DAS DRAMA

Das Wort Drama bedeutet Handlung, insonderheit Kulthandlung. Denn das

Drama entwickelte sich im alten Griechenland wie in den christlichen

Staaten Europas aus den Tiefen der religiösen Weltanschauung und des

Gottesdienstes. Sein letzter Grund ist die leid- und geheimnisvolle

Zweiheit, in die alles Leben zerspalten ist, in der es fremd, kämpfend

und doch sehnsüchtig sich gegenübersteht: der Gegensatz von Gott und

Welt, Geist und Natur, Idee und Sinnlichkeit, All und Ich. Nur ein

Gott, der vom Himmel herniedersteigt, der die Qual und Zerrissenheit

des Endlichen selber auf sich nimmt, Dionysos, Christus, vermag in

seinem Gottmenschentum diese Gegensätze zu einen und zu lösen. Sein

Leiden und sein Triumph wird zum Inhalt der ersten Dramen: aus den

dionysischen Dithyramben wächst die griechische Tragödie, aus der

Liturgie der katholischen Kirche das Weihnachts-, Passions- und

Osterspiel des Mittelalters. Mit der Renaissance wird an Stelle der

kirchlichen die philosophische Weltanschauung Unter- und Hintergrund

des europäischen Dramas. Wie die geheimnisvolle Zweiheit und

Gegensätzlichkeit des Lebens in den großen Systemen der Philosophen

sich darstellt und deutet, wie bald dieser, bald jener der beiden

Lebensgegensätze entwertet, dem anderen untergeordnet, so die Einheit

erzwungen wird, dann aber wieder beide zur vollen Macht erstarken und

in unausweichlichem, unerbittlichem Kampf sich gegenüberstehen: das

begleitet in unbewußter und bewußter Verbundenheit die

ideelle Entwicklung des deutschen Dramas. Lessings Dramen wachsen aus

Lebensgefühl und -deutung des Rationalismus, Schillers Dramen aus Kant,

Kleist teilt den Gegensatz der deutschen Gefühlsphilosophie gegen Kant,

um Hebbel braut die Atmosphäre Hegels, Richard Wagner findet sich in

Schopenhauer. Dann folgt der Zusammenbruch der großen philosophischen

Systeme, der Vormarsch der naturwissenschaftlichen, materialistischen

Weltanschauung in Deutschland. Über die Nachfahren Schillers, über die

Nachahmer des französischen Gesellschaftsstückes hebt sich seit 1888

Gerhart Hauptmann (geb. 1862) mit einem Drama neuen, eignen Stils. Aus

welchen weltanschaulichen Zusammenhängen, welchem Lebensgefühl war es

gewachsen?

Als 1885 die süßlich-leere Epigonenzeit unserer Dichtung durch die

literarische Revolution der Jungen abgelöst wurde, glaubten diese im

"Naturalismus" eine neue Lebens- und Kunstanschauung gefunden zu haben.

Wilhelm Scherer verkündete: "Die Weltanschauungen sind in Mißkredit

gekommen. ...Wir fragen: wo sind die Tatsachen? ...Wir verlangen

Einzeluntersuchungen, in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die

wirkenden Kräfte zurückgeführt wird, die sie ins Dasein riefen. Diesen

Maßstab haben wir von den Naturwissenschaften gelernt... Dieselbe

Macht, welche Eisenbahnen und Telegraphen zum Leben erweckte, dieselbe

Macht regiert auch unser geistiges Leben; sie räumt mit den Dogmen auf;

sie gestaltet die Wissenschaften um; sie drückt der Poesie ihren

Stempel auf. Die Naturwissenschaft zieht als Triumphator auf dem

Siegeswagen einher, an den wir alle gefesselt sind." Arno Holz und

Johannes Schlaf glaubten dieser Weltanschauung, im "konsequenten

Naturalismus" die entsprechende Kunstanschauung erobert zu haben: "Die

Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach

Maßgabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren

Handhabung." In den drei Skizzen des "Papa Hamlet", dem Drama "Die

Familie Selicke" schufen sie ihrer Lehre die Leistung. "Papa Hamlet"

erschien unter dem Decknamen "Bjarne P. Holmsen". Ihm hat Gerhart

Hauptmann sein erstes Drama "Vor Sonnenaufgang" (1889) zugeeignet, als

"dem konsequentesten Naturalisten, in freudiger Anerkennung der durch

sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung".

