neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e
d e s s c h a u e n d e n B e w u ß t s e i n s als eine bestimmte
Methode des Denkens. Nur so wird es verständlich, daß die
phänomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c
h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die früher behandelten Kantschulen
solche darstellen. Aus dem gleichen Grunde kann Phänomenologie nicht im
selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die
Gedanken dieser Schulen. Nur durch fortgesetzte Ü b u n g dieser
Bewußtseinshaltung ist es möglich, in die Ergebnisse der Phänomenologie
tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten. Aus demselben
Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und
Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als
die Angehörigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre fühlbare
Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u ß t s e i n s h a
l t u n g liegt, verlieren zu müssen. Husserl selbst spricht, diese
Bewußtseinshaltung charakterisierend, von einer "phänomenologischen
Reduktion"; sie besteht darin, daß auf der Gegenstandsseite aller
möglichen Gegenstände (physischer, psychischer, mathematischer,
vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenstände) von dem zufälligen h i
c e t n u n c D a s e i n d e r G e g e n s t ä n d e
abgesehen und auf ihr pures W a s, das heißt ihr "W e s e n"
hingeblickt wird; daß ferner analog der den Gegenstand erfassende
intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des
individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgelöst und
gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit
charakterisiert wird. Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges
Bewußtsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl "Wesenschau" und
behauptet, daß alle möglichen Theorien über das positive Wirkliche in
solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche
Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser "Wesen" selbst
fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund besäßen. Alle
Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder
von mathematischen Gegenständen handeln, sind, obgleich sie weder auf
"eingeborenen Ideen" beruhen noch (wie nach Kant) bloße
Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das heißt
"Verstandsgesetze", ausdrücken gegenüber allem zufällig Wirklichen
objektiv a priori gültig. Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher
Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das muß auch gelten für alle
möglichen Gegenstände dieses Wesens, soweit sie der zufälligen
Daseinssphäre angehören. So begründet die Phänomenologie einen n e u a
r t i g e n A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen
Sätze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen
Unterdisziplinen (Ethik, Ästhetik usw.) umfaßt, sondern auch materiale
Ontologien entwickelt. Die Sphäre des apriorischen Wissens ist also in
der Phänomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus
Kants. Auch darin unterscheidet sich die Phänomenologie von Kants
Lehre, daß sie das proton pseudos Kants verwirft, es müsse alles, was
an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch
angenommene, synthetische konstruierende Tätigkeit des Verstandes oder
des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein. Sie
sucht das "Gegebene" überall möglichst s c h l i c h t, v o r u r t e i
l s l o s und r e i n in möglichst dichte Anschauungsnähe zu bringen,
um es dann durch phänomenologische Reduktion in sein W e s e n zu
erheben. Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n
S i n n mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift
"Ideen zu einer phänomenologischen Philosophie" wieder über diesen
fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten
die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n
s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist.
Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von
Einsichten dar, die sich voneinander herleiten ließen, sondern kann im
Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden. Auch der
Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die großen Richtungen der
neuzeitlichen Philosophie, "Rationalismus" und "Empirismus", kreisen,
ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen. Mit Recht hat
Husserl immer wieder hervorgehoben, daß die Phänomenologie nicht nur
die Einlösung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische
Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem
Sinne die Einlösung aller Ansprüche des Positivismus. Auch das, was a
priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die
Phänomenologie sagt hier "schauenden"), nicht einem schaffenden,
formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis,
nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zufälliger (hic et nunc)
Wirklichkeiten, daß das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n
t i t ä t der "Fälle", an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht
modifiziert werden kann. Nicht daher dem "Erfahren" überhaupt, sondern
nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n
V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden Fällen steht das
phänomenologische Erfahren und "Schauen" gegenüber. Auch die
Phänomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, für alle ihre
Disziplinen die a p r i o r i s c h e n W e s e n s - u n d I d e e
n s t r u k t u r e n, die als objektiver Logos die gesamte
Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der Gültigkeit)
beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre
materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln.
Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u
i t i v e n P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit
vollständiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und
aller mythischen Beisätze. Und es ist wohl verständlich, daß von dieser
ihrer Eigenart her die Phänomenologie neuerdings auch mit der gesamten
p l a t o n i s c h - a u g u s t i n i s c h e n Philosophie der
patristischen und frühmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch
mit dem Aristotelismus, stärkere Fühlung genommen hat. Freilich gehen
in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht
weniger in der Auffassung und Methode der Phänomenologie selbst die ihr
nahestehenden Forscher oft weit auseinander. Abgesehen von den
Weltanschauungsgegensätzen unter den Phänomenologen, der zum Teil in
verschiedenen religiösen Auffassungen gegründet ist, treffen wir z. B.
eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf
Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Phänomenologie. So
wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen
Alexander Pfänders), so muß sich die Phänomenologie doch hüten, zu dem
zu werden, was ich andernorts "Bilderbuchphänomenologie" genannt habe;
ferner bestehen Gegensätze in der Auffassung jener, die, wie einst
Husserl selbst, die Phänomenologie der beschreibenden Psychologie zu
nahe rücken (z. B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre
Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r
i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher -- auch nicht
bewußtseinimmanenter -- Gegenstände auffassen. Am tiefsten aber ist der
Gegensatz unter den Phänomenologen in den erkenntnistheoretischen
Fragen. Er ist dadurch besonders gesteigert worden, daß E. Husserl in
seinem letzten Werk über "Ideen" usw. sich dem erkenntnistheoretischen
Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder
bedeutend genähert hat und die Phänomenologie nur als Wesenslehre von
den B e w u ß t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zufällige
Erfahrungen unwandelbar sind) auffaßt; gleichzeitig aber, ähnlich wie
Kant, diese Bewußtseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der
Gegenstände der Erfahrung selber macht. Auch ihm werden so die Gesetze
der Erfahrung der Gegenstände zugleich Gesetze der Gegenstände aller
möglichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung" Kants). Diese
eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung aller Dinge
ein "a b s o l u t e s B e w u ß t s e i n" erhalten bliebe, ist fast
von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t worden
und sie ist zugleich ein Haupthindernis für den Aufbau einer Metaphysik
auf wesenstheoretischer Basis. Die Einwirkung der Phänomenologie auf
die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen
Disziplinen. Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende
Psychologie hat die phänomenologische Einstellung in seinen Forschungen
auch der Verfasser angewandt (siehe "Der Formalismus in der Ethik",
"Phänomenologie der Sympathiegefühle", "Abhandlungen und Aufsätze",
"Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der
Mathematik und der Grundlegung der Ästhetik Moritz Geiger (siehe
Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite
Alexander Pfänder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der
erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein
überaus tiefgründiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden für
die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt
bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefaßten
Abhandlungen). Aber weit über diesen älteren und engeren Forscherkreis
hinaus hat die Phänomenologie nicht nur eine Anzahl höchst
zukunftsreicher jüngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D.
von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyré, W. Schapp,
Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit darüber hinaus auch
auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt. Aus der
Südwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat
sich ihr N. Hartmann genähert. Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein
wertvolles Buch über Psychologie der Relationen und eine für die
Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben. P. F. Linke hat die
Phänomenologie für die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen
gewußt (siehe "Grundfragen der Wahrnehmungslehre", 1918). Der
theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes
Buch über die Relativitätstheorie Einsteins gleichfalls auf
phänomenologischer Basis aufgebaut. Auch die Diltheyschule hat sich
ihr, wie übrigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher
Hinsicht genähert. Driesch ist in seiner "Ordnungslehre" weitgehend von
ihr beeinflußt worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie,
wie Geysers "Alte und neue Wege der Philosophie" zeigen, nicht ohne
Einfluß. Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch
ungeklärt sind, darf doch erhofft werden, daß von der Phänomenologie
aus sich allmählich ein E i n h e i t s b o d e n d e r B e t r a c
h t u n g f ü r d i e g a n z e P h i l o s o p h i e
entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir
sie anfangs forderten, sich entfalten kann.
In Oesterreich kommt die Brentanoschule (Marty, Höfler, Meinong) aus
eigenen Antrieben einigen der phänomenologischen Tendenzen weitgehend
entgegen. Marty, der Brentano am nächsten steht, ist vor wenigen Jahren
gestorben; sein höchst wertvoller Nachlaß, besonders seine ausgedehnten
Untersuchungen zur Sprachphilosophie und eine die Probleme von Raum und
Zeit betreffende Arbeit ist vor kurzem bei Niemeyer (Halle) erschienen.
Meinong, dessen geistige Entwicklung und Leistung am besten durch sein
im Buch "die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen"
gegebene, sehr schön geratene und jetzt nach seinem Tode besonders
wertvolle Selbstdarstellung kund wird, hat in seiner neubegründeten
"Gegenstandstheorie" gleichfalls das Ideal einer daseinsfreien
aprioristischen Gegenstandserkenntnis entworfen, die seine Schüler,
besonders Mally, weiter ausgebaut haben. Der Unterschied der
Gegenstandstheorie von der Phänomenologie bleibt gleichwohl tiefgehend.
Der Gegenstandstheorie fehlt vor allem der i n t u i t i v e C h a r
a k t e r der Phänomenologie. In seinem letzterschienenen Buche über
"Emotionale Präsentation" hat sich Meinong in der in diesem Buche neu
behandelten Theorie der Werte und Wertungen dem Standpunkt erheblich
genähert, den der Verfasser in seiner Ethik vertreten hat.
Große Verwandtschaft, besonders mit der erkenntnistheoretischen
realistisch gerichteten Phänomenologie weist ferner das Werk eines
Mannes auf, der, viel zu wenig beachtet, einer der gründlichsten und
originellsten Denker unter den gegenwärtigen Philosophen darstellt. Ich
meine Johannes Rehmke, der in seiner "Grundwissenschaft" in seiner
"Logik" und in seiner "Psychologie" gleichfalls von dem als "gegeben
Gehabten" ausgeht und eine Ontologie des Gegebenen und seiner
Grundformen zur Basis aller theoretischen Philosophie macht (siehe auch
seine Selbstdarstellung in dem obengenannten Werke). Freilich blieb
Rehmkes Einfluß bisher auf kleine Kreise beschränkt, so daß sie die
Würdigung, die sie verdient, noch lange nicht gefunden hat.
Unter den selbständigen Einzelpersönlichkeiten, die in der
gegenwärtigen Philosophie hervorragen, sind besonders als W i e d e r e
r w e c k e r d e r M e t a p h y s i k vier Namen zu nennen: W.
Stern, H. Driesch, H. Schwarz und E. Becher.
Alle Wiedererwecker der Metaphysik sind erkenntnistheoretische
Realisten; alle wollen sie keine Metaphysik "aus reinen Begriffen"
(Kant), sondern eine Metaphysik, die auf dem Boden der
Erfahrungswissenschaft ruht, aber gleichzeitig in einer apriorischen
Bedeutungslehre ein Sprungbrett besitzt, um mit Hilfe der Methode der
Analogie über das direkt und indirekt Erfahrbare der positiven
Wissenschaften noch hinauszugehen. Die Richtung der modernen
metaphysischen Versuche geht im allgemeinen auf eine Neubegründung des
T h e i s m u s hinaus. Ohne bewußte historische Anknüpfung nähert
sich die Metaphysik so der deutschen Theistenschule der 50er und 60er
Jahre (Weiße, Ulrici, H. Fichte, Lotze). So gehören Külpe, H. Schwarz,
Brentano, Ehrenfels, Scheler, Driesch, Oesterreich, Becher, Jellinek,
Stern unter den Vertretern der modernen Metaphysik der theistischen
Gedankenrichtung an, wie verschieden sie auch je ihren Theismus und
Personalismus begründen. Es ist also ein besonderes Merkmal der
gegenwärtigen Metaphysik, daß sie im scharfen Gegensatz zur Metaphysik
der klassischen Epoche (noch mit Einschluß E. von Hartmanns) auffällig
u n p a n t h e i s t i s c h und stark p e r s o n a l i s t i s c h
ist. Ich habe a.a.O. (siehe "Vom Ewigen im Menschen", Band 1) gezeigt,
wie der moderne Pantheismus sich einmal durch die Entwicklung vom
akosmistischen zum naturalistischen Pantheismus (Hegel bis zum modernen
Modernismus), sodann durch Aufnahme immer neuer i r r a t i o n a l e r
Faktoren in den Weltgrund (Schelling, Schopenhauer, von Hartmann,
Bergson) in immer größerem Maße selbst zersetzt hat. Auch ist es wohl
begreiflich, daß in einer so chaotischen und leidenden Zeit wie der
unsrigen der Pantheismus (im Grunde eine Denkweise harmonisierend
gerichteter synthetischer und abschließender Kulturzeitalter) keinerlei
s e e l i s c h e A t m o s p h ä r e besitzt. Eine dritte Tendenz
der modernen Metaphysik ist die Aufnahme der biologischen Grundfragen
in das Zentrum der metaphysischen Probleme und eine gewisse, nach
meiner Meinung zu starke Neigung, die metaphysischen Fragen besonders
von dieser Seite her zu lösen (Bergson, Driesch, Stern).
Neben dem Gottesproblem ist von der modernen Metaphysik auch die
Seelenfrage und das Problem der Willensfreiheit eingehender behandelt
worden. Auch in der Seelenfrage hat die theistische und
antipantheistische Auffassung der Seele als selbständiger, tätiger
Substanz wieder größeren Anhang erhalten (Stern, Driesch, Oesterreich,
Külpe, Scheler, Becher). Vor allem aber ist die tiefgehende Wandlung
des modernen metaphysischen Denkens an der Stellungnahme führender
Forscher zum Problem der Willensfreiheit kenntlich. Während vor etwa
zehn Jahren die mannigfachen Formen des "Determinismus" in fast
ausschließlicher Herrschaft standen, treten gegenwärtig eine große
Reihe bedeutender Forscher für die Lehre von der F r e i h e i t d e s
m e n s c h l i c h e n Willens ein. Es seien hier genannt James,
Bergson, K. Joël, dem wir ein besonders tiefgehendes Buch über die
Frage verdanken, Driesch, H. Münsterberg, Scheler, N. Ach, der in
seinem Buche "Der Wille und das Temperament" mit am meisten getan hat,
um die Willenstatsachen experimentell-psychologisch zu erklären, steht
gleichfalls der Lehre vom freien Willen nahe.
Unter den genannten Metaphysikern, die diese allgemeine Richtung
einhalten, dürfte Stern, Becher und Driesch die größte Bedeutung
zukommen. William Stern, dessen Hauptwerk "Person und Sache" noch
unvollendet ist, versucht den Begriff der "Person" als ein
psychophysisch indifferentes, zieltätiges Aktionszentrum zur Grundlage
der Metaphysik zu machen -- eine Auffassung, die manches mit der
Personlehre des Verfassers, wie er sie in seinem Buche über Ethik
entwickelt hat, gemeinsam hat, in anderer Richtung aber an Driesch und
von Hartmanns konkreten Monismus erinnert. Das wertvolle Buch Sterns
enthält auch eine sehr beachtenswerte Auseinandersetzung mit der
passivistischen und mechanistischen Biologie und der gleichsinnigen
Assoziationspsychologie, die einer scharfsinnigen und weittragenden
Kritik unterworfen werden. Sterns "teleomechanischer Parallelismus" der
alle formalmechanischen Beziehungen im Universum nur als M i t t e l
s y s t e m e für zwecktätige unbewußte Akte und Kräfte faßt, in denen
sich eine Hierarchie zwecktätiger "Personen" verschiedener Seins- und
Wertstufen immanent auswirken, ist ein sehr beachtenswerter Gedanke.
Freilich erscheint uns Sterns Vorgehen bislang noch zu dogmatisch, auch
ist bei Stern übersehen der Wesensunterschied von "Geist" und "Leben",
der hier in einen bloß graduellen Unterschied aufgelöst wird. Erich
Becher, der von der Naturphilosophie herkommt, ragt hervor durch seine
wertvollen naturwissenschaftlich-synthetischen Arbeiten (siehe seine
"Naturphilosophie" in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart"), die
allerdings eines selbständigen philosophischen Ausgangspunktes
ermangeln und noch zu sehr der Methode des Positivismus huldigen,
naturwissenschaftliche Resultate bloß nachträglich in eine Synthese zu
bringen. In seinem Werk über "Gehirn und Seele" und vor allem in seinem
Buche über "Die fremddienliche Zweckdienlichkeit in der Natur" (die er
an den Gallenbildungen erläutert) hat er die Anfänge einer Metaphysik
entwickelt. Sie gewinnt ihren Abschluß in der Annahme eines
"überindividuellen Psychischen", das die Erfahrungen und funktionellen
Anpassungen des Organismus während seines Lebens verwertet und alle
jene Erscheinungen verständlich machen soll, die auf eine E i n h e i t
des organischen Lebens in allen Arten und Gattungen hinweisen (neben
der fremddienlichen Zweckdienlichkeit, Ähnlichkeit von Organbildungen
bei stammesgeschichtlicher weitgehender Verschiedenheit, Tatsachen der
Sympathie, Erklärung all derjenigen Entwicklungserscheinungen, die
weder lamarckianistisch, n o c h darwinistisch erklärbar sind,
Erblichkeit funktionell erworbener Eigenschaften, die gleichwohl vom I
n d i v i d u u m als solchem nicht erworben sein können usw.). Zu
einem noch selbständigeren, einheitlicheren und geschlosseneren Aufbau
einer Metaphysik, die gegenwärtig großen Einfluß gewinnt, ist Hans
Driesch gelangt, Er hat jüngst seine Gedanken im Aufsatz "Mein System
und sein Werdegang" (siehe "Philosophie der Gegenwart in
Selbstdarstellungen", Band 1) kurz zusammengefaßt. Driesch kam von der
Naturforschung aus (Entwicklungsmechanik) in die Philosophie; seine
Hauptleistung stellt auch heute noch dar seine "Philosophie des
Organischen" (die eben in zweiter Auflage erschienen ist, bedeutend
vermehrt und erweitert), ein Werk, das zweifellos die bedeutendste
naturphilosophische Leistung darstellt, welche die deutsche
gegenwärtige Philosophie besitzt. Driesch versucht hier aus einer an
der Hand der modernen Entwicklungsmechanik, die er selbst stark
förderte, gewonnenen Analyse der Formbildung des Organismus und einer
Analyse der Handlung des Organismus s t r e n g e B e w e i s e für
seinen neuartigen "Vitalismus" zu erbringen. Bei aller Formbildung und
allen überreflexmäßigen "Handlungen" des Organismus müsse ein Agens
tätig sein, dem ganz bestimmte Merkmale und eine ganz bestimmte
gesetzmäßige Wirksamkeit zugeschrieben werden. Es heißt als
hypothetischer Wirkfaktor der Handlungen "Psychoid", als dynamischer
Wirkfaktor der Formbildungen "Entelechie" (was indes keine strenge
Identität mit dem aristotelischen Entelechiebegriff bedeutet). In
seiner eigentlichen Metaphysik sucht nun aber Driesch zu zeigen, daß
nicht nur das "Psychoid" mit der "Entelechie" in der metaphysischen
Wirklichkeitssphäre identisch seien, sondern daß auch die unserem
kontinuierlichen "Selbst" zugrunde zu legende, aus den passiven
Bewußtseinserscheinungen erschlossene reale Seele mit dem durch rein
objektive Naturbetrachtung gewonnenen entelechialen und psychoidealen
Faktor identisch sei. Diesen Gedanken hat Driesch besonders in seinem
Werk "Leib und Seele", in dem er den psychomechanischen Parallelismus
(besonders durch eine Mannigfaltigkeitsbetrachtung) widerlegt,
ausgeführt. Eine erkenntnistheoretische und logische Basis für diese
Metaphysik hat Driesch entwickelt in seiner "Ordnungslehre" und in
seinem Buch "Erkennen und Denken"; die Gesamtheit seiner metaphysischen
Gedanken hat er zusammengefaßt in seinem Buche über
"Wirklichkeitslehre". Ausgehend von einem "methodischen Solipsismus",
entwickelt er in einer besonderen "Selbstbesinnungslehre" zuerst ein
apriorisches System von Bedeutungen und d e n k m ö g l i c h e n
Beziehungsformen. In der Art, wie dies geschieht, ist er durch Husserl
und Meinong stark beeinflußt. Sein Gegenstandsbegriff ist von Meinong
übernommen. Die Schwäche der Driesch'schen Metaphysik (von ihren
Mängeln, dem fast vollständigen Übergehen sowohl der sittlichen als der
geistig historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit als Daten auch für
die Metaphysik abgesehen) scheint mir weniger in seinen höchst
wertvollen biologischen Positionen als in seiner Naturphilosophie des
Anorganischen zu liegen, in der er einem Mechanismus, der einem
veralteten Stande der theoretischen Physik entspricht, huldigt. Ferner
kommt auch bei ihm, ähnlich wie bei Stern, der Unterschied der
spezifisch g e i s t i g e n Akte und ihrer autonomen Gesetzlichkeit
gegenüber dem biopsychischen Tatsachenbereich n i c h t zu seinem
Rechte. Dadurch entsteht die Gefahr eines pantheistisch gefärbten
Allvitalismus, der durch seine neuesten Ausführungen in der
"Philosophie des Organischen" über "Einheit und Pluralität" der
Entelechien, in denen er stark der Einheitslehre zuneigt, noch größer
geworden ist. Jedoch kann bei diesem entwicklungsreichen und
großzügigen Denker über die endgültige Gestaltung seiner Philosophie in
diesen Punkten noch nichts Sicheres ausgesagt werden.
Die unmittelbarste Einwirkung vielleicht, welche die großen
Weltereignisse auf den Gang der deutschen Philosophie ausgeübt haben,
haben ohne Zweifel an erster Stelle die R e l i g i o n s p h i l o s o
p h i e und die P h i l o s o p h i e d e r G e s c h i c h t e u n
d G e s e l l s c h a f t erfaßt. Sowohl die gewaltige r e l i g i ö
s e Bewegung unserer Tage wie der Hiatus der europäischen Geschichte
(und die Gesamtheit von Bestrebungen zu sozialer Neuformung) mußten
auch die Philosophie stark in ihren Bereich ziehen. Religiöse Bewegung
und religionsphilosophisches Denken stehen heute in stärkster
Wechselwirkung. Auf die religiösen oder gar kirchlichen Bewegungen
selbst können wir hier nicht eingehen (siehe hierzu meinen Aufsatz über
"Friede unter den Konfessionen" im "Hochland" und mein Buch "Vom Ewigen
im Menschen", Band 1). Will man der gegenwärtigen religiösen Bewegung
ein allgemeines Merkmal zuerteilen, so wird man vor allem von einer
Hypertrophie m y s t i s c h e r Tendenzen in allen Sonderarten der
religiösen Bewegung und auf allen Gebieten (Philosophie, Kunst,
Dichtung) reden können. Diese Bewegung umfaßt sowohl den katholischen
und den protestantischen Kulturkreis als jene Kreise, die eine "neue
Religion" wollen. Die gesamte mystische Bewegung steht stark unter dem
Einfluß des Ostens, so der großen russischen religiösen Denker
(Tolstoi, Dostojewski, Mereschkowski, Solowjew), aber auch der
indischen und chinesischen alten Weisheitslehren (siehe z. B. die
Wirksamkeit R. Tagores), Die immer stärker anwachsende
anthroposophische Bewegung R. Steiners, deren Ideen auch die
philosophisch von Driesch stark beeinflußten, in vieler Hinsicht sehr
wertvollen Gedanken des physikalischen Chemikers K. Jellinek in seinem
lesenswerten Buche "Das Weltengeheimnis" eigentümlich färben, steht
gleichfalls unter östlichem Einfluß (z. B. Wiederverkörperungslehre,
der auch H. Driesch nahesteht). Die expressionistische Kunst der
Gegenwart, die im "Weißen Reiter" auch einen vorwiegend katholischen
Ausdruck gefunden hat, steht gleichfalls stark unter diesen östlichen
Einflüssen. Am befremdlichsten wirkt hierbei die mystische Bewegung
innerhalb des protestantischen Kulturkreises, um so mehr, als die
vorwiegende protestantische Theologie, besonders die Schule A.
Ritschls, vor den Kriege aller Mystik äußerst abhold war und in ihr
überall "katholisierende Tendenzen" witterte. Der Ausspruch Harnacks:
"Ein Mystiker, der nicht katholisch würde, sei ein Dilettant" ist für
die ältere Stellung der protestantischen Theologie in schärfstem
Gegensatz zur Gegenwart charakteristisch. Sehr häufig verbindet sich
die östlich gefärbte Mystik unserer Tage, die man mit Recht in eine
geschichtliche Parallele einerseits mit dem unseren Zeitalter so
ähnlichen Hellenismus der Spätantike, andererseits mit den
Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland (Auftreten des
Pietismus) gesetzt hat, auch mit einer östlichen Orientierung in der
Politik (siehe z. B. die Schriften des Heidelberger Philosophen H.
Ehrenberg und die Arbeiten E. Rosenstocks). Es ist noch fraglich, wie
weit die Gesamtheit dieser Erscheinungen als bloße Flucht der Seele aus
den Wirren der Zeit und wie weit sie als p o s i t i v e
Ausgangspunkte einer neuen lebendigen Religiosität zu werten sind.
Bisher hat das Ganze noch einen stark chaotischen Charakter. Innerhalb
des katholischen Kulturkreises, in dem gegenwärtig eine große geistige
Regsamkeit wahrzunehmen ist, stellen sich die mystischen Tendenzen noch
am geformtesten dar und werden außerdem durch eine ihnen in gewissem
Sinne entgegengesetzte Bewegung, die von den Benediktinern inaugurierte
"liturgische Bewegung" in Schranken gehalten. Hier bemüht man sich vor
allem, "wahre und falsche Mystik" zu unterscheiden (siehe besonders die
Aufsätze von A. Mager in der "Benediktinischen Monatschrift" und im
katholischen Sonderheft der "Tat"; für die liturgische Bewegung siehe
vor allem die vom Abt J. Herwegen herausgegebene Schriftenreihe
"Ecclesia orans", besonders R. Guardini: "Vom Geist der Liturgie").
Trotz des tiefen inneren Gegensatzes der mystischen, mehr an das
Mittelalter und die Gotik anknüpfenden Bewegungen und der liturgischen
a l t k i r c h l i c h e n Bewegung gewinnen beide Tendenzen eine Art
Einigung wieder dadurch, daß manche katholischen Denker auch in der
Philosophie und Theologie stärker an die mystischer gefärbte
platonisch-augustinische Auffassung anknüpfen, die mit den liturgischen
Bestrebungen ja auch den alt- und frühkirchlichen historischen
Grundcharakter teilen. In der Philosophie ist auf
religionsphilosophischem Boden dieser sich allenthalben wieder stärker
regende A u g u s t i n i s m u s (freilich stark modifiziert) auch mit
der Phänomenologie (die, wie bemerkt, ja selber stark platonisch
orientiert ist) in Verbindung getreten durch das Werk des Verfassers
"Vom Ewigen im Menschen", Band 1, in dem versucht wurde, sowohl der
Metaphysik als der Religionsphilosophie (das letztere durch
Aufrechterhaltung eines selbständig religiösen und unmittelbaren
Faktors in der religiösen Gotteserkenntnis) eine neue Selbständigkeit
zu geben ("Konformitätssystem von Glauben und Wissen"). Auf ganz
anderem philosophischen Boden (mit Anknüpfung an die modernen
Kantschulen) hat J. Hessen den "augustinischen Gottesbeweis" wieder zu
Ehren zu bringen versucht, und auch Switalsky hat ihm in seinen
Arbeiten wieder ein größeres Recht eingeräumt, als die vorwiegend
thomistische Richtung ihm bisher gewährte. Auch diese Tendenz ist wohl
verständlich sowohl aus dem a l l g e m e i n e n Streben wieder
stärker an frühkirchliche geistige Erscheinungen anzuknüpfen, als vor
allem auch daraus, daß es sich heute nicht darum handeln kann, so wie
zu Zeiten des Thomas von Aquin das relative R e c h t von Natur und
Vernunft gegenüber einer stark im Übernatürlichen versunkenen mächtigen
und einheitlichen christlich erfüllten Welt sicherzustellen, sondern u
m g e k e h r t darum, eine ganz und gar in das Weltliche und
Materielle versunkene weltanschaulich tiefpartikularisierte
Gesellschaft Gott und die göttlichen Dinge wieder geistig
nahezubringen. An Stelle der bloßen "ars demonstrandi", die
erfahrungsgemäß nur dort überzeugt, wo traditioneller Glaube den
Menschen bereits beherrscht, tritt hier eine "ars investigandi et
inveniendi" und gleichzeitig die alte anselmische Lehre, daß das
religiöse Bewußtsein und das Haben seines Gegenstandes (Gottesidee) dem
philosophisch-wissenschaftlichen Bewußtsein und der ihr entsprechenden
Weltgegebenheit gesetzlich (wenn auch geschichtlich mit ganz variablem
Inhalt) vorhergeht (im Sinne des anselmischen "Credo, ut intelligam").
Auch mit H. Newman, dessen "Grammatik der Zustimmung" eben von Th.
Haecker neu übersetzt wurde, und dessen Schriften gegenwärtig auch in
katholischen Bildungskreisen stark gelesen werden, steht diese Bewegung
in mannigfacher Verbindung (vgl. auch die Zeitschrift "Brenner", in der
sich religiöse Gedanken verschiedener Konfessionen begegnen). Auch die
bemerkenswerten Reden des Tübinger Dogmatikers Adam über "Glauben und
Wissen", "Religion und Gegenwart" verraten die geschilderten
Gedankenmomente. Ihr praktisches Gewicht und ihre soziale Parallele
erhält diese neuere katholische Denkrichtung durch die sich in den
katholischen Bildungskreisen immer stärker durchsetzende Überzeugung,
daß die Religion sich in einer Zeit, in der die gewaltigen Stützen der
Kirche durch den Staat zusammengebrochen sind, und in der sich der
Glaube zu r e i n i g e n hat von allen ständischen und klassenmäßigen
Amalgamierungen, in die ihn die verflossene Geschichte gebracht hatte,
vor allem innere Selbständigkeit und Unabhängigkeit von den
Interessenstrukturen der Politik und Wirtschaft gewinnen müsse, um
wieder eine praktisch lebendige Kraft auf das Leben zu gewinnen. Aus
demselben Grunde sucht man in bezug auf geschichtliche Vorbilder
innerhalb des katholischen Kulturkreises an solche Zeiten und
Persönlichkeiten anzuknüpfen, in denen die Religion aus ihrer eigenen
inneren Kraft heraus (ohne Stütze von irgendeiner anderen Macht) neue
soziale Bewegungen e i n g e l e i t e t oder doch mit ihrem Geiste
durchhaucht hat. Das von D. von Hildebrand herausgegebene Buch "Der
Geist des heiligen Franziskus" will in diesem Sinne die franziskanische
Bewegung nach allen in Betracht kommenden Richtungen charakterisieren.
Innerhalb des p r o t e s t a n t i s c h e n Kulturkreises deuten
mehrere Erscheinungen gleichfalls auf den neuen religiösen Geist der
Zeit hin. Der weitgehenden soziologischen Umformung der Behälter und
Wirkungsweisen des protestantischen Geistes (die keineswegs, wie man so
oft irrig meint, ein Nachlassen auch seiner K r a f t und seiner
Wirksamkeit zu bedeuten braucht) -- man kann sie kurz als Tendenz zu
Sekten, Kreis-Ordensbi1dungen um irgendeine charismatisch erscheinende
Persönlichkeit herum charakterisieren -- entspricht eine Reihe
religionsphilosophischer und theologischer Neuerscheinungen, welche
starke Beachtung verdienen. Hier sind vor allem die tiefgreifenden und
wirksamen Arbeiten von R. Otto (siehe "Das Heilige", 2. Auflage),
ferner von H. Scholz "Religionsphilosophie" (1921), die Arbeiten des
Hallenser Dogmatikers Heim, die mannigfachen Schriften Fr. Heilers
(siehe "Das Gebet" und "Buddistische Versenkungsstufen", "Das Wesen des
Katholizismus"), die mystische Wert- und Religionsphilosophie von H.
Schwarz "Das Ungegebene", Tübingen 1921, zu nennen. Auch die Arbeiten
von K. Oesterreich über "Religionspsychologie" und die neue große
Arbeit über denselben Gegenstand von J. K. Girgensohn, ferner als
überkonfessionelle Sammelstelle religionspsychologischer Bestrebungen
die "Zeitschrift für Religionspsychologie" mögen hier aufgeführt sein,
obzwar diese Erscheinungen weniger religiös als rein wissenschaftlich
bedeutsamen Charakter besitzen. Den größten Einfluß von diesen Arbeiten
hatten ohne Zweifel die Schriften von Otto und Heiler. Otto betrachtet
die Werte des Heiligen und Göttlichen, die er in der ersten Hälfte
seines Buches rein phänomenologisch untersucht, auf ihre
Wesensbestandteile und scheidet sie in rationale (z. B. Güte, Wissen
usw.) und irrationale. Als irrationale Grundwerte, die sich nicht so,
wie die Kantschulen meinen, in "allgemeingültige Vernunftwerte" oder
deren Steigerung ins "Unendliche" oder "Vollkommene" auflösen lassen,
nennt Otto das "Numinose". Er zerlegt das ihm entsprechende Gefühl in
das "Kreaturgefühl" in das "mysterium tremendum" das dem Heiligen den
Charakter des Schauervollen, Übermächtigen und Energischen verleiht, in
das Moment des geheimnisvollen "ganz anderen" und in das Moment des
magisch anziehenden "fascinosum". Er verfolgt alle diese dem Göttlichen
konstitutiv eigenen "irrationalen" Elemente durch das Alte und Neue
Testament und durch Luthers Schriften hindurch und gibt am Schlusse
eine Art religiöser Erkenntnistheorie, die an die von Fries
modifizierte Kategorienlehre Kants anknüpft. Eine Kritik seiner
Aufstellungen habe ich auch in meinem Buche "Vom Ewigen im Menschen"
gegeben (siehe auch E. Troeltsch in den "Kantstudien"). Die
Bestrebungen nach einer freien religiösen Mystik sind innerhalb des
Protestantismus durch dieses Buch stark gesteigert worden. Heiler gab
in seinem Buche über "Das Gebet" eine überaus großzügige, gelehrte und
auch phänomenologisch und psychologisch überaus anregende Studie, die
nur den Fehler hat, daß sie mit Hilfe gewisser von der Ritschlschen
Theologie entlehnter Kategorien, besonders der Kategorie des
"prophetischen" und "mystischen Gebets" viele Erscheinungen des
religiösen Lebens vergewaltigt. Das beste Buch Heilers ist das Buch
über "Buddhistische Versenkungsstufen", in dem er diese Stufen
feinsinnig phänomenologisch erörtert und nur ihre T e c h n i k noch zu
wenig beschreibt. Sei prinzipienlos und historisch nach rein
individuellen und subjektiven Eindrücken geschriebenes Buch über das
"Wesen des Katholizismus", das zugleich eine erstaunliche
Verherrlichung der im "Gebet" gerade als "unevangelisch" verurteilten
katholischen Mystik und gleichzeitig eine herbe Anklage gegen die
gegenwärtige Kirche darstellt, sucht nach Harnacks Vorgang das Ganze
des Katholizismus als "Synkretismus" aus fünf Bestandteilen zu
erweisen; sie sollen bestehen im Evangelium, dem römischen Reichs- und
Rechtsgedanken, dem jüdischen Legalismus und seiner Kasuistik, den
paganisch-magischen Faktoren (Messe) und der nach Heiler auf den Orient
zurückgehenden hellenischen Philosophie und Mystik. Die Methode der
Betrachtung ist hier im wesentlichen diejenige Harnacks. Das religiöse,
bei Heiler vorherrschende, aber von seinen Stimmungen stark abhängige
"Ideal" soll gegeben sein in dem, was er in seiner Anlehnung an den
schwedischen Bischof Soederbloem die "Evangelische Katholizität" nennt.
-- Die "Religionsphilosophie" von H. Scholz, die besonders in ihren
kritischen Partien ausgezeichnet geraten ist, will ähnlich wie R. Otto
und in mancher Hinsicht auch ähnlich wie der Verfasser in seinem Werke
"Vom Ewigen im Menschen" die Religion auf eine besondere F o r m d e r
r e l i g i ö s e n E r f a h r u n g gründen, die aber nicht
allen Menschen zukommen soll. Auch dieses Werk nimmt seinen
Ausgangspunkt vor allem in dem Wesen der m y s t i s c h e n
Gotteserfahrung und sucht von hier aus die Religion mit dem Ganzen des
menschlichen Geisteslebens in innere Beziehung zu setzen. Auch K.
Oesterreich hat in seiner Schrift "Über die religiöse Erfahrung"
dieselbe Methode und denselben Ausgangspunkt wie die genannten
phänomenologischen vorgehenden Forscher. Überblickt man diese und
andere hier aus Raummangel nicht genannten Erscheinungen der
protestantischen Religionsphilosophie und Theologie und vergleicht sie
mit den augustinisch gefärbten Arbeiten innerhalb des katholischen
Kulturkreises, so eröffnet sich eine A u s s i c h t, die nach meiner
Meinung von größter Tragweite ist. Es ist die Aussicht auf eine mählich
fortschreitende Einigung der Forscher verschiedener Konfessionen über
die Grundfragen wenigstens der natürlichen Theologie und der
Religionsphilosophie. Solange auf der einen Seite einseitigster
Kantianismus, auf der anderen Seite ein ausschließlicher Thomismus
traditionalistisch herrschten, war auch der bloße V e r s u c h einer
solchen Einigung völlig ausgeschlossen (siehe dazu auch R. Eucken:
"Kant und Thomas, der Kampf zweier Welten"). Den W e r t einer solchen
Einigung aber wird man nicht gering anschlagen dürfen, denn es würde
dadurch der widersinnige Zustand, den ich a. a. O. als einen "Skandal
der Philosophie und Theologie zugleich" bezeichnet habe, aufgehoben,
daß in der nicht auf positiver Offenbarung und Tradition beruhenden
sogenannten "natürlichen Gotteserkenntnis" (die jedem Menschen spontan
zugänglich sein soll) gerade am m e i s t e n der bloße historische
Traditionalismus herrscht, und daß die konfessionell verschiedenartigen
religiösen Bildungskreise in der natürlichen Theologie und
Religionsbeurteilung eher n o c h w e i t e r auseinandergehen als in
den Fragen der positiven Theologie und der Glaubensbekenntnisse.
Auch innerhalb der theoretischen und praktischen Führerschaft der
deutschen Sozialdemokratie sind gegenwärtig Versuche bemerkenswert, das
religiöse Problem einer neuen Durchforschung zu unterziehen, die von
der marxistischen überkommenen Lehre, der gemäß die göttlichen Dinge
nur ein phantastisches "Aroma" sein sollen, das als
"Begleiterscheinungen" ökonomischer Herrschaftsverhältnisse aus der
"bürgerlichen Gesellschaft" aufsteigt (Marx), prinzipiell abweichen.
Noch sehr fadenscheinig ist die Religion in Paul Göhres "Der unbekannte
Gott" gefaßt, dagegen haben Radbruch, Maurenbrecher, mehrere Freunde
der "Sozialistischen Monatshefte", die theoretischen Vertreter des
Bundes sogenannter "religiöser Sozialisten" Ansichten geäußert, die,
wie immer man sie beurteilen mag, eine neue Stellung auch der
sozialdemokratischen Arbeiterklasse zu den Problemen der Religion
ankündigen. Da nach unserer Meinung jeder religiös nicht an das höchste
Gut und Gott glaubende Mensch, und jede Klasse solcher Menschen ein
nachweisbares S u r r o g a t des höchsten Gutes in Form eines zu einem
"Götzen" gestempelten endlichen Wertes (heiße er Geld, Nation,
Zukunftsstaat oder sonstwie) besitzen, wird der vermutlich bald
vollständig einsetzende, schon heute (siehe das neue
sozialdemokratische Parteiprogramm) sehr weitgehende Verzicht auf die
Verwirklichung der Ideale des Kommunismus und des "Zukunftsstaates" (an
die ein gewaltiges Maß eschatologischer Religiosität gleichsam
festgebunden war) einen l e e r e n Raum in der Seele der
Arbeiterklasse schaffen, der ihre Disposition für die Aufnahme echt
religiöser Güter bedeutend steigern dürfte. In diesem Sinne hat sich
auch Otto Baumgarten in seinem Buche "Der Aufbau der Volkskirche", das
die Möglichkeit des Aufbaus einer protestantischen Volkskirche an
Stelle einer bloßen "Pastorenkirche" eingehend und feinsinnig erwägt,
ausgesprochen.
Nicht minder tief greifen, wie gesagt, die Wirkungen der Weltereignisse
auf die geschichtsphilosophischen und soziologischen
Neuorientierungsversuche der Gegenwart ein. Alle größeren
geschichtsphilosophischen Versuche der europäischen Geschichte, die wir
kennen, die Versuche Augustins und Johanns von Freising, die Versuche
Vicos, Bossuets, Hegels und Comtes haben ihren Ursprung in Zeitaltern,
die nach großen, die Verhältnisse tief umformenden Geschichtswendungen,
gleichsam eine Besinnung der Menschheit über den bisherigen Verlauf
ihrer Geschichte anregen. Der Französischen Revolution wohnte in diesem
Sinne die mächtigste Anregungskraft für geschichtsphilosophische
Besinnung ein, und so ist es kein Wunder, daß gerade gegenwärtig die
geschichtsphilosophisch m a t e r i a l e B e t r a c h t u n g der
Dinge eine neue Auferstehung gefeiert hat. Zum Teil knüpfen diese
Versuche an Gedanken an, die schon vor dem Kriege wieder eine Rolle zu
spielen begannen. Kaum ein geschichtsphilosophischer Versuch der
Gegenwart zeigt sich z. B. nicht irgendwie durch Nietzsches starke
Anregungen bedingt. Ferner fühlt man überall die Ideen Burckhardts, wie
er sie in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" entwickelt hat,
die Auffassungen von Dilthey, Troeltsch, Hegel und Hartmann noch
lebendig. Der grundlegende Gesichtspunkt, welcher der gegenwärtigen
Geschichtsphilosophie ihr b e s o n d e r e s Gepräge verleiht, ist vor
allem der Gegensatz zwischen Dekadenz oder Erneuerungsmöglichkeit der
europäischen Menschheit und dazu die noch mögliche Aufgabe und Rolle
"Europas" im zukünftigen Weltgetriebe. Schon diese Frage führt wie von
selbst dazu, die E n g e und B e d i n g t h e i t der spezifisch
europäischen Maßstäbe und europäischen Denkformen in allen bisherigen
Geschichtsauffassungen und -beurteilungen immer tiefer zu erkennen.
Diesen Fragen gegenüber sind heute die mehr formalen Probleme der
Geschichts e r k e n n t n i s weitgehend zurückgetreten. Oswald
Spengler hat dem auf alle Fälle starken Wurfe seines "Untergang des
Abendlandes" in seinem Aufsatz über "Pessimismus?" eine sehr
eigenartige Interpretation nachfolgenlassen (der zweite Band des
"Untergangs" wird demnächst erwartet). Seine D e k a d e n z l e h r e
ist in seinem "Untergang" weniger tiefgehend als sensationell
vertreten. Die ungeheure Wirkung dieses Buches und der aufregende
Neuheitseindruck, mit dem es entgegengenommen wurde, ist psychologisch
nur aus der N i e d e r l a g e Deutschlands im Kriege zu verstehen.
Aber außerdem ist er nur begreiflich daraus, daß das große Publikum
offenbar keine Ahnung davon hatte, wie sehr diese Dekadenzlehre bereits
durch anderweitige Forscher vorbereitet war. Graf Gobineau, J.
Burckhardt, Fr. Nietzsche, F. Tönnies, E. Hammacher (siehe sein Buch:
"Grundprobleme der modernen Kultur"), M. Scheler (siehe "Ressentiment
im Aufbau der Moralen"), W. Sombart -- sie alle hatten ja, wenn auch
mit weitgehend verschiedener Begründung und Fundierung, im Grunde der
These gehuldigt, daß sich das Abendland des 19. Jahrhunderts im
Niedergang befinde. Der Kreis Stefan Georges dachte in derselben
Richtung. E. von Hartmanns universaler Geschichtspessimismus zielte
gleichfalls auf eine geschichtsphilosophische Dekadenzlehre hin. Nur
das satte Behagen der deutschen Oberklassen während des Wilhelminischen
Zeitalters konnte diese warnenden Stimmen über hören lassen und den
Schein erzeugen, daß man über Fortschritt und Aufstieg Europas so einig
sei, wie es etwa Hegel und in anderer Form und Art die Positivisten
Comte und Spencer gelehrt hatten. Freilich maßten sich alle diese
genannten Denker n i c h t an, astronomisch voraussagen zu können, was
in Zukunft sein und geschehen werde, so wie es Spengler auf Grund
seiner vermeintlichen vagen Phasen- und Gleichzeitigkeitsgesetze getan
hat, nach denen z. B. Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus innerhalb
der Phasenabfolge der indischen, römischen und modernen Zivilisation
"gleichzeitig" sein sollen. Es genügte ihnen so wie es allein möglich
und sinnvoll ist, von Niedergangstendenzen zu reden, deren Realisierung
durch die ursprüngliche Freiheit der menschlichen Persönlichkeit oder
doch durch arationale Geschichtsfaktoren auch prinzipiell umgebogen
werden könne. Eine solche "Freiheit" kennt Spengler nicht, er
betrachtet die großen Kulturen, die er an sich mit Recht als eine
ursprüngliche Vielheit ansieht (siehe hierzu auch des Verfassers
Abschnitt "Die Einheit Europas" in seinem Buche "Genius des Krieges"),
wie Pflanzenvegetationen, die aus der "mütterlichen Landschaft"
herauswachsen, dann einen Prozeß des Aufblühens, Alterns und Sterbens
durchlaufen. Diese biologischen Analogien sind aber auf die Geschichte
unanwendbar. Wertvoll dagegen ist der Versuch Spenglers, a l l e
Sphären der geschichtlichen Güterwelt (Wissenschaft, Künste,
Staatsformen usw.) auf die Einheit einer "Kulturseele"
zurückzubeziehen, und ihre Strukturidentität aufzuweisen. Die
Durchführung des Gedankens, den auch Dilthey, Duhem (siehe "Geschichte
der physikalischen Theorien"), Scheler und andere längst aufgenommen
hatten, ist indes oft überaus spielerisch und willkürlich (vergleiche
dazu das Heft des "Logos" indem sich eine Reihe von Forschern mit
Spengler beschäftigen). Zur Kritik Spenglers ist schon eine kleine
Literatur erschienen, aus der ich Th. Haerings "Die Struktur der
Weltgeschichte" (1921), die Schrift von H. Scholz "Zum Untergang des
Abendlandes" (1920) und Götz Briefs "Untergang des Abendlandes,
Christentum und Sozialismus" (1920), Kurt Breysigs "Der Prophet des
Untergangs" hervorhebe. Ganz wesenlos, verworren, unbestimmt und
überdies aus den mannigfaltigsten verschwiegenen Anregungen
zusammengeflossen sind die philosophischen und erkenntnistheoretischen
V o r a u s s e t z u n g e n des Buches. Sie enthalten einen
Relativismus, der sich im tiefsten Gegensätze befindet zu aller
ernsthaften gegenwärtigen Philosophie, und sind nur ein letzter
Nachklang des romantischen Historismus der Vorkriegszeit und seiner
verantwortungslosen, sich in alles und jedes "einfühlenden"
schauspielerischen Verwandlungskunst -- Haltungen, von der heutigen J u
g e n d mit Recht scharf zurückgewiesen werden. Wenn wir nicht glauben,
daß Spenglers Werk seinen Tageserfolg, stark mitbedingt durch die
psychischen Dispositionen eines geschlagenen Volkes, dessen
gegenwärtiges Elend und Niedergangsgefühl gleichsam wie von einem
gewissen "Troste" vergoldet scheint, wenn sich auch das Ganze des
Abendlandes, dessen Teil es ist, in einer absteigenden Richtung
befindet so daß man gewissermaßen sagen kann auch jetzt wieder:
"Deutschland in der Welt voran" -- wenn auch in absteigender Richtung
-- überdauern wird, so erhoffen wir um so Wertvolleres von anderen
wichtigen Erscheinungen der gegenwärtigen Soziologie und
Geschichtsphilosophie.
Das Grundbuch der deutschen Soziologie wird noch auf lange Zeit hinaus
Ferdinand Tönnies' "Gemeinschaft und Gesellschaft" bleiben, das erst
langsam seine volle Bedeutung auswirkt. Max Weber, dessen Werke jetzt
gesammelt erscheinen, hat uns noch kurz vor seinem Tode mit seinen
großangelegten religionssoziologischen Untersuchungen über die
Religionsformen Chinas, Indiens und der verschiedenen kirchlichen
Bildungen des Christentums beschenkt, die sich seiner ungemein
wirksamen Untersuchung über die Bedeutung der calvinistischen
Religiosität und systematischen Selbstkontrolle für die Ausbildung des
"kapitalistischen Geistes" würdig angereiht haben. Die Bedeutung der
Weltreligionen für die soziale Struktur der Völker und für ihre
Wirtschaftsgesinnung ist in diesen Untersuchungen überaus großartig
hervorgetreten. Nimmt man noch hinzu die bekannten "Soziallehren der
christlichen Kirchen von E. Troeltsch und die Untersuchungen von P.
Honigsheim Über den Einfluß des Jansenismus auf die französische
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" so ist in diesen Arbeiten ein
bedeutendes, zusammenhängendes Bild entstanden von der soziologischen
Bedeutung der Religion überhaupt (vgl. auch des Verfassers
"Abhandlungen und Aufsätze"). In anderer Richtung hat Werner Sombart in
seinen Kapitalismusbüchern und seinem "Bourgeois", vor allem aber in
der neuen Auflage seiner "Grundlagen des modernen Kapitalismus" nun
eine s y s t e m a t i s c h e A n o r d n u n g aller Kausalfaktoren
für die Entstehung der Phasen des modernen Kapitalismus gegeben, die
den älteren Einwänden gegen seine Aufstellungen weitgehend standhält.
Sein zu erwartendes Buch über die geistesgeschichtlichen Bedingungen
des modernen Sozialismus, zu dem er sein bekanntes "Sozialismus und
soziale Bewegung" umzuarbeiten im Begriffe ist, wird über die
Entstehung besonders der marxistischen Theorien neues Licht verbreiten.
Die neuen, in den Schriften der Kantgesellschaften herausgekommenen
Untersuchungen von E. Troeltsch über die bisherigen Formen der
Soziologie seit Comte und über die dialektische Methode Hegels haben
gleichfalls über die Entstehung des Gegensatzes unserer deutschen
Geschichtsauffassung von der bei den Westvölkern vorliegenden
Auffassung uns wichtige Einsichten erschlossen. Erwägt man dazu, daß
die gesamte marxistische Soziologie (siehe dazu die neueren Arbeiten
von J. Plenge, Lederer, Cunow, Lensch, Schumpeter, Renner, R. Michels,
Max Adler und anderer) sich in der tiefgehendsten Krisis befindet, in
der sie sich seit der Auseinandersetzung von Lassalle und Marx befunden
hat, so wird man die langsam beginnende geschichtsphilosophische und
soziologische Auseinandersetzung der sozialistischen und bürgerlichen
Soziologie und Geschichtsauffassungen nicht gering anschlagen dürfen.
Was uns gegenwärtig vor allem notwendig ist, das wäre eine neue, auf
der Gesamtheit der durch diese Literatur erschlossenen empirischen
Einsichten fußende T h e o r i e d e r h i s t o r i s c h e n
K a u s a l f a k t o r e n, die insbesondere die O r d n u n g ihrer
Wirksamkeit genau bestimmt und feststellt, und die zugleich mit allen
bisherigen Einseitigkeiten, vorwiegend spiritueller und
naturalistischer Geschichtsauffassungen, endgültig bricht. Der
Verfasser ist damit beschäftigt, in einem demnächst erscheinenden Buche
über die Gesellschafts- und Geschichtslehre des "Solidarismus" eine
solche Theorie zu entwickeln. --
Wenn man die ungemeine, nur noch mit dem Zeitalter Kants und Hegels
vergleichbare, g e i s t i g e R e g s a m k e i t auf dem Boden der
Philosophie im gegenwärtigen Deutschland (von der diese Zeilen ein
schwaches, durch den Raum engbegrenztes Bild geboten haben) mit dem
vergleicht, was gegenwärtig in den Ländern der Sieger auf diesem Boden
geschieht, so ist -- wie alle, die vom Ausland zu dem Verfasser nach
Köln kommen, bezeugen -- der Abstand ein u n g e h e u e r g r o ß e
r. Dieser Eindruck ist, wenn man noch hinzunimmt, was trotz des neuen
Elends des Bibliothekswesens und der geringen Aufwendungen, die seitens
des Staates für die Wissenschaft und ihre Institute heute allein
möglich sind, auch auf dem Boden der Naturwissenschaften und der
Erfindungen geleistet wird, so stark, daß an ihm allein schon das
tiefgesunkene Selbstgefühl und Selbstwertgefühl der Nation s i c h
w i e d e r a u f z u r i c h t e n v e r m a g. Ein Volk, das im
größten Elend seiner politischen und ökonomischen Lage zu einer solchen
Fülle geistiger Anstrengungen und Leistungen fähig ist, kann nicht
zugrunde gehen. Einem in gewissem Sinne tragischen Grundgesetze der
deutschen Geschichte gemäß (das man preisen oder beklagen mag) wird
auch diesmal die Nation; gerade aus ihren tiefsten Leiden und Nöten
heraus, mit neuen und frischen Energien, die ihr aus der dunklen Tiefe
ihrer durch kein Geschick zerbrechlichen Seele zufließen, mit neuem
Wagemut wieder zu den ewigen Sternen ihrer eigentlichen "Bestimmung"
greifen. Der Philosophie kommt dabei die nicht zu unterschätzende Rolle
zu, die einseitige Verfachlichung und Spezialisierung, in die das
deutsche Volk vor dem Kriege so sehr versunken war, daß ihm die auch zu
einer gesunden und einheitlichen Politik und zur Führung des Krieges
notwendige spontane Einigungsbereitschaft und Einigungsbefähigung
weitgehend gebrach, allmählich aufzulösen und damit beizutragen, eine
neue, einheitlichere geistige Bildungsgestalt dem deutschen Menschen
aufzuprägen.
RELATIVITÄTSTHEORIE
VON A. SOMMERFELD
VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERSTÄNDLICHER EINZELVORTRÄGE,
VERANSTALTET VON DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN, SOMMER 1921
Konrad Ferdinand Meyer läßt im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau
sagen:
Erfahrt, daß unter uns, die wir bemüht
Um die Natur sind, ein Geheimnis glüht!
Mit hat's ein fahr'nder Schüler anvertraut.
Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut.
Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,
Bis er die Rätsel deutete der Nacht.
Herr Köpernick beweist mit bünd'gem Schluß,
Daß -- staunet -- unsre Erde wandern muß!
Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von
der Umwälzung des Kopernikus erfaßte, ist heute lebendig, wo es sich um
eine neue Umwälzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der
kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen
Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals
-- "man sagt's nicht gerne laut" -- umweht die neue Theorie von Raum,
Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten?
Ich weiß nur zu gut, daß dies ohne die sichere Leitschnur des
mathematischen Gedankens letzten Endes unmöglich ist. Für viele meiner
Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben müssen, da er sich
nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten
Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen
ließe. Ich muß zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den
Problemen und von den Gedankengängen, die zu ihrer Lösung führen, geben
kann. Etwas genauer möchte ich dann darauf eingehen, wie es mit der
erfahrungsmäßigen Prüfung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich
von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. Während in
Fachkreisen das Interesse an der Relativitätstheorie seit 15 Jahren
lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularität der
Theorie erst von ihrer Bestätigung durch diese Sonnenfinsternis.
"Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt,
Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt" --
so fährt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier."
Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit
einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde;
gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit
einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal
schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst
bewegt sich gegen die Fixsterne und führt die Erde und uns selbst "wie
mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten
Bewegungsvorgang spüren wir nichts, es sei denn, daß wir mit genauen
Hilfsmitteln ausgerüstet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu
machen. Wir müssen daraus schließen: Bewegung an sich ist nicht
beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung können wir
konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das
Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen
absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen
Körper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am
Rauminhalt und läßt sich überhaupt nur denken relativ zu den
raumerfüllenden Körpern und Energien.
Dies ist das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet
seit 200 Jahren die Grundlage für das Studium der himmlischen und
irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses ältesten
Relativitätsprinzips lautet: Es ist unmöglich, festzustellen, ob sich
ein System von Körpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichförmig
geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses
Körpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale außerhalb
desselben beobachten können. Wir können also nichts von der
fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick
nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist
es allerdings zunächst anders, sie fällt nicht unter das
Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung
der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat können wir sie
durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung
der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zurückkommen, wenn wir das
allgemeine, über die klassische Mechanik hinausgehende
Relativitätsprinzip entwickelt haben werden.
Gehen wir von der Mechanik zur Optik über. Die Erscheinungen des
Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung
elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen
L i c h t ä t h e r nötig zu haben, einen feinen materialisierten Raum,
in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach wäre es
denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Lichtäther
durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne
der Erdbewegung, diese überholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur
Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur
Erdbewegung fortschreitet. Das Relativitätsprinzip wäre damit
durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar.
Der Versuch ist mit außerordentlicher Schärfe von M i c h e l s o n
angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es hätte
keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch näher schildern
wollte. Die Überzeugung von seiner bindenden Kraft könnte ich Ihnen
doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu
verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so
außerordentliche Hilfsmittel, daß er nur zweimal durchgeführt worden
ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, muß ich auf Ihren guten
Glauben an die Zuverlässigkeit der physikalischen und astronomischen
Messungen rechnen können. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger
genaue Erfahrungen zeigen also, daß das Relativitätsprinzip zu Recht
besteht, daß absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen
den Lichtäther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie
Einstein hervorhob, daß der Lichtäther keine reale, beobachtbare
Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein
verkappter absoluter Raum und als solcher irreführend.
Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit.
Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen,
dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden
würde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen
allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium,
welches mit Maßstäben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausgerüstet
ist. Dieser Hörsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige
Lage eines bewegten Körpers durch seine Abstände von dreien seiner
Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei
solche Abstände nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des
betrachteten Punktes, die zugehörige Zeitangabe kann man seine
Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen
Bezugssystem zu tun. Wir können uns aber auch ein entsprechendes
Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten
Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung
zeigen nun, daß sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise
ausbreitet, nämlich in Kugelwellen mit der gleichen
Lichtgeschwindigkeit, unabhängig von dem Bewegungszustande der
Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein.
Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem
ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so würde auf der Vorderseite
(das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit
des Erdkörpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die
Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der Rückseite der Welle würde sich
die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die
Vorderseite der Welle würde also, von der Sonne aus gesehen, schneller
fortschreiten als die Rückseite. Das widerspricht dem
Relativitätsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle weiß
nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne gehört.
Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen
Fortpflanzungsgeschwindigkeit.
Der Widerspruch löst sich dadurch, daß wir auch die Zeit ihres
absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene
Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik
leugnete den absoluten Raum, ließ aber die absolute Zeit bestehen; sie
konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht über
so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verfügt.
Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit.
Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur vermöge der sich in
ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle,
sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber
hängt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt
weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die
in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines
relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn
ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen
in der Zeichenebene darzustellen,
[=== Abbildung 1 -- siehe figure1.png ===]
so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem
(Raum -- Zeit); A ist aber früher als B im Bezugssystem (Raum --
Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese
bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefaßt werden
möge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenmäßig wieder, wenn
wir auf der Zeitachse mit einem im Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit
vergrößerten Maßstab messen, wobei dann die in der Figur durch die
Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine
Zeitdifferenz erscheint.
Ein anderes Beispiel: Von der Erde löst sich in einem bestimmten
Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit
einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in
diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild
ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei
identischen Lebensverhältnissen in genau identischer Weise, aber in
verschiedenem Zeitmaß. Wenn A irgendwie Kunde von B erhält, findet er,
daß B langsamer lebt, daß er in seinem Lebensalter und in seinen
Lebensschicksale immer etwas hinter A zurückbleibt. Dasselbe
konstatiert B von A; A ist jünger als B vom Standpunkte des B, B ist
jünger als A vom Standpunkte des A.
Es wurde kürzlich vorgeschlagen, das Wort Relativitätstheorie zu
ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und
verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den
Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen
oder auf einen über die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an
unserem Weltbilde vom Standpunkt abhängt, also gewissermaßen subjektive
Zutat ist, und was vom Standpunkte unabhängig ist, also in den Dingen
liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abhängig oder relativ; auch
die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die
Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich
ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder
Standpunkt zulässig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt
keinen bevorzugten Ätherstandpunkt oder Erdstandpunkt oder
Sonnenstandpunkt: daß die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen
miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in
wirkliche Widersprüche geraten können, zeigt die mathematische
Ausführung der ganzen Lehre.
