gegenüber der doktrinären Ideenoper Pfitzners oder der intellektuell
bedingten Geschmackskunst Straußens. Auch andere zeitgenössische Kunst,
wie die Eugen d'Alberts oder neuerdings die Opernmusik des jungen Erich
Wolfgang Korngold steht im Gegensatz zur Theorie des Wagnerschen Dramas
und zielt auf den Theatereffekt. Aber hier ist dieser mit bewußter
Methodik als Wirkungsfaktor herangezogen. Es werden wieder
periodisierte Melodien und geschlossene Formen geschrieben, weil das
Prinzip des Leitmotives und des deklamatorischen Stiles verbraucht
erscheint. Schreker ist gegenüber diesen auf das Praktische im Sinne
der Lebensklugheit und des Erfolges zielenden Begabungen eine
naturwüchsige Kraft. Seine Beziehung zur Bühne ruht nicht auf
irgendwelchen Erwägungen der Zweckmäßigkeit, sie ist elementaren
Ursprunges. Seine vier Opern "Der ferne Klang", "Das Spielwerk", "Die
Gezeichneten", "Der Schatzgräber" sind Erfolge nicht nur im Sinne des
Kassenberichtes einer Spielzeit, sondern der geistigen Bewegung. Sie
geben der Musik auf der Bühne wieder ihr ursprüngliches, durch
keinerlei Dienstbarkeit gegenüber dramatischen Absichten behindertes
Recht des freien Phantasiespieles. Sie gewinnen ihr damit das im Laufe
des 19. Jahrhunderts verlorene Heimatgebiet zurück und führen so die
Ausdrucksmittel der Oper wieder ihrer natürlichen Bestimmung zu. Es ist
denkbar und nicht unbegreiflich, daß manche Menschen einer vorwiegend
auf kritisch intellektuelle Bildung erzogenen Generation solche Kunst
als für ihre Begriffe von Kultur nicht ausreichend ablehnen. Damit wäre
sachlich nichts bewiesen, nur die Zuverlässigkeit dieses
Kulturbegriffes in Frage gestellt. Vom Standpunkt einer abstinenten
Geschmacksbildung aus wird die Oper wegen der unorganischen Vielheit
ihrer Mittel stets ein nicht ganz vollwertiges Kunstgebilde sein.
Einheitlichkeit gewinnen kann sie nur durch den Musiker, der diese
Buntheit der Mittel als natürliche Quellen seiner Phantasie empfindet
und fruchtbar macht, nicht aber das Ganze durch
Prinzipien und Theorien regelt oder stilisiert. Solcherart ist
Schrekers Musik. Als dramatische Gebilde bedeuten seine Opern das
Gegenteil dessen, was etwa dem gesprochenen Drama notwendig und
wesenseigentümlich ist. Der Musik aber öffnen sie den Bezirk, auf dem
sie sich als Element der Bühnenwirkung entwickeln kann, ohne von ihrem
ureigenen Wesen etwas aufzugeben, ohne sich selbst zugunsten eines
anderen Zweckes opfern oder begrenzen zu müssen.
Dieses ureigene Wesen der Musik ist das Beziehungslose, das
verstandesmäßig Unfaßbare, nicht zu Greifende. Will man das Verhältnis
der Gegenwart zur unmittelbaren Vergangenheit, zum 19. Jahrhundert kurz
kennzeichnen, so kann man es nennen den Kampf gegen den Rationalismus
der Romantik. Der Rationalismus war bedingt durch das
Illusionsbedürfnis der Romantik und dieses wiederum durch ihre
Resignation gegenüber dem Leben, aus der die Auffassung der Kunst als
des Gegensatzes zum Leben, als des großen Täuschungsmittels, als des
Lebenssurrogates erwuchs. Solche Auffassung mußte notwendig in der
Theorie zur Kunstideologie, in der Praxis zur Wirklichkeits-Imitation
führen. Das Unbeziehbare des klanglichen Erlebnisses wurde in allerlei
Beziehungen gesetzt: die Oper mußte predigen, philosophieren,
moralisieren, zum mindesten psychologischen Anschauungsunterricht
geben. Die Sinfonie wurde der freien Poesie gewidmet, sie stellte dar,
wobei es im Wollen und Ergebnis gleichgültig war, ob das Dargestellte
ein direkt bezeichneter dichterischer Vorwurf war oder eine bewußt
erfaßte formalistische Idee. Wie es aber der Oper und der Sinfonie
erging, so auch den intimeren Gestaltungsformen der Vokal- und
Instrumentalmusik: dem Lied, dem Chorgesang, der Solo- und Kammermusik
verschiedenster Art. Das Lied, durch Schubert aus zopfiger Beengtheit
zur freiesten Spiegelung individuell erfaßten seelischen
Gemütsgeschehens erhoben, wurde durch Schumann, Jensen, Franz zur
Stimmungsschilderung abgeschwächt. Bei Brahms erscheint es unter
Neigung zu volkstümlich vereinfachender Formung, bei Hugo Wolf und
seinen neudeutschen Nachkommen wird es zur psychologischen Kleinstudie
-- ohne daß Komponisten und Hörern die damit verbundene Entseelung des
Lyrischen zum Bewußtsein gekommen wäre. Das Vernunftgemäße, auch in
künstlerischer Fassung stets irgendwie dem rein logischen Begreifen
Zugängliche war unausgesprochene Voraussetzung für die Anerkennung des
Kunstwerkes. Dieses selbst blieb nur Dokument des Talentes, etwas durch
Musik auszudrücken, was dem Inhalt nach ein Andersbegabter ebenso oder
ähnlich auf anderem Wege gesagt hätte. So zerfloß hier, wie in der
Sinfonie und der Oper, das Musikeigene. Das Interesse wurde fachlich
begrenzt, vorwiegend auf das Wie der Darstellung hingelenkt. Die
Kammermusik der Romantik einschließlich ihres gehaltvollsten Teiles:
der Brahmsschen Kammermusik bestätigt dies. Formalistischer Bau, Faktur
des musikalischen Satzes, klanglich koloristische Fassung, Art und
Entwicklung der Gefühlsdarstellung sind gegeben durch die klassischen
Vorbilder, das äußerlich Strukturelle vorwiegend durch Beethoven, das
lyrisch Empfindungsmäßige mehr durch Schubert. Dieses Erbe wird nun in
kleine Individualitätsgebiete aufgeteilt. Die gegebenen Grundmaße
ästhetischer, musikalischer Art bedeuten gewissermaßen ein festes,
geistiges Wirtschaftsgut, das nun aus dem Bereich des Urschöpferischen,
wo jene großen Geister es gefunden, in die kleine, irdisch bewegte Welt
als fertige Tatsache übernommen und verarbeitet wird.
Entwicklungsmäßig gesehen ist solcher Verlauf natürlich und richtig,
sein Wert und seine Bedeutung liegt in der allmählichen
Zugänglichmachung und Durchdringung der Ideen primär schaffender
Künstler. Wenn wir etwa die gesamte Kammermusik nach Beethoven bis zur
folgenden Jahrhundertwende auffassen als Mittel, durch variierende
Einzelausführung die gewaltige Masse der Hinterlassenschaft Beethovens
zunächst stofflich zu zerlegen und zu konsumieren, um dadurch den
Zugang zu ihrer höheren Geistessphäre allmählich zu gewinnen, so wäre
mit solcher Auffassung etwa die geschichtliche Mission der romantischen
Kammermusik bezeichnet. Damit ist aber zugleich gesagt, daß ihr selbst
die urzeugende Kraft abgeht, ja eigentlich mit Bewußtsein außerhalb
ihres künstlerischen Wollens gehalten wird, und daß sie, unter
Vermeidung eigener Stellungnahme und Auseinandersetzung mit den
Grundproblemen musikalisch schöpferischer Gestaltung, den gegebenen
Darstellungsapparat materialisierte, ihn als Schema im technischen
Sinne behandelte und ausbaute. Auf diese Art konnte bei ausreichendem
Einfühlungs- und Anpassungstalent noch manches an sich recht
beachtliche Musikstück entstehen. Die Gebiete, die Beethoven und
Schubert in ihrem Ideenflug abgesteckt hatten, boten Raum genug für
Sondersiedlungen. Aber das eigentlich Wertschaffende: die Kraft und der
elementare Zwang, aus dem heraus die idealistisch klassische Kunst
überhaupt erst die Regel ihrer Gestaltungsart gefunden hatte, mußte bei
den Nachfolgenden notwendigerweise fehlen. Die Gesetzlichkeit einer
bestimmten Ausdruckstechnik, der der schöpferische Gedanke noch vor
seiner Geburt untergeordnet war, die Einspannung des Gefühlsablaufes in
feste Normen unterstellt auch auf diesem Gebiet Gefühl und Phantasie
den Forderungen des Verstandes und des erklärungfordernden Bewußtseins.
Bezeichnend dafür ist Pfitzners Schaffenstheorie. Nach ihr zerfällt die
Entstehung des Musikstückes in die Empfängnis des thematischen
Einfalles und in dessen handwerklich formale Verarbeitung. Solche
Theorie ist nur möglich bei Auffassung der Form als eines gegebenen
Schemas, bei Verkennung des organischen Eigenlebens der Form aus dem
Zwang selbständigen Gestaltungstriebes, bei freiwilliger Beschränkung
der Schaffenstätigkeit auf individuelle Variierung als unveränderlich
genommener Typen. Das Primäre der musikalischen Konzeption wird auf den
melodisch thematischen Brocken des Einfalles beschränkt, der dann das
Objekt rationalistischer "Durchführung" bildet -- eine Auffassung des
Schaffensvorganges, die nicht nur Erzeugnis spekulativer Phantasie ist,
sondern wahrhaftige Charakteristik einer bis in die Gegenwart hinein
üblichen und anerkannten Praxis.
Wie nun in der großen sinfonischen Form ein zeiteigenes religiöses
Gemeinschaftsgefühl als neue Grundlage gewonnen wurde, wie in der Oper
an Stelle bewußter ethisch dramatischer Tendenz der irrationale
Spieltrieb wieder hervordrängte, so hat dieser Zug zum
Außervernunftmäßigen, zum ursprünglich Musikhaften der Musik, zur
reinen Gefühlskundgebung auch die Elemente der Tonsprache ergriffen,
aus denen sich Vokal- und Kammermusik formen. Er hat hier, auf dem
geistigsten, intimsten Ausdrucksgebiet die radikalste Umwälzung
hervorgerufen, zeigt am schärfsten oppositionelle Haltung gegenüber der
unmittelbaren Vergangenheit, ist in den Ergebnissen einstweilen
erheblich problematischer als in der Sinfonie und Oper. Er läßt aber
gleichzeitig die entscheidenden Grundfragen der künstlerischen
Wesensrichtung in klarster Eindeutigkeit hervortreten und gibt damit
eigentlich die letzte Auskunft über die Gegensätzlichkeit der
Anschauungen, den Wechsel der Zielsetzung. Sinfonie und Oper sind in
stärkerem Maße stoffgebunden. Wirken auch in ihnen die gleichen
Probleme, so sind sie doch von der begrifflichen Seite her leichter zu
fassen. In der Kammermusik fallen alle Bindungen nach außen fort. Es
bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem zu innerst Wesenhaften der
Musik, wie es hier in Klang, Stil und Form zutage tritt.
In diesen eigentlichen Elementen der Musik aber ist mehr und anderes
lebendig, als die Fachästhetik gemeinhin gelten läßt. In ihnen wirkt
und aus ihnen spricht die geistige Grundkraft der Zeit überhaupt, der
sie angehören, und aus deren innerstem Gefühlstrieb sie ihre Gesetze
empfangen.
* *
*
Wenn wir die in den beiden letztvergangenen Jahrhunderten
zurückgelegten Wege der musikalischen Gestaltungsart überblicken, so
zeigen sich zwei große, deutlich getrennte Entwicklungsgebiete: das des
polyphonen und das des homophonen Ausdruckes. Die Gegensätze sind dem
Prinzip nach nicht neu, sie waren schon im Mittelalter vorhanden, wenn
auch im einzelnen anders geformt. Allgemein gesprochen, ohne damit
bestimmte historische Umgrenzungen festlegen zu wollen, kann man sagen,
daß Zeiten mit vorwiegend religiös gerichtetem Geistesleben in der
Musik der Polyphonie, solche mit verweltlichter Interessenrichtung der
Homophonie zuneigen werden. Die letzte große polyphone Kunst der
Neuzeit war die Musik Bachs. Die Polyphonie -- Vielstimmigkeit -- ist
eine Kunst der linear bewegten Fläche. Das artistische Problem liegt in
der Vereinigung von organischer Selbständigkeit der Einzelstimme mit
strenger Gebundenheit des Ganzen. An dieser zusammenfassenden Kraft, an
dieser Fähigkeit, die reichste Mannigfaltigkeit linearer Sonderbewegung
in einen großen Totalkomplex zu vereinen, bewährt sich die polyphone
Kunst des Meisters. Was er schafft ist entstanden aus der Vorstellung
der Gesamtheitswirkung, ist bestimmt, ohne Verlust seiner Eigenheit
sich zu überindividueller Erscheinung zusammenzuschließen. Der
Unterschied der stimmlichen Einzelwesen ist lediglich Unterschied der
Lage, des Klanges, der Bewegungsschnelligkeit, dem Charakter nach sind
alle gleich, gehören alle der gleichen Gefühlsdimension an, sind sie
Linien, die sich nach dem Gesetz des Bewegungsimpulses
ineinanderschlingen, schneiden, zum Ornament formen, ohne je die reale
Sinnlichkeit der Linie, die Festigkeit des individuellen Seins zu
verlieren. Als Sprachmittel ist die Orgel mit der reichgegliederten und
doch im Charakter gleichartigen Fülle ihrer Klangschichtungen das
typische instrumentale, der vielstimmige Chor mit seinen artverwandten
Stimmindividuen das vokale Ausdruckselement der Polyphonie.
