Dein in alter, herzlicher Dankbarkeit

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Heil dir im Siegerkranz!

Erzählung

von

Ossip Schubin.

Zweite Auflage.

Braunschweig.

George Westermann.

1891.

Alle Rechte vorbehalten.

Ihrer Durchlaucht

Prinzessin Heinrich =XXIV.= Reuß

geb. Prinzessin Reuß

in dankbarer Erinnerung an schöne Herbsttage

in Ernstbrunn

zugeeignet.

Erstes Buch.

Sie war eine alte Jungfer, das heißt eine überzählige Kreatur in der

Schöpfung, ein Gegenstand des Mitleids für reife -- ein Gegenstand

des Gespöttes für unreife Männer, für viele von Familiensorgen

überbürdete, sich zwischen unharmonischen ehelichen Zuständen

hinschleppende Frauen ein Gegenstand des Neides und Anlaß zu dem Ausruf:

»Ach, wer's nur auch so bequem haben könnte auf der Welt!«

Nebenbei war sie eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Kaum ein Tag

verging, an welchem, mochte sie sich auch wo immer befinden, die Post

ihr nicht einen Brief gebracht hätte, welcher die Worte enthielt: »Wann

können wir dich erwarten, wann kommst du zu uns?« -- worauf sie fast

jedesmal dieselbe Antwort zurückschrieb: »Ich freu mich sehr, daß ihr

mich wollt, ich werde trachten es mir einzuteilen, aber vorläufig ...«

und dann folgte ohne jedwede Prahlerei, nur als bescheidene Begründung

ihres Ablehnens, eine lange Liste von Besuchsverpflichtungen, welche sie

bereits auf sich genommen und welchen sie nachkommen mußte, ehe sie einer

neuen Einladung folgen durfte.

Kritischere und gescheitere Menschen als sie zerbrachen sich bisweilen den

Kopf über den Grund ihrer beständigen Umworbenheit und über das

Wesen, welches man mit ihr trieb. Vermögen hatte sie nur gerade, was

sie brauchte, um niemand zur Last fallen zu müssen -- für eine

österreichische Oberstentochter war das zwar sehr viel, aber um auch den

mißtrauischsten unter ihren Bekannten auf den Gedanken zu bringen, die

große Freundlichkeit, welche ihr bewiesen wurde, irgend einer Hab- oder

Erbschaftsgier beizumessen, war es lange nicht genug. In der Wirtschaft

war sie ein wenig umständlich, Whist spielte sie nicht besser als der

Durchschnitt unverheirateter Damen. Eigentlich verstand sie sich nur auf

zwei Dinge wirklich gut, und zwar darauf: Kranke zu pflegen und Tanzmusik

zu spielen; aber ersteres hatten die wenigsten Menschen zu erproben die

Gelegenheit gehabt, und letzteres versteht sich eigentlich bei einer

Persönlichkeit ihrer Art, die geboren ist eine Begleitung zu der

Fröhlichkeit der anderen zu trommeln, von selbst.

Ihre allgemeine Beliebtheit hatte einen anderen Grund. Man hatte sie lieb,

weil sie keinen Neid kannte, nicht den Schatten davon! Das sagten ihr alle

ihre jungen Vertrauten, deren Glücksgeständnissen sie stets dieselbe

gerührte Teilnahme entgegenbrachte, und küßten sie dafür.

Das sagten ihr ebensogut die älteren unter ihren Bekannten und bewunderten

sie dafür. Sie lächelte abwehrend zu dieser Bewunderung und erwiderte

immer dasselbe:

»Ich begreife euch nicht, es ist ja kein Verdienst dabei!«

Wenn man aber fragte: »Wieso kein Verdienst?« da behielt sie die Antwort

für sich.

Sie kannte keinen Neid, weil ihr jedes echte große Menschenglück Mitleid

einflößte, weil sie hinter jedem übermütig zum Himmel aufjauchzenden

Menschenkind, hinter jedem, dessen irdische Seligkeit die von der Vorsehung

gesetzten Mittelmäßigkeitsgrenzen überstieg, und das des Beneidens wert

gewesen wäre, das Unglück lauern sah, seine Zeit abwartend, kalt, ruhig

und siegessicher!

Das Herz zog sich ihr jedesmal im Leibe zusammen, wenn sie einen Menschen

es aussprechen hörte: »Ich bin glücklich!« Sie dachte dann sofort an

alles mögliche, an allerhand knapp neben ihr zerschmetterte, für immer

vernichtete Glückseligkeit, am häufigsten aber an das Schicksal ihrer

kleinen Lieblingscousine Kitty.

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Die Geschichte datierte schon ziemlich weit zurück, so weit, daß sie die

meisten, welche sie mit erlebt, nicht mehr genau wußten. Aber Anna Marie

pflegte ihre Erinnerungen wie ihre Gräber, letztere vergrasten und erstere

verblaßten bei ihr nie!

* * *

Im Frühling 1870 war's. Anna Marie trug gerade Trauer für einen alten

Onkel, den sie fünf Jahre lang Tag und Nacht gepflegt und der ihr zum Lohn

für ihre Aufopferung das schön eingelegte Tricktrackspiel vermacht hatte,

über dessen grünes Tuch sie alle Abend geduldig mit ihm die Würfel

hingerollt. Dieses schäbige Legat hatte alle Welt in Verwunderung

gesetzt, nur nicht Anna Marie. Anna fand es rührend und weinte dem Onkel

aufrichtige Thränen nach. Sie befand sich damals in Pest, wo der geizige

Tricktrackonkel -- er hieß Graf Silvaschy und gehörte zur besten

ungarischen Aristokratie -- gestorben war, als sie einen Brief von

einem anderen Onkel erhielt, von einem bürgerlichen diesmal, einem

Bleistiftfabrikanten, welcher mit der bereits seit Jahren verstorbenen

Tante Anna Maries verheiratet gewesen war und sich jetzt nach Abwickelung

seiner ziemlich matten Geschäfte in das Privatleben zurückgezogen hatte,

und zwar in ein Städtchen unweit von Hanau -- Lindenbergen hieß es und

stand mitten in der fetten, von ergiebigen Rübenfeldern und mächtigen

Obstbaumalleen reich gesegneten Wetterau.

Herr Wißmuth, so hieß der Bleistiftonkel, brauchte, wie er es unumwunden

erklärte, Anna Marie notwendig. Seine älteste Tochter Bertha hatte sich

bereits vor zwei Jahren verheiratet, und Kitty, die zweite, war aus der

Pension heimgekehrt. Sie war noch zu jung, um ohne ältere weibliche

Stütze im Hause zu bleiben. Herr Wißmuth ersuchte nun Anna Marie, für

einige Zeit zu ihm zu ziehen. »Es wird vielleicht nicht allzu lang

dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben, dann kann ich dich

freigeben,« schloß er sein Schreiben. Er sprach von Anna Marie gerade,

als ob sie ein nützliches Möbel gewesen wäre, auf das er ein Recht

hatte Beschlag zu legen. Das aber war Anna Marie gewohnt. Es fiel ihr nicht

weiter auf; was ihr aber auffiel, das waren die Worte: »Es wird nicht

lange dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben.« Was meinte

er wohl damit? Wollte er ein zweites Mal heiraten, oder schwebte etwas in

der Luft für Kitty?

Sie war noch nicht mit sich einig geworden darüber, und auch nicht

darüber, ob sie der in einigermaßen zum Widerspruch reizendem,

befehlendem Ton gehaltenen »Einmahnung« des Herrn Wißmuth Folge leisten

sollte, oder der viel liebenswürdiger ausgedrückten Einladung einer

Cousine in Wien, als der Postbote ihr einen zweiten Brief brachte, einen

Brief, den Anna Marie sofort als von ihrer Cousine Kitty herrührend

erkannte und infolgedessen hastig erbrach. Er lautete:

Liebe, liebe Anna Marie!

Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und

brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und

ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht.

Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich

zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,

deine Cousine Kitty.

»Arme kleine Kitty,« murmelte Anna Marie, nachdem sie das Zettelchen

durchgelesen, und plötzlich überkam sie jene mit Angst vermischte

Rührung, welche sie jedesmal beschlich, wenn ein Menschenkind das Leben

besonders schön finden wollte. »Mir scheint in der That, daß da die

Verhältnisse Lust haben sich zu konsolidieren, aber -- vielleicht in

anderer Richtung, als mein Onkel Wißmuth sich's denkt. Wenn mich nicht

alles irrt, so braucht die Kleine einen Bundesgenossen. Nun, wir müssen

doch erst sehen, um wen sich's handelt.« Damit aber stand es in Anna Marie

fest, daß Kitty momentan nicht sich selbst überlassen bleiben dürfe,

weshalb sie sich entschloß, die Einladung Herrn Wißmuths anzunehmen, und

sofort an die Cousine in Wien eine Absage sandte. Die Cousine in Wien hatte

sie zwar aufgefordert, mit ihr eine Reise an die oberitalienischen Seen

zu machen, welche kennen zu lernen schon lange zu Anna Maries

Lieblingswünschen zählte. Aber das war Nebensache.

* * *

Kitty war immer Anna Maries besonderer Liebling gewesen, schon wie sie

noch ein dickes, schwersprechendes Baby war. Das Ziel, welches sie sich

gesteckt, als sie sich zum erstenmal selbständig auf die zarten Füßchen

aufgestellt und mit weit ausgestreckten Händchen und kleinen, so zu sagen

stammelnden Tritten über das Zimmer gewankt, das war Anna Marie gewesen

-- an Annas Knie hatte sie ihre kleinen Ellenbogen aufgestützt, als sie

endlich atemlos und triumphierend ihre Wanderung beschloß.

Anna sah sie noch genau vor sich in dem gehäkelten weißen Kleidchen, das

sie ihr selber fabriziert, und das Hals und Ärmchen frei ließ -- was für

einen Hals und was für Ärmchen! und dazu ein Gesichtchen! das reizendste

Gesichtchen, das man sich ausdenken konnte, weiß, zart wie eine frisch

entfaltete Frühlingsblüte und mit großen leuchtenden Augen drin.

Seit jenem Tag, wo das dicke Baby seine winzigen Ellenbogen so

vertrauensvoll auf das Knie seiner Cousine gestützt, hatte eine Art

Schutz- und Trutzbündnis bestanden zwischen der großen Anna und der

kleinen Kitty, ein Bündnis, das trotz vielfacher Trennung der Alliierten

weiter geführt worden war bis auf den heutigen Tag.

»Wie sich die Kleine nur herausgewachsen haben mag?« fragte sich Anna

Marie, indem sie etwas vor Hanau ihr Handgepäck zusammenrückte und

ihren Anzug zurechtschob. Sie war ohne Unterbrechung, außer mehrfachen

Übersteigens, von Pest nach Hanau gefahren, dennoch sah sie weder

besonders schmutzig noch besonders müde aus. Sie hatte die gerade

Haltung und frische Hautfarbe, das heißt die prachtvolle Gesundheit

einer geborenen Krankenpflegerin. Sie war noch immer eine schöne Person,

obgleich ihre grauen Schläfen und vollen Schultern die Vierzigerin

verrieten. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gestalt stattlich, wenn auch

etwas zu stark, die Hände sehr zart. Sie trug einen grauen Staubmantel

und einen glockenförmigen schwarzen Hut, den sie der Bequemlichkeit

halber abgelegt hatte und jetzt aus dem Netz herunterlangte, um ihn auf ihr

tadellos geglättetes Haar zu setzen.

»Wie sie sich nur herausgewachsen haben mag?« fragte sie sich, indem sie

an das Fenster des Coupés herantrat. Das letzte Mal hatte sie Kitty

als hochaufgeschossenes, fünfzehnjähriges Mädchen in einem Dresdener

Pensionat gesehen, sehr mager, mit sehr langen Armen und Beinen und fast

ohne Körper, noch immer hübsch, aber offenbar in einem schwankenden

Übergangsstadium, in dem man nicht recht wußte, welchen Weg ihre

weitere Entwickelung einschlagen würde, den der Schönheit oder den

der erträglichen Mittelmäßigkeit. Da hielt der Zug. Nicht ohne kleine

Umständlichkeiten verließ Anna Marie von Hohleisen das Coupé.

Das kleine Häuflein Handgepäck neben sich, auf dem sandigen Bahndamm

stehend, hielt sie ihr Lorgnon an die Augen und sah sich nach zwei Sachen

um: nach einem Träger, und ob ihr jemand entgegengekommen war.

Ehe sie sich noch darüber klar geworden, rief ihr ein Stimmchen, das tief

und weich wie das einer Amsel klang, entgegen: »Anna, Anna!« und zwei

warme, junge Arme schlangen sich um ihren Hals.

Das war Kitty!

Nachdem Anna sie recht herzlich abgeküßt, schob sie sie etwas weiter

von sich, um sie genauer zu betrachten, und lächelte zufrieden. Kitty war

keine Schönheit, aber noch weniger hätte man sie ihrem Äußeren nach

unter die erträglichen Mittelmäßigkeiten zählen können. Sie war ganz

einfach reizend, entzückend, unbeschreiblich. Weiß der liebe Himmel, wie

sie's angefangen, aber sie hatte jetzt wieder ihr altes Babygesicht, nur

etwas größer und mit schmäleren Bäckchen, in allem Übrigen genau, die

großen Augen, das Lächeln, die Grübchen, ja selbst die blumenfrische

Hautfarbe, alles das war da; nur war der Blick in den Augen tiefer, und

mitten zwischen die mutwilligen Grübchen hinein spielte ein Ausdruck

gerührter Zärtlichkeit.

Kein Zweifel, die Zustände hatten eine Neigung sich zu konsolidieren,

dachte Anna Marie.

Um weniges später war das Handgepäck zum drittenmal gezählt, die große

Bagage ausgelöst und die beiden Damen saßen in dem Mietwagen, mit dem

Kitty der Freundin entgegengekommen war, und fuhren an schönen, im

ersten zartgrünen Frühlingsschimmer prangenden Gartenanlagen ihrem Ziel

entgegen.

Der Weg von Hanau nach Lindenbergen ist reich an landschaftlichen

Schönheiten. Man fährt an dem verlassenen Rokokoschloß eines längst

verschollenen Duodez-Souveräns vorbei, an von schattigen Gärten

umflossenen anderen weniger vornehmen, aber beinah ebenso stimmungsvollen

Landhäusern, an glatten Teichen, in denen sich mächtige Bäume spiegeln,

durch hochstämmige Lindenalleen, durch einen ernsten Fichtenwald -- kurz

durch allerhand was das Auge erfreut.

Die beiden Damen zeigten sich diesen Schönheiten gegenüber ungnädig --

sie hatten keine Zeit, sich damit zu befassen.

Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander und blickten sich nur ab und zu

lächelnd an. Endlich begann Anna: »Und nun, du Schalk, erzähle mir doch,

zu was du mich jetzt, gerade jetzt so notwendig brauchst?«

»Ich dich?« Kitty machte große Augen, als ob sie nicht verstände, nein

nicht im mindesten verstände.

»Du hast mir ja doch geschrieben,« drang Anna in sie.

»Ach! ... ja richtig -- das war nur so Gerede -- ich wollte dich durchaus

herbekommen,« schwatzte Kitty, und als ihr Anna noch einmal, noch ernster

in das entzückende Gesichtchen sah, da wurde sie plötzlich rot --

dunkelrot. Aber anstatt eine deutliche Antwort zu geben, rieb sie ihre

weiche Wange nur einschmeichelnd an der vollen Schulter der Freundin und

murmelte einmal um das andere: »Du gute Anna, du liebe alte Anna, ich

freue mich so, daß du da bist!« Und plötzlich sich weit über den

Wagenschlag hinausbeugend, rief sie: »Ein Reh -- dort -- hast du's

gesehen?«

Nein, es war nichts aus ihr herauszubringen. Sie wurde nur beständig rot

und sah glücklich aus, und Anna Hohleisen seufzte.

* * *

Die landschaftlichen Schönheiten waren vorüber, zum wenigsten hatten

sie ihren romantischen Charakter verloren. Was davon übrig blieb,

war idyllischer Natur. Der Wagen fuhr jetzt durch eine Allee von

krummstämmigen Apfelbäumen mit blütenbeladenen Ästen, die sich weit

über die Straße hinstreckten. Die Sonne schien hell in die Blüten

hinein, und zwischen den weißrosigen Zweigen sah man in den leuchtenden

blauen Himmel hinauf, in dem sich ein paar Schwalben undeutlich wie rasch

hinschwirrende schwarze Punkte tummelten; eine jede sah aus, als ob sie

wenigstens sechs Flügel habe.

Rechts und links zogen sich saftig grüne Getreidefelder hin.

Der Frühlingsatem stieg wie ein berauschender Weihrauch zum Himmel, aus

dem grünen Getreide rang er sich empor, aus den schwellenden Baumrinden,

zwischen welchen hier und dort ein großer, durchsichtiger Tropfen gelben

Harzes hervorquoll, aus den noch unentwickelten grünen Blättchen, aus

den Apfelblüten, aus der Erde, ja selbst aus dem gärenden Wasser in den

Gräben.

Der Wagen bog in einen Flecken ein. Mit Vergnügen ruhten die Augen

der Österreicherin auf diesem anheimelnden deutschen Nest -- auf den

hochgiebeligen Häusern mit vorspringendem Oberstockwerk, mit grauen Balken

in den Wänden und Blumentöpfen in den Fenstern. Klip klap ... rollte

der Wagen über das unebene, aus großen flachen, willkürlich aneinander

gefügten Steinen bestehende Pflaster.

Am äußersten Rande des Fleckens, in seltsamem Widerspruch zu dem

bescheidenen Kleinleben, erhob sich hinter einem rostigen Eisengitter mit

allerhand wilden Fratzen in seinen Schnörkeln ein großes Gebäude mit

einem Mansardendach und Barockverzierungen, das Anna Maries Aufmerksamkeit

fesselte.

Der Kutscher verlangsamte das Tempo. Offenbar stimmte sein Geschmack mit

dem Wohlgefallen der Österreicherin überein, auch in seinen Augen war das

Haus ein interessantes, eingehender Betrachtung durchaus würdiges Objekt.

»Schloß Ulmenhof,« bemerkte er mit Würde, indem er sich nach den beiden

Damen umwendete.

»Wie heißt der Besitzer?« fragte Anna Marie.

»Förster,« erwiderte Kitty.

»Ach so, Förster,« murmelte Fräulein Anna.

»Du wunderst dich,« meinte etwas boshaft lächelnd Kitty, »findest

offenbar, daß der Name schlecht zu dem alten Herrensitz paßt. Das ist

richtig. 's ist auch für keinen Namens Förster erbaut worden. 's ist

ein trauriges Haus, es hat in den letzten fünfzehn Jahren beständig den

Besitzer gewechselt, jedem neuen Besitzer ist was drin zugestoßen. Der

eine hat aus Zufall seinen eigenen Sohn erschossen, der andere hat sich

selbst den Hals gebrochen. 's ist wie ein Pferd, das keinen anderen Reiter

auf sich duldet als seinen ersten Herrn, alle anderen wirft es ab!«

»Dann wundere ich mich eigentlich, daß dieser Herr Förster den Mut

hatte, es zu erwerben,« bemerkte Anna Marie nachdenklich.

»O, Herr Förster kennt keine Vorurteile -- darüber ist er hinaus. Er

gehört zu den Liberalen,« sagte Kitty, indem sie ihre feinen Mundwinkel

mißbilligend herabzog.

»Steht ihr im Verkehr?«

»Ja!«

»Und ist er nett?« fragte Fräulein Anna, indem sie versuchte, dem jungen

Mädchen in die Augen zu sehen.

»Papa findet's,« erwiderte Kitty, die Brauen zusammenschiebend, trotzig.

Anna Marie wußte jetzt genau die Hälfte von dem, was sie wissen wollte.

Das ominöse Haus, das sich mit seinen Besitzern nicht vertrug, war längst

außer Sicht, wieder rechts und links nichts als grüne Saatfelder, die

man zwischen den grauen Baumstämmen schimmern sah, die zarten Halme

unermüdlich im leisen Atem des Frühlings erschauernd, zitternd,

sonnendurchleuchtet und kleine winzige Schatten werfend, die ganzen Felder

wie mit Goldsand bestreut, in den sich ein dunkler Staub hineinmischte, und

über der Straße rosig weiße Blüten, zwischen denen man den Himmel sah.

Plötzlich war's Anna, als durchliefe das junge Mädchen neben ihr derselbe

süße Schauer, der das junge Getreide durchbebte. Sie sah auf.

Ein Reiter trabte die Straße entlang, ein schöner, blonder, junger

Offizier war's, dem die Uniform gut saß. Er legte die Hand an die Mütze.

Kitty wurde unruhig, der Reiter parierte sein Pferd. »Halten Sie einen

Augenblick,« rief Kitty dem Kutscher zu.

»Erlaube, daß ich dir Herrn von Altenried vorstelle,« rief Kitty

verlegen und altklug zugleich. »Meine Cousine Fräulein von Hohleisen.

Waren Sie bei uns, Herr von Altenried?«

»Ja, gnädiges Fräulein; da ich niemand getroffen, kehrte ich um. Ich

habe mir erlaubt, Ihnen das Buch zu bringen, das Sie wünschten.«

»O ich danke -- und wie geht es Ihrer Tante?«

»Recht gut ...« Das inhaltreiche Gespräch kam ins Stocken. Der Kutscher

sah sich um -- sollte er zufahren? Baron von Altenried legte die Hand an

die Mütze.

»Werden Sie ... werden ...« begann Kitty stotternd und hastig.

»Gnädiges Fräulein ...!«

»Werden Sie morgen in Ulmenhof sein?«

»Darf ich fragen, ob Sie dort sein werden, gnädiges Fräulein?«

erkundigte sich der junge Offizier, und dabei spielte ein Lächeln um seine

frischen Lippen.

»Ja -- glauben Sie denn, daß mir's der Papa erspart?« erwiderte Kitty

mit komischer Verzweiflungsmiene.

Der Kutscher pendelte indessen leise mit seiner Peitsche auf und nieder,

man sah's seinem breiten Rücken, ja selbst seinen roten Ohren an, wie

verständnisvoll er die beiden jungen Leute beobachtete.

»Ich wollte eigentlich nicht kommen,« erwiderte Herr von Altenried,

»aber ...« Das Lächeln um seinen Mund trat stärker hervor, der

Ausdruck seiner Augen wurde ungewöhnlich innig, fast schwärmerisch.

