Astrachan. Red' ihn scharf an.
Olinar. Hochzuverehrender Freund!
Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's?
Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich
gesagt.
Simplizius. Was will der Herr?
Astrachan (der Olinar hält). Mut, Mut, ich helfe dir schon.
Olinar. Ja, laß mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.)
Er ungezogner Mensch!
Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht.
Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu
sprechen--
Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert?
Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So
werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind?
Astrachan (heimlich). Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken
soll.
Olinar. Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll! (Wischt
sich den Schweiß ab.) Ha, das war viel gewagt.
Simplizius. Die Kehle schnüren? Das ist ein Schnürmacher. Nu, den
können wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die
Bewegung des Erdolchens.)
Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt laß mich reden. Hör',
Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer
Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere
Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund für ein Exempel statuiert.
Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muß viermal nacheinander
sterben.
Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot.
Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche.
Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knöpf'.
(Macht sie.)
Dreizehnte Szene.
Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet.
Abukar. Was hast du, Astrachan? Du lärmst ja ganz entsetzlich.
Astrachan. Wir haben unsern Spaß mit diesem Burschen da, das ist
der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe.
Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Für sich.)
Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen.
Simplizius. Ich hör' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los.
Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn
auf die Schulter und lachen.)
Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus.
Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund!
Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein
Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus.
(Alle lachen.)
Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir
noch vorgekommen ist.
Simplizius. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was
glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich
über meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem
Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu
finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.
Alle (lachen). Ein drolliger Kerl!
Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen
können s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen
besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die
Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden?
Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal
solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch'
sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir
eine Natur, die Welt ist lang genug unnatürlich g'wesen, sie kann's
noch sein.
Abukar. Der Bursche muß Hofnarr werden, der macht mich schrecklich
lachen.
Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion!
Olinar. Er hat Mut wie ein Löwe.
Simplizius. Löwe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte
Satisfaktion!
Astrachan. Der Kerl ist über einen Spartaner.
Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich
kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muß
ich spießen. (Faßt Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich
mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen?
Olinar. Hilfe! Hilfe!
Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du
Zeit, Bube.
Astrachan. Ins Gefängnis, fort mit ihm.
Simplizius (reißt dem Olinar den Säbel aus der Scheide). Jetzt
reißt mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze
entgegen hält, welche er ihm aus der Hand schlägt.) Ihr verdammten
Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kämpft mit
allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen,
einer den Helm.)
Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Götter, seid uns
gnädig.
Vierzehnte Szene.
Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg über die Kalmuken!
Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem
Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß
auf.) Das ganze Zeughaus häng' ich um. So, jetzt ist der Stefan
Fädinger fertig. Rache, Rache! Alles muß bluten. Einen Haß hab' ich,
ich glaub', es dürft' mich einer spießen, mir war's nicht möglich,
ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider.
Lied.
Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n,
Ich weiß nicht, ob ich's nimm;
Da könnt man ein' Verdruß erleb'n,
Es würd' ein' völlig schlimm.
Und ließ' man's wieder lizitier'n,
Was könnt' man da viel profitier'n?
Vors erste ist s' ein alt's Gebäu',
Wer weiß, wie lang s' noch steht,
Das sieht man an Massana glei',
Daß s' sicher untergeht.
Und fällt ein' so a Welt ins Meer,
Wo nimmt man g'schwind a andre her?
Die Völker steh'n mir auch nicht an,
D' Kalmuken, d' Hugenotten,
Und wen ich gar nicht leiden kann,
Das sind die Hottentotten.
Da möcht' ich grad' vor Wut vergeh'n,
Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n.
Auch ist's ein Elend mit den Tier'n,
A' bloße Fopperei,
Was kriechen s' denn auf allen vier'n,
Ich geh' ja auch auf zwei.
Die meisten können uns nur quäl'n,
Am liebsten sind mir die Sardell'n.