Die homophone Kunst, die schon zu Bachs Zeit und dann immer mächtiger
empordrängt, hebt die Gebundenheit der Vielheit, hebt die Wirkung durch
Zusammenwachsen der Organismen zur überindividuellen Erscheinung auf.
Alle Kraft, aller Wille, alles Leben konzentriert sich auf eine
Einzelstimme, die Führung nimmt, das Typenhafte abstreift und
subjektive Bestimmtheit erhält. Die Flächenhaftigkeit der
nebeneinandergelagerten Linien verschwindet, da nur noch eine
dominiert. Unter dieser aber bildet sich ein magischer Raum, eine neue
Dimension der Tiefe, gewonnen durch Schichtung geheimnisvoll
beziehungsreicher Tonstufen: die Harmonie. Die mit jedem Ton
gleichzeitig erklingenden Obertöne werden als seine Ergänzung empfunden
und festgehalten, diese vertikale Tonreihe gibt jetzt der gestaltenden
Phantasie entscheidende Anregung. Der Klang gliedert sich in Hauptton
und Nebentöne, jener als Leitpunkt der Melodie, diese als begleitender
harmonischer Untergrund. An Stelle des geometrisch flächigen tritt das
akustisch räumliche Tonsystem, an Stelle der Linienbewegung die durch
Wechsel der Tiefenbewegung wirkende Harmonie. Mit dieser Veränderung
der Tonvorstellung zugleich vollzieht sich eine entsprechende
Umgestaltung des Klangempfindens. Der Unterschied von melodischem
Hauptton und harmonischen Begleittönen bedingt auch ein anderes System
der Klanggruppierung. Der farbige Reiz des Klanges kommt zu
selbständiger Geltung. Gegenüber dem Streben nach Zusammenfassung
möglichst gleichartiger Charaktere in der polyphonen Musik herrscht
jetzt der Drang nach Gleichzeitigkeit heterogener Klangelemente, deren
verschiedenartig abgestufte Lichtwirkungen die Vorstellung des
räumlichen Übereinander steigern. In gleichem Maße und aus gleichem
Bedürfnis erhält die bis dahin vorwiegend auf einfache, primitive
Kontraste gestellte Dynamik lebendig bewegte Durchbildung. Das
Orchester, diese Vielheit des Ungleichartigen, wird das wichtigste
Instrument der melodisch homophonen Kunst, soweit andere Sprachmittel
herangezogen werden, geschieht es stets unter Mischung
verschiedenartiger Klangcharaktere. Im Streichquartett, der reinsten
Klangeinheit der homophonen Kunst, ist zunächst die dominierende
Stellung der Oberstimme, die begleitende, lediglich harmonisch füllende
Funktion der übrigen selbstverständlich und wird erst in den späteren
Quartetten Beethovens zu gesteigerter Subjektivierung und klanglicher
Gegensätzlichkeit der Einzelstimmen umgewandelt.
Den Anfang dieser großen, mit den tiefsten Regungen der zeitlichen
Geistesgeschichte unmittelbar verbundenen Umwälzung bildet das
Generalbaß-Zeitalter, so genannt nach der Gewohnheit, nur die
melodische Linie und die Baßstimme aufzuzeichnen, während die
erforderlichen harmonischen Füllstimmen durch Ziffern angedeutet und
bei der Aufführung improvisatorisch hinzugesetzt wurden. Man kann diese
Methode, deren naive Praxis deutlich die Unterscheidung zwischen
Wichtigem und minder Wichtigem spiegelt, gewissermaßen als Beginn der
musikalischen Aufklärung bezeichnen. Zeitlich ist sie schon vor Bach
vorhanden, wird auch von ihm selbst verwendet, erlangt aber
vorherrschende Bedeutung erst mit dem endgültigen Durchbruch des
homophonen Stiles, als Vorbereitung und Übergang zur Gewinnung der
harmonischen Vorstellungsart. Diese ist das eigentliche Ausdrucksgebiet
der Zeit des klassischen Idealismus. Hier hat die melodische Oberstimme
unumschränkte Freiheit, reichste Bewegungskraft, vollendeten
Persönlichkeitswert gewonnen. Keine Gebundenheit mehr, keine vorbewußte
Bezugnahme auf ein überindividuelles Ganzes ist vorhanden die
typenhafte Einzelformung hat sich zu schärfster Subjektivierung
gesteigert. Es herrscht die Melodie, als unmittelbare Spiegelung des
Persönlichkeitsbewußtseins, periodisch umgrenzt, physiognomisch von
äußerster Bestimmtheit des Schnittes. Diese Melodie ist empfangen aus
dem Vorgefühl der Harmonie. Die innere Bewegung der Harmonie, ihr
gesetzmäßiger Ablauf gibt die inneren Richtpunkte für die Melodie,
ähnlich und doch ganz anders wie in der Polyphonie die konstruktive
Idee der Gesamtform den Wuchs des thematischen Gedankens beeinflußte.
Dieser thematische Gedanke der polyphonen Musik war bei allem Eigenwert
ein Partialgedanke, die Melodie dagegen, namentlich der frühklassischen
Zeit bis zu Mozart, ist in sich geschlossen, fertig, ein lebendiges,
organisch gegliedertes, selbständiges Wesen. So offenkundig ihre
Gestaltung aus der Einbeziehung des Harmoniegefühles mitbedingt ist, so
zweifellos ist doch der bestimmende Zug des rein melodischen Impulses,
die Unterordnung der Harmonie vorzugsweise zur Stützung und
Bekräftigung der melodischen Erscheinung.
Melodie im Sinne der großen klassischen Kunst, wie sie am reinsten bei
Mozart, vorbereitend bei Haydn, abschließend bei Beethoven und Schubert
erklingt, ist das musikalische Symbol der freien Persönlichkeit, die
künstlerische Formung höchsten Individualitätsbewußtseins. Man kann die
Gesetze. ihres Baues durchforschen, man kann sie stilistisch kopieren.
Aber keine noch so starke melodische Erfindungsgabe einer späteren Zeit
kann ihre Wirkung annähernd erreichen, weil ihr Geheimnis nicht in
spezifisch musikalischen Gesetzen liegt, sondern in der Gewalt des
Ethos, dem sie entsprungen ist. Dieses Ethos zwang die Harmonie zur
Dienstbarkeit gegenüber der melodischen Individualität. Sie blieb
Trägerin der Kraft, sie durchdrang in der Hochblüte der klassischen
Kunst den harmonischen Unterbau bis in die feinsten Verästelungen, so
daß in den späteren Quartetten Beethovens die harmonische Fügung der
Stimmen durch freieste melodische Auflockerung fast bis zur Polyphonie
gesteigert wird, ja teilweise zu deren Formenbau zurückkehrt: in
Mozarts Jupiter-Sinfonie und "Zauberflöte"-Ouvertüre, in Beethovens
Ouvertüre "Weihe des Hauses" im Finale der Neunten Sinfonie, vor allem
in den drei großen B-Dur-Fugen: der Sonate op. 106, des Credo der
"Missa", des Streichquartetts op. 130. Doch ist diese Übereinstimmung
der melodisch homophonen mit der polyphonen Kunst nur äußerlich
stilistischer Art. Aus einer ins Grandiose gesteigerten melodischen
Phantasiekraft heraus wird die Linienkunst der alten Polyphonie hier
dem harmonischen Bewußtsein dienstbar gemacht, aus der Flächendimension
in die Tiefendimension übertragen, auf solche Art diese mit
konstruktiver Klarheit füllend: Kundgebung höchstgesteigerter
Persönlichkeitskraft, deren melodischer Wille Höhe und Tiefe der
Klangwelt durchdringt und mit tätiger Schaffensenergie nach seinem
Bilde gestaltet.
Linear sich entfaltende Polyphonie mit dem Ziel flächenhafter
Ausbreitung und Zusammenfassung, melodische Homophonie, gestützt auf
den imaginären Unterbau der harmonisch räumlichen Tiefe waren zwei in
sich grundverschiedene Arten der Klanggestaltung, schöpferische
Kundgebungen zweier in sich selbständiger, mit eigener Kraft des
Schauens und Formens begabter Zeitalter. Der Romantik fehlt diese
Fähigheit eigenschöpferischen Bildens. Wie hinsichtlich der
Stoffbehandlung, wie hinsichtlich der geistigen Problemstellung, ist
sie auch in bezug auf spezifisch klangmusikalische Formung eine
Niederbruchserscheinung im Gefolge des Klassizismus. Die beherrschende
melodische Kunst, dieses Siegelzeichen der festen Persönlichkeit, geht
ihr verloren. Wohl bleibt ihr Musikempfinden melodisch orientiert, aber
die Melodie verliert die feste, in sich ruhende Geschlossenheit der
klassischen Melodik. Der Schwerpunkt sinkt unter die melodische
Oberfläche in die Harmonik, diese trägt jetzt den Bewegungsantrieb in
sich. Bei den Klassikern erscheint das ganze musikalische Gebilde in
unmittelbarer plastischer Gegenständlichkeit, Melodik als
formbestimmender Umriß, Harmonik als füllende Körperhaftigkeit. Nun
wird die Harmonik zur innerlich führenden Kraft, und die Melodie zeigt
in ihrem Verlauf mehr und mehr nur den Wellenschlag der harmonischen
Innenbewegung, Wagners Begriff der "unendlichen Melodie", die "mit
einer einzigen harmonischen Wendung den Ausdruck auf das Ergreifendste
umstimmen kann," ist die natürliche und richtige Kennzeichnung einer
Musikempfindung, deren Zentrum in der Vorstellung und Betonung der
harmonischen Wirkung liegt, deren Melodik daher mehr und mehr zur
Verknüpfung der Harmonien wird. Nicht nur bei Wagner und Liszt, auch
bei Schumann, Spohr, Marschner, Weber, selbst bei dem klassizistisch
eklektischen Mendelssohn ist diese Gestaltung der Melodie aus dem
Willen der Harmonie erkennbar. Sie steigert sich bei Brahms, den
Wagner- und Liszt-Epigonen bis zur völligen Abhängigkeit des mehr und
mehr zur Andeutung verflüchtigten melodischen Gedankens voll der
dominierenden harmonischen Konzeption. Es bedarf kaum des Hinweises,
daß, gerade wie sich bei Bach in Einzelfällen bereits häufig Beispiele
melodischer Homophonie finden, so auch bei den Klassikern, namentlich
bei Beethoven und dem innerlich bereits stark romantisierten Schubert,
die Harmonie gelegentlich führend und ausdrucksbestimmend hervortritt.
Aber abgesehen davon, daß solche Fälle im Hinblick auf das Gesamtwerk
Ausnahmen bedeuten, zeigt sich auch bei genauer Betrachtung, daß selbst
hier der bestimmende Grundimpuls melodischer Natur ist. Die
Klangvorstellung, aus der die Musiker des klassischen Idealismus
schöpfen, läßt sich bezeichnen als harmonisierte Melodik, die der
Romantiker als melodisierte Harmonik.
In solcher Gegenüberstellung liegt zunächst keine Wertung. Sie ergibt
sich erst, wenn man Sinn und Folge dieser Wendung betrachtet. Der Sinn
war der gleiche wie in der romantischen Bewegung überhaupt: Abkehr von
der Realität, von der Gegenständlichkeit des Fühlens, wie sie sich in
der Formung der selbsteigenen, geschlossenen Melodie aussprach, Flucht
in die Unwirklichkeit, in die magische Phantastik des harmonischen
Raumes, dessen Unbestimmtheit durch die zu ständigem Wechsel,
plötzlicher Umstellung und Überraschung führende Chromatik noch
gesteigert wurde. Die Harmonie, die sich nicht, wie in der polyphonen
Kunst, als sekundäre Folge ergibt, auch nicht, wie in der klassischen
Homophonie, dienender Unterbau der melodischen Gestalt, sondern Herrin
und Führerin ist, bedeutet als ästhetisches Phänomen die Verlegung des
Gefühlszentrums in eine spekulative Sphäre. Belebt wurde sie durch eine
allmählich bis ins kleinste sich erstreckende motivische Gliederung,
aus deren sinnvollem Ineinandergreifen sich ein künstlich organisches
Gegenbild der Wirklichkeit ergab. Wagner macht sich Schopenhauers
romantische Musikästhetik zu eigen: die Musik ist Spiegelung aller
Objektivierungen des Willens, von der niedersten bis zur höchsten
Stufe. Alles ist innerlich aufeinander bezogen durch die Harmonie, und
oben schwebt als letzte Bindung der einigende melodische Faden.
Schopenhauer exemplifiziert zwar nicht auf Wagner, auch nicht auf die
Klassiker, sondern auf Rossini. Seine Betonung der primären Bedeutung
der Melodie zeigt seine Herkunft vom Idealismus, in seiner Auffassung
vom Wesen der Harmonie aber ist er durchaus der an die Vorstellung des
imaginären musikalischen Raumes und seines innerorganischen Lebens
gebundene Romantiker.
