sondern in ihrem ganzen Wesen ist etwas
Fremdes, Unbefriedigendes; sie erwidert Annas Küsse zerstreut, befangen,
wehrt sie fast von sich ab. »Das ist Käthe,« ruft sie, auf das kleine
Mädchen zeigend, »meine kleine Nichte, mein Töchterchen auch, wie du's
nimmst. Gieb doch der Tante einen Kuß, Käthchen, und dann spring hinunter
zur Haushälterin, sag ihr, sie möge eine Tasse Bouillon zu Fräulein von
Hohleisen hinaufschicken, sie weiß schon, welche Zimmer vorbereitet sind.
Du nimmst doch eine Tasse Bouillon, Anna, vor dem Lunch. Das Lunch ist
heute etwas später wegen des Manövers.«
»Ach, ich habe keinen Hunger,« erwidert Anna Marie gedrückt.
»=L'appétit vient en mangeant=,« versichert Kitty; dann dem geschäftig
davonhüpfenden kleinen Mädchen nachsehend, murmelt sie: »Wie die läuft,
sie ist selig, wenn ich ihr einen Auftrag gebe. Findest du sie nicht
hübsch?«
»Sehr hübsch,« versichert Anna Marie, »sie sieht dir ähnlich ... so
wie du warst.«
»Das sagt man mir allgemein,« ruft Kitty lebhaft aus, »alle drei sehen
mir ähnlich. Hast du die beiden Jungen nicht bemerkt bei dem Manöver?«
»Ja, der Diener hat mich auf die jungen Herren aufmerksam gemacht.«
»Nicht wahr, sie sehen entzückend aus auf ihren Pferdchen, besonders der
kleine? Ich freue mich schon so, dich näher mit ihm bekannt zu machen.
Ach, was die drei Kinder hier vergnügt sind! 's ist, als ob sie in
Ulmenhof geboren wären, so haben sie sich bereits hineingelebt! Sie waren
schon recht matt und blaß, und jetzt ... drei frische Blumen, dafür kann
ich nicht dankbar genug sein.«
Damit sind sie die Treppe hinaufgestiegen, sind einen langen Korridor
entlang gegangen. Jetzt öffnet Kitty eine Thür und sagt: »Das ist dein
Logis; ich hoffe, es gefällt dir, damit du lange bei uns bleibst.«
Wie hohl das alles klingt, wie eine auswendig gelernte
Höflichkeitslektion, die man vor dem ersten besten hinplappert!
Die vorbereiteten Zimmer, ein Schlafzimmer und ein Salon, beide mit
hellschattierter Crétonne tapeziert, sind so reizend und einladend
als möglich, aber was liegt Anna Marie daran. Kaum ein Wort kann sie
herausbringen als Erwiderung auf Kittys Phrasen -- anders kann sie die
Gemeinplätze der jungen Frau nicht bezeichnen.
Ein Diener in tadelloser Livree bringt den kleinen Imbiß herauf, den Kitty
zur Stärkung der Freundin bestellt hat, aber Anna Marie kann nichts essen.
Kittys Augen werden glänzend, und dunkelrote Flecken treten auf ihre
blassen Wangen heraus. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht der einer wirklich
vergnügten Person. »Sie überwindet sich offenbar,« denkt Anna Marie bei
sich, »aber zu was die Komödie vor mir?«
»Ich hab mich so gefreut auf dich,« versichert die junge Frau, immer
rascher und rascher sprechend; »daß du so bald kommen würdest, hab ich
gar nicht erwartet.«
»Wirklich nicht?« ruft Anna Marie mit nicht mehr zu unterdrückender
Bitterkeit aus, »dann thut es mir sehr leid, überhaupt gekommen zu
sein. Ich war dumm, auf deinen Brief hin bildete ich mir wirklich ein, du
brauchtest mich.«
Im nächsten Augenblick bereut sie ihre Heftigkeit. Kitty ist totenblaß
geworden. Sie nimmt die Hand ihrer alten Freundin und drückt sie demütig
an ihre Lippen. »Anna! ich bitte dich, sei nicht so böse,« ruft sie
flehend, »und ... fahr mich nicht so an, ich kann's nicht aushalten! Ich
bin wie ein Kartenhaus, man braucht mich nur anzurühren, so fall ich in
mich zusammen. Wenn du wüßtest, wie schwer mir's ist ...! Aber es ist
undankbar von mir, und schließlich, es ist ja alles nicht so arg ... nur
meine Gesundheit ist ein wenig angegriffen -- das alte Herzleiden -- du
weißt! Der Brief an dich ist auch in solch üblem Augenblick entstanden;
kaum war er fort, so wär ich ihm am liebsten nachgelaufen. Was mußt
du dir gedacht haben -- und es ist alles nicht so, ich bin ganz
zufrieden ...« Plötzlich bricht sie ab, ihr Gesicht nimmt einen
horchenden Ausdruck an, der sich langsam in Abscheu und Schrecken
verwandelt. Sie zittert an allen Gliedern.
Ein schwerer Tritt nähert sich dem Boudoir, dann klopft es an der Thür.
»Mein Mann!« sagt Kitty. Nie wird Anna den Ton ihrer Stimme vergessen!
Im nächsten Augenblick tritt er ein.
»Hoffentlich störe ich nicht,« beginnt er, worauf er sich ziemlich
steif vor Anna Marie verbeugt und sie, an seine alte Bekanntschaft mit ihr
anknüpfend, willkommen heißt. Er ist sich ziemlich gleich geblieben,
nur ist seine Figur jetzt noch schwerfälliger und sein Gesicht stärker
gerötet, auch tritt ein Ausdruck brutaler Sinnlichkeit deutlicher als
früher darauf hervor.
Anna Marie reicht ihm die Hand und sagt etwas Höfliches; er achtet nicht
darauf. Während sie spricht, blickt er auf Kitty.
»Ich hab's ja gewußt, du hast dich wieder aufgeregt,« bemerkt er
gereizt; »du weißt, was der Arzt dir anbefohlen hat -- vor allem keine
Aufregung!«
»Ja, ja, Karl,« murmelt Kitty demütig, »aber ich versichere dir, _die_
Aufregung hat mir nicht geschadet.«
»Das kennt man,« ereifert sich Herr Förster, »die Frauen sind alle
so! Was ihnen angenehm ist, das schadet ihnen nie, wenn sie sich aber den
geringsten Zwang anlegen sollen, dann schützen sie ihre Nerven vor und
legen sich zu Bett.«
»Ich versichere dir, daß ich mich morgen nicht zu Bett legen werde,«
erwidert Kitty hastig begütigend.
»Das hoff ich,« repliziert Herr Förster, »und drum bitte ich
dich, deine Kräfte zu schonen, damit du mich nicht vor meinen Gästen
beschämst!«
»Ich werde mein möglichstes thun, ich versprech's dir,« murmelt Kitty.
»Was ich noch sagen wollte -- die Offiziere speisen heute bei dem General
in Ilmenau, sie fallen also diesen Abend weg beim Diner; morgen ist ein
Liebesmahl in Hanau, an dem sie teilnehmen, doch haben sie mir versprochen,
bei uns zu soupieren. Für zehn Uhr kannst du das Abendessen bestellen,
Kitty!«
Kitty ist leichenblaß geworden, die unheimlichen roten Flecken unter ihren
Augen abgerechnet, aber sie lächelt und erwidert nichts.