»Fahren Sie zu, Kutscher,« rief Kitty, indem sie plötzlich eine würdige

Miene annahm und sich mit einem herablassenden Kopfnicken verabschiedete.

»Ein netter Bursch,« bemerkte Fräulein von Hohleisen, indem sie

ihm, sich aus dem zurückgeschlagenen Wagen herausbeugend, mit der

Unbefangenheit ihrer grauen Haare, nachsah -- »wie gut er zu Pferde sitzt

-- und er trägt doch die Infanteristenuniform.«

»Ja,« erwiderte Kitty, »es freut ihn nicht sehr, daß er bei der

Infanterie dienen muß -- aber er kann sich nicht helfen. Ich glaube, er

ist sehr arm,« und Kitty seufzte.

»Nun, weißt du, liebe Kitty, gar so tragisch ist es schließlich nicht,

bei der Infanterie dienen zu müssen,« entgegnete Fräulein von

Hohleisen vernünftig. Ihr Vater war Oberst eines Ulanenregiments gewesen,

infolgedessen hielt sie darauf, ihre Unparteilichkeit zu beweisen.

»Das sagt er selbst,« erwiderte Kitty lebhaft, »er findet es eher

komisch. Er findet alles komisch, was ihm unangenehm ist. Er ist einer von

denen, die immer über ihre Miseren lachen. Aber mag er darüber lachen

oder nicht, es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß er eigentlich heute

in Ulmenhof seine Heimat haben sollte. Vor fünfzehn Jahren war der Besitz

noch in den Händen seines Vaters.«

»Das ist wirklich traurig,« gestand Anna Marie zu.

Kitty schwieg und sah bekümmert und zärtlich vor sich hin.

Nach einem Weilchen begann Anna Marie von neuem: »Findet _den_ dein Vater

auch nett?«

»Ob er Herrn von Altenried nett findet, meinst du?« fragte Kitty wie aus

einem Traum heraus.

Anna Marie nickte.

»Ich weiß nicht, ich habe ihn nie danach gefragt,« sagte Kitty und

zuckte die Achseln.

»Und findest _du_ ihn nett?« fragte Anna Marie humoristisch.

Kitty runzelte die Stirn, fast schien's, als ob sie Anna die Antwort

schuldig bleiben wolle. Mit einemmal warf sie das Köpfchen zurück, und

Anna Marie aus großen, von Entschlossenheit und Thränen glänzenden Augen

anblickend, rief sie: »Nun ja ... ich finde ihn nett, sehr nett -- und er

ist's auch -- da hast du's.«

Anna Marie wußte jetzt genau, was sie wissen wollte.

Um weniges später hatte der Wagen Lindenbergen erreicht und hielt vor

einem langen, schmalen Gebäude mit einem Mansardendach, wie das von

Schloß Ulmenhof, aber ohne feudale Embleme und mit einem Kreuz über dem

großen, angebröckelten Thorbogen, ein ernstes und stimmungsvolles Haus,

das ehemals ein Kloster gewesen und dessen im übrigen sehr einfache

Fassade leider durch eine Reihe von gotischen Spitzbogenfenstern, welche

ein anspruchsvoller architektonischer Pfuscher in die Wand hatte einsetzen

lassen, verunstaltet war. Solche Spitzbogen! Graugemalte Holzrahmen, ganz

unorganisch in die alten Fensterlöcher hineingefügt und die leeren Ecken

oben ein wenig ausgemauert.

Herr Wißmuth stand am Fuß der Treppe in der Einfahrt und hieß Anna Marie

willkommen. »Seid ihr dem Altenried nicht begegnet?« wendete er sich an

sein Töchterchen, nachdem er Anna Marie auf beide Wangen geküßt und sich

galant ihres kleinsten Handgepäckstücks bemächtigte, um es selbst in ihr

Logis hinaufzutragen.

»Ja,« erwiderte Kitty mit anerkennenswerter Gleichgültigkeit, »er

sagte, daß er sich bei uns aufgehalten, doch habe er niemand zu Hause

getroffen.«

»Niemand zu Hause getroffen?« rief Herr Wißmuth, die Brauen bis in die

Mitte seiner übrigens ziemlich niedrigen Stirn hinaufschiebend. »Der gute

Mann muß etwas dämlich sein im Kopf. Er ist ja eine halbe Stunde mit mir

im Garten spazieren gegangen, dort bei den Pfirsichspalieren.«

»Wirklich, Papa?« bemerkte Kitty staunend und entsetzt -- heimlich mutete

sie die Sache eher humoristisch an, aber das brauchte der Papa nicht zu

wissen.

»Ja, so wahr ich hier stehe!« versicherte Herr Wißmuth -- »es ist

offenbar nicht richtig mit ihm. In unseren alten Adelsfamilien kommt das

häufig vor. Sehr alte Familie, die Altenrieds, ausgezeichnete Familie!«

Diese Worte sprach Herr Wißmuth zu seiner Cousine, augenscheinlich in

der Überzeugung, daß die Mitteilung sie besonders interessieren müsse,

»aber sie haben nichts,« setzte er schadenfroh grinsend hinzu.

Sie hatten jetzt einen mit roten Ziegeln gepflasterten Gang, der das Haus

in zwei Hälften teilte, erreicht, und Herr Wißmuth stellte die kleine

Reisetasche Annas auf einen Strohsessel hin, wobei er aufächzte, als habe

er soeben ein großes Unternehmen zu Ende geführt. Bis in das Gemach,

welches er seiner jungfräulichen Anverwandten als Wohnung bestimmt hatte,

vorzudringen, erschien ihm nicht passend.

* * *

Herr Wißmuth ist holländischer Abstammung, was er mit prahlerischer

Vorliebe immer wieder erzählt und was im übrigen sein Äußeres deutlich

verrät. Er ist ein Mann von mittleren Jahren und mittlerer Größe,

mit kurzen, dicken Gliedern, kurzen Händen, kurzen Fingern und einem

kreisrunden Gesicht, das bis auf den unternehmend aufgesträubten kleinen

Schnurrbart glatt rasiert ist und aus dem zwei schmale, auffallend kleine

Augen lebenslustig in die Welt hineinfunkeln.

Sein stark gekraustes rötliches Haar ist an der Seite gescheitelt und

über der Stirn in ein mächtiges Toupet aufgekämmt. Man sieht es ihm

sofort an, daß er zu denjenigen gehört, die mit sich selbst stets

zufrieden sind und über die ihre Umgebung sich häufig ärgert.

Er ist nicht gerade dumm, sondern nur verwirrt im Kopfe, phlegmatisch,

aber mit beständig aus seinem Phlegma aufsprühenden, fingerlangen

Begeisterungen, von denen nie eine stark genug ist, seinen fetten und

schweren Körper in die Höhe zu ziehen. Dazu noch gründlich faul, wo

es sich um eine ernste und nutzbringende Thätigkeit handelt, hingegen

freilich von einer gemeinschädlichen Betriebsamkeit in allerhand

nebensächlichen Dingen, wie Veranstaltung schlechter musikalischer

Produktionen, Marken sammeln, Altertümer aufstöbern, Inserate in

Zeitungen einsenden behufs Abschaffung öffentlicher Übelstände,

Verfassen von anonymen Briefen und massenhaftem Klavierspiel.

Nach all dem wird es niemand wunder nehmen, daß er es auf der Welt zu

nichts gebracht als zum Bürgermeister von Lindenbergen, ein Ehrenamt, in

dem er sich sehr wichtig vorkommt und das ihm Geld kostet.

Am allerschlechtesten ist's ihm mit der Bleistiftfabrikation geglückt,

welche ihn auch bis an den Rand des finanziellen Abgrundes gebracht hat.

Den verhältnismäßigen Wohlstand, in welchem er sich momentan befindet,

hat er einer alten Anverwandten zu verdanken, welche ihm ein ansehnliches

Vermögen unter der Bedingung vermacht hat, er möge sich für immer von

seinem Geschäft zurückziehen.

Er ist ein unerquicklicher Familienvater und ein ermüdender Hausherr.

Beides hat Anna Marie seit dem gestrigen Tage bereits genugsam zu

konstatieren Gelegenheit gehabt. Seit gestern hat sie im ganzen ungefähr

sechs Stunden vierhändig mit ihm spielen müssen, und selbst jetzt, wo --

am Frühnachmittag nach ihrer Ankunft ist's -- bereits alles so zu sagen

mit einem Fuß in der Luft steht, um dem Fest entgegen zu eilen, welches

Herr Förster behufs Einweihung von Ulmenhof veranstaltet, hat er die

geduldige Österreicherin noch an seinen Lieblingsflügel, einen zugleich

weich ansprechenden und sonoren Bechstein, festgenagelt, um »in aller

Eile« ein letztes Mal die neunte Symphonie von Beethoven mit ihr zu

spielen.

Da sie bereits Toilette gemacht hat und ihr kreppbesetztes schwarzes

Paradekleid -- sie trägt noch immer Trauer für den Tricktrackonkel --

ihr etwas zu eng in den Ärmeln ist, so findet sie momentan diesen

musikalischen Frondienst recht unbequem. Herrn Wißmuth ist das höchst

gleichgültig.

Er spielt natürlich den Baß, weil er da mit großer Ungeniertheit falsch

darauf lostrommeln kann. Wenn es irgendwie nicht klappt, so ist Anna Marie

daran schuld, _er_ rast darauf los, ob sie mitkommt oder nicht, und kräht,

während sie verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, mit beständig

ins Falsett umschnappender dünner Tenorstimme den Violinpart zu seinem

Accompagnement.

»Es wird schon gehen mit der Zeit, aber du findest dich noch nicht in

meine Auffassung hinein,« sagt er regelmäßig, wenn er endlich stehen

bleibt, um sie mitzunehmen. »Eins, zwei, drei ...« und dabei wandern

seine kurzen Finger, die Takte zählend, über die Noten hin.

Nachdem er vergeblich einen bequemen =starting point= gesucht, sagt er

ruhig: »Das Beste ist, wir fangen von vorn an.«

Arme Anna Marie!

Inmitten seines energischen Gehämmers zieht er die Hände vom Klavier

und sagt: »War das nicht ein Wagen?« Damit springt er an das Fenster

und lehnt seinen fetten, schwammigen Oberkörper spähend auf die

weltvergessene Straße hinaus.

Er sieht allerhand Anheimelndes, was ihn nicht interessiert: eine Reihe

altväterischer Giebelhäuser, eine braune Mauer, über die eine Wirrnis

von blühenden Frühlingsbäumen hinüberragt, einen Ziehbrunnen gerade in

dem Winkel zwischen der braunen Mauer und einem vorspringenden Haus, eine

Magd mit breitem, rotem, stumpfem und gutmütigem Gesicht, barhaupt mit

im Genick aufgestecktem dünnem Zopf, die, die nackten Arme auf den Eimer

gelehnt, einem Burschen nachblickt, der, ein Veilchenbüschel hinterm Ohr,

trotzig an ihr vorübergeht, ohne ihren Blick zu erwidern -- alles das

sieht er; das aber, wonach er ausspäht, das sieht er nicht.

Unzufrieden brummend kehrt er zu dem Flügel zurück.

Da tritt Kitty in das Klavierzimmer herein, sehr hübsch, mit sehr roten

Wangen und der etwas feierlichen Befangenheit, welche einem ganz jungen

Mädchen das Bewußtsein verleiht, ein neues Kleid anzuhaben, das ihm

besonders gut steht. Es ist aber auch ein wunderschönes Kleid, weiß vom

Saum bis zum Hals hinauf, auch die Schärpe ist weiß, und Kitty sieht

entzückend darin aus. Sie ist davon überzeugt, kann es aber nicht

erwarten, daß ihr's jemand bestätigt.

»Sind Hildegard Mühlhausen und Emma Becker noch nicht gekommen?« fragt

sie so obenhin, nur um zu beweisen, daß sie gewiß nicht hereingekommen

ist, um sich loben zu lassen.

»Nein, ich begreife nicht,« sagt Herr Wißmuth, »ich habe ihnen so

streng eingeschärft, pünktlich zu sein. Anna Marie kann ihren Part der

Jubelkantate zwar, aber eine Ensembleprobe ist doch nötig!«

Herr Wißmuth hat nämlich zu der festlichen Gelegenheit ein kleines

Quartett komponiert, das er mit dem klangvollen Titel »Jubelkantate«

bezeichnet.

»Ich begreife die beiden nicht!« sagt Herr Wißmuth, noch immer aus dem

Fenster spähend. »Ach, endlich, da sind sie!« ruft er, »endlich!« und

eilt ihnen entgegen.

Indes hebt Anna Marie ihr Lorgnon an ihre schönen, etwas hervorstehenden

grauen Augen und betrachtet Kitty.

»Allerliebst siehst du aus,« ruft sie, »charmant, zum Fressen herzig!«

Die Worte, welche bei der Österreicherin den höchsten Ausdruck der

Bewunderung ausmachen, erfüllen Kitty mit Stolz. Sie eilt auf Anna zu, um

sich abküssen und streicheln zu lassen, wozu sie eine große Neigung hat.

Anna aber wehrt sie ab. »Um Gottes willen bleib, wo du bist, ich mach dich

ja ganz schwarz -- so ein Trauerrab wie ich und ein Schneeglöckerl wie du,

das paßt nicht zusammen« -- dabei streichelt sie, sich behutsam von der

weißen Pracht der Kleinen fernhaltend, Kittys Wangen und flüstert ihr ins

Ohr: »Hast du dich für Herrn Förster so schön gemacht?«

Herr Wißmuth reißt die Thür auf, glückstrahlend und mit dem Ausruf:

»Da bring ich meine jungen Damen!« worauf zwei weibliche Wesen mit ihm in

das Musikzimmer treten.

Die Jugend der beiden ist von verschiedener Beschaffenheit. Emma Becker

steht im selben Alter wie Kitty, und Hildegard von Mühlhausen in dem von

Anna Marie.

Über Emma Becker giebt's nicht viel zu sagen, als daß sie eine

Pensionatsfreundin Kittys ist, eine Frankfurterin, Waise, von

rheinländischen Eltern abstammend, klug und gesetzt über ihr Alter

hinaus, lebenslustig, etwas schwerfällig, etwas anspruchsvoll, mit beiden

Augen nach einer guten Partie ausspähend, und ohne ein Fünkchen Poesie

im Leib, nicht reich -- aber mit allen Gewohnheiten einer reichen Person

behaftet, weshalb sie beständig darauf angewiesen ist, von einem ihrer

sehr vermögenden Verwandten zum anderen zu reisen und ihre ganze Rente auf

die Begleichung ihrer Schneiderrechnung zu verwenden.

Hildegard von Mühlhausens Charakteristik ist weniger leicht abzufertigen.

Sie ist der letzte verarmte und verkümmerte Sproß eines alten

Adelsgeschlechts. Ihre Mutter war in ihrer Jugend Hofdame und ihr Vater in

seinem hohen Alter General, ihr Bruder war ein Taugenichts, hat sein

und ihr kleines Vermögen verschlemmt und ist in Amerika elend zu Grunde

gegangen. Gegen Hildegard ist nie etwas einzuwenden gewesen, jeder, der

je mit ihr in Verkehr gestanden, versichert, »sie sei ein durch und durch

nobles Wesen«. Keiner hat diesen Verkehr bis zu einem vertraulichen,

freundschaftlichen Grad fortzusetzen gesucht, denn der Verkehr ist

unerquicklich, wie der mit allen Menschen, die das Leben von einem allzu

erhabenen Standpunkt aus betrachten und den anderen beständig ihre hohe

Vollkommenheit unter die Nase reiben.

Hildegard von Mühlhausen leidet im höchsten Maße an Erhabenheit; sie ist

ebenso neidlos wie Anna Marie -- aus Erhabenheit, weil ihr gar nichts zu

beneiden würdig dünkt, seitdem ihr das Schicksal das höchste Glück

versagt, das es zu vergeben hat -- das nämlich, als _Mann_ auf die Welt

gekommen zu sein. Sie ist fest überzeugt davon, daß ihre Seele eigentlich

bestimmt war, in einem männlichen Körper zu wohnen, und daß, wenn

sie ein Mann gewesen wäre, sie es wenigstens bis zu einem Napoleon oder

Bismarck gebracht hätte. Neben dem Unglück, durch ihre Weiblichkeit

verhindert worden zu sein, dies hohe Ziel zu erreichen, erscheinen ihr alle

die zahlreichen Miseren ihres Lebens geringfügig.

Unter allen Umständen liegt's ihr am Herzen, zu beweisen, daß sie sich

aus nichts etwas macht. Sie ist immer erhaben. Sie unterzieht sich den

langweiligen Pflichten ihres armseligen kleinen Hausstandes (sie wohnt

in kümmerlichen Verhältnissen allein) mit demselben, jedes Interesse an

ihrer Beschäftigung verleugnenden Märtyrergesicht, mit dem sie bei einem

Diner ihr Champagnerglas leert oder bei einem Hausball eine Quadrille

tanzt. Ihr ganzes Wesen ist immer durchdrungen von sittlicher Herablassung.

Sie ist groß und sehr dünn, sehr brünett, mit braunen Augen in

einem verkümmerten, scharfkantigen Rassegesicht und trägt ein weißes

Musselinfähnchen, das Kitty recht gut kleiden würde, in dem sie sich aber

wie eine Fliege im Milchtopf ausnimmt.

»Wie spät!« ruft Kitty.

»Ich bin seit einer Stunde bereit; ich bin immer verläßlich,« erklärt

Hildegard von Mühlhausen, »aber Emma kam nicht.«

»Die Frank ließ mich so lange warten mit meinem Kleid,« erklärt Emma

Becker, »ich war schon außer mir.«

»Wie kann man außer sich geraten über die Unpünktlichkeit einer

Schneiderin!« bemerkt sinnend Hildegard von Mühlhausen.

»Aber ich bitte dich, Hildegard, wenn ich auf ein so hübsches Kleid zu

lange hätte warten müssen, wär ich auch unruhig geworden,« versichert

Kitty, und Emma mit Andacht betrachtend, setzt sie hinzu: »Dein Kleid ist

wunderschön!«

»Wenn's nicht einmal hübsch wäre,« seufzt Emma Becker; »ich bitte

dich« -- wichtig auf das aus dem Atelier Albert Franks stammende

Meisterwerk herabsehend -- »ein einfaches Musselinkleid und kostet hundert

Thaler! Geradezu unverschämt, nicht wahr!« Emma seufzt selbstgefällig

in dem schmeichelhaften Bewußtsein, daß es zum höchsten Frankfurter Chik

gehört, unter der Unverschämtheit Albert Franks zu leiden.

»Hundert Thaler!« lacht Kitty, »meins kostet kaum so viele Groschen,

aber ich bin eben darauf angewiesen, mich billig einzurichten. Bis zu einer

sehr reichen Frau werd ich's in diesem Leben nicht bringen!« Bei diesem

Ausspruch schließt sie die Augen halb und lacht leise vor sich hin.

»Warum solltest du nicht eine gute Partie machen?« sagt die phlegmatische

Emma (sie ist nämlich höchstens durch ihren Schneider in Harnisch zu

bringen) protegierend.

»Warum?« -- ein etwas mutwilliges Lächeln kräuselt Kittys Lippen --

»vielleicht, weil mir's nicht allzusehr darauf ankommt.«

Hildegard und Emma haben ihre alte Bekanntschaft mit Anna Marie erneut,

Herr Wißmuth die verschiedenen sauber abgeschriebenen Stimmen seiner

»Jubelkantate« zusammengesucht (sie waren in die vierhändigen Noten

geraten). »Ich bitte, meine Damen!« ruft er jetzt, beide Arme hoch in die

Luft hebend.

A--ach, wie freuen wir uns,

D--aaaß zum Feste hier

U--uhns so froh vereint

Dieser Jubeltag!

Die Damen stellen sich in Positur. Emma Becker singt Sopran, Anna Marie

Mezzosopran, Kitty den ersten, Hildegard den zweiten Alt.

»Ausgezeichnet!« ruft Herr Wißmuth begeistert. »Vergessen Sie nicht,

meine Damen, kaum daß Sie die Halle betreten haben, gruppieren Sie sich um

Herrn Förster; plötzlich stampfe ich mit dem Fuß und Sie schmettern los:

›A--aach, wie freuen wir uns‹, es wird großen Effekt machen!«

War das nicht ein Wagen?

»Ja, es ist Bertha!« sagt Kitty, aus dem Fenster blickend, »sie

versprach sich aufzuhalten, um jemand von uns mitzunehmen.«

»Wer fährt mit uns!« ruft jetzt, etwas atemlos in das Musikzimmer

hineinstürmend, ein kurzer breitschulteriger Mann mit einem stark

gefärbten, selbstbewußt dreinschauenden Gesicht, sehr weißen Zähnen

unter einem dicken, blonden Schnurrbart und einem herausfordernd funkelnden

Brillantring an dem kleinen Finger seiner sorgfältig gepflegten linken

Hand. Es ist Herr Walter Sadis, der Mann von Kittys älterer Schwester,

ein wohlhabender Mensch, der sich eifrig bemüht, das Vermögen, welches

bereits sein Vater auf der Börse gewonnen hat, zu vermehren.

»Wer fährt mit uns?« ruft er, »zu viel Luft und Platz darf man meiner

Frau natürlich nicht wegnehmen -- bei ihrem Zustand, aber für eine

Person ...«

Herr Sadis verbringt seine ganze freie Zeit damit, die heiligen Rechte

seiner Frau auf Luft und Platz zu verteidigen.

Kitty lacht ihn aus; ihr Vater, dem, wie allen beinahe bankerotten

Geschäftsleuten, fremdes Geld imponiert, erteilt ihr einen Verweis; Herr

Sadis schneidet Gesichter, worauf man sich schließlich dahin vereinigt,

daß die vier unverheirateten Damen in Emma Beckers Landauer, oder vielmehr

in dem Landauer, den der Onkel, bei dem sie zu Gast ist, ihr geborgt hat,

fahren sollen, und daß Herr Wißmuth, als der am wenigsten Luft und Platz

Raubende, sich dem Ehepaar anschließt.