Dies ist der Sinn der romantischen Wendung zur melodisierten Harmonik:
die Gewinnung der musikalischen Raumvorstellung zum Aufbau einer
illusionistisch bewegten Klangwelt als Widerspiel und Korrektiv der
Realität. Die Folge war eine ständig zunehmende Überschätzung des
Wesens und der Bedeutung der Harmonie, die für den Romantiker
schließlich der Inbegriff des Wesens der Musik überhaupt wurde. In
seiner Schrift "Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz" gibt Hans
Pfitzner eine entwicklungsphilosophische musikgeschichtliche Skizze, in
der er eine scharfe Grenzlinie zieht zwischen der Zeit, wo Musik nur
Wissenschaft gewesen, und der Zeit, wo sie Kunst geworden sei. Als
Kennzeichen des Übergangs von der Wissenschaft zur Kunst wird genannt
der Augenblick, in dem "der Geist der Musik endlich das so lange
vorenthaltene Kleinod" herausgab, "den Teil seines Wesens, in dessen
Besitz die Musik zum erstenmal in der Welt als selbstherrliche Kunst
auftreten konnte: die Welt der Harmonie". Es ist hinzuzusetzen, daß
Pfitzner den Beginn der harmonischen Musikauffassung wesentlich früher
ansetzt, als es hier geschieht, nämlich schon im späten Mittelalter,
daß er also Unterschiede zwischen polyphoner, melodisch homophoner und
harmonischer Musikempfindung nicht annimmt. Indessen handelt es sich
nicht darum, über Notwendigkeit und Berechtigung dieser Abgrenzungen zu
sprechen. Bezeichnend ist lediglich die Tatsache, daß der Epigone der
Romantik in der Harmonie schlechthin das Wesenhafte der Musik erblickt,
daß es ihm "äußerst schwer, wenn nicht unmöglich ist, sich eine
wahrhafte homophone Tongestalt vorzustellen", daß bei ihm eben
jegliches Musikempfinden an die bewußt oder unbewußt mitschwingende
Harmonie gebunden ist. Das ist als subjektives Bekenntnis zweifellos
wahr und richtig und erklärt alle weiteren Folgerungen, die Pfitzner
aus seiner ästhetischen Grundanschauung zieht. Falsch daran ist nichts
als die These selbst von der Harmonie als dem Urwesen der Musik, falsch
in bezug auf die Bezeichnung der frühmittelalterlichen Musik als bloßer
Wissenschaft und das Nichtvorstellbare einer homophonen Tongestalt:
gäbe es kein anderes Denkmal der musikalischen Frühzeit als den
Gregorianischen Choral, so wäre der unwiderlegliche Gegenbeweis
erbracht. Aber auch in der Neuzeit ist die harmonische Musikvorstellung
als richtunggebende Empfindungsart erst zuletzt mit allen Symptomen
einer Nachblüte zur Geltung gekommen. Wer in ihr das Wesenhafte der
Musik überhaupt erkennt, der freilich muß unvermeidlich, selbst wenn es
heute keine andersgerichtete Musik gäbe, wenn also eine Opposition gar
nicht in Frage käme, zur ästhetischen Erkenntnis eines Unterganges
kommen. Denn wirklich: diese Welt der Harmonie, dieses kunstvolle,
praktisch und theoretisch zur vollkommensten Organik entwickelte
Phantom einer musikalischen Raumvorstellung, dieses Illusionsgebilde,
dessen imaginäre Realität Verstand und Spekulation zu denkbar höchster
rationaler Gesetzmäßigkeit ausgebaut haben -- es geht wahrhaft unter,
geradeso, wie die Romantik untergeht, deren merkwürdigste und
eigentümlichste Schöpfung es ist.
Die Welt der Harmonie geht unter -- aber die Welt der Musik bleibt
bestehen. Beide sind nicht identisch, und die Zeit der harmonischen
Musikempfindung ist im Ablauf des geistigen Werdens nur eine Episode
der Musikgeschichte, nicht einmal eine selbständige, sondern eine
Ableitung, eine Wucherung der melodisch homophonen Musik. Was sie der
Romantik innerlich zugehörend und konform erwies, war der starke
spekulative Anreiz, den ihr Ausbau dem Verstande bot, war der Grundzug
rationeller Vernünftigkeit, der ihr nicht nur äußerlich, sondern rein
gefühlsmäßig aufgeprägt war und ebendarum schematisch formalistische
Bildungen außerordentlich begünstigte, ja ihnen noch den Charakter
besonderer Ehrwürdigkeit und Tugend gab. An und in diesen Bildungen ist
nun die Welt der Harmonie erstarrt. Sie vermag sich nicht mehr aus
ihnen zu lösen, weil sie in Wahrheit gar keine Welt ist oder war,
sondern nur eine Insel in der Welt, deren Umkreis nun erkannt ist und
deren Geheimnisse durchforscht sind. Auf dieser Insel stehen wir heut
und spähen in die Weite, um den Weg zu neuen Küsten und Ländern zu
erforschen. Der Kompaß, der dahin führen soll, ist das Bewußtsein der
irrationalen Natur der Musik. Aus diesem Bewußtsein erwächst die
Abwendung von der Harmonie als Grundlage der Klangempfindung. Diese
Harmonie hatte in ihrer Entwicklung die Verbindung mit dem
gefühlsmäßigen Quell musikalischen Lebens verloren, sie hatte sich zu
einer Massenhäufung von "Systemen" verhärtet -- keine Art der
Klanganschauung hat eine solche, fast unübersehbare Menge von Systemen
hervorgebracht, hat die Denkart der Menschen derart auf dogmatische
Gebiete abgeleitet. Es gilt nun, diese lebendige Dogmatik der
Harmonielehren als Lehren nicht etwa nur des technischen Satzes,
sondern vor allem als Zwangsschienen des Empfindungsvermögens
abzustreifen. Es gilt, darüber hinaus den Weg zu einer neuen, dem
Verlangen nach außervernunftmäßiger Klanganschauung und -gestaltung
entsprechenden Kunst zu finden.
Hier stehen wir gegenwärtig, und in der gekennzeichneten Aufgabe, der
Gewinnung einer im Wesen neuen Art der Musikanschauung überhaupt liegt
alles beschlossen, was die Musik an Teilproblemen anderer Art bietet.
Gemeinschaftsgefühl, religiöses Bewußtsein, Symbolik des Spieles, alles
dies sind ins Begriffliche gewendete Ausstrahlungen des zutiefst
musikeigenen Problems unserer Gefühlsauffassung der Musik. Die Fragen
des Stiles, der Form, der klanglichen Fassung sind gleichfalls an sich
nicht primärer, entscheidender Art. Auch ihre Lösung ist bedingt durch
die Art, wie wir Musik als Phänomen an sich empfinden, aus welcher
Einstellung des Gefühles wir sie erfassen.
Wir sind Suchende. In dieser Tatsache des Suchens mag mancher im [sic]
Zeichen zeitlicher Schwäche sehen. "Alles Neue und Originelle gebieret
sich von selbst, ohne daß man danach suchet", hat Beethoven gesagt. Es
war zweifellos richtig -- für Beethoven, und wir dürfen, ohne uns zu
schämen, zugestehen, daß unter uns gegenwärtig kein Beethoven lebt.
Aber wir dürfen auch hinzusetzen, daß Kolumbus Amerika nicht entdeckt
hätte, ohne es zu suchen. Wir dürfen sogar weiter sagen, daß er
eigentlich etwas Ganz anderes suchte als Amerika, daß er von diesem
Erdteil gar nichts wußte, ja daß er ihn in Wirklichkeit auch nicht
entdeckt hat, sondern einer Täuschung verfiel -- und daß er doch die
kühnste Entdeckernatur war, vor deren Namen und Tat die Geschichte
innehält. Was ihn trieb, war der Zwang zur neuen Welt. In der Kraft,
mit der er dieses Muß des Zwanges zur Tat wandelte, lag das
Entscheidende seiner Größe, nicht im unmittelbaren realen Ergebnis. Wir
sind in der Lage der Kolumbuszeit.
Die Säfte der alten Welt sind vertrocknet, sie stirbt, ihre gläubigen
Einwohner sagen es selbst, und wir müssen einsehen, daß sie recht
haben. Aber wir hängen nicht so an ihr, wir fühlen uns ihr nicht so
verbunden, daß wir mit ihr sterben wollen. Im Gegenteil, wir sind der
Meinung, daß sie wohl tut, zu sterben, weil ihre Zeit um ist und wir
den Glauben haben an die neue Welt, obwohl wir sie noch nicht sehen. In
der Tatsache dieses Glaubens an das Unbekannte liegt etwas, das mehr
ist als lediglich negative Opposition gegen das Bestehende, etwas, das
der bisherigen Zeit fremd war, uns ihr überlegen macht und uns die
Überzeugung gibt, daß die Fahrt sein muß, weil eben der Glaube es
befiehlt. Ob wir nun Indien auf dem andern Wege um die Welt erreichen,
oder vielleicht ein ganz neues Land, das können wir nicht sagen. Wir
wissen nur, daß wir fahren müssen, nicht aus Abenteurerlust, sondern
unter dem Gebot der inneren Verheißung. In der Erfüllung dieses Gebotes
liegt unsere Sendung.
So verlassen wir die alte romantische Welt der Harmonie. Der Blick
wendet sich zurück auf das, was vor ihr war. Die schöne Idealwelt des
Klassizismus erkennen und verehren wir in all ihrer Hoheit, die
Sinfonien Haydns, die Opern Mozarts, die Quartette Beethovens sind
Bestandteile unsres Menschentums, die wir nicht hergeben könnten, ohne
uns selbst zu vernichten. Aber diese Welt ist fertig. Sie hat die freie
Persönlichkeit, die große Melodie der Menschen gebracht. Was darüber
hinaus lebendig und triebkräftig an ihr war, hat auf eben den Weg
geführt, den wir jetzt verlassen. Der Mensch als Einzelwesen hat als
Objekt der Kunst alles gegeben, wag er zu geben vermochte, von der
reinen Zusammenfassung stärkster Schwungkräfte des Geistes bis zur
leidvollen Selbstzersetzung. Psychische und akustische Vorgänge
entsprechen einander: die Harmonie, diese merkwürdige Auseinanderlegung
des Haupttones in die gleichzeitig klingenden Nebentöne ist als
Klangphänomen eine Zersetzungserscheinung, die die plastische Kraft der
Melodik von innen her zerstört. Dieser Zerstörungskeim lag in der
klassischen Kunst der melodischen Homophonie eingeschlossen, ähnlich
wie die immer höher gesteigerte Individualbelebung schließlich zur
Auflösung der Polyphonie geführt hatte. Nun haben wir den Kreis des
Einzelwesens umschritten und ausgeforscht, das Individuum als solches
ist wieder einmal im Lauf der Menschheitsgeschichte erkannt. Es hat von
sich allein aus nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu geben auf lange
Zeit hinaus, wir haben kein Interesse mehr an ihm, seinen Gesetzen,
seinen Intimitäten. Die Gattung, der Typus, die Gesamtheit rückt wieder
vor, das menschlich Gemeinsame tritt an die Stelle des persönlich
Besonderen, die Wage des Gefühles senkt sich wieder nach der anderen
Seite: vom melodisch harmonischen Individualismus zum polyphonen
Kollektivismus. Freilich zielt diese Umschaltung nicht auf
Wiederaufnahme der alten polyphonen Kunst. In diesem Fall wäre sie
nichts anderes als ebenfalls romantische Stilkünstelei, die nur statt
auf Mozart auf Bach Bezug nimmt. Es handelt sich vielmehr um einen
neuen, elementar bedingten Durchbruch der polyphonen Musikauffassung,
die als solche der vorklassischen Zeit nähersteht als der klassischen,
im übrigen ihrer stilgesetzlichen Besonderheit nach von der Polyphonie
Bachs mindestens ebenso weit entfernt ist wie diese etwa von der
polyphonen Kunst des Mittelalters. Die zwischen zwei derartigen
geistesartlich verwandten Epochen liegenden Erlebnisse und Ausblicke
sind Erfahrungen, die nicht vergessen werden können. So sicher der
subjektivistische Auflösungsprozeß der harmonischen Empfindungsart
nicht mehr im Mittelpunkt des musikalischen Fühlens steht, so bedeutsam
wirken doch seine Ergebnisse auf die sich neu heranbildende Art der
Musikauffassung nach.