Indem hört man von neuem Schritte draußen, polternde, kleine Schritte
diesmal, dann greift eine Hand an die Klinke, und ein frisches,
zwitscherndes Stimmchen ruft atemlos: »Dürfen wir herein?«
Alle drei Kinder stürzen herein, der kleine Hans, in dunkelblauem
Matrosenkostüm und roten Strümpfen, an der Spitze. Kaum daß man sie
bewogen hat, die neue Tante mit gebührendem Respekt zu begrüßen, so
drängen sie sich um Kitty herum. Hans, der schon ein ziemlich großer
Bengel ist, springt ihr auf die Knie, umhalst und küßt sie und erzählt,
zwischen jedem Wort nach Atem schnappend -- so sehr hat er sich getummelt,
ihr seine Nachrichten zu bringen --: »Es war wunderschön, Tante Kitty,
so schade, daß du nicht dabei warst. Herr von Delormes hat uns dem General
vorgestellt und der General hat lange mit uns geplaudert und er sagt, wenn
wir groß sind, müssen wir beide Offiziere werden.«
Kittys Gesicht hat sich verändert, es strahlt vor Stolz und Freude,
seitdem sich die kleine Schar um sie herum versammelt hat. Aber auch an
Förster hat sich eine Wandlung vollzogen. Zum erstenmal erspäht Anna
in seinem Blick eine Spur von Wohlwollen; offenbar teilt er bis zu einem
gewissen Grad Kittys Gefallen an diesen lieblichen Kindern, betrachtet sie
als sein Eigentum, ist stolz auf ihre Schönheit, auf ihren Freimut, auf
ihre Zutraulichkeit im Verkehr mit großen Herren, die ihm sein lebenlang
ein gewisses heiliges Grauen eingeflößt haben. Er streicht ihnen über
das Haar und läßt sich von ihnen alle Einzelheiten ihrer Triumphe
erzählen. Dann sich an Anna wendend, meint er: »Ich lasse Ihnen die drei
Schreihälse hier zu Ihrer Unterhaltung, gnädiges Fräulein, werfen Sie
dieselben nur hinaus, sobald sie Ihnen lästig geworden sind. Dich, Kitty,
muß ich bitten, ein wenig mit mir auf mein Zimmer zu kommen, ich habe noch
allerhand mit dir zu besprechen wegen morgen abend.«
»Ja, wegen des Festes,« murmelt Kitty, von neuem den Kopf senkend.
»Was für ein Fest?« fragt Anna Marie unruhig.
»Ich veranstalte alle Jahre eine kleine Privat-Sedanfeier,« erklärt Herr
Förster, »und da ich heuer das Glück habe, mehrere unserer Helden
unter meinem Dach zu beherbergen -- sieben Offiziere liegen bei uns im
Quartier --, so möchte ich alles daran wenden, die Feier dieses Jahr
recht glänzend zu gestalten.«
Damit verschwinden er und Kitty. »Großer Gott!« ruft Anna Marie aus, wie
sich die Thür hinter ihm geschlossen hat.
»Warum sagst du großer Gott?« fragt der kleine Hans, indem er altklug
den blonden Kopf der linken Schulter zuneigt, »kannst du auch keine
Offiziere leiden, wie Tante Kitty?«
»Kann Tante Kitty keine Offiziere leiden?« fragt Anna.
Der ältere Junge Fritz fällt seinem kleinen Bruder überlegen ins Wort:
»Ach was, der versteht das ja noch nicht; gegen die Offiziere hat die
Tante nichts, sie kann nur den Krieg nicht leiden, und die Offiziere regen
sie auf, weil die sie an den Krieg erinnern!«
»Aber was bist du wieder einmal gescheit,« ereifert sich der kleine Hans,
»der Krieg und die Offiziere, das gehört ja zusammen, die Offiziere sind
doch nicht nur zum Anschauen. Wenn der Friede assekuriert wäre, da würde
bald kein anständiger Mensch in der Armee dienen.«
»Das ist ja selbstredend, du plapperst doch nur nach, was ich dir neulich
gesagt habe, du Grasaffe,« behauptet Fritz; »aber deswegen hab ich doch
recht und die Tante hat nichts gegen Offiziere -- nur gegen den Krieg. Aber
der Krieg muß doch sein, wenn die Ehre des Vaterlandes ihn fordert.«
Trotz ihrer großen Verstimmung verbeißt Anna Marie ein Lächeln.
Indessen hat sich die kleine Käthe an sie herangeschlichen. »Ach, ich
weiß es besser als die Jungen,« flüstert sie ihr ins Ohr, »die Tante
hat einmal einen Offizier lieb gehabt und der ist bei Sedan gefallen -- du
weißt, die große Schlacht, wo wir die Franzosen geschlagen haben -- und
seitdem kann sie keine Uniformen sehen, das hat mir unsere alte Veronika
erzählt; aber sag nichts davon, es kränkt die Tante, wenn man davon
spricht, und den Onkel -- o, vor dem dürftest du's schon gar nicht
erzählen, den macht's wütend. Ich hab ihn einmal gefragt, ob's wahr ist,
und da hat er mir eine Ohrfeige gegeben.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Dreizeh bei Tisch!«
Es ist Frau von Manz, welche diese mit einem abergläubischen Schauder
verbundene Bemerkung macht, dieselbe korpulente Rheinweinkönigin, welche
bei Anna Maries erstem Besuch Ulmenhofs den Hausherrn vor den dort umgehen
sollenden Spukgespenstern gewarnt hat.
»Dreizehn bei Tisch!« Damit tritt sie von ihrer unbefugten Inspektion der
Lunchtafel in die Halle, wo die sämtlichen vom Manöver zurückgekehrten
Gäste versammelt sind.
Man wartet auf das Erscheinen der Hauswirte und Annas, um sich in den
Speisesaal zu begeben, wartet nicht ohne eine gewisse Ungeduld, denn man
hat einen tüchtigen Hunger vom Manöver mitgebracht. Frau von Manz zählt
heute wie vor zehn Jahren zu den Löwinnen von Frankfurt, obgleich sie
bereits einen erwachsenen Sohn hat. Sie ist noch stärker als früher, was
sie nicht verhindert, rüstig bis in die höchsten Sprossen der socialen
Leiter hinaufzuklimmen. Das ihr zur Wohlthätigkeit im größten Maßstabe
einen weiten Spielraum eröffnende Feldzugsjahr hat ihr in dieser Richtung
gewaltigen Vorschub geleistet; der greise Heldenkaiser hat sie seitdem
bereits zweimal besucht, und sie ist mit dem Luisenorden ausgezeichnet
worden.
»Dreizehn bei Tisch -- mir ist das sehr unangenehm, es ist das eine
Rücksichtslosigkeit der Hauswirte!« wiederholt sie verdrießlich.
»Wer von uns ist zu viel?« ruft gutmütig Frau Stutzmann, die Schwägerin
der Rheinweinkönigin, eine noch immer sehr hübsche Witwe von einigen
vierzig Jahren; »ich eß mit den Kindern am Katzentisch.«
»Ach, das nützt nichts,« ereifert sich Frau von Manz, »wenn einmal die
Tafel für dreizeh gedeckt war, giebt's a Unglück; 's ist ohnehin nicht
geheuer in Ulmehof. Es spukt ja hier, daß alles wettert. Meine Jungfer ist
heute im tiefste Negligé heruntergelaufe gekomme aus ihrem Stübche zu
mir mitte in der Nacht, weil sie's rings um sich wie Gespenster hat rausche
gehört. Noch ein Minutche länger, und der junge Herr von Altenried wär
ihr erschiene, behauptete sie.«
»Ihre Jungfer ist eine Person mit krankhaft aufgeregten Nerven,« bemerkt
Fräulein von Mühlhausen. Wegen absoluter Unmöglichkeit, auf eigene
Kosten allein weiter zu leben, und weil ihr dienstbarer Geist Auguste
ihr mit einem Korporal untreu geworden ist, hat Hildegard im Laufe
des Feldzugsjahres einen Gesellschafterinnenposten bei Frau von Manz
angenommen. Das Wohlleben hat nichts dazu beigetragen, die noch immer
latenten Keime ihrer Liebenswürdigkeit zu entwickeln. Sie ist unangenehm
gegen jeden und reibt ihre erhabenen Weltanschauungen noch immer mit
unverdrossener Energie allen ihren minder erhabenen Mitmenschen vor. Sie
grämt sich auch noch immer darüber, kein Mann zu sein, was sie nicht
verhindert, die geringen Vorteile ihrer weiblichen Position, wie z. B.
das Recht, impertinente Bemerkungen zu machen, die niemand von einem Mann
dulden würde, recht gründlich auszunützen.