In Wirklichkeit war diese Anregung, war der ganze konsequente

Naturalismus weder für Gerhart Hauptmann, noch für irgendeinen Dichter

von "entscheidender" Bedeutung; seine Lebens- wie seine Kunstanschauung

war unhaltbar. Von einer rein beschreibenden Wissenschaft, wie der

Naturwissenschaft, kann man niemals zu einer Weltanschauung, zur Sinn-

und Wertsetzung, vom Sein niemals zum Sollen vordringen. Und

ebensowenig ist ein bloßes Abkonterfeien des Lebens durch eine

naturalistische Kunst möglich; schon der Erkenntnisprozeß ist -- hat

Kant dargetan -- kein passives Abbilden, sondern ein Formen der

Wirklichkeit; alle Kunst ist die Umsetzung der natürlichen in eine von

Geist und Gefühl des Künstlers stilisierte Welt.

Mehr als die Formenwelt des Naturalismus, als seine unhaltbare

Kunstanschauung haben Ansätze zu einer Lebensanschauung aus der

Stoffwelt des Naturalismus Gerhart Hauptmann den Weg zu sich selber

frei gemacht. Dem Naturalismus der Form hatte sich fast überall der

Sozialismus des Stoffs verbunden und in ihm die Keime eines neuen

Gehalts: des sozialen Mitgefühls. Zu den ästhetischen waren ethische

Tendenzen getreten. Die Entwicklung der Industrie und der Großstadt,

die Einflüsse Zolas, Ibsens, Tolstois hatte sie geweckt. Von der

erstarrten und zersetzten Ideen- und Formenwelt des dritten Standes,

des Bürgertums, hatten sich die jungen Dichter in sozialem Mitleid zu

der ringenden formbedürftigen des vierten Standes, den Arbeitern,

gewandt. Und hier war der Weg, der Hauptmann in seine Tiefen führte.

Schon seine erste veröffentlichte Dichtung, das Epos "Promethidenlos"

(1885), hatte sein soziales Verantwortungs- und Mitgefühl bekundet.

Ergriffen rief sie den Armen und Elenden zu: "So laßt in eurem Schmutz

mich hocken -- Laßt mich mit euch, mit euch im Elend sein." Und ein

Gedicht von 1888 sprach die heilige Leidverbundenheit des Künstlers und

Menschen aus:

Ich bin ein Sänger jenes düstren Tales,

Wo alles Edle beim Ergreifen schwindet. -- -- --

Ihr, die ihr weilt in Höhen und in Tiefen,

Ich bin ihr selbst, ihr dürft mich nicht beneiden!

Auf mich zuerst trifft jeder eurer Pfeile.

Daß diese Leidverbundenheit nicht nur sozialen, daß sie größeren:

metaphysischen Tiefen entwuchs, wurde der Urgrund des Dramatikers.

