Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)

Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und

schreibt.)

Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?

Simplizius. Ein vacierender Lord.

Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten

Tag?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn

ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in

sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler,

oder ich lass' das Zimmer ausräumen.

Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.

Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu

bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet

habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein

Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.

Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht

Simplizius fragend an.)

Simplizius (gleichgültig). Spleen.

Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie

haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.

Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten,

ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in

einer Stunde wieder.

Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.

Simplizius. Ein splendider Mann.

Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich

geh', aber die Wach' bleibt hier.

Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.

Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie

bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.

Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius

zeigend.)

Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.

Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste

bei ihm.

Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht'

rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen.

Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden,

denn sein' Fackel blendt einen ja.

Riegelsam. Sind sie da noch schöner?

Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit.

Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung,

daß Sie mir diese Möbel verschreiben.

Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an.

Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte,

gehören sie mir.

Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!

Ewald. Mein Wort darauf.

Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles

schriftlich.

Simplizius (heimlich). G'hört schon uns!

Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?

Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch

dazu. Das ist gar ein Feiner.

Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht

brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.

Ewald. Hier.

Riegelsam. Auch der Schneider.

Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden.

Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.

Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang

gemacht.

Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn.

(Wache ab.)

Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist.

Ewald. Nun gehen Sie auch!

Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld

ankommt.

Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen,

ich habe Eile.

Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir

fahren ja ab.

Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in

einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort.

Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen.

Tausend Element!

Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was

tun wir jetzt?

Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn

hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen.

Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.)

Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.

Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst

müssen Sie's zahlen.

(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu.

Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder

in die arme Stube.)

Siebzehnte Szene.

Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen).

Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine

Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr,

die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt

die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort.

Ha! Ich muß ihnen nach.--Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht

hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in

den Stuhl.)

Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind

verloren.

Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir

meine Möbel her!

Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum

Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich

möbliert.)

Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt

lass' ich sie nicht mehr aus.

Simplizius (zieht die Fackel zurück).

(Schnelle Verwandlung.)

Simplizius. Halten Sie s' fest.--So rächt sich Simplizius, der

Verschuldete.

Achtzehnte Szene.

Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt

nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase

zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt

die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen

nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht

durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische

Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen

Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur

herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig,

ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er

tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.)

Neunzehnte Szene.

(Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts

der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der

Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten

ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen

in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.)

Kurzer Chor.

Jammer, sag', wann wirst du scheiden,

Von Massanas Unglücksflur;

Große Götter, hemmt die Leiden,

Eure Macht vermag es nur.

(Gehen trauervoll ab.)

Zwanzigste Szene.

Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des

Todes.

(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich

gesprochen werden.)

Lucina.

Mich erfaßt ein widrig Schauern,

Blick' ich auf dies Trauerschloß.

Schon seh' ich den Jüngling lauern,

Armer Fürst, dein Leid ist groß.

(Mit erhobener Stimme.)

Du, des Todes Genius,

Magst durch Antwort mich beglücken;

Wirst du heut den eis'gen Kuß

Auf Massanas Lippen drücken?

Genius des Todes

(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und

ernst im tiefen Tone).

Wenn die Nacht den Tag verjagt

So heischt's Hades Rachesinn,

Hat Massana ausgeklagt.

(Kurze Pause.)

Rauscht das Meer darüber hin.

Lucina.

Und wie wird der König enden,

Wirst du freundlich ihn umfahn?

Genius des Todes.

Hades kann nur Schrecken senden,

Düster wird sein Ende nahn.

Lucina.

Wehmut seufzt aus deiner Kunde

Und doch frommt sie meinem Plan,

Mich beglückt die Unglücksstunde,

Wenn ich dich erweichen kann.

Schenk' das Leben mir von zweien,

Die nicht Hades Fluch getroffen,

Die nicht an die Zahl sich reihen,

Die Erbarmen nicht zu hoffen.

Genius des Todes (lächelnd).

Nimm das Leben hin von zweien,

Du entziehst mir's dennoch nicht.

Lucina.

Möchtest du mir noch verleihen,

Daß Heraklius' Auge bricht,

Eh' des Landes Festen beben.

Genius des Todes.

Eh' den Turm noch küßt die Well',

Lischt des kranken Königs Leben.

Lucina.

Doch Massana muß dann schnell,

Eh' die Zeit Sekunden raubt,

In dem Augenblick versinken,

Wo auf einem fremden Haupt,

Wird des Königs Krone blinken.

Genius des Todes

(läßt das Haupt sinken und

sagt dumpf und langsam).

Wird versinken.

(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte)

Laß mich lauschen.

Lucina.

Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt?

(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.)

Genius des Todes.

Hörst du's rauschen?

(Hebt das Haupt.)

Dorthin ruft mein eisern Amt.

(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand

streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertönt, als zeigte er hin,

die linke hängt, die umgestürzte Fackel haltend, gerade herab, so

eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die

entgegengesetzte Seite des Palastes.)

Lucina (blickt gegen Himmel)

Götter, die ihr gnädig waltet

Und doch unbegreiflich schaltet!

(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.)

Einundzwanzigste Szene.

Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der

Seite, wo der Genius abgeschritten ist).

Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Götter haben seinen Mund

geschlossen.

Epaminondas. Ein sonst so sanftes Roß, und schleudert ihn herab,

daß von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult

doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen

Jahren hat Unglück hier im Lande sich gelagert und über diese Stadt

sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich

kann's nicht rühren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen

Schädel stürzt. Nur Weiber können sich an so was nicht gewöhnen.

Thestius. O Hades, ungerechter Fürst der Unterwelt, der du aus

Rache, weil Massana nicht den König hat gewählt, den du durch deine

unterirdischen Orakel ihm bestimmen ließest, das arme Reich mit

Übel aller Art verfolgst; so daß wir wie auf nie betretnem

Eisgeklüft, nicht einen Schritt auf breiter Straße tun, wo nicht

Gefahr des Lebens mit verbunden ist.

Epaminondas. Seht, was läuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen

sie.

Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen

zeigten. Hypomedon führt sie.

Zweiundzwanzigste Szene.

Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im ägyptischen

Kostüme.

Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in

unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Ägypten kommen diese Leute gar,

um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.

Ewald. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem

Reiche zu verhandeln.

Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns

für Juden.

Thestius. Seid uns gegrüßt, wir bedauern euch.

Simplizius (macht große Augen). Der bedauert uns.

Thestius. Euch haben böse Sterne in das Land geleitet.

Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag

ankommen.

Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie

vornehm, klug, bescheiden und drücken Sie sich in bessern Worten

aus.

Simplizius. Das müssen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich

mir das nicht merken.

Ewald. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen

Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren,

die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Götter haben mich zu

euch gesendet.

Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und

edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine

kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein.

Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das wär' mir nicht

im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da

sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.)

Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn?

Thestius. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so

folge meinem scheuen Tritt, doch laß die Vorsicht emsig prüfen

deinen Pfad und Besorgnis über deine Schultern schaun. (Verbeugt

sich tief.)

Ewald. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle, mit frohem

Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius,

folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.)

Dreiundzwanzigste Szene.

Vorige, ohne Ewald und Thestius.

Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah,

was die Weisheit für eine langweilige Sach' ist, das hätt' ich in

meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel

zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt

es denn für Spaziergänge hier?

Epaminondas. Der betretendste Weg führt ins Elend.

Simplizius. So? Das muß eine schöne Promenade sein.

Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen.

Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater?

Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heißt der Schauplatz.

Simplizius. Was wird denn da aufgeführt?

Hypomedon. Ein großes Trauerspiel.

Simplizius. Von wem?

Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's.

Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muß ein Ausländer sein.

Hypomedon. Es währt schon sieben Jahre.

Simplizius. O Spektakel, da muß einer ja drei-, viermal auf die

Welt kommen, bis er so ein Stück sehn kann. Wer spielt denn mit?

Epaminondas. Das ganze Volk.

Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?

Epaminondas. Die Hölle.

Simplizius. Da muß ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum

aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen

lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da?

Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal.

Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein Schicksal?

Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.)

Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat.

Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reißt er sich schon

noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem

großen Haus?

Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle

herausgestorben.

Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt?

Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade

ein gelbes Fieber--

Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen

z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.)

Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?

Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein

gefährlicher Tag, Ihr dürft Euch in acht nehmen.

Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest?

Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.

Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig

angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heißen Sie?

Epaminondas. Epaminondas.

Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'fährlicher Nam'.

Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie

mich wohin, daß ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr

miserabel.

Epaminondas. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht

Bekannte findest.

Simplizius.. O, das wär' prächtig. Wohin denn?

Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben,

die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.

Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'?

Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz

bestellen.

Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem

G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn

ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen,

wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzählen Sie einem noch,

Sie abscheul— wie heißen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen.

Epaminondas (wild). Epaminondas.

Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen

Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst

verzehrt.

Vierundzwanzigste Szene.

Vorige. Sillius eilig.

Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen!

Alles (läuft ab). Hilfe, rettet, fort!

Epaminondas (lacht). Haha, die Toren löschen dort und jammern sich

bei fremdem Unglück krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker,

wer raubt mein Glück?

Fünfundzwanzigste Szene.

Vorige. Argos eilig.

Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot.

Epaminondas (die Hände jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O

unglücksel'ger Tag! Ich überleb' ihn nicht! (Stürzt mit Argos ab.)

Sechsundzwanzigste Szene.

Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius.

Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich!

Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft für

seinen Übermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die

Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben?

Hilfe, Ohnmacht, Hilfe!

Diener (aus dem Hause). Du möchtest hinaufkommen, Fremdling, dich

zu laben.

Simplizius (matt). Laben? Das ist die höchste Zeit, daß Sie mich

laben. Ich komm' schon, nur voraus.

Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es

haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen.

Simplizius (in höchster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja

gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich

gar nicht aufzutreten mehr. Führt's mich hinein. (Der Diener führt

ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk!

Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest,

Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb',

mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den

Dienern geführt.)

Siebenundzwanzigste Szene.

(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentüren.)

Thestius. Ewald.

Thestius. Du bist gemeldet bei dem König, Fremdling, als unsres

Landes wunderbarer Retter. Seit frühmorgens sind schon die Minister

all um ihn versammelt. An unheilbarem Übel liegt der Herrliche

danieder, und wie der Mensch durch höhern Schmerz den mindern nicht

fühlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Königs hohem

Leid, daß es ob dem Gestöhn' das eigne groß vergißt.

Ewald. O, wie entzückend ist es, so geliebt zu sein.

Thestius. So liebt der König auch sein treubewahrtes Volk, und

gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie glücklich wär' dies Land,

wenn nicht der unbarmherz'ge Fürst der unterird'schen Schatten--

Achtundzwanzigste Szene.

Vorige. Hermodius eilig und bestürzt.

Hermodius. Wo ist der Weise aus Ägyptens Zauberlande, der Rettung

bietet dem bestürzten Volk?

Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Würde stehn.

Hermodius. Beweisen magst du nun, daß gute Götter dich mit

wunderbarer Zauberkraft begabt; du mußt zum König schnell, es will

sein Geist Elysium erkämpfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder,

mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar

anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Dünsten

schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des

Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen?

Ewald.. Ich kann es nicht, den Göttern ist es möglich, und was ich

bin, ich bin es nur durch sie.

Hermodius. So eil' mit mir, es ist die höchste Zeit.

Ewald (umarmt Thestius mit Rührung). Mein Thestius, leb' wohl,

Osiris möge dich für deine Güte lohnen. (Für sich mit Schmerz.)

Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir

winkt ein großer Augenblick.

Thestius. Kehr' bald zurück, mein Herz erwartet dich.

(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten

Seite ab.)

Neunundzwanzigste Szene.

Simplizius und Arete treten ein.

Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn

keine Speise nehmen.

Simplizius. Ich bin überflüssig satt, mir liegt das ganze Land im

Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst.

Arete. Pfui, schäm' dich doch, bist du ein Mann?

Simplizius (beiseite). Ich weiß selbst nicht mehr, was ich bin.

(Laut.) Vermutlich.

