Die einzige Persönlichkeit, deren geistige Spannweite alle

philosophischen Antriebe des 19. Jahrhunderts umfaßte und dazu alle

Fortschritte der positiven Natur- und Geisteswissenschaften in ihr

System einzuordnen suchte, die einzige zugleich, die den tiefgehenden

inneren Bruch zwischen der deutschen Spekulation und der einseitigen

Herrschaft der Spezialwissenschaften nicht mitgemacht hat, war E d u a

r d v o n H a r t m a n n (1842-1906). Es ist eine der merkwürdigsten

Tatsachen in der deutschen Geistesgeschichte, daß dieses reifste,

durchdachteste, alle Wissensgebiete und die Religion umfassendste

Gedankensystem, welches die zweite Hälfte des Jahrhunderts überhaupt

hervorbrachte, nach anfänglichem Tageserfolg der "Philosophie des

Unbewußten" (1869) auf die wissenschaftliche Philosophie zunächst kaum

eine Wirkung ausgeübt hat. Der große Denker versuchte vergebens, einen

Ruf an eine deutsche Universität zu erhalten. Gewiß besteht der Grund

nicht nur in der allgemeinen Metaphysikscheu der Zeit und der

einseitigen Herrschaft neukantischer und positivistischer Richtungen;

ein Teil der Gründe liegt auch in der Eigenart der Philosophie

Hartmanns und der Persönlichkeit ihres Urhebers selbst. Bei aller Kraft

logischer Organisation großer Stoffmassen, bei all seinem ungeheueren

Wissen und seiner Gelehrsamkeit gebrach dem Forscher ein unmittelbares

originäres Verhältnis zur Welt. Seine Philosophie ist mehr eine überaus

kunstvolle Verbindung von philosophischen Gegebenheiten (Schelling,

Hegel, Schopenhauer, Lotze, moderne Naturwissenschaft und Psychologie)

als ein neues Wort. Darin bildet er den größten Gegensatz zu

Schopenhauer, der an logisch-synthetischer Kraft ihm weit unterlegen

ist, aber, wie er selbst an seinen Verleger schrieb, den unmittelbaren

"Eindruck", den die Welt auf ihn gemacht, in seiner Philosophie schon

als Jüngling wiedergab. Auf Hartmanns System kann hier nicht

eingegangen werden. Sein in Karlsruhe lehrender Schüler Arthur Drews

hat die beste Darstellung von ihm gegeben: die bekannten, von Hartmann

selbst verfaßten "Grundrisse" führen am besten in es ein. Um so

merkwürdiger ist es nun aber, daß die g e g e n w ä r t i g e

Philosophie begonnen hat, die großen Werte auszuschöpfen, die in seinem

Werke zweifellos vorhanden sind. Abgesehen von den bedeutenden

Leistungen seines Schülers A. Drews und einigen Antrieben, die er dem

vielversprechenden Leopold Ziegler gegeben hat (vor kurzem hat sich

dieser freilich in einer kritischen Schrift, "Hartmanns Weltbild", ganz

von Hartmann abgewandt, indem er, ohne dem Denker gerecht zu werden,

seine Lehre sehr einseitig an den Ansichten Rickerts mißt), hat sich W.

Windelband für die Bedeutung Hartmanns eingesetzt. Besonders ist es

seine "K a t e g o r i e n l e h r e", sein subtilstes und gewaltigstes

Werk, das sowohl auf Windelband als auf Rickerts Schüler, E. Lask,

stark gewirkt hat. Die Unterscheidung der "Reflexionskategorien" von

den "Spekulativen Kategorien" die Unterscheidung ferner der drei

Wirklichkeitssphären, der phänomenalen, objektiv realen und

metaphysischen Sphäre, die Auffassung, daß die Relationskategorie der

Ausgangspunkt der Ableitung a l l e r Kategorien sein müsse, die

Ansicht, daß die Kategorien die Ergebnisse unterbewußter synthetischer

Kategorialfunktionen seien, die nur in ihrem Ergebnis in das Bewußtsein

hereinfallen (ihr hat sich auch G. Simmel in seinem Kantbuch

angeschlossen), hat stark auf die Kategorienlehre der Gegenwart

eingewirkt. Ferner erscheint Hartmann als einer der ersten Vorkämpfer

des nunmehr siegreich vordringenden erkenntnistheoretischen R e a l i s

m u s gegenüber allen Formen des Bewußtseinsidealismus. Hier war es

besonders J. Volkelt, der in seinen Arbeiten "Über Erfahrung und

Denken" und "Die Probleme menschlicher Gewißheit" die Hartmannsche

Auffassung übernommen hat, daß unsere überall diskontinuierliche und

durchbrochene, rein passive Bewußtseinswelt durch die Realsetzung einer

außerbewußten Natur und die Setzung unter- und unbewußter psychischer

Seins- und Wirksphären gedanklich ergänzt werden müsse, um einen

rationellen Zusammenhang zu bilden. So wenig ich diese Richtung der

Begründung des Realismus für aussichtsreich halte, scheint mir der

gegenwärtige Gang zum Realismus doch von diesen Vorkämpfern stark

abhängig. Auf den heute ungemein wirksamen Denker Hans Driesch hat E.

von Hartmann in mehreren Richtungen eingewirkt: 1. mit durch Volkelts

Vermittlung in erkenntnistheoretischer Hinsicht; 2. in der Auffassung,

daß es keine b e w u ß t e n "Akte und Tätigkeiten" gebe, diese

vielmehr zu dem rein passiven Bewußtseinsinhalt erst hinzu erschlossen

seien (siehe Driesch: "Erkennen und Denken"); 3. in der Lösung des

Problems der möglichen Koexistenz der mechanischen Zentralkräfte und

Gesetze mit Gestalt und Richtung bestimmenden, mechanischen, unbewußten

Oberkräften, durch deren Annahme der gewöhnliche Naturbegriff zwecks

Erklärung der Lebenserscheinungen eine Erweiterung erfährt; 4. auch

Hartmanns Lehre, daß es einen Parallelismus zwischen bewußten

seelischen Erscheinungen, erschlossenen seelischen Tätigkeiten und den

die organischen Formen und die Bewegungsreaktion der Organismen

bestimmenden Tätigkeiten der vitalen Oberkräfte gebe, ist von Driesch

und in einiger Modifikation auch von dem Referenten übernommen worden.

Auch die gegenwärtige starke Bewegung zu einer r e a l i s t i s c h e

n P s y c h o l o g i e im Unterschiede von bloßer

Bewußtseinspsychologie (Külpe, Scheler, M. Geiger, Driesch, in gewissem

Sinne auch S. Freud, W. Stern) ist zuerst in E. von Hartmanns Lehre in

die Erscheinung getreten. Wesentliches von Hartmann übernommen hat

ferner auch W. Stern in seinen originellen und zukunftsreichen Arbeiten

"Person und Sache" und "Die menschliche Persönlichkeit". Besonders in

der Annahme psychophysisch indifferenter zieltätiger Kausalfaktoren,

die sich gleichzeitig in den physiologischen Vorgängen und Reaktionen,

wie in den Bewußtseinsprozessen auswirken, steht Stern Hartmann nahe.

Die methodische Auffassung der Metaphysik als induktiver und nur

wahrscheinlichen Erkenntnis, die nur gradweise über die Realsetzungen

der positiven Wissenschaften hinausgeht und das falsche Idol, gegen das

Kant kämpft, das Idol einer absolut gewissen und apriorischen

Begriffsmetaphysik, verwirft, hat unter den gegenwärtigen Metaphysikern

viele Anhänger. Die naturphilosophischen Lehren Hartmanns, besonders

soweit sie sich auf die anorganische Welt beziehen, sind dem heutigen

Wissensstande der Physik nicht mehr angepaßt; was aber nicht

ausschließt, daß seine Kraftzentrenhypothese, nach der aller Stoff nur

eine bewußtseinsideale Erscheinung ist, in modifizierter Form wieder zu

Ehren kommt. In der Religionsphilosophie hat Hartmann den sogenannten

"konkreten Monismus" vertreten, der dem substanzialen Weltgrund ein

logisches und alogisch-dynamisches Attribut zuschreibt, aus deren

Kooperation und Widerstreit der gesamte Weltprozeß erklärt werden soll.

Durch A. Drews sind diese Gedanken auch in die allgemeine m o n i s t i

s c h e Bewegung eingeflossen. Den Wert dieser pessimistischen, Hegel,

Schopenhauer und den späten Schelling verknüpfenden Metaphysik können

wir ebensowenig als zukunftsreich erachten, als die willkürlichen

geschichtsphilosophischen Konstruktionen Hartmanns, nach denen Paulus

der Stifter des Christentums gewesen sei, und nicht in der

Persönlichkeit Christi, sondern in den pantheistisch ausgedeuteten I d

e e n d e r Gottmenschheit und der Erlösung das eigentliche Wesen des

Christentums getroffen sei. A. Drews ist in seiner "Christusmythe" von

diesen Anregungen Hartmanns her dazu gekommen, das Christentum als eine

Schöpfung der allgemeinen Religionsgeschichte verstehen zu wollen und

die historische Existenz Jesu ganz zu leugnen.

Die zweitälteste Schicht der gegenwärtigen Philosophie besteht in den

an K a n t anknüpfenden erkenntnistheoretischen Denkrichtungen. So sehr

sich nach meiner Ansicht diese Denkrichtungen in unaufhaltsamem

Niedergang befinden, nehmen sie, dem Gesetz der historischen Trägheit

folgend, doch noch einen sehr erheblichen Raum in der deutschen

akademischen Philosophie ein. Mit Ausnahme der jüngsten, der durch

Nelson erfolgten Wiedererweckung der Philosophie des Jenenser Physikers

und Philosophen Jakob-Friedrich Fries, stammen sie alle aus der Zeit,

da die deutsche Philosophie in den sechziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts durch den Rückgang auf Kant (zuerst O. Liebmann "Zurück zu

Kant") sich wieder ein akademisches Existenzrecht zu erwerben suchte.

Es sind v i e r Hauptgruppen kantianisierenden Denkens, die unter uns

noch lebendig sind. Der neukritizistische Realismus ist besonders von

Alois Riehl vertreten worden in seinem Werk "Der philosophische

Kritizismus" und in seiner schönen und klaren "Einleitung in die

Philosophie der Gegenwart". Das "Ding an sich", das die Marburger und

Badener Schule vollständig ausscheiden, wird von Riehl als kausativer

Faktor, auf dem die Materie der Empfindung beruhen soll, festgehalten.

Unser Verstand erzeugt nicht das Sein der Gegenstände, sondern gibt nur

ihrem Gegenstandsein die apriorische Form. Die logisch-synthetische

Einheit des Bewußtseins ist nach Riehl die oberste Voraussetzung für

die Gegenstände der Erfahrung. Ihm entspricht das synthetische

Identitätsprinzip, von dem auch die Kausalität (ähnlich wie bei Herbart

und Lipps) nur eine bestimmte Anwendung auf zeitliche Geschehnisse sein

soll. Die Zeit- und Raumlehre Kants sucht Riehl mit den modernen

empiristischen Theorien der Entstehung des Zeit und Raumbewußtseins zu

versöhnen. Die O r d n u n g e n des zeitlichen und räumlichen

Auseinander und Nacheinander werden nach ihm nicht durch die

Anschauungsformen von Raum und Zeit, sondern durch die Dinge an sich

selbst bestimmt.

Neben der theoretischen Philosophie, die hier ausschließlich auf

Erkenntnistheorie und Logik der exakten Wissenschaften beschränkt

erscheint, gibt es noch eine Philosophie als "Weisheits- und

Weltbegriff" die dem Menschen ein sittliches Ideal vor die Seele

stellt. Aus der praktischen Philosophie Kants hebt Riehl ausschließlich

die Autonomie der Persönlichkeit hervor, verwirft aber den

kategorischen Imperativ; nicht minder verwirft er die gesamt religiöse

Glaubens- und Postulatentheorie Kants. Metaphysisch nennt sich auch

Riehl "Monist" (kritischer Monismus), indem er annimmt, daß das

Psychische und Physische nur zwei Betrachtungsweisen ein und derselben

Wirklichkeit sind, die uns in ihrem Wesen unerkennbar ist und durch die

Religionen nur auf Grund verschiedener sittlicher Lebenserfahrungen

verschiedenartig ausgewertet wird. Riehl wirkt in der gegenwärtigen

Philosophie nur wenig mehr. Angeregt von ihm sind Hönigswald und E.

Spranger.

Die weitaus w i r k s a m s t e, an bedeutenden Persönlichkeiten

reichste und vielseitigste neukantische Richtung ist auch gegenwärtig

noch die von Hermann Cohen gegründete Schule von Marburg. Hermann Cohen

(1842-1918) hat sich durch eine Reihe kanthistorischer und

kantphilologischer Schriften hindurch erst sehr langsam zu einem

eigenen, großangelegten System hindurchgearbeitet, mit dem er in seinen

drei Werken: "Logik der reinen Erkenntnis", "Ethik des reinen Willens"

und "Ästhetik des reinen Gefühls" wenige Jahre vor seinem Tode

hervorgetreten ist. Zweifellos ist Cohen der herrschende Geist der

Schule, freilich darum nicht auch derjenige, der am meisten in die

Breite gewirkt hat. Seltsame Vorzüge und Fehler vereinigte er in sich.

Auf dem Hintergrund einer patriarchalischen, ehrfurchtgebietenden

Denkerwürde, durch die allein schon er den Schüler leicht mit der

Überzeugung erfüllte, daß der Weltlogos in ihm selber und in jedem, der

ihm folge, tätig sei, hebt sich sein philosophisches Werk ab.

Talmudischen Scharfsinn verbindet er mit einer seltsamen Dunkelheit, ja

häufigen Abstrusität der Darstellung, auch in diesem Punkte dem stark

auf seine Auffassung des Ding-an-sich-Begriffes wirksamen Moses Maimon

nicht unähnlich. Aber diese beiden Eigenschaften sind nicht die

stärksten und wesentlichsten seiner Natur. Was ihn vor allen anderen

Mitgliedern der Schule auszeichnete, das war eine freilich nur

stellenweise in Vortrag und Werken hervorbrechende, Kant wahrhaft

kongeniale Plastik des geistigen Schauens und der Darstellung; eben der

Zug an Kant, der Goethe bei Lektüre der "Kritik der Urteilskraft"

veranlaßt haben mag, zu sagen, "man trete in ein helles Zimmer", wenn

man Kant lese. Dazu ging ein mächtiges, echtes und ernstes, sittliches

Pathos von ihm aus. Wenige erkannten so wie er die Niedergangszeichen

des Wilhelminischen Zeitalters, die Vergötzung von Macht und Geld, von

Nation und Staat. Die ganze Reinheit und Klarheit der Denkweise des

Kantianismus der Männer der Befreiungskriege schien in ihm, lebendig

geworden und in seiner Person vor der Zeit anklagend zu stehen. Diese

Denkweise verband sich aber merkwürdigerweise bei ihm mit einem sehr

bewußten Judaismus. Freilich mit einem Judaismus, der, auf dem Ethos

der Propheten des Alten Bundes beruhend, nicht nur alle ritualistischen

und nomistischen Elemente des Judentums, nicht nur alle mystischen und

pantheisierenden kabbalistischen Elemente die sich ihm später

ansetzten, sondern auch den historisch gegebenen Theismus von ihm

abstreiften. Die Gottesidee war Cohen nur der Garant der "Einheit der

Menschheit" und gleichzeitig ein notwendiges sittliches Vernunftideal.

Von Karl Marx und den deutschen sozialistischen Theoretikern hatte er,

ähnlich wie schon A. Lange (s. s. "Arbeiterfrage"), eine Reihe

Grundsätze in sein ethisches und soziales System aufgenommen; besonders

den von ihm aus dem Nationalen ins menschheitlich Abstrakte erhobenen

jüdischen Messianismus, nach dem alles geschichtlich Gegebene nur von

einem sittlichen Zukunftsideal her aufgefaßt und beurteilt werden kann;

das verband ihn mit Marx, der diesen Messianismus nur unter seiner

dogmatischen ökonomischen Geschichtsauffassung verhüllt hatte. Nur so

ist es zu verstehen, daß auf dem Boden des Marburger Kantianismus auch

eine neue theoretische Fassung des Sozialismus erwuchs, die besonders

von Eduard Bernstein (Revisionismus), von Paul Natorp, von Vorländer

und in manchen Kreisen der "Sozialistischen Monatshefte" vertreten

wurde. An H. Cohen schloß sich Paul Natorp an, der in seinen Schriften

die neukantische Lehre zwar weit klarer und für eine philosophische

Schulbildung eindeutiger und systematisierter vertrat als der Meister,

aber weder dessen Tiefe noch dessen Schwung nahekam. Als dritter

bedeutendster Vertreter der Schule ist Ernst Cassirer zu nennen, der in

seinen geschichtlichen und systematischen Werken der neukantischen

Lehre vielleicht den schärfsten, präzisesten und gegenwärtig

wirksamsten Ausdruck gegeben hat.

Der Marburger Kantianismus weicht von dem historischen Kant in sehr

weitgehendem Maße ab. Vollständig wird verworfen die Realsetzung eines

Dinges an sich. Cohen interpretiert Kant dahin, das Ding an sich sei

bei Kant nur eine didaktische Anpassung an den naiven Realismus des

Lesers; in Wirklichkeit bedeute diese Wortverbindung nur einen

"Grenzbegriff unserer Erkenntnis" nämlich das Fernziel eines

unendlichen Erkenntnisprogresses. Diese Auffassung ist der von Maimon

sehr ähnlich. Daß sie historisch als Kantinterpretation falsch ist,

duldet heute keinen Zweifel. Indem so eine transzendente Wirklichkeit

nicht nur nach ihrer Erkennbarkeit, sondern auch nach ihrem Dasein

geleugnet wird, wird der Boden frei für einen neuen E r k e n n t n i s-

und W a h r h e i t s b e g r i f f, den nach der Marburger Lehre

Kant aufgestellt habe. Erkennen bedeute nicht Abbildung, aber auch

nicht zeichenartiges Bestimmen einer vorhandenen Gegenständlichkeit und

Realität, sondern es bedeutet ideales "Erzeugen und Formen des

Gegenstandes" selbst. Der Gegenstand sei nicht gegeben, sondern seine

Erzeugung sei unserem Verstande nach den ihm einwohnenden Gesetzen

aufgegeben. Die Naturgegenständlichkeit ist hiernach also ein

ausschließliches Werk, freilich ein endlich nie vollendbares Werk, des

denkenden Verstandes. Gegenständlichsein und Realsein heiße für einen

Inhalt nichts anderes, als gesetzlich gedacht sein und im System der

Gedanken und ihrer Relationen eine bestimmte Stelle haben. Aber von

welcher Gegebenheit ausgehend, erzeugt so der Verstand die

Naturgegenstände? Nach dem historischen Kant, auch nach Riehl und der

südwestdeutschen Schule, ist ein anschaulicher Gehalt, die "Materie der

Empfindung", gegeben. Anders nach H. Cohen. Er erklärt: "Wir fangen mit

dem Denken an"; nichts darf dem Verstande gegeben sein, wenn er alles

durch sich selbst erst bestimmen und erzeugen soll. "Empfindung" sei

ein Ausdruck, der selbst erst mit Hilfe der Kausalrelation und des

Reizgedankens zu definieren sei als dasjenige, was an unserem

Wahrnehmungsgehalt reizbedingt sei; also können Empfindungen nicht

gegeben sein; auch sie sind ein gesuchtes X, ein "Problem des

Verstandes". Soll damit gesagt sein, daß der Verstand, so etwa wie bei

Hegel, rein aus sich heraus die ganze Welt erzeuge? Das ist kaum die

Meinung H. Cohens. Einmal gibt auch er zu, daß in der natürlichen

Weltanschauung Dinge, Ereignisse, Raum, Zeit und Kausalität irgendwie

gegeben seien, und zwar als bewußtseinsjenseitig; aber das macht das

Eigentümliche der neukantischen Lehre aus, daß im Unterschiede zum

historischen Kant die Erfahrung der natürlichen Weltanschauung und die

wissenschaftliche Erfahrung s c h r o f f getrennt und

auseinandergerissen werden. Die Wissenschaft hat hiernach dem Gehalt

der natürlichen Weltanschauung gar nichts zu entnehmen, auch nicht die

Daseins f o r m e n und Strukturen dieser natürlichen Wirklichkeit,

geschweige ihren Gehalt. Umgekehrt muß vielmehr die natürliche

Weltanschauung und ihr Inhalt ihrerseits durch die Wissenschaft als

physiologisches, psychologisches resp. biologisch zweckmäßiges

Gesamtprodukt aus ursprünglichen Denksetzungen erklärt werden, die ihr

-- konsequent -- also nicht entnommen sein können. Ferner kommt es zu

dem zweideutigen Satze H. Cohens: "Nichts ist dem Denken gegeben," und

das Denken erzeuge erst im Urteil des infinitesimalen Ursprungs die

Realität nur dadurch, daß Cohen Existieren eines Gegenstandes,

Gegenstandsein eines Seienden, Gegebensein und Bestimmtsein einander

gleichsetzt. Das Apriori Kants soll, das wahr der ursprüngliche

Wurzelpunkt der Marburger Lehre, nur im "transzendentalen" Sinne

genommen werden, d. h. hier freilich nicht nur als objektiv logische

Voraussetzung für die Möglichkeit der mathematischen Naturwissenschaft

und ihrer Gegenstände, sondern wenigstens nach der Auslegung des

späteren Systems auch als eine Grund l e g u n g, die unser Denken

immer neu zu legen tätig ist. Die "Grundlage" wird also hier zur

"Grundlegung". Auch die "Kategorien" sind nach der Marburger Lehre

nicht etwa feste, auf einer Tafel ein für allemal zu bestimmende

Schienen, in denen unser Denken laufen muß, sondern sie selbst sind

eine prinzipiell unabgeschlossene Reihe reiner Denk e r z e u g u n g

e n zum Ziele, je nach der gegebenen Problemlage, den unendlichen Prozeß

der Wissenschaft fortzufahren. Nicht nur Ding an sich und

Empfindungsgegebenheit fallen hier im Gegensatz zum historischen Kant

weg, sondern auch die "Anschauungsformen" sowie die kantische Scheidung

von formaler Logik, transzendentaler Logik und Theorie des

Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteils. Die Anschauungsformen von Raum und

Zeit werden für Cohen und Natorp Denkkategorien; sie lösen sich in

einer an Leibnizer Lehre gemahnenden Weise in ein System idealer

Relationen auf, und die gesamte Mathematik soll, von Funktionentheorie

und Algebra angefangen bis zur Geometrie, streng kontinuierlich ohne

Heranziehung von intuitiven Minima, ausschließlich als strenges

apriorisches Denkerzeugnis betrachtet werden. Ferner fällt nach den

Lehren der Marburger Schule der Unterschied zwischen Realwissenschaften

und Idealwissenschaften vollständig dahin. Auch die theoretische Physik

erscheint hier vollständig formalisiert (nicht minder in anderer

Richtung Rechtsphilosophie und Kunstphilosophie). Der ganze

Erkenntnisprozeß der "Wissenschaft" -- ein Begriff, der hier aufs

einseitigste und noch einseitiger bei Kant an der mathematischen

Naturwissenschaft orientiert ist, und zwar an der mathematischen

Naturwissenschaft des newtonschen Zeitalters -- wird hier in

anschauungsfreies Denken, und zwar in erzeugendes Denken aufgelöst.

Alle Gegenstands- und Seinsprobleme werden künstlich in M e t h o d e n

p r o b l e m e verwandelt. So auch der Unterschied des Psychischen

und Physischen. Ein nicht zu übertreffender Scientivismus, der an die

Stelle der Weltbegreifung ausschließlich die Begreifung der einen

zusammenhängenden, den Kosmos aus dem Chaos erst e r z e u g e n d e n

Wissenschaft rückt, ist eines der Hauptmerkmale der Marburger

Philosophie. Die Rechtsphilosophie hat sich z. B. nicht direkt mit dem

Rechte, die Kunstphilosophie nicht direkt mit der Kunst zu

beschäftigen, sondern mit der Möglichkeit der Rechts- und Kunst w i s s

e n s c h a f t. Die Wissenschaft selbst, die, wie Cohen sagt, in

"gedruckten Büchern" vorliegt, ist also allein das für den Philosophen

Urgegebene; sie erscheint hier wie vom Himmel gefallen. Auf die Art,

wie von diesem Standpunkt aus das System der Kategorien hergeleitet

wird, kann hier nicht ein gegangen werden. Die genannten Cohenschen

Grundideen haben N a t o r p und C a s s i r e r sowie die übrige große

Schülerschaft weiterentwickelt. Ein zweifelhafter Vorzug der Schule ist

der Reichtum und die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Sie übertrifft

hierin weit die übrigen Kantschulen. Natorp hat die Idee Cohens,

zunächst in erkenntnistheoretischer Hinsicht, besonders in drei

Richtungen weiterentwickelt: 1. in bezug auf die Theorie der

mathematischen Naturwissenschaft, besonders in seinem Buche "Die

Grundlagen der exakten Naturwissenschaft"; 2. in seiner, einer

erkenntnistheoretischen Fundierung der Psychologie dienenden

"Allgemeine Psychologie"; 3. in der Richtung der Ethik und

Sozialpädagogik. Eine kurze geschickte Zusammenfassung seiner Ansichten

hat er gegeben in den "Wegen zur Philosophie" unter dem Titel

"Philosophie" 1918. Eine Art Geschichtsphilosophie des deutschen Volkes

entwickelte er während des Krieges in seinem Buche "Deutscher

Weltberuf". Ferner hat Natorp in seinem Werke über Platon versucht, die

platonische Lehre mit Abstreifung alles dessen, was er bei Platon für

"mythisch" hält, so zu deuten, daß an den "Ideen" Platons jeder

dingliche Charakter verschwindet und sie als bloße "Gesetze", die unser

denkender Geist selbst zur Grundlegung des Wirklichen hervorbringt,

erscheinen. Schon mit diesem Werke, aber in vielleicht noch höherem

Maße in den großen historischen Werken Ernst Cassirers über Leibniz und

über "Geschichte der neueren Erkenntnistheorie" (in 3 Bänden) hat die

Marburger Schule einen Weg beschritten, dessen fast einzigartig

konsequente Verfolgung zwar ihrem eigenen System einen mächtigen

geschichtlichen Halt zu geben scheint, der sich aber für eine objektive

geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte nach meiner Ansicht

als geradezu ruinös erwiesen hat. Diese geschichtliche Auffassung der

Philosophiegeschichte ist geleitet von der an Hegel gemahnenden Idee,

daß die Geschichte der philosophischen Ideen eine strenge logische K o

n t i n u i t ä t und einen streng logischen Sachfortschritt darstelle,

bei dem die philosophierenden Personen, ihr ursprüngliches

charakterologisches Verhältnis zur Welt, ferner Religion, soziale

Formen und Klassen, Interessen und Leidenschaften überhaupt keinerlei

Rolle spielen. Abgesehen von dieser rein fiktiven unerwiesenen

Voraussetzung werden in den geschichtlichen Werken der Marburger Schule

die behandelten Denker fast ausschließlich nach ihrer logischen und

erkenntnistheoretischen Seite hin gewürdigt. Dies tritt in Natorps

Platonbuch wie in Cassirers Leibnizbuch mit ganz unsagbarer

Einseitigkeit hervor. Die Leibnizsche Metaphysik, die genau so der

Ausgangspunkt seiner Logik, wie die Metaphysik des Aristoteles der

Ausgangspunkt des "Organon" gewesen ist, wird von ihm so gut wie

hinweginterpretiert. Und genau so ergeht z. B. Descartes in der

"Geschichte des Erkenntnisproblems". Mit vollem Recht hat jüngst Ernst

von Aster in seiner kürzlich erschienenen "Geschichte der

Erkenntnistheorie" (1921), die ein wahres und objektives Bild der Dinge

an Stelle der Marburger Konstruktionen zu geben sucht, diesen Marburger

Vergewaltigungsversuchen der Geschichte zugunsten ihres Systemes

scharfen Widerstand entgegengesetzt. Das erkenntnistheoretische

Hauptwerk Cassirers heißt "Substanzbegriff und Funktionsbegriff"

(1910). Es enthält eine Erkenntnistheorie der Mathematik, theoretischen

Physik und Chemie und soll zeigen, wie an Stelle der Herrschaft der

Substanzkategorie und der begrifflichen Umfangsverhältnisse in der

Entwicklung der neueren Wissenschaften mehr und mehr eine Denkweise

getreten sei, die alle Substanzen als bloße hypothetische und nie

endgültig zu bestimmende Ansatzpunkte zuerst erfaßter funktioneller

Abhängigkeiten ansieht und eine Logik der Relationen an Stelle der

Aristotelischen Subsumptionslogik setzt. Schöne, zum Teil auch wahre

und tiefe allgemeine Bildungsbücher hat ferner Cassirer während des

Krieges uns geschenkt in seinen Arbeiten "Freiheit und Form" und "Idee

und Gestalt", in denen die Entwicklung der deutschen Dichtung in einige

ihrer Hauptgestalten (Goethe, Schiller, Hölderlin, Kleist) nach der

Einheit ihrer Struktur und Form mit der philosophischen Entwicklung des

deutschen Geistes betrachtet werden (siehe besonders den wertvollen

Aufsatz "Goethe und die mathematische Naturwissenschaft"). In der

Rechtsphilosophie hat R u d o l f S t a m m l e r in seinen Büchern

"Wirtschaft und Recht" und "Das richtige Recht" den neukantischen

Gedanken Ausdruck gegeben, ferner hat auch der Österreicher Jurist

Kelsen diese Philosophie zur Grundlage seiner Arbeiten gemacht. Eine

bekannte Kritik Max Webers von Stammlers Wirtschaft und Recht (siehe

"Zeitschrift für Sozialpolitik") und ein eben erschienenes Buch des

Bonner Juristen Kaufmann haben die ungemeinen Schwächen dieser

Rechtstheorie treffend aufgedeckt (siehe E. Kaufmann, "Kritik der

neukantischen Rechtsphilosophie", 1921). Die Biologie suchte N.

Hartmann in einer Sonderschrift den neukantischen Grundsätzen zu

unterwerfen, ein sehr zukunftsreicher Forscher, der sich aber

neuerdings von der Marburger Schule weit abgewandt und einer mehr

ontologischen Denkrichtung zugewendet hat, die er nicht ohne Einfluß

der Phänomenologie genommen haben dürfte.

Jünger unter den gegenwärtigen Kantschulen ist die "Badische" oder auch

"Südwestdeutsche Schule". Sie ist begründet von W. Windelband, fand

ihren größten und wirksamsten Systematiker in Heinrich Rickert, als

dessen wichtigster Schüler, aber auch in gewissem Sinne schon

Überwinder, der im Kriege zum Leide der deutschen Philosophie gefallene

zukunftsreiche Emil Lask gelten muß. Nahe stehen dieser Schule vermöge

ihres gemeinsamen Ausgangspunktes von J. G. Fichte auch Paul Hensel und

der auch von Hegel stark beeinflußte Jonas Cohn; in etwas weiterer

Entfernung aber der erheblich selbständige, an der Harvard-Universität

in Amerika lehrende, während des Krieges gestorbene Hugo Münsterberg. Z

w e i Dinge unterscheiden diese Schule scharf von jener Marburgs.

Während die Marburger Schule sich aufs einseitigste an der

mathematischen Naturwissenschaft zu orientieren suchte, sind es die

historischen und Kulturwissenschaften, die den Interessenkreis dieser

Schule vor allem beherrschen. Die Geschichte ist Rickert das "Organon

der Philosophie". Zweitens ist es ein bereits durch J. G. Fichte

hindurchgesehener Kant, dessen Lehren hier weiterentwickelt werden. Das

erste Moment hat seinen Hauptgrund darin, daß der Schöpfer dieser

Schule, W. Windelband, an erster Stelle Philosophiehistoriker war. Auf

diesem Boden hatte Windelband bedeutende Leistungen aufzuweisen, die

freilich auch weitgehender Kritik offenstehen und ihr zum Teil auch

wirklich verfielen. In seinem Platonbuche z. B. gibt er nach meiner

Meinung dem Ideal des Guten bei Platon eine Deutung, die durchaus

fichteisch und kantisch und das gerade Gegenteil von platonisch ist.

Fast überall, wo er über mittelalterliche Philosophie sprach, verfällt

er, wie Baeumker und seine Schüler zeigten, tiefgreifenden Irrtümern.

Systematisch ist Windelband zuerst hervorgetreten mit seiner

Doktordissertation "Über den Zufall", ferner mit seiner Rektoratsrede

"Über nomothetische und ideographische Wissenschaften", die den

Ausgangspunkt für Rickerts Geschichtstheorie in seinem Buche über

"Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" gebildet hat,

ferner in seinen zwei Bänden "Präludien" in seiner "Einleitung in die

Philosophie", in Arbeiten zur Kategorienlehre und in seinem Buche "Über

Willensfreiheit". In seiner Schrift über den Zufall findet sich noch

der französische Philosoph und Mathematiker Cournot zitiert, der meines

Erachtens zuerst die Behauptung aufgebracht hat, daß es objektives,

aber in gesetzmäßige Beziehungen unauflösbares Wirkliches gebe, das

zwar dem Kausalprinzip, sofern es konkrete Kausalität fordere, nicht

aber dem Gesetzesprinzip unterworfen sei; ferner, daß es die Geschichte

mit diesem, objektiv zufälligen Sein, im Unterschiede von allem

gesetzmäßigen Sein und Geschehen zu tun habe. Derselbe Gedanke findet

sich übrigens v o r jener Rede Windelbands auch bereits bei Harms und

ferner in Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Streng

systematisch zu begründen versuchte ihn aber erst H. Rickert in dem

obengenannten Werke. Rickert ging dabei aus von einer bestimmten

Theorie der Begriffsbildung, die er in kritischer Auseinandersetzung

mit dem Logiker Sigwart gewann. Diese Begriffstheorie ist streng

nominalistisch und hat mit jener der Positivisten, z. B. E. Machs, eine

große Ähnlichkeit. Der Begriff soll sein eine "Überwindung der

extensiven und intensiven unendlich reichen Mannigfaltigkeit", die

jeder noch so einfache Teil des unmittelbar erlebten Wirklichen

enthalte. Den auf diese Weise gebildeten Begriffen und nicht minder den

analog gebildeten Gesetztsrelationen, in die sich in letzter Linie auch

die Begriffe sollen auflösen lassen, kommt "Geltung" zu, nicht aber

Wirklichkeit oder Realität. Neben dieser Betrachtungsart ein und

desselben, unter die Kategorie der "Gegebenheit" ursprünglich gefaßten

formfreien "Stoffes der unmittelbaren Erlebnisse" soll es aber noch

eine prinzipiell entgegengesetzte Richtung der Betrachtung und des

Denkens geben. Sie sucht nicht die Mannigfaltigkeit durch

Allgemeinbegriffe zu überwinden, sondern diese Mannigfaltigkeit durch

Bildung von Individualbegriffen immer genauer als "Individuum" und als

Ganzes und Teil zu bestimmen. Individuum und Allgemeines sollen also

das Ergebnis von zwei entgegengesetzt gerichteten Formungen und

Betrachtungsweisen ein und derselben Materie der Erfahrung sein,

freilich so, daß die kategoriale Form des Individuums (Rickert führt

sie als eine neue Kategorie in das Kategoriensystem Kants ein) "k o n s

t i t u t i v e" Bedeutung für dc Wirklichkeit besitze, während der

Gesetzeskategorie nur "regulative" Bedeutung zukomme. Die letzte Wurzel

des Unterschiedes von Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften

soll nun ausschließlich in diesen zwei Betrachtungsweisen gelegen sein.

Man muß wohl beachten, daß die Betrachtungsweisen nicht k o o r d i n i

e r t sind. Da die Kategorie des Individuums konstitutiv ist (und mit

ihr auch die Kategorie der konkreten Kausalität), ist die

Weltwirklichkeit p r i m ä r nicht "Natur", sondern "Geschichte". Und

was wir "Natur" nennen, ist in letzter Linie nur ein allgemein

abstrakter Auszug aus dieser konkreten einmaligen Wirklichkeit, der

nicht notwendig wäre, wenn unser Geist so umfassend wäre, a l l e s

individuell Wirkliche im g a n z e n Reichtum seiner Mannigfaltigkeit

erfassen zu können. Dadurch erhält die Geschichtswissenschaft einen

metaphysischen Vorzug vor der Naturwissenschaft. Diese philosophisch

ganz unbegründete Behauptung ist nur eine ganz willkürliche logische

Scheinrechtfertigung einer aus allen Äußerungen dieser Schule

hervorgehenden primären geringen Wertung der Naturwissenschaft und

insbesondere aller Natur p h i l o s o p h i e. Diesem Begriff der

Naturwissenschaft wird von Rickert außerdem die von ihm ganz unkritisch

rein mechanisch sensualistisch aufgefaßte Psychologie eingeordnet.

Ein zweites Merkmal des historischen Gegenstandes soll außer der

individualisierenden Betrachtung des Wirklichen nach Rickert die

Beziehung dieses Wirklichen auf ein System allgemein gültiger Werte

sein. Erst diese Beziehung soll aus der unermeßlichen Fülle des

individuell Wirklichen dasjenige auswählen, was -- sei es in positiver

oder in negativer Wertrichtung -- "kulturell bedeutsam" ist. Die

allgemeingültigen Werte werden durch die Philosophie festgestellt; ja,

die Philosophie wird bei Windelband und Rickert geradezu als die

"Wissenschaft von den allgemeingültigen Werten" definiert. Gegen diese

neue "Logik der Geschichte", an deren Erweiterung, Kritik und Ausbau

sich auch G. Simmel und H. Maier, ferner Troeltsch und Max Weber

beteiligt haben, sind die eingehendsten und meiner Meinung nach

treffendsten kritischen Einwände von Erich Becher in seinem Buche

"Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften" (1921) erhoben worden.

Auch F. Krüger hat in seinem wertvollen Buche "Über

Entwicklungspsychologie" (1915) viel Treffendes gegen Rickerts Begriff

der Psychologie gesagt. Beide angegebenen Merkmale können den

geschichtlichen Gegenstand nicht umgrenzen. Auch die Naturwissenschaft

muß, z. B. in der Geographie, in der Mondkunde, vor allem aber im

ganzen Gebiet der Naturkunde überhaupt, individualisierend vorgehen,

und auch in den verschiedenen geschichtlichen und historischen

Geisteswissenschaften gibt es weitgehend Gesetzlichkeit und typische

Entwicklungsabfolge von Erscheinungsreihen. Nur wenn man ferner mit

Rickert die mechanische Naturansicht mit Einschluß des Biologischen und

einer ausschließlichen sensualistischen Assoziationspsychologie als die

einzig wahre Naturwissenschaft bereits willkürlich voraussetzt, auf

geistesgeschichtlichem Boden aber alle Versuche, neben der verstehenden

Geschichte auch eine erklärende und zugleich phasengesetzliche

Geschichtserkenntnis zu geben, völlig verwirft, kann man auf Rickerts

Meinung kommen. Weder läßt sich der ontische Gegensatz des

geistig-psychischen Seins und der äußeren Naturtatsachen, der übrigens

durch die e i g e n g e s e t z l i c h e n Erscheinungen des

organischen Lebens vermittelt wird, in einen bloßen Unterschied von

"Betrachtungsweisen" verwandeln; noch läßt sich mit Fug behaupten, die

Psychologie habe für die Geschichte keine Bedeutung (siehe hierüber

Krüger). Auch die Wertbezogenheit ist nicht w e s e n t l i c h für

das geschichtlich "Bedeutsame"; es genügt dazu die Größe der

Wirkungsfähigkeit eines Tatbestandes. Die eigentlichen Probleme der

Geschichtserkenntnis, die Frage nach den mannigfaltigen Erkenntnisarten

und Realsetzungsgründen fremden Bewußtseins und das von W. Dilthey so

tief aufgenommene, von E. Spranger und von dem Schreiber dieser Zeilen

weitergeführte Problem des geschichtlichen "Verstehens" sind durch

Rickert gar nicht ernstlich berührt. Die Erkenntnistheorie der

Südwestdeutschen Schule hat ihr Hauptwerk in Rickerts "Gegenstand der

Erkenntnis" (3. Auflage, Tübingen 1915). In ihrem Mittelpunkt steht ein

erkenntnistheoretischer Idealismus, der aber nicht extremer

Rationalismus und Logizismus wie jener der Marburger ist, sondern

zugleich die alogischen und arationalen Fundamente gegebener

Erlebniswirklichkeit anerkennt. Der erkenntnistheoretische Realismus

wird am Anfang mit den denkbar billigsten Mitteln in den drei Formen

des Kausalschlusses, des Interpolations- und des voluntativen Realismus

(Dilthey, Frischeisen-Köhler) zu widerlegen gesucht. Alles Seiende und

Gegenständliche soll seinen anschaulichen Fundamenten nach "Inhalt

eines Bewußtseins überhaupt" sein, das Rickert durch ein negatives

Verfahren, durch das er den natürlichen Ichbegriff (pssychophysisches

Subjekt, psychologisches Subjekt, erkenntnistheoretisches Subjekt)

immer weiter zu beschränken sucht, gewinnt. Die Fehler dieses

Verfahrens können hier nicht aufgewiesen werden; auch der Widersinn

nicht, ein sogenanntes "überindividuelles Ich", das weder eine

Außenwelt, noch ein Du, noch einen Leib sich gegenüber hat, anzunehmen.

Der eigentliche "Gegenstand der Erkenntnis" soll nun weder bestehen in

einem bewußtseinsjenseitigen Seienden noch in einem

bewußtseinsimmanenten Gehalt der anschauenden Akte; vielmehr soll das,

was wir "Gegenstand" nennen, auf ein "transzendentes Sollen", d. h. auf

die Forderungen zurückgeführt werden, über das Bewußtseinsgegebene

bestimmte Arten von U r t e i l e n zu fällen und es in diesen Akten

mit kategorialen Formen zu umkleiden. Dieser Gedanke ist von Fichte

übernommen, der ja auch das "Sollen" dem Sein, das Gewissen dem Wissen,

die sittliche Forderung der theoretischen Erkenntnis vorhergehen läßt.

In seinem letzten Werk "System der Philosophie" (1. Band) hat Rickert

nichts wesentlich Neues seinen früheren Arbeiten hinzugefügt.

Übersieht man das Ganze dieser Schule, so kommt ihr gegenüber der

Marburger Philosophie nur e i n zweifelloser Vorzug zu. Sie erkennt g e

g e b e n e Bestände überhaupt an; sie macht nicht den Versuch, die

ganze Welt in reine Denkbestimmungen aufzulösen; aber sie tut dies

leider auch unter weitgehender Preisgabe der Rechte des Denkens und

verfällt so in einen "Nominalismus", der sich von dem Nominalismus etwa

E. Machs und der Positivisten nur der Färbung der Darstellung nach

unterscheidet. In jeder anderen Hinsicht ist die Schule der Marburger

Lehre weit unterlegen. An Stelle des ungemeinen Reichtums und einer

bewunderungswürdigen Vielseitigkeit der Marburger Gedankenwelt treten

hier einförmige schematisierende Wiederholungen von ein paar überaus

ärmlichen und dürren Grundgedanken, die sich, verbunden mit der

aufgeblähten, von J. G. Fichte ererbten, Icharroganz dem gesamten

Universum gegenüber vergeblich bemühen, eine ganze Philosophie zu

tragen. Der sogenannten "Kultur" (selbst die Religion wird hier auf ein

fadenscheiniges "Norm- und Kulturbewußtsein" in letzter Linie

zurückgeführt) wird eine Rolle und eine Bedeutung im Ganzen des

Weltgetriebes zugesprochen, sie ihr nicht im entferntesten zukommt.

Eine Naturphilosophie ernst zu nehmender Art, eine tiefere Fundierung

der Psychologie oder irgendwelche Leistungen auf diesem Gebiet besitzt

die Schule überhaupt nicht und kann sie gar nicht besitzen, da sie

ihren Jünger von vornherein mit tiefster Verachtung gegen die Wunder

der Natur erfüllt. Natur ist hier genau wie bei Fichte im Grunde nur

"Material" für ein leeres Kulturgetue, das seinen letzten Sinn haben

soll in frei in der Luft schwebenden rein formalen "Werten" und

"Geltungen". Die falsche Meinung, es ließe sich der Wertbegriff auf ein

Sollen zurückführen und "Wahr" und "Falsch" seien nur Werte n e b e n

anderen, ist von Meinong, dem Verfasser (siehe "Formalismus in der

Ethik", 2. Auflage), und zum Teil auch von E. Lask, der eben starb, als

er die grobmaschigen Schematismen seiner Lehrer zu überwinden anfing,

widerlegt worden. Es muß geradezu als ein kulturpsychologisches Problem

gelten, wie diese l e e r s t e der deutschen Kantschulen in unserem

Lande so starke Verbreitung finden konnte. Ich sehe seine Lösung vor

allem darin, daß sie der herkömmlichen historischen Richtung in der

deutschen Geschichtswissenschaft das philosophische R e c h t ihrer

Existenz immer neu bestätigte und jedes satte Genügen an den

herkömmlichen Methoden "philosophisch" rechtfertigte; ferner darin, daß

die Aneignung jener paar Formeln über Wert und Sein und

generalisierende und individualisierende Betrachtung mit Ausscheidung

aller echt philosophischen Probleme der Metaphysik, der

Naturphilosophie, der Psychologie, der Ethik und Ästhetik nur ein

Minimum von Denkarbeit kostete und doch gleichzeitig den Adepten mit

dem Bewußtsein erfüllte, nun ein ganzer Philosoph zu sein. (Vgl. auch

hierzu W. Windelband: "Die Philosophie im deutschen Geistesleben des

19. Jahrhunderts", 1909.) Weit tiefer faßte die Probleme der Weltlehre

und der Erkenntnistheorie, der Psychologie und der

Geisteswissenschaften der gleichfalls von Fichte ausgegangene Hugo

Münsterberg in seinen "Grundzügen der Psychologie" und in seiner

"Philosophie der Werte". Er versuchte aus rein erkenntnistheoretischen

und methodologischen Forderungen heraus (freilich überkonstruktiv und

mit fichteischer Gewalttätigkeit) eine strenge Assoziationspsychologie

zu versöhnen mit der Anerkennung einer primär nur gewerteten

"Lebenswirklichkeit" (der eigentlichen metaphysischen Sphäre), die nur

zu gewissen methodischen Zwecken technischer Daseinsbeherrschung in

einen äußeren Naturmechanismus "umgedacht" werde. Von diesem

Mechanismus müsse in der erklärenden Philosophie auch das Psychische

als abhängig gedacht werden. Von ihr verschieden ist jedoch eine

subjektivierende Aktpsychologie, die Grundlage der

Geisteswissenschaften sei.

In einem loseren Verbande mit beiden Kantschulen stand auch Georg

Simmel, der sich von einer anfänglich mehr positivistisch eingestellten

Denkrichtung über die Problematik Kants hinweg schließlich zu einer

"Lebensphilosophie" durchrang, deren Ergebnis er in dem nach seinem

Tode im Nachlaß erschienenen Werke "Lebensanschauung, vier

metaphysische Kapitel" darstellte. Der Aufsatz "Über den Tod" ist das

Tiefste und Reifste, was dieser eigenartige und weit über die deutschen

Grenzen hinaus anregende Denker geschrieben hat. Auch sein Aufsatz über

"Das individuelle Gesetz", in dem er ähnlich wie Schleiermacher und der

Verfasser in seiner "Ethik" neben "allgemeingültigen moralischen

Werten" auch "individualgültige", d. h. eine je individuell sittliche

Bestimmung des Menschen darzutun sucht, hat die Ethik bedeutend

gefördert. Seiner durch Bergson angeregten letzten "Lebensphilosophie"

die dunkel, unbestimmt und verworren bleibt, kann ein gleicher Beifall

nicht gezollt werden.

Die vierte von Leonhard Nelson begründete Kantschule, die einen reichen

Kreis von Forschern aller Disziplinen unter sich vereinigt, hat ihre

Ansichten besonders in den zahlreichen Werken ihres Begründers und in

den "Abhandlungen zur friesischen Schule" dargelegt. In scharfem

Gegensatz zur "transzendentalen" Auffassung des kantischen Apriori, von

dem Cohen ausging, wird hier die Lehre vertreten, daß wir nur auf dem

Wege anthropologischer Selbstbesinnung mit Hilfe eines Verfahrens der

Reduktion der gegebenen Wissenschaften die obersten Grundsätze der

Vernunft feststellen können. Von einem "Vertrauen in die Vernunft"

ausgehend, das ein rein subjektiver Akt bleibt, müssen die obersten

evidenten Einsichten, nach denen wir das Gegebene in mittelbarem,

Denken bearbeiten, nicht "erzeugt", sondern nur als ursprünglicher

Besitz unseres Geistes enthüllt werden. Die Voraussetzung dieser Schule

ist die Existenz einer unmittelbar anschauenden Vernunft, deren

Grundsätze teils anschaulich (mathematische Grundsätze), teils

unanschaulich (z. B. Kausalprinzip) evident sind, und die durch das

reduktive Verfahren weder "deduziert" noch "konstruiert" sondern allein

für die Selbstbesinnung als evident enthüllt werden müssen. So muß der

apriorische Besitz unseres Geistes nicht auf apriorische, sondern auf

aposteriorische Weise gefunden und entdeckt werden. Eine

"Erkenntnistheorie" im üblichen Sinne, sofern sie die "Möglichkeit der

Erkenntnis" erst aufweisen will, ist nach Nelson ein sinnloses

Unternehmen; denn nur auf Grund schon gewonnener evidenter Erkenntnis

können wir anderweitige Erkenntnis einer Prüfung und Kritik

unterwerfen. Von dieser an Fries anknüpfenden theoretischen Basis aus

hat die Schule eine überaus rege und, wie auch derjenige, der ihr

fernesteht, sagen muß, s e h r wertvolle, sowohl positiv schöpferische

als kritische Tätigkeit entfaltet. Sie hat die Theologie stark

befruchtet (siehe Bousset und vor allem Rudolf Otto, dessen

ausgezeichnetes Werk über "Das Heilige" von der Schule stark bestimmt

ist). Sie hat auf dem Boden der Philosophie, der Mathematik und der

exakten Naturwissenschaft eine sehr rege Tätigkeit entfaltet; sie hat

in Kronfeld einen Vertreter gefunden, der nach ihren Grundsätzen die

Erkenntnislehre der Psychiatrie eingehend bearbeitet und gefördert hat.

Vor allem aber hat ihr charaktervoller und geradsinniger Urheber L.

Nelson auf dem Boden der Rechts- und Sozialphilosophie achtungswerte

Werke hervorgebracht (siehe besonders "Die Rechtswissenschaft ohne

Recht"). In überaus scharfsinniger, freilich allzusehr im Formalismus

Kants steckenbleibender Art und Weise wird hier mit Reinheit und Mut

die Majestät des Rechtsgedankens auf Grund evidenter Vernunfteinsichten

gegen alle Verdunkelungen durch Rechtspositivismus und der in der

Jurisprudenz stark herkömmlichen Machtlehre vertreten. Auch das große

Werk Nelsons "Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik" ist besonders

in seinen kritischen Teilen von großem Scharfsinn. Gegenüber Kant wird

neben dem "Pflichtgemäßen" ein "Verdienstliches" anerkannt, und die

Liebe und das Ideal der "schönen Seele" freilich mehr als ästhetischer

denn ethischer Wert in die Grundkategorien des menschlich Wertvollen

eingefügt. In ihrer politischen Tendenz vertritt die Schule einen

radikalen Liberalismus der geistigen Individualität, den sie gerne auch

an die konfuzianische Weisheit des chinesischen Ostens anzulehnen sucht.

Überblickt man das Ganze dieser vier Kantschulen, wird man mit

Verwunderung vor der Tatsache stehen, die Kantianer immer noch über den

Sinn der Lehre ihre Meisters streiten, und noch mehr darüber, daß so

grundverschiedene Geistesarten auf demselben Boden des Kantianismus

überhaupt möglich sind. Daß aus der Starrheit dieser Schulkreise heraus

d i e Philosophie, wie wir sie oben als erstrebenswert bezeichnet

hatten, hervorwachsen werde, glauben wir bei allem Wertvollen, das

besonders die Marburger und die Friesschule geleistet haben, nicht. Die

ungeheuren Literaturmassen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit

Interpretation, Fortführung, Neugestaltung der kantischen Philosophie

beschäftigt haben, stehen auf alle Fälle zu den Förderungen, welche die

Philosophie durch sie erhielt, in gar keinem sinnvollen Verhältnis.

Wenn man dazu erwägt, daß die Grundpositionen Kants (ich rechne dazu

seinen Ausgangspunkt von der newtonschen Naturlehre, seine Lehre, das

Gegebene sei nur ein "Chaos von Empfindungen" und alles, was Ordnung

und Beziehung, Einheitsform und Gestalt am Gegenstand der Erfahrung

sei, müsse durch funktionsgesetzlich geregelte Verstandestätigkeiten in

den Gegenstand erst hineingekommen sein, ferner seine Annahme der

prinzipiellen Erklärbarkeit der Natur auf Grund der Prinzipe der

Mechanik) heute der schärfsten und nach meiner Meinung der strengsten

Widerlegung verfallen sind, so wird man nur von einer neuen

untradionalistischen S a c h philosophie -- einer Philosophie, die

nicht von einer historischen Autorität ausgeht, sondern höchstens

retrospektiv auf Grund ihrer gewonnenen Erkenntnisse sich auch einer

philosophiegeschichtlichen Tradition eingeordnet weiß, Wertvolles und

Dauerndes erwarten dürfen.

Einen weit geringeren Einfluß als die kantische Philosophie übt auf die

Philosophie der Gegenwart der Positivismus und sein neuester Ableger,

der von den Amerikanern Peirce und W. James und dem Engländer Schiller,

in gewissem Sinne auch von Fr. Nietzsche (siehe besonders "Der Wille

zur Macht") angeregte, für das engere Gebiet der

naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie auch von Henri Bergson

angenommene sogenannte "Pragmatismus" aus[1]. Der

[1] W. James: "Der Pragmatismus" (Philosophisch-Soziologische

Bücherei Bd. 1): F. C. S. Schillers "Humanismus" (derselben

Sammlung, Bd. 25); ferner W. James: "Das pluralistische

Universum", übersetzt von J. Goldstein (Bd. 33).

europäische Positivismus hat seinen Ursprung und Hauptsitz in

Westeuropa; Bacon, D. Hume, D'Alembert, Condorcet, A. Comte, J. St.

Mill, H. Spencer, Taine und Buckle waren seine bedeutendsten geistigen

Väter. In der gegenwärtigen deutschen Philosophie hat er so wenig wie

in der deutschen Philosophie überhaupt eine allseitige, alle Gebiete

der Philosophie umfassende Vertretung gefunden. Als strengere

Positivisten können unter den Älteren für die Erkenntnistheorie nur E.

Mach und Avenarius, in der unmittelbaren Gegenwart der aus der

Psychiatrie zur Philosophie gekommene selbständige und originelle

Forscher Theodor Ziehen gelten. Eine größere Anzahl von Forschern sind

stärker von ihm beeinflußt, so z. B. der kürzlich verstorbene Benno

Erdmann (siehe besonders seine "Logik", 1. Band, 2. Auflage). In seinen

älteren Arbeiten ist auch A. Riehl, ferner Hans Cornelius, der Humesche

und Machsche Gedankengänge mit Kants Erfahrungstheorie eigenartig

verquickt hat (siehe Cornelius: "Transzendentale Systematik", 1916),

vom Positivismus bestimmt. Als ein dem Pragmatismus, freilich mit mehr

Nietzschescher als angelsächsischer Färbung, näherstehendes Werk muß

die "Philosophie des Als-ob" von H. Vaihinger angesehen werden. Unter

den jüngsten Erkenntnistheoretikern steht Moritz Schlick ("Allgemeine

Erkenntnislehre", 1918) freilich mit realistischem Einschlag dem

Positivismus vermöge seines extremen Nominalismus (Erkennen sei nur

"eindeutiges Bezeichnen und Ordnen der Gegenstände") nahe. In der Ethik

und Religionsphilosophie lehrte Jodl einen monistisch modifizierten

Positivismus. In der Soziologie und Geschichtsphilosophie steht ihm

Müller-Lyer, L. von Wiese, W. Jerusalem (siehe "Die Phasen der Kultur",

"Einleitung in die Philosophie") und R. Goldscheid nahe. Wesentlichste

Basis des deutschen Positivismus ist eine sensualistische

Erkenntnistheorie und ein Versuch, die Denkkategorien psychologisch

oder soziologisch geschichtlich herzuleiten. Die Auffassung, daß die

kategorialen Formen nicht Seinsformen, die Denkgesetze nicht

Seinsgesetze seien, teilt der Positivismus mit den Kantianern. Während

aber jene die apriorische Struktur unseres Denkens nur auffinden oder,

wie die Marburger, immer neu aus ursprünglicher Denkfunktion rein

erzeugen wollen, bemüht sich der Positivismus nach humeschem Muster,

sie auf dem Boden einer beschreibenden (oder bei manchen selbst

genetischen) Psychologie und Soziologie zu verstehen. Die

sensualistische Auffassung, daß der gesamte Inhalt der natürlichen und

wissenschaftlichen Erfahrung auf Sensationen und deren Residuen, resp.

auf die Verknüpfung dieser Residuen nach den Assoziationsgesetzen

zurückführbar sei, das Denken aber auf Zeichengebung und Abfolge

ähnlicher Vorstellungsbilder in letzter Linie beruhe, macht die

eigentliche erkenntnistheoretische These des Positivismus aus. Ihr

entspricht dann die F o r d e r u n g, aus der Wissenschaft alles das

auszuscheiden, was über aufweisbare Empfindungselemente und über die

Funktionalbeziehungen von deren Komplexen hinausgehe. Jeder asensuelle

und übersensuelle u r s p r ü n g l i c h e Bestand im Gegebenen der

Erfahrung, der nur durch ein ursprüngliches, von Bildern nicht

ableitbares eigengesetzmäßiges D e n k e n (oder andere geistige

Funktionen, wie Intuition, kognitives Fühlen usw.) zu erfassen wäre,

wird bestritten. Alle "Substanzen" und "Kräfte" und alle sinnlich nicht

aufweisbaren Inhalte und Realsetzungen solcher müssen aus der

Wissenschaft in letzter Linie ausgeschieden werden: sofern man aber mit

Substanz- und Kraftbegriffen in ihr operiert, kommt diesen Operationen

genau so wie den in der Wissenschaft verwandten allgemeinen Begriffen

und Gesetzen nur die ökonomische Bedeutung zu, mit Bildvorstellungen zu

sparen ("Prinzip der Denkökonomie"). Mit dieser Auffassung verbindet

sich eine streng nominalistische Lehre vom begrifflichen Denken, die in

Deutschland am schärfsten durch H. Cornelius ("Einleitung in die

Psychologie"), E. von Aster und neuerdings von Schlich durchgeführt

worden ist (zur Kritik dieser Lehre vergleiche E. Husserl: "Logische

Untersuchungen", Band 2). In der Realitätsfrage hat sich der deutsche

Positivismus (mit Ausnahme von Schlick) im Unterschied von jenem

Spencers im wesentlichen ablehnend verhalten. Die Existenz der Welt ist

ihm nur der "geordnete Inbegriff ihrer Wahrnehmungsmöglichkeiten".

Avenarius hatte die Gegenstände, Bewußtsein, Seele, Ich auf eine

ursprüngliche Täuschung zurückgeführt, die durch Introjektion eines

Umgebungsbestandteils (z. B. wahrgenommener Baum) in den Mitmenschen

(als "immaterielles Abbild" des Baumes) und erst sekundär auch in das

erkennende Ausgangssubjekt noch einmal "hineinverlegt" worden sei (s.

Avenarius: "Der natürliche Weltbegriff"). E. Mach, der mehr von

idealistischer Seite her kam, nahm letzte qualitative Seinselemente an

(blau, rot, hart, Ton usw.), die, wenn sie in ihrem gegenseitigen

Zusammenhang und in den Abhängigkeiten ihrer möglichen

Komplexveränderungen untereinander betrachtet werden, "Natur" heißen;

"Empfindungen" aber, wenn sie und ihre Komplexänderungen betrachtet

werden in Abhängigheit von den physiologischen Vorgängen des

Organismus. Auch das "Ich" ist ihm nur ein solcher relativ konstanter

Komplex von Seinselementen. Eine vorzügliche Kritik dieser "Ich"-lehre

gibt K. Österreich in seinem Buch "Phänomenologie des Ich". Der

Unterschied von Psychisch und Physisch soll hiernach kein Unterschied

der Materie und der Gegenstände sein, sondern nur ein Unterschied in

der Betrachtung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den

Seinselementen. Mach hat diese Lehre in seinen großen Werken zur

Geschichte der Naturwissenschaft (Geschichte der Mechanik, des Satzes

von der Erhaltung der Arbeit, der Wärmelehre) und in seinem letzten,

sehr wertvollen und lehrreichen Werke "Erkenntnis und Irrtum" auch

geschichtlich zu unterbauen gesucht. Die moderne mechanische

Naturansicht hat nach seiner Meinung nur in dem historischen Z u

f a l l ihren Grund, daß man die Bewegungserscheinungen fester Körper

zeitlich zuerst studierte (Galilei), um dann, nach dem Prinzip:

Erklären heiße nur "relativ Unbekanntes auf zuvor Bekanntes"

zurückzuführen, auch die übrigen Naturerscheinungen auf

Bewegungsgesetze fester Dinge zurückzuführen. Tatsächlich aber bestehe

kein Seinsunterschied zwischen "primären" und "sekundären" Qualitäten.

Besonders die Bedeutung denkökonomischer A n a l o g i e n und Bilder

für den wissenschaftlichen Fortschritt hob er nach dem Vorgang

englischer Physiker (Maxwell, Lord Kelorn, Clifford) in seinen

geschichtlichen Werken und in "Erkenntnis und Irrtum" stark hervor.

Aber alle diese "Bilder" müssen zugunsten strenger, rein mathematisch

formulierter Funktionsgesetze eines Tages wieder aus der Wissenschaft

ausgeschieden werden, wenn sie den neuen Beobachtungen nicht mehr

genügen. Auch der modernen Relativitätstheorie Einsteins hat E. Mach

durch seine Kritik Newtons, besonders seiner Lehre von der absoluten

Bewegung vorgearbeitet (siehe Geschichte der Mechanik). Diese

Auffassung der Arbeit der Naturwissenschaft ist in neuester Zeit von

Planck ("Einheit des physikalischen Weltbildes"), Stumpf, Külpe, ferner

von allen realistischen und kantischen Schulen mit Recht scharf

bekämpft worden (siehe besonders C. Stumpfs Akademieabhandlung: "Zur

Einteilung der Wissenschaften", 1906). Vor allem aber war es Ed.

Husserl, der die nominalistischen Begriffstheorien des Positivismus in

den "Logischen Untersuchungen", Band 2, einer überaus einschneidenden

Kritik unterzog. Die ernstesten Versuche, die Gegner des Nominalismus

und Sensualismus, die heute den Positivismus immer mehr zurückgedrängt

haben, zu widerlegen, haben von diesem Standort aus Ziehen in seiner

"Psychophysiologichen Erkenntnistheorie" und seinem kürzlich

erschienenen sehr wertvollen "Lehrbuch der Logik" (1920) und E. von

Aster unternommen. Daß es ihnen aber geglückt sei, die positivistischen

Positionen zu halten, glaubten wir nicht. Der schärfste Gegner ist dem

Positivismus neuerdings entstanden in der "Phänomenologie", obzwar

diese Denkrichtung mit ihm das Gemeinsame hat, den Aufweis aller

Begriffe in letztfundierenden Anschauungsgegebenheiten zu fordern. Aber

eben dabei erwies es sich, daß der Gehalt des originär Anschaubaren

unvergleichlich r e i c h e r ist als dasjenige, was durch sensuelle

Inhalte und ihr Derivate (und deren fernere psychische Verarbeitung) an

ihm denkbar sein mag. Zu welchen gewagten Annahmen und immer

verwickelter werdenden Hypothesen der Positivismus greifen muß, um

seine Lehre durchzuführen, zeigt auch das letzte scharfsinnige Werk

Benno Erdmanns über "Grundzüge der Reproduktionspsychologie" (1920).

Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckmäßiges mäßiges

Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s

von einer etwas anderen Auffassung aus. Er behauptet, daß alles

Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so

geartet, daß seine "Folgen" uns zu Handlungen führen, die bestimmte

praktische Bedürfnisse befriedigen. Der "Sinn" eines Gedankens falle

zusammen mit dem Inbegriff aller möglichen praktischen

Verhaltungsweisen, die er "leiten" und "führen" könne; und "wahr" sei

ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsnützlich seien

und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterführen. Peirces

"Erkenntnis" wird hier ähnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem

"Formen" und "Gestalten" einer zunächst völlig indifferenten

chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller). Der letzte

Beweis z. B. für den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c

h t, die sie uns über die Natur gibt, also Technik und Industrie; die

Arbeit an den Dingen gehe überall der Erkenntnis vorher und die

Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen

unsere Bearbeitung der Welt praktisch reüssiere. In Deutschland ist

diese völlig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende

amerikanistische Theorie -- besonders widerlich, wenn sie zur

Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie

sie in W. James' "Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung" -- mit

einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herrührt (siehe

besonders "Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde. Die

"Modifikation" besteht in folgendem: Während die angelsächsische

Theorie des "Pragmatismus" die Lautverbindung "wahr" geradezu als

"praktisch brauchbar" definiert, hält Vaihinger im Grunde den a l t e n

Wahrheitsbegriff fest, schränkt aber das unmittelbar "Wahre" ein auf

das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist.

Alles, was darüber hinausragt -- seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z.

B. ideales Gas, Adam Smiths "eigensüchtiges Wirtschaftssubjekt" usw.),

seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z. B. Äther, aber auch

Gott, unsterbliche Seele), das heißt das denkbar Verschiedenartigste

und logisch Verschiedenwertigste -- faßt Vaihinger unter den Begriff

"Fiktion" zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, daß die

F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber

sei, und daß zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A.

Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers

philosophischen Gedichten gewonnene "Begriffsdichtungs" gedanken von der

Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der

einzige Unterschied sei, daß die e i n e Fiktion praktisch brauchbar

sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem ästhetischen

Genusse diene. Dazu trat, wie gesagt, der Einfluß Nietzsches. Dies ist

der einzige konstatierbare Einfluß, den Nietzsche, der ja auch den

"Wert der Wahrheit" in Frage gezogen hatte (siehe schon "Unzeitgemäße

Betrachtungen") und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des "Willens

zur Macht" sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland

ausgeübt hat. In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausführungen ist

Vaihingers Werk sehr anregend. Die Art, wie es die bekannten kantischen

Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische

Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband für

historisch grundirrig. Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z.

B. man solle auf den kategorischen Imperativ hören, "als ob" er ein

göttliches Gebot wäre) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v

i e r u n g der Realsetzung Gottes von Motivierung durch theoretische

Begründung scharf zu unterscheiden. Die Realsetzung selbst ist aber auf

diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch

theoretische Erkenntnis; ja noch ernster -- nämlich im Sinne von

metaphysischer, nicht nur empirischer Realität; der Gedanke der

"Fiktion" oder gar bewußter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant völlig

fern. Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den

größten Mißgriff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten

Jahrzehnten getan hat. Um so interessanter ist seine starke Verbreitung

-- ein wenig erfreulicher Ausdruck für die Mentalität weiter Kreise.

Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten

Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e

erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den

Übergang bildet zu einer Reihe höchst bedeutsamer Versuche der W i e d

e r e r w e c k u n g d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter

Wust: "die Auferstehung der Metaphysik"). Diese Erscheinung ist nicht

nur auf Deutschland beschränkt; auch in Frankreich, England und Amerika

sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der

positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d

gedrängt. (Vgl. dazu K. Oesterreich [sic]: "Die philosophischen

Strömungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen

Übergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v. Hartmann) gehen in

ihrer Art der Begründung des Realismus freilich noch weit auseinander.

Im großen ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des

altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des

intuitiven und voluntativen Realismus. Gerade die historisch älteste

dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in

gewissem Sinne gegenwärtig wieder neues Interesse. Wie ich schon sagte,

ist es ein eigentümliches Zeichen der letzten Philosophie, daß

überhaupt die scholastische Philosophie in lebendigen Denkverkehr mit

der modernen Philosophie getreten ist. Ein Grund dafür ist, daß die

moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst

heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist. So gleicht zL.

B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche "Gedächtnis und Materie" zu

zeigen, wie ein ursprünglich unmittelbar gegebenes S e i n in die

Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von

Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen

neurealistischen Versuche (F. J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.)

methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen

nach auf ein Seinsverhältnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an

einem anderen, zurückzuführen. Bergsons und anderer Versuche (auch

Meinong und H. Schwarz in seinem Buche "Die Umwälzung der

Wahrnehmungshypothesen" wären hier zu nennen), die Lehre von der O b j

e k t i v i t ä t der Sinnesqualitäten wieder neu zu begründen, haben

gleichfalls erkenntnistheoretisch in die Nähe der scholastischen

Positionen geführt. H. Driesch kam durch seine modifizierte

Wiedereinführung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der

Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der

Scholastik weit entgegen. Andererseits hat die scholastische

Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter

gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem

Standort aus scharfsinnig zu bemächtigen. Abgesehen von den neuen

Erschließungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der

mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe

besonders seine höchst wertvolle "Geschichte der scholastiscben

Methode" und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und

Baumgartens und dieser beider Schüler verdanken, sind auch

selbständigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings

hervorgetreten, so z. B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und

besonders J. Geyser, der in seinen der Psychologie, der Logik, der

Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in

seinem Buche über Husserl und eine Verknüpfung ("Neue und alte Wege der

Philosophie") der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie

anstrebt. Das große psychologische Sammelwerk von Fröbes und die

Arbeiten des aus der Külpeschen Schule hervorgegangenen

Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders "Das schlußfolgernde

Denken", 1916, "Experimentelle Psychologie", 1921) haben ferner die

scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng

verknüpft. In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die

Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten "kritischen

Realismus", der eine reale Welt erst mittels schließender Denkakte

gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der

schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer

Gegenstände erblickt und der überdies auf das Problem der modernen

Philosophie: "Wie kommen wir zu einer realen Außenwelt?" von seinem

Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur

modernen Philosophie (seit Descartes) von der primären Gegebenheit

eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das

ens reale vom ens intentionale die Möglichkeit von Bewußtsein und

Erkenntnis verständlich machen möchte. Aber auch der altscholastische

Realismus hat gegenwärtig eine alle wesentlichen Tatsachen der

Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher für die

sogenannte sekundäre Natur aller oder einiger Sinnesqualitäten

vorgebrachten Argumente berücksichtigende, sehr scharfsinnige und

beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden Büchern: "De

cognitione sensuum externorum", Rom 1913, und in deutscher Sprache in

dem kürzlich erschienenen "Unsere Außenwelt, eine Untersuchung über den

gegenständlichen Wert unserer Sinneserkenntnis" (1921). Der vom

Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Phänomenolgie ist trotz

verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der

kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenständlichkeit und Realität

der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die

Konsequenzen des vollständigen Idealismus getrieben werde, ähnlicher

als der sogenannte "kritische Realismus" vieler Neuscholastiker (z. B.

Mercier, Hertling und Geyser). Schon Otto Liebmann hatte einmal

bemerkt, daß alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der

aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz hätten. Und in der

Tat ist es ein großes Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer

ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft könnten o h n e

Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen über

metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen überhaupt etwas Letztes

entscheiden. Der ausgezeichnete französische mathematische Physiker und

Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk:

"Geschichte der physikalischen Theorien", ist mit einer Vorrede von E.

Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken

gewissermaßen in großem Maßstabe ausgeführt. Duhem suchte zu zeigen,

daß gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der

theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen

Physik wohl vereinbar sei. Er hat stark auf den auch philosophisch bei

uns wirksamen französischen Mathematiker H. Poincaré gewirkt

("Wissenschaft und Hypothese", "Der Wert der Wissenschaft"), ist aber,

mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker.

Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger

Begründung in neuester Zeit eine große Reihe von deutschen Forschern

neu zu begründen gesucht. Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong,

Stumpf, Dürr, Oesterreich [sic], Messer, Störring, Freytag, Schlick,

Becher, Troeltsch und vor allem O. Külpe in seinem zweibändigen (der

zweite Band ist 1920 aus dem Nachlaß von Messer herausgegeben worden)

Werke "Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der

Realwissenschaften"; ein dritter Band steht noch in Aussicht. Der

Külpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und

strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begründung ihrer

These unternommen worden ist. Külpe gliedert die Hauptfrage in vier

Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte: 1. Ist

eine Setzung von Realem möglich? 2. Wie ist eine Setzung von Realem

möglich? 3. Ist eine Bestimmung von Realem möglich? 4. Wie ist eine

Bestimmung von Realem möglich? Nach einer ausgezeichneten und

tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der

verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und

positivistischen "Wirklichkeitsstandpunktes" im ersten Band untersucht

Külpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen

Grundsätzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Gründe und endlich

die "gemischten Gründe" für die Setzung einer Realität. De Prüfung der

sechs rationalen Gründe ergibt deren Insuffizienz. Man kann weder von

der induktiven Regelmäßigkeitsvoraussetzung (wie z. B. Becher), noch

durch Schluß auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch

vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugehöriges

Nichtich, noch von der bloßen (gegen Berkeley und W. Schuppe

festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer

bewußtseinsunabhängigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewußtsein

unserer Denkakte (z. B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag

versuchte), noch von der ökonomischen Zweckmäßigkeit der Annahme einer

realen Außenwelt auf deren Existenz schließen. Auch die in der

Wahrnehmung im Unterschiede zu den "Vorstellungen" gelegenen immanenten

Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es

der altscholastische Realismus will); erst die "gemischten Gründe"

sollen zum Ziel führen. Die Außenwelt müsse gesetzt werden: erstens als

"Bedingung des von dem psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung

Unabhängigen und als das Substrat der vorgefundenen selbständigen

Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen". Külpes Versuch bezieht sich nicht

nur auf die Realität der Natursetzung, sondern umfaßt auch das Problem

einer von der Beschreibung der Bewußtseinserlebnisse verschiedenen

Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realität des

Vergangenheits- und Fremdbewußtseins und damit auch des

Realitätsproblems in den Geisteswissenschaften. Wie immer man zu Külpes

Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht überzeugen,

daß, wenn w e d e r in der Wahrnehmung für sich noch im Denken für sich

Gründe zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer bloßen

"Mischung" beider Momente gelegen sein könne), so verdient die

ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, für die Wissenschaft viel zu

früh heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und

Würdigung.

Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuzählen vor allem die auch

in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in

dem Buche "Die Grundlegung des Intuitivismus" niedergelegte Standpunkt

des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij. Obgleich der

Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht

durchführbar sein dürfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben

mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e

i e s W e s e n (und Wesenszusammenhänge) geben kann, verdienen doch

auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung. Für die Existenz des fremden

Bewußtseins überhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder

anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe

"Formalismus in der Ethik" und sein Buch "Über Sympathiegefühle",

Anhang) und in etwas anders gefärbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch

"Über das ästhetische Bewußtsein") intuitive Evidenz in Anspruch. Für

die Begründung einer R e a l p y s c h o l o g i e traten außer Külpe

auch ein Scheler (siehe "Idole der Selbsterkenntnis" in "Abhandlungen

und Aufsätze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment über den Begriff

des Unbewußten und die psychische Realität", 1921).

Die Richtung des v o l u n t a t i v e n R e a l i s m u s ist vor

allem -- ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de

Biran, Bouterweek und Schopenhauer -- in neuester Zeit in einer

Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-Köhler (siehe "Wissenschaft

und Wirklichkeit", 1912), Scheler und E. Jaensch ("Über die Wahrnehmung

des Raumes", Anhang) vertreten worden. Nach dieser Auffassung führt

erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenstände als

wirklicher und möglicher "Widerstände" zur Setzung einer Realität

überhaupt. Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten

Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h ä r e d e s R e a

l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche

Beziehungszusammenhänge (je nach dem Wesen der Gegenstände

verschiedener Artung) abhängig. Analog sind nach Scheler die fünf

Sphären: "Außenwelt", "Innenwelt", "Leib", "Fremdbewußtsein",

"Gottheit", in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sphären

jedem endlichen Bewußtsein "vor" jeder bestimmten Erfüllung mit

Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben.

Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer

bestimmten Realität vorzunehmen, soweit solche über die unmittelbare

Erfahrung hinausgeht.

Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der

engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die für alle

Gebiete der Philosophie von der g e g e n w ä r t i g e n Psychologie

mit Einschluß der Experimentalpsychologie auszugehen vermöchte, wenn

ein tieferes Verständnis und eine größere gegenseitige Beachtung ihrer

Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattfände. Dieselbe

Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Krüger, Marbe, ferner die

Schulen von C. Stumpf und Külpe. Die moderne Psychologie begann ihr

Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit

Problemen der Größenmessung. Da diese Art der älteren

Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrstühle

anzueignen wußte, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein

gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende

Nichtbeachtung ihrer Arbeiten. Man sagte: Diese neue Psychologie ist

eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und

Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun

oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum

gebührten ihr auch keine philosophischen Lehrstühle. Am schärfsten und

im anmaßendsten Tone haben die Vertreter der Südwestdeutschen Schule

dieser Meinung häufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden

Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Krüger, "Über

Entwicklungspsychologie", 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer

sogenannten "Psychologie ohne Seele" und einer strengen

sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der

seelischen Tatsachen (die z. B. noch wesentliche Grundlage ist den in

der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten über "Das Gedächtnis"

von G. E. Müller in seinem großen Werke über "Das Gedächtnis") schien

eine Zeitlang dieser Haltung neue Gründe zuzuführen. Dazu blieben die

langwierigen, philosophischen Streitigkeiten über "psychophysischen

Parallelismus" und "Wechselwirkung", die nur von allgemeinsten

"Prinzipien", sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener

physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z. B. Vereinbarkeit des seit den

Arbeiten von Rubner und Atwater auch für den organischen Austausch von

Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer

psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur überaus unfruchtbar,

sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden fühlbaren Anschluß an

die T a t s a c h e n f o r s c h u n g der empirischen und

experimentellen Psychologie. Nun haben sich aber diese Verhältnisse mit

der Zeit so g r u n d s ä t z l i c h und t i e f gewandelt, daß die

antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen

Grundlage entbehrt. Der sogenannte "Psychologismus", der für die

Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute

grundsätzlich abgetan. Die Entwicklung zeigte ferner, daß, wie auch B.

Erdmann in seiner "Reproduktionspsychologie" treffend betont hat, eine

wirklich vollständige Ablösung der Psychologie von der Philosophie gar

nicht möglich ist. Selbst bei den elementarsten Untersuchungen über

Empfindungstatsachen (siehe z. B. den besonders von Köhler geförderten

Streit über die Existenz "unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen

Fragen, welche nicht aufeinander zurückführbaren G r u n d a r t e n

s e e l i s c h e r V e r k n ü p f u n g e n es überhaupt gebe,

läßt sich die Philosophie gar nicht ausschalten. Auch die Meinung, es

ließe sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte,

erkenntnistheoretische oder metaphysische Überzeugungen über das "Ich",

und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der

gegenwärtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen. Die

"Psychologie ohne Seele" gehört heute bereits der Geschichte an und

nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie könne sich mit

der Schilderung bloßer Bewußtseinserscheinungen begnügen, und es könne

zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden. Da

ferner die moderne Psychologie sich längst von der einseitigen

Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der

Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell unterstützten

systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter,

sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische

Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu bloßen

sogenannten Reaktionsversuchen) auch der höheren psychischen Funktionen

des Wollens (N. Ach, Lindvorsky) und des Denkens (Külpe, Bühler,

Störring, Lindworsky, Selz, Grünbaum) zugewandt hat, besteht nicht der

mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der

Sinnespsychologie oder der Medizin oder überhaupt der

"Naturwissenschaft" zuzuweisen. Die von Dilthey, ferner von der

Phänomenologie und von K. Jaspers (siehe seine "Psychopathologie" und

sein neuestes Werk über "Psychologie der Weltanschauungen") auch mit in

de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die "Sinnzusammenhänge"

des Seelenlebens von den "psychophysischen Kausalzusammenhängen"

unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende

oder erklärende Psychologie) Grundlage für die Geisteswissenschaften

sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der

Philosophie geführt. Die von Chr. Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden

einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G

e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der ursprünglichsten

psychischen Gegebenheiten sind von Külpe, Bühler, Wertheimer, Koffka,

Benussi, Gelb, Köhler und anderen in überaus wertvollen und für de

Philosophie überaus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv

gefördert worden, daß die Philosophie sehr übel daran täte, wollte sie

sich um diese Dinge nicht ernsthaft kümmern. Wie sehr die hier

neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch für die philosophische

Klärung des Problems von Körper und Seele wichtig sind, zeigt die auf

seinen Bewegungsarbeiten ursprünglich fußende neue Theorie von

Wertheimer, daß als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder

einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor

mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie bloß "reine

Empfindung", sondern immer schon "Gestalt" ist), ein sogenannter

"Querprozeß" zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde

notwendig sei. Als eine neue sehr zu begrüßende Sammelstelle der neuen

gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegründete

Zeitschrift "Psychologische Forschung" (Springer 1921), besonders von

Koffka, Köhler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, Köhler, der den Fragen

der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der

Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten

optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der

Preußischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math. Klasse).

Köhler hat durch sein neuestes Buch über "Physische Gestalten" (1921)

das Wertheimersche Problem einem höchst bedeutsamen und für die gesamte

Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf

rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbständigen

Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalität nicht

auflösen läßt) A n a l o g i e n für psychischen Gestalten aufsuchte.

Endlich ist seit Brentanos "Psychologie vom empirischen Standpunkt" das

insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf "Erscheinungen und

Funktionen" (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie

weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von "Erscheinungen"

unabhängige variable Natur und Gesetzmäßigkeit besitzen und eine ganz

neue Richtung der "Psychologie", die sogenannte Aktpsychologie, hat

sich an diese Arbeiten angeschlossen. T. Konstantin Oesterreich hat

sich in seinem grundlegenden Werke zur "Phänomenologie des Ich" ihr

angeschlossen. Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und

dringlicheres Desiderat für die künftige Philosophie und Psychologie

als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die

Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen

Tatsachenerkenntnisse. Der Verfasser hat es sich mit zu einer

Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat,

diese Dinge zu fördern. Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in

den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue

philosophische Beachtung. So die Pathopsychologie, die durch den Krieg

(Kopfschüsse und Gehirnverletzungen) mächtig gefördert wurde, die

neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle

Psychologie, die zukunftsreiche "Entwicklungspsychologie" Krügers,

nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings

besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland

aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der

Psychologie der sogenannten okkulten Phänomene (siehe dazu besonders

Oesterreich: "Probleme der Parapsychologie" und sein Buch über

"Besessenheit", ferner Max Dessoir: "Das Jenseits der Seele"). Die

Forscher, die sich gegenwärtig in der Richtung auf eine philosophische

Durcharbeitung des neuen mächtig angewachsenen psychologischen

Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E.

Jaensch, Wertheimer, Köhler, Grünbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch,

Selz, Kronfeld, Koffka, Th. Haering. Wir sind überzeugt, daß auf diesem

Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich

kompliziertere abschließende Theorie über den Z u s a m m e n h a n g

v o n L e i b u n d S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren

Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit über Wechselwirkung und

Parallelismus je der Fall sein konnte. Schon jetzt scheiden sich meines

Erachtens drei nicht weiter aufeinander zurückführbare Gruppen von

Verknüpfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp.

Akte): 1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen

es allein konkrete zielmäßige Ganzkausalität gibt, 3. die poetischen

Intentionalgesetzlichkeiten, denen überall parallele Gegenstands-(resp.

Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen.

Wenden wir uns nun den jüngsten Schichten der gegenwärtigen

Philosophie, die zum größten Teil erst im 20. Jahrhundert ihren

Ursprung haben oder doch in ihm ihre stärkere Auswirkung fanden, zu, so

sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne

Persönlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen

Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik

gegeben haben. Einen Übergang zu dieser neuen Artung von Philosophie

bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm

ausgegangen ist. Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von

geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt.

Eine in manchen Zügen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein

reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten

schloß er ein Werk ganz ab), schüttelte er in seiner Entwicklung nur

langsam und nie vollständig die Ketten des historischen Relativismus

von sich ab. Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und

vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erfüllten Abhandlungen gab,

das trug, gleichgültig, ob er sein Grundproblem, "die Kritik der

historischen Vernunft", ob er philosophiegeschichtliche oder

literatur- und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische

Probleme behandelt, stets reiche Frucht. Auf sein bereits der

Geschichte angehöriges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz

herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht

eingegangen werden. Alle heutigen Versuche, eine "verstehende

Psychologie" aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl,

Schmied-Kowarcik und auch die hierhergehörigen Versuche der jüngeren

Phänomenologen), wären ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen. In

seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von "der Totalität des

menschlichen Wesens" her, nicht nur von dem "verdünnten Saft bloßer

Denktätigkeit" aus aufzubauen und (hierin den Positivisten ähnlich) die

Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und

einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der

philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in

Frischeisen-Köhler seinen Hauptschüler gefunden. Sein Interesse an der

Typologie der geistigen G e s t a l t e n des Menschentums, das er in

zahlreichen Aufsätzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet

haben besonders Eduard Spranger stark angeregt. Sprangers jetzt in

zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes Buch über

"Lebensformen" (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten

Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer

angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen. G. Wisch hat in

seiner "Geschichte der Selbstbiographie", die freilich noch unvollendet

ist, ein Problem ergriffen, das für die Frage der Abhängigkeit der

Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den

in ihr herrschenden Wertstrukturen von großer Bedeutung ist. H. Nohl

hat Diltheys Ideen über die Weltanschauungstypen in der Philosophie,

der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und

die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem

Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gemäß, ausfüllen, mit

Glück auf das Gebiet des Studiums der künstlerischen Darstellungsformen

übertragen. Der Metaphysik gegenüber verhielt sich Dilthey bis zu

seinem Lebensende skeptisch. Er hielt sie im Gegensatz zur positiven

Wissenschaft und zum religiösen Bewußtsein für eine nur historische

Kategorie, die einmal völlig aus der Geschichte ausscheiden werde. Das

vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz

zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische

Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen

Geschichtsauffassungen eigenartig zu verknüpfen suchte (siehe besonders

"Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften",

1910). Allen seinen Schülern wußte er mehr zu vermitteln als bloße

Lehre -- auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und

Gestalt. Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie

fehlte, wie überhaupt eine letzte klare Basis für seine rein

philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der

Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die

Südwestdeutsche Schule. Schon durch seine andersgeartete

Problemstellung, die nicht "Logik der Geisteswissenschaften" (es gibt

nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden Quellen des

historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e

r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung

gerückt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit

überlegen.

Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart

ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten "P h ä n o m e n o l

o g i e" aufgetreten. Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten

"Phänomenalismus" (d. h. der Lehre z. B. Kants, daß wir nur

"Erscheinungen", nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht

werden. Nicht der Gegensatz von "Wesen" und "Erscheinung", sondern der

schon in der Scholastik als "grundlegend erkannte Gegensatz" von

"existentia" und "essentia". "Wesen" und "Dasein" beherrscht das Denken

dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort "Phänomenologie" an, daß

es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten

(essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s

handeln soll. Den Ausgangspunkt für diese Bewegung, die sich freilich

in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu

schildernden Ablauf von überaus verschiedenen geschichtlichen

Einflüssen genährt hat, bildete das Werk Edmund Husserls "Logische

Untersuchungen", 2 Bände (2. Aufl. 1921). Der erste Band dieses überaus

wirksamen Werkes galt einer Neubegründung der Logik. Jede Art von

Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus,

Subjektivismus, den die herkömmliche Logik in sich aufgenommen hatte,

wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu

entfernen versucht. Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng

evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger

Veränderung der menschlichen Natur u n a b h ä n g i g sind. So war es

vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart,

Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten "normativen Logik" noch

vorliegenden "Psychologismus", dem das Werk seine große Wirksamkeit

verdankte. Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung

ist, hat er doch historische Anknüpfungspunkte; sie liegen, wie

Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die

platonisierende Richtung einhält (z. B. bei Bonaventura). Ferner haben

Leibniz und sein später bis zu Husserls Wiederentdeckung völlig

unbekannter Schüler, der große Logiker und fruchtbare Mathematiker

Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz "Ansich" als ideale

Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel über

die "Platonische Ideenlehre" und Herbart in seinen logischen

Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen. Die vollständige

Vernachlässigung, ja der prinzipielle Ausschluß der Aktseite der

Denkgebilde, und die im 1. Band herrschende Vorstellung, es könne unser

Denken ohne Schaden für die Logik sogar etwa rein

assoziationspsychologisch verstanden werden, läßt sich freilich n i c h t

durchführen. Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese

Auffassung im Grunde stillschweigend zurückgenommen. Erst der zweite

Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der

späteren Phänomenologie geführt haben, die indes hier noch mit

deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird. Die zwei

wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der

ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und

Berkeley von einem großen Teil der modernen Philosophie bis zur

Gegenwart fast wie selbstverständlich aufgenommenen nominalistischen

Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung,

betitelt "Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis",

die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der

"sinnlichen und kategorialen Anschauung" einführt, der nach meiner

Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n Ausgangspunkt für die

Entstehung der Phänomenologie gebildet hat. Als der Verfasser im Jahre

1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern

der "Kantstudien" gegeben hatte, Husserl zum erstenmal persönlich

kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gespräch, das den

Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. Der Verfasser,

unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand

(er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk über Logik aus diesem

Grunde aus dem Druck zurückgezogen), war zur Überzeugung gekommen, daß

der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen ursprünglich weit reicher

sei als das, was durch sinnliche Bestände, ihre genetischen Derivate

und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei. Als er diese

Meinung Husserl gegenüber äußerte und bemerkte, er sehe in dieser

Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip für den Aufbau der theoretischen

Philosophie, bemerkte Husserl sofort, daß auch er in seinem neuen,

demnächst erscheinenden Werke über die Logik eine analoge Erweiterung

des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte "kategoriale Anschauung"

vorgenommen habe. Von diesem Augenblick an rührte die geistige

Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser

bestand und für den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist. Einen

starken Zuwachs erfuhr die phänomenologische Bewegung in ihrer ersten

Werdezeit dadurch, daß der ausgezeichnete und scharfsinnige Münchener

Psychologe Th. Lipps durch die Einwirkung der "Logischen

Untersuchungen" einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens

erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat. Diesen

Umschwung machten seine hervorragendsten Schüler M. Geiger, A. Reinach,

Pfänder und die ihnen nahestehenden jüngeren Forscher nicht nur mit,

sondern sie schlossen sich, über Lipps überhaupt hinausgehend, den

Husserlschen Positionen weitgehend an. So kam es schließlich zur

Errichtung einer Sammelstelle für die phänomenologische

Forschungsrichtung im "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische

Forschung", von dem bisher fünf Bände bei Niemeyer in Halle erschienen

sind.

Deutsches Leben der Gegenwart · 第 10 / 12 题