»Wenn jemandem einer der verstorbenen Altenrieds erscheinen würde, so
wär's mir,« erklärt sie jetzt großartig, »ich stehe ihnen unter allen
hier Anwesenden am nächsten. Ich glaube nicht, daß einer meiner Vettern
sich vergessen würde, in dem Zimmer einer Kammerjungfer umzugehen!«
Fräulein von Mühlhausen trägt ein himmelblaues Battistkleid und einen
großen schwarzen Federhut, sie reckt das Kinn in die Höhe, während sie
die soeben angeführten, inhaltsschweren Worte ausspricht, und sieht dabei
außerordentlich erhaben und ein wenig unternehmend aus.
»Ich leg für keinen Mann die Hand ins Feuer, nicht einmal für sein
Gespenst,« sagt gelassen Frau Stutzmann.
Hierauf erklärt Hildegard spitz: »Den Männern im allgemeinen gegenüber
mögen Sie ja mehr Erfahrungen haben als ich, beste Frau Stutzmann, aber
meine Vettern von Altenried dürfte ich doch etwas genauer kennen als
Sie.«
Frau Stutzmann erwidert nichts, sie sagt nur so halb vor sich hin, halb zu
Herrn von Manz, dem Sohn der Rheinweinkönigin, einem sehr hübschen jungen
Mann mit braunem sympathischem Gesicht und offenbar viel Johannisberger in
den Adern, der ihr über die Schultern guckt, während sie in einem Haufen
alter Photographien kramt:
»Warum sich das Monopol der Moral immer in den Händen von so ausgesucht
unangenehmen Persönlichkeiten befindet! Es schadet dem Vertrieb
ungeheuer!«
»Und bringt den Artikel in Mißkredit,« flüstert Herr von Manz.
»Auf welche Art ware Sie denn eigentlich mit dem reizende Alteried
verwandt, Fräulein von Mühlhause?« fragt jetzt Frau von Manz.
»Sein Vater und meine Mutter waren Geschwister,« erklärt Hildegard.
»So, wirklich, das ist höchst merkwürdig,« bemerkt sinnend Frau von
Manz, »Familienähnlichkeit zwische ihm und Ihne besteht keine!«
»O ja, für den Kenner, aber man muß sich von Jugend an geübt haben,
die übereinstimmenden Linien von Rassegesichtern zu beobachten, um es zu
bemerken!« erklärt die Mühlhausen.
Solche Liebenswürdigkeiten wechseln die Rheinweinkönigin und das
Fräulein von altem Adel alle Tage, dennoch ist die Mühlhausen die einzige
Gesellschafterin, welche es längere Zeit hindurch bei Frau von Manz
ausgehalten hat. Sie ist nämlich die einzige, welche es je gewagt, ihrer
Prinzipalin deren Grobheiten zurückzugeben -- das stellt das Gleichgewicht
ihrer gegenseitigen Beziehungen her.
»Ich kann Ihnen übrigens versichern,« fährt Hildegard zu Frau von
Manz gewendet fort, »daß ich öfters gefragt worden bin, ob ich Hans von
Altenrieds Schwester sei?«
»Seine Tante, meinen Sie vielleicht,« sagt phlegmatisch Frau von Manz.
Fräulein von Mühlhausen wird feuerrot und reißt sich mit einer
heroischen Gebärde den Hut vom Kopf -- »Gnädige Frau!« hebt sie an.
»Ja, auf was warten wir denn eigentlich?« bemerkt Frau Stutzmann, einer
Scene vorbeugend.
»Auf was warten wir?« fragt Emma Becker. Sie heißt noch immer Becker,
und ist noch immer darauf angewiesen, von einem Bekannten zum anderen zu
reisen, und ihre Einkünfte an das Begleichen ihrer Schneiderrechnung zu
wenden. Sie ist auch noch immer hübsch, aber ihr inneres Gleichgewicht
scheint durch ihre lange Einsamkeit einigermaßen gelitten zu haben.
Wenn sie keine Courmacher hat, so studiert sie Schopenhauer, und stellt
Betrachtungen an über die Nichtigkeit des Daseins.
»Ja, auf was warten wir?« fragt sehr hungrig und etwas unzufrieden eine
junge Cousine des Hausherrn, die indessen begonnen hat, mit dem Hofmeister
des kleinen Fritz Federball zu spielen.
»Kitty ist doch nicht wieder unwohl geworden? Sie sah beim Frühstück
recht elend aus, so blaß und hohlwangig,« bemerkt Emma und fährt sich
mit Daumen und Zeigefinger über ihre eigenen runden, etwas zu stark
gefärbten Backen. »Gar nicht mehr hübsch!«
»Hübsch wird sie bleiben bis zum letzten Augenblick,« behauptet Frau
Stutzmann, »aber zum Erbarmen hat sie ausgesehen.«
»Zum Ins-Grab-Lege,« bekräftigt Frau von Manz und schüttelt sich. »Ach
was, ich hab's dem Förster immer gesagt, ich hätt de Ulmehof nie gekauft.
Er wird nicht lang drin bleibe. Die Alteried dulde's einmal net, daß der
Ulmehof einem andre als ihne gehört. 's ist ein Unglückshaus, und den,
de kei Gespenst heraustreibt, de treibt eine Leich hinaus!«
»Um Gottes willen, was meinst du?« ruft ganz entsetzt Frau Stutzmann.
»Wir habe deselbe Arzt,« fährt Frau von Manz gelassen fort, »die Kitty
Förster und ich. Und der hat mir gesagt ...«
In dem Augenblick hört man das scharfe Klirren einer Glasvase, die zu
Boden fällt. Frau von Manz hält inne, sieht auf ... Ihr Sohn hat sich
nicht anders helfen können! Das ist so seine Art: wenn er ihren Redefluß
plötzlich zu hemmen für nötig findet, wirft er etwas um.
Die Treppe herunter kommt Anna Marie, umgeben von den drei Kindern, etwas
hinter ihr zeigen sich Herr Förster und Kitty.
* * *
Jetzt ist es Abend nach dem Diner. Wieder hat man sich in der großen Halle
versammelt. Auf einem geschnitzten Eichentisch stehen noch die
zierlichen Kaffeetassen, geschliffene Liqueurgläschen und Flaschen
mit verschiedenfarbigem Schnaps, dazwischen ein paar eilig abgerissene
Briefumschläge, aus denen ein betriebsamer Markensammler eine Ecke
herausgezupft hat, und Zeitungen. Die Abendpost ist bereits eingelaufen
und abgefertigt worden, die Gesellschaft hat sich in dem großen Raum
zerstreut. Die Damen scheinen die Abwesenheit der Offiziere schmerzlich
zu empfinden; Herr von Manz und der Hofmeister, ein strebsamer junger
Gelehrter, der sich hauptsächlich Emma Becker widmet, thun ihr
möglichstes, die abwesenden Krieger zu ersetzen, aber mit mäßigem
Erfolg.
Am tiefsten scheint die erhabene Hildegard von der in den geselligen Kreis
hineingerissenen Lücke ergriffen zu sein. Sie hat sich des Armes Anna
Maries bemächtigt und durchwandelt jetzt mit ihr die verödeten unteren
Empfangsräume des Schlosses.
»An diesem Tisch pflegen sie Whist zu spielen -- hier trinken sie Cognak
-- hier saß ich gestern mit einem von ihnen beim Schach,« seufzt sie
elegisch. »Ach, Sie können sich nicht vorstellen, wie öde und leer mir
heute die Halle erscheint, das alte Soldatenblut rumort mir in den
Adern, seitdem ich wieder Uniformen sehe. Man ist nicht umsonst eine
Generalstochter.«
Anna Marie horcht zerstreut. Müde, innerlich wund von den peinlichen
Eindrücken des Tages, wartet sie schon seit längerem eine Gelegenheit
ab, sich unbemerkt zurückzuziehen. Wenn sie sich nur von der alten
Schwätzerin losmachen könnte, denkt sie. Vorläufig ist keine Aussicht
dazu. Hilfeflehend blickt sie über die Anwesenden hin. In den klugen,
jungen Augen des Herrn von Manz scheint einiges Verständnis aufzudämmern.