Das hier angeschlagene Problem ist keines einer einzelnen Nation,
sondern der Menschheit. Die große Krise, in der wir stehen, die
Erkenntnis der Notwendigkeit einer Änderung unserer Gefühlseinstellung
gegenüber allen Erscheinungen des Seins, der Überwindung des
Individuums, der Erfassung von Leben und Welt aus einem Mittelpunkt
außerhalb unsrer selbst ist eine Aufgabe, die schon ihrer Natur nach
nicht auf nur ein Volk beschränkt bleiben kann. Wir sehen auch überall
gerade in der Musik der Völker alter und neuer Kultur Ansätze zu einer
Entwicklung im angedeuteten Sinn. Wir sehen sie aber in der deutschen
Musik besonders auffallend. Sicherlich nicht nur, weil wir ihr am
nächsten stehen. Kein Volk hat das Erlebnis der Romantik mit so
starker, gläubiger Intensität in sich aufgenommen, keines ist so bis
auf die tiefsten Wurzeln seines Wesens davon ergriffen worden. Keines
hat dieser Entwicklung zum Individualismus und Subjektivismus so
mannigfaltige, reiche Früchte abgewonnen und -- bei keinem hat der
geistige Zersetzungsprozeß, die Krankheitserscheinung der Romantik so
verheerende Folgen gehabt. Es ist begreiflich, daß daher auch gerade aus
der deutschen Musik der erste und stärkste Vorstoß gegen die
romantische Kunst erfolgte, der ihn in gedanklichem Phantasiespiel
vorbereitete, ist der Deutsch-Italiener Busoni, der ihn führte, ist
Arnold Schönberg. Gleich Mahler und Schreker ist auch Schönberg ein
Abkömmling der Romantik, der in seinen Anfangswerken mit vollem
Bewußtsein die vielleicht reichste, phantasievollste Harmoniewelt der
Epigonenzeit aufbaute. Aber eben diese Leichtigkeit der Weiterbildung
überkommener Gesetzmäßigkeiten hat in ihm früh den kritischen Trieb
geweckt, hat die Erkenntnis geschärft für das konventionell Gebundene
dieser Kunst. Was Mahler durch seine vorwiegend ethisch religiöse,
Schreker durch die elementare Triebhaftigkeit seiner sinnlichen
Phantasie fand, das erreichte Schönberg durch die unerbittliche Schärfe
und fanatische Härte seiner kritischen Fragestellung. Der kühnste,
rücksichtsloseste Intellekt der Nachromantik erkannte die
intellektuelle Bedingtheit dieser Kunstart. Auf dem Gebiet
vernunftmäßig geregelten Musizierens floh er in das Bereich der
beziehungslosen, rein phantastisch bewegten Musik, die aus der
Übersteigerung des Subjektivismus diesen überwindet, aus der
spekulativen Zerfaserung der Harmonie diese aufhebt, aus der
atomisierenden Auflösung des Einzelnen, Besonderen wieder zur Erfassung
des Allgemeingültigen, Typischen, Menschlichen gelangt. Es ist das, was
nach Abstreifung des Individuellen übrigbleibt, im Gegensatz zu der
älteren Typenauffassung, vor der das Persönliche als eigenberechtigt
noch gar nicht bestand. Dementsprechend ist Schönbergs Musik im
Vergleich zu der visuell flächenhaft empfundenen, wuchtig klaren
Ornamentik der Bachschen Polyphonie auf Erfassung des seelisch
Essentiellen gerichtet, mehr Gefühlsvibration als -darstellung. Das
Polyphone an ihr ist mehr Mittel als Zweck. Es ergibt sich nicht aus
dem Willen des Zusammenschlusses, sondern des irregulären
Nebeneinander, das die Harmonie nicht mehr kennt und die Stimmen aus
der räumlichen Tiefe wieder in die lineare Parallele zu bringen sucht.
Das Ziel aber, die Idee der Einigung, ist nicht eigentlich
kollektivistischer Art, es ist nicht Vielstimmigkeit im Sinne der
alten, organisch gebauten Polyphonie. Es ist vielmehr eine
Einstimmigkeit im absoluten Sinne, entharmonisierte Melodik freiester
Art, Projizierung aller Bewegungskräfte des Gefühls in eine einzige
Linie, die polyphone Mannigfaltigkeit des Stimmklangs,
individualisierende melodische Geschlossenheit und harmonisches
Raumgefühl in einem vereinigt.
Die verwirrende, scheinbar mißtönende Polyphonie des Schönbergischen
Satzes ist in Wahrheit nichts anderes als das Suchen nach dieser
Einstimmigkeit höchster Art, als der Versuch, den Klang immer mehr auf
das Urwesenhafte zu beschränken, ihn aller einengenden Subjektivismen
zu entkleiden, ihn lediglich zum Symbol des auch formal im
Verstandessinne Unfaßbaren, des psychologisch nicht Deutbaren, des
Irrationalen zu machen. Damit gelangt die Musik durch das Mittel der
Polyphonie wieder zu einer Homophonie zurück, von der der romantische
Musikästhetiker meint, daß man sie sich in Wahrheit überhaupt nicht
vorstellen könnte. Und doch liegt in der Aufgabe, diese
Vorstellungsgabe zu gewinnen, der Kern der musikalischen Probleme
unserer Zeit. Je mehr wir erkennen, daß die Kurve der musikalischen
Bewegung tatsächlich dauernd in absteigender Linie läuft, daß alles,
was uns das 19. Jahrhundert gebracht hat, Produkt ständig zunehmender
Materialisierung, Steigerung der Mittel unter Vergessen oder
theatralischer Vortäuschung der seelischen Grundkräfte bedeutet, um so
stärker wird der Drang nach Abstreifung all dieser artifiziellen
Auswüchse, nach Vereinfachung, nach Rückgewinnung der ursprünglichen
Naturkraft des musikalischen Klanges. Solche Vereinfachung ist nicht zu
finden durch Reduzierung der üblichen Mittel, nicht durch eigensinniges
Festhalten an einem gegebenen historischen Schema, auch nicht durch
stilistische Verkleidungskünste. Sie setzt voraus völlige Umstellung
der seelischen Grundkräfte, aus denen die Musik erwächst, Wille und
Fähigkeit, Musik überhaupt außerhalb aller Konvention als Formung
elementarer Gefühlskraft, als Naturlaut zu erkennen. Um zu solcher
reinen Homophonie zu gelangen, müssen wir fähig werden, die absolute
Linie nicht als Teilornament eines polyphonen Gewebes, nicht als
Führerin oder abgrenzende Umkleidung der harmonischen Bewegung, sondern
als selbständige Ausdrucksgestaltung höchst potenzierter Kraft zu
empfinden. Dies ist wohl die Richtung, in die Schönbergs Schaffen
deutet. Wenn wir überhaupt an die Möglichkeit des Weiterlebens der
Musik oberhalb der blöden Gewohnheit und des gedankenlosen Betriebes
glauben, so können wir es nur in der Richtung der prophetischen Kunst
Schönbergs für denkbar halten.
* *
*
Man pflegt in Deutschland den Deutschen im allgemeinen als musikalisch
hervorragend begabt und das deutsche Volk als auf musikalischem Gebiet
vor allen anderen ausgezeichnet anzusehen. Wie weit solche Ansicht der
Wirklichkeit entspricht, wäre genau wohl nur durch vergleichende
Statistik festzustellen. Zunächst ist die Tatsache unzweifelhaft, daß
Franzosen und Italiener eine sehr hochstehende geschichtliche
Musikkultur, die Russen eine außerordentlich eigentümliche Kirchen- und
Volksmusik aufzuweisen haben, und daß der Durchschnittstyp des
Italieners, Tschechen, Russen an natürlicher Musikalität dem Deutschen
mindestens gleichkommt. Dem Talent und der produktiven Veranlagung nach
dürfte es vielleicht schwerfallen, den Vorrang der Deutschen zu
beweisen. In einer Beziehung aber scheinen sie sich gegenüber anderen,
ähnlich begabten Völkern hervorzutun: in der Art nämlich, wie ihre
Musik zum unmittelbaren Abbild ihrer Geistesgeschichte wird, wie sie
alle Wandlungen der Volksseele in sich aufnimmt, sie widerspiegelt, ja
aus ihnen eigentlich die Impulse ihres Seins empfängt. Die Musik
anderer Völker ist wohl ebenfalls Wandlungen unterworfen, aber dies
sind Wandlungen des Geschmackes, und so mannigfache Verschiedenheiten
es etwa innerhalb der italienischen oder französischen Oper der beiden
letzten Jahrhunderte gibt, so sind dies im Grunde genommen nur
Unterschiede des Zeitstiles, der Einkleidung. Gleich bleibt sich stets
die durch nationales Temperament bedingte Auffassung der Musik als
unmittelbarer Sprache der Sinne, des Blutes, des Formwillens. Für den
Deutschen dagegen ist die Musik angewandte Metaphysik. Dies gilt nicht
nur für den betrachtenden Beobachter, es gilt für den Schaffenden wie
für den Aufnehmenden, es gilt für jeden Deutschen. Diese metaphysische
Einstellung zur Musik ist eine der grundlegenden, logisch nicht zu
erklärenden Eigenschaften des Volkscharakters oder der Volksseele. Sie
wird ebenso offenbar am einfachsten Lied wie an der kompliziertesten
Kunstmusik, und sie ist es, nicht irgendwelche konventionelle Eigenheit
der Faktur, die der deutschen Musik ihr eigentümliches Gepräge, ihre
Sonderstellung innerhalb der Kunst aller Völker gibt. An sinnlicher
Wärme des Blutes wird uns stets der Italiener, an Klarheit und
logischer Beherrschtheit der Gestaltung stets der Franzose überlegen
sein. Das Übersinnlich-Unaussprechbare, der Wille zum Transzendenten,
die Verwebung feinster Probleme des Geisteslebens mit den Gesetzen der
Klangformung, die Empfindung des Klanges überhaupt als metaphysischen
Symboles ist die bezeichnende Eigenheit der deutschen Musik.
Schon daraus ergibt sich ihr Angewiesensein auf Zuflüsse von außen. Es
ist nie zu befürchten, daß solche Zuflüsse sie schädigen, ihrer
Originalität berauben könnten. Abgesehen davon, daß es eine schwache
Originalität wäre, die sich nur durch gewaltsame Absperrung zu halten
vermag, wird die deutsche Musik niemals ernstlich fähig sein,
fremdländische Muster wirklich zu kopieren. Sie kann gar nicht anders,
als die ihr zugetragenen Gefühls- und Formanregungen aus der ihr
eigentümlichen metaphysischen Grundeinstellung erfassen, sie also in
eine völlig andersgeartete Vorstellungs- und Empfindungssphäre
übertragen. Andererseits macht gerade diese Art der Grundeinstellung
steten Zufluß blut- und formgebender Kräfte von außen her erforderlich.
Wir sind auch als musikalische Kulturträger kein Volk der
Selbsterzeuger, wir sind ein Volk der Verarbeiter. Wo je im Lauf der
gesamten Geschichte die deutsche Musik einen Höhepunkt erreicht hat, da
hatte sie auf fremdvölkischem Material aufgebaut. Wegen dieses
außernationalen Ursprunges und wegen der metaphysischen
Steigerungskraft der deutschen Musik sind solche Höhepunkte zugleich
Höhepunkte der musikalischen Kunst überhaupt geworden. Wo aber die
deutsche Musik durch den Gang der Ereignisse nach außen abgeschlossen
wurde, da ist sie blaß und schwach geworden, ihre Metaphysik hat der
Unterlage einer lebendigen Physis entbehrt.
So ist die deutsche Musik unmittelbar dem deutschen Geistesleben im
tiefsten Sinne verknüpft und spiegelt dessen Wandlungen ihrer
metaphysischen Natur nach in unerbittlich genauer Schärfe. Zur Führung
berufen, der letzten Abklärung fähig und zugewandt, vermag sie zu
diesen höchsten Eigenschaften ihres Wesens nur im Durchgang durch
andere zu gelangen. National bedingt, ist sie nach Gesinnung und
Auswirkung eine europäische Kunst, in ihr leben und kämpfen die
Probleme des europäischen oder schlechthin des Menschentums überhaupt.
Der große Niederbruch hat sie gepackt und mitgerissen wie kaum eine
andere Zeiterscheinung der Geistesgeschichte. Was im heutigen
musikalischen Leben Deutschlands vor sich geht, ist das getreue, im
einzelnen ins Groteske verzerrte Abbild unseres allgemeinen Lebens. Es
wird gekämpft nicht nur um Überzeugungen und Urteile, es wird gekämpft
um Gesinnung und Macht, es wird gekämpft nicht mit Einsichten und
Gründen, sondern mit Terror und Lüge, es wird gekämpft nicht um
sachliche Werte, sondern um persönliche Interessen, und das Was und Wie
all dieser Kämpfe ist eine grobe Karikatur der Dinge, deren reiner Name
mißbraucht wird.
Aber in dieser Musik lebt hinter allen Trugmasken, heut noch fern dem
Tage, Erkenntnis der tiefsten Notwendigkeit geistiger Erneuerung. Es
lebt der Glaube an das Kommende, das andere, das mit Namen nicht zu
nennen ist, und dessen Dasein doch innerlichst erspürt wird. Es lebt
die Idee, daß nicht nur Untergang, sondern auch Aufgang bevorsteht, es
lebt die Vorstellung des unbekannten Gottes. Gerade in der deutschen
Musik ist sie lebendig, zieht sie ihre starken Spuren, wirkt sie mit
wachsender prophetischer Kraft. Sie hat uns die Fähigkeit des Glaubens,
de Überzeugung von der Notwendigkeit dieses Glaubens als seelischer
Voraussetzung aller Offenbarung gebracht. Das ist ihre stärkste
Leistung. Der Erfüllung müssen wir noch harren, bis wir selbst ihrer
fähig sind.
DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DER GEGENWART
VON MAX SCHELER
Vom "Volksverband der Bücherfreunde" und dem Herausgeber aufgefordert,
auf engem Raum ein Bild zu geben von der gegenwärtigen deutschen
Philosophie, ist der Verfasser sich bewußt, daß der Gegenstand mehr wie
je als ein im Werden befindlicher betrachtet werden muß. Die Tendenz
auf Zersprengung vorhandener, lange bewährter Formen, die in den
Sphären des sozialen Lebens, der Kunst (Expressionismus) und der
Wissenschaft (Relativitätslehre) mit seltsamer Gleichzeitigkeit
auftritt, ist auch in der Philosophie der Gegenwart weit größer, als es
der erste Augenschein lehrt. Die besondere Absicht, die der sonst
solchen Zusammenfassungen wenig geneigte Verfasser mit diesen Zeilen
verbindet, ist, einem größeren Bildungskreise die Möglichkeit zu geben,
sich durch eigene Gedankenarbeit in diejenigen Leistungen der
gegenwärtigen Philosophie tiefer einzuarbeiten, die er nach eigenem
philosophischen Urteil für die triebkräftigsten und zukunftsreichsten
hält. Die menschliche und nationale Selbstbesinnung nach dem
tiefgreifenden Zusammenbruch unseres Staates und unserer bisherigen
gesellschaftlichen Ordnungen vollzieht sich in der Philosophie in der
höchsten und durchgeistigtsten Form. Richtungen und Wege zu ihr mögen
daher indirekt auch auf diesen Blättern mitbezeichnet werden. Es wird
dem Verständnis dienlich sein, wenn der Verfasser schon hier am Anfange
in vager Weise die formale Gestalt der Art von Philosophie bezeichnet,
auf die hin das Beste der gegenwärtigen Arbeit zielt. Insofern
behauptet er: Eine universale, durch die nationalen Mythen nicht
gebundene, mit traditionalistischen Schulstandpunkten und ihren
terminologischen Geheimsprachen prinzipiell brechende S a c h
philosophie, die auch die metaphysischen Weltanschauungsfragen in den
Grenzen, in denen es Philosophie im Unterschied zur Religion allein
vermag, in kritischer und vorsichtiger Weise wieder einer Lösung
zuzuführen sucht, beginnt sich unter der methodischen Leitung des
Satzes vom Primat des Seins vor dem Erkennen in der Gegenwart von den
verschiedensten Seiten her aufzuarbeiten. Der Subjektivismus,
erkenntnistheoretische Idealismus, Relativismus, Sensualismus,
Empirismus und Naturalismus wird im Aufbau dieser Philosophie langsam ü
b e r w u n d e n, und es wird wie von selbst eine Wiederanknüpfung der
Philosophie stattfinden an die großen Traditionen jenes objektiven
Ideenidealismus, der etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das
europäisch-christliche Denken immer noch notdürftig zusammenhielt --
eine Wiederanknüpfung, die um so wertvoller sein dürfte, als sie
ungewollt und aus der schlichten Untersuchung der Sachprobleme der
Philosophie selbst sich ergibt: gleichzeitig aber das neue positive
Wissen, das die Einzelwissenschaften erarbeitet haben, in sich
aufnimmt. Diese Philosophie wird nicht sein wollen die D e s p o t i n
der Einzelwissenschaften, wie in der sogenannten "klassischen" Epoche
der deutschen Spekulation (z. B. Hegel), noch bloße D i e n e r i n
der Einzelwissenschaften (als Erkenntnistheorie und Methodologie),
sondern wird in dem daseinsfreien "W e s e n" aller Seinsgebiete der
Welt einen selbständigen, n u r der Philosophie zugänglichen G e g e n
s t a n d besitzen, den sie mit eigenen Methoden zu erkennen
unternimmt.
Will man die Philosophie der Gegenwart verstehen, so wird man sie auf
den größeren Hintergrund der Philosophie des 19. Jahrhunderts mit ihren
Phasen projizieren müssen. Die Merkmale der G e s a m t g e s t a l t
der Philosophie des 19. Jahrhunderts sind gegenüber der Philosophie des
17. und 18. Jahrhunderts die folgenden:
Die Philosophie des 19. Jahrhunderts zeigt erstens eine weitgehende n a
t i o n a l e Verengung. Der Denkverkehr der europäischen Nationen,
wie er uns etwa in einer Figur wie Leibniz gegenwärtig ist, wird durch
die steigende Ausbildung des nationalen Selbstbewußtseins und des
nationalen Mythos erheblich geschwächt. Besonders in Deutschland wird
mit Kant, obzwar dieser große Geist sich selbst noch vollständig als
Bürger der kosmopolitischen Gelehrtenrepublik fühlt, eine Denkrichtung
angebahnt, die die deutsche Philosophie in starkem Maße aus der
christlich-europäischen Tradition herauslöst und ihr einen
national-partikularistischen Charakter auf viele Jahrzehnte hin erteilt.
Ein zweites Merkmal ist die wachsende V i e l h e i t der
philosophischen Standpunkte, Schulen, Sekten. Indem die Philosophie in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen vorwiegend geschlossenen
S y s t e m charakter annimmt und damit weit mehr als früher persönlich
gebundener wird ("Romane der Denker" nannte es Sophie Germaine), in der
zweiten Hälfte aber umgekehrt sich in Einzelwissenschaften aufzulösen
oder als deren bloße Dienerin zu konstituieren suchte, geht beidemal
der Gedanke "einer" s e l b s t ä n d i g e n Philosophie, an der
Generationen und Völker g e m e i n s a m zu bauen haben, verloren.
Ein drittes Merkmal, das für die d e u t s c h e Philosophie
besonders aufdringlich ist, ist die diskontinuierliche antithetische
Entwicklung. Während sich die Philosophie der Neuzeit bis zum 19.
Jahrhundert im großen Ganzen, um wenige Grundfragen bemüht,
kontinuierlich entfaltete, ist das 19. Jahrhundert von Diskontinuität,
Abbruch, plötzlicher Wiederanknüpfung an ältere Gedankenrichtungen
durchzogen. Der Zusammenbruch der deutschen Spekulation nach Hegels
Tod, die zeitweise Herrschaft des Materialismus in den Jahren von 1840
bis 1860, die Wiederanknüpfung an Kant (Neukantianismus), an Thomas von
Aquin (Neuthomismus), später an Fichte und Hegel sind dafür nur die
sichtbarsten Beispiele dieser Diskontinuität. Die Reaktions- und
Restaurationsphilosophie der Romantik versuchte mit ganz
subjektivistischen und unmittelalterlichen Methoden mittelalterliche
I n h a l t e und W e r t e wiederzugewinnen, um auf diese Weise
rein antithetisch und reaktiv die gewaltige zusammenhängende Vernunfts-
und Menschheitskultur des 18. Jahrhunderts zu überwinden. Bis zu
Schopenhauer, Nietzsche, E. Rohde, J. Burckhardt, E. von Hartmann, ja
bis zu O. Spengler hat die romantische Bewegung einen tiefgehenden
Z w i e s p a l t in das philosophische Denken des 19. Jahrhunderts
hineingelegt, der bis heute unüberbrückt ist. Aller gegenwärtige
"Irrationalismus" (Bergson, Theosophie usw.) knüpft wieder an sie an.
Aus der Verbindung von Ausläufern der romantischen Bewegung mit der
durch die Kenntnis des Sanskrit (in Deutschland zuerst verbreitet durch
W. von Humboldt) erschlossenen Weisheit des Ostens (insbesondere
Indiens) ist auch das gegenüber der Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts gänzlich n e u e Element des metaphysischen, ethischen und
geschichtsphilosophischen P e s s i m i s m u s (Schopenhauer, E. von
Hartmann, Mainländer, Spir, in anderer Richtung Nietzsche in seiner
ersten Phase) hervorgegangen. Auch der zuerst im Pessimismus erfolgende
Eintritt der Philosophie des O s t e n s in die Geschichte des
europäischen Denkens (in Deutschland besonders durch Paul Deußens
"Geschichte der indischen Philosophie" verbreitet), ist ein s p e z i
f i s c h e s Merkmal des 19. Jahrhunderts. Durch die im Krieg
erfolgte stärkere Berührung der deutschen Bevölkerung mit dem Osten ist
diese Bewegung noch gewaltig gefördert worden (Neubuddhismus,
Theosophie, Anthroposophie); auch die Überwindung des "Europäismus" in
der Geschichtsauffassung (der Hegel und Comte noch gemeinsam ist), das
heißt der Methode, an die ganze Entwicklung der Weltgeschichte
europäische Maßstäbe und geschichtliche Bewegungsformen anzulegen, ist
in dieser Bewegung stark in Frage gesetzt worden. Indem die Romantik
ferner das Studium der positiven Religionen in die Sphäre der
allgemeinen Bildung hineintrug, hat sie auch die konfessionellen
Bindungen des philosophischen Denkens gegenüber dem 18. Jahrhundert
wieder bedeutend verstärkt. Sie hat ferner auf viele Jahrzehnte hin die
philosophische Arbeit so einseitig auf das Studium der Geschichte der
Philosophie hingerichtet, daß ein Mann wie Kuno Fischer sagen konnte:
"Geschichte der Philosophie treiben heißt selbst philosophieren."
Während Kant noch meinte, das "wäre ein armseliger Kopf, dem die
Geschichte der Philosophie seine Philosophie ist", hat der historische
R e l a t i v i s m u s in der Philosophie bis in die achtziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts hinein die philosophische Arbeit aufs stärkste
niedergehalten. Erst die Philosophie der letzten beiden Jahrzehnte ging
daran, diesen Historismus zu überwinden. Freilich nur in maßvoller
Weise: denn auch in den Forschern, bei denen sich die Philosophie,
abgesehen von Erkenntnistheorie, in bloße Weltanschauungs l e h r e
auflöst, d. h. in Typologie und Psychologie der Weltanschauung (W.
Dilthey, M. Weber, K. Jaspers, H. Gomperz, O. Spengler) ist der aus der
Romantik entsprungene Historismus noch stark gegenwärtig. Und nur in
anderer, naturalistischerer Form erscheint er wieder bei den
Neupositivisten (E. Mach, Levy-Brühl und anderen), die selbst die
Denkformen und Denkgesetze soziologisch aus Traditionen und Erblichkeit
herleiten wollen.
Ein letztes Merkmal der Philosophie des 19. Jahrhunderts ist es, daß
sie aus Biologie, Geisteswissenschaften und der seit Fechner in die
Philosophie eingegangenen Disziplin der experimentellen Psychologie
weit stärkere Antriebe empfangen hat als die Philosophie des 17. und
18. Jahrhunderts, deren Probleme überaus einseitig durch die
mathematischen Naturwissenschaften Galileis und Newtons gebunden und
bestimmt waren.
Auf diesem allgemeinen Hintergrund der Gestaltung der Philosophie des
19. Jahrhunderts überhaupt gewinnt die gegenwärtige Philosophie
Deutschlands ein um so größeres Interesse, als ihre bedeutsamsten
Erscheinungen, obzwar weitgehend genährt durch das gesamte Gedankengut
der Philosophie des 19. Jahrhunderts, sich in vieler Hinsicht in
scharfem Gegensatz zu dieser Gestaltung befinden. Die Philosophie der
Gegenwart strebt danach, den mehr oder weniger a n a r c h i s c h e n
Zustand zu überwinden, der -- diese Merkmale zusammengeschaut -- das
allgemeinste unterscheidende Moment der Philosophie des 19.
Jahrhunderts ausmacht. Dies wird die folgende Darstellung genauer
erhellen.
Wir behandeln im folgenden nur die deutsche Philosophie der Gegenwart.
Um so mehr müssen wir uns klarmachen, daß die deutsche Philosophie das
Übergewicht, das sie vor hundert Jahren in der Welt besaß, längst
verloren hatte. Der größte internationale Einfluß ist, wie K.
Österreich in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart" I/6, 3. Auflage,
treffend bemerkt, von der französischen Philosophie in den letzten
Jahrzehnten ausgegangen. Der Einfluß Bergsons und der Einfluß W. James'
läßt sich mit keinem Einfluß eines Deutschen vergleichen. Andererseits
wirkt die ältere deutsche Spekulation, insbesondere Hegel, im Ausland
(besonders England, Amerika, Rußland, Italien) auch heute noch stärker
als irgendein nachhegelscher deutscher Denker -- mit Ausnahme
vielleicht Nietzsches. Trotzdem waren die internationalen Beziehungen
der deutschen Philosophie zum Auslande vor dem Krieg in starker Zunahme
begriffen, und es ist aus manchen Anzeichen zu erhoffen, daß sie sich
auch bald wiederherstellen werden.
Will man die gegenwärtige deutsche Philosophie zur ersten Übersicht in
gewisse G r u p p e n ordnen und zugleich einige ihrer allgemeinen
Charakterzüge hervorheben, so sind es vor allem d r e i Gegensätze,
nach denen man diese Gruppierung vollziehen kann.
Der erste ist der höchst unerfreuliche Gegensatz einer nur engste
Kreise berührenden streng wissenschaftlichen Fach- und
Universitätsphilosophie und einer unmethodischen, wenig strengen, mehr
oder weniger aphoristischen, aber weiteste Bildungskreise suggestiv in
Bann haltenden "philosophischen Literatur". Im Gegensatz zur
Philosophie des 18. Jahrhunderts, zum Zeitalter Kants und Hegels, aber
auch noch im Gegensatz zum Zeitalter Fechners und Lotzes, vermochte die
akademische Philosophie das geistige Interesse größerer Bildungskreise
bis vor kurzem n i c h t zu gewinnen. Um so mehr vermochte das aber
eine philosophierende Literatur, deren Hauptexponent und Vorbild
Nietzsche gewesen ist, eine Literatur, die ohne Verbindung mit der
strengen Wissenschaft unmethodisch und weit unter der Niveauhöhe der
großen Philosophie der Vergangenheit, in subjektiv persönlicher Form
Meinungen und Werturteil ausspricht. Hierher gehören z. B.