Arete. Betrachte mich; ich bin ein Mädchen. Wir haben zwar große

Ursache, uns zu fürchten, man hat heute ein Erdbeben verspürt, daß

die Stadtmauern erzittert haben.

Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen,

was soll denn unsereiner tun?

Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen?

Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muß.

Arete. Du? Ach, ihr guten Götter, wenn du dich nur nicht vorher zu

Tode zitterst.

Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal.

Arete. Armer Narr, du dauerst mich.

Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Mädel wär' so hübsch, wenn mir

nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst

eine Amour an.

Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wünschest du?

Simplizius (für sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine

Leidenschaft zu mir fasset, so könnten wir heut vormittag noch

durchgehn, da käm' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land.

Sag' mir, liebes Kind, was fühlst du eigentlich für mich?

Arete. Mitleid, inniges Mitleid!

Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie für

mich. Könntest du dich wohl entschließen--

Arete. Wozu?

Simplizius. Die Meinige zu werden.

Arete. Arete die Deinige?

Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert.

Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer

edlen Massanierin anzuhalten?

Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein,

ein mystisches Dunkel muß darüber walten. (Laut.) Ich bin nicht,

was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich

das wäre, was ich sein möchte, so würd' ich nicht scheinen. was ich

nicht bin.

Arete. Ich verstehe dich.

Simplizius. Da g'hört ein Geist dazu, ich versteh' mich selber

nicht.

Arete. Du möchtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch

so sehr, was du auch scheinst.

Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Mädel,

hättest du wohl den Mut, mich zu entführen?

Arete. Dich?

Simplizius. Oder umgekehrt.

Arete. Das heißt, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich

verstehe dich wohl.

Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden.

Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen,

wofür ich dich halte; Du bist ein unverschämter, erbärmlicher

Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer

Liebeserklärung zu öffnen und einem edlen Mädchen von Massana seine

krüppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden

ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du künftig wieder ein

Mädchenherz erobern willst, so stähle das deinige erst mit Mut;

mutige Männer werden geliebt, mutlose verachtet man.

Simplizius. Da g'hört ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe

wohl, du wirst zu spät erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt

kann Massana fallen, ich heb's g'wiß nicht auf.

Arete. Halt, weile noch, erkläre dich, damit ich erfahre, wessen

Antrag mich entwürdigt hat.

Duett.

Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an?

Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann.

Arete. Wie heißest du, bist du von Adel?

Simplizius. Ich heiß' Simplizius Zitternadel.

Arete. Der Name klingt mir sehr gemein.

Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein.

Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen?

Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen.

Arete. Dein Äußres ist mir schon zuwider.

Simplizius. Das schlägt mein Innres sehr danieder.

Arete. So häßlich ist kein Mann hienieden.

Simplizius. Die Gusto sind zum Glück verschieden.

Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider.

Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(faßt sich

und sagt gelassen) nur weiter.

Arete. Nun hättest du dich bald verraten.

Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten.

Arete. Du mußt mir sagen, wer du bist?

Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist.

Arete (spöttisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl groß?

Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los.

Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden.

Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten.

Arete. Mein Argwohn läßt sich nicht mehr trennen.

Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen.

Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir.

Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur!

Arete. Ha!

(Beide zugleich.)

Ihr Götter, was hör' ich, mein Auge wird trübe,

Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe,

Welch eine Glut,

Brennet im Blut;

Wütender Schmerz,

Flammet im Herz.

Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon,

O folternde Hölle, beschämende Reu'!

Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand',

Denn Achtung verdienet mein nützlicher Stand.

Ich sag' es g'rad,

Ich g'hör zur Lad';

Und meine Scher',

Schwing' ich mit Ehr'.

Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht,

Ich bin ja kein Pfuscher, drum schäm' ich mich nicht.

(Beide ab.)

Dreißigste Szene.

(Königliches Gemach.)

(Die Hinterwand bildet einen großen offenen Bogen, vier Schuh

tiefer, eine breite Rückwand von dunklen Wolken, durch welche man

wie im Nebel eine riesige bläulichte Figur mit glühenden Augen

erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden

hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius

heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles

vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven

grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen

dieser Wand und der Öffnung des Bogens sieht man vier dunkle

Schatten bei einem offenen Grabe beschäftigt, aus welchen ein erst

darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das

Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl

ruht Heraklius, um ihn trauernd die Großen des Reiches und Diener

des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den

Kulissen, dem Armstuhl des Königs gegenüber, ein auf drei Stufen

erhabener einfacher Sitz.)