Indes fährt Fräulein von Mühlhausen fort: »Sie haben doch die
Liebesgeschichte Kittys mit erlebt, so gut wie ich. Sie erinnern sich, wie
sie sich nach Eröffnung des Feldzuges gebärdet hat, wie eine Verrückte
-- und jetzt ... Begreifen Sie Ihre Heirat! ... Einen Herrn Förster
heiraten, wenn man die Braut Hans von Altenrieds gewesen ist! Wenn ich mir
nur um solchen Preis den Wohlstand hätte erkaufen können, wär ich mein
Lebtag lang lieber arm geblieben wie ein Bettelmönch!«
Der Atem Anna Maries wird kurz, das Blut pocht ihr in den Schläfen,
indessen fährt die Mühlhausen, sich immer noch an ihrem Arm
festklammernd, fort: »Ich habe in dieser Hinsicht freilich eine geradezu
legendäre Beständigkeit aufzuweisen. Ich war eines der umworbensten
Mädchen, die es je gegeben hat -- verstehen Sie mich recht -- ich war
umworben, gegen meinen Willen; bis zu einem direkten Heiratsantrag hab
ich's nie kommen lassen, dazu braucht man es nicht kommen zu lassen,
wenn es einem nicht darum zu thun ist; jedes Mädchen kann es sich so
einrichten, ihren Verehrern die letzte Demütigung zu ersparen. Dies ist
meine Ansicht -- ich habe die Macht, die ich ohne mein Hinzuthun über die
Männer ausübte, nie mißbraucht -- aber ich habe mich auch nie darüber
gefreut. Ich habe mich ein einziges Mal für einen Mann interessiert -- ein
junger Offizier war's, mit dem ich sechs Stunden lang in einer Postkutsche
gefahren bin. Ich habe nie ein Wort mit ihm gesprochen, ich habe ihn
seither nicht wiedergesehen, aber ...«
Immer hilfeflehender richten sich Anna Maries Augen auf den
verständnisvollen Herrn von Manz. Er entschließt sich endlich, der
Nächstenliebe ein großes Opfer zu bringen. Auf die beiden Damen
zutretend, sagt er zu Hildegard: »Gnädiges Fräulein, ich hätte eine
Bitte an Sie. Möchten Sie nicht eine Partie Bezique mit mir spielen? --
bitte, bitte!«
»Vielleicht wird Fräulein von Hohleisen ...« wehrt sich die Mühlhausen
sehr geschmeichelt.
Herr von Manz und Anna Marie wechseln Blicke. »Nein, nein, nein,«
entgegnet energisch der junge Mann, »mein Flehen richtet sich an Sie und
nicht an Fräulein von Hohleisen. Bitte ...« Er faltet die Hände wie ein
Kind, das um Bonbons bettelt.
Mit einem Seufzer entschließt sich Hildegard, Anna Marie freizugeben;
dann, während sie am Arm ihres hübschen jungen Ritters dem Spieltisch
zuschreitet, sieht sie über ihre Schulter weg nach Anna Marie mit einem
Blick, der deutlicher als Worte spricht: »Da sehen Sie's! Noch immer!!!«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Anna Marie seufzte auf, als sie sich endlich zurückziehen durfte. Mit
großer Genugthuung schloß sie die Thür ihres kleinen Salons hinter sich
zu. Eine Centnerlast lag ihr auf der Brust. Sie öffnete ein Fenster, die
Nachtluft drang herein. Über dunklen Baumkronen sah sie ein großes Stück
dicht mit Sternen besäeten Himmels, sonst nichts. Das erste Herbstseufzen
rauschte durch die Blätter, die Flamme der Kerze, welche sie auf einen
Tisch gestellt hatte, flackerte hin und her.
Da, hastig und heimlich näherte sich ein Schritt der Thür. Die Thür
öffnete sich, Kitty trat ein.
»Ich bin nur heraufgekommen, um mich zu überzeugen, ob du nicht etwas
brauchst,« murmelte sie.
»Nein, danke,« erwiderte Anna ziemlich kühl, »es ist alles in
schönster Ordnung. Ich bin einen derartigen Luxus gar nicht gewohnt.«
»Ich hab mich bemüht, es dir recht hübsch zu machen,« sagte Kitty,
demütig das Köpfchen senkend, mit dünner, klangloser Stimme.
»Ich bin dir sehr dankbar dafür,« erwiderte Anna förmlich. Die Knie
zitterten unter ihr, sie setzte sich nieder, um ihre Aufregung besser zu
beherrschen. Kitty schlug die Augen zu ihr auf. Was für Augen! so voll
tiefer Beschämung und grenzenloser Seelenpein. Eine Minute verging; Kitty
griff geistesabwesend nach einem Buch, das auf dem Tische lag -- sie
ließ das Buch fallen. Plötzlich wendete sie sich zur Thür, drehte den
Schlüssel um, dann mit der Hast eines Verdurstenden, der auf eine Quelle
losstürzt, eilte sie auf Anna Marie zu, und neben ihr zusammenbrechend,
barg sie den Kopf in ihrem Schoß. Ein Weilchen schluchzte sie stumm,
während Anna Marie tief erschüttert ihr weiches Haar streichelte. Endlich
hob sie das Haupt, und noch immer am Boden kauernd, die Wange gegen das
Knie der Freundin gestützt, stieß sie hervor: »Ich hab dir vorgelogen,
den ganzen Tag, ich kann nicht mehr! Sieh mich nicht so an -- ich kann's
nicht aushalten. Immerfort ist mir's dabei, als ob du mich fragtest, wie
ich das im stande war. Ja wie ... mein Gott!« Kitty grub sich beide
Hände in ihr Haar und schrie es ganz schrill in die Nachtstille hinaus:
»Wegen der Kinder hab ich's gethan! Das mußt du doch erraten haben --
wenigstens das! Ich dachte an nichts mehr als an die Kinder. Eins von ihnen
wurde krank. Du weißt nicht, was das ist, einen so zarten, hilflosen Wicht
wimmern und sich krümmen und vor deinen Augen hinschwinden sehen, und
weißt auch nicht, wie einem so ein Kind ans Herz wächst, wenn man es aus
einer Todkrankheit herausgepflegt hat! Als der kleine Hans wieder gesund
war, hatte ich vergessen, daß ein anderer so geheißen -- ich dachte
an nichts mehr als an die Kinder, und was nicht mit ihnen zusammenhing,
fühlte ich nicht! Und als gar die abscheuliche Frau ins Haus kam und
ich merkte, daß ... ach, ich konnt's nicht aushalten, die Kinder so
verkümmern zu sehen -- an Leib und Seele verkümmern! Ich verkaufte
mich meinem Mann, ja ich verkaufte mich für eine Summe, die er auf mich
schreiben ließ, um die Zukunft der Kinder zu decken, und dafür, daß er
mir erlaubte, die Kinder unter sein Dach zu nehmen!«
Kitty schwieg. Anna Maries Herz klopfte stark und schnell. Sie heftete die
Augen auf den blauen Himmel über den rauschenden schwarzen Baumkronen, auf
den blauen Himmel, aus dem Milliarden von goldenen Sternen herausglitzerten
-- dieselben Sterne, die damals heruntergestrahlt hatten auf
das Leichenfeld von Sedan. Wie unwesentlich erschien eine kleine
Menschenexistenz gegen diese leuchtende Unendlichkeit, und doch, welche
Fülle von Schmerz hatte Platz in so einem armseligen, der Fäulnis
geweihten Menschenherzen!