Erscheinungen wie R. Steiner, Johannes Müller, O. Spengler, W.
Rathenau, Graf Keyserling, H. Blüher, die philosophierenden Mitglieder
des George-Kreises und andere mehr. Dieser Z e r f a l l in zwei so
gänzlich verschiedenartige Gattungen von "Philosophie" steht in
scharfem Gegensatz zu allen philosophisch p r o d u k t i v e n
Zeiten, und er muß vor allem aufgehoben werden, wenn die deutsche
Philosophie sich aus der Anarchie des 19. Jahrhunderts wieder erheben
soll. Das ist nur möglich, wenn zwei Arten von akademischer Philosophie
langsam in den Hintergrund treten, die bisher an den deutschen
Universitäten noch stark in Herrschaft sind.
1. Die traditionalistischen Standpunkts- und Schulphilosophien. Sie
machen sich alle dadurch kenntlich, daß sie ihre eigene Namengebung mit
dem Worte "Neu" beginnen (z. B. Neukantianer, Neuthomisten,
Neufichteaner, Neuhegelianer), als wollten sie nach dem Gesetz: Lucus a
non lucendo damit sagen, daß das, was sie lehren, etwas altes ist.
Eigen ist diesen philosophisch-akademischen Richtungen das, was das
Wesen jeder "Scholastik" ausmacht: daß man sowohl in der Arbeit an den
Sachproblemen in Übereinstimmung mit einer historischen A u t o r i t
ä t (wenigstens im "wesentlichen") zu bleiben sucht, andererseits aber
die Meinung dieser Autorität immer so interpretiert, daß man noch sagen
kann, die eigenen Sachforschungen stimmten mit ihrer Meinung überein.
Diese fortgesetzte Angleichung von Sachforschung und
historisch-philologisch interpretierter Meinung eines Philosophen h i n
d e r t aber ebensowohl echte und reine Sacherkenntnis wie echtes
historisches Verständnis. Am weitesten in dieser "scholastischen"
Methode sind heute merkwürdigerweise nicht die sogenannten
"Neuscholastiker" gegangen, sondern die Neukantianer, deren
Sachforschungen wie geschichtliche Leistungen (besonders H. Cohen, P.
Natorp, E. Cassirer) trotz ihrer mannigfachen Anregungskraft diesen
Charakterzug durchgehends verraten. Eng verbindet sich Schulerstarrung,
Anschauungs- und Wirklichkeitsfremdheit und eine geheime verzwickte
Terminologie (die alle großen Philosophen der Geschichte n i c h t
gekannt haben, und die schon von vornherein eine dicke Wand zwischen
Philosophie und Bildung setzt) mit dem bezeichneten "scholastischen"
Charakter. Erst mit Edm. Husserls "Logischen Untersuchungen" hat eine
standpunkt f r e i e, nicht traditionalistische S a c h philosophie
wieder in breiterem Maße eingesetzt, wenn auch Männer wie Franz
Brentano, Rehmke, Driesch, B. Erdmann, Stumpf auch schon vor Husserls
Auftreten die Philosophie in diese Richtung geleitet haben.
Ein zweiter Grund für das Auseinanderfallen der deutschen Philosophie
in methodisch strenge Sachphilosophie und "philosophische Literatur"
ist in der Tatsache zu sehen, daß die gegenwärtige deutsche Philosophie
jahrzehntelang, wie Lotze sich ausdrückte, nur "die Messer zu wetzen
pflegte, ohne zu schneiden", daß sie, herausgewachsen aus dem
sogenannten Neukantianismus (Otto Liebmann, Albert Lange, H. Cohen, P.
Natorp), der nach dem Zusammenbruch der deutschen Spekulation die
Philosophie zuerst wieder an deutschen Hochschulen möglich machte, sich
aufs einseitigste, auf Erkenntnistheorie und Methodologie beschränkte
und sich dabei im Grunde nur als Dienerin der Einzelwissenschaften
fühlte. So übertrug sich der Fachcharakter auch auf die Philosophie,
deren Wesen es doch gerade ausschließt, ein "Fach" n e b e n anderen zu
sein. So gab sie nicht nur ihre zentralste und ihre wesentlichste
Disziplin, die Metaphysik, meist völlig preis, sondern hatte außerdem
zu dem übrigen geistigen Leben der Nation, zu den Problemen des
Staates, der Gesellschaft, zu Kunst und Dichtung, zur Religion und zum
Problem der Gestaltung und Bildung der geistigen Persönlichkeit kaum
irgendeinen Zugang mehr. Die Übernahme einer großen Anzahl von
Lehrstühlen durch Vertreter der "jungen experimentellen Psychologie"
befestigten diesen Zustand noch mehr, zumal diese junge und
verheißungsvolle neue Wissenschaft sich erst in den letzten Jahren
ihrer Entwicklung auch den höheren geistigen Funktionen zuwendete oder
doch durch gewisse, in ihr erwachsene Probleme, z. B. durch das
Gestaltproblem, wieder stärkeren Anschluß an die philosophischen Fragen
gewann. Auf seiten der "philosophischen Literatur" aber wurde der
echten Philosophie nicht minder Abbruch getan: einmal dadurch, daß man
in ganz unsachlicher und subjektivistischer Weise seinen Einfällen die
Zügel schießen ließ, das Geistreiche und Blendende an die Stelle des
Wahren, die Suggestion an die Stelle der Überzeugung im sokratischen
Sinne setzte; ferner dadurch, daß man in mehr oder weniger gnostischer,
die Selbständigkeit der Religion und der Mystik gegenüber der
Philosophie total verkennender Weise die Philosophie von aller strengen
W i s s e n s c h a f t loslöste und sie zu einer Sache von
S e k t e n machte, die, im Gegensatz zu den akademischen Schul- und
Standpunktsphilosophien, sich um das rein persönliche, echte oder
scheinbare Charisma einer starken Natur gruppierten. So entstanden
Sekten aller Art, die besonders zu nennen nicht notwendig ist. So ist
es auch verständlich, daß das im 19. Jahrhundert fast verloren
gegangene W e s e n der Philosophie in der Gegenwart erst wieder
aufgesucht werden mußte (siehe E. Husserl: "Philosophie als strenge
Wissenschaft", Logos Bd. I, Heft I; siehe auch M. Scheler: "Vom Ewigen
im Menschen", Bd. I, "Vom Wesen der Philosophie").
Ein zweiter Gegensatz durchquert die gegenwärtige Philosophie in d e r
Richtung, ob sie in ihren Problemen mehr geistes- oder
naturwissenschaftlich orientiert ist. Das wird in der folgenden
Darstellung scharf hervortreten im Gegensatz sowohl der neukantischen
und der südwestdeutschen Schule als in den Gegensätzen der einzelnen
selbständigen Sachdenker. Auch dieser Gegensatz ist ein Zeichen dafür,
daß wir eine u n i v e r s a l e Philosophie noch nicht besitzen:
denn eine solche muß b e i d e n großen Daseinsgebieten, und zwar durch
Vermittelung des selbständigen Sachgebietes der inneren und äußeren
B i o l o g i e, ihr gleichmäßiges Interesse zuwenden und darf sich
nicht als bloße "ancilla scientiae" zum einseitigen Vorspann e i n e r
dieser Teile der Wissenschaften machen. Überhaupt ist nichts der
Philosophie abträglicher als die bis vor kurzem in unserem Lande immer
wieder erneuten Versuche, von den Gegebenheiten und Grundbegriffen
einer Einzelwissenschaft her, das g a n z e Weltproblem lösen zu
wollen. Solches geschah z. B. im sogenannten Psychologismus durch eine
gänzlich unberechtigte Ausdehnung der Begriffe, "psychisch" oder
"Bewußtsein": in der Energetik Ostwalds durch eine Verabsolutierung des
Energiebegriffes, im Empfindungsmonismus Ernst Machs durch eine falsche
Verabsolutierung des Empfindungsbegriffes; in gewissen Richtungen der
"Lebensphilosophie" in einer falschen Ausdehnung und Verabsolutierung
des Begriffes Leben, in der neukantischen Marburger Schule in einer
falschen Verengung des Erkenntnisbegriffes auf mathematische
Naturwissenschaft. Die Philosophie hat, von einer Lehre über die
Grundarten der G e g e n s t ä n d e ausgehend und von dem Satze, daß
sich alle Methoden nach der Natur, der Gegenstände zu richten haben
(und nicht die Gegenstände nach Methoden), einen wahren Ausgleich
zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Interessenrichtungen und
methodischen Denkrichtungen herbeizuführen, die Wissenschaften auf dem
Boden einer selbständigen philosophischen und allseitigen
Erkenntnistheorie zu ordnen und in gegenseitige fruchtbare Beziehung zu
setzen. Sie hat nach wie vor zwar nicht eine die Einzelwissenschaften
erdrückende Despotin wie zur Zeit Hegels zu sein, noch weniger aber
ihre Dienerin, sondern "Königin" in jenem legitimen letzten Sinn, der
die wohlerworbenen Rechte der Fachwissenschaften von einem eigenen,
eben nur philosophischen Standpunkt aus s e l b s t ä n d i g würdigt
und achtet und sie für das Ganze unseres Weltbegriffes und unserer
Weltanschauung fruchtbar macht. Die Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts, die Philosophie des Descartes und Leibniz vermochte
gerade darum so häufig auch den Einzelwissenschaften R i c h t u n g zu
geben und ihnen fruchtbare Anregung zu erteilen, weil sie im engen
Konnex mit den Wissenschaften (und nicht losgelöst von ihnen, wie
unsere Literatenphilosophie) sich nicht einseitig damit zufrieden gab,
bloß zu formulieren, was die "Voraussetzungen der Einzelwissenschaften"
seien und welche Methoden sie selbst anwenden. Die gegenwärtige
Überwindung der Galilei-Newtonschen Naturansicht durch die vier großen
naturwissenschaftlichen philosophischen Fermente unserer Zeit die
Elektronentheorie, die Einsteinsche Relativitätstheorie, die Plancksche
Quantentheorie und die positiv-wissenschaftlichen und neuvitalistischen
Versuche, den Organismus mit übermechanischen Agenzien zu erklären,
sollten J e d e m zeigen, was aus einer Philosophie werden muß, die
nur objektiv logische Voraussetzungen einer fälschlich verabsolutierten
Wissenschaftsstufe zu suchen pflegt. Sie hört mit der Überwindung
dieser Wissenschaftsstufe eben auf, irgendeine Bedeutung zu haben. Nur
dann, wenn die Philosophie einen e i g e n e n G e g e n s t a n d
und eine e i g e n e Methode besitzt allen einzelnen Seinsgebieten
gegenüber, die als solche auch die positiven Wissenschaften erforschen,
wird sie mehr sein können als die bloße Eule der Minerva der positiven
Wissenschaft; und nur, wenn sie die S a c h e n selbst, nicht nur die
Wissenschaft über die Sachen als bloße "Erkenntnislehre" sich zum
Gegenstand setzt (freilich mit Einschränkung auf ihr daseinsfreies
Wesen, ihre e s s e n t i a), kann sie der positiven Wissenschaft auch
geben, anstatt bloß von ihr zu nehmen.
In Hinsicht auf einen dritten Gegensatz, der auch die gegenwärtige
Philosophie noch unabhängig von einzelnen Sachproblemen bestimmt,
nämlich dem Gegensatz der religiösen Traditionen (katholische und
protestantische Philosophie), ist das Erfreuliche zu vermelden, daß
dieser Gegensatz, der streng genommen in der Philosophie überhaupt
keinerlei Rolle zu spielen hätte, auch tatsächlich stark zurückgetreten
ist. Kant und seine von der Theologie ausgegangenen spekulativen
Nachfolger hatten der deutschen Philosophie einen, geschichtlich
gesehen, einseitigst protestantischen Charakter erteilt. Die
katholische Philosophie oder, besser gesagt, die Philosophie des
katholischen Kulturkreises ging, abgesehen von ganz wenigen
Erscheinungen der Romantik (z. B. Franz Baader, Deutinger,
Froschammer), ihre Wege völlig für sich, und es bestand bis vor kurzem
keinerlei tiefere Berührung zwischen den Forschergruppen beider
Konfessionen. Der von der Enzyklika "Aeterni patris" im Jahre 1897 von
Leo XIII. angeregte Neuthomismus, der durch die Löwener Schule des
belgischen. Kardinals Mercier auch eine für die modernen
wissenschaftlichen Probleme etwas geöffnetere Form erhielt, hat den
Gegensatz der philosophischen Richtungen beider Kulturkreise für viele
Jahre hin noch erheblich gesteigert. Und je mehr die deutsche
Philosophie sich durch Kant einseitig bestimmt erwies und die Weisungen
Leos XIII. (der wohl an erster Stelle an eine einheitliche
philosophische Unterweisung der P r i e st e r gedacht hat und, wie er
selbst auf die Frage der Franziskaner versicherte, keineswegs das
thomistische System zur allverbindlichen Norm für alle philosophischen
Studien erheben wollte) gegen die Absichten des großen Papstes wie eine
Art Dogmatisierung der thomistischen Philosophie interpretiert wurden,
desto schärfer und unüberbrückbarer wurde der Gegensatz. Von den
älteren deutschen Philosophen vermochten nur H e r b a r t in seiner
Schule gläubige Anhänger beider Konfessionen zu vereinigen (z. B. Otto
Willmann). Dieser Zustand hat sich in der Gegenwart weitgehend
verändert. Besonders durch die direkten und indirekten Einflüsse Franz
Brentanos und des von E. Husserl wiederentdeckten großen Logikers
Bolzano, die beide noch in starker geistiger Kontinuität mit den großen
Geistern der Scholastik philosophierten; ferner durch Husserl und die
von ihm angeregten Forscher; endlich auch durch den starken Abbau des
erkenntnistheoretischen Idealismus und durch das Wiedererwachen des
erkenntnistheoretischen Realismus ist ein erfreulicher Denkverkehr
zwischen den Philosophen der beiden Konfessionen in Gang gesetzt
worden. Auch der Einfluß der österreichischen Philosophie (besonders
Martys, Meinongs) auf die deutsche hat in den letzten Jahrzehnten stark
zugenommen. Über die stärkere und lebendigere Berührung der Philosophen
beider Konfessionen auf metaphysischem und religionsphilosophischem
Gebiet wird im einzelnen später noch zu berichten sein. Dagegen hat der
Einfluß der naturalistischen und freidenkerischen Weltanschauungsformen
auf die Philosophie (die ja nicht minder wie Katholizismus und
Protestantismus im 19. Jahrhundert längst "Tradition" geworden sind) in
der Philosophie der Gegenwart stark abgenommen. Haeckels und seiner
Gesinnungsgenossen Philosophie hat in Deutschland nur in den M a s s
e n, nie unter den eigentlichen Philosophen irgendwelche Bedeutung
erlangt. Aber auch weit höher gerichtete und freiere Formen der
naturalistischen Philosophie haben heute an Bedeutung stark verloren.