Die Sonn', die ist schon lang mein Tod
Mit ihrer öden Pracht,
Der Mondschein macht sich's gar kommod,
Der scheint nur bei der Nacht;
Und dann die miserablen Stern',
Die weiß man gar nicht, zu was s' g'hör'n.
Kurzum, ich hass' die ganze Welt,
Im Sommer wie im Winter,
Mir liegt sogar nichts an dem Geld,
Es ist nicht viel dahinter.
Ein einz'gen Menschen nur allein,
(Deutet auf sich.)
Wüßt' ich--dem ich noch gut könnt' sein.
(Ab.)
Fünfzehnte Szene.
Ewald und Aloe.
Aloe (muß von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden
mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine
griechische Matrone, und geht etwas gebückt.) Nein, nein, mein
lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Mädchen
ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Göttin
Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen
Männer zu bewundern, so fängt das Mädchen Liebeshändel an. Wo habt
Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen?
Ewald. Am Fenster sprach ich sie.
Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die
Mädchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflückt?
Laßt Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fünfzig Jahre schon zum
Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie
auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn?
Ewald. Ein Fremdling bin ich.
Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Männer kenn' ich alle. Doch was
besitzt Ihr in der Fremde?
Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemüt und
kräftigen Verstand.
Aloe. Wer sagt Euch, daß Verstand ein sichres Erbteil sei, wie
könnt' es denn so viele Narren geben?
Ewald. Und eine Kunst, die alle Künste übertrifft.
Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu führen?
Ewald. Im Gegenteil, ich möchte Eure Schönheit gern im höchsten
Glanz erscheinen lassen.
Aloe. Ich hör's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es
ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit tötet unsre schönsten Freuden.
Doch weiter nun, ach, mein Gedächtnis ist so schwach, wovon habt
Ihr zuletzt gesprochen?
Ewald. Von Eurer Schönheit war die Rede, ja.
Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hören mochte. Ihr wolltet
sie erhöhn?
Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt.
Aloe. Was fällt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um
keinen Preis!
Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der König reicht?
Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch,
als hätt' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine
ausgeblühte Rose, die nicht im Frühlingsschein mehr glänzt.
Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor
allen Töchtern dieses Reichs sollt Ihr den Schönheitspreis erringen,
doch Eure Nichte ist dann mein, ich führ' sie mit mir fort.
Aloe. Ihr könntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofür ich mich
dem Cerberus schon verschrieben hätte, wenn er's vermögen könnte?
Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht
Ihr das Eure nicht zu halten.
Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjüngen?
Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren
neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht
erblühn?
Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre
Blütenzeit. Mir ist, als blüht' ich schon--fang' schon an zu duften.
O Himmel, welch ein Glück, ich fühle mich schon jung, mich hindern
bloß die Jahre.
Ewald. So mäßigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im
Haus, ich muß mich erst dem König zeigen. Geht nur hinein und sagt
Atritien, daß sie mein Weib soll werden.
Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach,
wenn ich eine Herde solcher Mädchen hätte, Ihr könntet alle sie
nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schönste
bleibt zurück. Die Schönste--eine Welt von Wonne liegt in diesem
Namen. Und bin die Schönste ich, wird mir der schönste Mann. Der
schönste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das
Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Männer! O Götter, steht
mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.)
Sechzehnte Szene.
Ewald (allein).
Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert,
Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört.
Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held!
Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt
Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?
Siebzehnte Szene.
Voriger. Simplizius.
Simplizius. Sind Sie da?
Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?
Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.
Ewald. Sie? Nicht möglich.
Simplizius. Nun, sie sagen's alle.
Ewald. Alle? Wer?
Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.
Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.
Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei.
Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen
haben.
Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so
sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen
Stich, das kann man ja doch gleich sehen.
Ewald. Wie ging es aber zu?
Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n
langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn
veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da
kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll
Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer
totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das
Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben
und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon
alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich
erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los
und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten
wieder heraus.
Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann?
Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn
ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.
Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?
Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher
ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist
er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu
zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr.
Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich
hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht
der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der
letzte sein--und bin fort.
Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden!
Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh',
das Volk.
Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.
Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon
einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'.
Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim
Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe
zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn
einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald
ein Erdbeben, bald ein Eber.
Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen
Sie doch nach jenem Fenster.
Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.
Ewald. Warum denn nicht?
Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.
Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die
größte Schönheit glänzen.
Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum
glanzen anfangt.
Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den
Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm
vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich
die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.
Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich
brauch' sie nicht.
Achtzehnte Szene.
Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan.
Olinar.
Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen).
Dank dem Helden, den die Götter
Mit des Löwen Mut gestählt.
Und den zu des Landes Retter,
Gnädig waltend sie erwählt.
(Sie bilden einen Kreis.)
Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines
Landes wunderbarer Retter?
Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.
Simplizius (für sich). Meint der mich?
Olinar. Hat der den Eber erlegt?
Abukar. Wer hatte das gedacht?
Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des
Königs Dank.
Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn,
es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen
dem bissel Eber.
Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?
Simplizius. So schmeichl' ich mir.
Krieger. Wir waren alle Zeugen.
Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den
Augen meines Volkes.
(Die Höflinge weinen.)
Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir
unbegreiflich.
Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche
Riesenkräfte wohnen?
Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein
Elefant in einer Nuß logiert.
Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?
Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das
dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer
Majestät, wir werden kein' Richter brauchen.
Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht.
(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke
dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß
sie ein Lorbeer lohnt?
Alle. Ja, sie verdient es.
Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da
wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.
Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit.
(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden
einen Kranz.)
Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk
annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.
Ewald. Was für ein Gesträuch?
Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein
Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?
Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste
Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen
haben.
Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen
sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.
Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit
ihren Adel.
Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch
nicht gewußt.
Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.
Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?
Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf
einem Schild.)
Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.
Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen.
Simplizius (kniet). Das sind Umständ'.
Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück.
Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine
Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.
Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn
mir die Fliegen nicht zu.
Dardonius. Wie heißest du?
Simplizius. Simplizius.
Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.
Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!
Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.
Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein
Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)
Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so
sollst du Unterfeldherr sein.
Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär.
Unterfeldscherer muß ich werden.
Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.
Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch.
Alle. Heil dir, Simplizius!
Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst.
Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft
mich gleich der Schlag.
Neunzehnte Szene.
Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage,
welche sie in die Mitte der Bühne setzen.
Ewald. Ein sehenswertes Tier.
Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an.
Dardonius. Bewundre deine Riesentat.
Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen.
(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an,
mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.
Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg!
Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier'
meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug'
auf mich, sehen Sie ihn nur an.
Ewald. So fassen Sie sich doch.
Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da.
Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer
Majestät den Eber fort.
Mehrere Höflinge. Wie, der König?
Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur
fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst.
Dardonius. Was bebst du so?
Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine
Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Daß ich mich halten
kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech'
ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor
Wut (beiseite) und vor Angst.
Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir
ein Rätsel.
Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.
Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt.
Die Krieger. Wir sind's.
Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.
Simplizius (für sich). Mir schon lang.
Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein.
Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie
beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort
schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich
folge bald.
(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)
Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s'
die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph
werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf
meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)
Krieger. Es lebe Simplizius.
Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim
grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht
geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will
ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was
vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.)
Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort.
Dardonius (tritt näher). Was verlangst du?
Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät
erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er
wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt'
ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den
Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug.
Chor (der Krieger).
Dank dem Helden, den die Götter
Mit des Löwen Mut gestählt,
Und den zu des Landes Retter
Gnädig waltend sie erwählt.
(Alles ab, bis auf)
Zwanzigste Szene.
Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.
Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.
Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?
Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler
Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich
dieses dummen Menschen Freund sein muß.
Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist,
und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die
Gewährung eines Wunsches rechnen.
Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl
verträgt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches höchste Schönheit
lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.
Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr
nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln.
Ewald. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst
mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müssen edle Frauen deines
Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken.
Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn
eh' noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest
beendet sein; damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt,
dem ruhmbeglückten Tag nicht seinen Sieg entreißt. (Geht ab, die
Höflinge folgen.)
Ewald (allein). Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König,
täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen
wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schönheit Bild in
Häßlichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.)
Einundzwanzigste Szene.
(Vorhalle in Aloes Wohnung.)
(In der Mitte des Hintergrundes stützt ein breiter praktikabler
Pfeiler das Gewölbe, sodaß sich dadurch zwei Öffnungen bilden,
wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade,
welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen
ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, führt eine
Seitentür nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil
sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.)
Aloe tritt ein.
Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurückrufend).
Bleib du im Gemache nur (verschließt die Tür), er darf dich nicht
früher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin.
Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk
und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann!
Zweiundzwanzigste Szene.
Vorige. Ewald.
Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.)
Bereitet Euch, um schön zu werden.
Aloe (pathetisch). Wer wäre dazu nicht bereitet, Erwartung spannt
jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.
Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Götter an.
Aloe (kniet). Götter, die ihr tausend Himmel ausgeschmückt mit
Schönheit habt, öffnet eure Vorratskammern und das Füllhorn ew'ger
Jugend gießet auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden;
Werft mich in des Ätna Krater, speit er mich nur schön heraus; laßt
mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum auflöse
und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur
eine birgt die Schönheit, und ich will sie alle öffnen, bis ich auf
die rechte komme. Götter, laßt euch doch erbitten; denn ich stehe
nicht mehr auf. (Breitet die Hände aus.)
Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön.
Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich
seh' ja nicht die mindeste Veränderung an mir.
Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte
schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring
des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die
andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein
junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit
weißen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er hält ihr
einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.)
Aloe. Nein, unmöglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir,
daß ich's selber bin.
Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafür.
Aloe (plötzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug,
für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen
seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen
muß. (Küßt ihn.)
Ewald. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht
verführen, denn will ich meine Liebe dämpfen, so lösch' ich nur die
Fackel aus.
Aloe (für sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir
jetzt zu wenig; nun muß ein König kommen, wenn ich meine Hand
verschenke.
Ewald. Bald straft sich dein Übermut. (Gezogen.) Hört mich, schöne
Aloe.
Aloe (entzückt). Was verlangst du, holder Mann?
Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfüllt.
Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.
Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor
Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht. (Sie geht durch die
lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt
sie stehen und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe
als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der
dunkeln Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür
ausschließt, spricht:)
Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die
Fackel nicht bescheint.
Aloe (stürzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt,
wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht
bewundert?
Ewald (für sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja.
(Ruft.) Atritia, komm heraus!
Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten).
Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll
ich dein Weibchen werden?
Ewald. So ist's, doch sieh dich um.
Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Göttin Venus
selbst. (Fällt auf die Knie.) Nein, solche Schönheit hab' ich noch
nie gesehen.
Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig für den Stolz. Da kniet sie
jetzt, die mich so oft verlacht.
Atritia (hält die Hände zusammen). Große Göttin, steh uns bei.
Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme.
Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme?
Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschönert.
Atritia (steht auf). Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich!
Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein
ehemaliges Ich häßlich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich
vergreife mich an dir. Der Ärger kostet mich das Leben.
Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Göttin
Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschönern?
Ewald. Du bist mir schön genug.
Atritia. Dann will ich auch nicht schöner sein.
Ewald. Doch nun leb' wohl. (Küßt sie.) Kehr' ich zurück, wirst du
mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr
deinen Schutz.
Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches
Geschöpf! (Droht mit der Faust.)
Ewald. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt
in den Tempel mir.
Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich mäßigen, denn meine
Schönheit geht mir über alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.)
Aber wenn ich zurückkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die
Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(faßt
sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geht
nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft
immer wütende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!--
Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.)
Dreiundzwanzigste Szene.
Atritia, dann Lulu.
Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.
(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.)
Lulu. Und willst du ihn darum verlassen?
Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert.