Als Anna Marie dieses Schreiben erhielt, war ihr's, als ob man ihr eine
Last vom Herzen genommen hätte, und sie sagte: »Gott sei Dank!« Sie
sagte »Gott sei Dank« auch, als Kittys früher regelmäßig zweimal des
Monats eintreffende Briefe seltener und seltener wurden, denn für sie
war es ein Beweis, daß Kitty zufrieden und beschäftigt war und ihrer
Teilnahme entraten konnte.
Dann aber machte sie eine Entdeckung, die sie betrübte. Wie alle Menschen,
deren sich nach jahrelangem, quälendem Herzenshunger ein neues Interesse
bemächtigt, ging Kitty vollständig auf in dieser neuen Empfindung -- sah
und fühlte nichts mehr, was nicht damit zusammenhing. Die Kinder füllten
ihre ganze Existenz aus, sie beugte ihren Geist zu deren physischen
Bedürfnissen und sich kaum entfaltendem Seelenleben nieder, ohne auch nur
einen Gedanken mehr übrig zu behalten an das, was darüber hinausging. Sie
wurde, so schien es Anna Marie, hausbacken, kleinlich, eng, und in Bezug
auf alles, was nicht mit ihrem neuen Liebesfanatismus zusammenhing, sogar
peinlich nüchtern.
Des alten Freundes erwähnte sie gar nicht mehr. Wenn sie von irgend etwas,
das sich nicht auf ihre drei Schützlinge bezog, schrieb, so waren
es allerhand häusliche Sorgen, die sie andeutete, ohne dieselben zu
erklären. Wie hätte sie auch können, da es sich hauptsächlich um ihren
Vater handelte.
Wie Anna Marie zwischen den Zeilen zu lesen glaubte, schien sich Herr
Wißmuth auf seine alten Tage einem sehr unregelmäßigen Lebenswandel
ergeben zu haben, das bißchen Vermögen, das ihm von seinem ehemaligen
Wohlstand noch übrig geblieben, zerfloß dabei zwischen seinen Händen wie
Wachs.
Dann kam die Nachricht von dem Tode Berthas, die nach qualvollen Leiden
an der Wassersucht verschieden war, dann die Nachricht von Herrn Wißmuths
Wiedervermählung und zwar mit einer untergeordneten Person, einer
Kellnerin im Gasthaus zum Löwen in Lindenbergen, die bereits jahrelang
seine Geliebte gewesen war. Dann folgte eine lange, lange Pause in dem
einst so regelmäßigen Briefwechsel der beiden Freundinnen, und endlich
eines Tages erhielt Anna ein paar Zeilen von Kitty, in welchen diese tief
beschämt um ein kleines Darlehen bat.
Natürlich sandte ihr Anna äußerst bestürzt alles, worüber sie an barem
Gelde augenblicklich verfügte.
Zu ihrem großen Erstaunen erhielt sie die Summe binnen wenigen Tagen
zurück mit einem linkischen und sehr verlegenen Zettel Kittys. Dann
schrieb Anna Marie mehrmal, ohne daß ihr eine Antwort zu teil wurde.
Von jener Zeit ab stockte die Korrespondenz. Da, an einem leuchtenden
Frühlingstag im Jahre 1880, erhielt Anna die gedruckte Anzeige der
Vermählung Kittys mit Herrn Karl Förster. Das Blatt fiel Anna aus
der Hand; als sie es wieder aufnahm, um den Tag der Vermählungsfeier
festzustellen, bemerkte sie, daß diese um fast drei Wochen
zurückdatierte. Die Anzeige zitterte in ihrer Hand. »Sie hat sich vor mir
geschämt,« murmelte sie. »Kein Wunder!«
Es verletzte sie bis ins Innerste, daß Kitty, sei's auch aus dem herbsten
Elend heraus, sich zu dieser Verbindung hatte erniedrigen können.
Sie faßte die Gratulation, mit welcher sie die Nachricht beantwortete,
so kurz als möglich. Das durch jahrelange Trennung kaum gelockerte
Band, welches sie so lange innig mit Kitty verknüpft, war mit einemmal
zerrissen.
* * *
Als Anna Marie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten hatte, war der
Frühling noch kaum gekommen; jetzt ist der Sommer beinah vorbei. Damals
waren die rosigen Knospen an den Apfelbäumen noch fest geschlossen, jetzt
sind die Blüten dahin, die Blätter fangen an zu fallen, erst vereinzelt,
bald da eins, bald dort, und die Äste hängen voll bausbackiger runder
Früchte, deren grüne Wangen sich rot zu färben beginnen. Es ist der
letzte August -- der letzte August 1880. Zehn Jahre sind verflossen,
seitdem bei Sedan die zweite französische Kaiserkomödie ihren tragischen
Abschluß gefunden hat -- zehn Jahre, seitdem die alten Märchen lebendig
geworden sind, seitdem das Deutsche Reich gewaltiger, weltbezwingender denn
je, sein in langem Zauberschlaf versunkenes Haupt emporgehoben hat --
zehn Jahre, seitdem der alte Barbarossa von Deutschlands Dichtern und
Dichterlingen gnädig und etwas wehmütig zugleich aus dem Kyffhäuser
entlassen worden ist.
Anna Maries Haar ist weiß, aber sie ist noch immer eine schöne alte Frau.
Ihre Züge haben nichts von deren edlem Schnitt eingebüßt, ihre Haut
ist noch immer frisch und ihr Blick ist teilnahmsvoller, ihr Lächeln
sympathischer als je.
Sie sitzt in ihrem sehr kleinen, aber traulichen Absteigequartier in Wien
beim Frühstück zwischen zwei gepackten Koffern, trinkt abwechselnd ihren
Thee und schreibt in aller Eile einen letzten Brief vor ihrer Abreise;
denn, wie es ja bereits die zwei gepackten Koffer verraten, soll sie
abreisen und zwar, um ihre Cousine Gräfin Ruysbruck, geb. Nikoltschjany,
nach England zu begleiten, auf die Insel Wight.
Da klingelte es draußen. »Der Briefträger,« murmelte Anna Marie, kaum
den Kopf hebend, vor sich hin und schrieb weiter. Die Jungfer präsentierte
ihr den Posteinlauf -- mager genug, ungewöhnlich mager für Anna Marie
-- ein einziger dünner Brief, einer aber, der für Anna Marie eine große
Bedeutung haben mußte. Sie wechselte die Farbe, als sie ihn erblickte. Er
rührte von Kitty her.
Eilig erbrach sie ihn und las:
Meine liebe teure Anna,
mein lieber unvergeßlicher Schutzengel, komm zu mir!
Du lächelst gewiß traurig zu dem Worte Schutzengel. Das grenzenlose
Elend, welches mich in meiner Jugend zermalmt, hast du freilich nicht
von mir abwenden können; stärker als das Schicksal bist du nicht
gewesen, aber doch stärker als ich. Du hättest mich aufrecht erhalten
vor mir selbst, und hättest mich davor bewahrt, der bethörendsten
aller Versuchungen zum Opfer zu fallen, einer Versuchung, die sich
hinter einem falschen Pflichtgefühl versteckt.
Ich breche zusammen unter der Last, die ich in hochmütiger
Überschätzung meiner Kraft auf mich genommen. Vielleicht kannst
du mir helfen, sie zu tragen, kannst sie mir zum wenigsten derart
zurechtlegen, daß ich im stande sein werde, sie weiter zu schleppen.
Jedenfalls wird es mir ein Trost sein, dich neben mir zu haben.
Liebe Anna, ich brauche dich so notwendig. Das Leben ist entsetzlich.