Die epische Dichtung hat bestimmte Lebensformen, die dramatische
bestimmte Weltanschauungsformen zum Unter- und Hintergrund. Der epische
Dichter kann die Lebensformen nicht selber schaffen -- sie sind die
Voraussetzung seiner Kunst --, der dramatische kann die
Weltanschauungsformen höchstens mitschaffen, aus den gesamten ideellen
Mächten seiner Zeit heraus. Die Form der lyrischen Dichtung ist die
Form der Persönlichkeit. Der Lyriker ist unabhängig in seinem
Schöpferwillen, alles wird ihm Stoff zu sich selber, Welt und Leben
kristallisieren in seinem Ich. So kann in einer zersetzten Zeit, im
Kampf der Lebens- und Weltanschauungen der Lyriker zuerst zur reinen
Form gelangen, als der Vorposten der neuen Menschheit. Und dieses
Ringen um den neuen Menschen, um das Bürgerrecht einer neuen Menschheit
stellt die deutsche Lyrik der letzten Jahrzehnte dar.
1885 erschienen die "Modernen Dichtercharaktere", eingeführt von den
Aufsätzen Hermann Conradis (1862-1890) "Unser Credo" und Karl Henckells
(geb. 1864) "Die neue Lyrik". Die Gedichtsammlung war die Absage an die
Epigonenlyrik Geibels und Heyses, an die "losen, leichtsinnigen
Schelmenlieder und unwahren Spielmannsweisen" Rudolf Baumbachs und
Julius Wolffs. Diese jungen Lyriker wollten "Hüter und Heger, Führer
und Tröster, Pfadfinder und Wegeleiter, Ärzte und Priester der
Menschen" werden. Hermann Conradi gibt 1887 in den "Liedern eines
Sünders" sein lyrisches Bild. Er war der Innerlichste unter den
Jüngeren, der Gärende, haltlos Ringende. Er fühlte sich berufen, "die
Gegensätze der Zeit in ihrer ganzen tragischen Wucht und Fülle, in
ihren herbsten Äußerungsmitteln zu empfinden" und "voll Inbrunst und
Hingebung die verschiedenen Stufen und Grade des Sichabfindens mit dem
ungeheueren Wirrwarr der Zeit schöpferisch zum Ausdruck zu bringen".
Übergang und Untergang sah er ringsum, sich selbst empfand und
gestaltete er in seinen Romanen "Phrasen" und "Adam Mensch" als den
Typus des Übergangsmenschen, in den eigenen Krämpfen spürte er die
Krämpfe der Zeit, deren Krisis er 1889 in "Wilhelm II. und die junge
Generation" ahnend kündete: "Die Zukunft, vielleicht schon die nächste
Zukunft: sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen überschütten. Und
dann? Wir wissen nur: die Intelligenz wird um die Kultur, und die
Armut, das Elend, sie werden um den Besitz ringen. Und dann? Wir wissen
es nicht. Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte,
eingeborene germanische Kulturideal sich zu erfüllen beginnt. Vorher
jedoch wird diese Generation der Übergangsmenschen, der Statistiker und
Objektssklaven, der Nüchterlinge und Intelligenzplebejer, der Suchenden
und Ratlosen, der Verirrten und Verkommenen, der Unzufriedenen und
Unglücklichen -- vorher wird sie mit ihrem roten Blute die
Schlachtfelder der Zukunft gedüngt haben -- und unser junger Kaiser hat
sie in den Tod geführt. Eines ist gewiß: sie werden uns zu Häupten
ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein: die
Hohenzollern. Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bedürfen wird? Das
wissen wir abermals nicht." Conradis Leben und Lyrik ist nie zur
persönlichen Form gedrungen. So tief er darum rang, die gärenden,
brodelnden Elemente seines Wesens zur Einheit zu binden: "Und ob die
Sehnsucht mir die Brust zerbrennt: -- Auf irrer Spur -- Läßt mich die
Stunde nur -- Am einzelnen verbluten."
Karl Henckell, der zweite Herausgeber der "Modernen Dichtercharaktere",
verlor sich vorläufig in die Stofflichkeiten des Naturalismus und
Sozialismus. Er sang "Das Lied des Steinklopfers", "Das Lied vom
Arbeiter", "Das Lied der Armen", besang "Das Blumenmädchen", "Die
Engelmacherin", "Die Näherin im Erker", "Die Dirne", "Die kranke
Proletarierin". Er zeichnete billige satirische Gegenbilder im
"Korpsbursch" im "Einjährig-Freiwilligen Bopf", im "Leutnant Pump von
Pumpsack" im "Polizeikommissar Fürchtegott Heinerich Unerbittlich". Er
feierte "das ideale Proletariat": "Heil dir Retterheld der Erde --
Siegfried Proletariat -- leuchtend in der Kraft des Schönen." Er
empfand sich als die "Nachtigall am Zukunftsmeer". Durch die
jugendliche Rhetorik und stoffliche Befangenheit brach die --
sozialistisch gefärbte -- Überzeugung einer Zeitenwende, eines nahen
Zusammenbruchs, einer neuen Zukunft.
Ärger noch in diese Stofflichkeit, in die nächsten Bilder und Phrasen
der Zeit verstrickt blieb Arno Holz (geb. 1863) in seinem "Buch der
Zeit", "Lieder eines Modernen" (1885). Er glaubte sich schöpferisch,
wenn er die Großstadt, das Großstadtelend, den Großstadtmorgen, den
Großstadtfrühling in wässerig strömende Reime und Strophen zwang. Der
"geheime Leierkasten", den er später aus jeder Strophe zu hören
glaubte, klingt überlaut aus diesen jugendlichen Versifizierungen. Und
es ist persönlich begreiflich, daß er 1899 schließlich in seiner
"Revolution der Lyrik" Reim, Strophe und festen Rhythmus grundsätzlich
verwarf und eine Lyrik proklamierte, "die auf jede Musik durch Worte
als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen
Rhythmus getragen wird, der nur durch d a s lebt, was durch ihn zum
Ausbruch ringt". Im "Phantasmus" schuf er dementsprechende,
eindringliche, duft- und farbenreiche Stimmungsbilder und -bildchen.
In Julius Hart, Bruno Wille, John Henri Mackay, dem Schüler Stirners,
und Ludwig Scharf ergänzte und steigerte sich die soziale Lyrik.
Richard Dehmel (1863-1920) vertiefte und beseelte sie. Er war der
Freund Detlev von Liliencrons (1844-1909), des "Blutlebendigen,
Lebensbeglückten", Erdursprünglichen, der zwar durch den "Naturalismus"
erst ganz zu sich selbst befreit wurde, aber stets reine, sinnenhafte
Natur war und blieb, dem Kampf der neuen Ideen fremd, ein voller
Ausklang der alten lyrischen Linie, der Droste, Kellers, Storms.
Liliencron kam der Entwicklung von Dehmels sinnlicher Anschauung zur
Hilfe, wie Uhland einst dem jungen Hebbel. Dehmel zerbrach die
Kunstanschauung des "Naturalismus": Nie ahmt der Künstler die Natur
nach. "Weder die sogenannte äußere Natur, die Welt der Dinge, noch auch
die innere, die Welt der Gefühle, will oder kann er zum zweitenmal, zum
immer wieder zweitenmal, in die bestehende Welt setzen, in diese Welt
der Wirklichkeiten. Er will überhaupt nicht nachahmen; er will
schaffen, immer wieder zum erstenmal. Er will einen Zuwachs an
Vorstellungen schaffen, Verknüpfungen von Gefühlen und Dingen, die
vorher auseinander lagen, in der werdenden Welt unserer Einbildungen."
Aus "chaotischen Lebenseindrücken" will er einen "planvollen Kosmos"
schaffen, "nicht Abbilder des natürlichen, sondern Vorbilder
menschlichen Daseins und Wirkens," "überschauende Zeit-, Welt- und
Lebenssinnbilder". So wird in Richard Dehmel zuerst der moderne Lyriker
sich seiner Aufgabe bewußt, der sinkenden, zersetzenden Zeit neue
Formen zu erobern, in der Form seiner Persönlichkeit und in heiliger
Wirkung und Wechselwirkung, in immer weiteren Ringen über sie hinaus:
"Alle Kunstwirkung läuft schließlich auf das Wunder der Liebe hinaus,
das sich begrifflich nur umschreiben läßt als Ausgleichung des
Widerspruchs zwischen Ichgefühl und Allgefühl, Selbstbewußtsein und
Selbstvergessenheit." Den Weg vom Ichgefühl, einem neuen, starken
Ichgefühl, zu neu bewußten und vertieften Allgefühl sucht Dehmels Leben
und Lyrik. Vom sozialen Gefühl der Zeit geht er aus. "Wie kann der
geistige Mensch zur Herrschaft kommen, wenn er umgeben bleibt von
Menschen, die nicht einmal der Pflege des Körpers freie Zeit genug
widmen können! Kann denn das geistige Dasein sich steigern, wenn
jedermanns Sinne voll geistiger Unlust sind? Und kann der Geist des
einzelnen wachsen, wenn kein geneinsamer Boden sich bildet, der seine
Seele zum Wachstum anreizt?" Aus dieser leidenden Bruderliebe, aus
diesem Wissen um das Verbundensein alles Volkslebens wachsen seine
sozialen Gedichte "Zu eng", "Vierter Klasse", "Der Märtyrer", "Jesus
der Künstler", "Bergpsalm":
Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
Es grollt ein Schrei von Millionen Zungen
Nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
Wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
Hier stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und grell,
Und du schwelgst noch in Wehmutslüsten?
Die beiden klassischen sozialen Lieder formen sich: "Erntefeld" ("Es
steht ein goldnes Garbenfeld") und "Der Arbeitsmann" ("Wir haben ein
Bett, wir haben ein Kind"). Über die Lebens- und Liebeseinheit des
eigenen Volkes, durch die es "dem hunderttausendfachen Bann" der
Lebensnot und -niedrigkeit entwächst, drängt Dehmels Traum und
Leidenschaft zur Menschheitsstunde: "Bis auch die Völker sich befrei'n
-- Zum Volk! -- m e i n Volk, wann wirst du sein?" Und über die
Menschheit hinaus stürmt sein Lebenswille ins Weltall: "Wir Welt!" Das
ist das letzte Ziel, die Durchdringung von Eins und All. Den Weg führt
uns die Liebe: "Wer so ruht an einem Menschenherzen -- Ruht am Herzen
dieser ganzen Welt."
Dieses Mysterium kündet der "Roman in Romanzen: Zwei Menschen" dreimal
36 Gedichte und drei Vorsprüche zu je zwölf Zeilen, die zusammen wieder
36 Zeilen ergeben. Alle Gedichte haben den gleichen Aufbau: eine
Naturschilderung als Einleitung, die Worte des Mannes, die Worte der
Frau, ein paar Schlußzeiten, die in neuer Einheit die Seelenstimmung
zusammenfassen. Diese Strenge der Gliederung schafft architektonische
Schönheit, aber hemmt und verbaut auch. Es kommt weder zur reinen
epischen Erzählung noch zum reinen lyrischen Ausströmen. Überhaupt
bleiben die epischen Elemente, die eigentliche Handlung, die Fülle der
Schauplätze, bedenklich stofflich. Hinreißend ist der ekstatische
Überschwung der Grundstimmung, der zwei Menschen aus ihrer Einzelhaft,
durch die Liebe, zur Verbundenheit mit der Natur, der Menschheit, dem
Weltall, zum "Weltglück" führt, bis selbst der Tod sie nicht mehr
schreckt:
Wir sind so innig eins mit aller Welt,
Daß wir im Tod nur neues Leben finden.
So wächst Dehmels Ich-Bewußtsein in immer weiteren Kreisen zum
Weltbewußtsein, nicht nur im Gefühlsrausch des Lyrikers, sondern im
menschheitlichen Vorkampf. Die Harmonien zwischen Mann und Weib
offenbaren sich ihm nur darum so machtvoll, weil er abgründige
Disharmonien durchlitten und durchschritten hat. Seelische Helle wächst
aus sinnlichem Dunkel. "Die Verwandlungen der Venus" zeichnen --
stofflich überlastet -- diesen Weg der Läuterung: "Aus dumpfer Sucht
zur lichten Glut."
Alle Menschheitsbeziehungen werden in ihrem Doppelspiel von Haß und
Liebe, von Selbstbehauptung und Hingabe neu zur Frage gestellt. Wie
Mann und Weib sich gegenüberstehen, so Vater und Sohn. Im Kampf der
Generationen, der alten und jungen Weltanschauung ruft er als Vater --
als erster Vater! -- seinem Sohne zu:
Sei du! Sei du!
Und wenn dereinst von Sohnespflicht,
Mein Sohn, dein alter Vater spricht,
Gehorch' ihm nicht! Gehorch' ihm nicht!
Als der Weltkrieg ausbrach, da war es Dehmel, dessen tapferer
Lebensglaube stets gewesen, durch die Zeit hindurch zur neuen Zeit und
Form sich vorzuringen, Pflicht und Bedürfnis, als
einundfünfzigjähriger, ungedienter, gemeiner Soldat in das Heer zu
treten und den Entscheidungskampf der neuen Menschheit mitzufechten:
"Die Begleitumstände sind allerdings scheußlich, aber das Hauptziel des
Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir wollen den Frieden auf Erden
schaffen, a l l e n Menschen zum Wohlgefallen... Etwas mehr
Himmelsluft wird sich doch nach diesem reinigenden Sturm ausbreiten,
bei uns selbst wie im ganzen Völkerverkehr. Und was war der Hauptgrund,
warum ich alternder Mann zur Waffe griff, nicht bloß aus
Vaterlandsliebe und Abenteurerlust; da mein Körper noch kräftig genug
dazu ist, muß ich ihn einsetzen für die geistige Zukunft." Als Soldat
der neuen Menschheit ist er gestorben, an einer Venenentzündung, die er
sich im Kriege zugezogen.
Das Kämpferpathos Dehmels, das anfangs dem jungen Schiller nah ist,
bevorzugt die charakteristische vor der musikalischen Form. Jeder
Glätte in Bild, Rhythmus und Strophe setzt er herbe Eigenheiten
entgegen. Der vierzeiligen Strophe gibt er eine fünfte Zeile mit, ohne
Reim, von besonderem Rhythmus. Bild und Versform wirken oft geschmiedet
und gehämmert. Auch seine "impressionistischen" Naturbilder sind keine
nachgiebige Eindruckskunst, sind Umwandlung üblicher, erstarrter
Anschauungen in charakteristische, von innen bewegte Bilder.
In der Herbheit der inneren und äußeren Form ist ihm Paul Zech (geb.
1881) verwandt. Soziales Ethos erfüllt und durchbebt sein
bäuerisch-westfälisches Blut. Einige seiner Väter schürften Kohle. Er
selber hat nach Vollendung seiner Studien in tiefster sozialer
Verbundenheit nicht nur als Dichter, sondern zwei Jahre auch als
Mensch, als Arbeiter, am Leben der Bergleute teilgenommen in Bottrop,
Radbod, Mons und Lens. In den Vers- und Novellenbüchern "Das schwarze
Revier", "Die eiserne Brücke", "Der schwarze Baal" zieht sein Ethos die
Machthaber, die Harthörigen und Verblendeten vor Gericht, Güte und
Menschlichkeit für alle zu fordern. Die Stoffwelt des jungen
Naturalismus kehrt wieder: Fabriken, Zechen, Sortiermädchen, Fräser,
aber durchseelt von einem Ethos und Pathos, das aus religiösen Tiefen,
aus Christi Herzen steigt und zur "Neuen Bergpredigt" berufen ist.
Dieser religiösen Menschheitsverbundenheit mußte der Weltkrieg, Welthaß
und -gemetzel, die Zech als ungedienter gemeiner Soldat in den
furchtbaren Kämpfen (Verdun und Somme) miterlebte, zum apokalyptischen
Grauen, zur Sünde wider den Heiligen Geist werden. Von den tausend
Kriegslyrikern hat Zech allein von Anfang an den Krieg in seiner
metaphysischen Bedeutung erlebt und gestaltet. Seine Gedichtbücher
"Golgatha" und "Das Terzett der Sterne" reißen den Krieg aus den
historisch-politischen Verknüpfungen vor das Angesicht Gottes.
Ewig sind wir Kain. Unser Dasein heißt: vernichten!
Käme tausendmal noch Christi Wiederkehr:
Immer ständen Henker da, ihn hinzurichten.
Fluch der Welt ist, daß uns Abel kindlos starb.
"Zweitausend Jahre noch nach Golgatha -- Göttliche Jugend blutig auf
der Bahre!" "Und immer neue Mütter stießen ihre Knaben -- In immer
helleren Scharen in das Feld -- Als wär vernarrt die ganze Welt -- Den
Mord hinfort als Hausaltar zu habe? -- ...Daß du, Gekreuzigter, nicht
von dem Holz -- Herabsprangst und mit Geißeln auf die Menge hiebst --
Und klein zurück auf ihren Ursprung triebst." "Seit jenen Tagen braust
durch das verführte -- Geschlecht ein schriller Ton -- Wie ihn schon
einmal ausstieß der verlorene Sohn." Aber den wilden Lärm der
Schlachten überschwillt die Musik der Sterne, wenn im Dämmern der Nacht
Gott aus den Mauerflanken anderer Erden ein Orgelhaus erbaut; dann
lösen sich die erdengrauen Kämpfer aus Blut und Schlamm der
Schützengräben ins Licht und Lied der Sterne und singen mit dem
Brüderheer der Toten und den brausenden Stimmen der Wälder die große
Schöpferfuge:
Zuletzt ist Gott nur noch alleine
Zuckender Puls im All...
Weit über Wind und Wassern hämmert seine
Urewigkeit wie Flügel von Metall.
Ist Zechs Menschenglaube und -liebe von alttestamentlichem,
prophetischem Eifer der Klage, des Zorns, der Forderung, so ist Franz
Werfels (geb. 1890), des Pragers, Liebe zur Welt und Menschheit
weicher, inniger, mystischer. Er stellt des Laotse Wort vor seine
Gedichte: "Das Allerweichste auf Erden überwindet das Allerhärteste auf
Erden" und Dostojewskis Wort: "Was ist die Hölle! Ich glaube, sie ist
der Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag." Immer tiefer
und reicher sprechen seine Gedichtsammlungen "Der Weltfreund", "Wir
sind", "Einander" "Der Gerichtstag" die Lebens- und Liebesverbundenheit
aller Kreaturen aus. Nur als Erscheinung sind wir getrennt, im Wesen
sind wir eins, eins in Gott. Noch im ärmlichsten Menschen, im
verachtetsten Tier und Ding ist Gott verborgen, ringt Gott nach
Offenbarung. Und diesen göttlichen Funken, diese göttliche Einheit
hinter aller getrennten Erscheinung, hinter Armut, Eiter und
Niedrigkeit zu suchen und zu lieben, ist unsere religiöse Aufgabe, ist
der Sinn unseres Lebens: "Wer sich noch nicht zerbrach -- Sich öffnend
jeder Schmach -- Ist Gottes noch nicht wach. -- Erst wenn der Mensch
zerging -- In jedem Tier und Ding -- Zu lieben er anfing."
So fleht der Dichter aus der Dumpfheit und Einsamkeit irdischer
Gebundenheit: "O Herr, zerreiße mich!" so braust der Bittgesang der
neuen Menschheitsgemeinde:
Komm, Heiliger Geist, du schöpferisch!
Den Marmor unserer Form zerbrich!
Daß nicht mehr Mauer krank und hart
Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
Daß wir gemeinsam und nach oben
Wie Flammen ineinander toben!
-- -- -- -- Daß nicht mehr fern und unerreicht
Ein Wesen um das andere schleicht,
Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren
Und in uns selbst dein Attribut erfahren.
Im Dichter wird dieses Gebet zuerst und zutiefst erfüllt: "In dieser
Welt der Gesandte, der Mittler, der Verschmähte zu sein, ist dein
Schicksal," kündet ihm der Erzengel -- "Daß dein Reich von dieser Welt
nicht von dieser Welt ist," diese Erkenntnis, "ist, o Dichter, dein
Geburtstag". Und so offenbart und erlöst der Dichter hinter der Welt
der Erscheinung die wahre Welt. Von der Welt der Armen, der
Dienstboten, der Sträflinge, der Droschkengäule, der Nattern, Kröten
und des Aases zieht er den täuschenden Schleier der Erscheinung und
offenbart das Geheimnis Gottes. Er will nichts sein als "Flug und
Botengang" des Ewigen, "eine streichelnde Hand", die allen
einsam-ängstenden Kreaturen von der göttlichen Wärme und Liebe
mitteilt. Nicht die "Eitelkeit des Worts" nur die Reinheit und Güte der
Seele gibt ihm die Macht zur Offenbarung und Erlösung: "Der gute
Mensch" ist der Befreier der Welt:
Und wo er ist und sein Hände breitet...
Zerbricht das Ungerechte aller Schöpfung,
Und alle Dinge werden Gott und eins.
Nicht die Erscheinung zu fliehen und vor der Zeit abzustreifen, sondern
die Erscheinung zu durchseelen, zu vergöttlichen, ist der Sinn der
Schöpfung, nachdem sie einmal im Sündenfall der Vereinzelung von Gott
abgefallen ist. In der Welt will Gott offenbart und erlöst werden.
Ergreifend spricht sich das im "Zwiegespräch an der Mauer des
Paradieses" aus, wo Adam, müde des Erscheinungswandels, zur alten
paradiesischen Einheit in Gott zurückverlangt und ihn anfleht: "Höre
auf, mich zu beginnen!", Gott aber weist ihn zurück in die Welt:
Kind, wie ich dich mit meinem Blut erlöste,
So wart' ich weinend, daß du mich erlöst.
Werfel ist ursprünglich, innig, oft franziskanisch-kindlich in seiner
Religiosität; gerade, sicher und sehnend wächst seine Dichtung zum
Himmel auf, wie ein gotischer Turm (erst im "Gerichtstag" gewinnt die
Reflexion zersetzend Macht). Rainer Maria Rilkes, des älteren Pragers
(geb. 1875), religiöse Lyrik ist mehr die Zierart am Turm, die Fülle
und Unruhe der gotischen Skulpturen, der Heiligen, Tiere und Ornamente.
Sie hat keine ursprüngliche, eigenmächtige Strebe- und Baukraft. Rilke
ist der Ausgang eines alten Kärntner Adelsgeschlechtes, verfeinert,
müde, heimatlos. In steten Reisen wechselte er zwischen Wien, München,
Berlin, Rußland, Paris, Italien. Er lebt wie seine Gestalten "am Leben
hin" nicht ins Leben hinein, durchs Leben hindurch. Die tiefsten
Offenbarungen gibt ihm nicht das unmittelbare Leben, sondern das
mittelbare: die Kunst. Erst in den Worpsweder Malern und ihrer
Atmosphäre wird ihm die seelische Bedeutung der Landschaft, erst in der
Kunst und dem Künstler Rodin die religiöse Bedeutung des Menschen
Erlebnis. Rodin, bekennt er, habe ihn "alles gelehrt, was ich vorher
noch nicht wußte, geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor
sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschütterte
Einsamkeit, durch sein großes Versammeltsein um sich selbst". Sein Buch
über Rodin ist wohl sein tiefstes und reichstes Werk. Wie Rodin, der
Gotiker unter dem Bildnern, den menschlichen Körper auflöst in Seele,
so löst Rilkes "Stundenbuch" mit den drei Büchern "Vom mönchischen
Leben", "Von der Pilgerschaft" "Von der Armut und vom Tode" die Körper
und Dinge in Gott. "Es gab eine Zeit, wo die Menschen Gott im Himmel
begruben... Aber ein neuer Glaube begann... Der Gott, der uns aus den
Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen." So offenbart
Rilke Gott in den Kindern, den Mädchen, dem Volk, den Armen, den
Bauern, der Landschaft, und mehr als in den Menschen in den Dingen:
"Weil sie, die Gott am Herzen hingen -- Nicht von ihm fortgegangen
sind." Aber diese Offenbarung wächst nicht wie bei Werfel aus
unmittelbarem Lebensanteil und -zwiespalt und heiliger Gewißheit, sie
wächst aus der Sehnsucht des heimatlosen Zuschauers und Künstlers und
aus dem Wissen um viele religiöse Vorstellungen und Symbole. Ein
russischer Mönch ist der Träger und Schreiber des Stundenbuches, und
der ganze Stimmungsreichtum russischer Klöster, Kuppeln, Ikone,
Gossudars wird genutzt. Anderen religiösen Gedichtzyklen, wie den
"Engelliedern" und den "Liedern der Mädchen an Maria" werden
präraffaelitische Erinnerungen zu Stimmungsträgern. Und die "Neuen
Gedichte", die in der Fülle ihrer Bilder die Beziehungen der
individuellen Erscheinungen zu den letzten Prozessen und Formen des
Daseins gestalten wollen, tun dies nicht aus der drängenden Einheit und
Tiefe eines ursprünglichen Weltgefühls, sondern im seelischen oder
gedanklichen Umkreisen eines Themas. Oft gestaltete, künstlerisch schon
reizvoll umspielte Themen locken Rilke besonders: Abisag, David vor
Saul, Pieta, Sankt Sebastian, Orpheus und Eurydike, Alkestis, Geburt
der Venus, Eranna an Sappho usw. In diesen Lebensbildern sucht und
schafft die Seele sich Heimat, der das Leben selber sich verschließt.
Und sie bringt ihnen all ihre menschliche und künstlerische
Feinfühligkeit und Bewußtheit als Gastgeschenk. Frühzeitig hat Rilke
sich seinen Sprachstil geschaffen von solcher Eigenheit, daß er die
Grenze der Manier streift. Unscheinbare Worte weiß er neu zu beseelen,
verbrauchte Bilder auf ihren Ursinn zurückzuführen, Gleichnisse preziös
auszubauen. Durch Assonanz, Binnenreim und Häufung des Endreims weiß er
der Sprache eine slawische Weichheit und Klangfülle zu geben. Im
letzten Gedichtbuch, der "Neuen Gedichte zweiter Teil", gewinnt jedoch
das Artistische bedenklich Raum.
Die Neigung zur Mystik ist Gefahr und Flucht für eine Zeit, die die
Form der Persönlichkeit wiedergewinnen, nicht aufgeben soll. Nicht
ichflüchtig, sondern im tiefsten ichsüchtig mußte der Lyriker werden,
der zur Form der neuen Lyrik: zur Form des neuen Menschen vordringen
wollte. Und wenn niemand durch die Zeit hindurch zu ihr drang, wenn
selbst Richard Dehmel, dem stärksten Bildner, deren zersetzte Elemente
bröckelnd in den Händen blieben, so konnte nur der die reine Form der
Persönlichkeit, des neuen Menschen bilden, der es von Anfang an außer
der Zeit und gegen de Zeit unternahm. So ist die Persönlichkeit und
Dichtung Stefan Georges (geb. 1866) Form geworden.
Der Wille zur Form war das Wesengesetz Georges von früh auf. Er selbst
weist darauf hin, daß ihm die Formkräfte des römischen Imperiums, des
Katholizismus, der rheinischen Landschaft im Blute mitgegeben seien.
Zuerst wurde dieser Formwille ästhetisch seiner bewußt. Die "Blätter
für die Kunst" die er 1892 gegründet, förderten -- beeinflußt von den
Präraffaeliten und von französischen Lyrikern, wie Baudelaire,
Verlaine, Mallarmé, Villiers -- eine "Kunst für die Kunst", sahen "in
jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel künstlerischer
Erregung". Aber hinter diesem Willen zur ästhetischen Form rang und
schuf bei George -- nicht bei seinen Mitläufern -- der Wille zu Lebens-
und Wesensformen. Und weil er diese in der eigenen Zeit nicht fand,
weil aus deren zersetzten Elementen auch keine reinen Formen zu bilden
waren, floh seine Seele "vorübergehend in andere Zeiten und
Örtlichkeiten", um dort die Urformen des Menschentums in ihrer Reinheit
wieder zu suchen und bildhaft zu erneuern. In Algabal, dem römischen
Priesterkaiser, fand er sein antikes Gegenbild: den Jüngling, den es
verlangte, unabhängig von einer zergehenden Um- und Außenwelt ein Leben
und Reich reiner Schönheit, reiner Formen zu schaffen:
Schöpfung, wo nur er geweckt und verwaltet,
Wo außer dem seinen keine Wille schaltet,
Und so er dem Wind und dem Wetter gebeut.
Der Schatten Ludwigs II. weht durch diese Strophen. Aber an der
Vermessenheit des Einsam-Überheblichen zerbricht diese Welt. Aus dem
Abseits und der Vereinzelung spätrömischen Herrschertums fliehen die
"Hirtengedichte" in die mythisch geläuterten Urformen naturhaft schönen
und reinen Menschentums, wie sie die Griechen zuerst gewahrt und
gebildet haben. Hier beginnt die tiefe Wesensverwandtschaft Georges mit
der Antike deutlich zu wurden. Das Christentum hatte in seiner
Weltflüchtigkeit, seiner metaphysischen Sehnsucht und Wertung
formsprengende Elemente in sich aufgenommen; nur im südlichen und
rheinischen Katholizismus waren Himmel und Erde in Lebensfreude und
Bildhaftigkeit eins geblieben. Georges reinem Formenwillen konnte nur
eine antikische Weltanschauung genugtun, in der Gott und Welt, Seele
und Leib sich restlos durchdrangen, und in der Schönheit der Gestalt
zur vollkommenen Form gelangen. "Den Leib vergotten und den Gott
verleiben", das war ihm der Sinn alles Weltgeschehens, darin Natur und
Kunst sich trafen. Für diese religiöse Aufgabe bedurfte die Dichtung
einer vollen Erneuerung ihrer Formsubstanz: der Sprache. Und von Anfang
an hatte George sich darum gemüht, die epigonenhaft verbrauchten
Elemente der deutschen Sprache neu zu schaffen. Er war in den Geist und
Klang von sieben fremden Sprachen eingedrungen. In unermüdlichen
Übersetzungen hatte er die deutsche Sprache bereichert, durchglüht und
gehämmert. Im "Algabal" war ihm die Sprache ganz zu eigen geworden; es
waren keine übernommenen und verbrauchten Elemente mehr in ihr, sie war
wieder ursprünglich, war imstande, seinen neuen reinen. Wesens- und
Lebensformen in reiner Sprachform Gehalt zu geben.
Nun war George stark genug, von seiner Flucht in die Welt der
Geschichte zurückzukehren, nicht mehr Urbilder vergangener Zeiten zu
erneuern, sondern Urkräfte zu bannen. Im "Jahr der Seele" (1897)
offenbart er Urformen der Natur.
Die Natur ist ihm kein Gegensatz zum Geist oder zur Seele, ist ihm die
Lebenseinheit beider, ursprünglich und ewig wie die Antike, die keine
entgötterte und entseelte Natur kannte. So erschienen im "Jahr der
Seele" die Urformen der Natur, die Jahreszeiten, in Bildern von
räumlicher Gegenständlichkeit und Farbigkeit und zugleich tiefster
Seelenhaftigkeit. Die Seele sucht hier nicht -- wie bei Goethe -- die
Natur, um an ihr sich zu finden und auszusprechen; beide sprechen sich
in ursprünglicher, kosmischer Einheit aus. Urformen der Natur
offenbaren sich als Urformen der Seele, Urformen der Seele als Urformen
der Landschaft. So sind es keine Stimmungs-, sondern Schicksalsbilder,
die diese Gedichte schaffen. Die Fülle des Herbsttags hebt an, die
reife Ernteruhe und -klarheit, der Friede der Erfüllung, den doch der
Vers Hebbels schon ahnend durchschauert: "So weit im Leben ist zu nah
am Tod." Wie sind Seele und Landschaft eins in solchem Gedicht:
Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
Des Buchenganges beinah bis zum Tore
Und sehen außen in dem Feld von Gitter
Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.
Wir suchen nach den schattenfreien Bänken,
Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten,
In Träumen unsre Arme sich verschränken,
Wir laben uns am langen, milden Leuchten.
Wir fühlen dankbar, wie zu leisem Brausen
Von Wipfeln Strahlenspuren aus uns tropfen,
Und blicken nur und horchen, wenn in Pausen
Die reifen Früchte an den Boden klopfen.
Erst nachdem George die Urformen der Geschichte und der Natur erlebt,
erneuert und gebannt, ist er geläutert und gestählt zur Weihe der
Berufung. Jetzt erscheint ihm der Engel des "Vorspiels": "Das schöne
Leben sendet mich an Dich -- Als Boten." Der Geist des Lebens erscheint
ihm jetzt, des "schönen Lebens", dem alles Dasein reine Einheit ist und
klare Form. Der hebt ihn zu sich auf die heilige Höhe der Sendung. Die
reinen Formen, die er bisher nur erfahren und erneuert -- jetzt darf er
sie am Urquell mit schauen und -schaffen; ein Leben der Weihe wartet
seiner, in dem jede Stunde sich sinnvoll einordnen, schöpferisch
rechtfertigen will. Aber die Gnade der Berufung fordert das Opfer, die
Hingabe, den ausschließlichen Dienst des Berufenen. Aus irdischem Glück
und menschlicher Wärme schreitet er zur Gipfelhöhe, Gipfeleinsamkeit,
Gipfeleisigkeit.
"Georges Vorspiel ist nur Gedicht, gehorsam demselben strengsten
Geheiß, das den Zarathustra erzwang: dem Ich Gesetz und Heil des Lebens
zu schaffen in gottblinder und weltwirrer Zeit, doch nicht für alle und
keinen, sondern aus dem einen. Ist ein Dichter mehr als bloß ein Ich,
dann gilt es dadurch den anderen; und was ihn ruft, weckt auf die
Ohren, die ihn vernehmen. Soll er den Kreis füllen, so muß er die Mitte
und die Strahlen halten, nicht dem Umfang nachlaufen. S i c h
gestalten, sich erfüllen, sich vollenden war Georges erstes Gebot, und
das empfing er nicht vom Fernen, sondern vom Nächsten, seinem eigenen
Herzen. Doch eben dies Gebot war die Antwort auf die Frage des
Lebens... und indem er sich erfüllte, als Dichter, indem er seine Form
fand, seinen Streit ausfocht, sein Wort sagte, tat er, was an der Zeit
war. Dantes Gesetz hieß: Schaue i Gott... Goethes: Werde Welt...
Georges: Gestalte Leben. Die Gefahren, Leiden, Wonnen und Pflichten
dieses Gesetzes hat er im Vorspiel verkündet, von der Einweihung bis
zur Vollendung." (Gundolf.)
Erst der also Geweihte vermag aus dem Geist des Lebens den "Teppich des
Lebens" (1900) zu zeichnen: die geistigen Urbilder des Menschentums in
Natur und Geschichte, "das Kräftereich europäisch-deutscher
Menschenbildung in einzelnen Schöpfungsformen, von den erdgebundenen
Anfängen bis zum geistigen Tun und Wirken der Genius". (Gundolf.) Wie
"ein Epos des Erdgeistes" beginnt die Reihe mit dem mütterlichen Grunde
alles Menschentums, der "Urlandschaft", in der Mensch, Tier und Erde
noch unbewußt und einig sind: "Erzvater grub, Erzmutter molk, -- Das
Schicksal nährend für ein ganzes Volk."
Zum erstenmal in dieser epischen Bilderfolge taucht in Georges Werk das
Volk als Urform des Menschentums auf und als Urform seines Menschentums
das deutsche Volk. Im Vorspiel hatte der Geist des Lebens ihn aus den
magischen Landschaften des Südens zu "den einfachen Gefilden", der
"strengen Linienkunst" der heimischen, rheinischen Landschaft geführt:
Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen,
Das allumworbene, trümmergroße Rom,
Wie herber Eichen Duft und Rebenblüten,
Wie sie, die deines Volkes Hort behüten --
Wie deine Wogen -- lebensgrüner Strom!
Jetzt ist ihm das Volk als Urform deutlich geworden, die ihn selber
umfaßt, die Wesens- und Geschichtskräfte des deutschen Volkes. Seine
Sendung ist zur deutschen Sendung geworden: Indem er die reinen Kräfte
des deutschen Volkes in sich zur Gestalt bildet, wird er auch der
Bildner seines Volkes sein. -- --
"Den Leib vergotten und den Gott verleiben": die Einheit von Welt und
Gott, Natur und Geist, Leib und Seele war Georges Weltanschauung und
-aufgabe. Sie sollte und mußte er erleben, erschauen, erschaffen. Das
höchste Symbol dieser Einheit ist der Gott-Mensch. Und wenn je die
Menschheit dieses Symbols bedurfte zu ihrer Vollendung -- George konnte
sich nicht begnügen, seine Weltanschauung in zerstreuten Bildern zu
schauen und zu schaffen; sie mußte sich ihm in einer Gestalt
verdichten. Das war die höchste Möglichkeit seiner Weltanschauung. Und
seinem Formsehnen und -willen war die höchste Möglichkeit auch die
höchste Notwendigkeit. So schaute und schuf er in Maximin, der
geliebten Gestalt eines schönen, früh gestorbenen Jünglings und
Jüngers, das Bild des Gott-Menschen, darin die Welt vollkommen ward.
"Wir gingen", heißt es in Georges Maximin-Rede, "einer entstellten und
erkalteten Menschheit entgegen, die sich mit ihren vielspältigen
Eingenschaften und verästelten Empfindungen brüstete, indessen die
große Tat und die große Liebe am Entschwinden war. Massen schufen Gebot
und Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen der
Rufer, die ehemals der Mord gelinder beseitigte: unreine Hände wühlten
in eincm Haufen von Flitterstücken, worein die wahren Edelsteine
wahllos geworten wurden. Zerlegender Dünkel verdeckte ratlose Ohnmacht,
und dreistes Lachen verkündete den Untergang des Heiligtums." Da
erschien in Maximin der göttlich einfsch schöne Mensch, "Einer, der von
den einfachen Geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte,
wie die Augen der Götter sie sehen." In ihm ward der erstarrten Zeit
der Erlöser:
Die starre Erde pocht,
Neu durch ein heilig Herz.
Die Gedichte auf das Leben und den Tod Maximins, seine Feier,
Verklärung und Wirkung bilden die Gipfelhöhe des "Siebenten Rings"
(1907). Von ihr aus sind die "Gestalten" geschaut, der zweite Zyklus
des Werkes, "der Aufruf der letzten gotteshaltigen oder
gottesmörderischen Urwesen zur Wende der Gesamtmenschheit". (Gundolf.)
Im Vor- und Aufblick zu ihr ist in den "Zeitgedichten" die Gegenwart zu
Gericht gerufen, verworfen in ihrer Fäulnis und Finsternis, gesegnet in
den einsam ragenden Lichtgestalten, den Vorbildern: Nietzsche, Böcklin,
Leo XIII., denen Dante, Goethe, Karl August, die alten deutschen Kaiser
sich in ewiger Lebendigkeit zugesellen: Urformen höheren Menschentums,
wie Held und Herrscher, Priester, Seher und Dichter usw. Hier wird
George Gewissen und Stimme der Zeit.
Im "Stern des Bundes" (1914) wird die Zeitschau, die in den
"Zeitgedichten" nur aus der Ahnung des Göttlichen geschah, aus seinem
Schauen und Wissen gegeben. Hier wächst George zum gewaltigen Richter
und Propheten der Zeit empor. Ein paar Monate vor Beginn des
Weltkrieges hat er hier aus heiligen Höhen den chaotischen Untergang
der zersetzten Zeit gesichtet und gerichtet:
Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn:
Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk.
Siech ist der Geist! Tot ist die Tat!
In einer ungeheuren Vision sieht und hört er in gewitternden Lüften
schreitende Scharen, klirrende Waffen, jubelnd drohende Rufe: den
"letzten Aufruf der Götter über diesem Land". Er sieht den maß- und
haltlosen Bau der Zeit wanken und zusammenstürzen. Er fühlt die
furchtbare Gewißheit:
Zehntausend muß der heilige Wahnsinn schlagen,
Zehntausend muß die heilige Sache raffen,
Zehntausende der heilige Krieg.
Er hört sein Prophetenwort, seinen Schrei zur Umkehr verhallen, als
wäre nichts geschehen. Und im letzten, flammenden Gesicht sieht er den
Herrn des Gerichtes:
Weltabend lohte...wieder ging der Herr
Hinein zur reichen Stadt mit Tor und Tempel,
Er arm, verlacht, der all dies stürzen wird,
Er wußte: kein gefügter Stein darf stehn,
Wenn nicht der Grund, das Ganze sinken soll.
Die sich bestritten, nach dem Gleichen trachtend:
Unzahl von Händen rührte sich und Unzahl
Gewichtiger Worte fiel und eins war not.
Weltabend lohte...rings war Spiel und Sang,
Sie alle sahen rechts -- nur er sah links.
Und als die Vision Wahrheit geworden, das Weltverhängnis
niedergebrocben war, als immer noch "In beiden Lagern kein Gedanke --
Wittrung -- Um was es geht", als aller Augen immer noch nur das
strategische Hin und Her anstarrten, da kündete er in seinem Gedicht
"Der Krieg" (1917):
Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte Welten fiebern sich zu Ende
In dem Getob.
-- -- --
Zu jubeln ziemt nicht: kein Triumpf wird sein.
Nur viele Untergänge ohne Würde.
-- -- --
Keiner, der heute ruft und meint zu führen,
Merkt, wie er tastet im Verhängnis, keiner
Erspäht ein blasses Glüh'n vom Morgenrot.
Weit minder wundert es, daß so viel sterben,
Als daß so viel zu leben wagt.
-- -- --
Ein Volk ist tot, wenn seine Götter tot sind.
Aber eben weil George von heiligen Höhen über die Zeit hinwegsah, sah
er auch weiter, über den Zerfall und Untergang hinaus, mündete sein
Kassandraruf in die heilig-liebende deutsche Verheißung:
Doch endet nicht mit Fluch der Sang. Manch Ohr
Verstand schon meinen Preis auf Stoff und Stamm,
Auf Kern und Keim...schon seh' ich manche Hände
Entgegen mit gestreckt, sag' ich: O Land,
Zu schön, als daß ich dich fremder Tritt verheere:
Wo Flöte aus dem Weidicht töne, aus Halmen
Windharfen rauschen, wo der Traum noch webt
Untilgbar durch die jeweils trünnigen Erben...
Wo die allbühende Mutter der verwildert
Zerfallnen weißen Art zuerst enthüllte
Ihr echtes Antlitz...Land, dem viel Verheißung
Noch innewohnt -- das drum nicht untergeht, -- -- --
Die ruft die Götter auf.
Der "Geist der heiligen Jugend unseres Volkes", der -- in Maximin
göttliche Gestalt geworden -- schon im "Stern des Bundes" verkündet und
in Lehre und Liebe dort unterwiesen war, wird in Frommheit und Würde,
Zucht und Opfer, Größe und Schöne die zerfallene Welt erneuern.
Als einziger einer zersetzten Zeit hat Stefan George seine Wesenheit in
Leben und Lyrik zur reinen Form geläutert, urbildlich erhöht und
vollkommen gestaltet. Mag das Gesetz seines Wesens wenigen gemäß sein
-- er ragt in die Zeit als Standbild des in sich Vollendeten, ein
Vorbild jedem, das Gesetz seines eigenen Wesens zu ergründen, zu leben,
zu formen und im eigenen göttlichen Keim die Kraft Gottes im
entgötterten Europa zu befreien.
DEUTSCHE MUSIK DER GEGENWART
VON PAUL BEKKER
Was ist das: deutsche Musik? Fragt man einen Franzosen nach
französischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Engländer
nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die
Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen. Der Russe wird
vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und
aus westeuropäischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird
nicht zögern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abhängigkeit von
außernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen.
Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die
Frage: Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter! Man wird
ebensoviel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde
Nationalitäten zählt. Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer,
dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei "deutsch" anerkannt
würde. Strauß, der den deutschen Namen am stärksten nach außen getragen
hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem beträchtlichen
Teil seines Schaffens als "undeutsch" abgelehnt, Pfitzners Musik wurde
während des Krieges von Berlin aus als "undeutsch, weil zukunftsarm"
gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Schönberg sind
Juden, also nicht diskussionsfähig, von Schreker in solchem
Zusammenhange auch nur zu sprechen, wäre Lästerung. Jeder dieser
Komponisten hat seine eigene Anhängergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die
Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegenüber festzustellen, und
die Worte "deutsch" und "undeutsch" spielen dabei die ausschlaggebende
Rolle.
Man könnte sagen, daß eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige
individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Schöpferpersönlichkeiten in
ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefaßte Begriffe von ihren
eigenen Fähigkeiten haben muß. Man sieht schließlich, daß auf diesem
Wege eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich ist, daß es sich vielmehr
bei solchen Streitereien um einen schmählichen Mißbrauch des Wortes und
Begriffes "deutsch" handelt. Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller
verschiedenartigen, aus einem Stamme erwachsenen Erscheinungen sollte
es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es
gegenwärtig geworden. Gegen solche Mißdeutung eines kulturellen
Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von
vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von
deutscher Musik gesprochen werden soll. Als deutsch gilt uns nicht
diese oder jene subjektive Eigenheit des Künstlers, diese oder jene
stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar
Tendenz des Schaffens. Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreise der
deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen Nährboden
gefunden, ihm eigene Früchte zugetragen hat und so seiner Erscheinung
in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt. Dieser Begriff des
Deutschtums ist nichts unveränderlich Feststehendes, kein gegebenes
Maß, dem alles unterworfen wird. Es ist ein stetig Wechselndes. Eben an
dieser Fähigkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die
innere Produktionskraft der nationalen Kultur. Wie das Deutschtum
Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes
als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser großen Kundgebungen
deutschen Geistes verzerrt würde, wollte man sie mit dem Maß der
anderen messen, so gilt auch für unsere Zeit keine Norm, sondern
zunächst nur der Wert der Erscheinungen. Erst aus aufmerksamer
Betrachtung ihrer Vielfältigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung
aller Strömungen vermögen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen,
über sein Wollen und Können Klarheit zu gewinnen.
Der Franzose, der Italiener, der Engländer weiß dies, der Deutsche muß
es noch lernen. Daß wir gegenwärtig gerade in der Musik im Kampfe
miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug
unseres kulturellen Lebens. Es mag hier unerörtert bleiben, wie weit
politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat,
obschon die Tatsache, daß politische Momente überhaupt auf
künstlerische Fragen Einfluß gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam
erscheint. In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur
Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen
Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen natürlichen Nährquellen
abgeschnitten fühlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des
Kunstwillens verloren hat. Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem
Verlangen nach Formung der schöpferischen Kräfte des Volkes im Symbol
des Kunstwerkes. Solche Formung geschah, als Bach die Matthäuspassion,
als Mozart die Zauberflöte, als Beethoven seine Sinfonien schrieb. Aus
dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und Künstler träumte sich der
Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zurück, baute er Bayreuth,
um dort sein "Volk" zu sammeln. Dieses Bayreuth an sich war schon ein
Zeichen, daß die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den Künstler hörte,
wie er es wünschte, daß es ihn in wesentlichem mißverstand und er, um
sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen
mußte. Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft ermöglichten das
Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung stärksten
geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewußtheit, aber
doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme
außerkünstlerischer Mittel. Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat
aber ist der Riß zwischen Volksgemeinschaft und Künstler scheinbar
unüberbrückbar geworden. Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit
um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der
Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist
nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar
an die Seele des Volkes zu gelangen. Statt des Volkes, statt der
Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die Öffentlichkeit. Sie ist nicht
imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine
Verbrauchsgenossenschaft. Sie verlangt interessiert zu werden, die
Wertung besorgt eine eigens dafür bestellte Fachkritik in den
Sprechorganen der Öffentlichkeit: den Zeitungen. So ist die Musik aus
einer Gemeinschafts-eine Fachangelegenheit geworden, für die nur der
fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt. So wird die
Basis, auf der das Werk des Künstlers ruht, verhängnisvoll eingeengt
und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur
Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedrängt.
Man muß, um einen Blickpunkt für das Gesamtbild der heutigen deutschen
Musik zu gewinnen, sich dieser Lage bewußt werden. Es kommt zunächst
nicht darauf an, zu untersuchen, welche Ursachen dieses Ergebnis
herbeiführten. Es kommt darauf an, den Sachverhalt selbst deutlich zu
erkennen. Erst von dieser Erkenntnis aus ist es möglich, die heut
tätigen Kräfte richtig zu sehen und zu werten, ohne dabei dem
persönlichen Geschmacksurteil die Entscheidung zu überlassen. Dieses
ist hier Nebensache. Eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen
schöpferischen Kräfte, eine Aussage über "deutsche Musik der Gegenwart"
kann nicht die Aufzählung einer Reihe subjektiver Meinungsäußerungen
über einzelne namhafte Komponisten erstreben. Sie muß fragen: Wie steht
die heutige Musik zu unserem Volkstum, welchen Beitrag bietet sie zum
Kulturleben der Nation und damit der Menschheit? Wo und wie lebt in der
Musikerschaft der Drang, über die spezialisierte Fachkunst hinaus zur
prophetischen Erfassung und Deutung seelischer Grundkräfte, über die
Wirkung auf die Öffentlichkeit hinweg wieder zum Organ des Volkes, zur
Künderin von Gemeinschaftsideen emporzuwachsen?
Wie aber ist das Kriterium hierfür zu finden? Wollte man sämtliche
deutsche Komponisten und Musikästhetiker der Gegenwart befragen, ob
ihnen nicht ein solches Ziel als erstrebenswert gilt und vorschwebt, so
würde die Antwort zweifellos von allen Seiten bedingungslos bejahend
lauten. Und dies trotz der tiefgreifenden Wesensverschiedenheiten von
Menschen, die einander hassen, verfolgen, verächtlich machen. So
verheerend wirkt im Deutschen das Subjektivistische der romantischen
Lebens- und Weltidee, daß kein Bewußtsein der Zusammengehörigkeit,
keine Erkenntnis des Gemeinschaftszieles die Begrenztheit des
Individuellen zu überwinden, die Notwendigkeit verschieden gerichteter
Willenskräfte achten zu lehren vermag. In dieser Unfähigkeit, die
Möglichkeit mehrerer gleichzeitiger und doch gegensätzlicher Lösungen
einzusehen, liegt eine verhängnisvolle Erschwerung der Annäherung von
Künstler und Volk. Sie treibt den Schaffenden naturgemäß zu immer
stärkerer Betonung persönlicher Einseitigkeit, sie verengt seinen
Blick, sie läßt ihn den Begriff des Volkes nicht in der vollen
Erfassung aller Kräfte, aller Lebensenergien, sondern in bewußt
einseitiger Betonung individueller Wünsche, in gewollt ausschließlicher
Hervorhebung besonderer Absichten suchen. Diese fanatische Übertreibung
des Subjektivistischen, diese Verkennung der natürlichen Bedingtheiten
des Persönlichen ist die Hauptursache nicht nur der gegenwärtigen
Zersplitterung der Kräfte, auch der Entfremdung der Kunst gegenüber dem
Volke, ihrer allmählichen Entwurzelung. Die Masse hat im Grunde kein
Verständnis, sie hat -- mit Recht -- auch keine Teilnahme für die
Kämpfe, die ausgefochten werden um Spezialfragen und über die nur die
Studierten mitreden können. Das Volk fragt ebensowenig nach den
Prinzipien der Kunstauffassungen, wie es nach dogmatischen Einzelheiten
der Religionen fragt. Es hängt der Religion an, die ihm Botschaft
bringt vom Übersinnlichen, es verlangt nach der Musik, die an seine
Seele greift und seinem Geiste Aufschwung gibt. Das Theologengezänk
aber der "Richtungen" ist ihm gleichgültig, und wenn solches übergreift
auf die Produktion, macht es ihm diese verächtlich. Was nützt
demgegenüber der gute Wille, die wohlmeinende Absicht der Künstler, die
bekehren und demonstrieren wollen, statt glauben zu machen! Ihr Eifer
ist nicht rein, denn es steht der Ehrgeiz der Propagandisten dahinter,
ihre Kunst ist nicht überzeugend, denn ihr fehlt die Naivität des
Absichtslosen.
Diese Naivität, diese Absichtslosigkeit, diese vorbehaltlose
Überzeugungskraft des Naturnotwendigen ist das Kriterium für die
Bedeutung des Kunstwerkes, für die Echtheit des Schöpferwillens. Erst
oberhalb solcher Voraussetzungen kann subjektive Wertung beginnen, die
dann Frage des Geschmackes ist, an die entscheidenden Grundbedingungen
aber nicht rührt. Wenn wir die Kräfte der Gegenwart erforschen wollen
auf ihr Verhältnis zum Volkstum, auf ihre Fähigkeit prophetischer
Deutung seelischer Grundkräfte, auf ihre Berufung zur Kündung von
Gemeinschaftsideen, so werden wir nicht nach ihrem ästhetischen
Programm fragen, nicht nach ihren erzieherischen Tendenzen, auch nicht
nach ihren stilkritischen Kennzeichen. Wir werden fragen, wo und wie
sich über diese persönlichen Merkmale hinaus ein schöpferischer Urtrieb
betätigt, der, alles willensmäßig Bewußte weit hinter sich lassend, aus
tiefstem Zwang des Müssens in absichtsloser Wahrhaftigkeit schafft und
dadurch zum Wecker elementarer Gefühlskräfte wird. Was solcher
Fragestellung standzuhalten vermag aus dem großen Bereich deutschen
Kulturgebiete, das ist deutsch, und das vermag entscheidende Auskunft
zu geben darüber, wie sich deutscher Geist der Gegenwart in der Musik
darstellt.
Religiöse Grundlagen sind die einfachsten, für die Erfassung
weitreichender Wirkungen sichersten Stützen des Kunstwerkes. Sie
umspannen Ideenkomplexe, die jeder ernsthaften Natur vertraut und
zugänglich sind, mit denen zu beschäftigen immer das Verlangen der
besten Menschen ist, und die zudem allen Graden persönlicher Bildung
zugänglich sind. Zeiten, in denen die Kirche den religiösen Drang zu
befriedigen und in lebendige Kultformen zu fassen wußte, sind daher für
jede Kunst, insbesondere für die Musik, stets Zeiten der Hochblüte
gewesen. Der Gregorianische Choral, das Werk der Niederländer, der
alten Italiener mit Palestrina, in Deutschland der protestantische
Choral, die Zeit der großen Kirchenkomponisten bis Bach sind Denkmäler
dieses Zusammenwirkens von Kirche und Kunst. Die unabmeßbare Kraft der
Musik Bachs beruht zum nicht geringen Teil darauf, daß in ihr kirchlich
religiöse Kultformen Grundriß, Aufbau und innere Führung der
künstlerischen Schöpfung mitbestimmt haben. Gewiß ist es richtig, das
einzig das Genie Bachs eine solche Steigerung der gegebenen Kultformen
ermöglicht hat, denn zahllose andere Musiker, die sich vor, neben und
nach ihm ähnlich betätigten, sind heut vergessen. Gewiß ist es
ebenfalls richtig, daß wir heut auch Bachs kirchliche Musik nicht mehr
aus der Gefühlseinstellung der konfessionell gläubigen Gemeinde
aufnehmen. Aber weder die Erkenntnis der Einzigartigkeit von Bachs
Genie, noch der Hinfälligkeit der für ihn grundlegenden Kultformen
verringert die Bedeutung der Tatsache, daß hier Genie und Kultus in
gegenseitiger Durchdringung zu einem zeitlosen Ganzen emporgewachsen
sind. So unrichtig es wäre, Bach in seinen Passionen, Kantaten, Messen,
Chorälen, Motetten etwa nur als Interpreten kirchlicher Formideen
anzusehen, so falsch wäre es, die lebenspendende Kraft dieser Formen zu
unterschätzen und die Dauer dieser Werke ausschließlich als subjektive
Leistung Bachs anzusehen. Hier hatte ein starkes Gemeinschaftsgefühl
aus der Kultur einer Zeit Voraussetzungen geschaffen, die nun der große
Künstler erst recht erkannte und bis auf ihre höchste Tragkraft zu
überbauen wußte.
Den Menschen der nachfolgenden Zeit fehlte diese feste Bindung. Wohl
blieb das religiöse Verlangen, aber die vereinheitlichende
Zusammenfassung durch die Kirche, die lebendige kultische Form ging
verloren. An Stelle der kirchlich gläubigen Erfassung religiöser Werte
trat unter dem Doppeldruck der Aufklärung wie der idealistischen
Philosophie und Dichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts kritisch
gesinnte Ethik. Sie gab der Musik die neue Fähigkeit der Leidenschart,
des Sturmes, des individuellen Erlebens, der Beichte. Sie stellte sie
unter den Zwang der Gefühlskritik, gab ihr zur Aufgabe die
unerbittliche Auseinandersetzung mit menschlichstem Geschehen, setzte
als Ziel die Gewinnung und Erkennung des Menschen. Mozarts Opern zeigen
dieses Ziel in stofflicher Symbolisierung. Darüber hinaus aber ist die
seelische Voraussetzung aller Musik dieser Zeit mit ihrer
Hauptschöpfung: dem Formbau der Sonate Gestaltung kritischer
Gefühlsauseinandersetzung und -erkenntnis. In ihr liegt das religiöse
Grundmotiv des Idealismus. Beethovens Werke in ihrer Gesamtheit sind
musikalische Kulthandlungen. In den verinnerlichten Formen der
Kammermusik, in den über die Kirche hinausstrebenden Messen, selbst in
der Oper, am stärksten zusammenfassend aber in den Sinfonien lebt als
treibende Urkraft der ethische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang des
deutschen Idealismus, die Religiosität, die nicht mehr Kirche, nicht
mehr Dogma ist, sondern die Offenbarung des Göttlichen nur aus der
Gefühlskraft der menschlichen Seele empfängt. Diese ethische
Religiosität war ebenso Eigentum aller geistigen Menschen des
ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie Bachs kirchliche Gläubigkeit das
seiner Zeitgenossen. Der Idealismus schuf seine musikalische Kultform
im Konzert mit allen Verschiedenheiten seiner Formgattungen, gab
gleichzeitig der bis dahin auf Luxus- oder niedrig volkstümliche
Wirkungen begrenzten Oper den weiten Horizont allmenschlichen
Geschehens. Aus vorher unbekannten Bezirken des Fühlens und Erlebens
hatten sich neue Gemeinschaften der Menschen geformt, der religiöse
Trieb hatte eine äußerlich dem Kirchlichen schroff abgewandte, der
geistigen Schwungkraft nach aber höchster Glaubensfähigkeit ebenbürtige
Gestaltung gefunden.
Dieser emporflammende Auftrieb der entdogmatisierten und doch
tiefgläubigen Seele brach zusammen in der Romantik. Es ist das
entscheidende Kennzeichen der den größten Teil des 19. Jahrhunderts
beherrschenden romantischen Bewegung, daß sie sich nicht fähig erwies,
dem religiösen Problem eine neue, eigenkräftige Gestaltung zu geben.
Der religiöse Impuls der Romantik äußerte sich zunächst in einseitiger
Weiterführung des kritischen Elementes, dem gegenüber der seelische
Anschwung des Idealismus mehr und mehr erlahmte. Das Ergebnis war teils
eine sich in Einzelheiten materialistischer Art zerfasernde
wissenschaftliche Empirie der Beobachtung, teils eine dieser
Nüchternheit abgewandte, auf religiöse Symbole der Vergangenheit
zurückgreifende Mystik. Naturalismus und Mystizismus sind
dementsprechend die geistigen und seelischen Grundlagen auch der
romantischen Musik. Zu organischer Einheit zusammengefaßt erscheinen
sie im Gesamtwerk Richard Wagners, in dieser Kunst der Synthese, die
einer religionssuchenden, doch innerlich glaubensunfähigen Zeit statt
des Gemeinschaftserlebnisses den Gemeinschaftsrausch gibt und sich
dafür der Kultform des religiösen Dramas in ästhetischer Verkleidung
bedient. Der Romantik mit ihrem Mangel eigener Kraft des Schauens und
Bauens geht die Naivität ursprünglichen Schöpfertums verloren. In die
Vergangenheit zurücktaumelnd, greift sie deren absichtslos geformte
Symbole auf und verwendet sie in bewußter Reizsteigerung zu Mitteln
absichtsvoller, durch reflektive Kunst planmäßig gestalteter Wirkungen.
Was Nietzsche zuerst als das Dionysische, später als das
Schauspielerische an Wagners Kunst empfand, war in Wahrheit ihr
Rauschhaftes, das ihn anfangs hinriß, dann abstieß. Aus der
instinktiven Abwehr gegen diesen Rauschtrank entsprang alle Opposition
gegen Wagner. Und doch war dieser Rausch der Wagnerschen Kunst nichts
von der älteren und gleichzeitigen Romantik grundsätzlich
Verschiedenes, nur ihre äußerste Steigerung. Alle romantische Kunst,
"Freischütz" nicht minder als "Tristan" ruht auf der Grundwirkung der
Hypnose, der Suggestion, auf der Idee des Traumes. Sie setzt die
Unwirklichkeit als Grundlage des Geschehens voraus, bedient sich aber
in der äußeren Gestaltung mit nachdrücklicher Betonung einer
naturalistischen Logik des Geschehens. In solcher Auffassung der
künstlerischen Welt als einer Welt bewußten Scheines, absichtlicher
Sinnestäuschung lag ein tiefer Widerspruch zur Kunst des Idealismus.
Für diesen war die Kunst Steigerung, schwunghafte Erhöhung des realen
Seins, kein Gegensatz, sondern durch geistige Hochspannung gewonnene
Sphäre vervielfachter Lebensenergie. Die idealistische Kunstauffassung
war Ergebnis einer im tiefsten Grunde bejahenden, den Mächten des
Lebens innerlich überlegenen Weltanschauung. Der Romantik fehlt diese
Überlegenheit. Sie ist pessimistisch, weil sie sich dem Leben nicht
gewachsen fühlt, sie bedarf des Traumes, um der Wirklichkeit zu
entfliehen. Die Kunst ist ihr das Narkotikum, das den Traum
heraufzaubert, und weil diese Kunst als Surrogat des Lebens dient, so
muß sie mit allen Mitteln der Sinnestäuschung illusionistischen Zwecken
dienstbar gemacht werden. Illusionistisch ist die Bühne der Romantik,
ist die Faktur ihrer Technik. Die Psychologie wird in den Dienst des
Kunstwerks gestellt, das Prinzip des Leitmotives ist das stärkste
Kunstmittel einer illusionistisch gerichteten Phantasie. Der
bestimmende Einfluß poetisch programmatischer Vorstellungen auf das
sinfonische und instrumentale Schaffen beruht gleichfalls auf dem
Streben nach Übertragung real glaubhafter Vorgänge in künstlerische
Wirkungen. Das Leben sinkt für den Romantiker immer mehr zur Unterlage
der Kunst herab, diese selbst wird ihm zum Inbegriff eigentlichen
Lebens und damit auch zur Religion. Unvermögend, das reale Sein zu
zwingen, flüchtet der romantische Künstler in die Traumwelt des
künstlerischen Scheins, gestaltet sie mit allen Mitteln der Kunst zum
Abbild einer gewünschten Wirklichkeit und gewinnt aus der Anbetung
dieses selbstgeschaffenen Idols Befriedigung seiner weltlichen und
überweltlichen Sehnsucht.
Damit hatte die Musik, namentlich die dramatische Musik, scheinbar über
alles Frühere hinaus eine noch nie erreichte Steigerung religiöser
Bedeutsamkeit erreicht. Sie war nicht nur, wie bei Bach, künstlerische
Verklärung gegebener Kultformen, sie stellte nicht nur, wie in der Zeit
des Idealismus, die Übertragung ethischer Erkenntniskritik in
unkirchliche Formen beseelter Geistigkeit dar. Sie war jetzt selbst
Erkenntnis, selbst Religion geworden. Diese Steigerung war indessen nur
scheinbar. Was die Kunst an Selbstherrlichkeit gewann, büßte sie an
umfassender Kraft und seelischer Wahrhaftigkeit ein. Diese zur bewußten
künstlerischen Wirkung sterilisierte Religiosität trug in sich weder
die überzeugende Ursprünglichkeit des menschlichen Glaubenserlebnisses
noch den emporreißenden seelischen Aufschwung des entkirchlichten und
doch gottesahnenden Idealismus. Die romantische Religiosität war zu
einer Angelegenheit der Ästhetik geworden, ihre Abwendung vom Leben
entzog ihr die fließenden Kräfte dieses Lebens. Wagner glaubte, das
Volk zu suchen, er fand den Bayreuther Patronatsverein. Er fand das
gebildete Publikum, daß sich am Rausch seiner Ekstasen religiös zu
erbauen meinte und nicht fähig war, zu erkennen, daß hier Symbole einer
entseelten Religiosität zu dekorativer Schaustellung arrangiert waren.
Auf der deutschen Gegenwart lastet das Erbe der Romantik. Der
Rauschtrank der romantischen Kunst hat die Geister verwirrt und
seelisch niedergebrochen. Einige meinen, er müsse immer wieder erneuert
werden, sie glauben in der Fortführung der Hypnose, in der
Aufrechterhaltung der Kunst als des Narkotikums den einzigen Weg zu
sehen. Sie teilen mit der Vergangenheit die Scheu vor dem Leben, die
Realität erscheint ihnen sinnlos und schlecht. Es ist die Gruppe jener
Künstler, die neuerdings in Hans Pfitzner ihren Wortführer gefunden
hat. Man darf, will man die symptomatische Bedeutung solcher
Erscheinungen nicht verkennen und unterschätzen, ihren Worten nicht
unmittelbare Widerrede, ihren Taten keine absolute Kritik
entgegensetzen. Sie sind Opfer einer Vergangenheit, deren Blendkraft
Generationen getäuscht und zermürbt hat. Ihre Hysterie ist ein Teil
unserer eigenen Schwäche, weit entfernt, uns zu unfruchtbarem
Widerspruch aufzureizen, zeigt sie uns die zersetzende Nachwirkung der
romantischen Lüge an dem erschütternden Beispiel entnervter Talente.
Ein heißer Drang zum Glauben, ein bedingungsloser Fanatismus sucht
Erfüllung von der Kraft einer Theatersonne, unfähig zu erkennen, daß
dieses künstliche Licht nur geschaffen ist, um zu täuschen, eine Welt
des Scheines zu erhellen, eine Gemeinschaft der Lebensflüchtlinge
anzulocken. Aber diese hingebungsvolle Bewunderung, diese
selbstvergessene Anbetung des großen Scheines, dieser Traum von der
Herrlichkeit des Vergangenen ist ein tiefer Wesenszug des deutschen
Charakters. Je ärmer und reizloser die Kunst dieser Männer wird, je
mehr sie sich in schemenhafte Phantasterei und mystischen Dunst
verliert, um so mehr erkennen wir hier ein ursprünglich werthaltiges
Gut deutscher Art: die Verehrung des erdhaft Heimischen, des
geschichtlichen Werdens. Es liegt ein religiöser Zug verborgen in der
bedingunglosen Anbetung des Blutes, der Art, der Gesinnung, und so
wenig solche Verherrlichung des Gewesenen geeignet ist, Erkenntnis zu
schaffen, dem Blick die Kraft wahrhaften Durchdringens zu geben, so
wenig kann man sie aus dem Charakter des Deutschtums streichen. Als
Kunstbekenntnis ist sie der leichtesten Eingänglichkeit sicher, sie
erspart selbständiges Denken, bietet nichts Eigenes, verlangt nur
Anerkennung des historisch Gegebenen. Diese Religion der Haus- und
Nationalgötter, deren Heiligkeit bedingt wird durch ihre Herkunft,
gehört zu den populärsten Bekenntnissen im heutigen Deutschland und
zählt eine große Gemeinde. Es ist eine an sich durchaus unreligiös
Religion, aber sie gibt den suchenden Menschen ein Etwas, an das sie
glauben können, sei dieses Etwas auch nur ein Fetisch.
Dieses Suchen, dieses Glaubenwollen, dieses starke Durchbrechen des
religiösen Bedürfnisses ist das auffallendste Kennzeichen der Gegenwart
im Vergleich mit der unmittelbaren Vergangenheit. Es zeigt sich nicht
nur an dem Versuch, dem künstlerischen Nationalismus religiöse
Bedeutung zu geben, es zeigt sich auch an der Entwicklung anderer
Geistesrichtungen innerhalb der gegenwärtigen Musik. Aus der
illusionistischen Tendenz der romantischen Musikauffassung hatte sich
allmählich ein intellektuell hochstehender Naturalismus entwickelt,
sein talentmäßig stärkster Repräsentant ist Richard Strauß, die
lebendigste und bewegungskräftigste deutsche Musikbegabung seit Wagner.
Bei Strauß ist bis zu den Werken seiner besten Manneszeit,
"Heldenleben" "Domestika" und "Rosenkavalier", der Sinn nur auf
intellektuelle Gemeinschaft, auf die Überzeugungskraft der richtigen
Beobachtung, auf die Freude an der Selbstsicherheit der
naturalistischen Darstellung gerichtet. Aus der Kraft des Wurfes, mit
der hier die materialistische Wirkung der Kunst erfaßt wurde, ergab
sich die Unmittelbarkeit des Eindruckes. Der Rausch kam nicht mehr, wie
bei der älteren Romantik Wagners, aus der Ekstase eines
Scheinerlebnisses. Er war lediglich Freude an der hinreißenden
Beherrschung der illusionistischen Darstellungskunst, deren Objekt im
Hinblick auf seine Anregungskraft für das Talent des Künstlers gewählt
wurde.
Dieser Naturalismus, der mehr und mehr zur deskriptiven Virtuosität
herabsank, hat neuerdings versucht, sich durch Anlehnung an die
Symbolik des Idealismus einen ethischen Anschwung zu geben. Vom
"Rosenkavalier" an über "Ariadne" und "Josefslegende" bis zur "Frau
ohne Schatten" tritt in Stoffwahl und künstlerischer Behandlung bei
Strauß eine unverkennbare Bezugnahme auf Mozart zutage, eine
Bezugnahme, die freilich nirgends über die Bedeutung der
archaisierenden Stilanlehnung hinausgelangt, weil die Straußsche Kunst
ihrer An der Gefühlserfassung nach unlösbar verwurzelt ist in den Boden
der Romantik. Auch diese Lebensäußerung deutschen Geistes in der
gegenwärtigen Musik ist nicht zu unterschätzen. Sie zeigt die
Beweglichkeit, den spekulativen Unternehmungssinn, die technische
Phantasie eines expansiv gerichteten, auf äußere Aktivität gestellten
Willens. Ihrer bekenntnismäßigen Bedeutung nach erscheint sie freilich
vorwiegend Ausdruck eines Materialismus, der seine religiös ethische
Schwäche unter dem Reichtum äußerlich reizvoller Bilder zu verbergen
sucht und dabei doch mehr und mehr der Skepsis des Ästhetentumes
verfällt.
Der Traum als Mittel der Vergangenheitserinnerung war das Ziel auch
jener Kunst, die im Anschluß an die ältere Romantik durch Vertiefung
des gemütvoll Innigen, durch strengen Ernst und beschauliche Sammlung
der Gefühlskräfte das Rauschharte der theatralischen Gebärde Wagners zu
vermeiden suchte. Brahms ist die eigenkräftigste, durch Festigkeit und
herbe Geschlossenheit des Willens imposanteste Erscheinung dieser Art,
Reger ihr unruhvollst bewegter problematischer Ausklang. Es ergab sich
aus der inneren Willensrichtung dieser Kunst, daß sie sich
ausschließlich konzertmäßigen Formen zuwenden und diese unter bewußter
Betonung ihres formalistischen Charakters einer gesteigerten Intimität
des Gefühlslebens, damit zugleich einer Verengung ihres äußeren
Wirkungskreises zuführen mußte. Der Wesenscharakter dieser Kunst dräng
zur Hausmusik. Er enthüllt sich am freiesten in der Kammermusik und der
auf intern begrenzte Wirkungen berechneten Vokallyrik. Wo er dem
Monumentalen zustrebte, näherte er sich dem akademischen Formalismus,
der schematisch konstruierten, nicht frei gewachsenen Form. Das
Positive lag in der inneren Bezugnahme auf die wertvollen Kräfte eines
konservativ beschaulichen Gefühlslebens, das sich nicht zu erweitern,
nur zu bewahren strebt. Die Schwäche war bedingt durch bewußt
rückschauende Tendenz, durch stille, aber hartnäckige Abwehr gegenüber
allen Versuchen, neue Grundlagen, neue Ausgangspunkte seelischen
Gemeinschaftslebens zu finden.
Solche neuen Grundlagen und neuen Ausgangspunkte des Seelischen treten
dagegen mit überraschender Bestimmtheit zutage in der Musik Anton
Bruckners. Ähnlich wie Brahms steht auch Bruckner in naher innerer
Beziehung zum Volkstum. Nur ruht diese Beziehung nicht auf bewußter
Archaisierung, traumhafter Zurückführung der Gefühlsart auf eine
innerlich als altertümlich empfundene Art der Ausdrucksgestaltung. Sie
ergibt sich aus natürlich freier, menschlich spontaner Unmittelbarkeit,
ist reines Erlebnis ohne irgendwelche stilistische Bewußtheit. Als
individuelle Erscheinung ist Bruckner in seiner Weltfremdheit, seiner
Mischung von Bauer und Mönch eine fast mittelalterliche Natur, als
Künstler stellt er unter allen anderen Typen seiner Zeit die erste im
wahrhaften Sinne modern gerichtete Persönlichkeit dar. Er steht der
Wagner-Nachfolge sowohl in ihrem krampfhaften Verlangen nach
weltfeindlicher Hypnose wie in ihrer ästhetenhaften Symbolspielerei
ebenso fern wie der versonnen rückblickenden Vergangenheitsträumerei
der formalistisch akademischen Romantik. Er ist ein gläubiger Mensch,
dessen unkomplizierte Religiosität sich an dem weihevollen Glanz und
der Autorität eines unkritisch empfangenen Katholizismus zur
Erhabenheit aufrichtet. Gläubigkeit ist für ihn kein Rausch, keine
Sehnsucht, kein Spiel, sie ist eine unerschütterliche, jenseits aller
Zweifel stehende Tatsache. Sie gibt ihm Naivität und Kraft der großen
Form, gibt ihm die Fähigkeit der Gemeinschaftsbildung, die hier wieder
aus der Wucht des wahrhaftigen Erlebnisses erwächst. In Bruckners Musik
tritt zum erstenmal seit dem Verblassen des Idealismus der wirkliche
Mensch mit seinem Drang zur nicht künstlich vorgetäuschten lebendigen
Wirklichkeit hervor. Der Traum als Ziel der Kunst wird überwunden, ein
starkes Gefühl ist wieder erwacht, das den Erscheinungen der Realität
gewachsen und fähig ist, sie formend zu gestalten. Die Quellen dieses
Gefühles weisen wieder zurück auf die Kirche: Orgelklang,
Hochamtsfeier, liturgisches Zeremoniell sind die Grundlagen für
Bruckners Phantasieleben. Man könnte an eine gewaltig hervorbrechende
Nachblüte spezifisch katholischer Kunst denken. Aber hier tritt
gleichzeitig ein so kerniges, bei aller Gebundenheit persönlich
gerichtetes Menschentum zutage, daß die kirchliche Bezugnahme nur
Fundament und innere Richtlinie bleibt für eine kühn und frei in die
Welt des Erdhaften hinausgebaute Kunst.
Was Bruckner von der Basis einer strenggläubigen, durch inbrünstige
seelische Erfassung und urwüchsige Einfalt bezwingenden volkstümlichen
Kirchlichkeit aus begann, das vollendete Mahler. Bruckner wie Mahler
entstammten dem Traumlande der Romantik, in ihnen vollzog sich das
Erwachen der Seele zu einer neuen Lebensgestaltung aus der Kraft eines
neuen Lebenswillens, eines positiv gerichteten Aktivitätsdranges.
Empfing Bruckner noch die innere Anregung und Beschwingung seiner
Phantasie aus der frommen Erfassung katholischer Glaubenssymbole, so
drang Mahler aus der konfessionell umschriebenen Gedankenwelt vor in
die Sphäre der reinen Naturanbetung. Das Blühen und Werden, das Keimen
und Vergehen alles Seienden, das Wunder der zeugenden und schaffenden
Liebe, das Geheimnis des Lebens und Sterbens der Natur, alles, was
gleichnishaft in den Symbolen der kirchlichen Lehre dargestellt war,
erschien jetzt wieder in unmittelbarer Anschauung gespiegelt, nur in
das Symbol des Kunstwerkes übersetzt. Eine Welt glaubenstiefer und doch
unkirchlicher Religiosität tat sich auf, ähnlich wie einst bei den
Künstlern der idealistischen Zeit und doch ganz anders erschaut.
Nicht mehr Erkenntnis ist das Ziel, nicht mehr Kritik weist den Weg.
Der individualistische Hang, der Trieb zur Befreiung der Persönlichkeit
und ihrer Werte, der die individualistische Bewegung getragen und im
subjektivistischen Traumbild geendet hatte, ist erloschen. Jetzt
wechselt er in das Streben nach Überwindung der individuellen
Begrenztheit, nach Eingliederung des einzelnen in das Ganze. Die Natur
in der unbemessenen Vielheit ihrer Erscheinungen wird zum höchsten
Sinnbild der Totalerfassung schöpferischer Kräfte. Der Mensch, nicht
mehr kritisches Geistwesen, sondern vegetabilisches Naturwesen, steht
inmitten dieses Ganzen, nur ein Teilchen davon, pflanzenhaft
erdgebunden und doch wieder Unsterbliches in sich tragend, höchste
Inkarnation göttlicher Urkraft, soweit er sich kosmisch zu empfinden
und zu erkennen vermag. Die Gemeinschaft wird auch künstlerisch wieder
zur Quelle einer neuen Formidee: die Gemeinschaft nicht der Gläubigen,
nicht der Erkennenden, nicht der vom romantischen Zaubertraum
Berauschten, auch nicht der nationalistisch Gesinnten, ästhetenhaft
Interessierten oder der Vergangenheitsträumer. Es ist eine höhere
Gemeinschaft, die alle: Gläubige, Idealisten und Romantiker umfaßt, von
allen ein Teil in sich trägt und es mit den übrigen zu neuer Gesamtheit
einigt. Es ist die Gemeinschaft der Menschen als Geschöpfe einer
Gottheit der Liebe, aus deren ahnender Erfassung alles Problematische
sich löst, alles Individuelle verschwindet, alles Schicksalhafte
überwunden wird. In dieser Verkündung der Liebe als der höchsten
schaffenden Macht, in dieser Anschauung des Menschen nur als Teiles
eines sozial bedingten Ganzen lag die neue religiöse Botschaft, lag die
neue aktive Gestaltung tief drängenden Menschheitsverlangens, lag die
befreiende Tat, die aus der Traumsphäre der Romantik hinausführte in
die Wirklichkeit lebendigen Lebens, sie bejahend und in der Kunst zu
formbewußter Gestaltung zwingend.
Es war ein deutscher Musiker, der diese Tat vollbrachte und damit der
deutschen Musik wieder ein hohes Ziel stellte, ihr einen neuen
Gefühlsgehalt gab. Neu freilich nur im Hinblick auf die innerer
Begründung. Dem Ergebnis nach deckte sich diese kosmische Religiosität
mit der christlichen Gemeinschaftsidee wie mit der Menschheitsliebe der
idealistischen Humanitätszeit. Alle drei sind Auseinandersetzungen mit
dem Gemeinschaftsproblem, verschiedenartig in der Begründung,
übereinstimmend aber im Resultat der Bejahung des Lebens in der
Gemeinschaft, der Überwindung des Individuellen, der tätigen
Zusammenfassung aller Kräfte. Mit dem erneuten Durchbruch zu diesem
Ziel hatte die deutsche Musik wiederum ihre Berufung und Fähigkeit zur
Weltmacht erwiesen, ihre Stellung als Künderin höchster
Menschheitsideen bestätigt.
* *
*
Zum zweitenmal wurde die sinfonische Form Gefäß der gestaltenden Idee,
jetzt nicht wie bei Beethoven vorwiegend auf die abstrakt instrumentale
Sprache beschränkt, sondern stark durchsetzt, zum Teil beherrscht vom
vokalen Ausdruck. Die Sphäre des Geschehens war dem sinnlich faßbaren
Erlebnis nähergerückt, die Vorstellungswelt dieser Kunst lag mehr im
Bereich des irdisch Erkennbaren, Gleichnishaften. Dagegen war sie
ferngerückt dem Naturalismus und Illusionismus der Romantik, und darin
lag der tiefe Wesensunterschied sowohl gegenüber der gleichzeitigen
Programmusik als auch der Oper. Die Oper war ihrem Ursprung nach dem
unbefangensten, kindlich buntesten Sinnenspiel zugewandt. Im Gegensatz
zu den auf andächtig religiöse Vereinigung gerichteten musikeigenen
Formen war sie der Verherrlichung der Freude gewidmet, das Fest des
Dionysos und des Eros. Künstliches Erzeugnis bewußten Luxustriebes, als
Formerscheinung abhängig von den Bedingtheiten verschiedenartigster,
organisch unverbundener Wirkungsmittel, unterworfen dem
gesellschaftlichen Einfluß der Verbraucher, war sie die unrealste,
durch willkürliche Mischung der Gestaltungselemente zwitterhafteste
musikalische Kunstgattung. Sie hat in den verschiedenen Ländern
verschiedenartige Ausprägung erfahren, hat in Italien eine Entwicklung
nach der musikhaft sinnlichen, in Frankreich nach der schauspielhaft
bühnenmäßigen, in Deutschland nach der gedanklich dramatischen Seite
hin genommen. Aber sie ist stets Erzeugnis und Spiegelung des
Luxuswillens, der Laune, der phantastischen Willkür geblieben. Das
bedeutet keineswegs Verkennung oder Unterschätzung ihres Kunstwertes.
Man kann die Oper gewiß nicht streichen aus der Geistesgeschichte der
letzten Jahrhunderte, sie ist die bezeichnendste Auswirkung des
Spieltriebes. Aber nur als solche kann sie erfaßt werden, im Gegensatz
zum gesprochenen Drama, dessen äußere Form sie spielend nachahmt, wie
sie jede andere der an ihr beteiligten Künste: Gesang,
Instrumentalmusik, szenische und figürliche Darstellung gewissermaßen
in eine absolut unlogische Sphäre überträgt. Je reiner sie diesen
Charakter des phantastisch parodistischen Spieles wahrt, um so
vollkommener wird sie als Kunstwerk wirken. Der unvergängliche Zauber
der Oper Mozarts ruht in der tiefen Übereinstimmung, aus der hier
Sinnenfreude, Spieltrieb, jeglicher Realität abgewandte Phantastik zur
tiefsten Erfassung menschlicher Lebenstriebe und Willenskräfte
gelangen. Die irrationale Form wird zur Spiegelung eines irrationalen
Seins außerhalb aller Bedingtheiten der Wirklichkeit. Nicht nur die
stofflichen Erscheinungen der Oper Mozarts: Handlung, Charaktere,
äußere Aneinanderreihung der Begebenheiten sind dem illusionistisch
gerichteten Verstande unfaßbar. Die musikalische Formung vor allem: das
Ausströmen des Gefühles durch die monodramatische Gesangsarie, das
gleichzeitige Ineinanderweben der Stimmen im Ensemble, die
vielgliedrigen, lediglich aus Kontrast- und Steigerungswirkung des
musikalischen Ausdruckes entwickelten Finalebauten -- dies alles
zusammen ergab eine Kunst, der gegenüber jede rationalistische
Forderung zum Spott werden mußte. Hier war denkbar höchste Freiheit des
gestaltenden Geistes, restlose Überwindung der stofflichen Materie,
reine Anschauung des Spieles freier Phantasiekräfte, eine vollkommene
idealistische Welt als verklärtes Symbol der realen. So konnten hier
die großen bewegenden Ideen der damaligen Menschheit: die Probleme der
Befreiung der Persönlichkeit dargestellt werden an menschlichen
Elementartypen der Figaro-, Don-Juan-, Cosi fan tutte-Sphäre. So konnte
in der Zauberflöte im Rahmen eines Kinderspieles das Ziel aller
humanitären Kultur: die Menschheitsvereinigung durch Freundschaft,
Liebe und Weisheit zu herrlichster Erfüllung in der Kunst gebracht
werden.
Die nachfolgende Zeit hat niemals die einzigartige Musikernatur Mozarts
verkannt. Niemand hat für den Genius Mozart tieferes Gefühl und
Verehrung gehabt als Wagner. Aber die Form der Mozartschen Oper, diese
freieste Gestaltung des Unwirklichen, Unwahrscheinlichen, erschien ihm
unvollkommen, mußte ihm unvollkommen erscheinen -- gerade der
Eigenschaften wegen, die über die Würdigung von Mozarts bloßem
Musikertum hinaus die kulturelle Größe seiner Künstlerschaft bestimmen.
Die Romantik glaubt sich über die Urbestimmung der Oper, über die
artbestimmenden Grundlagen der Gattung hinwegsetzen zu können. Sie
versuchte der Oper das zu nehmen, worin ihr Wesen wurzelte: den
Charakter des Spieles. Sie versuchte, dieser auf heiterster
Sinnenspannung, auf lebhaftestem Reiz der Bilder, auf schmeichelnder
Phantastik der Gefühlserregung beruhenden Kunstform das zu geben, was
ihr niemals innerhalb ihres unmittelbaren Wirkungsbezirkes eigen
gewesen war: die religiöse Weihe des großen Dramas. Das Wesen der Oper
als dramatischer Erscheinung beruht auf bewußter Unwahrscheinlichkeit,
auf parodistischer Einstellung gegenüber allen Realitäten. Selbst die
Reformen Glucks, zu Unrecht als Vorarbeiten für Wagner angesehen,
ließen den Grundcharakter der Oper als Gattung unberührt. Sie bezogen
sich lediglich auf die stärkere Hervorhebung der lyrisch musikalischen
Wirkungen gegenüber gesanglich virtuosen Effekten. Ob ernste oder
heitere, ob tragische oder komische Oper, dies war gleichgültig für die
Auffassung des Typs, aus dem die Oper Mozarts als ideale
Zusammenfassung aller Kräfte hervorwuchs. Dieses lyrisch phantastische
Erosspiel war in allen Bedingtheiten seines Wesens Erzeugnis der
Renaissance, weitergebildet von Menschen, deren sinnlich empfindsame
und erfindungsreiche Natur hier ein neues Feld für ihren
sensualistischen Spieltrieb fand. Der Versuch, von dieser Spielgattung
aus den Weg zu bahnen zum kultischen Drama der Antike, bedeutete nicht
nur eine neue Mißdeutung der Antike, entstellender noch als der
klassisch geglättete Antikenbegriff des Idealismus. Er bedeutete die
unwahrhaftige Theatralisierung kultischer Dinge, ihre Herabsetzung zu
Requisiten opernhafter Wirkungen und, damit verbunden, die falsche
Überhöhung einer in sich organisch geschlossenen Kunstgattung durch das
steigernde Pathos des dramatischen Affektes.
Die romantische Form des musikalischen Dramas, wie es sich in der
Theorie darstellt, ist im Hinblick auf das Wesen der Gattung, das
vollendet in der Oper Mozarts erscheint, eine Abirrung der Oper auf
Gebiete, die außerhalb des Charakters der Gattung liegen, und auf denen
sie nie Wurzel fassen konnte. Soweit Werke solcher Art in die Breite
wirken wie bei Wagner, beruht die Wirkung in Wahrheit doch auf dem
Spielcharakter der Oper. Er ist auch im musikalischen Drama nur
scheinbar überwunden und lebt da weiter, wo es die lebendige Wirkung
zeugt. Aber er lebt unter falschem Namen und falscher Einschätzung
seines Wesens. In dieser Vortäuschung unwahrer Werte liegt die Gefahr
des Erbes der romantischen Oper für die Gegenwart. Es gilt zunächst,
die Unmöglichkeit der Oper als Form bewußt kultischer Dramatik klar zu
erkennen. Es gilt gleichzeitig, die falsche Geringschätzung des
Spieltriebes als eines gleichsam im höheren Sinne nicht vollwertigen
Schaffensimpulses abzutun, zu erkennen, daß dieser Spieltrieb, sofern
er vermeidet, sich aus falschem Ehrgeiz dramatisch zu maskieren, aus
sich selbst heraus zur Erreichung wahrhaftigerer Ziele befähigt ist,
als das höchstgeschraubte dramatische Pathos sie zugänglich macht. Es
gilt, formelhaft gesprochen, in der Oper Mozarts nicht nur die geniale
Musiker-, sondern gerade die geniale Künstlernatur zu erkennen. Nicht
nur in der Oper Mozarts, sondern in der Oper überhaupt die Idealgattung
des Phantasiespieles, das, frei von allen dogmatisch ethisierenden
Nebenabsichten, aus lebendigstem Widerschein buntester Lebensfarben und
Sinnesreize den ins Märchenhafte überspiegelten Abglanz des Realen,
Bewußten, Gewollten gibt.
Es ist lehrreich, zu beobachten, wie sich andere Völker mit diesem
Problem der Oper abgefunden haben. Der romantischen Rauschsuggestion,
der dramatisch zugespitzten Illusionsoper zunächst ebenso unterworfen
wie die Deutschen, haben Italiener und Franzosen die Gefahr einer
bewußten Überbetonung der dramatischen Zweckhaftigkeit der Oper zu
vermeiden gewußt. Bei beiden Nationen ist in der äußeren Anlage,
namentlich des Textes, ein auffallend realistisch naturalistischer Zug
bemerkbar. Er beeinflußt auch die Art der musikalischen
Gefühlseinstellung und normalen Faktur. Bizets "Carmen" ist das Muster
der psychologischen Oper, Verdis derbe Sinnlichkeit saugt sich fest an
der Unmittelbarkeit elementar erfaßter Bühnenvorgänge und überträgt
diese Emotionen mit naiver Drastik in seine Musik. Bei beiden größten
Opernkomponisten ihrer Nationen aber bleibt die dramatische Einkleidung
stets Mittel zum Zwecke des Musizierens. Das Drama gewinnt weder in der
Theorie noch in der Praxis die Vorherrschaft. Der Musiktrieb als der
eigentliche und wahrhafte Spieltrieb dominiert, und selbst den
Nachfolgern Verdis ist die veristische Fassung des Dramas nur ein
Mittel, ihre kurzatmige Musikbegabung schnell und durchgreifend zur
Geltung zu bringen. Bei Gounod, Massenet, Saint Saëns ist der normale
Sinn von vornherein in viel zu hohem Maße konventionell beeinflußt, um
die Wahl zwischen Oper und musikalischem Drama je ernsthaft zweifelhaft
zu machen, und auch der ins bewußt Ästhetenhafte abschweifenden
jungfranzösischen Schule ist trotz der literarischen
Geschmacksverfeinerung die Oper stets die primär musikalische Kunstform.
Nur in Deutschland hat sich unter der gewaltigen Nachwirkung von
Wagners Theorien eine seltsame moralästhetische Auffassung vom Wesen
des musikalischen Dramas herangebildet. Auf ihre tieferliegenden,
innerorganischen Ursachen betrachtet, ist sie das Zeichen nachlassenden
Produktionsvermögens. Als Lehre aber hat sie schweren Schaden gestiftet
durch Verkennung und Herabsetzung kunsteigener Grundwerte der Oper
zugunsten eingebildeter religiös ethischer Qualitäten des musikalischen
Dramas. Das eigentlich Belastende und Schädigende dieser Geistes- und
Urteilswendung lag nicht in der Tatsache, daß eine große Anzahl
schwacher oder mittlerer Talente sich getrieben fühlte, Musikdramen zu
schreiben. Es lag auch nicht nur in der ästhetischen
Begriffsverwirrung, die den Blick für wesentliche Vorzüge der
Kunstgattung und damit für die Schöpfungen ganzer Epochen trübte, dafür
künstlerischen Belanglosigkeiten hohe sittliche Wertung angedeihen
ließ. Dies wären zunächst Schädigungen gewesen, die nur die Kunst als
solche betrafen. Der verhängnisvollste, in die allgemeine Volkskultur
übergreifende Nachteil war, daß hier die auf Täuschung, Spiel, Schein,
im sittlichen Sinne auf bewußter Unwahrhaftigkeit beruhende Welt des
Theaters als wahr, echt, lebendig, als Trägerin und Künderin der
höchsten ethischen Norm ausgegeben wurde. Das Gefühlsleben der Menschen
orientierte sich innerlich an diesen Erscheinungen einer
vorgespiegelten Lebenswahrheit. Es mußte unecht, unwahrhaftig werden,
weil es sich zum Sklaven seines eigenen Phantasieerzeugnisses machte
und von diesem Gesetze empfing, statt, wie es der ursprüngliche
Spielcharakter der Gattung forderte, sie ihm zu erteilen. Das
theatralisch Komödiantische, das so vielfach in der deutschen
Öffentlichkeit der letzten fünfzig Jahre sich bemerkbar macht, die
Neigung zu falschem Pathos und schlechter Rhetorik sind nicht zum
mindesten Nachwirkungen einer Lebensauffassung, die ihre Gesetze aus
der Oper empfängt.
Wir stehen heut der Romantik fern genug, um die Größe ihrer
künstlerischen Leistungen unbefangen würdigen zu können. Was uns von
ihr trennt und zur Kritik zwingt, ist nicht diese oder jene Einzelheit
im fachlich entwicklungsmäßigen Sinne, ist auch nicht Widerspruch gegen
individuelle Begabungen. Es ist grundsätzlich die durchaus
entgegengesetzte Auffassung vom ethischen Charakter des Kunstwerkes.
Die Romantik übertrug ihn in den Stoff, in die Form, in das
künstlerische Sujet selbst. Mit allen Mitteln genialer Beharrlichkeit
und Tatkraft materialisierte sie ihn, unterwarf ihn dadurch allen
Hemmungen und Täuschungen der Materie, erhob ihn selbst zum bewußten
Träger der künstlerischen Idee. In diesem Gegensatz von absichtsvoller
Ethik des Stofflichen und zwanglos unbewußtem Ethos des idealistischen
Spieles wurzelt der Kontrast Wagner-Mozart, wurzelt der Widerspruch der
heutigen Generation gegen die tendenziöse Kunstauffassung und -lehre
Wagners, wurzelt die Abwendung vom kultischen Musikdrama, die erneute
Neigung zum Erosspiel der Oper.
Es gibt gegenwärtig drei deutsche Opernkomponisten, in deren Schaffen
der Widerstreit der Meinungen klar zutage tritt: Hans Pfitzner, Richard
Strauß, Franz Schreker. Pfitzner ist der bedingungslose Anhänger von
Wagners Lehre, deren spekulative Züge er in seinen drei Musikdramen
"Der arme Heinrich", "Die Rose vom Liebesgarten" und "Palestrina" in
fanatischer Einseitigkeit zu den äußersten Konsequenzen geführt hat.
Die Vorherrschaft der stofflichen Ethik, die bei dem großen
Bühnenpraktiker Wagner ungeachtet aller Theorien doch stets im Rahmen
des bühnensinnlich Wirksamen bleibt, greift bei Pfitzner schließlich
auch das organische Leben des Dramas an, das aus vorsätzlicher Askese
immer theaterfremder wirkt. Es ist bezeichnend, daß in "Palestrina"
keine einzige Frauenfigur erscheint. Das Mönchtum dieser Kunst geht bis
zur Verbannung des Eros von der Bühne. Unbemerkt bleibt der grausame
Widerspruch, daß eine scheinbar alle profanen Bedingtheiten
überwindende Kunst sich der Mittel einer Gattung bedient, deren Wesen
der wechselvollsten Sinnlichkeit der Form unlösbar verhaftet ist.
Richard Strauß ist sich der Theaternatur der Oper wohl bewußt. Sein
Schaffen ist auf stilkünstlerischen Ausgleich von Drama und Oper
gerichtet unter allmählich immer stärker betonter Annäherung an den
älteren Formtyp. Soweit ein Problem dieser Art die Lösung auf
experimentellem Wege zuließ, ist sie ihm in mehreren Fällen, nie
einheitlich, wohl aber für beträchtliche Teile innerhalb eines Werkes,
geglückt. Das lebhafte, temperamentbeschwingte Musiziertalent
Straußens, seine hinreißende, aus starkem Augenblicksimpuls schöpfende
Überredungsgabe, die unmittelbare Gegenständlichkeit seiner Tonsprache,
dies alles, verbunden mit außergewöhnlicher, treffsicherer
Formgewandtheit, macht seine großen Erfolge erklärlich und berechtigt.
In einer Zeit allgemeiner Geschmacksunsicherheit und Talentarmut war er
der einzige, der sich mit unbekümmerter Frische und reflexionsloser
Begabungskraft dem musikalischen Naturalismus zuwandte und als echtes
Weltkind dem Geist der Zeit stets zu geben wußte, was dieser bedurfte.
Solche in allem Technischen und Artistischen meisterliche
Anpassungsgabe konnte allerdings immer nur zu Augenblickslösungen, zu
Gegenwartserfolgen gelangen. Sie konnte in ihrer allerseits
verbindlichen Art niemals zu einer im Wesenhaften eigenen und neuen
Erfassung des Opernproblems gelangen. Die stilistischen
Verkleidungs- und Verwandlungskünste auch des stärksten Formtalentes
waren günstigstenfalls nur geeignet, zu erreichen, daß die romantische
Auffassung der Oper als des kultischen Dramas keine Gefolgschaft mehr
fand, keine innere Werbekraft mehr übte, ohne daß es gelungen wäre, ihr
einen selbständigen neuen Operntyp entgegenzustellen.
Erst mit dem Auftreten Franz Schrekers hat sich hier eine Wandlung
vollzogen. Das Bemerkenswerte der Erscheinung Schrekers liegt nicht in
Einzelzügen seiner Musikerbegabung, so sicher und stark sich diese aus
konventionellen Anfängen zur Erringung individueller Eigenwerte
durchzusetzen vermochte. Es liegt auch keineswegs in auffallenden
Besonderheiten stilistischer Art, an denen Bezugnahme auf die
jungromanische Kunst namentlich in Melodik und Harmonik auffällt,
gesteigert durch üppige koloristische Phantasie und großlinige
architektonische Gestaltungsgabe. Aber mit all diesen Eigenschaften
wäre Schreker nur einer unter mehreren. Seine Ausnahmestellung ergibt
sich aus anderem. Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist hier eine Reihe
von Werken geschaffen, die jenseits aller Tendenzmacherei und
spekulativen Theorie, jenseits auch jeglicher Stilkünstelei und
jeglichen Formexperimentes steht. Erwachsen ist sie aus gänzlich
vorbehaltloser, naiver Erfassung der Oper als eines Spielstückes für
eine ungebunden schweifende Phantasie, der als Richtlinie lediglich ein
kühner, naturhaft elementarer Theaterinstinkt dient. Schreker sieht die
Bühne nicht als Kanzel, auch nicht als Ort geistreicher Unterhaltung.
Er sieht sie mit der Unbefangenheit des Kindes, dem sich hier eine Welt
zauberhaftester Unwahrscheinlichkeiten, unbegrenzter Möglichkeiten des
Unmöglichen öffnet, die nur von Künstlers Gnaden ihr Sein empfangen und
um so stärker reizen, je lebensferner sie sind. Schreker sieht die
Opernbühne wieder mit dem Auge des irrational empfindenden
Phantasiemenschen.