* * *

»Auf was warten wir denn eigentlich?«

Es ist Herr Wißmuth, der diese Frage stellt. Die Jubelkantate ist längst

vorüber. Kitty hat inmitten ihres Parts plötzlich angefangen zu lachen,

was der Erhabenheit des Eindrucks etwas Eintrag gethan. Der angejubelte

Hausherr hat sich aber sofort bereit erklärt, den Lachkrampf Kittys

als eine Nervosität zu bezeichnen, und war tief gerührt von der

Aufmerksamkeit. Die Gäste sind alle versammelt und stehen in der mit alten

Bildern und Waffen ausgeschmückten Vorhalle des Schlosses, die während

der guten Jahreszeit als Empfangsraum benutzt wird, auf das Zeichen

harrend, daß angerichtet ist.

Etwa zwanzig Personen sind's; ein paar Offiziere aus Hanau und Homburg,

eine Gutsbesitzersfamilie aus der Umgebung, der Rest Frankfurter, lauter

wohlerzogene, sehr gut gekleidete, etwas zur Korpulenz neigende, fabelhaft

reiche Leute, die alle sehr stolz darauf scheinen, Frankfurter zu sein.

Man ist etwas vor der angesagten Dinerstunde gekommen, um den neuen Besitz

Herrn Försters genau in Augenschein zu nehmen, sämtliche Räume mit ihm

zu begehen und ihm Ratschläge betreffs der Ausschmückung derselben zu

erteilen; jetzt hat man das Vergnügen ausgenossen. Man weiß nicht recht,

was mit sich anzufangen.

Es ist sechs Uhr, man fängt an hungrig zu werden; am hungrigsten ist Herr

Wißmuth, besonders deshalb, weil er ahnt, daß seinen Gaumen ein sehr

großer Genuß erwartet. Herr Sadis steht neben dem Lehnstuhl, in dem sich

seine hübsche, starke, rotblonde Frau ausgestreckt hat, und verteidigt wie

gewöhnlich ihre Rechte auf Luft und Platz gegen jeden unbefugten Eingriff.

Emma Becker sitzt zwischen zwei tadellos gekleideten Frankfurter Dandies

und befleißigt sich, selbe eifersüchtig gegeneinander zu hetzen. Kitty

sitzt mit einem ellenlangen Gesicht in einer Ecke allein und hat Lust zu

weinen. Der Hausherr steht inmitten seiner Gäste und hält eine Abhandlung

über moderne Kulturbedürfnisse und die Verbesserungen, welche er in

Ulmenhof einzuführen gedenkt, wobei er nach Kitty schielt.

»Sie können sich gar nicht denken, wie mir zu Mute ist!« seufzt

Hildegard Anna Marie von Hohleisen zu, an welche sie sich vielleicht

nur aus dem Grunde geklettet hat, weil Anna Marie ihr als die einzige

ebenbürtige Persönlichkeit unter den Anwesenden erscheint; denn, wenn

Hildegard von Mühlhausen auch über alles mögliche erhaben ist,

über Standesvorurteile ist sie's nicht. Sie spricht das Wort freilich

»Standesüberzeugungen« aus.

»Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zu Mute ist!« klagt sie.

»Ich bin eine nahe Verwandte der Altenrieds, meine ganze Kindheit habe ich

in Ulmenhof verbracht, denken Sie sich in meine Lage hinein!«

Fräulein von Hohleisen versucht teilnehmend auszusehen, sieht aber nur

zerstreut aus, was daher rührt, daß sie, anstatt sich in Hildegard von

Mühlhausens Lage zu versetzen, sich mit der Beobachtung des Hausherrn

beschäftigt, der während der langen Schloßbesichtigung Kitty durch

auffallende Huldigungen ausgezeichnet hat. Er ist ein Mann mit

einem breiten Nacken und einem roten vollen Gesicht, dessen ziemlich

regelmäßige Züge durch einen Ausdruck latenter Roheit verunstaltet sind,

etwa sechsunddreißig Jahre alt, groß, mit einer schwerfälligen, aber

nicht von Comptoirbeschäftigungen beeinflußten Erscheinung. Als sehr

junger Mann durch den Tod seines Vaters von jeglichem oberherrlichen Zwang

befreit, hat er sich damals sofort vom Geschäft zurückgezogen, um das

Leben zu genießen, und er hat es offenbar genossen bis auf die Neige.

Dabei macht er einen sehr robusten, keineswegs abstrapazierten Eindruck,

den Eindruck eines Menschen, der sich vieles gegönnt, nie etwas zum

Fenster hinausgeworfen, der mit allem Haus gehalten hat, selbst mit seiner

Gesundheit. Jetzt hat er das Leben hinter sich und scheint den Zeitpunkt

günstig zu finden, eine Familie zu gründen und seine Junggesellenschiffe

zu verbrennen.

Kitty gefällt ihm offenbar sehr, aber sein Gefühl für sie ist dasselbe,

wie er es für so und so viele hübsche Tänzerinnen und Schauspielerinnen

empfunden hat, nur ist er bereit, für ihren Besitz einen bedeutend

höheren Preis zu zahlen. Summa Summarum ist er Anna Marie außerordentlich

unsympathisch und dieselbe hat bereits längst entschieden, daß er nichts

weniger als ein passender Lebensgefährte für ihren Liebling wäre.

»Aber auf was warten wir denn eigentlich,« wimmert Herr Wißmuth mit

immer kläglicherer Betonung.

Diesmal hat der Wirt seine Frage gehört. Er zieht seinen tadellosen

Chronometer und stellt etwas mißliebig fest, daß es bereits ein Viertel

nach sechs geworden ist.

»Wir warten auf Altenried,« erklärt er hierauf in einer runden

volltönenden Stimme, der Stimme eines Menschen, der sich sein lebenlang

sehr wichtig vorgekommen ist. »Er hat mir keine Absage geschickt,

infolgedessen kann ich nicht anders, als annehmen, daß er noch kommen

wird.«

»Habe Sie de -- Alteried eingelade?« fragt eine ziemlich umfangreiche

Dame mit einem tiefen, herzförmigen Ausschnitt in einem burgunderroten

Atlaskleid und mit sechs Reihen Perlen um den Hals. Sie heißt Frau von

Manz, war einmal eine berühmte Schönheit und ist ebenso bekannt für

ihren gemütlichen Frankfurter Dialekt, wie für ihre Bundestagsabenteuer

und die unermüdliche Betriebsamkeit, mit der sie, jedem Widerstand Trotz

bietend, auf der socialen Leiter eine Sprosse nach der anderen erklimmt.

Sie modelt ihr Benehmen nach dem der Königin von Preußen, der sie

ähnlich zu sehen glaubt. Ihre majestätische Haltung steht in ebenso

komischem Widerspruch mit ihrem gemütlichen Dialekt, wie ihr Frankfurter

Bürgerstolz mit ihrer Sehnsucht nach Hofluft.

»Ja, gnädige Frau, da ich mit Altenried im Verkehr stehe, ist das wohl

selbstverständlich,« versichert Herr Förster. Sein Mienenspiel drückt

bei diesen Worten eine großartige Bescheidenheit aus, so beiläufig,

als ob man ihn mit Gewalt gezwungen hätte, eine verdienstvolle Handlung

einzugestehen.

»Wie kommt er denn eigentlich in die Gegend?« fragt Frau von Manz weiter,

indem sie sich mit einem stark klappernden Fächer Kühlung zuweht.

»Er ist bei seinem Vetter, dem Grafen Solingen in Ilmenau, zu Besuch,«

erklärt Herr Förster.

»Und warum habe Se de Solinge nicht auch eingelade?« fragt die ehemalige

Bundestagskoryphäe ziemlich indiskret.

»Ich habe ihn aufgefordert zu kommen, er hat aber abgelehnt wegen eines

Unwohlseins,« erklärt Herr Förster.

»Sonderbar,« meint Frau von Manz -- man nennt sie gewöhnlich die

Rheinweinkönigin, weil ihr verstorbener Mann den größten Teil seines

Vermögens in Johannisberger und Rüdesheimer gemacht haben soll -- »ich

möcht schwöre, daß ich dem Solinge heut auf der Zeil begegnet bin.«

»Solingen ist ein sehr armer Teufel, es demütigt ihn offenbar, mit

wohlhabenden Leuten zusammenzukommen,« erklärt Herr Förster mit nicht zu

beunruhigendem Selbstbewußtsein.

Die Rheinweinkönigin zuckt die Achseln. Sie ist nicht dumm, trotz ihrer

zahlreichen Schrullen. »Hm!« macht sie ruhig, »wenn mich nicht alles

täuscht, läßt Sie der Alteried auch im Stich. 's ist ihm nicht übel zu

nehme. 's muß ein sonderbares Gefühl sein, so in ei' Haus zu trete, das

einem Fremde gehört und von dem man sich sagt, das Haus sollt eigentlich

mei Haus sein! Es hat überhaupt Mut dazu gehört, Ulmehof zu kaufe.«

»Wieso?« fragt etwas übellaunig Herr Förster.

Die Rheinweinkönigin klappert nur schläfrig mit ihrem Fächer, und einer

der anwesenden Herren nimmt das Wort.

»Man behauptet, es spuke in Ulmenhof jedesmal, wenn ein neuer Besitzer

darin auftaucht,« erklärt der Herr. »Der letztverstorbene Altenried geht

dann in dem Schloß um und zwar so lange, als bis der jeweilige Besitzer

durch einen Unglücksfall vertrieben wird. Das Haus will, wie es scheint,

keinem anderen gehören als einem Altenried.«

»Thörichter Aberglaube!« brummt Herr Förster, dessen Stirn sich

verfinstert hat. »Wenn Altenried sich übrigens nicht bald zeigt, werde

ich servieren lassen.«

»Das denk ich auch,« versichert Herr Wißmuth mit Überzeugung.

»Ich kann nicht anders vermuten, als daß ihm etwas zugestoßen ist,«

meint Herr Förster. Die arme Kitty hat nur gerade Zeit gehabt, totenblaß

zu werden, als die Thür aufgeht und Altenried erscheint.

»Sie haben sich etwas verspätet,« bemerkt Herr Förster mit würdiger

Zurechtweisung, und Herr Wißmuth setzt witzig hinzu: »Sind wahrscheinlich

zu Fuß gegangen, Herr Baron.«

Der junge Mensch errötet ein wenig. »Sie haben's erraten,« sagt er

ruhig.

»Nun, da müssen Sie ja todmüde sein!« bemitleidet ihn Herr Förster,

»zwischen Ilmenau und Solingen liegt ja eine ganze Provinz.«

»Ach, lumpige zwei Stunden, für einen Infanteristen ist das nichts,«

entgegnet Altenried; »wenn ich mich nur bald genug auf den Weg gemacht

hätte, aber ich erfuhr erst im letzten Moment, daß das Reitpferd meines

Vetters krumm sei, mit den Wagenpferden war er am Morgen nach Frankfurt

gefahren. Ich bitte sehr, meine Unpünktlichkeit zu entschuldigen.«

»Es ist Ihnen unter den Umständen als hohes Verdienst anzurechnen, daß

Sie überhaupt gekommen sind,« sagt Herr Förster in einem Ton, daß es

Altenried in den Händen juckt. Da begegnen seine Augen dem Blick Kittys!

Was für ein Blick! zärtlich, empört, begeistert, kindlich unbefangen! Es

war doch der Mühe wert, zwei Stunden zu Fuß zu gehen für diesen Blick!

Indem meldet der Kammerdiener, daß angerichtet ist. Herr Förster führt

die Rheinweinkönigin zu Tisch und fordert Herrn von Altenried auf,

Fräulein von Hohleisen seinen Arm zu bieten. Arme Kitty! Sie beißt sich

die Lippen. Ehe sie sich dessen versieht, hat sie sich am Arm eines der

beiden Frankfurter Dandies, die soeben noch Emma Becker den Hof gemacht

haben, dem Zuge angeschlossen. Man muß sich fügen! Der einzige, welcher

das nicht einsieht, ist Herr Wißmuth, der triumphierend das allerjüngste

und hübscheste der anwesenden Frankfurter Mädchen zu Tisch führt, was

übrigens die ganze, sorgfältig kombinierte Tafelordnung Herrn Försters

umstößt. Aber das ist Herrn Wißmuth trotz all seines Respekts für das

Geld seines Wirtes gleichgültig.

* * *

Der Speisesaal war etwas kahl, wie vorläufig noch alle Räume des

Schlosses, die Wände hell, in einer einzigen, längst verblaßten, kaum

erkennbaren Farbe gemalt und oben längs der Zimmerdecke mit einer

schmalen Weinlaubguirlande verziert, die auch an allen Ecken neben einem

dunkelbraunen Streifen gerade herunterlief. Ein paar Empirebüffetts,

lächerlich klein für das große Zimmer, machten außer dem Speisetisch,

um den die Gäste saßen, die einzige Einrichtung aus. Dieser Tisch,

reich und glänzend besetzt, stand im schreiendsten Widerspruch zu der

puritanischen Einrichtung des übrigen. Wie viel Silber, Aufsätze,

Kandelaber -- alles ein wenig zu glänzend, überladen und geschmacklos

verschnörkelt; die Blumen in den Jardinieren zu dicht aneinander

gedrängt, aber reich und bunt und einen berauschenden Duft ausatmend,

Rosen, Tazetten und Maiglöckchen mit leichtem Farnkraut vermischt! Dazu

eine Batterie von Gläsern neben jedem Teller und das Speiseservice von

buntgemaltem modernem Meißener Porzellan. Die Vorhänge waren zugezogen,

um das lange Frühlingszwielicht hinauszusperren; die massenhaften

Wachskerzen in den silbernen Armleuchtern, sowie in dem großen, mit

geschliffenen Glaspendeloques behangenen venetianischen Luster, einem

Luster, wie man ihn sonst nur in den Empfangsräumen alter Paläste sieht,

strahlten hell.

Kitty sah wunderhübsch und etwas verdrießlich aus und gab ihrem jungen

Nachbar -- außer seinem Reichtum genoß er noch die Auszeichnung, mit den

Abkömmlingen verschiedentlicher Frankfurter Berühmtheiten weitschichtig

verwandt zu sein -- einsilbige Antworten. Der Hausherr, welcher sie so nahe

neben sich placiert hatte, als es die Etikette ihm gestattete, richtete von

Zeit zu Zeit über die zwei Personen hinüber, die ihn von ihr trennten, an

sie Bemerkungen. Fräulein von Hohleisen beobachtete indessen ihren jungen

Nachbar. »Kein Wunder, daß sich die Kleine für ihn interessiert,«

dachte sie bei sich.

Als echte Österreicherin vermochte sie noch immer nicht sich darüber zu

trösten, daß dieser »charmante junge Mensch« verurteilt war, bei

der Infanterie zu dienen, doch mußte sie gestehen, daß man ihm den

Infanteristen nicht anmerkte. Sie bedauerte ihn nur immer aufrichtiger für

diesen Beweis seiner Armut.

Er war groß, eher größer als der Hausherr, von kräftigem Wuchs, aber

sehr schlank, mit der Schlankheit seiner fünfundzwanzig Jahre und seiner

vornehmen Herkunft. Das schmale Gesicht, bis auf den leichten Schnurrbart

glatt rasiert, hatte das etwas zu lange Kinn, welches Fräulein von

Hohleisen auf allen Ahnenbildern der Altenrieds bemerkt hatte, ein sehr

feines Profil, und unter der breiten, nicht allzu hohen Stirn, die im

Gegensatz zu dem Rest des Gesichts schneeweiß war, blickten, von dichten

horizontalen Brauen beschattet, ein Paar tiefliegende, mandelförmige

dunkelblaue Augen. Diese Augen blieben immer ernst, selbst wenn die etwas

vollen Lippen lachten. Die Haltung des jungen Menschen war stramm und

frei zugleich, was in seiner abwechselnd zur Steifheit oder Schlaffheit

neigenden Umgebung besonders auffiel, seine Manieren waren bescheiden und

verbindlich ohne aufdringliche Dienstfertigkeit.

Er hatte das Herz Annas erobert, ehe er noch ein Wort zu ihr gesprochen.

Mit dem Reden war's überhaupt schwach bei ihm bestellt. Sie begriff, warum

es ihm schwer fiel. Und doch fühlte sie den Wunsch, in seinem Inneren

etwas weiter vorzudringen, Kittys halber.

Nach einem Weilchen machte sie einen kühnen Angriff. »Wie alt waren Sie,

als Sie Ulmenhof verließen?« fragte sie rund heraus.

Er schrak ein wenig zusammen, sah zu ihr auf. Die Frage hätte leicht

etwas Unzartes haben können. Aber aus Annas grauen Augen sprach so viel

Teilnahme, daß der junge Mann sofort merkte, er habe eine Freundin an dem

grauhaarigen Mädchen gewonnen.

»Zehn Jahre,« sagte er.

»Und seit der Zeit haben Sie das Schloß nicht besucht?«

»Nein.«

»Dann muß es für Sie recht unangenehm sein, es das erste Mal unter so

vielen Fremden wiederzusehen.«

Sie sprach in einem unbefangenen mütterlichen Tone zu ihm, als ob sie ihn

sein lebenlang gekannt hätte. Ihre Stimme, ihr Blick, ihr ganzes Wesen

that ihm wohl. Offenbar war die Sympathie zwischen ihm und ihr gegenseitig.

»Habe ich mir das so sehr anmerken lassen?« sagte er, indem ein Lächeln

seine Mundwinkel hinaufkrümmte, das Lächeln, hinter dem ein Mensch seines

Schlages eine peinliche Gemütsbewegung versteckt. »Es ist sonst nicht

meine Art, aber ich bin heute etwas zerstreut. Ich bitte Sie sehr, mich zu

entschuldigen, gnädiges Fräulein.«

»Man müßte ein Unmensch sein, um Ihnen Ihre Verstimmung übel zu

nehmen,« erklärte Anna energisch; »ich hätte eigentlich gar nicht von

diesem Thema anfangen sollen, aber ich kann Ihnen so gut nachempfinden. Ich

habe etwas Ähnliches erlebt; auch unser Landgut, das, auf dem ich einen

Teil meiner Mädchenjahre verbrachte, ist verkauft worden. Es war lange

nicht so schön wie Ulmenhof, aber ich hatte es doch unbeschreiblich lieb.

Zehn Jahre, nachdem ich Abschied davon genommen -- unter wieviel Thränen!

-- schlich ich mich heimlich an den Gartenzaun heran, hinter dem ich fremde

Kinder laufen hörte; die Frau des neuen Besitzers erblickte mich und

forderte mich auf, einzutreten. Keine Möglichkeit, mich dem zu entziehen!

Die neuen Menschen waren sehr nett gegen mich, =selon leurs lumières=!«

-- ohne ein bißchen Französisch kommt Anna nicht durch -- »ich wurde

gefeiert, bewirtet, dann schleppten sie mich zwei Stunden lang in Haus und

Garten herum, um mir die von ihnen angebrachten Verbesserungen zu zeigen.

Mein armer Garten! wie sah der aus! ich konnte ihn gar nicht finden

zwischen all den neuen Teppichbeeten, Springbrünnlein und wohlgepflegten

Bosketts. Das Haus erschien mir unter seiner neuen Tünche wie geschminkt.

Als ich mich entfernte, hatte ich die Heimat verloren, selbst die

Erinnerung daran war jetzt verzerrt und verzeichnet, ich konnte sie nicht

mehr deutlich in mir wachrufen. Nun, zum wenigsten war ich für immer von

meinem Heimweh geheilt.«

»Mich wird von meiner Liebe zu Ulmenhof nichts mehr heilen,« erklärte

der junge Altenried immer noch lachend. »Wenn ich tot bin, geh ich in

Ulmenhof um,« sich etwas zu Anna neigend. »Sie begreifen vielleicht,

gnädiges Fräulein, daß es mir, alles Heimweh beiseite, eine

unbeschreibliche Genugthuung wäre, den jetzigen Besitzer hinauszuquälen.

Hm! im Leben dürfte mir's kaum beschieden sein!« Er schwieg einen

Augenblick, dann hub er von neuem an: »Wissen Sie, woran ich dachte, als

ich so stumm neben Ihnen saß, gnädiges Fräulein? Ich beschäftigte mich

damit, die Möbel an ihre alten Plätze zu rücken. Hier fand ich mich

anfänglich gar nicht zurecht. Die beiden Büffetts gehörten in unser

altes Speisezimmer. Diesen Saal bewohnten wir eigentlich nicht, er war zu

groß für unsere Verhältnisse, wie übrigens das ganze Schloß. Nur zu

Weihnachten wurde er geheizt, der Christbaum wurde immer darin angezündet,

dort unter dem Bild der Urgroßmutter -- das ist meine Urgroßmutter, die

Frau in dem weißen Kleide und mit dem Gürtel unter den Schultern.

Mein Gott, an unserem ganzen Christbaum hing nicht ein Viertel von den

Wachskerzen, die heute hier verbrannt werden. Er malte immer nur eine

kleine Lichtinsel in den großen Raum hinein, alles übrige blieb

dämmerig. Aber es war so schön, sich aus der Dämmerung heraus in diese

Lichtinsel zu stürzen, man freute sich so an jedem bunten Bilderbuch,

an jedem Spielzeug, jeder vergoldeten Nuß. Der Aufbau wurde alle Jahre

ärmlicher, aber je ärmlicher er wurde, desto lauter freute man sich,

schon um den Eltern ein Vergnügen zu machen. Es war doch schön,« setzte

er leiser, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, »bis in die Sorgen hinein

war's schön!«

»Leben Ihre Eltern noch?« fragte Anna.

»Sie befehlen, gnädiges Fräulein?«

Altenried hatte nicht aufgehorcht.

»Ich fragte, ob Ihre Eltern noch leben.«

»Mein Vater starb bald, nachdem Ulmenhof verkauft war. Die Sorgen

hatten zwar aufgehört, aber er konnte sich in das Stadtleben nicht

hineingewöhnen. Wir thaten, was in unserer Macht lag, um's ihm lustig zu

machen, wir sagten immer, daß wir Ulmenhof gar nicht entbehrten, daß es

viel amüsanter sei in der Stadt. Aber er glaubte uns nicht. Er sah uns

immer so ängstlich von der Seite an, als ob er uns um etwas gebracht

hätte, der Arme, gerade als hätte er etwas dafür gekonnt. Als er

Ulmenhof übernahm, war es bis zum Wetterhahn hinauf verschuldet. Wie

hätte er sich da heraushauen sollen! Das einzige, was man ihm allenfalls

zum Vorwurf machen konnte, war, daß er ein Mädchen ohne Mitgift

geheiratet ... aber ... wir hätten keiner eine andere Mutter haben

wollen!«

»Ihre Mutter lebt noch?«

»Ja, Gott sei Dank!«

»Und Sie haben mehrere Geschwister?«

»Zehn Stück.« Altenried lächelte, während er Anna von Hohleisen

diese verblüffende Mitteilung machte, aber er zuckte munter die Achseln:

»›'s ist kein Krüppel, kein Trottel, kein schlechter Kerl darunter,‹

damit entschuldigt sich meine Mutter jedesmal, wenn man ihr den allzu

großen Kindersegen zur Last legt, mit dem sie meinen Vater beglückt

hat.«

»Sie sind der Älteste?«

»Nein, ich stecke mitten drin.«

»Und Ihre Mutter ist noch wohlauf?«

»Ja, gottlob. Sie trägt ihr Schicksal rüstig und ist sogar sehr heiter,

obgleich sie ihre Witwentrauer nie abgelegt hat. Meine Mutter ist eine

wunderschöne alte Frau. Sie sieht Ihnen etwas ähnlich, gnädiges

Fräulein.« Kaum waren die Worte gesprochen, so wurde er verlegen.

Anna lachte. »Ich hab's Ihnen nicht übel genommen,« versicherte sie dem

jungen Mann gutmütig, »im Gegenteil, in meinem Alter freut man sich über

jedes Kompliment.«

»Aber meine Mutter ist natürlich viel älter als Sie, gnädiges

Fräulein,« beeiferte sich Altenried zu versichern.

»Ach, ich bitt Sie, auf ein graues Haar mehr oder weniger kommt's nicht

an,« erwiderte die Österreicherin, »zu den jungen Hasen gehör ich

ja auch schon längst nicht mehr. Wenn ich zur richtigen Zeit geheiratet

hätte, könnte ich jetzt fast einen so großen Sohn haben, wie Sie sind,

und unter uns gesagt, es wäre mir ganz recht.«

Das war ein sehr komischer Ausspruch. Anna von Hohleisen sagte manchmal

unmögliche Dinge -- sie war bekannt dafür --, aber immer so, daß es sie

gut kleidete.

Während der junge Mensch sie etwas erstaunt ansah und noch keine

Erwiderung auf ihre Worte gefunden hatte, fuhr sie lachend fort: »Es wäre

gar nicht übel, sich für seine alten Tage eines solchen Verehrers zu

versichern, wie ihn Ihre Mutter an Ihnen hat!« Und dabei griff sie nach

ihrem Champagnerglas und sagte mit ihrem lieben Lächeln: »Stoßen wir auf

gute Freundschaft an, Herr von Altenried.«

»Von Herzen gern, gnädiges Fräulein!« Während die Gläser der beiden

aneinanderklangen, suchte Anna das Gesichtchen Kittys -- sie merkte wohl,

daß der Blick ihres Nachbarn denselben Weg genommen, doch blieb er nicht

auf Kitty haften, sondern glitt sofort wieder ab.

»Gefällt sie ihm nicht, oder wagt er sich nicht an sie heran seiner Armut

halber?« fragte sich Anna von Hohleisen. Und der Zweifel gab ihr einen

Stich durchs Herz. Es war ihr sehr darum zu thun, daß Kitty diesem jungen

Menschen gefallen solle.

Das Diner nahte seinem Ende. Die Diener trugen die Dessertaufsätze herum

-- Herr Wißmuth hatte ein sehr rotes Gesicht und wässerige Augen und riß

unermüdlich Knallbonbons entzwei mit seiner jungen Nachbarin, der er dann

schmunzelnd die Devisen vorlas.

Herr Förster hatte soeben einen Toast ausgebracht auf die »neuerblühte

Rosenknospe in der Wetterau« und streckte dabei sein Champagnerglas Kitty

entgegen.

»Herr Förster macht Fräulein Kitty den Hof,« bemerkte Altenried in

einem Tone, von dem Anna sich fragte, ob er wirklich gleichgültig war oder

nur so klingen sollte.

»Darüber kann kein Zweifel herrschen,« entgegnete ihm Anna.

»Er hat recht,« sagte Altenried, mit den Bonbonhülsen auf seinem

Dessertteller spielend, »es läßt sich nicht leugnen, daß Fräulein

Wißmuth prächtig nach Ulmenhof passen möchte.«

»Ja, sie gefällt ihm,« dachte Anna; »aber liebt er sie?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Kitty hatte keinen Zweifel darüber, nein, nicht den geringsten Zweifel.

Sie wußte, daß Altenried von ihr wegschaute, weil Herr Förster ihr

Aufmerksamkeiten erwies, weil er ein armer Teufel war und Herr Förster

eine gute Partie. Mit achtzehn Jahren fühlt man so etwas genau -- später

irrt man sich, quält sich mit mißtrauischen Zweifeln ab, oder macht sich

lächerlich durch mühsam festgehaltene Illusionen -- aber mit achtzehn

Jahren irrt man sich nicht!

Kitty wußte ganz gut, wie es im Herzen Altenrieds aussah -- der einzige

dunkle Punkt in dieser Verwickelung war für sie, wie ihn dazu bekommen,

ihr seine Liebe einzugestehen. Das Schlimmste war, daß er, wie er ihr

selber mitgeteilt, noch dieselbe Woche abreisen sollte.

* * *

Jetzt war das Diner vorbei; man hatte sich von neuem in der Vorhalle

versammelt. Die Stimmung war um ein bedeutendes gemütlicher geworden; alle

Gäste sprachen lauter als vor dem Essen und waren stärker gefärbt. Man

merkte, daß man sich nicht weit vom Rhein befand.

Man hatte sich nach gut deutscher Sitte die Kreuz und Quere die Hände

gereicht, hatte Kaffee und Chartreuse getrunken, die Damen hatten den

Herren gnädigst die Erlaubnis erteilt, in ihrer Gegenwart eine Cigarette

zu rauchen.

Aus Kittys großen Kinderaugen blitzte ein Gewitter von Ungeduld, Herr

Förster hatte sie eine volle Viertelstunde mit schönen Redensarten

festgenagelt -- Altenried stand indes mit einem verdrießlichen Gesicht am

anderen Ende der Halle, und Kitty klopfte das Herz vor Angst, er könnte

sich auf französisch aus dem Staube machen, ehe sie noch Gelegenheit

gefunden haben würde, ein Wort mit ihm zu reden. Der Gedanke war

unerträglich. Indessen hatte eine der Damen gefragt, ob denn nicht

einer der Anwesenden einen Walzer spielen könne. Anna Marie hatte sich

bereitwillig an den Flügel gesetzt und hämmerte mit Macht und

dem österreichischen Walzerrhythmus, der ihr im Blut steckte, die

»Geschichten aus dem Wiener Wald« in die Tasten hinein.

Eine Minute später walzte alles. Herr Wißmuth sehr unternehmend und

den Ellenbogen altmodisch zusammenknickend, natürlich mit dem blutjungen

Mädchen, neben dem er bei Tisch gesessen und in das er augenscheinlich bis

über die Ohren verliebt war, Hildegard von Mühlhausen mit einem Offizier,

den sie um eine Kopflänge überragte und bei jedem Schritt vom Boden

aufhob. Der Offizier tanzte offenbar aus Pflichtgefühl, und Hildegard gab

sich den Anschein, ein Opfer zu bringen. Sie war nie erhabener, als wenn

sie sich aus Gefälligkeit den kleinlichen Vergnügungen gewöhnlicher

Menschen unterzog. Emma Becker tanzte -- ja selbst die dicke

Rheinweinkönigin schnaufte in den Armen eines höflichen Jünglings

seelenvergnügt in der Halle herum. Herr Förster hatte natürlich sofort

Kitty engagiert. Sie trachtete so schlecht zu tanzen als möglich, um ihn

rasch los zu werden; da das keinen Eindruck auf ihn machte, schützte

sie Atemlosigkeit vor. Ehe er sie widerwillig genug losließ, um sich als

höflicher Hausherr einer anderen Dame zur Verfügung zu stellen, drückte

er ihr zärtlich die Hand.

Kitty merkte es kaum und hatte keine Zeit sich darüber zu ärgern. An

seiner sich entfernenden Gestalt vorbei blickte sie zu Altenried hinüber,

so einschmeichelnd, als sie es überhaupt zu stande brachte, und das war

nicht wenig. Einen Moment that Altenried, als ob er nichts merkte, dann --

nun, dann ging er ruhig auf sie zu.

»Herr von Altenried, was haben Sie heute eigentlich gegen mich?« fragte

sie ihn mit einer wundervoll altklugen Miene streng.

»Ich gegen Sie, gnädiges Fräulein?« Er lächelte unwillkürlich, und

sie fuhr, die Achseln in die Höhe ziehend, mit einem komisch feierlichen

Gesichtsausdruck fort: »Ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den

Hof macht.«

»Können Sie wirklich nichts dafür?« sagte er etwas mutwillig. »Nun, da

darf ich's Ihnen auch nicht weiter zur Last legen; ich dachte wirklich, Sie

hätten plötzlich Ihre Meinung von ihm geändert.«

»Es dürfte doch noch einige Zeit dauern, ehe das geschieht,« entgegnete

Kitty.

Anna Marie hämmerte noch immer gutmütig darauf los, die »Dorfschwalben«

jetzt.

»Dürfte ich bitten,« sagte Altenried.

Kitty nickte, und schon wirbelte sie im Arm des jungen Mannes fort, von

der süß hinschmachtenden Musik getragen in einem Meer von warm pochender

Jugendseligkeit.

Anna Marie blickte ihnen nach, mitten aus ihrer Thätigkeit am Klavier

heraus. Sie sahen sehr hübsch aus miteinander, wie nur zwei junge Menschen

mit sich instinktiv einander anschmiegenden Bewegungen.

»Wie gut er walzt für einen Preußen!« dachte Anna, die von

österreichischem Lokalpatriotismus nicht ganz frei war.

Dann standen sie zusammen in einer Fensternische. Das Fenster war offen,

und man sah den Mond draußen am Himmel in einem Gewimmel von zahllosen

Sternen. Die milde, von süßherbem Wohlgeruch geschwängerte Luft strich

ihnen um die Wangen.

Einige der Gäste fuhren fort zu tanzen, einige andere gingen paarweise

oder zu dreien in den Garten hinaus. Kitty sah ihnen sehnsüchtig nach.

»Möchten Sie nicht auch mit mir hinaus?« flüsterte sie, »es muß

wunderschön sein jetzt.« Altenried stockte einen Augenblick. Wie oft

hatte er sich heute bereits vorgenommen, vernünftig zu sein, aber es

wollte ihm nun einmal nicht recht glücken! Ehe er sich's versah, wandelte

er draußen neben Kitty über die breiten, roten Sandwege, die vom langsam

sinkenden Nachttau feucht waren und auf welche die Schatten der noch

dünnbelaubten Fliederhecken zwischen das grelle Mondlicht fielen.

»Ich will Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen,« sagte er leise. Er hatte

ganz vergessen, daß Ulmenhof einem Fremden gehörte.

Er führte Kitty an einen runden Platz, um den hohe, in der Manier des

Lenotre verstutzte Laubmauern emporragten. Gegen diese Laubmauern hoben

sich abwechselnd Statuen und steinerne Bänke ab. Die Mitte des Platzes

nahm ein derzeit versiegter Springbrunnen ein, dessen Becken zwei vermooste

Delphine schmückten. Der Mond schien grell und verlieh den Statuen

ein quälend unbestimmtes Halbleben. Sie sahen auf ihren Sockeln wie

verzauberte Menschen aus, die plötzlich von einer wahnwitzigen Sehnsucht

befallen worden wären, auf die Erde herunterzusteigen und noch einmal

hinauszujubeln in den Frühling.

»Wenn wir uns ein wenig niedersetzten, ein ganz klein wenig,« bettelte

Kitty einschmeichelnd.

»Ist es nicht zu kalt?« murmelte er. »Ich will Ihnen einen Umwurf

holen.«

»Ach nein!« bat sie, »allein fürchte ich mich,« und sie blickte sich

schaudernd nach den Delphinen um. »Es ist nicht kalt. Übrigens --«

und lachend schlug sie den Doppelrock ihres weißen Kleidchens über ihren

bloßen Kopf, wie eine Wallfahrerin im Regen. Es ließ ihr entzückend, das

zarte Blütengesicht sah doppelt verführerisch aus in der weißen Hülle,

die sie mit einer Hand unter dem Kinn festhielt. Sie setzte sich auf

eine Bank neben die Statue einer Flora mit einem leeren Füllhorn und

tänzelnder Pose. Einen Augenblick blieb er stehen, dann setzte er sich

auch. Das Blut pochte ihm in allen Fingerspitzen, sein Mund war trocken.

Wie herrlich das alles war! Rings um ihn Mondschein und Frühling, und

neben ihm Kitty so ruhig und unbefangen, offenbar ahnungslos von dem

Gewitter in seinen Nerven. »Man möchte immer hier bleiben,« sagte

sie aus einem längeren Schweigen heraus mit ihrem vollen, innigen

Kinderstimmchen und blickte ihn aus großen, begeisterten Augen an.

Er sah mühsam von ihr weg. »Nach allem, was ich heute beobachten konnte,

hängt es wohl von Ihnen ab, ob Sie für immer hier bleiben wollen oder

nicht,« murmelte er heiser.

»Ich hab's Ihnen schon einmal gesagt, ich kann nichts dafür, daß mir

Herr Förster den Hof macht,« wies sie ihn humoristisch zurecht. »Wenn

Sie auf jemanden böse sein wollen, so müssen Sie auf Herrn Förster böse

sein, nicht auf mich.«

»Wie soll ich auf Herrn Förster böse sein,« murmelte Altenried, und

plötzlich, fast auffahrend, setzte er hinzu: »Glauben Sie denn, ich

würde Sie nicht auch neben mir festzuhalten trachten, wenn mir Ulmenhof

gehörte?« So, da hatte er's! Sein armseliges bißchen Selbstbeherrschung

war ihm gänzlich abhanden gekommen.

Was nun? ... Ja was? ... Kitty legte ihm ganz einfach die weiche kleine

Hand auf den Arm und sagte: »Und jetzt wollen Sie weiter nichts von mir

wissen, nur weil Ihnen Ulmenhof nicht gehört?«

Das weiße Röckchen, das sie noch immer mit der Linken unter dem Kinn

festgehalten, war ihr von dem krausen Scheitel heruntergeglitten, der warme

Duft ihres Haares streifte seine Wange, ihre großen Augen blickten zu ihm

auf.

Was war da noch viel zu machen! Er nahm die kleine Hand, die sie auf seinen

Arm gelegt, und küßte sie zwei-, dreimal. »Kitty, Kitty, mein Engel,

mein Leben!« rief er. Dann hatte er plötzlich wieder einen Anfall von

Vernunft. Sein Atem stockte. »Ich bete Sie ja an,« begann er, »Sie

wissen's ja; wenn Sie es nicht gewußt hätten, so wären Sie nicht gegen

mich gewesen, wie Sie gewesen sind ...«

»Wahrscheinlich,« sagte Kitty sehr ruhig.

Er mußte unwillkürlich lächeln, mitten in seine Vernunft hinein, dann

fuhr er fort: »Aber sehen Sie, Sie sind ja ein Kind, und ich müßte ein

ganz schlechter Kerl sein, wenn ich Sie beim Wort halten wollte, da Sie

gar nicht wissen, was Sie auf sich nehmen. Sie kennen das Leben nicht, Sie

haben mich lieb, weil Sie Mitleid mit mir haben. So etwas gilt nicht,

es könnte Sie später gereuen, und dann würden Sie an Ihrer Verlobung

schleppen wie an einer schweren Kette, weil Sie doch zu ehrenhaft wären,

Ihr Wort zurückzunehmen. Nein, bewahren Sie Ihre Freiheit ungeschmälert.

Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um mir eine Existenz zu

schaffen, die ich Sie auffordern dürfte mit mir zu teilen. Und sollten Sie

dann wirklich noch frei sein und Ihre liebe Hand in die meine legen, dann

will ich Ihnen auf den Knien danken dafür. Bis dahin ...« er stockte

außer Atem. Er hatte sich selbst reden gehört und gestaunt über seine

eigene Beredsamkeit. Alles, was er sagte, kam ihm so überaus stichhaltig

vor, daß er selbst nicht begriff, was man dagegen einzuwenden vermöchte.

Ein kalter Schauer überlief ihn, eine Angst, es wäre ihm wirklich

gelungen, sein schönes Glück wegzuvernünfteln.

Einen Augenblick zögerte Kitty, dann sagte sie: »Bis dahin können wir

beide graue Haare haben. Nun, mir ist recht, was Ihnen recht ist, ich

warte auf Sie, wenn's sein muß, meinetwegen hundert Jahre. Aber meinen Sie

wirklich, daß es der Mühe wert ist, unser Glück hinauszuschieben, bis

wir ein Paar trockene alte Mumien geworden sind, nur weil wir dann ein

bißchen mehr Geld haben werden?«

»Kitty! -- und Sie könnten sich entschließen, mich jetzt zu heiraten,

auf meine Lieutenantsgage und meine zehn Thaler Monatszulage hin?« rief

Altenried.

»Ich würde Sie heiraten, wenn ich zugleich Ihre Frau und Ihre Scheuermagd

sein müßte,« sagte Kitty, »das wär mir ganz gleich.«

»Kitty --!« Er legte den Arm um sie, ein kleiner, weicher, zitternder

Schrei kam von ihren Lippen, halb wie das triumphierende Aufkichern eines

Kindes, das seinen Willen durchgesetzt hat, halb wie das Schluchzen

eines Weibes, das an der Grenze der höchsten Glückseligkeit steht. Sie

schmiegte sich an seine Brust, er drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen,

und der Frühling freute sich.

Unterdessen hatte man Anna Marie eine kurze Rast gegönnt, ein Leierkasten,

den der Kammerdiener drehte, vertrat ihre Stelle. Fräulein von Mühlhausen

forderte sie auf, mit ihr im Park spazieren zu gehen. Anna Marie zeigte

sich immer bereit zu allem, was die anderen von ihr verlangten, diesmal

um so mehr, als ihr selbst darum zu thun war, ein bißchen nach Kitty

zu sehen, was die scharfsinnige Hildegard sofort bemerkte. »Sie suchen

Kitty?« sagte sie, indem sie Anna Maries spähenden Blick beobachtete.

»Die ist nicht weit, vor einem Augenblick habe ich sie mit meinem Vetter

Altenried in den Garten verschwinden sehen. Herr Förster hat sie auch

gesehen, er war wütend. Es ist komisch, Herr Förster ist in Kitty

verliebt, die ihn nicht mag, und Kitty ist in meinen Vetter verliebt, der

nun -- der jedenfalls durchaus nicht daran denkt, sie zu heiraten. Als

gewissenhafter Mensch hat er ihr das auch deutlich gezeigt, aber sie hat

nicht verstehen wollen. Ich bin fest überzeugt, sie hat ihn aufgefordert,

sie in den Garten zu begleiten.«

Anna Marie sah Hildegard sehr betreten an. Sie wußte noch nicht, daß

Hildegards hervorragendste Eigenschaft (außer der Erhabenheit) die

Wahrheitsliebe war, das heißt das, was sie für Wahrheitsliebe hielt,

nämlich eine drängende Sucht, jedem Menschen so viel Unangenehmes ins

Gesicht zu sagen als möglich. Ehe Anna noch eine Antwort bei der Hand

hatte, fuhr die Mühlhausen fort: »Mir ist es immer komisch, was einige

Mädchen alles daran wenden, um die Männer an sich zu locken; ich hatte

immer genug zu thun, die Männer von mir abzuwehren.« Fräulein von

Mühlhausen hatte eine schwarze Spitzenmantille um Kopf und Schultern

geworfen und sah sehr malerisch und über die Maßen verlockend aus. »Mein

Gott, hat sie vielleicht zu viel Champagner getrunken?« fragte sich

Anna Marie. Aber der Champagner hatte nichts damit zu thun, Fräulein von

Mühlhausen war einfach in jenem Zustand persönlicher Mitteilungswut,

welcher jedesmal über sie kam, sobald sie sich mit einem halbwegs

geduldigen Wesen im =tête-à-tête= befand. Sie leistete in solchen

Fällen das Merkwürdigste an Anspielungen auf ihre geheimnisvollen Reize,

auf ihre sehr hohe Begabung, ihre Verehrer und ihre Heiratsanträge. Welche

Reihe von abgewiesenen Freiern! -- ein Prinz von Geblüt, ein pensioniertes

gekröntes Haupt -- Fräulein von Hohleisen konnte nicht recht

herausbringen, ob es der letzte Kaiser von Mexiko oder der vorletzte

Prätendent des damals vakanten spanischen Königsthrons war --

Berühmtheiten jeder Kategorie, deutsche Standesherren und einfache

italienische Principi u. s. w. Anna Marie lauschte staunend, verblüfft,

und sah zugleich etwas verwundert an der verkümmerten Gestalt des neben

ihr herwandelnden alten Mädchens nieder. Erst allmählich dämmerte es in

ihrer arglosen Seele auf, daß Hildegard von Mühlhausen im höchsten Maß

von dem Verfolgungswahnsinn gewisser alter Jungfern geplagt war, die in

jedem Mann einen Freier sehen und beständig Heiratsanträge abweisen, wo

keine drohen. Sie war eine von den Persönlichkeiten, denen die Phantasie

reichlich durch Illusionen ersetzt, was ihnen das Schicksal an wirklichen

Glücksgütern vorenthalten hat. »Ja, ich hab mich von jeher tapfer

halten müssen, um dem Ideal meines Lebens treu zu bleiben,« versicherte

Hildegard nach einer Weile selbstgefällig.

»Was ist das Ideal Ihres Lebens?« fragte Anna Marie.

»Die heilige Unabhängigkeit meines Herzens und meiner Person.«

»Unter allen Umständen?« fragte Anna Marie etwas kopfschüttelnd und

ungläubig.

»Unter allen Umständen,« versicherte Hildegard mit Überzeugung. »Die

Ehe ist etwas so Unästhetisches. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich weiß nicht,« sagte Anna Marie gewissenhaft; »in meiner Jugend

hatte ich keine Zeit, ans Heiraten zu denken, und es hat sich schließlich

nie jemand viel um mich bekümmert. Als zum erstenmal die Frage ernstlich

an mich herantrat, war ich zu alt.«

»Das ist ja ganz thöricht, Sie sind jetzt noch nicht zu alt,«

versicherte Fräulein von Mühlhausen tröstend und höflich.

»Nun, vielleicht hätte es eine andere an meiner Stelle immerhin noch

probiert,« meinte Anna Marie lachend, »aber ich -- mit einem Wort, ich

hatte ein zu romantisches Temperament, um mich in eine Ehe hineinzufügen,

die zu meinen Jahren gepaßt hätte.« Kaum waren die Worte von ihren

Lippen gefallen, so wurde sie dunkelrot, sie schämte sich, so viel von

sich selbst gesprochen zu haben.

Auf Fräulein Hildegard hatte das naive Geständnis gar keinen Eindruck

gemacht, die dachte immer nur an sich.

»Ich bin nicht im mindesten romantisch,« versicherte sie, »mir ist alle

Liebe entsetzlich, ein jeder Mann wurde mir widerwärtig in dem Augenblick,

wo ich merkte, daß er Lust bekam, mir einen Kuß zu geben. War das bei

Ihnen nicht der Fall?« Die erhabene Hildegard forderte diese Vergleiche

mit ihrer Umgebung natürlich immer nur heraus, um ihre eigene sittliche

Höhe an der Kleinheit der anderen zu bemessen. Diesmal wurde selbst die

gutmütige Anna Marie etwas ungeduldig. »Ich muß aufrichtig gestehen,«

rief sie, »daß ich nicht oft --« doch ohne den Satz zu Ende zu

sprechen, schlug sie die Hände zusammen und rief halb freudig halb

erschrocken: »Jesus Maria!« worauf sie, ohne Hildegard weiter zu

beachten, auf die beiden jungen Leute zueilte, die sie soeben neben der

Flora sitzend erblickte, und ihren rätselhaften katholischen Ausruf in die

Worte übersetzte: »Aber Kinder! was ist euch denn eingefallen?«

»Thue nur nicht so verzweifelt,« rief Kitty trotzig, »es geht dir doch

nicht vom Herzen. Ich hab dir's ja angesehen, ganz genau hab ich dir's

angesehen, daß du dir nichts Besseres für mich wünschtest. Wie solltest

du auch!« Und Kitty heftete ihre von Glück und Liebe strahlenden

Kinderaugen auf Altenried.

»Ich hoffe, daß wir Ihrer Sympathien sicher sind, gnädiges Fräulein,«

sagte der junge Offizier, der, im Gegenteil zu Kitty, eher etwas verlegen

war. »Mein Geständnis ist schneller gekommen, als ich gedacht hatte!«

»Daran bin ich allein schuld,« versicherte Kitty gelassen, »ich habe ihn

gezwungen sich auszusprechen!«

Altenried sah erst Kitty, dann Anna Marie an, dann legte er den Arm um

Kitty. »Gnädiges Fräulein, Sie haben keine Ahnung, wie lieb, wie --«

Die Stimme brach ihm, er küßte Kitty auf die Stirn.

»Und das nennen die Menschen Liebe!« murmelte Fräulein von Mühlhausen,

indem sie mit einem essigsauren Gesicht und vom Kopf bis zu den Füßen

eingehüllt in Erhabenheit danebenstand und zusah. »Ich begreife wirklich

nicht, wie das zwei vernünftigen Wesen Freude machen kann.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Um eine Stunde später war es still in Ulmenhof.

Am Rand der breiten Chaussee, die nach Ilmenau führte, ging ein junger

Offizier, den Säbel unter dem Arm. Zwischen den blühenden Obstbäumen,

die rechts und links die Straße umsäumen, zog sich hoch über seinem

Haupt ein breiter blauer Streifen dicht mit Sternen besäet, und der junge

Mensch wünschte sich die Sterne aus dem Himmel auf die Erde herunter, nur

um sie seiner Braut als Spielzeug in den Schoß werfen zu können. Jeder

Blick des Mädchens, jedes liebe, unschuldige, übereilte Wort tauchte aus

seiner Seele auf, während er so dahinschritt durch die stille Nacht

-- rings um ihn die duftenden grünen Getreidefelder und die blühenden

Bäume, über ihm der Himmel. Ein Wagen kam an ihm vorüber, rasch und

leicht. Er trat in den Schatten, um nicht gesehen zu werden.

Er hatte sich bis dahin nicht viel aus seiner Armut gemacht und aller Neid

war ihm fremd gewesen, aber heute gab's ihm einen Stich durchs Herz.

Es demütigte ihn, daß er Kitty so gar nichts zu bieten vermochte. Und

plötzlich fing seine Phantasie an zu arbeiten. Auf welche Weise wäre es

denn möglich, seine Zukunft etwas glänzender zu gestalten? Er hatte einen

sehr reichen Onkel, den er allenfalls beerben konnte, aber der Onkel war

noch jung, er gönnte ihm sein Leben -- und dann -- eine Erbschaft, die

man unter elf Personen teilt! Er konnte dem Militärdienst entsagen, in

ein Comptoir eintreten und Unsummen an der Börse gewinnen. Aber von diesem

Gedanken wendete er sich unmutig ab, nein, das lag ihm nicht im Blut, es

würde doch nichts Gutes dabei herauskommen.

Was blieb übrig -- ruhig seine nüchterne Werkeltagspflicht zu thun,

genügsam von zehn Jahren zu zehn Jahren ein kümmerliches Avancement

abwarten. -- Er ballte die Faust und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

Noch eins war möglich, es konnte Krieg kommen! Sein Blut pochte stärker.

Krieg! Krieg! Das größte, edelste Hazardspiel der Welt! Er dachte nicht

an das Furchtbare, das mit dem Krieg verbunden war, er dachte nur, daß

der Krieg einen weiteren Spielraum bot für die Entwickelung seiner

Fähigkeiten, eine Gelegenheit, seine Berufspflichten ernster, aufopfernder

auszuüben, eine Möglichkeit, sich rascher emporzuschwingen, etwas

zu erringen mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Eine tolle

Begeisterung überkam ihn, ein gräßlicher, dringender Wunsch. In

demselben Moment schwirrte eine Sternschnuppe aus dem blauen Himmel

herunter.

Das Herz des jungen Menschen blieb stehen. Er kannte den Aberglauben,

welcher behauptet, daß der Wunsch, auf den, kaum daß er aus unserem

Herzen aufgestiegen ist, eine Sternschnuppe antwortet, vom Schicksal

erfüllt werden soll. Und plötzlich wurde ihm kalt. Wie hatte er etwas so

Entsetzliches wünschen können -- entsetzlich nicht für ihn, aber für so

viele andere.

Ihm war's, als bedeckten sich die Felder ringsum mit Leichen ... und doch!

Er hatte echtes Soldatenblut in den Adern -- das alte Raubritterblut der

Altenrieds. Was bedeutete das denn eigentlich, unter den Fahnen zu stehen

in nicht absehbarer Friedenszeit? Ein Offizier, der zu nichts anderem

diente, als seiner Mannschaft den Ceremonien- und Tanzmeister abzugeben

-- ein Offizier, dem nie Gelegenheit geboten worden war, sein Leben in die

Schanze zu schlagen, war doch ein recht armseliger Wicht!

Zur selben Zeit lag Kitty, die Arme unter dem Kopf, in ihrem Bettchen

und träumte ihrerseits in die Zukunft hinein, glücklich bis in jede

Fingerspitze, aber bescheiden und still -- eine Zukunft, in der sie Hand

in Hand mit ihm denselben Weg gehen würde, einen ganz schmalen Weg, aber

rechts und links mit Blumen besetzt, nach denen sie sich bücken mußten,

um sie zu pflücken -- ja, sich tief bücken. Aber je tiefer sie sich

danach bückten, um so mehr freuten sie sich daran.

Hand in Hand -- Hand in Hand -- bis in den Sonnenuntergang hinein!

* * *

Anna Marie sitzt in ihrem Zimmer und schreibt Briefe. Es ist die

Beschäftigung, die ihr im Leben infolge ihres großen Bekanntenkreises

am meisten Zeit wegnimmt. Ihre massenhafte Korrespondenz ist die Steuer,

welche sie für ihre Beliebtheit zahlt.

Kitty kniet unten im Garten vor einem Gemüsebeet, in das sie abwechselnd

mit einem spitzigen Stück Holz Löcher bohrt und aus einem blauen

Papiersäckchen Samen streut. Sie trägt eine verwaschene, rot ausgenähte

blaue Ärmelschürze, die noch von ihrer Pensionszeit herrührt und

ihre biegsame, junge Gestalt völlig einhüllt, ein Paar hirschlederne

Handschuhe, mit denen sie ungeniert in der Erde wühlen kann, und einen

großmächtigen Strohhut. Ein dicker, brauner Dachshund, dem ihre kauernde

Position befremdlich erscheint, springt laut bellend um sie herum und setzt

seine dicken Vorderpfoten abwechselnd auf ihre Schultern und auf ihren

Rücken. Das ist ihm gnädigst gestattet. Wenn er sich aber unterfängt,

seine Pfoten in das schön geglättete, wie geriebene Schokolade aussehende

Gemüsebeet zu pflanzen, das seine Herrin bearbeitet, dann -- wird ihm eine

fürchterliche Strafpredigt zu teil.

Mit dem herrschaftlichen Schloßgarten von Ulmenhof hat der Garten, in dem

Kitty arbeitet, nichts gemein. Hinter dem Haus ziehen sich großmächtige,

rechtwinklige Beete, von Salbei, Lavendel und Erdbeeren eingefaßt und in

kleinere, von winzigen Pfaden getrennte Felder abgeteilt, aus denen hohe,

alte Obstbäume aufragen, wahre Patriarchen von Obstbäumen; Birnbäume,

etwas schwerfällig, mit umfangreichem Stamm und ziemlich regelmäßig

gebauten Kronen, ganz übersäet von dichten Blütenbüscheln, weiß wie

Engelsflügel, aber einen widerlichen Hauch ausatmend; Apfelbäume von viel

unregelmäßigerem Wuchs mit graugrünen, flaumigen Blättchen, zwischen

roten Knospen und rosigen Blüten, Blüten mit dunkelgelben Staubfäden und

seinem scharfem Geruch; Pflaumenbäume, in kleinwinzige, betäubend süß

duftende weiße Blüten eingehüllt; und zu Füßen der Obstbäume grelle

Sonnenfünkchen mitten zwischen dem grauen Schattenteppich herumtanzend,

und in ihren blühenden Kronen ein Heer von Finken, die lustig ein Loblied

des Frühlings singen -- so sieht es um Kitty herum aus.

Kitty singt mit den Finken um die Wette, nur viel weicher und süßer als

sie. Mit einemmal verstummt sie -- sieht auf. Ein langer Schatten zieht

sich über den Kies bis zu ihren Füßen hin, und hinter dem Schatten steht

ein junger Offizier, die Hand an der Mütze, lächelnd und von Glück und

Lebenslust strahlend. Sie stößt einen kleinen Freudenschrei aus, dann

ihren Blick in den seinen tauchend, murmelt sie nur: »Ach, wie lieb!«

Bei ihrer raschen Wendung ist ihr der Hut vom Kopf gefallen. Waldmann,

der Dachshund, ergreift sofort die Gelegenheit, ihn zwischen die Zähne

zu nehmen und mit ihm davon zu galoppieren -- der junge Offizier will ihm

nach, um ihm seine Beute zu entreißen, aber Kitty ruft: »Laß ihn, es ist

ein alter Hut,« und sie zuckt mit den Achseln.

»Verschwenderin!« bemerkt Altenried, ihr mit dem Finger drohend, »so

bereitest du dich darauf vor, die Frau eines armen Lieutenants zu werden!«

Noch immer auf der Erde kauernd, mit der einen Hand auf den roten Kies

gestützt, sieht sie zu dem jungen Mann auf und lacht: »Ob ich mich darauf

vorbereite! Sieh nur« -- sie deutet auf ein langes Stück Erde -- »das

habe ich alles mit Gemüse bepflanzt. Es ist reizend, sein eigenes Gemüse

zu pflanzen, und es kommt so billig. Wenn wir verheiratet sind, werde ich

den Gemüsegarten allein bestellen.«

Was für ein entzückendes Geschöpfchen! Ihr weiches, volles und doch

durchdringendes Stimmchen allein könnte genügen, ihn um den Verstand zu

bringen; jedes Wort, das sie spricht, thut ihm wie eine Liebkosung wohl und

regt ihm zugleich alle Nerven auf. Am liebsten möchte er sie in die Arme

schließen und mit ihr bis an das äußerste Ende der Welt fliehen --

irgend wohin, wo ihn niemand mehr in der vollständigen, ungestörten

Besitznahme ihrer bezaubernden kleinen Persönlichkeit stört. Und während

ihm dieser wilde Traum in den Adern spukt, steht er wohlerzogen und ruhig

vor ihr und sagt: »Wenn wir verheiratet sind, werden wir wahrscheinlich

gar keinen Garten haben.«

»So!« meint Kitty, »das ist schade«; dann gleichmütig die Achseln

zuckend, ruft sie: »aber wenigstens ein paar Blumentöpfe vor den

Fenstern, das ist auch schön!«

»Hm! es scheint, daß nichts im stande ist, dir die Freude an unserer

armseligen Zukunft zu verkümmern,« sagt Altenried und lacht gerührt,

ohne jedoch den Schatten wegzulachen, der seine Augen verdunkelt.

»Nichts!« sagt sie. Sie ist jetzt aufgesprungen und sieht ihm forschend

so zu sagen bis in die Seele hinein. »Nichts!« wiederholt sie etwas

leise, und dann setzt sie plötzlich hinzu: »nichts, als deine langen

Gesichter.«

»Ich hab eben Sorgen für zwei, Kitty,« murmelt er, »und wenn ich mir

vorstelle, wie du für den Luxus geschaffen bist, drückt mich meine Armut,

das ist wahr.« Bei diesen Worten will er den Arm um sie legen, sie aber

wehrt ihn heftig von sich ab.

»So sprich doch nicht immer von deiner Armut,« ruft sie zornig; »glaubst

du etwa, ich hätte mich dir genähert, wie ich's gethan hab, wenn du ein

reicher Mann gewesen wärst? Nein! niemals hätt ich's gethan; das versteht

sich von selbst. Reiche Menschen haben immer Freunde mehr als genug, aber

du ... um dich war mir so leid; ich dachte, es würde dir ein Trost sein,

jemand zu haben, der an dir teilnimmt, jemand, der sich auf dich freut,

wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst, jemand, der dir deine Existenz

zurecht rückt und sie ausschmückt, so gut es geht. Aber wenn du vor

ein paar erbärmlichen Sorgen zurückschreckst, so ist ja das alles nicht

nötig. Weiß Gott nicht. Es kann ganz gut beim alten bleiben. Ich werde

mich nur in Grund und Boden schämen dafür, daß ich mich dir an den Kopf

geworfen hab, aber -- sterben werde ich daran nicht! Adieu!« Und damit

wendet sie sich großartig ab und will von dem jungen Mann forteilen und

bricht beim dritten Schritt in Thränen aus.

Als ob er sie gehen ließe!

»Kitty!« ruft er, sie trotz ihres heftigen Widerstandes in die Arme

schließend, »Kitty, du hast recht, hundertmal recht; ich hätte dein

Opfer ruhig und dankbar hinnehmen müssen, anstatt kleinlich an dessen

Größe herumzumessen; aber begreifst du denn nicht, daß es traurig für

mich ist, alles zu nehmen und nichts geben zu können, nichts als Plage und

Entbehrungen! Das sind meine Brautgeschenke, Kitty!« Und dabei hält er

ihren Kopf an seine Schulter und sieht sie an, sehr traurig und unendlich

zärtlich.

Sie schließt die Augen und murmelt: »Entbehrungen giebt es für mich

keine neben dir, und die Plage kann mich nur freuen!«

Indem veranlaßt das Rauschen eines weiblichen Gewandes die beiden sehr

ineinander vertieften jungen Leute, aufzusehen.

Anna Marie ist's, die auf sie zukommt, wie gewöhnlich überquellend von

Teilnahme und Wohlwollen, dennoch nehmen ihre Züge bei dem unerwarteten

Anblick Altenrieds einen auffällig befremdeten Ausdruck an. Sie

beantwortet die ehrerbietige Verbeugung des jungen Mannes nur flüchtig,

und sich an Kitty wendend, sagt sie: »Kitty, ich begreif eigentlich nicht

recht, wie du Baron Altenried empfangen konntest, ohne mich zu avisieren.

Ich hab dir gestern bewiesen, daß ich dir keine unnützen Hindernisse

in den Weg legen will, aber schließlich mußt du mir doch auch einiges

Vertrauen entgegenbringen.«

»Die Schuld würde in jedem Fall eher mich treffen als Kitty,« wirft

Altenried ein, »aber ich versichere Ihnen, daß es mir gar nicht

eingefallen wäre, meinen Besuch zu verheimlichen, weder vor Ihnen noch

vor irgend jemand, gnädiges Fräulein. Ich war eigentlich gekommen, um bei

Herrn Wißmuth um die Hand Kittys anzuhalten. Man sagte mir, er sei heute

nach Frankfurt gefahren.«

»Und das ist er auch,« murmelt Kitty. »Er geht alle Mittwoch nach

Frankfurt, es kommt uns dies heute sehr gelegen.«

»Warum?« fragt etwas beunruhigt Altenried.

»Weil dich infolgedessen Anna Marie auffordern kann, zum Essen zu

bleiben.«

»Und wenn dein Vater zu Hause gewesen wäre, so hätte sie das nicht

dürfen?« fragt Altenried trocken.

»Wer kann wissen? Mein Vater ist unberechenbar,« sagt gleichmütig, die

Achseln zuckend, Kitty.

»Du scheinst dich darauf gefaßt zu machen, daß dein Vater meine Werbung

abweist,« ruft der junge Mann etwas empfindlich.

»Möglich ist's,« gesteht Kitty kleinlaut.

»Ja, aber was dann?« fährt er auf.

»Dann wird es doch dazu kommen, was ich gestern umgehen wollte,« sagt

Kitty mit einem komischen Seufzer, »wir werden aufeinander warten müssen,

bis wir ein Paar grauhaarige verschrumpfte Mumien sind.«

»Aber Kitty!« ruft Altenried, »ich begreife nicht, wie du über so etwas

lachen kannst.«

»Wie soll ich nicht lachen,« erwidert ihm Kitty, »wenn ich so fröhlich

bin. Mein Gott, ich kann mir nichts Trauriges vorstellen, solange du neben

mir bist, und rings um mich herum blühen die Bäume und die Vögel singen.

-- Das Leben ist so schön -- selbst wenn wir ein bißchen aufeinander

warten müssen, auch das wird noch schön sein. Nur zu wissen, daß du

auf der Welt bist und an mich denkst, ist schön!« Und da er nicht sofort

antwortet, legt sie ihm die Hand auf die Schulter und sagt treuherzig und

mutwillig: »Gar zu lang wird's übrigens auf keinen Fall währen. Der

Papa hat in nichts Ausdauer, nicht einmal in der Unvernunft. Eines schönen

Tages werd ich ihm unbequem geworden sein, und dann giebt er mich einem

jeden, der mich will -- selbst dir.«

»Selbst mir!« murmelt Altenried mit einer Bitterkeit, die Kitty nicht

begreift; nur daß sie ihn verletzt hat, bemerkt sie und möcht's ihm

abbitten um jeden Preis.

»Hans!« flüstert sie leise.

»Ich begreife eigentlich nicht, auf welchen Grund hin mich dein Vater

abweisen wollte,« fährt er auf; »einzuwenden ist schließlich gegen mich

nichts, als daß ich wenig Vermögen zu erwarten habe, und wenn _dir_ das

recht ist ...?«

»Ob mir's recht ist, Hans, mein lieber, böser Hans!«

»Nun dann ...« Er ballt die Faust. Die Tochter Herrn Wißmuths lieben,

die Tochter Herrn Wißmuths heiraten -- das war eine Sache für sich --

Kitty war anbetungswürdig -- aber sich von diesem erbärmlichen Herrn

Wißmuth abweisen lassen, nur weil er nicht so viel Geld hatte wie der

gemeine Protz, dem jetzt Ulmenhof gehörte, das war unerträglich!

Indem hörte man eine schrille Glocke, die zu Tisch rief.

»Fordere ihn auf, mit uns zu essen, Anna,« bat Kitty, »was der Morgen

uns bringt, wissen wir nicht; gönn uns zum wenigsten den einen Tag! Gönn

uns den Tag!«

Und Anna gönnte ihnen den Tag!

* * *

Der Morgen brachte nichts Gutes. Herr Wißmuth war in sehr gereizter

Stimmung heimgekehrt aus Frankfurt, und dies hauptsächlich deshalb, weil

Herr Förster, dem er in der Einfahrt des »Englischen Hofs« begegnet, mit

einem kurzen Gruß an ihm vorübergegangen war, ohne ihm Zeit zu gönnen,

ihn anzusprechen. Frau von Manz, welcher er seinen Besuch abstattete, hatte

ihn über den Grund der plötzlich mit Herrn Förster vor sich gegangenen

Veränderung aufgeklärt.

»Der Förster wird doch nicht ein junges Mädche heirate, das mit einem

fremde Offizier in de Mondschein hinauslauft. An und für sich ist nicht

viel dabei, aber -- es beweist nur, daß sie de Förster nit mag.«

Dies war die Ansicht der Frau von Manz.

Herr Wißmuth fand, daß sehr viel dabei war, und das gab er seiner Tochter

sofort bei seiner Rückkehr von Frankfurt zu verstehen. Als den nächsten

Morgen Altenried bei ihm vorsprach und um Kitty anhielt, um sie anhielt

mit der warmherzigen Innigkeit, die er seiner Natur, mit dem ritterlichen

Ernst, den er seiner Erziehung verdankte, wies ihn Herr Wißmuth ab; ja,

wies ihn ab, nicht ruhig, vernünftig, mit einer Vertröstung auf die

Zukunft und der Aufforderung, sich ein wenig zu gedulden und indessen

Beweise von seiner Tüchtigkeit und der Tiefe seiner Neigung für Kitty

zu geben, das hätte der junge Mann allenfalls begriffen. Nein, seine

Abweisung war schroff, roh und dumm.

»Ich bin ein bescheidener Mann,« sagte Herr Wißmuth, indem er sich

bemühte, den jungen Offizier, den er nicht aufgefordert hatte, sich

niederzusetzen, von oben herab anzusehen, »ich habe keinen Ehrgeiz. Ein

schlichter Bürgerlicher genügt mir zum Gatten meiner Tochter. Ich brauche

keinen adeligen Schwiegersohn, dessen Kinder es sich eines Tages in den

Kopf setzen könnten, ihren Großvater zu verachten. Ich habe zwar selbst

ein Mädchen aus adeliger Familie geheiratet, aus sehr guter adeliger

Familie, aber das war etwas anderes. Sie hat sich in allem und jedem nach

mir richten müssen, und nicht ich nach ihr. Im übrigen, Herr Baron,

befinden Sie sich mir gegenüber in einer gelinden Täuschung, ich meine

meinen Vermögensverhältnissen gegenüber. Ich bin kein reicher Mann; die

Repräsentation zwingt mich zu gewissen Opfern, welche ich bringe -- Kitty

zuliebe bringe -- aber mir einen adeligen Schwiegersohn anzuschaffen, dazu

bin ich nicht reich genug. Ich glaube, wir gehen jeder unsere Wege, und je

weniger wir Worte verlieren über Ihren mich sehr ehrenden Antrag, desto

besser!«

Auf so etwas hätte es eigentlich nur eine Antwort gegeben -- einen Schlag

ins Gesicht; da Altenried denselben dem Vater Kittys nicht erteilen konnte,

blieb die wohlgesetzte Rede Herrn Wißmuths ohne jegliche Erwiderung.

Um einen Tag später verließ Altenried die Gegend.

Sein Zorn gegen den alten Wißmuth ging so weit, daß er sich vornahm, sich

seine Liebe zu Kitty aus dem Herzen zu reißen. Er versuchte nicht einmal,

sie noch zu sehen, teilte ihr nur brieflich die ihn geradezu beschimpfende

Abweisung, welche seine Werbung erfahren, mit. Dann schrieb er vierzehn

Tage nicht, und dann ...? Nun, dann kam eines schönen Morgens ein dicker

Brief an Anna Marie, in dem sich ein acht Seiten langes Manuskript für

Kitty befand. Nein, er konnte es nicht aushalten ohne Nachricht von seinem

Sonnenstrahl, seiner süßen Frühlingsblüte! Er hatte ein ganzer Mann

sein und nichts mehr von sich hören lassen wollen, bis er Kitty mit Fug

und Recht aus dem Vaterhause hätte abholen können, aber es ging doch

nicht. Nur eine Zeile von ihr alle acht Tage einmal, nur einen Gruß, mehr

brauchte er nicht, um sich mit seiner momentan recht drückenden Existenz

auszusöhnen -- aber das brauchte er. Wie reizend er schrieb!

In jedem Verliebten steckt ein Dichter, das ist eine alte Geschichte; aber

heutzutage sind so wenig Menschen wirklich verliebt!

Kitty schlief drei Tage nicht vor Freude über den wunderschönen Brief.

Herr Wißmuth war indessen überzeugt, daß alles aufs beste eingeleitet

sei und daß Kitty schließlich doch die Frau des Herrn Förster werden

würde. Er wühlte im vorhinein mit Wollust in der Goldgrube, als welche

ihm das Vermögen seines Schwiegersohnes erschien.

»Die Welt geht ihren Weg, die Welt geht ihren Weg, wir erreichen gewiß

unser Ziel!« versicherte er alle Tage schmunzelnd Anna Marie -- und Anna

Marie schwieg.

Herr Förster that indessen durchaus nichts dergleichen. Der Umstand, daß

Kitty einen blutarmen Teufel seiner Herrlichkeit vorzuziehen wagte, hatte

seine Eitelkeit ins Schwarze getroffen. Er that jetzt, was er konnte,

um seine früher offen zur Schau getragene Neigung zu ihr abzuleugnen,

äußerte sich wegwerfend und abfällig über sie gegen alle, die ihn

anhören mochten, und zerwarf sich mit allen denjenigen, welche sich

unterfingen, ihn an den Umstand zu erinnern, daß er sich einmal für

Kitty interessiert habe. Kurz, er benahm sich genau so, wie ein nur

mühsam kulturbeleckter Rüpel, dessen innere Roheit durch eine

starke Gemütsbewegung aus der Tiefe an die Oberfläche seiner Natur

heraufgewühlt worden ist, sich in dem gegebenen Falle benehmen mußte.

Um sich zu zerstreuen und von sich reden zu machen, ließ er das Schloß in

Ulmenhof vom Flur bis zum Dachfirst durch einen künstlerischen Frankfurter

Tapezierer renovieren, spendete große Summen zur Einrichtung eines

Hospitals, bethätigte auch noch anderweitig eine höchst effektvolle

Wohlthätigkeit, fuhr täglich mit einem recht vergnügten Gesicht und

glänzender Equipage an Kittys Fenstern vorüber und machte Emma Becker

den Hof, erweckte in ihr die lockendsten Hoffnungen, die sich leider nach

einiger Zeit als unbegründet erwiesen.

Anna Marie blieb, ohne viel Worte zu machen oder Herrn Wißmuth

mutwilligerweise zu erbittern, auf Kittys Seite. »Eine sympathische

Umgebung ist der einzige Luxus, den zu entbehren mir in diesem Leben je

schwer gefallen wäre,« sagte sie oft achselzuckend zu sich selber. »Für

Kitty würde es wohl ebenso sein!«

Und indessen geht die Welt ihren Weg, wie Herr Wißmuth richtig behauptet.

Aber wohin dieser Weg führt, das ahnt er nicht, das ahnt wohl keiner im

Deutschen Reich, während der Blütenzauber des Frühlings 1870 langsam von

den Bäumen herunterweht.

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Die Obstbäume haben längst ihr duftiges weißes Blütenkleid mit einem

ernsten, eintönigen grünen Blättergewand vertauscht und hängen voll

kleiner, harter und vorläufig noch sehr saurer Früchte, die Heckenrosen

am Wegsaum sind verblüht, die Gartenrosen erheben ihre stolzen Häupter

rot, weiß, blaßrosa, gelb mit rötlichem Schimmer. Welche Fülle von

Rosen! -- nirgends blühen sie schöner als an dem Fenster Kittys, das

heißt dem einen ihrer zwei Fenster, das in den Garten sieht, denn die zwei

anderen Fenster von Kittys Schlafzimmer -- es ist ein Eckzimmer -- sind

kahl, die gehen auf die Straße hinaus.

Zwei wunderschöne weiße Rosen haben sich frisch entfaltet über Nacht,

zwei weiße und eine blutigrote. Kitty sieht von ihrem Schreibtisch hinweg,

wo sie eben im Begriff steht, einen Brief zu schreiben, zu den Rosen

hinüber, die im hellen Julisonnenschein wie Edelsteine glühen. »Wenn

Hans die sehen könnte!« denkt sie bei sich, wie sie immer an Hans denkt,

sobald ihr irgend etwas Hübsches oder Liebes im Leben begegnet -- da hört

sie die Stimme ihres Schwagers. Was hat der hier zu thun so unerwartet?

Wäre ihrer Schwester vielleicht ein Unglück zugestoßen? Ihr immer nur

allzu leicht beunruhigtes Herz klopft hochauf. Nein, um die Schwester

handelt es sich nicht. Jetzt hört sie den Schwager deutlich sagen:

»Diesmal ist's Ernst! -- ein Telegramm aus Berlin -- die Armee

mobilisiert.« Kitty zittert am ganzen Leibe.

»Eine Deroute auf der Börse, wie ich sie seit sechsundsechzig nicht

erlebt. Das bedeutet Krieg!«

»Ja, das bedeutet Krieg,« erklärt Herr Wißmuth wichtig.

»Hab ich eine Nase,« berühmt sich Herr Sadis, »seit vierzehn Tagen

spekulier ich auf Baisse -- famos!«

»Du imponierst mir,« erklärt Herr Wißmuth.

Kitty steht inmitten des Zimmers, blaß und zitternd. Hat sie richtig

gehört? Krieg ... Krieg ... ach, wer weiß, was für ein Krieg das

sein mag -- ein Krieg zwischen Rußland und Persien -- ein Krieg zwischen

Rußland und Österreich und der Türkei ... Da tritt Anna Marie zu ihr,

sehr bekümmert. Drei Schritte macht ihr Kitty entgegen, dann bleibt

sie stehen, macht eine kleine unbeholfene Bewegung mit den Armen wie ein

angeschossener Vogel, der die Flügel regt und nicht mehr fliegen kann, und

murmelt: »Die Armee mobilisiert -- welche Armee?«

»Die preußische,« sagt Anna Marie.

* * *

Sie hatte nichts davon geahnt, nein, nichts von dem, was seit mehreren

Tagen in allen Zeitungen stand, daß ein hohenzollernscher Prinz sich

die Krone von Spanien hatte aufs Haupt setzen wollen, die Krone, die, ein

Angelhaken für unternehmende junge Fürsten mit Hang zum Regieren und ohne

momentane Beschäftigung, damals fast so zudringlich feilgeboten wurde

wie heute die Krone von Bulgarien -- daß Frankreich eingeschritten

war, hochmütig, schroff, aufreizend, und Deutschland ihm durch eine

kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein einschüchterndes

Säbelrasseln. Wie hätte sie das wissen sollen, sie las ja keine Zeitung,

sie kümmerte sich nicht um Politik. Wer sollte ihr davon reden? Die

einzige, die es hätte thun können, war Anna Marie, aber die hütete sich

wohl. »Es hat Zeit, es hat Zeit,« sagte sie sich, »wer weiß, vielleicht

ziehen die Wolken vorüber, sie sind schon oft vorübergegangen, wozu die

Kleine beunruhigen!«

Aber die Wolken zogen nicht vorüber, das Wetter stieg empor finster und

schnell, ehe man sich's versah, war auch schon der ganze Himmel schwarz, am

19. Juli war der Krieg erklärt!

Ja, der Krieg war erklärt zwischen Frankreich und Preußen! So sagte man

damals, denn an Deutschland hatte man längst zu glauben aufgehört.

Was war denn Deutschland? -- ein theoretischer Begriff, der außer Kurs

gekommen war, weil sich keine praktische Substanz dahinter verbarg; etwas,

das Geographie studierenden Kindern viel Kopfzerbrechen verursachte und

von dem die wenigsten vermochten, es deutlich zu erfassen. Deutschland --

Deutschland! -- früher war es allenfalls etwas gewesen, etwas Mächtiges,

Großartiges, ja fast mystisch Poetisches; jetzt aber -- jetzt war es eine

Art politisches Aquarium mit größeren und kleineren Fischchen, von denen

jedes nach seinem eigenen Kopfe mit dem Schwänzchen zappelte und von denen

nie zwei Lust hatten, sich zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen.

Anno sechsundsechzig hatte der preußische Hecht zwar eine ganze Reihe der

kleineren Fischchen verschlungen, aber die Fischchen hatten es ihm sehr

übel genommen und zappelten in seinem Magen gewaltig weiter, ja setzten

alles daran, ihn zu veranlassen, sie wieder auszuspeien.

Die Freiheitskriege hatte man vergessen, während in Frankreich Malakoff

und Solferino die Siegeslegende der großen Armee von neuem belebt hatten.

Keiner von den politischen Zuschauern, den neutralen Mächten hätte

damals auf Deutschland gewettet; der einzige, der an dem Siege Frankreichs

zweifelte, das war der Kaiser der Franzosen selbst und ein paar hellsehende

Männer, die ihn gewarnt, ohne es vermocht zu haben, ihn vor seiner eigenen

Schwäche zu retten.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Kitty stellte keine Betrachtungen an über die politische Lage; ob Preußen

mit Frankreich kämpfen sollte oder mit der Türkei oder mit Afghanistan,

war ihr einfach gleichgültig. Es kämpfte, es rief seine Söhne unter

die Fahnen, und das Leben seiner Söhne, das Leben Hans von Altenrieds war

gefährdet. Das war alles, was sie von der politischen Situation verstand.

* * *

Fräulein von Mühlhausen saß in ihrem kleinen Stübchen, in dem es

ziemlich wüst aussah, obgleich es längst elf Uhr geschlagen hatte; die

Ilias in der Voßschen Übersetzung vor sich aufgeschlagen, eine Tasse

Kaffee neben sich. Der Kaffee blieb ungetrunken und die Ilias wurde nicht

umgeblättert; Fräulein von Mühlhausen war nicht in der Stimmung, sich

ihrer physischen und geistigen Ernährung zu widmen. Ihr ganzes Sein ging

wieder einmal auf in ihrer Verzweiflung darüber, daß _sie_, Hildegard

von Mühlhausen, kein Mann war. Seit der Kriegserklärung grämte sie sich

darüber mehr als je.

Ihr Zimmerchen war hauptsächlich mit Photographien nach Raphael und

Michelangelo möbliert, die uneingerahmt und nur mit Reißbrettnägeln

befestigt an der Wand hingen, im übrigen mit Disteln, für welche sie eine

ausgesprochene Vorliebe hegte und von denen sie einen großen Vorrat aus

der Campagna mitgebracht zur Erinnerung an eine italienische Reise, die den

Glanzpunkt in ihrem Leben gebildet hatte. Mitten zwischen all dem Kehricht

hing eine Photographie von ihr selbst und zwar im neapolitanischen Kostüm.

Da das kleine Gemach sonst reichlich mit Staub und Spinngeweben garniert

war, so machte es im ganzen mehr den Eindruck eines Ställchens als den

einer Wohnstube.

Fräulein von Mühlhausen seufzte allenfalls über diesen Übelstand,

wenn sie ihn bemerkte, was nur anläßlich eines Zusammenpralls mit der

Außenwelt geschah, aber sie that nichts, um ihn zu ändern, dazu war sie

viel zu erhaben und zu faul.

Was sie allenfalls geleistet hätte, wenn sie als Mann auf die Welt

gekommen wäre, wird bis in die Ewigkeit hinein eine offene Frage bleiben.

Als Frau leistete sie nicht viel, sie war weichlich, stand spät auf,

liebte das Wohlleben über alles und verausgabte alle ihre hervorragende

Thatkraft im Konditional.

Draußen regnete es in Strömen.

»Ach, wenn ich nur ein Mann wäre!« schrie Fräulein von Mühlhausen ins

Leere und rang ihre kleinen Hände. Sie war fest überzeugt, daß sich in

diesem Falle die sämtlichen Vorzüge Bismarcks, Moltkes und des Königs in

ihr vereinigt hätten.

Da klingelte es sehr scharf. »Um Gottes willen, wer kann denn das sein?«

rief sie entsetzt und hielt die Falten ihres fleckigen, himmelblauen

Morgenrocks über dem Magen zusammen. Es klingelte noch einmal, noch

schärfer.

Hildegard erhob sich seufzend.

»Auguste!« rief sie in ihre Schlafstube hinein, wo ihr dienstbarer Geist

beschäftigt war, »haben Sie nicht klingeln gehört?«

Auguste hatte nichts gehört, sie stand, den Kehrbesen und einen

Staubfetzen in der Hand, beim Fenster und las Wallensteins Tod.

Auguste war ein Erziehungsresultat Hildegards, die sich ihrer von Jugend

auf angenommen, wofür sich Auguste dadurch erkenntlich zeigte, daß sie

Fräulein von Mühlhausen jetzt umsonst, das heißt für Kost, Wohnung

und Kleidung bediente. Leider war sie um einen halben Kopf kleiner als

Hildegard, dabei aber schönheitswidrig breiter, weshalb ihr die abgelegte

Garderobe Fräulein von Mühlhausens sonderbar saß. Sie wischte den

Staub nie auf und machte das Bett häufig erst nachmittags, aber alle ihre

Mängel deckte sie in den Augen ihrer Herrin durch eine schwärmerische

Vorliebe für Schiller. Daß sie neben dieser Vorliebe für Schiller eine

ausgesprochene Vorliebe für Unteroffiziere besaß, ahnte Hildegard nicht.

»Machen Sie doch auf, es klingelt zum drittenmal,« rief Hildegard

ärgerlich; »ich komme ja rein um die Ohren! Öffnen Sie doch!« Selber zu

öffnen, wäre Fräulein von Mühlhausen als eine Entwürdigung erschienen.

Die Möglichkeit war ihr vielleicht einfach noch nicht eingefallen.

Auguste öffnete. Draußen in der Küche, die zugleich als Vorzimmer

diente, hörte man Säbelgeklirr. Die kriegerische Mühlhausen fuhr auf.

Indem legte sich eine Hand auf die Klinke ihrer Thür. »Darf ich herein,

Hilde?« fragte ziemlich schroff eine tiefe männliche Stimme. »Hans!«

rief Hildegard sehr aufgeregt und trat ihm entgegen.

Trotz ihrer großen Verachtung des männlichen Geschlechts, einer

Verachtung, die etwas schwer zusammenzureimen war mit ihrer schreienden

Verzweiflung darüber, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein, hatte

Hildegard eine Schwäche für ihren Vetter von Altenried. Keiner, der ihn

an diesem verregneten Julitag zu ihr hätte hereinstürmen sehen, hätte

ihr das verübelt. Die Augen glänzten ihm aus dem Gesicht heraus, seine

Wangen waren brauner, seine Brust schien breiter als im Frühjahr. »Grüß

Gott, Hilde!« rief er munter, indem er seine vom Regen triefende Mütze

auf den Tisch warf mitten zwischen ihren Homer und ihren kalten Kaffee.

»Verzeih, daß ich dir so viel Wasser in die Wohnung mitbringe, mein

Mantel richtet in der Küche draußen eine ganze Überschwemmung an. Na,

wie geht's?«

»Wie's eben einem armen Geschöpf gehen kann, das verurteilt ist, hinter

den Coulissen der Weltbühne einem glänzenden Schauspiel, bei dem ihm

keine Rolle zugefallen ist, zusehen zu müssen!«

»Arme Hilde!« rief er etwas humoristisch aus.

»Ja, arme Hilde, fürwahr!« wiederholte die Mühlhausen tragisch. »Wie

ich dich beneide, du spielst mit, du hast deine Rolle in dem Stück!«

»Eine kleinwinzige Rolle, aber endlich; auch die muß anständig

durchgeführt werden!« rief Altenried, »ein jeder thut, was er kann!«

»Wenn's nur jeder thäte,« seufzte Hildegard elegisch, »an dir hatte ich

keine Zweifel, du bist ein echter Altenried, und ein Altenried thut seine

Pflicht.«

»Mach doch keine Phrasen über etwas, das sich von selbst versteht,«

schnitt ihr der junge Offizier unwillig in ihren Redefluß hinein.

»Aber du freust dich doch auf den Krieg?« rief Hildegard zudringlich.

»Natürlich freu ich mich,« sagte er einfach, »das heißt« -- er kraute

sich hinter dem Ohr -- »auf dem Gewissen möcht ich ihn nicht haben, den

Krieg; aber ich freu mich, mitthun zu dürfen. Ein jeder freut sich, wenn

er einmal die Gelegenheit findet zu zeigen, was allenfalls in ihm steckt.

Und dann ist es ein großartiger, ein edler Krieg, man ist mit dem ganzen

Herzen dabei. Nur um die arme Kitty ist mir leid!«

Er hatte sich in einen Lehnstuhl, ein spindelfüßiges Möbel, das noch aus

der Zeit der französischen Invasion zu stammen schien, niedergelassen und

legte die verschränkten Arme vor sich auf den Tisch.

»Wir haben Marschbefehl bekommen, vor drei Tagen -- in Homburg hatten wir

heute sechs Stunden Rast -- ich hab mich frei gemacht, um herüberzukommen.

Du weißt, wie ich mit dem alten Wißmuth stehe -- hast du etwas dagegen,

daß ich die Kleine hier erwarte, um Abschied zu nehmen?«

Fräulein von Mühlhausen zog die Mundwinkel herunter; sie hatte sich der

Täuschung hingegeben, ihr Vetter sei gekommen, um von _ihr_ Abschied

zu nehmen -- davon erwähnte sie natürlich nichts -- sie warf nur ihren

zerzausten, heute noch nicht frisierten Kopf zurück und meinte: »Du

weißt, ich bin nicht wie die sentimentale Hohleisen, ich habe kein

Interesse an Liebesaffairen, und deine Verlobung mit der kleinen Wißmuth

ist nicht nach meinem Geschmack -- im übrigen ...«

Von neuem hörte man draußen klingeln. Ohne der Liebenswürdigkeit seiner

Base weitere Aufmerksamkeit zu schenken, eilte Altenried hinaus. Kitty und

Anna Marie standen in der kleinen, nach Seifenschaum, dumpfigem Holz und

fettigen, ranzigen Überbleibseln riechenden Küche. Kitty war totenblaß,

sie zitterte am ganzen Leibe. »Aber Kitty!« rief Altenried; anfänglich

irrte sein Blick etwas unruhig an Hildegard und ihrem dienstbaren Geist

herum, deren ihn aufmerksam beobachtende Gegenwart ihn einzuengen schien,

dann sah er nichts mehr als Kitty. Er nahm sie in seine Arme und zog sie in

das mit Disteln und Staub garnierte Wohnzimmer hinein. Hildegard wollte

ihm folgen, Anna Marie aber packte sie beim Arm. »Haben Sie denn gar keine

Barmherzigkeit in sich?« fuhr sie die kriegerische alte Jungfer an. Wenn

es sich darum handelte, die Ruhe eines Kranken oder eines Unglücklichen zu

hüten, zeigte sich Anna Marie energisch.

»Ist es denn passend?« rief Hildegard zimperlich.

Da aber maß sie Anna Marie vom Kopf bis zu den Füßen mit einem wahrhaft

vernichtenden Blick, worauf Fräulein von Mühlhausen ein wenig errötete

und ihre unanständige Prüderie momentan an den Nagel hing.

Sie blieben ungestört. Er hatte sie zu dem Sofa geführt, auf dem

Hildegard gesessen -- ein schmales, spindelbeiniges Ding, mit hartem

Roßhaarstoff überzogen -- offenbar in naher Verwandtschaft zu dem

Lehnsessel stehend.