Die Ostwaldsche Energetik, die in ihrem naturwissenschaftlichen Teile
durch die moderne Atomistik wieder vollständig verdrängt ist, hatte für
die theoretische Philosophie bedeutende Folgen nicht entwickelt. Der
Positivismus, der aus Frankreich und England in gewissen Ausläufern
auch zu uns gekommen war (E. Mach, Avenarius, Ziehen), zählt noch
einige Anhänger, auf die wir später zurückkommen; er mußte aber der
erkenntnistheoretischen realistischen Lehre und der dem Sensualismus
und der Assoziationspsychologie ganz entgegengesetzten
Entwicklungsrichtung der modernen Psychologie mehr und mehr weichen.
Die gegenwärtige Philosophie enthält zu einem großen Teile die
Entwicklungsstadien des 19. Jahrhunderts noch als gegenwärtige
Schichten in sich. Das gilt an erster Stelle von den Nachwirkungen
älterer philosophischer S y s t e m e. Wir wollen, von den ältesten
Schichten beginnend, die gegenwärtige Philosophie nunmehr betrachten,
um, von ihnen fortschreitend, bei den neuesten Versuchen zu endigen.
Eines geringen Anhangs und einer steigend geringen Achtung auch bei der
heute philosophierenden Jugend erfreut sich der naturalistische
Monismus, der geschichtlich an die Zeit von Ludwig Büchners "Kraft und
Stoff" (das von 1854 bis 1904 21 Auflagen erlebte) anknüpft. Gleichwohl
muß dieses System hier genannt werden, nicht um seiner inneren
Bedeutung willen, sondern weil es durch seine kaum abzuschätzende
Verbreitung weniger in der deutschen Arbeiterschaft als im kleinen
Mittelstand eine große Wirkung auf das deutsche Geistesleben gehabt
hat. E r n s t H a e c k e l s "Welträtsel" waren bereits in den
Jahren 1899 bis 1914 in mehr als 300 000 Exemplaren verbreitet und in
24 Sprachen übersetzt. Der deutsche Geist war im Ausbau der
naturalistischen Philosophie zu allen Zeiten wenig produktiv; während
in Frankreich und England die naturalistische Philosophie mit
schärfstem Geist und der Form nach in strenger wissenschaftlicher
Methode von Männern vertreten wurde, die, meist auf der Höhe der
sozialen Stufenleiter stehend, sie in weltmännischer Form und nicht
unbedeutendem Stil vertraten, ist der deutsche Materialismus und
Monismus meist überaus grob, borniert und unwissenschaftlich gewesen.
Seine Vertreter waren meist (wie schon Karl Marx bemerkt hat)
"kleinbürgerliche", in Stil und Lebensform untergeordnete,
philosophisch dilettierende Ärzte und Naturforscher, die ohne Kenntnis
der Geschichte des europäischen Denkens und ohne Überschau über den
Kosmos der Wissenschaften, aus der Ecke ihrer zufälligen Interessen
herauß sogenannte "Konsequenzen der Naturwissenschaft" zogen. Diese
Charakteristik gilt auch für den wirksamsten Vertreter dieser Richtung,
Ernst Haeckel (geb. 1834). Seine "Welträtsel" (1899) und seine
"Lebenswunder", zuletzt sein Buch über Kristallseelen sind
philosophisch so gut wie wertlose Erzeugnisse. Mit Recht sagte Fr.
Paulsen in einer Rezension der "Welträtsel", die in den "Preuß.
Jahrbüchern" erschien: "Ich habe mit brennender Scham dieses Buch
gelesen, mit Scham über den Stand der allgemeinen Bildung und der
philosophischen Bildung unseres Volkes." Nicht minder scharf war das
Urteil, das E. Adikes mit den Worten fällte: "Haeckel ist eben durch
und durch Dogmatiker; darin steht er mit Büchner auf einer Stufe; als
Naturforscher überragt er ihn weit, als Philosophen sind beide völlige
Nullen." Der russische Physiker Chwolson zeigte in einer besonderen
Schrift, wie völlig unfähig Haeckel war, auch nur den Sinn der
einfachsten Grundsätze der theoretischen Physik, wie z. B. des Satzes
von der Erhaltung der Energie oder gar des zweiten Wärmesatzes (den er
einfach "verwirft") zu verstehen. Der bekannte Ameisenforscher Wasmann
hat in einer besonderen Schrift, "Haeckel als Kulturgefahr", auch seine
entwicklungstheoretischen Leistungen genügsam gekennzeichnet.
Über den sachlichen Inhalt seiner Philosophie hier noch einmal zu
sprechen, fehlt jeder Anlaß[1].
[1] Vgl. neben den genannten kritischen Werken O. Külpe:
"Philosophie der Gegenwart", 6. Aufl., und A. Messner:
"Philosophie der Gegenwart" (1918).
In Form eines Versuches der Zurückführung alles Wirklichen mit
Einschluß des organischen Lebens, des Seelenlebens und der geistigen
Tätigkeiten auf letzte qualitative Grundarten der E n e r g i e und
ihre Umwandlungsformen vertrat Wilhelm Ostwald (geb. 1855), Professor
der physikalischen Chemie, den naturalistischen Monismus. Seine
Vorlesungen über "Naturphilosophie" waren, soweit es sich um die
Philosophie der anorganischen Natur handelt, überaus anregend. Ostwald
versuchte, den Begriff der Materie völlig auszuschalten. Die Masse der
Mechanik ist ihm nur ein Kapazitätsfaktor der mechanischen Energie, der
gleichgeordnet eine Wärme, ein Licht, eine Gestalt, eine magnetische
und elektrische, eine chemische und psychische Energie zur Seite
stehen. Diese Energie a r t e n sind nicht, wie es die
atomistisch-mechanische Naturansicht wollte, aufeinander
zurückzuführen; sie sind ähnlich wie in der qualitativen Elementarlehre
des Aristoteles letzte Gegebenheiten, die nur in formal quantitativen
Austauschbeziehungen zueinander stehen. "Alles, was wir Materie nennen,
ist Energie; denn sie erweist sich als ein Komplex von Schwereenergie,
Form und Volumenenergien, sowie chemischen Energien, denen Wärme- und
elektrische Energien in veränderlicher Weise anhaften." Trotzdem
verfiel Ostwald in den Irrtum, die Energie, einen bloßen dynamisch
interpretierten Beziehungsbegriff, selbst zu einer Substanz zu
hypostasieren. Nicht minder war es vollständig unbegründet, auch das
Psychische in die Energiearten einzureihen, obgleich ihm die
Grundvoraussetzung, als natürliche Energieart zu gelten, die
Meßbarkeit, fehlt und der ichartige monarchische Aufbau der
Bewußtseinserscheinungen im Widerspruch zu dieser Auffassung steht.
Völlig ungelöst blieb auch das Problem des organischen Lebens, ebenso
ungelöst wie innerhalb der mechanischen Lebenslehre. Aber auch
innerhalb des Anorganischen bewährte sich die Energetik auf die Dauer
nicht. Die Kritik, die insbesondere Boltzmann und W. Wundt an den
"Vorlesungen" geübt haben, ist durch die Entwicklung der
Naturwissenschaften, insbesondere durch den glänzenden Sieg der
Atomistik und der mechanischen Wärmelehre durchaus bestätigt worden.
Ganz und gar unzureichend aber sind de Versuche Ostwalds gewesen (s.
bes. "Philosophie der Werte"), die Probleme der Ethik, der
Gesellschaft, der Zivilisation und Geschichte auf dem Boden der
"Energetik" zu verstehen. Daß an die Stelle des kategorischen
Imperativs der [sic] energetische Imperativ: "Vergeude keine Energie,
verwerte sie" treten soll, mutet fast wie ein schlechter Scherz an. Und
nicht minder mutet so an eine Erklärung, die Ostwald auf dem Hamburger
Monistenkongreß von 1911 gibt, in der es heißt: "Denn alles, was die
Menschheit an Wünschen und Hoffnungen, an Zielen und Idealen in den
Begriff /Gott/ zusammengedrängt hatte, wird uns von der Wissenschaft
erfüllt." Ostwalds rein technologische Betrachtung der Weltgeschichte,
die, der deutschen Organisationssucht ein philosophisches Mäntelchen
umhängend, jede geschichtliche Aufgabe zu einer "Organisationsaufgabe"
macht, ist so kindlich, daß sie eine Kritik kaum verdient; nicht minder
seine Meinung, das ästhetische Gefühl und die Kunst hätten nur soweit
Bedeutung, als sie der wissenschaftlichen Arbeit Pionierdienste
leisten, und es werde darum bei reifender Wissenschaft die Kunst einmal
völlig aus der Welt verschwinden. In der Soziologie hat Ostwald einen
ernsten Schüler gehabt, de noch stark in die Gegenwart hineinwirkt. Es
ist der Wiener Soziologe und Vorsitzende des Österreichischen
Monistenbundes R u d o l f G o l d s c h e i d. Sein Werk über
"Höherentwicklung" und "Menschenökonomie" hat sowohl der
Bevölkerungslehre wie der Sozialpolitik reiche und wertvolle Anregungen
vermittelt, wenn auch sein einseitig durchgeführter Versuch, den
Menschen selbst (ähnlich wie in der Sklavenwirtschaft) rechnungsmäßig
als bloßen Wirtschaftswert einzustellen und eine möglichst sparsame
Verwendung dieses "Wertes" zu fordern, soziologisch unhaltbar ist. Eine
Auflösung der Ethik in Ökonomie hat Goldscheid nie versucht. Ein
bedeutender Vertreter des Monismus, der auch in der Gründung und
Entwicklung des Monistenbundes eine große Rolle gespielt hat, war der
kürzlich verstorbene Wiener Psychologe und Ethiker Friedrich Jodl.
Sowohl sein "Lehrbuch der Psychologie" wie vor allem seine
großangelegte "Geschichte der Ethik" sind wertvolle und anregende
Bücher, wenn sie auch in einseitiger Weise allen freidenkerischen und
antikirchlichen Bestrebungen einen ihnen auch wissenschaftlich nicht
zukommenden überragenden Wert beilegen. Wie sehr die ganze
philosophische Richtung des Monismus von p o l i t i s c h e n, d. h.
außerphilosophischen Tendenzen beherrscht ist, beweist ihr am 1. Januar
1906 erfolgter Zusammenschluß zu der Organisation des "Deutschen
Monistenbundes". Ostwald schloß den ersten Hamburger Kongreß mit dem
Satze: "Ich eröffne das monistische Jahrhundert"; sein
Ehrenvorsitzender war E. Haeckel, sein Vorsitzender der Bremer Pastor
Albert Kalthoff, der, stark von Nietzsche angeregt, an den
Junghegelianer Bruno Bauer anknüpfend, die historische Existenz Christi
in seinen Schriften geleugnet hatte, und in loser Berührung mit den
linksliberalen Pastoren Jatho und Traub den christlichen Kirchen eine
scharfe Kampfansage stellte. Wider den Monismus gründete [sic] dann im
Jahre 1907 der Kieler Naturforscher J. Reinke und E. Dennert den
sogenannten "Keplerbund", der sich umgekehrt die Aufgabe setzte, die
Vereinbarkeit der modernen Naturwissenschaft mit der theistischen
Weltanschauung zu erweisen. Sehr mit Unrecht ist die Verbreitung der
monistischen Weltanschauung häufig der Sozialdemokratie und ihren
Führern zugeschrieben worden. Geistesgeschichtlich ist diese Auffassung
grundfalsch. Die Führer des Monismus standen politisch zumeist den
nationalliberalen Anschauungen sehr nahe (z. B. Haeckel selbst), und
bei vielen von ihnen findet sich sogar eine ausgeprägte alldeutsche
Tonart. Wie tief Karl Marx und Engels auf den Materialismus des
deutschen Kleinbürgertums herabblickten, ist aus ihren Äußerungen
genugsam bekannt.
Während die monistische naturalistische Denkrichtung eigentlich nur
kulturhistorisches und für die deutsche Mentalität vor dem Kriege
bestimmendes Interesse bietet, sind die anderen heute noch lebendigen
philosophischen Systeme auch rein philosophisch von Bedeutung. Das gilt
gleich sehr von der Wirkung Fichtes, Hegels und Schellings wie von
jener Lotzes, Fechners, E. von Hartmanns, R. Euckens und W. Wundts.
Diese Systeme können hier nicht geschildert werden: nur was sie für die
g e g e n w ä r t i g e Philosophie als mitbestimmende Momente noch
bedeuten, sei kurz erwähnt. Die geringste Wirkung von all den Genannten
hatte merkwürdigerweise in Deutschland der zeitlich nächste letzte
große Systematiker der deutschen Philosophie, Wilhelm Wundt. Als
Darstellungen seines Systems sind empfehlenswert O. Külpe in der
"Philosophie der Gegenwart", E. König: "W. Wundt", 1909 und R. Eisler:
"Wundts Philosophie und Psychologie", 1902. Ein Grund für die geringe
Wirkung des ausgezeichneten Forschers und Gelehrten in der Philosophie
mag darin gelegen sein, daß seine Erkenntnistheorie und seine
Metaphysik beiderseits an großer Vagheit und Unbestimmtheit leiden, das
Ganze seiner Philosophie aber trotz seiner Überladenheit mit
Gelehrsamkeit etwas überaus Farbloses und Blutloses besitzt. Auch ein
häufiges Schwanken (z. B. zwischen Idealismus und Realismus in der
Erkenntnistheorie, zwischen psychophysischem Parallelismus als
metaphysischer Hypothese und methodologischer Maxime, zwischen
Relativismus und Absolutismus in der Ethik, Theismus und
Willenspantheismus in der Lehre vom Weltgrund) mag gleichfalls zu
dieser Unwirksamkeit beigetragen haben.
R u d o l f E u c k e n, der schon an der Grenze steht zwischen
wissenschaftlicher Philosophie und jener früher charakterisierten
philosophischen Erbauungsliteratur, hat eine weit stärkere Wirkung als
Wundt entfaltet sowohl in Deutschland, wie im Auslande; ein deutliches
Zeichen davon ist in letzterer Hinsicht der Nobelpreis. Dieser Denker
ist von gleichbedeutenden Kritikern sehr verschieden beurteilt worden.
Die einen sehen in der Verbindung von Prediger, Metaphysiker und
Forscher, von homo religiosus und Denker, die Eucken darstellt, etwas
besonders Wertvolles und weisen hin auf den reichen intuitiven Gehalt
seines Werkes; die anderen beklagen den Mangel an Anatomie in seinen
Gedanken, die Unverbundenheit seiner Philosophie mit den
Wissenschaften, die unmethodische Art seines Denkens und die große
Unbestimmtheit und Vagheit des eigenartigen persönlichen Stiles seiner
Darstellung. Mögen beide in gewissem Maße recht haben, so kommt Eucken
vor allem das entschiedene V e r d i e n s t zu, in einer Zeit, da
die Philosophie zu einer bloßen Anmerkung zu den positiven
Fachwissenschaften zu werden drohte, ihre Ansprüche festgehalten zu
haben, eine Metaphysik und gleichzeitig eine den Menschen formende
Lebensanschauung zu geben. Ausgegangen von F. A. Trendelenburg (gest.
1872), eine Zeitlang auch Schüler Lotzes, hat Eucken mit starker
Anknüpfung an Fichtes Tatidealismus seinen "Idealismus des
Geisteslebens" zu begründen unternommem. Sein bedeutendstes Werk
(leider am wenigsten gelesen) ist das 1888 erschienene "Die Einheit des
Geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Menschheit" in dem er seine
personalistisch-theistische Philosophie nicht durch Sachuntersuchungen
der philosophischen Probleme, sondern aus einer Kritik des Panlogismus
Hegels und des Naturalismus hervorwachsen läßt. In den
"Lebensanschauungen der großen Denker" und der "Geistigen Strömungen
der Gegenwart" (ursprünglich "Grundbegriffe der Gegenwart"), die der
wissenschaftlichen Philosophie noch am nächsten stehen, nimmt er aus
der Geschichte der Philosophie das wesentlich "Lebensanschauliche"
heraus und legt es im Sinne seiner Philosophie aus. Die Bücher "Der
Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", "Der Wahrheitsgehalt der
Religion", "Erkenntnis und Leben" und "Grundlinien einer neuen
Lebensanschauung" wiederholen in immer neuen Wendungen dieselben
Grundgedanken. Das Wertvolle dieser Gedanken ist weniger in ihrer sehr
mangelhaften theoretischen Begründung gelegen als in ihrer das
Bewußtsein der Selbständigkeit des Geistes trotz aller tiefempfundenen
und in der endlichen Erfahrung unlösbaren Konflikte des menschlichen
Daseins energisch aufweckenden Kraft. Eucken war in einem überwiegend
praktisch-materialistischen Zeitalter einer der stärksten S e e l e n e
r w e c k e r, die Deutschland besessen hat. Reinsten germanischen
Blutes (Friese), besitzt er in seltener Weise Vorzüge und Fehler des
germanischen Geistes: eine ahnungsvolle Intuition übersinnlicher
Realitäten, ein energisches Festhalten dieser Realitäten inmitten
tiefst empfundener Widerstände der "Welt" gegen die Verwirklichung der
geistigen Forderungen; aber auch alle Vagheit und Nebelhaftigkeit,
Unbestimmtheit und Dunkelheit nordischen Geistes. Das "Geistesleben",
das bei ihm zwischen historischer Realität und metaphysischer Potenz
eigenartig in der Mitte schwebt, wird von dem natürlichen Seelenleben,
das der Mensch mit dem Tiere teilen soll, scharf unterschieden. Es soll
in "noologischer Methode" (eine eigentümliche Erweiterung der Methode
Kants) nicht durch Introspektion, sondern an seinen W e r k e n und
Systemen des Lebens ("Syntagmen") studiert werden. Es soll nicht nur in
jeder Einzelseele, sondern auch in den großen kollektiven Gruppen der
Geschichte als selbständig tätig aufgefaßt werden. Trotzdem soll es in
scharfem Gegensatz zum Hegelschen Panlogismus nur durch tätige
Ergreifung des Einzelmenschen diesen zur "Persönlichkeit" und zur
"Wesensbildung" erhöben. So ist Eucken im letzten Grunde mehr
theistischer Personalist als Pantheist, obgleich eine starke
pantheistische Ader seine Philosophie durchzieht. Mit Methoden, die
denen Pascals in den "Pensées" ähnlich sind, sucht Eucken mit starker
Heranziehung dessen, was er für den relativen Wahrheitsgehalt der
naturalistischen und pessimistischen Systeme hält, zu zeigen, daß
dieses "Geistesleben" in der Welt verloren und in letzter Linie
bedeutungslos ist, wenn es nicht aus einem geistigen W e l t g r u n
d e immer neu schöpferisch herströmend und in die Menschenseelen
einquellend verstanden und geschaut wird. Während die ältere
Philosophie die Vernunft des Menschen zum Reiche der "Natur" rechnete
und ihr das Reich der "Übernatur", der "Gnade" entgegensetzte, wird die
zum Geistesleben erweiterte Vernunft des Menschen bei Eucken selbst
etwas "Übernatürliches". Das macht den g n o s t i s c h e n
Charakter der Euckenschen Philosophie aus, die Religion und Metaphysik
in einem für sie beide unstatthaften Sinne vermischt.
Die Philosophie Fechners, der durch seine Begründung der Psychophysik
neben Wundt als der eigentliche Begründer der Experimentalpsychologie
gelten muß, hat auf die gegenwärtige Philosophie eine nur geringe
Wirkung ausgeübt. Sein Versuch, die Empfindung als psychische Größe
nachzuweisen und sie durch die Einheit des eben merklichen
Empfindungsunterschiedes zu messen, ist sowohl nach seinen
methodologischen Voraussetzungen als nach seiner psychologischen
Voraussetzung hin (man könne die Empfindung unabhängig von den
Aufmerksamkeitsschwankungen überhaupt im Bewußtsein vorfinden) fast
allgemein zurückgewiesen worden. Stark wirkte zeitweise seine Lehre vom
psychophysischen Parallelismus, die, wie wir noch sehen werden,
freilich in der Gegenwart gleichfalls an Einfluß stark verloren hat.
Seine eigentliche Metaphysik der "Tagesansicht" und der Allbeseelung
hat leider lange nicht die Anregungskraft ausgeübt, die ihr meines
Erachtens innewohnt. Auch die nächststehenden Forscher, wie Ebbinghaus
und Wundt, haben diese Seiten seiner Philosophie meist als bloße
"Poesie" und Begriffsdichtung abgelehnt. Was allein bis heute einen
Einfluß ausübt, ist der auch von E. von Hartmann aufgenommene Gedanke
einer "induktiven Metaphysik". Sie beruht bei Fechner auf den beiden
Grundsätzen, daß, was in einem Teile der Welt als unauflösbare Grundart
des Seienden enthalten ist, auch im Ganzen enthalten sein müsse
(Mikrokosmos- und Makrokosmoslehre), und daß wir vermittels der Analogie
in der Lage seien, unser Wissen über das unmittelbar und mittelbar in
der Erfahrung Gegebene kontinuierlich zu erweitern. Diesen Gedanken
haben auch viele moderne Metaphysiker, so Külpe, Driesch, Stern,
Becher, Scheler und andere, aufgenommen. Eine starke Wirkung hatte
Fechners teleologische Ganzheitsbetrachtung der E r d e als des
besonderen Leibes und Ausdrucksfeldes einer Erdseele in der modernen
Geographie. In diesem Sinne sind Ratzels Arbeiten und noch mehr die
gegenwärtigen Arbeiten des Wiener Kulturgeographen Hanslick stark von
Fechner beeinflußt. Wie immer man über Fechners Resultate urteilen mag,
es muß als eine recht unerfreuliche Tatsache bezeichnet werden, daß die
stets tiefsinnigen und sinnreichen Betrachtungen dieses seltenen
Geistes, die dazu in Stil und Ausdruck für weitere Kreise der
Gebildeten geschrieben sind, so sehr wenig gelesen werden. Daß ein
Haeckel so viel und ein Fechner so wenig in Deutschland gelesen wurde,
ist eine für die Mentalität des deutschen Volkes vor dem Kriege recht
charakteristische Tatsache.
Hermann Lotze (1817-1881) wirkt in die Gegenwart insbesondere nach zwei
Richtungen herein: einmal durch seine "Logik" (auch in der
"Philosophischen Bibliothek" erschienen 1912), deren Kapitel "Über die
platonische Ideenlehre" auf die neukantischen Schulen und auch auf
Husserl stark gewirkt hat, und durch seine Lehre von der
psychophysischen Wechselwirkung. Außer diesen beiden Bestandteilen
seiner Philosophie und abgesehen von seinen Wirkungen auf die
Psychologie (besonders seine Theorie der Lokalzeichen) hat nur noch der
metaphysische Gedanke Lotzes eine stärkere Wirkung geäußert, daß eine
Wechselwirkung zwischen einer Vielheit von Dingen nur möglich sei, wenn
ein und dasselbe ganze, aber von ihnen unterschiedene Seiende, in allen
gemeinsam tätig und von allen gemeinsam reizbar sei. Diesen Gedanken
hat z. B. auch Driesch in seine "Wirklichkeitslehre" aufgenommen.
Lotzes großes geschichtsphilosophisches Werk "Mikrokosmos" (5. Auflage
1909) hat wohl wegen seines allzu gewundenen ziselierten und koketten
Stiles nicht die Wirkung geübt, die ihm vermöge seines Gedankengehaltes
zugekommen wäre. Für den Fortschritt einer Philosophie der Biologie
waren Lotzes Artikel über "Lebenskraft" und über "Seele und
Seelenleben" in Wagners "Handwörterbuch der Physiologie" in denen er
für Physiologie und Biologie eine strenge Durchführung der
mechanistischen Methode fordert (um dann erst dem Ganzen des
Weltmechanismus hinterher eine ideale und teleologische Bedeutung zu
geben), nach meiner Ansicht starke Hindernisse. Sie gaben der in
unserem Lande besonders stark verbreiteten mechanistischen
Lebensauffassung, besonders bei den Naturforschern, ein gutes Gewissen
-- das eine aufrichtige und genaue Betrachtung der Tatsachen nicht im
entferntesten gerechtfertigt hätte. Die stark kokette und süßliche
Christlichkeit Lotzes konnte in religiöser und theologischer Hinsicht
tiefere Geister nicht gewinnen. Immerhin haben insbesondere seine Lehre
von Wert und Werturteil auf die Ritschlsche Theologie und Dogmatik
stark eingewirkt, wenn sie sich freilich hier auch meist mit
neukantischen und positivistischen Voraussetzungen verbanden. In der
Ästhetik endlich wurde Lotze durch seine Lehre von der "Einfühlung"
auch auf die letzten bedeutenden Einfühlungsästhetiker der Gegenwart,
auf Lipps und Volkelt, erheblich wirksam.