»Ich hatte ihn geheiratet aus Verzweiflung,« hub Kitty von neuem an; ihre
Stimme klang matt und heiser, sie schleppte die Worte mühsam über ihre
vom Fieber heißen Lippen. »Alles in mir war starr -- davon, was ich auf
mich genommen, hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht, ich war zu
stumpf, zu elend dazu, und -- die Erinnerung war tot, ich glaubte es zum
wenigsten ... ach!«
Mit einemmal richtete sich Kitty auf. Ihr Haar aus dem Gesicht streichend,
stand sie vor Anna Marie, mit weit aufgerissenen Augen, totenbleich. »Aber
jetzt lebt die Erinnerung in mir -- kannst du dir das vorstellen? -- das
Grauen hat sie lebendig gemacht, das Grauen vor meinem Mann! Du hast keine
Ahnung, was das für ein Grauen ist -- und zu gleicher Zeit ...« Kitty
stützte sich mit einer Hand auf die Platte des Tisches, neben dem sie
stand, und schloß die Augen -- »jetzt wandelt er neben mir Tag und Nacht,
er, den ich vergessen hatte; ich höre seine Stimme, ich fühle seinen
Kuß, und mitten aus dem Grauen, ja mitten aus dem Grauen heraus, kommt mir
ein Durst nach Glück! Ich denke mir, wie das so gewesen wäre! ... Wenn
ich wenigstens ruhig träumen dürfte, ich hielte alles aus; aber so ...
nicht eine Minute in den vierundzwanzig Stunden von einem Sonnenaufgang
zum anderen frei sein, nicht eine Stunde allein sein dürfen, wenn's meinem
Mann nicht beliebt! Es giebt keine Gefangenschaft wie die! Was soll ich
thun -- was soll ich thun! Anna, hilf mir!«
Eine lange Pause folgte; draußen seufzte der Nachtwind in den Bäumen, und
die Sterne über ihnen funkelten aus dem Himmel heraus.
Nach einigem Nachdenken sagte Anna: »Eine Trennung von deinem Manne
müßte zu erreichen sein; wenn du dich vor dem Aufruhr, den die Sache
veranlassen würde, nicht scheust, so laß alles liegen und stehen und komm
zu mir. Ich will dich mit Freuden bei mir behalten und dich vor deiner Qual
schützen, so gut ich kann.«
»Ach du Gute, du Liebe!« Mit einem jubelnden Ausruf stürzte Kitty auf
Anna zu, die sich aufgerichtet hatte und die Arme nach ihr ausstreckte.
Plötzlich blieb sie stehen, griff sich an die Stirn -- »Aber die
Kinder!« murmelte sie vor sich hin, ohne Anna anzuschauen.
»Nimm sie mit, wir beide zusammen werden es noch fertig bringen, sie
zu ernähren, sie vor Kälte und Hunger zu schützen und zu anständigen
Menschen zu erziehen.«
»Ja, ja,« murmelte Kitty -- »du bist engelsgut. -- Ernähren, vor Kälte
und Hunger schützen ... aber die Zukunft -- die Summe, welche ich von
ihm genommen hab für die Kinder, um ihre Zukunft zu sichern -- die ...
die ...!«
»Gieb sie zurück,« sagte Anna Marie, ohne einen Augenblick zu zögern.
»Wie kann ich sie zurückgeben,« ächzte Kitty, »ich hab mich ja
verkauft um der Kinder willen! Ja, früher -- früher wär ich wohl auf
deinen Vorschlag eingegangen; jetzt aber -- ich kann nicht mehr! Verachte
mich, Anna! aber die Kinder fühlen sich wohl in dem neuen Reichtum, sie
freuen sich daran, ich könnte sie nicht mehr darben sehen; und wenn ich
noch einmal zu wählen hätte, ich nähme die ganze Marter noch einmal auf
mich um der Kinder willen!«
»Kitty!« rief Anna Marie entsetzt, ihr voll in die Augen sehend; aber
Kitty wich ihrem Blick aus, und den Kopf abwendend, murmelte sie, mit den
Achseln zuckend, fast trotzig: »Es ist so!«
Anna Marie maß sie vom Kopf bis zu den Füßen kalt und streng. »Und wenn
es so ist,« sagte sie, »wenn es so ist, so beklage dich nicht; unter den
Umständen hast du kein Recht dazu.«
»Anna!« rief Kitty flehentlich, die kleinen Hände ausstreckend. Aber
Anna Marie wendete sich ab.
Da seufzte Kitty tief, senkte den Kopf und verließ das Zimmer.
* * *
Die Nacht, welche auf diese Auseinandersetzung folgte, verbrachte Anna
Marie schlaflos. Anfänglich kochte noch die Empörung über Kittys
Schwäche in ihr. »Wie hat sie das thun können! Eher hätte sie sich
umbringen sollen -- es wäre alles besser gewesen als _das_!« wiederholte
sie sich unaufhörlich.
Für Anna Marie, so wie sie nun einmal beschaffen war und ihre vollen
fünfzig Jahre lang in romantischer Überspanntheit neben dem Leben
hinexistiert hatte, ohne sich auch nur ein einzigmal praktisch
hineinzumischen, gab es nichts Demütigenderes, Beschämenderes auf der
Welt als gerade das. »_Das_« bedeutete: eine Ehe wie die, in welche sich
Kitty hineingefügt. Trotz ihrer unendlichen Güte war Anna Marie doch ein
wenig erstarrt in der unbeirrten, schroffen Reinheit, die ihr Lebenselement
ausgemacht hatte.
Nach einem Weilchen verflüchtigte sich ihr Zorn gegen Kitty. Das Mitleid
gewann die Oberhand. Sie machte sich nun Vorwürfe darob, das blasse
zitternde Geschöpf so hart angelassen zu haben. Wie hatte sie, deren
Edelmut stets frei und unbehindert seine geraden, vom Schicksal fein
säuberlich geebneten Pfade entlang gewandelt war, sich erkühnen dürfen,
ein armes Ding zu verurteilen, das sich in einer so verwickelten Lage
befand wie Kitty!
Mein Gott, seinen geraden Weg gehen auf Kosten eigener Entbehrung, das war
ja nichts -- aber ihn gehen quer über die neu erblühte Freude von drei
zarten Geschöpfchen, an denen man mit jeder Herzensfaser hängt, das war
freilich ein ander Ding.
»Arme Kitty! arme süße, kleine Kitty!« murmelte sie einmal um das
andere, »sehr stark war sie ja nie, sie hatte immer mehr Herz als
Verstand. Solche Geschöpfe begehen manchmal ein Verbrechen aus Liebe.«
Mit einemmal schlich sich ein neues Mißbehagen kalt und beklemmend um ihr
Herz. Sie dachte an die von Herrn Förster geplante Sedanfeier.
Ein Feuerwerk, Lärm, Militärmusik -- sie setzte sich im Bett auf, ein
kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Wie sollte Kitty das überstehen.
Sie hätte alles in der Welt geben mögen, um ihr die Qual zu ersparen, und
fühlte doch, daß sie gegen Herrn Försters Eigensinn hilflos war. Seine
Eifersucht war offenbar wach geworden, wie sollte man von ihm verlangen,
daß er Rücksichten zeigen sollte gegen Kittys Liebeserinnerungen. Es
hieße seine Grausamkeit reizen, nur daran zu rühren.
Anna Marie konnte nicht helfen -- sie konnte nur die Hände ringen und
schluchzen.
* * *
Die Tafel ist gedeckt. Mit einer Art Andacht blickt Bernhard, der alte
Kammerdiener, auf die geschmackvolle Ausstattung derselben nieder; der
lange Tisch ist in ein Blumenbeet verwandelt, aus dem die flachen, mit
wundervollem Obst besetzten silbernen Schüsseln hervorglänzen. Es steht
weniger Silber auf dem Tisch als zu Herrn Försters Junggesellenzeit, und
das wenige ist anderer Art.
Rosa Wachskerzen in schweren silbernen Armleuchtern, jede Kerze mit einem
kleinen Lichtschirm versehen, werfen ihr liebkosendes Geflimmer über
die Blumen und Schüsseln, über die Reihen von scharf geschliffenen
Krystallgläsern, über die goldverschnörkelten, mit Blumensträußen
bemalten Teller. Kitty selbst hat das Decken der Tafel überwacht. Es ist
seltsam genug, daß sie, für welche die ganze Welt momentan in Trümmern
liegt, sie, die keinen Atemzug schöpfen kann, ohne Schmerz zu empfinden,
noch darauf hält, daß der Tisch in ihrem Hause ordentlich aussehen möge.
