Ewald (für sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge--

Atritia. Täusche dich nicht.

Ewald (für sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.

Atritia. Es ist zu fest verschlossen.

Ewald (für sich). Ich muß mein Glück benützen.

Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir.

Ewald. Schönes Mädchen, eröffne doch die Pforte, ich will so leise

über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine

süßen Lippen.

Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt, nun kann

ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein,

doch darf ich nicht.

Ewald. Wer hat es dir verboten?

Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir über

diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muß ich es

befolgen, sonst würd' ich gern in deiner Nähe sein, denn du

gefällst mir wohl.

Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du

darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten?

Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon

zufrieden und komm zu dir hinaus.

Neunte Szene.

Ewald und Atritia.

Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt.

Atritia (hüpft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen?

Ewald. Ob du mich liebst?

Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob

du liebenswürdig bist.

Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir

die Antwort schon gegeben.

Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du

vielleicht ein Held? So geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und

hast du ihn erlegt, so kehr' zurück und wirb um meine Hand.

Ewald. Ein Eber ist hier zu bekämpfen?

Atritia. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus,

so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.

Ewald. Hast du ihn schon gesehn?

Atritia. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle

Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, das heute als die

Schönste wär' gewiß erwählt worden.

Ewald. Ist heut dieses Fest?

Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich

geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König

eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da

kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den

Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum

blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen

leer.

Ewald. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich

bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes

Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch

so eitel ist, daß sie für schön sich hält?

Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die

gibt's wohl überall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage

nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen,

wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird

bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen.

Ewald. Ist sie so böse?

Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben

und vieles Geld dazu. Sie mußte mich erziehen, das tat sie auch,

doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut

vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch,

wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu

dem Feste schmücken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt,

mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich

wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein,

wenn mich nie einer sieht?

Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn.

Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn?

Ewald. Ist es dein Wunsch?

Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich wär' zu dir

herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest, du stündst noch

lange vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein

Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb' wohl und

denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', daß ich dich

liebenswürdig finde. Dafür werd' ich's auch keinem andern sagen

mehr, und hab' es keinem noch gesagt.

Ewald. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen?

Atritia. Ich muß, such' deine Alte nur, hörst du, und hast du sie

gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiß nicht auf die

Junge! (Läuft ins Haus.)

Zehnte Szene.

Ewald allein, dann Simplizius.

Ewald. Da läuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so

ist es dieses Mädchens reizender Besitz.

Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho!

Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf

einem Stier!

Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind

wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt

fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern.

Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die

Lust zu wagen?

Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu

bekümmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie,

weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben

herübergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen?

Ah, da hat es Zeit bei den Preußen!

Ewald. Aber mit welchem Rechte?

Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie

an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozeß

anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links

hinüber drehen läßt? Da irren Sie sich!

Ewald. Welch ein Betragen!

Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich

betrag' mich gar nicht, um keinen Preis.

Ewald (verächtlich). Gemeiner Wicht.

Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht

vergessen soll, wer ich bin.

Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschießen.

Simplizius. Vom Totschießen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren

mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu

klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem

andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie?

Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt hätte, ich müßte

ihn züchtigen.

Simplizius. Züchtigen? Ha, beim--wie heißt der Kerl?--Ha, beim Zeus,

jetzt gibt's Prügel. (bricht mit dem Fuß einen Baumast entzwei und

gibt ihm die Hälfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach.

Ewald. Was wollen Sie?

Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der

Brust.)

Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wütender Mensch.

(Entspringt.)

Elfte Szene.

Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Händ'. Es

ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen

Menschen seh', so möcht ich ihn schon in der Mitt' voneinander

reißen. Wenn ich nur einen Degen hätt' oder ein Stiffilett, oder

wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekäm', ich

erschießet die ganze Stadt und die Vorstädt' auch dazu. Da kommen

einige, die sollen sich freun.

Zwölfte Szene.

Simplizius. Olinar und Astrachan.

Olinar (ein fetter Mann). Wer lärmt denn hier so auf der Straße?

Das ist ja ein ganz fremder Mensch.

Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn

einer redt auf mich.

Olinar. Der sieht ja wie ein Straßenräuber aus, der Kerl hat nichts

Gutes im Sinn.

Simplizius. Ich muß mich noch zurückhalten, bis ich Waffen hab'.

Ich werd' mir's erst sondiern.

Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack'

dich von hier, du kecker Bursche.

Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht

umsonst.

Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht

schuldig bleiben und sie auf deinen Rücken legen werde.

Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Für sich.) Ist schon gut

unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich

expedier'. Ich muß mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen,

damit ich's nicht vergess'. (Tut es.)

Astrachan. Hast du's gehört, du sollst die Straße reinigen. Mach'

dich fort.

Simplizius. Ich soll die Straße hier reinigen? Er muß mich für

einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich

bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut

von sich gibt--

Astrachan (will auf ihn zu). Was?

Olinar (hält ihn furchtsam zurück). Behutsam, Freund, er hat ja

einen Prügel in der Hand.

Astrachan. Was kümmert's mich, du wirst dich doch nicht fürchten?

Olinar. Ei bewahre.

Astrachan. Schäme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und

beweise deinen Mut.

Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun?

Astrachan. Ihn von hinnen jagen.

Die unheilbringende Krone (oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend) · 第 6 / 10 题