Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewiß, es kamen
schon stärkere Impulse; im Westen und Süden regte sich industrielles
Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung für
das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen
Wirtschaft zu jener Stärke und Geltung, in deren Bewußtsein wir
aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich später. Noch in den sechziger
Jahren hatten wir eine stärkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873
verschwand der letzte Getreideausfuhrüberschuß, der Weizenüberschuß. Es
war damals noch nicht die Konkurrenzunfähigkeit der deutschen
Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrüberschüsse bei Getreide, sondern
die verstärkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-,
Futtermittel- und Rübenbau. Aber diese Wendung leitete eine
wirtschaftliche Umwälzung ein: an der Zuckerrübe wurde eine der ersten
und blühendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelböden des
Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien
und Stärkefabriken) von großer Bedeutung. Im Westen und Süden
entwickelte sich im Anschluß an eine alte Tradition des Gewerbefleißes
eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte
jahrzehntelang einen schweren Stand gegenüber der hochentwickelten
englischen Industrie wie auch gegenüber dem französischen und
belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprämien arbeitete.
Aufschwungsimpulse von größter Bedeutung waren die Reichseinigung, die
Kriegsentschädigung von 1870 und das gehobene Nationalgefühl, das nach
dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bevölkerung
wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle
Leben entfaltete sich, wenn auch über Wellentäler von Depressionen weg,
so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von
1879 kräftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft,
Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden
Erschütterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den
ausländischen Beobachtern so überraschend -- und gestehen wir auch das,
in mancher Hinsicht überstürzt und gewaltsam -- vorkam, so waren das
nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast möchte man sagen: elementaren
Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.
Drei Züge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen
Wirtschaftsentfaltung: das Aufschießen von Riesenbetrieben, zumal in
der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und
Elektrizitätsindustrie; weiterhin der Organisationsprozeß der deutschen
Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten,
Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der
wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten:
der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen
einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen
nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre höchste Zweckmäßigkeit
ausgeklügelt sind. Während Großbetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse
von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Ländern
kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft über die Wissenschaft ein
spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen
Voraussetzungen lagen nur hier in der Stärke und Reinheit vor, die
nötig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das
Schrittmaß der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener
neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, daß in
seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen
Volkskörpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach außen!
Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk
an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein
nicht hergeben; die Einfuhr mußte über eine Million Tonnen Brotgetreide
und für eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschießen; dazu
Milliardenbeiträge für Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir könnten diese
wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark
anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer
Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und
vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle
Erinnerungen. Wer sich sinnfällig den Unterschied des damaligen und des
heutigen Deutschlands vergegenwärtigen will, überlege nur einen
Augenblick den Wert der Mark von heute gegenüber dem der alten
Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfältige
versteht.
Und doch müssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir
uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer
doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf
Generationen hinaus Wüstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben
wir dazu Anlaß? Wir hätten Anlaß dazu, wenn alle Wurzeln unserer
Vorkriegsblüte verdorrt wären. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln
waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als
Fundstätte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als räumliche
Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir
schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder
minder zu mildern wären. 2. Die natürliche Lebenskraft der N a t i o n:
Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch
hier sind schwere Einbußen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht
auszugleichen oder zu ertragen wären. 3. K a p i t a l k r a f t,
Vermögensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste
Einbuße vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen
ausgeglichen werden kann. Hier ist Anlaß, in der Tat von einer
hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der
Erschöpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der
Ausplünderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein
"Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in Dürftigkeit von der
Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das
Proletariervolk, auf das für Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche
Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk,
das noch von seiner Hände Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in
Gold ausgepreßt bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage
in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus
empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle
Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Fürsorge, alle gute
Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hängt mit tausend
Fäden an der Wirtschaftsblüte; sie entscheidet über das Leben
ungeborener Geschlechter, und vor allem darüber, ob der junge Aufwuchs
der Nation an Leib und Seele verkrüppelt und verwildert aufwächst oder
nicht; sie entscheidet darüber, ob Mitteleuropa zurücksinkt in die
stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden
Volksmasse, und weiterhin darüber, ob sich damit die Nachtschatten über
ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelstück eines Kultur-
und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Händen herausbrechen und
sich dabei einbilden, das könnte den Anschlußstücken in Ost und West
von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Erschöpfung bei gleichzeitiger
Überbürdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten
Gegenwartsbefürchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich
werden. Ob die Befürchtungen sich verwirklichen, hängt ab von der
Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und
unserem Erfindergeist im fremden Lande gewähren wird, und hängt nicht
zuletzt ab von der tätigen Hilfe in Gestalt von Krediten,
Rohstoffvorschüssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die
uns das Ausland gewährt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n:
Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit,
Genügsamkeit, Wille zum Vorwärtsstreben, Mut zum Leben. Wer will
behaupten, daß diese Eigenschaften, die gewiß zeitweise getrübt und in
manchen Einzelgruppen heute noch geschwächt sind, im ganzen
unerträglich gelitten hätten? Nur interessierte Böswilligkeit oder
Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, daß das
Maß der Leistungen nicht so stürmisch und ungezügelt ist wie früher.
Aber das hat seine besonderen Gründe in schlechter Lebenshaltung,
wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen
und ist übrigens zu einem Teil eine verständliche Reaktionserscheinung
auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r
d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgefüge mit seiner
inneren Ordnung, seiner Stärke und Macht nach außen ein gewichtiger
Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine
Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefördert, Sachverhalte
geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch
unabhängiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag,
weiß kein Volk besser als das deutsche. Wir müssen uns mit dem Gedanken
vertraut machen, daß unser Staat von heute so schwer nach außen und
innen zu tragen hat, so überbürdet ist mit Aufgaben und toten Lasten,
daß ihm die Wirtschaft eher helfen muß, als er der Wirtschaft helfen
kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch
der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nöten
des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie
mancher wohl gelegentlich denken möchte, als ob der Staat von heute nur
eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft
auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich
gewährleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man
bedenken: Das Staatsgefüge in Deutschland hat eine ungeheuere
Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewiß, es hat sich
neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich
selbst und den neuen Verhältnissen -- aber das Wesentliche ist
gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens
und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist
Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es
ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu stützen. Die
Vorstellung, es könne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen,
ist eine gefährliche Illusion.
Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns
vergegenwärtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht
und Größe steht und Tragkraft besitzt für den Neubau. Und nun der
andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den Nöten, Sorgen und
Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus
der Tiefe seiner Armut könnte es einem kommenden Geschlecht einmal
scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel
Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein
Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutdürstiger Matabelestämme
auf europäischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben
wird, könnte vielleicht einmal denken, der europäische Friede vor dem
Kriege sei eitel Völkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben
mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegensätzen und
Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten
Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewiß trat der alte
Bruch zwischen Nord und Süd für das Bewußtsein der jungen Generationen
als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gefühlsmäßige
Restbestände allmählich ganz erlöschen werden, zurück; auch war nach
dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz
kein auseinanderreißendes Element mehr, soviel Kraft er im übrigen noch
verschlingen mochte. Aber dafür ging der Riß der w i r t s c h a f t
l i c h - s o z i a l e n G e g e n s ä t z e in Gestalt des
Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung,
zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verfügung
über die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so
schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und
wirtschaftliche Machtverfügung, dort Nichtbesitz und ausführende
Arbeit; hier stärkste soziale Geltung mit erhöhten politischen Rechten
und Ansprüchen, dort tatsächliche soziale Mindergeltung und politische
Minderberechtigung; hier die relativ dünnen Schichten, die mit Stolz
Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere
der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war
der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gefährlicher innerer Spannungen
abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien
es manchmal, zwei feindliche Völker auf einem Boden und in einem
Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, daß der
schärfste Radikalismus von beiden Seiten sich allmählich abstumpfte,
und wenn schon zugegeben werden muß, daß die staatliche Sozialpolitik
sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der
plötzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegensätze, die nicht
unbedingte Sicherheit gab, daß die Zusammenfassung aller Kräfte nach
außen restlos gewährleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. --
Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein,
doppelt und dreifach verschärft. Es ist Tatsache, daß unser
Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer
Wirtschaft, mit der Folge der Überflügelung aller übrigen europäischen
Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das
alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das
hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verständliche
Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des
wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden
Flamme empor und führten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren
Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie
die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll
nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums,
teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust äußerlich scheinbar
intakten Wirtschaft.
Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen
Europas. Unser Volk weiß und fühlt es Tag für Tag, daß er allerdings
die haß- und infamiegesättigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine
Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gröbsten für
uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze Länder und
Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fläche schneidet er in Ost und West aus
dem deutschen Gebietskörper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6
Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch
fühlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden Völkern zu.
Außerdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes
langjähriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die
wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir
uns zu vergegenwärtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des
Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift
hat berechnet, daß ohne Berücksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9%
unserer Ackerfläche durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgemäß
bedeutet das stärkste Einbuße an landwirtschaftlichen Erträgen, um so
mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und
Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, daß 19%
der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise
noch höhere Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener
Gebiete unserer Volksernährung verloren gegangen sind. Also rund ein
Fünftel der deutschen Ernährungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem
stark verminderten Viehstapel. Diese Einbußen verstärken sich dadurch,
daß in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bevölkerung
wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich könnten von den Ü b e r
s c h ü s s e n der verlorenen Provinzen ernährt werden, wenn man
jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt
wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen
Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ernähren, ist heute, zur Zeit ihrer
allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus größer als in jenen
reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau
während des Krieges die Erträge der Böden und das Schlachtgewicht
unserer Viehstapel erschreckend zurückgegangen sind. Problem: bei
verminderter Fläche und ab gewirtschafteten Böden die Bedarfsversorgung
einer nicht im gleichen Umfange zurückgegangenen Bevölkerung zu
gewährleisten. Und wir müssen noch hinzufügen: den Bedarf einer
Bevölkerung, die teilweise entkräftet ist durch die mangelnde
Ernährung, die 1,7 Millionen ihrer kräftigsten Männer verloren bat, die
1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunfähiger Kriegsbeschädigter
zu versorgen hat, und deren Kaufkraft für die Erzeugnisse des Auslandes
ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der
Friedensvertrag auf uns wälzte; unsere landwirtschaftliche
Eigenversorgung ist völlig unzureichend; an ihr und an unserem
verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein übervölkertes Land.
Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert
an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, für die ja auch die
Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tröstet sich
damit, unsere I n d u s t r i e müsse den Überschuß an Menschen
ernähren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zunächst ist die
Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verhältnismäßig
größer als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur
dann ernähren, wenn sie 1. Ausfuhrmöglichkeiten hat, die auf G e g e n
l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht
gelähmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz
bemerken, daß die geschmälerten Ausfuhrmöglichkeiten der deutschen
Industrie von heute im größten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es
sind großenteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf
Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer
Wirtschaft darstellen, für die in Deutschland zwar Millionen fronden,
von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der
Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich
geschmälert. Schätzungsweise ein Viertel unserer deutschen
Kaliförderung ging mit Elsaß-Lothringen verloren; wichtiger als der
Förderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf
dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege geförderten Eisenerze
-- das Rückgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens --
sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschluß Luxemburgs
dahin; ungefähr 9% unserer Kohlenförderung ist, wenigstens für 15
Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungefähr
zwei Fünftel unserer Kohlengesamtförderung wäre verloren, wenn
Oberschlesien an Polen fällt[1].
[1] Das ist inzwischen geschehen, indem der Völkerbund gerade
die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.
Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns
verbleibt. Aber auch deren Förderung steht nicht zu unserer freien
Verfügung. Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit
Lieferungen an die Entente, die sich auf über 40 Millionen Tonnen
stellen. Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung
ermäßigt. Da uns auch die freie Verfügung über die oberschlesische
Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last
der Versorgung auf dem Ruhrrevier. Diesem Anfordern war weder die alte
Belegschaft gewachsen, noch langten die Förder- und
Verkehrseinrichtungen. Die Wirkung war eine doppelte: Es mußten die
Belegschaften vermehrt und die Verkehrsmöglichkeiten gesteigert werden
-- was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war
(Wohnungsbauten, Löhne, Lebensmittelzuschüsse) --, und es mußten
deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschränken, oft genug
gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die
Zwangslieferungskohle vorgeht. Das waren zeitweise geradezu
katastrophale Zustände, die an das Mark unseres industriellen Lebens
rührten. Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an
Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw. Heute hat der deutsche Osten noch
weniger als bisher die Möglichkeit, seine Menschen festzuhalten,
während das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen für
die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und für deren
Erfüllung mit Menschen unerwünscht dicht belegt werden muß. Das sind
Verschiebungen, die unsere industrielle Basis erschüttern, uns
außerstande setzen, unsere Menschen selbst zu ernähren, und die
natürlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die
Entente zwingen -- mit der Wirkung umübersehbarer politischer Folgen!
Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den
Friedensvertrag. Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer
Gründlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der
sich Haß, Brutalität und Pharisäertum zu einer widerlichen Fratze
verbinden. Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel,
keine Ansprüche, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine
Gebrauchsmuster werden übersehen. Und um die ganze Schamlosigkeit
dieses Raubzuges wird der Pharisäermantel der vergeltenden
Gerechtigkeit gelegt. Alle gerechte Entrüstung ändert nichts daran, daß
die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von
wirtschaftlichem, militärischem und maritimem Rüstzeug allesamt
verloren sind, und daß die Sieger sich auf deutschem Boden und in der
deutschen Wirtschaft Rechte zwangsmäßig usurpiert haben, die die an
sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen
Hoheitsrechte unerhört verengen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage
schrieb die englische Zeitschrift "Nation" vom 22. März 1919: "Es gibt
Leute in und außer Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen,
Diebstahl meinen. Sie möchten Deutschland seine Bergwerke stehlen,
seine Kabel, Kanäle, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien,
Patente, Handelsgeheimnisse; sie möchten seine Grenzsteine verschieben
und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden
preisgeben. Das wäre das Ende von Europas Zivilisation."
Gerade die letzterwähnten Verluste müssen den Versuch, durch verstärkte
industrielle Tätigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs
stärkste gefährden. Fünf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In
dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen
im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche
Auslandsmärkte, um für jetzt und in Zukunft unabhängig zu sein von
Versorgungsstörungen auf Grund europäischer Verwicklungen. Typische
Beispiele: Holland und Dänemark legen sich Eisenhütten zu, Schweden
baut seine Hütten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine große
Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bemühen sich um industrielle
Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. Während des Krieges wurde
gerade von England eine intensive Zerstörung aller deutschen
Überseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Geschäftsbücher,
der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen
Patenten und Geschäftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des
deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer Lüge und
Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen
Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des
deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbefleiß in der
ganzen Welt bereiten muß? Wer will auf Milliarden aufzählen, was uns
die raffinierte Bearbeitung der öffentlichen Meinung in aller Herren
Länder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet?
Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt gehört sicher
mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer zähesten und
unermüdlichsten Arbeit bedürfen, allmählich durch diese Berge von
Verleumdung, Haß und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine
Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das
wirtschaftliche Leben unerträglich schmälern. Hier hilft uns die doch
zu offensichtige Brutalität und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages,
hier hilft uns das allmähliche Wachwerden des Anstands- und
Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an
müssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler
Vertrages von dem guten Namen Englands auszulöschen." ("Daily Herald",
10. Mai 1919.)
Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die
sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie
berechnet wird, tatsächlich eine Kriegsentschädigung darstellt,
festgelegt werden. Es ist bekannt, daß diese Summe durch das Londoner
Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpreßt
wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132
Milliarden Goldmark, abzahlbar in jährlichen Raten von 2 Milliarden,
zuzüglich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf
Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren Höhe nicht
festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last
dieser jährlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten
Verzinsungs- und Tilgungsgrundsätzen auf weit mehr als ein
Menschenalter. Diese wenigen Daten umschließen die Schuldknechtschaft
eines ganzen Volkes und sind von einer Härte, wie sie in aller
Geschichte unerhört ist.
An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch
die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen
Einsichtigen in allen Ländern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren
Widersinn dieser Entschädigungsforderungen wies vor allem die englische
Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig faßte:
entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die
Ausfuhrmärkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs äußerste bedrängt;
oder wir unterbinden ihm unsere Märkte, dann kann es nicht zahlen.
Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem
deutschen Boden selbst ließen sich jene Summen herausstampfen, sie sind
eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit für fremde Völker sie
erst hereinholt und zur Verfügung stellt. Aber auch das ist richtig:
Werden de Forderungen nicht erfüllt, dann drohen politische
Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer
politischen Selbständigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde
Gefährdung des europäischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des
Reiches enden könnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend
formuliert: "Wir kämpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk
und Staat."
* *
*
Das ist der furchtbare äußere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben
sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die
furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur
Erfüllung der ungeheueren Verpflichtungen nach außen? Welche
wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schließen sich an die
Erfüllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfüllung an?
Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie äußert sich als
Gefährdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im
einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernährung weiter Kreise, Mangel
an Kleidung und Wäsche, fehlende Wohnungen, ungenügende
Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die
Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die
Ursachen dieser Not sind die Erschöpfung unseres Wohlstandes durch den
Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die
Aushungerung unserer Böden, die Aufzehrung der privaten Vorräte und
Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von
Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger für alle
möglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgüter nach dem
Kriege. Diese Aufzählung wäre ungenau, wenn sie an jenen Schädigungen
des Volksvermögens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit
Streiks und Aussperrungen, mit böswilliger Wertvernichtung und Revolten
zusammenhängen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen
Arbeitsrechtes Schädigungen mit sich gebracht. Im großen Ganzen hat die
Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und
Rückschichtung der Bevölkerung weg von den Städten erreicht, die der
neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen
vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht übersehen werden, daß die
Auflösung des alten Heeres, von Teilen der alten Bürokratie, die
Rückwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung
vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des bürgerlichen
Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren
Schichten geöffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die für die
Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche
Volkseinkommen gegenwärtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefähr
22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das
Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die
gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes -- und von diesem so
geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die
Steuern für Reich, Länder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht
die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns:
wir müssen a l l e Produktivkräfte aufs ä u ß e r s t e anspannen, um
das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere
Existenz steht auf der Schneide der äußersten Wirtschaftsergiebigkeit.
Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen
gesteigerter Produktivität anzuspannen, allen überflüssigen Verbrauch
zu meiden.
Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zunächst natürlich
Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die natürlichen
Rohstofflagerstätten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen-
und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Güter,
die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegenüber -- als den durch Abbau
erschöpfbaren Gütern -- stehen die landwirtschaftlich in regelmäßiger
Wiederkehr erzeugten Güter. Nach beiden Richtungen hin haben wir
beträchtliche Einbußen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und
Belastung mit Abgaben.
Mit dem Rest muß umso schonender umgegangen werden; denn die
Bodenschätze sind entweder überhaupt nicht künstlich vermehrbar, oder
nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen
außerdem auf der Spitze der Rentabilität. Wenn wir schon vor dem Kriege
eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und Ölen hatten, von
Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so
können wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die
Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundstätten und Böden
hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil
neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen
Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber
diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche
Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenüberstehen.
Unvermeidlich ist, daß große Einfuhrposten für de Deckung des
notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlässigten Eigenbedarfs des
deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zunächst eine Belastung der
Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle
müssen auch diese Beträge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte
Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden
Wirtschaftserträgen oder aus der Substanz des Volksvermögens. Wenn
einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken
Materialverbrauch beklagten, die Zerstörung lebendiger menschlicher
Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt
das heute natürlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte
Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrlässigkeit,
Böswilligkeit und Unverstand zerstören nach einem Worte Friedrich
Naumanns mehr als Feuersbrunst und Überschwemmung. Dieses Gebot
wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten
mit dem Material der M e n g e und der G ü t e nach. Wer verwaltet
unsere Rohstoffe? Drei große Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe
in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die
öffentlichen Verbände. Bezüglich der Haushaltungen ist ohne weiteres
klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hängt es ab, wie
mit den Verbrauchsgütern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine
Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je über zweckmäßige
Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus
Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres
Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der
Frauenberufsarbeit. Wer die Verhältnisse in den Arbeiterfamilien der
Industriereviere kennt, weiß, daß die erwerbstätige Frau die kürzesten
Methoden der Haushaltsführung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer
Berufstätigkeit vorziehen muß. Neben den Schäden, die die
Frauenberufsarbeit für das Familienleben und die Erziehung mit sich
bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche
volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die
Materialverwertung der öffentlichen Verbände anlangt, so hat die
Kriegszeit dort in erschreckendem Maße gezeigt, wie wenig hier den
Anforderungen einer vernünftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen
wurde. Die bureaumäßige Verwaltung von öffentlichen Betrieben und
Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen
Haushalten und jene scharfen Kontrollmöglichkeiten, die die
Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsmäßig gerichteten Sinn
fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung
sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten
Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien für sparsame und
zweckmäßige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar drängt das Interesse der
Unternehmung am möglichst hohen Geldertrag auf äußerste Zweckmäßigkeit
und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier
ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der
Arbeitskräfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsgütern
möglichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene
Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken
und zu erhalten, ist großenteils eine Sache der Erziehung, des
Verantwortungs- und Gemeingefühls und der Einsicht. Hier mündet die
Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale
Voraussetzungen. Die zweckmäßige Rohstoffverwendung in der privaten
Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgröße, der
Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv stärkste
Möglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte
Großbetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und
typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland
noch fehlt, beweisen die Klagen führender Industrieller und zünftiger
Volkswirte.
Rohstoffökonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres
Daseins. Neben der Verfügung unserer Sachgüter ist die wichtigste
dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das
volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage
einmal dahin zusammengefaßt: "Es ist nötig, ...den Wirkungsgrad
menschlicher Arbeit so zu steigern, daß eine verdoppelte Produktion die
Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskräfte besser entlohnt
und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit
dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann muß mit
dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet
werden durch Produktion von entbehrlichen Gütern, sie darf nicht durch
Raubbau abgewirtschaftet werden. Es müssen alle technischen,
organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um
die möglichst große Produktionssteigerung durch möglichst sparsamen
Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung:
Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfüllung mit
Einsicht in den Ernst der Verantwortung für das Ganze, Abwehr aller
Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron für den
laufenden Tag.
Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftshöhe ist
wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, nämlich an den
ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht
gewöhnlich davon, es müsse genügend "Kapital" vorhanden sein, um die
Arbeits- und Wirtschaftskultur wie übrigens die Gesamtkultur des ganzen
Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu
erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen
Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte
"ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese
Kapitalbildung gefördert werden: von der Erhöhung des Volkseinkommens
durch erhöhte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her.
Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs
äußerste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen möglichst
zurückzudrängen. Das wird für Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein
Schicksal, dessen Härte nur dadurch erträglich ist, daß es uns die
Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle
Fährlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu
retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt
darin, daß sie mit ungewöhnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die
Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen
gegenüber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ungünstigen
Entwicklung des Außenhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb
Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der
Einkommensverteilung.
Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftserträge erhöht,
eine Daseinserleichterung, eine neue Gewähr unseres physischen und
kulturellen Lebens. Das gilt für alle Seiten unserer Wirtschaft, für
Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft
zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Erträge gegenüber
der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist außerdem die Quelle
unseres dringendsten Bedarfes, der Ernährung. Das landwirtschaftliche
Betriebskapital ist während des Krieges scharf heruntergewirtschaftet
worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite müssen der
Landwirtschaft zufließen, die sie im Kriege glaubte abstoßen zu können
oder nicht mehr zu benötigen. Durch Düngemittel aller Art, durch
Meliorationen, durch Maschinen müssen die Böden wieder in den alten
hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel muß ergänzt
werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis
vernachlässigt werden. Was uns diese Forderungen erheben läßt, ist die
einfache Tatsache, daß der stark abgewirtschaftete Zustand der
Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes
in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden muß,
ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsblüte werden
kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen
Erzeugung besteht die Aussicht, daß der Strom von Menschen, welcher im
Gefolge des Krieges den Städten zugeflutet ist und dort die Not
vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam
eine solche Rückwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet
den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenfürsorge,
sie entlastet die städtische Fürsorge, sie mildert die Schärfe unserer
sozialen Not und sie beseitigt jenes Übel, das schon vor dem Kriege auf
dem Lande vielfach anzutreffen war, nämlich die Leutenot.
Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin
besteht, in möglichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes
zu erstellen, so hat die Industrie demgegenüber eine verwickeltere
Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an
Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber
andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gewährleisten, nämlich
die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die
Handelsbilanz, das heißt das Wertverhältnis der Wareneinfuhr zur
Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen
Zahlungsbilanz ungefähr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine
Gewinne mehr aus Frachten für das Ausland, unsere Erträgnisse aus der
Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz
verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung für fremde
Völker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch
Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer
aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz muß die dazu erforderlichen
Wertüberschüsse der Ausfuhr über die Einfuhr erbringen. Wir müssen, ob
wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere
landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der
Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im großen ganzen nur industriell
erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die
Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmefähigkeit
und Aufnahmewilligkeit der fremden Märkte andererseits. Was zunächst
die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine
Frage des Preiskurants, das heißt: des billigeren deutschen Angebots,
teils ein Produktionsproblem: Haben wir Güter, die das Ausland
unbedingt erwerben will? Haben wir Überschüsse, die für die
ausländische Nachfrage zu Gebote stehen? Bezüglich der ersten Frage ist
festzustellen, daß manche Tatsachen uns günstige Aussichten im
Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der
ausländischen maßgebenden Gläubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige
Wechselkurse aber bedeuten eine Prämie und einen Anreiz für die
Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig
wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsfähigkeit und
Arbeitswilligkeit unserer Bevölkerung hat sich vergleichsweise
schneller erholt als die der meisten anderen Völker. Außerdem waren
deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt,
daß Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber
übersehen wir nicht die Hemmungen unserer Überlegenheit im Preisgebot!
Wir mußten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen
kriegführenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen;
technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und glänzend
gelöst worden, aber sie verschlang viele Arbeitskräfte und viele
Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in
fremder Währung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes
steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue
Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der
Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kräfte und keine Zeit frei
gelassen zu Reparaturen, Materialergänzungen, Erneuerung des
Sachkapitals; das mußte alles nachgeholt werden. In den Zeiten der
Umwälzung nach dem Kriege häufen sich die Streiks, die
Wertzerstörungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo ließ nach; all
das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht
zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten
auf, die natürlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige
Anreiz zu großen Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von
Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den
Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht
zuletzt bot der Warenmangel des erschöpften Inlandsverbrauchs die
Möglichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand
scharf zu erhöhen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die
Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke
Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer
Periode grenzenloser Schleuderverkäufe ins Ausland, die direkt nach dem
Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preishöhe vieler deutscher
Industrieprodukte lag zeitweise über den entsprechenden
Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das heißt
Gefährdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der
Druck auf unsere Wechselkurse dafür gesorgt, daß die Ausfuhrprämie
nicht verschwand. Aber wie prekär die Sachlage ist, zeigt sich
regelmäßig bei selbst geringfügigen Steigerungen unserer Wechselkurse:
es setzt in diesen Fällen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung
der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und
hergehende Wertstand des deutschen Geldes gefährdet für den deutschen
Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives
Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode
der Schleuderverkäufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere
stockender Ausfuhr und der Überschwemmung mit Auslandsware. Das
Verlangen, den Urheber dieser Zustände, nämlich den wilden Wechselkurs,
zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zunächst aussichtslos
abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Unterstützung der
kapitalsstarken Gläubigerstaaten völlig außerstande, eine solche
Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger
Kredite und einer vorläufig noch sehr unwahrscheinlichen vernünftigen
Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage könnten stabile
Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.
So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im
internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir Güter
haben, die das Ausland unbekümmert um den Preis haben muß oder haben
will. Das gilt gewiß bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen,
zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es
gilt auch in einigem Umfang für Kali. Aber auf eine Anzahl solcher
Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in
großen Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche
Erzeugnisse, für die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen
Markt besaß, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen
und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses
Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher
Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir Überschüsse frei für die
Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese Überschüsse dasjenige hinein, was
auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden muß. Diese Posten
tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so beträchtlich
sie an Wert sein mögen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz,
denn soweit ausländische Rohstoffe und ausländische Arbeit direkt oder
indirekt in ihnen kristallisiert sind, müssen sie erst mit teuren
Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so
fällt zunächst auf, daß bestimmte Industrien ihre Ausfuhrüberschüsse
verloren oder stark gemindert haben. Das gilt für bedeutsame Industrien
landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise für die
Zuckerindustrie, deren Ausfuhr früher mehrere hundert Millionen
Goldmark einbrachte; es gilt ebenso für die Branntweinindustrie. Es
gilt aber auch für die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das
zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Warenüberdruck der fremden
Märkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche
Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer
Sorte Einfuhrwaren beglückt, die nach dem Stande unserer Verarmung
besser draußen blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen
Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des
Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Beschäftigung für den
Aufbau der Eigenwirtschaft und der Rückgang der Leistungen an Menge und
Güte, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen
der Überschüsse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr
und die Unübersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des
Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die
gleiche Richtung.
So weit die Ausfuhrfähigkeit der deutschen Industrie. Und nun die
andere Seite: die A u f n a h m e f ä h i g k e i t und A u f n a h m e
w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente für den
Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre Güte, ihre
teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus
dem Auge. Der Krieg wäre für England verloren, wenn er nicht mit einer
Zurückwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im
Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsmärkte zu verwüsten, viele Neutrale
haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten
umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabhängig gemacht.
Die meisten Länder haben ihre Zölle erhöht, manche Länder haben zum
Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen
die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen Ländern sorgt
der mit Leidenschaft geschürte Nationalismus dafür, daß der deutschen
Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstoffländer sind
während des Krieges zur Verarbeitung übergegangen und spüren geringe
Neigung, ihre mit Opfern großgezogene Verarbeitungsindustrie durch
Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze
Welt ist beträchtlich ärmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen
tieferen Durchschnittsstand setzen müssen. Die Erwerbslosenheere sind
heute eine internationale Erscheinung und erschweren die Rückhehr in
die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die maßgebenden
Kreise den Willen dazu hätten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse
auszuführen, in denen hochwertige Arbeit verkörpert ist, hat starke
Antriebe erhalten mit der Wirkung, daß unsere Waren, deren Güte und Art
geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war,
verschärftem Wettbewerb begegnen. So ist es erklärlich, daß in der
Ausfuhr verhältnismäßig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten
anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres
gewerblichen Könnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegenüber,
sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung.
Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der Rückfall auf
vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr könnte uns auf ein enges
kontinentales Dasein zurückwerfen.
Man muß die großen Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht
zu erliegen. Gewiß, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft
unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe
Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso großer Bedeutung ist die
Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die
Durchfahrtsstraße von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen
Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das
wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles
Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! --
nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Haß des Krieges und im Rausch
des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns
herum zu legen seien, aus dem großcn Zuge des internationalen Verkehrs
auskapseln zu können, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat,
als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu
drängen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder für
ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat -- und das wird
auch einmal wieder der Fall sein --, dann ist Deutschland das
Mittelstück Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm
zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, daß es
sich nicht selbst ausschaltet und daß es politisch selbständig bleibt.
Der industrielle Bedarf von Ost und Südost stößt irgendwie immer
zunächst auf uns, und den Valuten jener Länder gegenüber sind wir trotz
aller Hemmungen anderer Art leistungsfähiger als die valutastarken
Industrieländer. Hier im Osten und Südosten erschließen sich unserer
wirtschaftlichen Pioniertätigkeit neue Kontinente, reiche
Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger
Berücksichtigung der Interessen jener Länder und Völker selbst
ausgebaut werden, so eröffnet sich eine neue Zukunft für die deutsche
Wirtschaft. Für die Richtigkeit dieser Erwägungen spricht die Tatsache,
daß fremde Kapitalien in großem Umfange die deutsche Industrie
befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in
der Welt für unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir dafür, daß dieses
Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines
alten soliden, ehemals blühenden Handelshauses wird! Das ist nur dann
möglich, wenn wir alle Kräfte anspannen, die politische Freiheit und
die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die
angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so müssen wir sie auf
uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark
wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg
in die Weltwirtschaft gehen hieß; heute ist es der Kampf um Freiheit
und Einheit!
Dieser Weg hat gewiß seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare
Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche
Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die
Folgen: Wenn wir zahlen wollen, müssen wir erst verdienen; wenn wir
aber verdienen wollen, müssen wir erst die fremden Märkte aufsuchen.
Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufkäufe zum Zwecke der Zahlung
beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsstörungen
zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in
Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein
Gläubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden
Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im
Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum für England
bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskräfte
müssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung
durchführen, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt,
weil der Rückgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt,
die Löhne zu senken. Diese Gegensätze sind heute klar herausgearbeitet.
Man faßt sie nur nicht grundsätzlich an, sondern versucht mit einer
Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudrücken. Eines Tages
aber wird die Härte der Gegensätze ihre Lösung verlangen. Entweder man
saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann müssen wir die Märkte mit
allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse
schädigen; oder man verwehrt uns die Märkte, dann können wir nicht
zahlen, und das feindliche Gläubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem
Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich
unausweichbaren Zusammenhängen. Was soll dann geschehen? Das stärkere
Gläubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren
Industrialismus und den stärksten Anteil an unseren Zwangszahlungen
(52%) hat; das stärkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den
gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren
baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das
französische Gläubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische
Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier eröffnen sich Entscheidungen,
die für unser Schicksal unerhört wichtig sind. Zu einem Teil haben wir
es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit
Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutestück sieht, eine
politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden
kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt -- nur mit viel
schlechterem Einsatz --, an dem wir schon einmal standen, den wir
damals aber in seiner Tragweite nicht genügend begriffen: vor der
Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder -- auf
noch weiteren Aspekt gestellt -- vor der Steuerung des Kurses in das
anglosächsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte
noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen,
erscheint verfrüht; außerdem kann bei unserer Kapitalschwäche und der
starken Interessierung der anglosächsischen Wirtschaftsmacht an Rußland
diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglosächsischen
Verständigung geschlagen werden.
Verschiedentlich mußten wir darauf hinweisen, daß unsere politische
Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie überhaupt noch besteht,
auf der Schneide der Erfüllung von Diktaten steht. Diese Erfüllung aber
ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des
ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der
Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich
im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht
erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich
fortwährend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund dafür war
der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der
Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine
Steuerdomäne, die fast ausschließlich aus indirekten Abgaben und aus
Zöllen bestand. Die direkten Steuern, das Rückgrat jeder gesunden
Finanzwirtschaft, lagen unter Verschluß der Einzelstaaten und wurden
von ihnen eifersüchtig gehütet. Die Einkünfte des Reiches aus
Betriebsverwaltungen waren recht geringfügig im Verhältnis zu dem, was
die großen Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine
verhängnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie
deswegen noch erträglich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte,
nur sehr umständlich, unter großer Erregung der öffentlichen Meinung
und nicht immer sehr zweckmäßig.
Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst
der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der
alten Reichsverfassung war die, daß das R e i c h, der Träger der
H a u p t l a s t des Krieges, die d ü r f t i g s t e n und r ü c k
l ä u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besaß, während die
Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten,
die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschluß
hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik
nach englischem Muster einzurichten, ließ nur den einen Ausweg: den
Krieg mit S c h u l d e n zu führen. Was an Kriegssteuern dann seit
1916 kam, kam zu spät und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur
mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die
Durchhaltestimmung im Volke nicht gefährden, fürchtete sich vor dem
Wachwerden alter Parteigegensätze; kurz und gut, man finanzierte den
Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches,
steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende Löhne und
Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsführung, steigende
Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der
Löhne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder
vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichsüberschuldung,
Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit für alle
Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Verschärfung der
sozialen Gegensätze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor
und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose
Umschichtung der Vermögen ist vor sich gegangen, und die staatliche
Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern
vermocht.
Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die
Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte
sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9
Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des
Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen;
sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni
1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem
Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Beträge an
umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem
Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren
Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von
rund 8,22 Milliarden. Daß zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes
gegenüber dem ausländischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gestürzt
ist, ist nicht verwunderlich. Während vor dem Kriege 100 holländische
Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund
2560 Mark[1]. Diese Zahlen genügen zur Illustration. Sie erhalten erst
ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch
hinzurechnet.
[1] Seit Abschluß des Aufsatzes haben sich die Verhältnisse
wesentlich ungünstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht
im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen
hat die hundertste Milliarde längst hinter sich
gelassen!
Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegenübersah. Sie erforderte
Finanzreformen allergrößten Stiles. Wir befinden uns seit Kriegsende
zwar fortwährend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei
gewaltige Reformperioden heraus: die grundlegende, heute abgeschlossene
Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren
Vorbereitung und Anfänge eben sichtbar werden. Was bedeutet die Reform
von 1919/20? Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen
politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung;
dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensfähigkeit der Länder
Rücksicht zu nehmen. Sie schafft eine einheitliche
Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der
Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die "Steuerinseln"
zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit
zu dienen. Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und
anpassungsfähigen direkten Steuern. Sie läßt den Ländern und Gemeinden
einige Ertragssteuern und beteiligt sie im übrigen mit bestimmten
Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der
Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der Körperschaftssteuer und
der Grunderwerbssteuer. Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in
alte Steuerrechte von Ländern und Gemeinden entlastete es die Länder
und Gemeinden durch Übernahme beträchtlicher Schuldverpflichtungen auf
sich selbst. Es gehört zu den wesentlichen Verdiensten dieser
Reformperiode, daß das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen
nun verwirklicht wurde.
Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will: das
ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst
erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigermaßen
erleichtert. Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche "Die
Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920" sogar in Parallele zu der
Stein-Hardenbergschen Reform. Ob diese Parallele treffend ist, muß die
Zukunft zeigen.
Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres
1920! Der "Ist-Etat" des Reiches zeigte beim Abschluß des
Rechnungsjahres (31. März 1921) folgendes Bild: Die Reichseinnahmen aus
Steuern, Abgaben, Gebühren, Zöllen bezifferten sich auf 27,7
Milliarden. Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden. Dazu treten
an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zuschüssen des Reiches
in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2
Milliarden. Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden. Die Differenz
zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mußte demnach auf
neue Schulden genommen werden. Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127
Milliarden an. Der Voranschlag für 1921 zeigt folgende Ziffern:
Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden,
fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden. Dazu kam ein Nachtragsetat von
1,5 Milliarden. Es balanciert also der ordentliche Etat mit 48,459
Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite. Daneben außerordentliche
Ausgaben: 59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende
Schulden zu nehmen: 49,18 Milliarden. In dieser Summe von 59,68
Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zuschüsse für
Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post). In den erwähnten Summen des
ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen für Reparationen
eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der
Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden jährlich
veranschlagt. Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die
Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt. Alles in allem
ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark. Der
erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld. Das Reich
kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank
begeben werden; diese schießt dem Reiche dafür Noten vor. Mit Noten
bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Gehältern,
Löhnen usw.; diese Noten kommen also als zusätzliche nominelle
Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern
weil das Reich zahlen soll und ungenügende Einkünfte hat. So senken sie
den Geldwert, steigern die Preise und Löhne, drücken die Valuta und
führen alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens
mit herauf, die sich an solche Währungszustände anzuschließen pflegen.
Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden: die Notwendigkeit
n e u e r R e f o r m e n. Das erste und ursprüngliche Problem ist
dieses: Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur
Deckung? Die weitere Frage ist: Wie bringen wir die Reparationssummen
auf? Und die dritte Frage lautet: Wie stärken und stabilisieren wir
unseren Geldwert? Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten
Zahlen mißt, spürt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die
Quadratur des Zirkels. Breite Strömungen im Volke, und was viel mehr
besagen will, ernste sachverständige Kreise glauben nicht an die
Möglichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden.
Grundsätzlich ist zu sagen, daß alles v e r s u c h t werden muß,
unseren Verpflichtungen nach außen und nach innen nachzukommen und die
Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren. Die Gefährlichkeit der Aufgabe
versteht an folgendem Beispiel auch der Laie. Das Reich könnte hohe
Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzuschüsse
beseitigte, wenn es die Zuschüsse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt,
wenn es höhere Kohlenpreise durch Erhöhung der Kohlensteuer veranlaßt.
Aber was ist die Wirkung? In all diesen Fällen gewinnt das Reich auf
der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l
t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum großen
Teile drauflegen muß. Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, daß mit
den üblichen Mitteln der Steuererhöhung schlechterdings nicht mehr
durchzukommen ist.
Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten großen
Reformetappe gegeben. Ihre maßgebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich
das bisher beurteilen läßt, die folgenden: Zunächst Entlastung des
Reiches von bestimmten Aufwendungen des außerordentlichen Haushaltes;
dahin rechnen die Zuschüsse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6
Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), für den Bau
von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell für
Erwerbslosenunterstützung (1,3 Milliarden). Weiterhin eine Reform der
Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei
Jahren zu erhebende Vermögenszuwachssteuer; die Erhöhung einer Anzahl
indirekter Abgaben und Zölle liegt auf der Linie alter steuerlicher
Methoden. Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und
Inlandspreisen durch ein Erhöhung der Kohlensteuer zu erfassen; neu --
wenigstens für die deutsche Finazgeschichte -- der Gedanke, das Reich
durch eine Art Genußschein an den werbenden Sachwerten der Nation mit
zu beteiligen.
Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat
vieles für sich. Die papierene Blüte unserer Wirtschaft hängt eng mit
der Finanznot des Reiches zusammen. Die Erzeugung lädt in weitem
Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat. Das Reich
wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine
Schuldenwirtschaft ist, in größtem Stile mit betroffen. Es half sich
bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen
die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach. Die Schwäche des Fiskus und
die relative Stärke der Wirtschaft stehen in gefährlicher
Wechselbeziehung. Ganz zutreffend kennzeichnet die "Frankfurter
Zeitung" (Nr. 604 vom 16. August 1921) die Lage: Mittelstand und
Festbesoldete können durch keine nach der Leistungsfähigkeit abgestufte
Steueraktion so schwer geschädigt werden wie durch eine unzureichende
Reform. Das gilt in hohem Maße auch für Handel und Industrie. Unsere
Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher
Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer. Denn auf die
Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen
als die Steuerschraube. Das Reich ist eben heute kein außerhalb der
Wirtschaft stehender "Zweckverband" mehr, an den geringe Summen
abgeführt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erfülle, sondern
das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen
Körper verwachsen. Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerstören
seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation.
So ist es verständlich, daß das Reichswirtschaftsministerium sich
grundsätzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten äußerte.
Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der "Frankfurter Zeitung"
betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor
allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die
Reparationsleistungen und ihre Aufbringung durch Ausfuhrüberschüsse und
Devisenkäufe mit dem Ziel der Kräftigung der Wirtschaft durch höchste
Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten
und mit den notwendigen sozialpolitischen Übergangsmaßnahmen in
organische Verbindung bringt. Das wirtschaftspolitische Ziel sei die
Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschränkung der Einfuhr an allem
Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch
Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die
Beseitigung der Reichszuschüsse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die
Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt. Damit würden
die mühelosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft
würde auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig; höchste
Wirtschaftsleistungen, höchste Erzeugung und höchstwertige Ausfuhr
würden gesichert. Die Umsatzsteuer, die Erhöhung der Zölle und eine
Aufwandssteuer würden den entbehrlichen Verbrauch beschränken; die
Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen,
könnten für die Zwecke der Reparation erfaßt werden. Die Übergangszeit
erfordere sozialpolitische Maßnahmen: Planmäßige produktive Verwendung
der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskräfte für den Ausbau der
Verkehrsmittel, der Wasserkräfte und für die Erfordernisse des
Baumarktes.
Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich,
nötigenfalls zum Zwecke der Verpfändung an das Ausland, die Substanz
der Sachwerte erfassen soll. Der Ausbau des Notopfers könnte den
Fehlbetrag im Etat nicht decken. Die Erfassung der Substanzwerte in der
Wirtschaft erscheine deswegen zweckmäßig, weil sie tragkräftig, weniger
fluchtfähig und derart erfaßbar seien, daß das Betriebskapital nicht
gefährdet werde. Notwendig sei die dinghafte Sicherung des
Ertragsanteils und seine Kapitalisierung. Den Verfassern der
Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der
Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher Sicherung. Damit
werde die Deckung der Fehlbeträge im Etat für de ersten Jahre
erleichtert und eine Grundlage für Auslandskredite erzielt. So lange
sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den
Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Außenhandels decken, bis die
deutsche Wirtschaft sie planmäßig durch erhöhte Sachleistungen auf dem
Weltmarkte abdecken könne. Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die
übernommenen Sachwerte für seine Zwecke verfügbar machen könne,
berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden. Der Erfolg dieser
Aktion wäre eine Minderung der Inflation infolge der Ablösung der
Grundschulden mit allen daran anschließenden günstigen Weiterwirkungen
auf die Wechselkurse, die Preise und die Löhne; auch würde die
Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (für Reparationszahlungen)
gemindert werden durch die Möglichkeit, auf der Basis der dem Reiche
verpfändeten Vermögenssubstanz Auslandskredite zu erlangen.
Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschläge im einzelnen einzulassen,
sei nur so viel bemerkt: Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist
eine Bahn beschritten, an deren Ende möglicherweise die
"Staatswirtschaft" steht. Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige
Wort zu nennen: die Sozalisierung. "Beim ersten sind wir frei, beim
zweiten sind wir Knechte", das muß all denen gesagt werden, die den
vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber
nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen. Die Dinge haben ihre
eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik
gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung genügend
gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen. Die Anhänger der liberalen
Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die
diese Entwicklung der Dinge mit höchstem Mißtrauen betrachten,
übersehen allzuleicht, daß auch in der f r e i e n Entwicklung der
Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf
"Wirtschaftsherrschaft" hinauslaufen und teilweise schon eine echte,
von privaten Wirtschaftsgewalten ausgeübte Wirtschaftsherrschaft
darstellen. Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung
"wirtschaftlicher Herzogtümer", deren Leiter die maßgebenden Köpfe der
Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind. Die B i n d u n g
der alten "elementaren" und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen
und weltwirtschaftspolitischen Gründen im Anzug. Der Prozeß verstärkt
sich mit seinem eigenen Wachstum. Es fragt sich bloß, ob der Staat sich
in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er
eine Politik einschlägt, deren grundsätzliches Motiv de Wahrung von
Allgemeininteressen ist. Bis jetzt steht die Sache so, daß die
Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten
Form den inneren G e i s t d e r f r e i e n K o n k u r r e n z
w i r t s c h a f t, nämlich die Abstellung auf private Interessen,
beibehalten hat. Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner
Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen
Wirtschaftskonzerne öffentlich und grundsätzlich als Richtschnur des
Handelns anerkannt worden. Wir haben den Glauben verloren, daß das
freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen
Zusammenhang "von selbst" zum Besten der Allgemeinheit und des Staates
tendiere. Wir sehen die Gefahren für das politische und soziale
Gemeinwesen zu deutlich, als daß wir diese Dinge getrost sich selbst
überlassen könnten. --
Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu überlassen,
um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen? Da
erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig gehört
haben: man sozialisiere, man tue es bald und gründlich!
Wer genau zuhört, wird merken, daß dieser Ruf die innere Sicherheit und
Überzeugungswärme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren
auszeichnete. Das hat seine guten Gründe. Was St. Simon seinerzeit von
England sagte, dieses Land mache zum Nutzen aller Völker einen
gewaltigen Versuch -- nämlich den Versuch der freien industriellen
Verkehrswirtschaft --, das können wir heute von Rußland sagen: Dieses
Land hat zur Lehre für alle Völker ein gewaltiges Experiment
angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie
seine Wortführer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen.
Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in
tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich
mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erfüllung, sondern
der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der
Not und des Hungers. Vieles am Mißerfolg ist auf spezifisch r u s s i
s c h e Rechnung zu setzen: auf die mangelnde Industrialisierung des
Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die
Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landräume, auf die übereilte
Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Mißachtung geistiger und
sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den
toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller
Wirklichkeit. Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die
Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zurück. Wenn wir das alles
in gebührende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest: und er
argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung -- das Wort im
strengen Sinne einer Überführung aller Produktionsmittel in öffentliche
Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverfügung und Zuteilung der
Wirtschaftserträge verstanden. Sein Argument lautet: Die Aufgabe ist zu
groß, um bureaukratisch und zentralistisch gelöst zu werden; das
Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von
Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel natürliche
Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich
den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt:
der primäre Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr -- Mensch, um jenes
äußerste an Pflichtgefühl, Verantwortung und Arbeit, das eine
ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n er nicht den
Erfolg f ü r s i c h s e l b s t unmittelbar sieht. Das eigene
Interesse ist der stärkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien --
dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird
so lange gelten, wie Menschen Menschen sind. Nur die besondere Fassung,
die Smith ihm gab, ist zu eng: dieses Eigeninteresse ist nicht
notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen. Es kann auch
weitergreifen, es kann Stände, Körperschaften,
Selbstverwaltungsorganisationen erfassen. Es reicht so weit, wie
gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht. Es hört immer da auf, wo das
Fremde anfängt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar --
sei es beruflich, sei es standesmäßig, sei es familienmäßig oder
freund-nachbarlich -- zu sich gehörig empfindet. Aber schon in diesem
Bereich finden sich leicht Abschwächungen der Verantwortungsfredigkeit
und des Pflichtgefühls. Man wendet ein, der Z w a n g könne die
Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen
erzielen. Das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von
innen, sondern Grenzen von außen. Ihre Reichweite ist beschränkt; wir
sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in
der Kriegswirtschaft. Eine Grenze von außen bedeutet immcr gleichzeitig
eine Prämie auf Grenzüberschreitung, und deren Möglichkeit ist immer
gegeben. Sie unterhöhlt das ganze Gefüge, während die klappernde Mühle
von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt. Der
radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und
Wirtshaftsidee durchzusetzen, führt notwendig zur Lähmung der
Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur
Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie. Pflichtgefühl und
Verantwortung für das Ganze hängen nicht an der Koppel du
Polizeidieners.
Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen
Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht erschöpft.
Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen. Nur auf dem Boden einer
Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft möglich. Diese
Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung,
sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei
Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens. Wir sahen das andere: Sachliche
Vorbedingungen sind unerläßlich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe
verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach
gelagert. Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die
Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unmöglichen, das
heißt nach aller vernünftigen Erwägung fehlschlagenden Lösung. Sie
nötigt uns, über die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber
unverständigen Köpfe hinauszukommen, den vernünftigen Kern der
Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen
Freunden. Die ganze Sozialisierungsaktion löst sich auf in eine Fülle
von schwierigen Einzelproblemen. Die erste und zweite
Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die
Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht gerückt.
Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verheißung und einem
sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden.
Heute ist man sich allenthalben darüber klar, daß unsere äußeren und
inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der
Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die
leistungsfähigsten sind.
Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g
auf. Es ist unbegreiflich, daß man drei kostbare Jahre hat verstreichen
lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der
Betriebsverfassung herauszufinden. Es macht einen kümmerlichen
Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der
Arbeits- und Betriebsverfassung ist. Man übersieht dabei, daß reiche
Bauformen nötig und zweckmäßig sind. Eine Wirtschaftsverfassung ist
kein Militärrock, der auf jeden passen muß. Die Formen der
kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf
ihre Art zweckmäßig. Warum will man nicht Grundtypen
gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen? Wer
nicht die bornierte Auffassung hat, es könne nur diese oder jene
(natürlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird
zugeben, daß eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den
gemeinwirtschaftlichen Ansprüchen gerecht wird ohne jene Energien zu
ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen.
Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen
Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat. Woher stammt
unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und
Gesellschaftsanschauungen? Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die
Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die
gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen
Wirtschaft. Wer das nicht im Auge behält, sieht das ganze Problem der
Sozialisierung und des Sozialismus falsch. Skizzieren wie die Punkte,
die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und
Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen. Die
Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden
Arbeitsmitteln, für fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen
Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene
Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverhältnis dauernd und erblich
macht. Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Persönlichkeitswerte
braucht und verträgt. Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von
Betriebsmassen, wie auch Großstadtmassen. Die Arbeiterschaft als Ganzes
stand gesellschaftlich und staatsbürgerlich nicht in der Geltung und
Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung für Wirtschaft, Staat und
Gesellschaft beanspruchen zu können glaubte. Zu diesen objektiv
feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne
Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen,
vom Marxismus formulierten und genährten Klassen- und Wertgefühle der
Arbeiterschaft. Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und
Anschauungen floß die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke,
die bewußte und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in
weltanschaulichen und sozialen Hinsichten. Der Grundgehalt des
Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen
Menschen dagegen, bloßes Mittel zu sein für privatwirtschaftliche
Zwecke und für ein höchstes Produktionsideal.
Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige Lösung des
Sozialisierungsproblems. Die eine Lösung ist die wirkliche und
wahrhaftige Überführung dazu geeigneter Betriebe in de öffentliche Hand
oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in
Selbstverwaltungskörperschaften -- alle drei unter Anteilnahme und
Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der
Arbeiter an den Erträgen der Unternehmung in der einen oder anderen
Form -- Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche
Führung und Übernahme von Betrieben. Die andere Lösung des
Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die: es muß die Stellung des
Arbeiters im Wirtschaftsprozeß selbst geändert werden. Er muß
Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er muß mit dem Betriebe
enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er muß gegen die
Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunfälle, gegen Alter und Invalidität,
gegen Ausbeutung geschützt werden. Die soziale und rechtliche Geltung
der Arbeiterschaft muß auf ihr richtiges Maß gebracht werden. All das,
damit er selbst lebendige Verantwortung für den Betrieb und
Pflichtgefühl der Arbeit gegenüber aufbringen könne! Das ist nicht nur
eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein
wirtschaftspolitisches Erfordernis. Nur so wecken wir Verantwortung und
Pflichtgefühl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de
kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften.
Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit
Reformen in dieser Richtung befaßt. Zunächst die Reichsverfassung
selbst. Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des
Reiches. Sie gewährleistet das freie Vereinigungsrecht für jedermann,
für alle Berufe. Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und
einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik. Sie nähert sich dem
Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, daß es jedem
Deutschen ermöglicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen
Unterhalt zu erwerben, und sichert für die Notfälle der
Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu. Sie bringt allerdings auch zum
Ausdruck, daß jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine
geistigen und körperlichen Kräfte für das Wohl der Gesamtheit
einzusetzen. Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung
hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und
Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein
Aufbau von Betriebsräten und Bezirksräten, sowie einige auf
Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich
festgelegt.
Diese verfassungsrechtlichen Ankündigungen haben teilweise bereits ihre
Verwirklichung erlebt. Wir erwähnen in diesem Zusammenhange das neue
Recht der Tarifverträge und der Schiedsgerichte, und vor allem das
Betriebsrätegesetz.
Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die
Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verbände der
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen
Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch
gemeinsame Vereinbarungen zu bewältigen. Schon im November 1918
erschien die sogenannte "Vereinbarung"; in ihr anerkennen die Vertreter
der Arbeitgeberverbände die Gewerkschaften als berufene Vertretung der
Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschränkung der Koalitionsfreiheit
untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner
tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsausschüsse, der
Schlichtungs- und Einigungsämter grundgelegt. Auf diese Vereinbarung
erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten
Arbeitsgemeinschaften. Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die
Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt. Sie
verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang
umsonst gekämpft worden ist. Sie führt Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerverbände zusammen zu paritätischer Entscheidung all der
Fragen, die das Arbeitsverhältnis betreffen. Wenn auch heute schon
feststellbar ist, das [sic] längst nicht alle Blütenträume gereift
sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das
Betriebsrätegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg
g r u n d s ä t z l i c h r i c h t i g und wird sicher nicht mehr
aufgegeben werden für das zweifelhafte Linsenmus wilder
Kampfauseinandersetzungen --, deren Last und Folgen würden auf beide
Teile vernichtend zurückfallen. So können wir hoffen, nach Zeiten
stärkster sozialer Konflikte und Spannungen allmählich alte Gegensätze
abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden. Was der Glanz der
deutschen Macht, der Stolz auf das nach außen einige Vaterland und der
Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen
wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen: die Einigung
Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der
Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus!
Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk
und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Unglücks
hindurchzukommen. Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder
staatsrechtlich -- das einzige Souveränitätsrecht, das der
Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den Worten van Calcers das
Recht, Krieg zu erklären; ein platonisches Recht für ein Volk, das man
entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht --
noch wirtschaftlich. Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum
Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die
Ausgeschöpftheit unseres Wohlstandes nötigen uns, die Betriebsmittel
unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen
zu lassen. Wir brauchen Aufbau- und Betriebskapitalien, unsere
Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, daß
unsere Industriewerte vom ausländischen Kapital "überfremdet" werden.
Milliardenbeträge an Mark, aufgenommen vom Ausland, strömen zurück;
Milliardenbeträge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen
müssen ins Ausland verzinst werden. Der Dollar, das Pfund Sterling, der
Gulden und der Frank bemächtigen sich unserer Industriewerte, unserer
Häuser, unseres Grundbesitzes, unserer Vorräte. Das ist ebenso
schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital. Es kommt
darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und
Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher
das neuerdings ausdrückte, es zu "entgiften", den Strom dieser
Kapitalien zu regulieren. Gewiß wäre es wünschenswert, wenn diese
ausländischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland
wählen würden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zuflössen. Aber das
ist wenig wahrscheinlich. Die Anlage, die sie suchen, und in der die
meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere
Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschränkt auf das
Aushilfsmittel der Vorzugsaktie. Im übrigen stehen wir dem Prozeß so
lange mit gebundenen Händen gegenüber, als die Reparationslast und die
Steuern unsere Sparkraft lähmen.
Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland -- Abschöpfung
unserer Arbeitserträge durch Steuern zu Zwecken der Reparation: das
heißt wirklich das Licht an zwei Enden anzünden! Die Unhaltbarkeit
dieser Sachlage anerkennen selbst führende Wirtschaftspolitiker aus dem
Ententelager. Unter ihnen erwähnen wir Van der Lip und Keynes. Der
Engländer Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche über den
Versailler Vertrag ein großes Maß an ruhiger Vernunft bewies, äußert
sich in neuerlichen Aufsätzen in der "Industrie- und Handelszeitung"
über die Fähigkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen.
Er kommt zu einem negativen Ergebnis. Er sieht im Londoner Diktat eine
provisorische Abmachung, die schon im nächsten Jahre ihre
Unzulänglichkeit zeigen werde. "An einem bestimmten Zeitpunkt, der
zwischen Februar und August 1922 liegt, muß Deutschland der
unvermeidlichen Zahlungsunfähigkeit erliegen. Nur bis dahin reicht die
Schonzeit, die gewährt wird." Diese Ansicht stützt Keynes auf eine
Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des
deutschen Volkseinkommens.
Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden
kann, die höchstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes
genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch
gefährlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft
schwimmt. Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden
haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter
Abweisung aller Vernunftserwägungen und aller sittlichen Begriffe in
den Köpfen der Sieger herrscht. Man sieht nur Goldmilliarden, die mit
dem Rechte Shylocks erpreßt werden müssen; aber man sieht nicht die
Abgründe, die vor ihnen liegen. Die geistige und sittliche Einheit
Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der
heute, zumal in Frankreich, führenden Schichten ein Schrei in die
Wüste. Gerechtigkeit in der Behandlung großer, wehrloser Völker ein
leerer Paradespruch für Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und
Eroberungsgier zugedeckt werden. Der Geist Richelieus ist wieder
lebendig geworden, am Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine
Türken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen
und mobilisiert die slawische Welt gegen uns. Wir sind heute das
ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums.
Dürfen wir hoffen, daß die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst
die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen Übermut dämpfen
wird? Müssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und
chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt schütteln
und erschüttern, ehe der Satz begriffen wird, daß kein Volk auf die
Dauer davon leben kann, daß es das andere unter die Füße tritt und
ausraubt! Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an
all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem
Waffenstillstand zugefügt hat. Mit diesem guten Gewissen haben wir die
neue Pflicht für das gequälte und leidende Europa übernommen, der
Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu öffnen,
die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind. Das sei im
Dunkel der gegenwärtigen Stunde unser Trost, daß wir nie zu so großer
Mission geläutert und berufen waren, wie wir heute sind!