Jetzt steht sie mit Anna Marie in der Halle und stellt ihr die soeben
eingetretenen Offiziere vor -- sieben an der Zahl -- ein Oberst, ein
Oberstlieutenant, zwei Majore, ein Hauptmann, zwei Lieutenants; der Oberst
blond, schön, ritterlich (der Prinzessinnentänzer heißt er unter seinen
Kameraden), französischer Abstammung, leichtblütig, gutmütig, nicht ohne
Anlage zu phantastischen Übertreibungen, immer beflissen, sich populär
zu machen, unglücklich, wenn sich unter den Anwesenden ein einziges
Geschöpf, und sei's auch nur ein Hund, befindet, dessen Gunst er sich noch
nicht zu erwerben vermocht hat; -- der Oberstlieutenant, ein Bürgerlicher
im Gegensatz zu seinem aristokratischen Obersten, nicht ganz zufrieden
damit und mit Vorliebe von den Familienpapieren erzählend, die vor drei
Generationen bei der Belagerung von Danzig verloren gegangen sind, im
übrigen von allem läppischen Strebertum frei, ungemein schneidig,
sehr beliebt trotz seiner burschikosen Manieren, gutmütig wie ein Kind,
lebenslustig, diensteifrig, ehrgeizig; -- der erste Major, ein echter
pommerscher Junker aus sehr gutem Hause, mit dem weißen Malteserkreuz um
den Hals, starken markigen Zügen, kleinen, nüchtern und scharf in
das Leben hineinblinzelnden Äuglein und vollen Lippen unter einem
kurzgestutzten grauen Schnurrbart, äußerlich verbindlich gegen einen
jeden, von einem Frankfurter bis zu einem Hottentotten, innerlich fest
von der absoluten Superiorität des preußischen Junkertums dem Rest des
Weltalls gegenüber überzeugt, aber unbeugsam, pflichttreu, verläßlich,
ehrentüchtig durch Erziehung, Standeshochmut und ererbte Naturanlage,
nicht unanregend in der Konversation, wenn man ihn nämlich auf sein
Lieblingsthema zu bringen weiß, d. i. die langsame und stetige
Entwickelung von Preußens Größe, und allezeit bereit, darüber einen
kleinen historischen Vortrag zu halten; -- der zweite Major, ein geborener
Levantiner, der nur durch Zufall in die preußische Armee hineingeraten zu
sein scheint und der mit seiner fatalistischen Gleichgültigkeit und seinen
ironisch die Wichtigkeit des Lebens verspöttelnden großen, traurigen
Augen in seltsamem Gegensatz zu der Strammheit der anderen drei Herren
steht, die den Dienst und das Leben so ernst nehmen; -- der Hauptmann
gedrückt wegen zu langsamen Avancements, die Lieutenants jung, heiter und
sehr mager.
Kitty hat für jeden von ihnen ein freundliches Wort; Förster, welcher
unterdessen eingetreten ist, beobachtet sie genau.
Sie steht noch im Begriff, Anna Marie die Namen der Herren zu nennen, als
es von dem ersten Treppenabsatz in die Halle heruntertönt:
A--ach, wie freuen wir uns,
Da--aß zum Feste hier
U--uns so froh vereint
Dieser Jubeltag!
Kitty hebt die Augen -- es ist ein Stück achtzehntes Jahrhundert, das dort
auf der Treppe steht. Man hat die Rumpelkammer ausgeplündert, um sich zu
kostümieren, alle sind kostümiert, die Damen frisiert und gepudert, die
Herren -- Herr von Manz und der Hofmeister -- in weißseidenen Strümpfen,
in Atlaskniehosen und gestickten Röcken und Westen, Herr Wißmuth, der
in Ulmenhof natürlich nur ohne seine Frau empfangen wird, hat seine
gewöhnliche Tracht anbehalten und steht, energisch dirigierend, mitten
unter dem phantastischen Häuflein. »Leise, sehr leise,« hat er von ihnen
verlangt --
Ach, wie freuen wir uns,
Daß zum Feste hier
Uns so froh vereint
Dieser Jubeltag.
Es ist wie ein Reigen von Gespenstern, die sich ungebeten an ein
Menschenfest herandrängen.
Die Offiziere applaudieren frenetisch, da die Sänger jetzt die Treppe
herabtänzeln. Kitty hält die Hände auf eine Stuhllehne gestützt.
»Was hat unsere schöne Hausfrau nur heute?« fragt der Oberstlieutenant
den türkischen Major. »Haben Sie je solche Augen gesehen?«
»Ja, einmal zum Schluß einer Parforcejagd bei einem Hirsch, als er, von
den Hunden müdgehetzt, zusammenbrach. Ich habe seit der Zeit nie mehr eine
Parforcejagd mitreiten wollen. Brr! Das Nachlaufen ist lustig genug -- aber
das Einholen ist ein gruseliges Vergnügen!« Der Major ist ein nervöser
weichlicher Mensch, obgleich er sich tapfer geschlagen hat.
Der Kammerdiener meldet, daß angerichtet ist. Herr Förster hat Frau
von Manz seinen Arm geboten, Kitty beschließt mit dem Obersten den Zug.
Natürlich sitzen Kitty und der Hausherr einander gegenüber in der Mitte
der beiden langen Seiten des Tisches.
»Welch wundervolle Blumen!« sagt der Oberst.
Frau von Manz bemerkt über den Tisch hinüber: »Ich laß meine Tafel
immer kahl, mich erinnere diese Blumebeete unter Wachskerzeschimmer an eine
Katafalk. Mir verdirbt's jedesmal de Appetit!«
»Ich habe, Gott sei Dank, keine so schwachen Nerven,« wirft Fräulein von
Mühlhausen ein, deren energische Unausstehlichkeit ihr immer einen guten
Platz an der Tafel sichert, sie sitzt an der rechten Seite des Obersten.
Anna Marie neben dem Oberstlieutenant, dessen Platz links von Kitty ist.
Die Mühlhausen setzt alles daran, den Obersten gänzlich zu
monopolisieren, sie hat so viel mehr Verständnis für das Militär als
Kitty. »Haben Sie die Schlacht von Sedan mitgemacht, Herr von Delormes?«
fragt sie den Obersten.
»Ja, gnädiges Fräulein, alle vier waren wir mit dabei, der
Oberstlieutenant, meine beiden Majore und ich.«
»Ach, wie ich Sie beneide!« schwärmt das Fräulein.
»Schade, daß das Vaterland momentan für eine Jeanne d'Arc keine
Verwendung hat!« bemerkt der an der rechten Seite der Mühlhausen sitzende
türkische Major mit seiner schläfrigen Ironie, »da könnten Sie sofort
einspringen, gnädiges Fräulein!«
»Die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielet,« summt Fräulein von
Mühlhausen unternehmend vor sich hin.
»O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut!« flüstert leise der
ironische Türk, und die Mühlhausen wiederholt, den Kopf hin und her
wiegend, mit nur mühsam an sich gehaltener Begeisterung: »O hätt ich ein
Wämslein und Hosen und Hut.«
»Denken Sie sich Fräulein von Mühlhausen als Füsilier,« flüstert Herr
von Manz Frau Stutzmann zu. Beide lachen.
»Nun, vielleicht haben Sie noch binnen kurzem Gelegenheit, Ihrer
Kriegslust Rechenschaft zu tragen, gnädiges Fräulein,« sagt der
Oberstlieutenant; »es türmen sich wieder sehr böse Wolken am politischen
Horizont.«
»Entsetzlich!« ruft Frau Stutzmann aus, »ich habe zwei Söhne bei den
Husaren.«
»Wie kann man so kleinlich sein!« entrüstet sich Fräulein von
Mühlhausen.
»Sie erfreuen sich offenbar starker Nerven, gnädiges Fräulein,« sagt
der türkische Major, »allen Respekt!«
»Der Krieg ist immer eine Barbarei,« bemerkt Emma Becker. Sie fängt an,
sehr weise zu werden aus Verzweiflung, wie die meisten Damen, wenn ihre
Schönheit auf der Neige ist.
»Der Gedanke an die vielen geopferten Menschenleben ist gräßlich. Für
die Angehörigen der Kämpfenden muß so ein Feldzug allerdings qualvoll
sein. Doch stumpft sich auch die Angst ab mit der Zeit.«
»Das ist sehr individuell,« wirft der Oberst lebhaft ein. »Meine Frau
versicherte mir, die Todesangst sei für sie, ein paar vorübergehende
Fluktuationen abgerechnet, vom ersten bis zum letzten Augenblick dieselbe
gewesen!«
»Die Arme!« ruft Kitty, sich zum erstenmal lebhaft in das Gespräch
hineinmischend, aus, »ich würde mich sehr freuen, Frau von Delormes
kennen zu lernen.«
»Meine Frau ist tot,« erwidert der Oberst.
»Tot!« wiederholt Kitty.
»Ja! vierzehn Tage nach meiner Heimkehr aus dem Feldzug ist sie gestorben;
ein akutes Nervenfieber hat sie dahingerafft. Der Arzt sagte mir, ihr
Nervensystem sei einfach verbraucht gewesen von den Aufregungen des
Kriegsjahres.«
Bei diesen Worten heftet der Oberst die Augen auf Fräulein von
Mühlhausen. Diese aber wirft ihren gepuderten Kopf -- sie ist als Werthers
Lotte kostümiert -- unternehmend in den Nacken und sagt: »Sie war eben
keine echte Soldatenfrau!«
Der Oberst beugt sich über seinen Teller -- kein Mensch findet auf diesen
verblüffenden Ausspruch eine Erwiderung.
»Haben Sie je einen Angehörigen im Felde gehabt?« fragt der Oberst nach
einem Weilchen.
»Zwei Vettern und drei Onkel auf einmal,« versichert die Mühlhausen
überlegen, »meine Familie hat immer massenhaft in der Armee gedient.«
»Nun, dann müssen Ihre zwei Vettern und drei Onkel Ihrem Herzen nicht
sehr nahe gestanden sein,« entscheidet der Oberst trocken.
»Sie begreifen meinen Standpunkt nicht,« erklärt die Mühlhausen
und blickt auf den Obersten herunter wie von einem Turm. »Ich wüßte
niemanden, der mir in meinem Leben näher gestanden wäre als Hans von
Altenried; als das Vaterland jedoch das Opfer seines Lebens forderte,
grollte ich nicht. Das muß man so mitnehmen!«
»Hm! ich hätte wirklich große Lust, einmal Gelegenheit zu haben, Sie im
Kugelregen zu beobachten,« bemerkt der türkische Major.
»Ich würde mich tapfer behaupten, davon können Sie überzeugt sein,«
renommiert die Mühlhausen. »Das immer mehr überhand nehmende empfindsame
Entsetzen vor dem Krieg, welches die moderne Gesellschaft auszeichnet,
kenne ich einfach nicht. Ich für mein Teil hätte lieber sieben Kugeln im
Leib als die Sticheleien einer Freundin nach einem Cotillontriumph. Lieber
einen Feldzug als eine Ballsaison! Ich kann mir nichts Schöneres denken,
als so vorwärts zu stürmen mitten im Kugelregen und Siegesjubel!«
Die Blicke der sämtlichen anwesenden Männer richten sich jetzt auf die
dürre verkümmerte Figur der kriegslustigen alten Jungfer. Um die kleinen,
runden Augen des breitschulterigen Junker Majors (von Teufelsegg heißt
er) zuckt es spöttisch, und seine starken Lippen nehmen einen strengen
Ausdruck an, indem er sagt: »Nur gemach, gnädiges Fräulein! Gegen das
Vorwärtsstürmen im Krieg hab ich nichts. Wenn einmal der erste Moment
vorüber ist, hat's was für sich. 's ist das Umsehen, das mir unbehaglich
ist. Es ist nicht der Tag der Schlacht, an den ich mich ungern erinnere,
aber der Tag, der darauf folgt!«
»Da haben Sie recht, Teufelsegg,« bekräftigt der Oberstlieutenant.
»Wenn ich so an ein paar Episoden nach Sedan gedenke, so ... besonders
die eine Geschichte ...!« Er schüttelt sich ein wenig!
»Welche Geschichte?« fragt plötzlich Kitty mit harter herrischer Stimme.
»Ich hatte einen Kameraden fallen sehen neben mir, meinen besten Freund.
Gott! ist mir's damals quer durchs Herz gegangen, daß ich mich nicht
einmal neben ihm habe aufhalten können, um ihm beizustehen!« Er hält
inne, blickt sich verlegen um, macht sich offenbar Vorwürfe darüber, bei
dieser festlichen Gelegenheit seiner Umgebung mit einem traurigen Eindruck
zur Last zu fallen.
»Nun?« fragt Kitty über die Blumen hinüber.
Der Oberstlieutenant berichtet weiter: »Es ließ mir keine Ruhe, noch an
demselben Abend erkundigte ich mich nach ihm, suchte ihn. Ich kam in eine
erbärmliche Hütte, die mit Verwundeten vollgepfropft war. Ersparen Sie
mir die Beschreibung, ich werde krank, wenn ich der Stickluft gedenke. Zu
achten lagen sie da nebeneinander auf dem Stroh; zwei Leichen mitten unter
den anderen. Ich trachtete natürlich unseren tapferen Märtyrern, so
gut ich's vermochte, beizustehen. In einer Ecke lag einer, welcher meine
besondere Teilnahme erweckte. Ein schöner blonder Mensch war's, groß,
schlank, und mit einem sehr vornehmen Gesicht, kaum in der Mitte der
zwanzig. Er war gräßlich zugerichtet, der rechte Arm knapp an der
Schulter abgerissen, der Körper zerschossen. Es gewährte mir Trost, zu
sehen, daß er bereits im Hinüberziehen war. Zugleich merkte ich an der
Art, wie er mit den Schultern arbeitete und den Kopf zu heben versuchte,
daß ihn noch eine letzte Unruhe quälte. Dann riß er mit der Linken an
sich herum, konnte aber nichts mehr fest anfassen. Ich beugte mich zu
ihm und zog ein kleines Medaillon aus seiner Brust. Armer Narr! aufmachen
konnte er's nicht mehr. Ich öffnete es für ihn und hielt's ihm unter die
Augen. Ob er es noch deutlich hat sehen können, weiß ich nicht, aber den
Blick hat er darauf geheftet. Dann hat er danach gegriffen, die Hand folgte
nicht mehr, er tastete daneben. Endlich mühsam brachte er's bis an seine
Lippen. Dann wendete er den Kopf von mir ab gegen die Wand, seufzte ein
einziges Mal, aber so, wie ich's nie vergessen werde. Ein paar Minuten
darauf war's mit ihm vorbei. Das Weiterleben war ihm unter den Umständen
nicht zu wünschen. In die Heimat zurückkehren und seine Braut nicht
einmal in die Arme schließen können, muß gräßlich sein!«
»War die Braut hübsch?« fragt Emma Becker neugierig.
»Entzückend!« versichert ihr der Oberstlieutenant mit Begeisterung.
»Ich habe nie etwas Hübscheres gesehen. Ein Kindergesichtchen mit großen
zärtlichen Augen, die Haare in langen Locken um die Schultern, mit einem
breiten Band zurückgebunden, das oberhalb der Stirn in eine Schleife
verknüpft war; allerliebst -- und sehr jung, die Verlobung konnte
auch nicht weit zurückdatieren, denn auf dem Medaillon waren die Worte
eingraviert: Zur Erinnerung an den 5. Mai 1870.«
»Der fünfte Mai -- komisch, das ist ja der Tag deiner Hauseinweihung,
Förster,« bemerkt humoristisch und unbefangen Herr Wißmuth. »Erinnerst
du dich nicht mehr an das erste Fest, das du uns in Ulmenhof gegeben
hast?«
Aber Herr Förster thut nichts dergleichen, er erhebt sich und bringt einen
Toast aus auf den Kaiser und die Armee.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Es werden sehr viele Toaste ausgebracht und sehr viele Champagnergläser
geleert.
Immer schwüler wird der Duft der Blumen, die Gläser klingen hell
durcheinander, hell und schrill.
Sobald die Tafel aufgehoben ist, sieht sich Anna Marie nach Kitty um. Wenn
sie erwartet, etwas Vergrämtes, Blasses zu sehen, so irrt sie sich. Auf
ihren Wangen sind die Röslein erblüht, und in ihren sonst so starren,
dunklen Augen schimmert ein zärtlicher Glanz.