»Aber Kitty!« sprach er leise, fast vorwurfsvoll, »ist das eine

Aufführung für eine Soldatenbraut?«

»O, ich weiß, es ist schlecht von mir,« erwiderte sie, sich mühsam

fassend, »erbärmlich, dir so den Mut zu nehmen!«

»Mir den Mut zu nehmen? ... Aber Kitty, glaubst du, daß du das

könntest?« rief er, die Stirne runzelnd, entschieden unzufrieden, fast

streng.

Sie legte die Hand an die Stirn. »Mit mir darfst du nicht rechten,« sagte

sie matt, als ob ihr von vielem Weinen schwindelte, »ich bin nicht mehr

bei mir, wahrscheinlich red ich Unsinn -- ich weiß nicht mehr, was ich

gesagt habe.«

Die Luft in dem niedrigen Stübchen war dumpf und drückend. Altenried

erhob sich, riß eins der morschen Fenster auf, ein Fenster, aus

dessen Rahmen es durch tausend Ritzen hereinzog und an dem er doch mit

Berserkerkraft rütteln mußte, ehe es aufging. Über eine Palissade von

Kaktussen hinüber, die stachelig und plump den Sims verzierten -- es waren

die Lieblingsblumen Hildegards --, strich die Regenluft in das Zimmer,

feucht und kühl.

»Kitty! sei vernünftig, bedenke, wie viele Frauen und Mädchen sich in

deinem Fall befinden,« redete Altenried, sie enger an sich ziehend, in sie

hinein.

Sie hob den Kopf. »Ja,« murmelte sie, indem sie mit starren entsetzten

Augen vor sich hinblickte, »wie viele -- Tausende -- Hunderttausende --

Hunderttausende -- Hunderttausende!« Sie wiederholte mechanisch das eine

Wort, obgleich es längst jeden Sinn für sie verloren hatte.

Es ging ihm kalt durch alle Glieder, zum erstenmal begriff er, was der

Krieg eigentlich mit sich brachte.

»Es ist eine schwere Zeit, Kitty!« murmelte er etwas heiser, »gut, ich

gesteh dir's zu -- aber eben darum muß jeder seinen Teil tapfer tragen --

du zu Haus so gut als wir anderen im Feld.«

»Hans, da predigst du umsonst,« rief sie, sich gerade aufrichtend, mit

einer kurzen, abwehrenden Handbewegung, »laß es lieber bleiben. _Die_

Tapferkeit, die darin besteht, hinter sicheren Mauern geborgen, die Hände

in den Schoß zu legen und sich nicht zu fürchten um das Leben derer, die

draußen im Kugelregen stehen, die wirst du mir nicht beibringen. Versuch's

nicht!«

Da predigte er nicht mehr -- aber er suchte sie hoffnungsvoll zu stimmen.

Sie sollte sich freuen, daß ihm Gelegenheit geboten würde, sich

auszuzeichnen -- die Hindernisse, welche seiner Verbindung mit ihr im Wege

standen, würden in sich zerfallen -- er würde avancieren, man avanciert

nur rasch im Krieg.

Wieder unterbrach sie ihn. »Dein Trost ist bitter, Hans, man avanciert,

weil die Kugeln Platz machen,« sagte sie. »Sprich nicht mehr davon!«

Und wie er sie hilflos und traurig ansah, da legte sie ihre beiden Arme um

seinen Hals und flüsterte: »Sprich gar nichts mehr, es ist nichts mehr zu

sagen, laß mich nur still neben dir bleiben und mich an dir freuen bis zum

letzten Augenblick, das ist alles, was du für mich thun kannst. Wie viel

Zeit hast du noch für mich?«

Er zog seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch, um

die Zeit nicht zu versäumen, dann hielt er sie ruhig an sich und barg

ihr Gesichtchen an seine Brust, wie eine zärtliche Mutter den Kopf

ihres Kindes, das sich vor einem Gewitter fürchtet. Er sagte nichts

Vernünftiges mehr, er flüsterte ihr nur mehr Liebesworte zu und küßte

sie.

Es war schön, nichts als Liebe und Leid, sehr viele Thränen, und ein paar

Küsse, aber schön, trotz allem, die schönste Stunde im Leben der beiden

sollte es sein!

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Draußen in der Küche saß Anna Marie mit Fräulein von Mühlhausen

auf einer harten, steifbeinigen Küchenbank, Auguste stand daneben mit

geballten Fäusten, verlegen teilnahmsvoll.

Hildegard versuchte mitunter etwas zu sagen, aber Anna Marie antwortete

nicht. Sie hielt den Blick auf die grünlichen Scheiben des Küchenfensters

geheftet, gegen das die Regentropfen laut klirrend anprallten, einer den

anderen verwischend, und horchte auf das, was sich nebenan zutrug.

Erst hatte sie die beiden laut reden gehört, dann leiser, immer leiser --

dann nur ein mühsam verhaltenes, röchelndes Schluchzen ...

Ein Säbel klirrte, ein Sessel wurde gerückt -- die Abschiedsstunde

hatte geschlagen. Einen Moment, einen kurzen Moment alles still, still,

totenstill -- ein leiser, süßer Laut -- noch einer!

Es war vorüber. Altenried stand in der Küche und griff nach seinem

Mantel. »Leb wohl, Hilde, ich danke dir für deine Gastfreundschaft,«

sagte er, dann Anna bei beiden Händen fassend: »Anna, um Gottes willen,

versprechen Sie mir, daß Sie bei ihr bleiben, bis alles ... vorüber

ist, so oder so! Sie ist dieser Prüfung nicht gewachsen. Erzählen Sie ihr

Märchen, pflegen Sie ihre Hoffnungen bis zum letzten Augenblick, wiegen

Sie sie in den Schlaf, und wenn ich fallen sollte ...«

Aus dem anstoßenden Zimmer hörte man einen gräßlichen, halb

unterdrückten Wehlaut. Der junge Offizier zuckte zusammen, zögerte, dann

verschwand er noch einmal in dem Wohnstübchen. Einen Augenblick später

schritt er durch die Küche kerzengerade, sich weder rechts noch links

umsehend. Man hörte seinen Säbel laut gegen die Stufen rasseln, während

er eilig die steile Treppe hinunterstürzte.

* * *

Die ganze Menschheit hält den Atem an. Die Weltgeschichte hat ein neues

Blatt umgewendet! Eine neue Epoche ist hereingebrochen -- ein neues

Deutschland ist erstanden!

Ein Sieg folgt dem anderen, man kann sich die Namen der Siege nicht mehr

merken; auf Weißenburg folgt Wörth und Spichern und Saarbrücken; die

ganze feindliche Armee ist auf dem Rückzug begriffen; dann bei Metz wie

viel Siege! man zählt sie nicht mehr! Ja, Deutschland kann den Kopf hoch

halten über allen.

Wie ein träger Riese, der Jahrhunderte verschlafen hat, reckt und

dehnt sich's, richtet sich empor immer größer und größer, bis es dem

tapferen, übereilten, halt- und sittenlosen Feind endlich in seiner ganzen

Mächtigkeit gegenübersteht, ernst, männlich, unüberwindlich!

Die an dem Kriege nicht beteiligten Völker staunen atemlos -- man glaubt

nicht -- es ist nicht zu glauben, so kann es nicht weiter gehen, irgend ein

Hindernis muß kommen und den neuerstandenen nationalen Koloß in seiner

vorwärts stürmenden Laufbahn aufhalten! Aber nein! Weiter -- immer

weiter!

Ein taumelnder Jubel bemächtigt sich des weiten Deutschen Reiches, des

Reiches, das der Stolz auf den ersten gemeinsamen Sieg geeinigt hat; jeder

Bettler, der einem anderen Bettler über die Schulter sieht, um an einer

Straßenecke das neueste Extrablatt zu lesen, kommt sich um einen Zoll

gewachsen vor, nimmt etwas von dem sich immer weiter und leuchtender

ausbreitenden Nationalglanz in Anspruch für sich.

Herr Wißmuth hat's gänzlich vergessen, daß er eigentlich aus Holland

stammt, es genügt ihm jetzt vollkommen, daß er ein Deutscher ist. Selbst

Herr Sadis legt augenblicklich weniger Wert darauf, ein »Frankfurter« zu

sein! Er hat sich mit seiner jungen Gattin für ein paar Augustwochen unter

dem Dache seines Schwiegervaters in Lindenbergen einquartiert, und

während sie ihre Zeit hauptsächlich in immer loseren Gewändern auf einer

Chaiselongue zubringt, belustigt Herr Sadis sich daran, mit Herrn Wißmuth

um die Wette den Kriegsschauplatz zu studieren, und zwar auf einer

umfangreichen Generalstabskarte, welche Herr Wißmuth sich zu dem Zweck

angeschafft hat und die tagaus, tagein auf dem größten Tische, über

den Herr Wißmuth in seiner Wohnung verfügt, aufgeschlagen liegt, und auf

welcher Schwiegervater und Schwiegersohn mit bunten Papierfähnchen die

Stellungen der verschiedentlichen Armeen bezeichnen.

Ganz Lindenbergen steht auf dem Kopfe vor Siegesfreude, helle Kerzlein

brennen in den Fenstern fast jede Nacht -- Extrablätter fliegen von

Frankfurt herüber, fast jeden Tag -- und daß auch in diesem kleinen

Städtchen schon mehr als eine Gestalt in tiefer Trauer durch die Straßen

schleicht, thut der Stimmung keinen Eintrag. Derart hat bereits das

Kriegsfieber alle Herzen ergriffen, daß selbst in den Augen derjenigen,

die den Tod ihrer nächsten Lieben betrauern, die Triumphfackel leuchtet.

Ja, es war eine großartige, wundervolle Zeit -- eine grausige,

entsetzliche Zeit!

Und Kitty! ... Die Siegeskrankheit, von der ganz Lindenbergen angesteckt

war, hatte sie nicht berührt. Sie freute sich an keinem Sieg, sie dachte

immer nur daran, wie viel Menschenleben er verschlungen haben mochte. Wenn

draußen vor ihren Fenstern die Marktschreier aus Frankfurt mit ihren von

neuem Ruhm berichtenden Extrablättern die Straßen durchplärrten, so

steckte sie sich die Finger in die Ohren, und wenn des Abends auf höheren

Befehl ihres Vaters, des würdigen Bürgermeisters von Lindenbergen, die

hellen Kerzen in ihren Fenstern standen -- da flüchtete sie in das Zimmer

Anna Maries, das auf den Garten hinausblickte und von wo sie die hellen

Kerzen nicht sah. O, diese beleuchteten Fenster! Sie hatte ein Grauen vor

diesen beleuchteten Fenstern! Und Herr Wißmuth hatte die fixe Idee des

Illuminierens -- Lindenbergen kam aus dem Illuminieren nicht heraus. Kitty

magerte ab bis zum Skelett, sie nahm an nichts mehr teil, schleppte sich

durch ihre Existenz wie ein vom Leben losgetrenntes Gespenst. Sie aß

nichts, sie schlief nicht. Einmal trat Anna Marie in ihr Stübchen hinein

im ersten Morgengrauen; da sah sie das junge Mädchen in ihrem Bette

aufrecht sitzend mit unheimlich horchenden Augen, den Kopf dem Fenster

zugekehrt.

»Kitty, Kitty! schläfst du denn wieder nicht?« rief Anna Marie

vorwurfsvoll und besorgt.

»Wie sollt ich,« erwiderte Kitty, mit den Achseln zuckend, bitter.

»Aber mein Gott, Kind, was wird denn daraus werden? Wenn er eine Ahnung

davon hätte!«

»Er!« Kittys Stimmchen klang hart und heiser. »Wie weißt du, daß er

noch lebt. Vielleicht ist er längst tot, während ich mich hier noch

um ihn ängstige -- tot, und sie haben seinen Leichnam in die Erde

hineingestampft mit Hunderten von anderen unter ein bißchen Kalk und

Geröll, weil nicht Zeit war, ihn ordentlich zu begraben!«

»Aber Kitty, wie kannst du dich bei solch häßlichen Vorstellungen

aufhalten! Wenn ihm etwas geschehen wäre, wüßtest du's längst. Es hat

kein neues Gefecht gegeben seit dem letzten, von dem du Nachricht hast.«

»Wer kann sagen, was morgen in der Zeitung stehen wird,« entgegnete Kitty

herb und trostlos.

»Kitty! Etwas mußt du auch dem Allmächtigen überlassen. Vertraue auf

Gott!«

Da aber merkte Anna Marie, daß sie einen falschen Ton angeschlagen.

»Auf Gott vertrauen!« rief Kitty außer sich. »Ich möchte doch wissen,

ob die Angehörigen der tausend und abertausend Toten, die jeder unserer

Siege« -- sie sprach das Wort mit unsagbarem Haß aus -- »der Menschheit

kostet, alle auf Gott vertraut haben!«

»Kitty! unser Erdenleben ist nicht das Höchste in der Welt,« ermahnte

Anna Marie sanft; sie war fromm, gläubig fromm, wenngleich ohne

Frömmelei.

»Nicht,« murmelte Kitty, »vielleicht nicht, aber es ist schön, es kann

wenigstens schön sein -- ich wünsche mir nichts Schöneres im Himmel als

den Tag, den du uns gegönnt hast damals, gleich nach unserer Verlobung --

weißt du noch, wie wir unter dem Apfelbaum gesessen haben, du und wir zwei

-- bis tief in den Abend hinein, bis die Sonne untergegangen war und die

Sterne im Himmel funkelten und der Tau fiel -- er hielt mich in seinem

Arm und wir sprachen von der Zukunft.« Mit einemmal verstummte Kitty.

Sie wendete den Kopf dem Fenster zu, durch welches das erste Morgenlicht

nüchtern und weißlich hereinschlich. »Hörst du!« rief sie, indem sie

Anna Marie beim Handgelenk packte. Anna Marie horchte auf. Durch das ruhig

ausatmende Schweigen des sich langsam entschleiernden Augustmorgens schlich

etwas Seltsames, Beunruhigendes. Erst war's nur ein leises Zittern des

Erdreichs, aus dem Zittern wurde ein Laut, es klang wie ferner Hagel, der

noch in den Wolken steckt -- stärker, immer stärker -- es kam an den

Fenstern vorbei -- die Schritte eines vorübermarschierenden Regiments

waren's.

»Die gehen auch in den Krieg hinaus,« murmelte Kitty, »ich hör sie

oft im Morgengrauen -- mehr, immer mehr, mir ist's jedesmal, als zöge ein

Begräbnis an meinem Fenster vorbei. Wie viel Leichen -- mein Gott -- wie

viele Leichen!«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Arme Kitty!

Ihre ganze Existenz war eine beständig gespannte, auf Nachricht harrende,

sich vor Nachricht ängstigende Qual. Eine Stunde voraus stand sie am

Fenster und lauschte dem Postboten entgegen, der die Zeitung und die Briefe

brachte, und wenn sie ihn kommen sah, lief sie in ihr Zimmer hinauf, warf

sich, an allen Gliedern zitternd, auf ihr Bett und versteckte den Kopf in

ihr Kissen. Wenn Herr Wißmuth mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme

den jüngsten Siegesbericht vorlas, so schlich sie sich aus der Stube,

dann heimlich bemächtigte sie sich der Zeitung, schloß sich damit in ihr

Zimmer ein und grübelte über jedes Wort. Bei den Siegen hielt sie sich

nicht lange auf, um so länger bei der Beschreibung der Greuel, die auf die

Siege folgten.

Das dauerte bis Ende August. Aber über einen gewissen Grad reicht unser

Vermögen, den Schmerz zu empfinden, nicht aus. Als Altenried vier-,

fünfmal im Feuer gestanden, ohne daß ihn eine Kugel gestreift, regte

sich in Kitty der vermessene Gedanke, er trüge vielleicht ein gegen den

Kugelregen gefeites Leben in sich wie jene großen Helden, die, nachdem

sie ihre Zeit damit verbracht, die Gefahr in jeder Form herauszufordern,

schließlich ruhig in ihrem Bett gestorben waren.

Sie hatte ein paar Briefe von ihm erhalten durch die Feldpost --

Briefe voll junger, ungestümer Zärtlichkeit, voll junger, ungestümer

Siegesbegeisterung, grenzenlosem Pflichteifer und unbefangenen, fast

unbewußten Heldenmuts. Bescheiden erwähnte er der Anerkennung seiner

Vorgesetzten. Nicht, daß er seinen kleinen Triumphen große Wichtigkeit

beimaß -- aber ... »Du freust dich doch immer, wenn man mich

herausstreicht, Kitty,« schrieb er, »und du bist ein so armer Narr jetzt,

daß ich dich nicht um ein bißchen Vergnügen bringen darf aus feiger

Angst, für einen Prahlhans zu gelten. So renommiere ich denn vor dir in

Gottes Namen drauf los!«

Sein letzter Brief datierte vom einundzwanzigsten August. Er war avanciert

und mit dem eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, man hatte ihn dem

Kronprinzen vorgestellt, der Kronprinz hatte ihm die Hand gereicht.

Dann folgte eine Beschreibung des herrlichen Kronprinzen. Welche Zukunft

breitete sich vor ihm aus!

Kittys Wangen hatten von neuem begonnen sich zu färben, ihr Gang gewann

etwas von seiner alten, hüpfenden Elasticität.

In den ersten zwei Tagen des Septembers erfaßte die gräßliche Angst

sie jedoch von neuem und in gesteigertem Maße. Sie konnte es nirgends

aushalten, nicht da, nicht dort -- Nahrung zu sich nehmen, war ein Ding der

Unmöglichkeit, und jeder Atemzug that ihr weh.

Sie behauptete, daß sie den Kanonendonner höre -- einen schrecklichen

Donner, etwas wie Donner, in den sich Hagelschlag mischte. Sie begriff

nicht, daß es die anderen nicht hörten.

* * *

Zur selben Zeit lag in einem Straßengraben mitten zwischen den grünen

Triften zu Füßen der Hügel, auf denen das Fort von Sedan sich erhob,

Hans von Altenried schwer verwundet, über ihm eine leuchtende Sonne in

einem blauen Himmel -- in der Ferne Hurrageschrei, rings um ihn Sterbende

und Leichen.

Nicht einen Schluck Wasser, nicht einen Atemzug reiner Luft -- alles

verpestet von Pulverdampf, von dem faulen, süßlichen Geruch geronnenen

Blutes, von dem scheußlichen Gestank der in der warmen Sonne in Verwesung

übergehenden zerrissenen Menschenleiber.

Sein ganzes bißchen rasch hinschwindendes Leben war nichts mehr als eine

unaussprechliche Pein, die an jeder Fiber seines Körpers herumriß.

Im Kopf stach's ihn wie mit glühenden Messern, Schwindel und Übelkeit

lähmten ihm Leib und Seele und seine Wunden brannten.

Das Hurraschreien in der Ferne mehrte sich. Mitten aus seiner Qual heraus

meldete sich die Neugier, er hätte gern gewußt, weshalb sie schrien; so

laut hatte er sie noch nicht schreien gehört. So laut noch nie!

Mühsam hob er den schmerzenden Kopf und spähte und horchte -- dann wurde

ihm mit einemmal alles gleichgültig, alles zum Ekel. Er ließ den Kopf

sinken.

Mit welcher Begeisterung war er heute ausgegangen -- den Säbel in der

Hand an der Spitze des kleinen Häufleins, das er befehligte. Er war sich

wichtig vorgekommen, er hatte etwas leisten wollen. Und jetzt ... Kein

Mensch kümmerte sich um ihn, kein Mensch vermißte ihn. Er brachte es

nicht einmal mehr fertig, stolz zu sein darauf, daß er heute ein Atom

gebildet hatte in dem großen, seine Ziele verfolgenden Ganzen. Mitten

in seine Schmerzen hinein schlich sich ein demütigendes Gefühl seiner

elenden Unwesentlichkeit.

Er dachte an Kitty -- die Thränen traten ihm in die Augen.

Große Wolken von fetten blauen Fliegen schwirrten über die Leichen -- ein

paar setzten sich ihm aufs Gesicht, er wollte die rechte Hand heben, um

sie zu verscheuchen -- er konnte nicht -- von seinem rechten Arm war nichts

übrig als ein zerfetzter Stummel, an dem ein Klumpen schwarzen Blutes

hing.

Knapp neben ihm hin flatterte mit schwerfällig humpligem Flügelschlag ein

Rabe. Er schrie auf, der Rabe flog weiter, setzte sich einem toten Soldaten

auf die Brust und fing an, ihm die Augen auszupicken. Ein maßloses Grauen

überkam ihn, er schloß die Augen. So lag er da, sterbend -- den fernen

Siegesjubel in den Ohren, rings um ihn Leichen, über ihm der endlose blaue

Himmel, aus dem die Sonne schien.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Einen Tag später hatte sich der Siegesjubel über ganz Deutschland

ausgedehnt. Das französische Heer gefangen, und mit ihm der Kaiser der

Franzosen! Das Wort Sedan flog von Mund zu Mund, und wieder standen Kerzen

in allen Fenstern, viel größere und schönere als bisher -- in der

Kirche wurde ein Gottesdienst gehalten und ein Tedeum gesungen und ganz

Lindenbergen war beflaggt. Anna Marie war es indessen, als würge sie

eine eiskalte Hand an der Kehle. An Kitty hatte sich im Gegenteil eine

merkwürdige Veränderung vollzogen. Nach der letzten gräßlichen

Panik hatte sie sich vollständig beruhigt. Ihr Angstgefühl hatte sich

abgestumpft, oder vielmehr hatten ihre bereits früher geschwächten Nerven

nachgegeben und hatten es als eine zu schwere Last von sich abgeworfen. Sie

gab sich einer kindischen, geschwätzigen Hoffnungsseligkeit hin. Sie

wurde zornig, weil Anna es nicht über sich brachte, in ihre blinde

Zuversichtlichkeit mit einzustimmen.

Und zwei, drei, vier Tage waren vergangen, sie hatte nichts gehört vom

Schlachtfeld, es mußte alles gut sein!

* * *

»Nein, unter Paris thu ich's nicht!« erklärt Herr Wißmuth großartig.

Er will nichts vom Frieden wissen, den einzelne, weniger ausschweifend

siegeslustige Gemüter als er nach der Katastrophe von Sedan in Vorschlag

gebracht haben.

»Wir müssen einmarschieren unter dem =arc de triomphe=!« Und dabei

blähte er seine Brust auf, als habe er alle Schlachten mit durchgefochten

oder vielmehr, als sei er an der Spitze sämtlicher Truppen gestanden.