Heraklius, Ewald und Hermodius.

Kurzer Chor der Furien.

Wo der Frevler mag auch weilen,

Trifft ihn doch des Orkus Rache,

Und ihr Dolch wird ihn ereilen,

Selbst im goldnen Prunkgemache.

Heraklius (in matter Unruh).

Hinweg, hinweg, du scheußlicher Vampir,

Der frommes Hoffen aus der Seele saugt.

Hermodius (zu Ewald).

Du siehst des guten Königs Leiden hier,

Ein Bild, das für kein menschlich Auge taugt.

Heraklius. Wer störet meine Pein?

Hermodius. Dein Retter, Herr.

Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Höll' zum Weichen?

O Qual, wenn ich doch nicht geboren wär'!

Ewald. Ich kann, mein Fürst, den Anblick dir verscheuchen.

Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fürstentum zum Lohne.

Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm',

Ich fordre viel, ich fordre deine Krone.

Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm!

Ewald (zu den Edlen).

Ihr habt's gehört, seid ihr damit zufrieden?

Alle (dumpf und halblaut).

Wenn dich der König wählt, wählt dich das Reich.

Ewald. So will ich über dieses Schauertum gebieten,

Bei Isis' Donner, Truggewölk' entfleuch!

(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht,

Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich,

es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der

Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem

strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert,

das mit Sternen besäet ist. Am Fuße dieses Gebirges beim Ausgange

sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der früheren Szene, doch

mit der brennenden Fackel. Sphärenmusik ertönt. Heraklius' Gestalt

wird von Genien mit Rosenketten über den Wolkenberg geleitet, bis

zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik währt leise

fort.)

Heraklius. O süßer Seelentrank aus himmlischem Gefäß,

O Lust, gefühlt durch neu erschaffnen Sinn,

Wenn ich auch tausend Kronen noch besäß',

Ich geb' sie gern für diesen Anblick hin.

O krönt ihn noch an meinem Sterbebette,

Er wird mein fluchzerrüttet Land beglücken.

(Nun öffnet sich das goldene Tor, eine glänzende Göttergestalt

tritt heraus.)

Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette,

Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzücken!

(Thanatos stürzt mildlächelnd die Fackel um, die verlischt,

zugleich drückt die Göttergestalt den König an die Brust, sein

Kleid verschwindet, und er steht im weißen Schleiergewande da,

welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius'

Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald löscht die Fackel aus,

und der das Gemach schließende Vorhang rauscht langsam und leise

herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Rührung in jeder Miene.)

Hermodius. Es ist vorbei, er mußte von uns scheiden.

Ein königliches End', durch Ruhm verklärt.

Wer so beglückt vergeht, ist zu beneiden,

Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert!

(Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.)

Nun laßt sein letzt Gebot uns schnell benützen,

Denn ohne König kann das Land nicht sein.

Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin).

Wie Götter dich, so wirst du uns beschützen,

Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein.

(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.)

Ewald (für sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken.

(Kniet nieder.)

Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll.

(Knien.)

Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken,

Sei König--herrsch'--

Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch

ohne die geringste Pause stürzt unter schrecklichem Gekrach der

Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt,

welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im

Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des

Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Türme

von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln

sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und

wehmütig ausruft:

Massana, lebe wohl!

Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschönern

und fährt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Trümmer und der

Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhügel. Die Luft

wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte.

(Der Vorhang fällt langsam).

Ende des ersten Aufzuges.

Zweiter Aufzug.

Erste Szene.

(In Agrigent.)

Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist.

Androkles, Clitonius und Jäger treten mit Wurfspießen bewaffnet auf.

Jägerchor.