Obersalzbrunn, Hauptmanns Geburtsort, lag unweit der pietistischen

Urgemeinden Gnadenfrei und Herrnhut. Ihre christliche Innerlichkeit war

ihm daheim und mehr noch im Hause seines Oheims zu Striegau, das den

Sechzehnjährigen aufgenommen, zum Lebensgefühl geworden. In ihr fühlte

er sich dem Rationalismus und Materialismus, der leeren Kultur des

technischen Zeitalters fremd. Aus der Schein- und Außenwelt zog es ihn

zur wahren, inneren Welt: zur Welt der Seele. Die aber offenbarte sich

ihm nicht bei den Satten, Besitzenden, Hochmütig-Klügelnden, sondern

bei den Armen im Geiste, den Ringenden und Leidenden. In ihnen glühte

der ewige Funke, und sie eroberten und behaupteten ihn im Sturm und

Streit ihres Schicksals, nicht mindere Helden in diesem metaphysischen

Kampf als die Heroen der großen Tragödie. Ihnen fühlte sich der

Dramatiker Hauptmann verbunden, nicht sozial nur, wie der Epiker Zola

seinen Gestalten, sondern metaphysisch. In ihrem Leid stellte er das

Weltleid, in ihrem Kampf den Zwiespalt alles Lebens dar.

Die Dramen, in denen so das Stoffliche des Naturalismus und Sozialismus

überwunden, in denen diese Weltanschauung Gestalt geworden ist, sind

"Die Weber" (1892), "Hanneles Himmelfahrt" (1893), "Fuhrmann Henschel"

(1898), "Rose Bernd" (1903).

Der Aufstand der Weber im Jahre 1844 war Hauptmann aus Erzählungen des

eigenen Großvaters, der noch Weber gewesen, vertraut. Ein Buch Alfred

Zimmermanns "Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien" (1885)

gab den persönlichen Einzelheiten geschichtlichen Zusammenhang. Den

Antrieb gab die soziale Erregung der Zeit. Aber der Kampf der Weber

wurde Hauptmann zum erschütternden Abbild alles Menschheitskampfes.

Wie hier die Fabrikanten und die Kreaturen der Fabrikanten bis zum

jüngsten Lehrling den hungernden, verhungernden Webern entgegenstehen,

hartherzig, hohnlachend, während die abgemergelten Kinder ohnmächtig zu

Boden schlagen, während die entkräfteten Greise verwirrt werden und in

Zungen reden, das bedeutet nicht mehr einen sozialen Zwiespalt, der mit

Geld und Brot geschlichtet werden könnte, es bedeutet die metaphysische

Einsamkeit alles Endlichen, das brückenlose Nichtverstehen und

Mißverstehen von Mensch zu Mensch. Und wenn nach not- und arbeitdumpfem

Leben, am Rande des Grabes die alten Weber in weinendem, verzweifeltem

Ingrimm ihre Knochenarme emporrecken: "Das muß anderscher wer'n, mir

leiden's ni mehr!", so ist das nicht der Kampfruf sozialer Rebellion,

so ist das die Anklage Karl Moors: "Menschen haben Menschheit vor mir

verborgen, da ich an Menschheit appellierte," so ist das der tragische

Aufschrei der Rütliszene:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht:

Wenn der Gedrückte nirgend Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Last, greift er

Hinauf getrosten Mutes in den Himmel

Und holt herunter seine ewigen Rechte...

Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,

Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht...

Wie stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!

Den Unterdrückten Schillers wird wenigstens das Wort zur Befreiung, der

Gedanke zur Erlösung. Hin ist die Kreatur in der ganzen Dumpfheit und

Gebundenheit des Endlichen. Und wenn sie anmarschieren gegen ihre

Peiniger: "Am liebsten wär ich abgestiegen und hätte glei jed'm a

Pulverle gegeben" -- erzählt Chirurgus Schmidt, der vorüberfuhr -- "Da

trottelt eener hinter'm andern her wie's graue Elend und verfiehren ein

Gesinge, daß een' fermlich a Magen umwend't"; und wenn der greise

Baumert als Rebell erscheint, von den paar Tropfen ungewohnten Alkohols

unsicher, einen geschlachteten Hahn als höchste Siegestrophäe

mitführend, und die Arme breitet: "Brie -- derle -- mir sein alle

Brieder!", so ist der trostlose Aufruhr der Menschheit gegen das

Schicksal, der tragische Sehnsuchts- und Liebesruf aller Einsamen und

Gehetzten niemals erschütternder symbolisiert.