»Kitty!« flüstert Anna Marie, indem sie den Arm um sie legt. Recht zu
finden, was Kitty gethan hat, dazu vermag sie sich auch heute nicht zu
bringen, aber böse sein kann sie ihr nicht mehr. Kitty schmiegt sich an
sie wie in der alten Zeit. »Meine Anna!« murmelt sie und drückt die Hand
der Freundin an ihre Lippen.
»Sie wollen tanzen, ich soll ihnen aufspielen dazu,« flüstert Anna
Marie, »ist dir's nicht unangenehm?«
»Ach nein, spiel nur, die alten Walzer spiel, ich höre sie noch manchmal
im Traum!« murmelt Kitty. »Spiel nur!« Dann küßt sie Anna Marie und
flüstert: »Sei mir nicht bös!« und Anna Marie drückt sie an sich.
Jetzt tanzen sie alle zu schmachtend leichtsinnigen Walzern von Strauß,
die Anna Marie ihnen spielt, unermüdlich mit dem verteufelten Rhythmus,
der jedem richtigen Österreicher im Blute steckt. Kitty tanzt nicht, ihr
Herzleiden enthebt sie dieser Verpflichtung.
Etwas vereinsamt sitzt sie in einem Winkel der großen Halle und hört zu.
Es sind dieselben Walzer, die Anna Marie vor zehn Jahren gespielt hat, in
dieser selben Halle, sie kann keine neuen, die »Geschichten aus dem Wiener
Wald« sind's und die »Dorfschwalben«, und andere altmodische Tanzweisen,
bei denen sich eine selige Schwermut mitten in den wirbelnden Reigen der
leichtsinnigen Walzermelodie mischt.
So sieht sie Anna Marie sitzen, wenn sie von ihrer gutmütigen und
geräuschvollen Beschäftigung aufblickt. Sie fragt sich, was in ihr
vorgeht.
Nach einer Weile steht Kitty auf und blickt hinaus. Am Himmel flimmert
Stern an Stern über den schwarzen Bäumen, aus dem Boden dringt ein
süßer, weicher Hauch, 's ist wie ein Frühlingshauch mit Veilchenduft
geschwängert -- der Atem der langsam hereinbrechenden Verwesung ist's.
Kitty wird sich nicht klar darüber, der süße Hauch mischt sich in ihre
Träume und ihre Träume tragen sie in den Frühling zurück. Wie das alles
aus ihrer Seele auftaucht, jedes Wort, jeder Blick, jeder Kuß! Und heute
ist es zehn Jahre her, daß er zum letztenmal an sie gedacht hat! Durch
ihre Adern schleicht sich eine Sehnsucht nach dem Frühling ihres Lebens,
nach ihm, nach dem, was hätte sein können. Immer neue Bilder tauchen in
ihr auf voll lockender Schönheit, ein wahnsinniges Verlangen rüttelt an
ihrem Herzen. Ach, ihn noch einmal sehen, noch einmal in den Armen halten
und dann sterben! Sie denkt an den thörichten Gespensterglauben, der mit
Ulmenhof zusammenhängt. Es zittert ihr in allen Fibern. Wenn es möglich
wäre!
Tiefer, immer tiefer geht sie in den Park hinein, der schwermütige
Leichtsinn der Tanzmusik klingt schwächer in das Rauschen der
großartigen, kantig verstutzten Lindenkronen.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Was sagen Sie denn zu der Episode während des Soupers?« fragt Frau
Stutzmann ihren jungen Vetter Manz in den Pausen eines Walzers.
»Ich verstand nicht ganz, aber ich denke, es handelte sich um Altenried,«
meint Herr von Manz. »Zum Glück hat Frau Förster die Sache noch gut
aufgenommen.«
»Der Oberstlieutenant hat mich heut übertroffe; was, Willy?« meint Frau
von Manz, an ihren Sohn herantretend. »Ihr sprecht doch von der Geschichte
mit dem Medaillon?«
»Ja.«
»Es war schauerlich,« meint Frau Stutzmann, »besonders wenn man bedenkt,
daß die arme Förster im höchsten Grade herzleidend ist, von einem
Augenblick zum anderen kann's aus sein mit ihr.«
»Ich hab meine Sterne gedankt, daß alles noch so gut abgelaufe
ist,« sagt Frau von Manz. »Nein, wenn etwas passiert wäre bei Tisch!
Schrecklicher Gedanke! Ich hätt mich nie davon erholt!«
Mit einemmal zieht Anna Marie die Hände vom Klavier, wendet den Kopf
und horcht ... Was ist das? ... Tram-tam ... erst klingt's dumpf und
unheimlich, wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt, dann wird der
Schall rhythmischer, deutlicher -- tram -- tam, tram -- tam ... Wie
oft hat Anna Marie diesen Laut gehört im Morgengrauen oder bei hellem
Sonnenschein. Die Schritte eines heranmarschierenden Regiments.
Der alte Kammerdiener öffnet die auf den Park hinausmündenden
Flügelthüren der Halle weit und teilt den Herrschaften mit, daß das
Feuerwerk beginnen werde.
Sie eilen alle hinaus, die Damen und die Herren, in den Park, in dem
bereits die ganze Einwohnerschaft der Umgebung des zu erhoffenden
Schauspiels harrend versammelt steht. Man sieht sie, ein groteskes
Gedränge von dummstarrenden, grobklotzigen Gesichtern, über das ein
verzerrender, gelbroter Lichtschein zuckt. Ksch! ... eine Rakete schwirrt
zum Himmel hinauf -- noch eine.
Die Militärmusik schmettert einen grellen Marsch dazu. Eine Beängstigung,
deren sie nicht Herr werden kann, hat sich Anna Maries bemächtigt. Wo ist
Kitty? Sie eilt in Kittys Zimmer -- nichts. In das Zimmer der Kinder eilt
sie. Die Kinder sind alle aus ihren Betten herausgekrochen und starren,
eilig von der Kinderfrau in warme Hüllen verpackt, aus dem Fenster, um das
Feuerwerk zu sehen. Aber von der Tante Kitty wissen sie nichts, die Tante
war den ganzen Abend nicht bei ihnen, »nicht einmal, um uns gute Nacht zu
sagen und Bonbons zu bringen,« beklagt sich der kleine Hans.
Ksch ... Immer noch sprühen die Raketen, immer noch schmettert die Musik.
Anna Marie eilt hinunter. Es ist ja gräßlich -- das kann Kitty nicht
aushalten, sagt sie sich. Wenn sie ihrer nur habhaft werden könnte, um
Kittys Kopf in ihren Schoß zu bergen, damit sie diesen schrecklichen Lärm
nicht hört!
In der Halle begegnet sie Herrn Förster, ungeduldig herumstampfend mit
einem sehr finsteren Gesicht. »Ist Kitty oben, versteckt sie sich?«
fährt er Anna Marie an.
»Sie ist nicht oben, ich suchte sie vergebens.«
»Aber sie muß doch erscheinen, um den Obersten zu beglückwünschen zum
Schluß des Feuerwerks!« ruft Förster. »Wo könnte sie sein?«
Plötzlich zuckt's auf in Anna Marie. Mein Gott! -- ja dort ... Tief eilt
sie in den Schatten hinein, von Zeit zu Zeit durchflammt ihn das Licht
einer aufstrebenden Feuergarbe.
Weiter ... weiter ...
Ein lauter Schrei, ein Schrei jubelnder Volksbewunderung tönt durch den
Park, ein schrill durcheinander klingendes Ah -- ah in allen Tonarten.
Da -- was ist das ...
Mitten in dem Lärm hört Anna Marie etwas wie das Aufrauschen einer
geknickten Blüte, die zu Boden fällt. Noch ein paar Schritte macht sie --
dann --
Dort neben der steinernen Gartenbank, wo sich die Delphine in dem
versiegten Bassin herumkrümmen im Sand, halb an den Sitz der Bank gelehnt,
liegt etwas Weißes.
Kitty!
Anna Marie beugt sich über sie.
»Großer Gott! Kitty, was ist dir?« ruft sie. Aber Kitty antwortet nicht.
Anna Marie versucht sie aufzurichten; wie schwer und steif sie ist.
Immer lauter, schriller wird das Geschrei der Menge. Der ganze Park
erschauert von Jubelrufen.