Jägerlust müßt' bald erschlaffen,

Gält' die Jagd nur feigen Affen;

Doch wenn durch der Wälder Stille

Mächtig tönt des Leus Gebrülle,

Hier die grausame Hyäne

Fletscht die mörderischen Zähne,

Dort, eh' man den Wurfspieß schwingt,

Aus dem Busch der Tiger springt,

Dann beginnt des Waldes Krieg.

Falle, Jäger, oder sieg'!

Androkles (zu den Jägern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der König

jagt allein, ihr mögt euch hüten, seinem Feuerblick zu nahen, der

zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet.

(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.)

Zweite Szene.

Androkles und Clitonius.

Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen

Götter sind aus Agrigent gewichen.

Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses

Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes

Volk betrübt.

Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht

allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst,

seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des

Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die

Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.

Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die

herrliche Aspasia?

Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen

Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als

Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich

besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte

ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten;

doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd

vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört

mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf

Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine

Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da

wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des

Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die

Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und

entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.

Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen.

Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen

beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich,

die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch

nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein

Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So

stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze

Forst sein sonst so drohend Haupt.

Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen.

Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des

Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus

Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes

kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser

Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren

Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist,

verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz

kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen

Füßen nieder.

Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch.

Androkles (schwingt den Wurfspieß). Ein Tiger ist's.

Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich täuscht sein

Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehört.

Androkles. Schweig still, er raset dort hinüber dem Löwen nach, der

ängstlich vor ihm flieht. Komm, laß uns auch vor diesem Königstiger

fliehn, wenn Löwen weichen, dürfen Menschen sich der Flucht nicht

schämen.

(Beide ängstlich ab.)

Dritte Szene.

Musik. Lulu und Fanfu, geflügelte Genien, bringen Zitternadel in

einem großen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als trügen

sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken,

und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, daß Zitternadel

gekrümmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht

auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort.

Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir

schon in Sicherheit.

Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus.

Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muß

erst meine Gliedmaßen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien

helfen ihm.) So, ich dank' untertänigst, das sind halt Kinderln,

wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben möcht' ich mir bald

wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner

Schuldlosität, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die

ganze Welt ein Schubladkasten wär', der in der Mitte

voneinanderspringt, und ich stürz' über den siebenten Stock

hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit

mir davon. Kaum sind wir in der Höh', macht es einen Plumpser, und

die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme

Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O unglücksel'ger Tag!

Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln

hätten's trieben. Überhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm

Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch

unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar daß ein

Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir

selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek

hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du

lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst.

(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, laßt mir etwas

zufließen, sonst muß ich verdursten.

Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher

gebracht, um dich zu wässern.

Simplizius. So wässert's mich einmal, ich kann's schon nicht

erwarten.

Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt

eine vom Gestade.)

Simplizius. Der rotköpfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu

trinken.

Lulu und Fanfu (streng). Du mußt.

Simplizius (fällt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur

nicht bös', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen

meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu.

Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur

rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall.

Simplizius. So gib nur her.

Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden.

Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein

hundertjähriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getränk,

wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir

vor? Potz Himmel tausend Schwerenot!

Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere

Sprache führen. (Beide nähern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber

Zitternadel?

Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen!

Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein

kalekutischer Hahn, und weiß nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an

jemand auslassen könnt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich

selbst herum.

(Die Genien lachen heimlich.)

Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben

übereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja

haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst.

Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel!

Simplizius (reißt einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Näh',

oder ich massakrier' euch alle zwei.

Lulu. So hör' uns doch; du mußt nach Kallidalos fliegen, dort

findest du den Dichter, deinen Freund.

Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, daß die

Füß' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches

Pferd, daß ich durch die Luft reiten kann!

Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab.

Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder

hinauf.

Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein geflügelter Auerstier

erscheint in den Wolken.) Ist schon da.

Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt

euch hinauf, auf die zwei Hörndl.

Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir

schon nach. (Laufen ab.)

Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer

Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt.

Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt

ab.) Jetzt geht's los.

Vierte Szene.

Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine

Waldhütte. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen

Wurfspieß bewaffnet, vor ihm liegt ein Löwe und zittert.

Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswürd'ger Leu,

Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz?

Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu',

Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz.

Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt?

Wozu ward dir die Mähn', das Sinnbild hoher Kraft?

Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt?

Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft?

Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut?

Erhieltst du all die Macht, um mächt'ger zu erbeben?

Schäm' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut,

Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben.

(Heftiger)

Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten;

So reg' dich doch und droh' auch mir mit mächt'ger Klau'.

Du edelmüt'ges Tier, so laß dich doch erbitten,

Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'.

Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen.

Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren.

Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Götter, rächen.

Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's für ihn verloren.

(Er tötet ihn, stößt ins Horn, Jäger erscheinen und beugen sich

erschrocken.)

Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.

(Der Löwe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit

verschlungenen Armen.)

Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt?

Könnt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen,

Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt.

Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt.

Abscheul'che Hölle, so erfüllst du mein Begehren?

Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt?

Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren,

Doch meine Lieb' heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt.

Unsel'ges Diadem, daß du mein Aug' entzücktest,

Tief quälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt,

Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest!

Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht,

Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird,

Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht,

Daß sie die Kron' als glühnden Bräutigam entführt?

(Die Jäger kommen zurück, er setzt sich auf einen Fels.)

Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben,

Der eigennütz'ge Leib will auch befriedigt sein.

Erster Jäger. Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben,

(Klopft an)

He, Alter, komm heraus und bringe Wein.

Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?

Erster Jäger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.

Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?

Fünfte Szene.

Vorige. Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein

tragend.

Octavian. Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer.

(Erblickt die Krone und sinkt nieder.)

Ha, welch ein Blick umschlängelt feurig meine Augen?.

Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.

Phalarius. Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen.

(Will trinken.)

Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub?

Octavian. Gewähr', daß ich den Blick von deiner Krone wende,

Wenn du willst Wahrheit hören, und sie dein Ohr erfreut.

Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende.

Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--fröhlich).

Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit,

Ich hab' sie selbst gewählt, lieb' sie wie einen Sohn.

Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm,

Glüh' für mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn,

Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm,

Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat.

Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst,

Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat.

Als Feldherr hoff' ich, daß zu herrschen du begehrst.

Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, daß ich nur Diener bin?

Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist?

Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn,

Auf Erden Könige, so weit ihr Land nur mißt,

Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt,

Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet.

Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt.

Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied,

Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen;

Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil;

Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen;

Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil;

Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt,

Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann,

Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt,

Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann.

Phalarius (der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert

den Becher fort).

Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein,

Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift,

Du wärst vergnügt und herrschest nicht? Es kann nicht sein!

Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch

trifft.

Phalarius. Unmöglich, widerruf, daß du dich glücklich fühlst,

Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden,

Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst.

O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden,

Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß.

Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet,

Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug.

Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet.

Ich bin Octavian.

Phalarius. Der einst die Perser schlug?

Octavian. So ist's.

Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend).

Aus meinem Land, verhaßtes Meteor!

Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt.

Du kömmst mir wie ein list'ger Rachedämon vor,

Der aus der Rose Schoß als gift'ge Schlange zischt.

Entfleuch, du bist verbannt, gehörst dem Land nicht an.

Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren,

Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn,

Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt' ich dich verehren.

(Ab, die Jäger folgen scheu.)

Sechste Szene.

Octavian (allein).

Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt.

Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen;

So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen,

Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen.

(In die Hütte ab.)

Siebente Szene.

Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Häuser, auf

der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte,

treten auf.

Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von

deinem Schreck.

Ewald. Vergib, daß meine Nerven ängstlich zucken, noch ist die

Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer möcht' ich

solchen Anblick mehr erleben.

Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König

ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die

feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am

ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen

dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen,

ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt

das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus

rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf,

und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt

erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so

endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser

Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens

Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem

muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch

nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen.

Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine

leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich

nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm

die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den

Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie

doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun

einen Wunsch, so sprich ihn aus!

Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen,

auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch.

Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut

enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der

Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so

lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus

meinem Zaubersee getrunken.

Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken?

Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein

Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen

Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß

sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)

Achte Szene.

Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen

Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht

erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen

Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann.

(Er klopft an die Tür des ersten Hauses.)

Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du

noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet.

Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf.

Atritia. Dein Staunen ist umsonst.

Die unheilbringende Krone (oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend) · 第 5 / 10 题