Zur höchsten dramatisch-metaphysischen Gipfelung aber steigt der letzte

Akt. Da wendet sich der alte, fromme Hilse an seinen Sohn, der den

Aufrührern zueilen will: nein, er wird sich nicht empören, auch am

Rande des Grabes nicht, er weiß, daß keine Hilfe und Erfüllung möglich

ist in der Welt des Irdischen: "Du hast hier deine Parte -- ich drieben

in jener Welt. Und ich lass' mich vierteelen -- ich hab' ne Gewißheet.

Es ist uns verheißen. Gericht wird gehalten, aber nich mir sein

Richter, sondern: mein ist die Rache, spricht der Herr unser Gott."

Gegen diesen Anwalt des Jenseits, der klaglos alle Leiden des Diesseits

auf sich nimmt, der -- wie je ein Schillerscher Held -- "durch eine

freie Aufhebung alles sinnlichen Interesses" die Tragik des Lebens

überwinden will, kehrt sich seine Schwiegertochter, die

unentwurzelbare, schicksalhafte Vertreterin des Diesseits: die Mutter.

Nie hat ein Held Schillers oder Hebbels die tragische Wucht und

Notwendigkeit seines Lebensgefühls gewaltiger dargetan: "Mit Euren

bigotten Räden... dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt

gewor'n. Derwegen ha'n se gelegen alle viere in Unflat und Lumpem. Da

wurde ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken. Ich will 'ne

Mutter sein; daß d's weeaß! und deswegen, daß 'd's weeaß, winsch ich a

Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen 'nein. Ich bin ebens 'ne

Mutter. -- Erhält ma' woll so a Wirml?! Ich hab' mehr geflennt wie Oden

geholt von dem Augenblicke an, wo aso a Hiperle uf de Welt kam, bis d'r

Tod und erbarmte sich drieber. Ihr babt euch an Teiwel geschert. Ihr

habt gebet't und gesungen, und ich hab' mir de Fieße bluttig gelaufen

nach ee'n eenzigten Neegl Puttermilch. Wie viel hundert Nächte hab ich

mir a Kopp zerklaubt, wie ich ok und ich keente so a Kindl ok a eenzicb

Mal um a Kirchhof 'rumpaschen. Was hat so a Kindl verbrochen, hä? und

muß so a elendigliches Ende nehmen -- und drieben bei Dittrichen, da

wer'n se in Wein gebad't und mit Milch gewaschen. Nee, nee: wenn's hie

losgeht -- ni zehn Pferde soll'n mich zuricke halten. Und das sag ich:

stirmen se Dittrichcns Gebäude -- ich bin de erschte -- und Gnade

jeden, der mich will abhalten."

Schiller hatte des überlieferten Stoffes und der überlieferten

dramatischen Form wegen im "Wilhelm Tell", seinem Drama der

Volkserhebung, drei Handlungen (Tell-, Rütli-, Rudenz-Handlung)

nebeneinander laufen lassen. Hauptmann wagt es, die Masse der Weber zum

dramatischen Helden zu machen und in einer gewaltigen Steigerung zum

Gipfel zu führe. Im üblichen Dramenbau wäre dies die Höhe des dritten

Aktes. Die "Peripetie" fehlt. Aber in der Seele des Zuschauers drängen

sich die zwei letzten, ungeschriebenen Akte: sie sieht und leidet

voraus, wie dieses Häuflein Menschheit umsonst gegen sein Schicksal

aufstand, wie es ein paar Stunden sich frei und erlöst fühlen darf, um

dann nur um so grausamer i de dumpfe, leidvolle Gebundenheit alles

Endlichen zurückgeworfen zu werden.

Nur wenn Staub und Asche des Irdischen und Körperlichen verwehen, wird

der göttliche Funke der Seele frei: im Tode oder im Traume. Das

vierzehnjährige "Hannele", das vor seinem verkommenen brutalen Vater in

den vereisten Dorfteich flüchtet, das sich nur fürchtet vor dem Leben,

das so gern in den Himmel kommen möchte zur Mutter und zum lieben Herrn

Jesus, das im gespenstig-grotesken Elend des Armenhauses in

Fieberträumen sein Dasein erfüllt, ehe es zu Ende geht, wird zum

erschütternden und erlösenden Bild der Menschenseele. Wenig Dichtungen

sind so innerst musikalisch wie diese Traumdichtung, die zwischen der

Welt der Seele und der Wirklichkeit hin und her geht, unbehindert und

schöpferisch. Aus den gegebenen Elementen der kindlichen, dörflichen

Seele, der Bibel, dem Märchen, dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, baut

sie eine Welt und Handlung auf, die alle tieferen Beziehungen, die den

metaphysischen Sinn des Lebens in sich schließt.

In "Fuhrmann Henschel" geht das Gefühl von der dunklen Macht der Umwelt

bis zur vollen Passivität. Aber es ist nicht die Abhängigkeit vom

Einzelnen, Zufälligen -- wie im Schicksalsdrama alten Stils --, die den

Fuhrmann erdrückt, es ist die unentrinnbare tragische Verstrickung und

Zwiespältigkeit alles Endlichen, die er dumpf erfühlt, gegen die jeder

Widerstand unnütz ist. Ein schlichter, hilfloser Mensch starrt durch

die Fenster seiner Kellerwohnung in den nächtlichen Himmel, grübelt

nach einer Schuld, die ihn zu Boden gerissen, und findet keine, grübelt

nach einem Sinn hinter den Geschehnissen, die ihn fortdrängen, und

findet keinen, und bäumt sich nicht auf und rächt sich nicht und geht

still ins Dunkel: "Ane Schlinge ward mir gelegt, und in die Schlinge da

trat ich halt nein... Meinswegen kann icb auch schuld scin. Wer weeß

's?! Ich hätt't ja besser kenn'n Obacht geben. Der Teifel ist eben

gewitzter wie ich. Ich bin halt bloß immer grad'aus gegangen."