Man wolle den Sinn des Wortes Relativität ja nicht so deuten, als ob
alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles
subjektiv wäre. Gerade der Wechsel des Standpunktes läßt erst das
Naturgesetz in seinem unveränderlichen Kern hervortreten. Die
Relativitätstheorie hat nicht nur eine negative, wegräumende, sie hat
vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der
Standpunktslehre wollen wir ausdrücklich statuieren: Die
Gesetzmäßigkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten,
der hinüberragt über die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und
Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist für denjenigen,
dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausgerüstet
ist. Die Aufräumung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war
ein großes Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des für
alle Standpunkte und Bezugssysteme Gültigen, Bleibenden und
Unabhängigen war ihr größeres Verdienst. Mathematisch erreicht die
Theorie dieses, indem sie die Unveränderlichkeit (Invarianz) der die
Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegenüber beliebigen
Transformationen derjenigen Hilfsgrößen (Koordinaten von Raum und Zeit,
Feldstärken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse
beschreiben.
Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem
Vorarbeiter und dem Vollender des Relativitätsgedankens. Bei Mach war
der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestrüpp entfernen,
das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines
absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei
dieser nützlichen Rodearbeit unter den Händen der Glaube an die
Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit,
die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer
Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur
in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu ökonomischen Maßnahmen,
zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der
Erscheinungen bequem unterbringen läßt. Aber das ist es nicht, was wir
brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art
wären kaum der Mühsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende
Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt,
braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus
heißt diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst
wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt
anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den
Weg frei zu bekommen zur höchsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer
invarianten Gültigkeit, unabhängig von jedem Standpunkte. Es ist
charakteristisch, daß die Positivisten den halben Einstein, den
abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden,
aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte kürzlich einen ausgiebigen
Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen
Briefwechsel, der natürlich zu keiner Einigung führte. Zum Schluß
schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der
Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden,
sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben."
Wir sind mit unseren letzten Äußerungen schon hinübergeglitten von dem
Gedankenkreis der ursprünglichen, speziellen Relativitätstheorie zu der
allgemeinen, voraussichtlich endgültigen Theorie; jene datierend von
1905, diese von 1915. Jene ließ nur die gleichförmig und geradlinig
bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden
Standpunkt an und verwendet grundsätzlich alle möglichen Bezugssysteme
zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig
gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, veränderliche Maßstäbe und
beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, daß die Naturgesetze ihre Form
beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von
Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen
Ausdruck der Naturgesetze wählen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu
dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativitätsgedankens war M i n k o w
s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.
Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier
Dimensionen, das heißt: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur
Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabhängige
Zahlen erforderlich, von denen drei die räumliche, eine die zeitliche
Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n
W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf
diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gewöhnlichen
dreidimensionalen Geometrie übertragen, teils in zeichnerischer, teils
und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann
von Ihnen nicht verlangen, daß Sie sich eine vierdimensionale Welt
vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir können uns
leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, daß
Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine
Ebene gebannt wären. Dann gäbe es für Sie kein Oben und Unten, sondern
nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt können sich
Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche,
fortpflanzen. Sie können in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine
Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der
Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie können niemals
zu der Vorstellung z. B. eines Würfels gelangen. Sie können auf einer
Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie
können sich nicht anschauungsgemäß ein Lot auf der Ebene vorstellen,
weil es für Sie nichts außerhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als
Flächenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so können Sie
doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie
brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten
als Rechnungsgrößen einzuführen und können das Lot auf der Ebene durch
Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich
allerdings nur zwei richtig vorstellen können. In demselben Verhältnis
wie diese Flächenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen
Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir
sie uns auch nicht vorstellen können, so können wir doch in ihr denken
und rechnen. Insbesondere können wir uns ebene und räumliche
Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer
Anschauung zugänglich sind.
Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen
Verkürzung geläufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite
gesehen schmäler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die
Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, würde sogar sagen: sie
ist von der Seite gesehen schmäler als von oben gesehen.) Unter
dasselbe Bild der perspektivischen Verkürzung, wenn wir es auf die
vierdimensionale Welt übertragen, lassen sich alle die seltsamen
Folgerungen bringen, die die Relativitätstheorie gezogen hat. Ein gegen
den Beobachter bewegter Körper erscheint in der Bewegungsrichtung
verkürzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erklärung des
Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter
bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt
(Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verjüngung eines unserer beiden
Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines Körpers, z. B.
eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem
vergrößert, nämlich größer als einem Beobachter, der auf dem bewegten
Körper selbst seine Beobachtungsgeräte aufstellt und die Masse des für
ihn ruhenden Körpers mißt. Dieses Gesetz von der Massenveränderlichkeit
des Elektrons wurde zum Prüfstein der ursprünglichen speziellen
Relativitätstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre
mit immer größerer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am schärfsten
in den Feinsten Äußerungen bewegter Elektronen, in den Spektren der
einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen
Relativitätstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben
wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich
eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten
Anblicken zurechtzufinden.
Aber ich muß leider noch höhere Anforderungen an Ihre Abstraktion
stellen. Denn nun muß ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte
Rätselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die
Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes:
"proportional den wirkenden Maßen, umgekehrt proportional dem Quadrat
ihrer Entfernungen" erstarrt. Darüber hinaus hatte sich aus unseren
täglichen Erfahrungen über die Erdschwere oder aus den Beobachtungen
der Astronomen über die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen
nichts über ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Kräften hatte sich
die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst
Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen
nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und
Quergängen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst
schildern, zu dem er gelangt ist.
Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Flächenwesens, aber
versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine
gekrümmte Fläche, z. B. auf eine Kugel. Wir können uns nicht aus der
Kugeloberfläche entfernen, wir können nichts außerhalb der
Kugeloberfläche wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom Äußern
noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt für uns kein Oben
und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher
nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle übrigens nicht
unendlich groß, sondern sie schließt sich im Endlichen. Es gibt keine
Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind
im Falle der Kugel die größten Kreise, z. B. die Meridiane von
irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Stoßen wir einen
Massenpunkt in der Ebene an, so läuft er in einer geraden Linie. Stoßen
wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so läuft er, sich selbst
überlassen und von keinen äußeren Kräften beeinflußt, in einer
geradesten Linie, in einem größten Kreise um die Kugel herum. Die
natürlichen kräftefreien Bahnen sind in der gekrümmten Fläche die
geradesten Linien, wie sie in der nicht gekrümmten Ebene die geraden
Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelfläche eine Geometrie, so
wird sie von der gewöhnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf
der Kugeloberfläche haben wir den einfachsten Fall der sogenannten
Nicht-Euklidischen Geometrie. Während es in der Euklidischen Geometrie
bekanntlich heißt: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten,
heißt es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im
Dreieck ist größer als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck
aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol
N auf einem Meridian bis zum Äquator, diesen entlang um ein Viertel
seines Umfanges und abermals auf
[=== Abbildung 2 -- siehe figure2.png ===]
einem Meridian zum Pol zurück, das letzte Stück im entgegengesetzten
Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir später
zurückkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der
Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also
größer als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der
Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.
Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu
kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse
intellektuelle Unerschrockenheit gehört. Unser Flächenwesen soll sich
im Anschluß an seine Kugelfläche begrifflich einen dreifach
ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie
seine Kugelfläche, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der
Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich
zurücklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekrümmten
Raum" können wir uns nicht vorstellen; und doch müssen wir uns
begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir
müssen zu einer gekrümmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t
fortschreiten und nicht nur zu einer gleichmäßig, nach Art der Kugel
gekrümmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r
ü m m u n g s v e r h ä l t n i s s e n.
Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der
Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zunächst nochmals der besseren
Übersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zurück.
Die Fläche sei zwar im allgemeinen und ungefähren eben, also nicht
gekrümmt; sie habe aber Buckel, gekrümmte Auswölbungen an solchen
Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher
Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der
Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken.
Statt Materie können wir daher auch allgemeine Energie im weitesten
Sinne des Wortes sagen. Überall, wo sich physikalische Ereignisse
abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den
Stellen stärkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll
unsere flache Welt ausgewölbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es
mit größerer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben.
Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von
überwiegender Wölbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel,
den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Anstoß und lassen ihn
durch unsere Welt laufen. Wäre der Sonnenbuckel nicht da und alles
eben, so würde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das
Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, daß er sich statt dessen
auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so
mehr ab, je näher der Planet an die Sonne herankommt.
Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis
zur Gravitationstheorie verhält. An den Stellen großer
Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singuläre, gekrümmte.
die geradesten Bahnen in der Nähe solcher Stellen weichen weit ab von
den geraden Bahnen; sie verhalten sich annähernd so, wie wir es aus der
alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben
wir nicht nötig, eine besondere Gravitationskraft einzuführen. Bahnen,
die lediglich unter dem Einfluß der Gravitation durchlaufen werden,
sind kräftefreie, geradeste Bahnen; ihre Krümmung spiegelt nur die
durch die Energieanhäufung bewirkte Weltkrümmung wider. Der
Ausgangspunkt der Relativitätstheorie bleibt dabei durchaus erhalten.
Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften,
ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen
Energien aufgeprägt.
[=== Abbildung 3 -- siehe figure3.png ===]
Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angenähert
Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur
in erster Näherung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die
Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende,
eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel heißt bekanntlich
der Punkt größter Sonnennähe auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in
sehr Übertriebenem Maßstabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so
stärker zu erwarten, je näher der Planet der Sonne kommt, also beim
Merkur, dem sonnennächsten der Planeten am stärksten. Nach den
Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim
Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie
nicht erklären läßt. Sie beträgt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert;
das will sagen, daß erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in
ihre Anfangslage zurückgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren
Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels
dagegen unmeßbar klein.
Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die
Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der
Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm
seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends
eine Unbestimmtheit oder Lücke, wußte von Hause aus nichts vom
Merkurperihel und führte doch zwangläufig auf den astronomischen
Beobachtungswert.
Ich darf nicht verschweigen, daß eine kritische Überprüfung der
astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Großmann
kürzlich durchgeführt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen läßt, als
die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach
Herrn Großmann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich
hierüber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, daß die neue
Gravitationstheorie jedenfalls die Größenordnung der
Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.
[=== Abbildung 4 -- siehe figure4.png ===]
Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen
flachen Welt zurück. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen
Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser läuft auf einer geradesten
Bahn; bei fehlender Weltkrümmung würde er eine gerade Bahn beschreiben.
Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Krümmung des Raums in der
Sonnennähe so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl
ausgeübt würde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man
denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen
Verhältnisse bei der atmosphärischen Strahlenbrechung, wo sich der
Lichtstrahl in der Erdatmosphäre ebenfalls krümmt. Was wir hier zu
erwarten haben, zeigt die nächste Figur. Der Stern A, der sein Licht
hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in
A, sondern wegen der gekrümmten Form des Lichtweges in der Verlängerung
des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgewölbes.
Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande
fort. Natürlich läßt sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n
S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht
vom Sonnenlicht überstrahlt wird.
[=== Abbildung 5 -- siehe figure5.png ===]
Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien
total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England
rüstete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt
worden. Die Konstellation war besonders günstig, weil 7 verhältnismäßig
helle Sterne in Sonnennähe standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die
verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona,
dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.
Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken
aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie
verlaufen in radialer Richtung und sind für die sonnennäheren Sterne
größer als für die sonnenferneren. Der Maßstab ist dabei viele
tausendmal übertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung
nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, daß wir sie in unserem Bilde gar
nicht einzeichnen können; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist
die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben übertriebenen Maßstab
sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer
Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der
photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und
überhaupt nur indirekt festzustellen. Außer der
Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach
der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der
fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. Überdies wurde
eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende
Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach außen, mit der
Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte
dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis
und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung
gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte
Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem
Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur
zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs
überraschendste mit den theoretischen überein. Sie zeigen nicht nur,
wie diese annähernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach
außen hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren
bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend wäre), sondern
sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Größe und die von der Theorie
geforderte Größenabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der
Sonne.
[=== Abbildung 6 -- siehe figure6.png ===]
Dies wird besonders überzeugend im nächsten Bilde dargetan, welches dem
englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die
Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abstände vom
Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen
proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender
Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene
Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke
Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden äußerst nahe, viel näher
als der punktierten Geraden, welche nach einer älteren, nicht
konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen würde. Man
wende nicht ein, daß die Ablenkung des Sternortes durch die
Sonnenatmosphäre bewirkt sein könnte. In so großen Entfernungen, wie
sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosphäre einfach belanglos.
Die astronomischen Sachkundigen sind sich darüber einig, daß die
Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen bündig ist.
Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem schönen Worte des
Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai
1919 wird für alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.
Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es
noch ein drittes Kriterium für die Einsteinsche Gravitationstheorie:
die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen,
gegenüber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter
irdischen Verhältnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es
eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes.
Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite
hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung
nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die
Größe dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich
der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt
daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im
Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im
Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken würde, und zwar beträgt
diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.
Über den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur
soviel gesagt, daß er natürlich nicht wie der gewöhnliche Dopplereffekt
in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem
Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist außerordentlich viel
stärker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht
direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfläche und
Erdoberfläche.
[=== Abbildung 7 -- siehe figure7.png ===]
Das geeignetste Versuchsobjekt zur Prüfung dieses Effektes bilden
Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkwürdigerweise konnten die mit
den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine
systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite
nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst
gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und
der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen muß, um sichere
Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede
stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen
Ursprungs, die sich jenen überlagern. Photometriert man ein solches
Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensität in ihrer Abhängigkeit
von der Wellenlänge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine
Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind
einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt
werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der Nähe liegt, fälscht
sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der
Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen
sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverdächtig und brauchbar.
Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschränken auf
zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verdächtigen Linien
ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt
sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein
vorhergesagt wurde, nämlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.
[=== Abbildung 8 -- siehe figure8.png ===]
Ich möchte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar
nicht als Prüfstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber
als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, daß ein
Kreisel, der aufgezogen ist und keinen äußeren Kräften unterliegt,
bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist
ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum
würde er die Richtung seiner Drehachse nicht ändern. In Wirklichkeit
beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale
zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter
Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am
weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler
Umläufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollständig
durchlaufen, in jedem Jahr beträgt die Winkelverlagerung 50 Sekunden
(Präzession der Äquinoktien). Nach der gewöhnlichen Auffassung rührt
diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am
Äquator wulstförmig aufgetriebenen Erdkörper her, also daher, daß die
Erde kein kräftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation
beeinflußter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die
Gravitation keine äußere Kraft; die Gravitationsbahnen der
fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen
kräftefrei als geradeste Bahnen im gekrümmten Raume; die Erdachse
sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber
heißt: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei
gekrümmter Raumstruktur?
Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol
aus zunächst auf unserem ersten Meridian äquatorwärts und halten dabei
stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser
Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung
einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im Äquator angelangt,
steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so
muß er dauernd senkrecht zum Äquator gehalten werden, solange wir den
Äquator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole
zurück, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er
dauernd die Richtung dieses Meridians einhält. Kommen wir in den Pol
zurück, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen
rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war!
Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich
dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten;
es gilt also für den Kreisel das gleiche wie für unseren Stab: Trotzdem
er mit sich parallel bleibt, schließt er nach beendetem Umgang einen
Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Krümmung der
Kugelfläche. Bei einem Umgang in der Ebene, das heißt: wenn wir ein
ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, würde von
einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.
Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar
einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde
ihr jährlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkrümmung die von der Sonne
bewirkte gekrümmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem
Umgang um die Sonne in den Frühlings-Tagundnachtgleichenpunkt
zurückkehrt, schließt sie einen Winkel mit sich ein. Dieser beträgt
zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50
Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns nämlich
an, daß der umlaufene Flächeninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern
gekrümmt war. Man sieht, wie schön und einfach sich die ältere
Auffassung, nach der die Gravitation als äußere Kraft wirkt, in die
neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege über die
Verkrümmung der Welt äußert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis
gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am
Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich
z. B. in der Perihelbewegung des Merkur äußerte, wird auch die nach
Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem jährlichen
Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton
berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die
höheren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium
für oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese
Erscheinung nicht dienen können, insbesondere deshalb nicht, weil zu
ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse
erforderlich wäre.
Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt
auf der rotierenden Erde zurück. Nach unserem Relativitätsglauben ist
jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden
Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten für diesen Standpunkt ebenso
wie für jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeingültig
gefaßt haben. Ja, es entsteht die Frage: Was heißt überhaupt rotieren?
Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und
Fixsterne nicht da Wären, an denen wir die Rotation der Erde doch erst
wahrnehmen können? Würde es nicht wieder einen absoluten Raum oder
einen Äther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir
von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel,
sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung,
den Fliehkräften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels
oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung
nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch
Vorhandensein äußerer Massen ermöglicht wird, so können auch die
Fliehkräfte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der
Gestirne verdanken, sie müssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und
den Massen der Erde aufgefaßt werden.
Bis zu diesem fundamentalen Schluß war Mach gekommen. Durch ihn hat er
Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein
beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf
die Rätselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine
Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die
Fliehkräfte sind Scheinkräfte oder Trägheitskräfte, die nach Newton
ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben würden. D i e
s e n Grund können wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf
den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn äußere Massen und
Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so
wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung
der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen umläuft, erscheint die
Raumkrümmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese
vom Standpunkt abhängige Änderung der Raumkrümmung bedingt
Scheinkräfte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen
können. Diese Scheinkräfte sind die Fliehkräfte der Erdumdrehung. Wären
aber Massen und Geschehnisse außerhalb der Erde nicht vorhanden, so
könnten Fliehkräfte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde könnte
sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das heißt: sie könnte
keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.
Die Wesensgleichheit von Schwerkräften und Trägheitskräften, auf die
wir so geführt worden sind, findet ihre überzeugende Bestätigung in der
Gleichheit von schwerer und träger Masse. Vor hundert Jahren durch
Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identität zweier
scheinbar verschieden definierter Größen viel zu wenig Beachtung
gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen geöffnet, sie richtig zu sehen
und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer
Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. --
Was würde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge
sagen, wenn sie ihm ein fahrender Schüler des zwanzigsten Jahrhunderts
anvertrauen würde? Würde er glauben, daß Herr Köpernick umsonst gewacht
hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus
vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des
Ptolemäischen Systems mußte zuerst einmal aufgegeben und durch den
Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus
Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hieß, erhielt er
ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkrümmung wird von diesem Standpunkt
aus so gering wie möglich, der Raum erscheint so euklidisch, als es
nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische
Standpunkt für alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem
beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser
Standpunkt ist nicht mehr der einzig mögliche. Es ist zwar sehr
unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die
Sonne wandert. -- Darüber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den
wahren und endgültigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souverän zu
umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu
wählen und zu der Überzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabhängig
von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich groß und
gleich gesetzmäßig.
GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS
VON UNIVERSITÄTSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (WÜRZBURG)
Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B.
Wer dieses Thema liest, möchte leicht geneigt sein, es umzuändern in:
die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem
vollen Ernst dieser Fraglichkeit erfüllt hat und sieht, welche
Zusammenhänge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens
gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das
Volksleben ausstrahlen, möchte wohl von der Fraglichkeit des deutschen
Lebens im ganzen sprechen und die düstersten Zukunftsbefürchtungen
daran anschließen.
Zu jäh ist für uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit
jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie
betäubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben!
Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo
stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen,
um uns zunächst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erfüllen, was
geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.
Wo standen wir? Wir jüngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der
Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und
Blüte, nach außen schimmernde Wehr und hohe Geltung besaß. Die
Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens
schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen
man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der Stärke einer
gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerhörter
Leistungsfähigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen
Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindrücken von Macht,
Größe und Reichtum erfüllte sich unsere Seele. Wer von uns draußen war,
sah auf allen Meeren, in allen Ländern die Zeichen eines aufstrebenden,
gewerbefleißigen, "in allen Künsten und Hantierungen geschickten"
Volkes, das im Herzen Europas saß und von dort aus das Reich seines
wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war
das Deutschland der jüngsten Vorkriegsgeneration. Ihre Väter und
Großväter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes
Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr
als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland,
dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbörse den Namen "Baltic"
gab, jenes bäuerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug
auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mußte, weil
ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung
für Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war
mit Ärmlichkeit, Spießbürgertum, viel Militär und einem Bündel von
Kleinstaaten. Und greift man nun zurück auf die ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines
kontinentalen bäuerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch
nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Völker mit
seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als
Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name
in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte
des G e i s t e s willen. Wer von den großen Geistern unserer
klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus
diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden
sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in
unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem
Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene
nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem
Bewußtsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner
Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht
ahnen, daß das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem
der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts reifen würde. Man möge in dem trefflichen Buche: "Die
deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was
Sombart mit großer Meisterschaft der Darstellung zu erzählen weiß von
dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mühen,
von der Kleinheit -- und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen
der Vorkriegszeit -- Ärmlichkeit dieses Lebens! "Eine an Dürftigkeit
grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten
Leben und in der Gesellschaft!