»Aber mein Gott, es sind doch schon Menschenleben genug zu Grunde

gegangen! Seid doch zufrieden mit dem, was ihr errungen habt!« rief Anna

Marie fast zornig.

»Du bist eine Österreicherin, du kannst dich in unsere Gefühle nicht

hineinversetzen!« entgegnete ihr Herr Wißmuth. »Als ob's auf ein

Menschenleben mehr oder weniger ankäme, wenn sich's um das Vaterland

handelt. Zu große Friedensliebe wirkt immer erschlaffend, erniedrigend --

das =point d'honneur= der Nation muß gewahrt werden!«

Im Grunde genommen stand Herr Wißmuth zum =point d'honneur= in einem sehr

platonischen Verhältnis -- aber das nur nebenbei. Die Tapferkeit ging ihm

über alles, und auf das bißchen Blutvergießen kam's ihm nicht an --

was ja ganz natürlich war, da er vor so und so viel Jahren als zum

Militärdienst untauglich erklärt worden war -- wegen Plattfüßen.

Die heftigsten Chauvinisten sind immer die Männer, denen die

Militärfähigkeit fehlt.

Herr Sadis legte ein gutes Wort ein für den Frieden. Er spekulierte

letzterer Zeit auf die Hausse.

Die beiden Herren befanden sich mit Anna Marie und Frau Sadis in dem

großen Wohnzimmer, in dem das Vesperbrot genommen zu werden pflegte --

einem luftigen Raum mit tiefen Fensternischen in blaßblau gemalten Wänden

und sehr wenigen altväterischen Möbeln. In einer Ecke vor einem schwarzen

Roßhaarsofa stand ein freundlich gedeckter Tisch mit blau und weißen

Porzellantassen, Gebäck und Obstschüsseln besetzt -- man wartete nur auf

den Kaffee, um sich niederzusetzen.

Herr Wißmuth studierte wie gewöhnlich den Kriegsschauplatz, Frau Sadis

lag in einem großen Lehnstuhl und rang nach Atem. Anna Marie häkelte an

irgend einem sehr kleinen Gegenstand, und Herr Sadis hielt einen freien

Vortrag über die politische Situation. Durch das offene Fenster drang die

regengekühlte Septemberluft mit einem Duft von Rosen und nasser Erde und

mit dem Geruch der ersten, in den Sommer hineinbrechenden Herbstfäulnis.

Zu gleicher Zeit tönte ein von einem süßen Waldvogelstimmchen

gesummtes Lied bis hinauf. Es war Kitty. Sie sang zum erstenmal seit der

Kriegserklärung und zum erstenmal beschäftigte sie sich wieder damit, ein

paar Rosen abzuschneiden zur Ausschmückung der Zimmer.

»Ist der Postbote noch nicht gekommen?« fragte Herr Sadis.

»Es ist noch nicht seine Zeit,« sagte Anna Marie.

Noch immer klang das Liedchen herauf mit dem Duft der Rosen und dem der

leise hereinbrechenden Herbstverwesung -- nur ferner, schwächer.

Da öffnete sich die Thür, das Mädchen brachte die mächtigen Kaffee-

und Rahmkannen auf einem Plateau und zugleich die Ergebnisse der

Nachmittagspost.

Ein Haufen von Zeitungen und ein einziger Brief -- ein Feldpostbrief für

Anna Marie -- dick und in einer Schrift adressiert, die sie nicht kannte.

Sie wurde leichenblaß. -- -- Aus dem Garten tönte noch immer das süße

singende Stimmchen.

Schwiegervater und Schwiegersohn griffen eiligst jeder nach einer anderen

Zeitung. Herr Wißmuth suchte begierig nach einem neuen Sieg, Herr Sadis

sah nach dem Börsenbericht. Als er damit fertig geworden war, blätterte

er die Zeitung durch. »Ach, die Verlustlisten!« bemerkte er, »ich muß

doch sehen, ob irgend ein Bekannter darunter ist -- zum Glück haben wir

niemand im Felde, der uns nahe steht.«

»Setzt euch doch zum Kaffee!« ruft jetzt etwas ärgerlich mahnend Frau

Sadis. »Ja, wo ist denn Anna Marie?«

»Sie ist den Augenblick verschwunden,« erklärte Herr Sadis, noch immer

in das Studium der Verlustlisten vertieft.

»Ich kann diese Unpünktlichkeit nicht leiden,« beklagte sich Frau Sadis.

»Und Kitty, wo ist Kitty?«

»Im Garten unten,« sagte Herr Wißmuth, der bereits an dem Kaffeetisch

saß und ein Stück Streuselkuchen in die umfangreiche Tasse -- seine

Privattasse -- tauchte, die ihm seine älteste Tochter soeben mit Kaffee

gefüllt. »Ich habe sie noch vor einem Augenblick unten zwitschern

gehört.«

»Ruf sie doch, Walter,« bat Frau Sadis ihren Mann, da sie sich dieser

Anstrengung nicht gewachsen fühlte.

Noch immer die Zeitung in der Hand, trat Herr Sadis ans Fenster und rief:

»Kitty, Kitty, der Kaffee wird kalt.«

Dann vertiefte er sich von neuem in sein Studium. »Schwerverwundete: von

Erhardt, Max, Lieutenant beim =x= Füsilierregiment; Müller, Friedrich,

Premierlieutenant -- ich glaube, den haben wir gekannt -- erinnerst du dich

nicht, Bertha, in Bonn bei Frau von Lüdersheim.«

»Ich erinnere mich nicht,« erwidert Frau Sadis.

»Aber du mußt dich doch erinnern -- ein kleiner, dicker mit einem roten

Schnurrbart, seine Mutter war eine geborene von Rosterwitz.«

»Aber was dir einfällt, der ist ja schon sechsundsechzig an der Cholera

gestorben,« erklärt Frau Sadis, indem sie nach dem dritten Stück

Streuselkuchen langt.

»Ja richtig,« giebt Herr Sadis zu und fährt fort, die Verlustlisten

zu prüfen. Es hat fast den Anschein, als ob er es übel nähme, daß

er keinen Bekannten darin entdecken kann. Plötzlich sieht er auf --

»Altenried?« bemerkt er fragend -- »ob das wohl der ist, der in Ulmenhof

mit uns diniert hat; dessen erinnerst du dich doch?«

»Ja, er war ein wenig in Kitty verliebt, glaub ich, ein bildschöner

Mensch; 's wär mir leid, wenn dem was zugestoßen wäre!« sagt Frau

Sadis und taucht ihre Lippen in die Kaffeetasse. »Vielleicht ist's ein

anderer, es dienen so viele Altenrieds.«

Ein leichter Schritt hat sich der Thür genähert -- Kitty tritt ein, die

Hände voll Rosen und in den Augen einen glücklichen Traum.

»Hans von Altenried,« sagt Herr Sadis, seinen Kneifer aufsetzend. Kitty

ist stehen geblieben, wie angewurzelt, niemand hat ihr Eintreten bemerkt.

»Tot oder verwundet?« fragt Frau Sadis.

»Tot!«

Ein gräßlicher Schrei tönt durch das Zimmer! Die Rosen fallen Kitty aus

der Hand, ihre Augen heften sich darauf; dann stürzt sie bewußtlos zu

Boden.

Wie Kitty die Zeit, die nun folgte, überstand! -- Daß sie sie überstand,

war Anna Marie ein Rätsel.

Ihre Verzweiflung war etwas, das keiner mitansehen konnte, von dem die

Teilnehmendsten sich abwendeten. Nur Anna Marie hielt's neben ihr aus.

Die ersten zwei Tage blieb Kitty thränenlos, man fürchtete um ihren

Verstand und Anna Marie gönnte ihr den Tod.

Aber der Tod kam nicht. Am dritten Tage zog eine Truppenabteilung durch die

Stadt mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Es schmetterte laut durch

die Straße »Heil dir im Siegerkranz«, und ganz Lindenbergen war an den

Fenstern, um den Helden, die dem Kriegsschauplatz zueilten, nachzuschauen.

Der schrille Ton der Trompeten weckte Kitty. Als Anna Marie an das offene

Fenster eilte, um es zu schließen und hierdurch den Schall zu dämpfen,

merkte sie plötzlich, daß Kitty, die bisher nicht zu bewegen gewesen war,

aus der dunklen Ecke herauszukommen, in der sie Stunde für Stunde gekauert

hatte, herausgeschlichen war. Ihre Starrheit wich -- alles begann an ihr zu

zittern, ihr blasses Gesicht verzerrte sich, die Thränen stürzten ihr aus

den Augen und sie hielt sich mit beiden abgemagerten Händen die Ohren zu.

Ja, die Thränen waren gekommen, aber irgend eine Erleichterung noch lange

nicht! ... die Verzweiflung Kittys war nicht milder, geduldiger Natur,

nein, es war eine entrüstete Auflehnung gegen das Schicksal, das ihr alles

genommen. Es kamen Zeiten, wo sie sich die Kleider vom Leibe herunterriß

und sich endlich auf ihr Bett warf und das Gesicht in die Polster

versteckte, um nicht laut zu schreien. Manchmal gab ihr bißchen

Selbstbeherrschung nach, und sie schrie; wenn Anna Marie sich ihr näherte,

um sie zu beruhigen, so schlug sie nach ihr -- dann löste sich dieser

Zustand in einen Strom von Thränen, und wenn sie sich müde geweint, dann

kroch sie an Anna Marie heran, zitternd und demütig, kniete neben ihr

nieder, küßte ihr die Hände und legte ihr den Kopf auf die Knie. Eines

Tages sank sie um, als sie ihr Bett verlassen wollte.

Der Doktor wurde gerufen. Er konstatierte ein Nervenfieber. Drei Monate war

Kitty todkrank, drei Monate, während deren Anna Marie Tag und Nacht nicht

von ihrem Lager wich. Plötzlich wendete sich's zum Bessern mit ihr, sie

genas.

Und ein Tag kam, wo Anna Marie sie mit der Zartheit einer Mutter, die ihr

Kind aus der Wiege hebt, ankleidete und an ihrem Arm langsam das erste Mal

aus ihrem Krankenzimmer in die anstoßende Stube führte. Sie erholte

sich verhältnismäßig rasch, es kam die Zeit, wo sie ihren täglichen

Beschäftigungen nachging wie früher. Sie war wieder hübsch, trotz der

übergroßen Augen und der krankheitshalber kurz gestutzten Haare; aber die

alte Kitty war's nicht mehr. Das Haar war dunkler geworden, das tanzende

Licht in den Augen war fort. Der Sonnenstrahl, der sich ehemals in das

kleine Persönchen versteckt zu haben schien und aus allen Ecken und Enden

ihres liebenswürdigen Wesens herauszuckte, war erloschen. Das Beste,

Schönste, Wärmste in ihr war tot! Was in ihr übrig blieb, war das, was

von einem Baum übrig bleibt, von dem der Hagel im Frühling die Blüten

heruntergeschlagen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Und die Tage reihten sich an die Tage, die Monate an die Monate.

Ein Sieg folgte dem anderen -- die alten Märchen wurden lebendig --

die Einigung Deutschlands war vollzogen, ein neuer Deutscher Kaiser war

erstanden! Barbarossa war erlöst!

Der Feind war hinter den Rhein zurückgedrängt, und die kriegslustigen

Politiker, die bei einem Glase Bier und über ein Schachbrett hinüber

die Geschicke der Welt im Kaffeehaus zurechtschnitten, gaben sich mit den

Errungenschaften »ihrer Armee« zufrieden.

Nur Herr Wißmuth war nicht einverstanden mit dem von Deutschland

geschlossenen Frieden, seiner Ansicht nach hätte Deutschland entschieden

das ganze französische Reich annektieren müssen.

Und der Frühling kam, und die Truppen, was von ihnen übrig war, kehrten

ins Vaterland zurück. Und ganz Lindenbergen war beflaggt, und die Häuser

waren grün von Blumengewinden und bunt von Teppichen, die Fenster standen

voll Menschen, welche den Siegern zujubelten.

Unter diesen Menschen waren viele in schwarzen Trauerkleidern, und auch

diese jubelten, mit Thränen in den Augen jubelten sie.

Nur Kitty, Kitty, die nicht einmal ein schwarzes Trauerkleid tragen

durfte, die jubelte nicht! Während es durch die Straßen schallte, ein

Hurraschreien ohne Ende, und mit schmetternden Trompeten »Heil dir im

Siegerkranz« erklang, kniete Kitty hinter verschlossenen, verdunkelten

Fenstern im stillsten Winkelchen des Hauses vor Anna Marie, den Kopf in

ihrem Schoß.

Zweites Buch.

Kurz nach der Heimkehr der Truppen hatte Anna Marie ihren blassen Liebling

verlassen müssen. Ein anderer leidender Mensch hatte nach ihr gerufen,

nach der lindernden Zartheit ihrer Hand, nach der innigen Teilnahme ihres

Blickes.

Ein kranker Bruder war's. Sie pflegte ihn erst in Gleichenberg, dann

in Kairo, blieb an seiner Seite, bis er sich die Seele aus dem Leibe

herausgehustet hatte. Dann bestürmte die verheiratete Tochter ihres

Tricktrackonkels sie, sich ihres Hausstandes anzunehmen -- kurz, das und

jenes kam; als sie wieder frei gewesen wäre, sich Kitty zu widmen, war ihr

Platz im Hause des Herrn Wißmuth bereits ausgefüllt. Ein großer Jammer

hatte die Familie heimgesucht, ein großer Jammer für alle anderen, für

Kitty ein Trost.

Wie alle gebrochenen Menschen, in denen ein edler Kern steckt, vergaß sie

ihren eigenen Schmerz erst, als sie den eines anderen auf sich lud.

Herr Sadis war seit dem Jahre 1870, wo er sich durch seine flink

abwechselnde Hausse- und Baisse-Börsengymnastik ein Vermögen erspielt,

ein so verwegener Spekulant geworden, daß er sich eines schönen Tages

anläßlich einer besonders kühnen Unternehmung den Hals gebrochen hatte,

das heißt, er hatte sich ihn abgeschnitten, um sich nicht bankerott

erklären zu müssen.

Seine Witwe, die er völlig mittellos zurückließ, suchte mit ihren drei

Kindern Schutz unter dem väterlichen Dach. Sie war wie erdrückt und

verdammt von dem Schicksalsschlag, der sie, da sie von dem Stand der

Geschäfte ihres Mannes nichts geahnt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel

getroffen hatte. Ihr Mut war gebrochen, ihre Gesundheit bedroht, dabei war

sie durch ihren jahrelangen Wohlstand dermaßen verwöhnt, daß sie

die Hände kaum mehr zu rühren vermochte und, anstatt selbst irgendwo

zuzugreifen, mehr Bedienung brauchte und Umstände im Hauswesen

verursachte, als ihre drei Kinder zusammen. Von früh bis abend that

sie nichts, als sich über die Undankbarkeit ihrer Frankfurter Bekannten

beklagen und Briefe an ein paar alte Schuldner ihres Mannes schreiben,

welch letztere leider durchaus nicht gesonnen schienen, ihren

Verpflichtungen nachzukommen, so daß Frau Sadis nie die Papier- und

Postkosten dieser äußerst unfruchtbaren Korrespondenz herausschlug. Kitty

sah das klar, aber sie ließ die Schwester gewähren. Mein Gott,

dieses ewige Gekritzel war doch wenigstens eine kleine Zerstreuung, ein

Sorgenableiter für die Tiefgebeugte. Wenn Bertha Sadis nicht Briefe

schrieb, so weinte sie. In diesen beiden Beschäftigungen gipfelte ihre

ganze Thätigkeit.

Entweder wird man von zu viel Weinen mager, oder man wird dick. Bertha

Sadis gehörte zu denjenigen, welche dick wurden. Sie wurde unförmlich,

was zu ihrer Unbeholfenheit noch beitrug. Die Mühe der Erziehung und

Pflege der Kleinen lastete somit ausschließlich auf Kitty. Mit welchem

Eifer sie sich derselben widmete! Die Kinder hingen bald an ihr wie die

Kletten, und sie betete sie an. Sie waren übrigens reizend, alle drei.

Merkwürdigerweise sahen sie weder Vater noch Mutter, sondern, und zwar

recht auffallend, Kitty ähnlich. Zwei Jungen waren's und ein Mädchen.

Das mittlere war ein Mädchen. Kitty zog die Knaben vor. Sie schrieb einmal

anläßlich dessen an Anna Marie:

»Ja, du hast's erraten, ich hab die Jungen, oder wie du

unverbesserliche Österreicherin sagen möchtest, die ›Buben‹ lieber

als das Mädchen -- wegen der allgemeinen Wehrpflicht, und weil

sie's überhaupt schwerer haben im Leben, wenigstens Knaben in den

Verhältnissen, in welchen meine armen, kleinen Schützlinge aufwachsen

werden.

Es ist dies nicht die landläufige Ansicht, ich weiß wohl, aber es ist

meine Ansicht. Männer müssen das Leben tiefer, ernster auffassen

als wir Frauen, sie dürfen sich ihm gegenüber nicht in tröstliche

Täuschungen einspinnen, sondern müssen seiner ganzen Häßlichkeit

unerschrocken in die Augen sehen, sie müssen arbeiten, oft ohne Lust,

manchmal mit versagender Kraft, damit die schwachen Geschöpfe, die von

ihnen abhängen und deren Glück ihr Glück ausmacht, sorglos zu feiern

vermögen; solche Männer, wie ich sie aus den zwei reizenden Knirpsen

herauserziehen möchte, die Gott unter meine Hut gestellt hat.

Der älteste heißt Fritz; er ist, dessen solltest du dich übrigens

besser erinnern als ich, die damals nicht mehr wußte, was um mich

herum vorging, mitten im Feldzug von Anno 1870 geboren worden, und

darum hat man ihn nach unserem wundervollen Kronprinzen getauft.

Er ist prächtig, so aufgeweckt und schneidig, mit schrecklich viel

Lust zum Soldatenspielen, obgleich er erst vier Jahre zählt. Zuweilen

geht mir's quer durchs Herz, wenn ich ihn, seinen kleinen Blechhelm auf

dem Kopf, einen Kindersäbel in der Hand, Hurra schreiend eine Schanze

nehmen seh, die manchmal aus einem alten Schiebkarren, am häufigsten

bloß in seiner Einbildungskraft besteht. Aber ich möcht ihn doch

nicht anders haben und will auch seinen kecken Mut nicht verstümmeln

durch allzu ängstliche Zügelung und Überwachung, so schwer mir

gerade das fällt.

Er soll so werden wie der, dessen Andenken für mich immer das

Heiligste auf der Welt bleiben wird, genau so wie der, selbst wenn er

so enden müßte -- selbst dann!

Mein Liebling ist der jüngste, der kleine Hans. Es ist ein Zufall,

daß er Hans heißt, aber mich freut's. Er ist auch der schönste

von allen dreien, blond mit krausen Härchen, in die sich die

Sonnenstrahlen verfangen, wenn ich mit ihm auf dem Arm durch den Garten

geh, und mit so lieben, großen blauen Augen. Einmal hab ich mich mit

ihm auf die alte Birkenbank gesetzt, unter dem Apfelbaum, du weißt,

die Bank, auf der wir damals zusammengesessen haben, du, er und ich, an

dem Frühlingstag, den du uns gegönnt hast. Und da sind mir plötzlich

Gedanken gekommen -- allerlei Gedanken, wie das alles hätte so werden

können, und daß der Kleine da auf meinem Knie eigentlich mein eigenes

Söhnchen hätte sein dürfen -- und plötzlich hat mich das Schluchzen

geschüttelt, ach so ein Schluchzen! Da hat sich der Kleine mit einem

Händchen an meinem Halskragen angeklammert, um sich auf meinem Schoß

aufzustellen, und hat mir alle meine Thränen weggeküßt. Seit der

Zeit wein ich nicht mehr.

Aber glaub du nur ja nicht, daß ich darum weniger an meinen lieben

Toten denke. Nein, das wird dasselbe bleiben mein lebenlang. Seinem

Andenken geschieht kein Eintrag durch die neuen Interessen, an denen

ich mich aufrichte, und ich glaube, er selbst würde sich freuen, daß

mir dieser Trost beschieden ward, daß der Schatz an Liebe in meinem

Herzen, von dem ich gar nichts wußte, ehe er ihn gehoben -- denn

früher war ich ein vergnügungssüchtig, oberflächlich Ding wie nur

eine --, dieser große Reichtum, mit dem ich nichts mehr anzufangen

wußte, seit ich ihn ihm nicht mehr geben konnte, und der mir die

ganzen leeren Jahre lang das Herz abgedrückt hat -- endlich, endlich

jemandem zugute kommt.

Ich soll wieder hübsch geworden sein, sagt man mir, und ich bin

wohler und heiterer, das fühl ich selbst. Vorige Woche hatte ich einen

Heiratsantrag. Du kannst dir denken, wie mir dabei zu Mute war, und

gestern blieb Herr Förster, dem ich in Frankfurt, wohin ich gefahren

war, um eine Trommel für Hänschens ersten Geburtstag zu kaufen,

begegnete, stehen, um mir nachzustarren. Ach du lieber Herrgott!

Hans, neben dessen Bett ich dies schreibe, während er sein

Vormittagsschläfchen hält, ist aufgewacht, durch einen kleinen,

kichernden Vogelschrei hat er mir's gemeldet. Soeben habe ich das

Gitter seines Bettchens heruntergelassen. Er sitzt zwischen seinen

Kissen, die goldenen Härchen zerzaust, die Wänglein rot vom Schlaf,

und schaut mich aus runden, blauen Augen feierlich an. O dieser gerade,

vertrauensvolle Kinderblick -- der Blick, der in uns sein allmächtiges

Schicksal sieht, seinen Gott, der ihm willkürlich Freud und Leid

austeilt! Wenn man sich denkt, daß man seinem Flehen einmal nicht

gerecht werden könnte, ihm antworten müßte, ich kann nicht, ich kann

nicht!

Vorläufig kann ich noch alles, was er von mir will -- lieber, dummer,

hilfloser kleiner Hans! Er will, daß ich ihn ankleiden und ihm seine

Suppe bringen soll. Ich freu mich schon darauf. Hätt's nicht geglaubt,

daß ich's noch einmal lernen würde, mich an irgend etwas im Leben zu

freuen!

Dein in alter, herzlicher Dankbarkeit

Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage) · 第 1 / 5 题