Hauptmann hat den "Fuhrmann Henschel" in der ersten Sammlung seiner

Werke unter die "Sozialen Dramen" eingereiht, obwohl dieser Titel

eigentlich nur das erste, noch tendenziöse seiner Dramen "Vor

Sonnenaufgang" trifft Henschel steht weder sozial sonderlich tief -- er

ist Fuhrwerksbesitzer und hat einen Knecht unter sich --, noch ist sein

Schicksal durch seine soziale Stellung bedingt. Auch "Rose Bernd" ist

kein soziales Drama, wenngleich es so eingestellt ist. Man möchte es in

die Reihen der bürgerlichen Tragödien ordnen, zu Schillers "Kabale und

Liebe" und Hebbels "Maria Magdalene", zumal sich die Gestalt des Vaters

in allen verwandt geblieben. Und doch sprengt die tragische Gewalt des

Hauptmannschen Dramas auch die bürgerliche Welt, ihre verhängnisvolle

In-sich-Gebundenheit, und bricht zu den letzten Tiefen des

Metaphysischen durch. Aus naturhafter Frische und Lebenslust wird ein

Bauernmädchen aufgescheucht von den Begierden der Männer, "verfolgt und

gehetzt wie a Hund", in Schuld und Meineid gejagt, bis es das Leben

verneint und verflucht, bis es am Straßenrande sein Kind in der Geburt

mit eigenen Händen erwürgt, nicht aus Furcht vor Schande: "'s sullde ni

laba! Ich wullte 's ni!! 's sullde ni meinc Martern derleida! 's

sulldte duer bleib'n, wo's hiegehert." Die Natur, das Leben selber

verneint sich im tragisch-tödlichen Mitleid dieser Mutter. In

metaphysischer Einsamkeit und Größe ragt die Gefolterte gegen den

tragischen Himmel des Seins: "Das iis ane Welt... da sein Sie

versunka... da konn' Sie mer nischt nimeh antun dahier! O Jees, ei ee

kleen' Kämmerla lebt Ihr mit'nanderl Ihr wißt nischt, was außern der

Kammer geschieht! Ich wiß! ein Krämpfen hab ich's gelernt! Da is... ich

weeß ni.. all's von mir gewichen... als wie Mauer um Mauer immerzu --

und da stand ich drauß'n, im ganz'n Gewitter -- und nischt mehr war

unter und ieber mir."

Immer wieder bricht dieser tragische Aufschrei aus Hauptmanns Dramen.

"Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich?" -- fragt Michael

Kramer am Sarge seines Sohnes. "Das kommt, weil sie lieben müssen. Das

drängt sich zur Einheit überall, und über uns liegt doch der Fluch der

Zerstreuung.

Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie

es kommt!" Aber aus dem tragischen Leid wächst die tragische Liebe.

Über Gräbern und Leichen finden sich schmerzverkrampfte Hände. Der Tod

nimmt die Binde von den Augen, von den Herzen, ein milder Erlöser, "der

ewigen Liebe Meisterstück".

Im "Glashüttenmärchen", "Und Pippa tanzt" (1906) ist die Sehnsucht des

Endlichen Melodie geworden: ein Schimmer aus der Heimat Tizians, ein

Blütenkelch aus den Glasöfen Venedigs, eine wehende Flamme: Schönheit!

Schönheit, nach der alle verlangend haschen, um die alle tanzen und

werben, die dumpf gebundene Kreatur, der alte Huhn, wie der wissende,

kühl- und hochentrückte, der greise Wann. Dem sie zu eigen wird, Michel

Hellriegel ist der reisende Handwerksbursche des deutschen Märchens,

der treuherzige, unbefangene, der Träumer und Dichter, eigen erst als

Schatten und Traum, ganz eigen erst dem Erblindeten, der die Augen nach

innen aufschlägt, unbeirrt vom Wirrsal der Welt.

Einmal nur, im "Armen Heinrich" (1902), scheint die Liebe nicht erst im

Tode zu siegen. In Wahrheit ist auch hier mit dem Leben gezahlt:

Ottegebe, sein klein Gemahl, hat es zum Opfer gegeben für den Herrn und

Geliebten, ist zu Salern unter dem Messer des Arztes gelegen. Graf

Heinrich hat sein Leben dagegen gegeben, als er ihr Opfer zurückwies,

als er dem Messer des Arztes Einhalt bot. Da ist der reine, gerade,

ungebrochene Strom der Gottheit durch ihn hindurchgegangen, erlösend

und auflösend, hat im Wunder der Liebe den Aussatz des Lebens geheilt

und ihn aufgenommen "in das urewige Liebeselement".

Vor der metaphysischen Leidens- und Liebestiefe solcher Werke müssen

alle Versuche Hauptmanns, auch zur Gestaltung sinnlicher, heidnisch

bejahender Lebenskräfte vorzudringen, unzulänglich bleiben, vom

Rautendelein der "Versunkenen Glocke" zu Gerusind, "Kaiser Karls

Geisel", bis zum "Ketzer von Soana". Ein Christusroman "Emanuel Quint.

Der Narr in Christo" (1910) ist die natürliche Frucht dieses

Weltgefühls. Ein Armer im Geiste, eines trunkenen Tischlers Stiefsohn,

in dem Christus mächtig wird und wiederkehrt in die gegenwärtige Welt,

um aufs neue verfolgt, verraten und gemartert zu werden. Alles

leidvolle Wissen, alle heilige Liebeskraft Hauptmanns ist in dessen

Christusroman eingegangen, aber in der Dumpfheit seiner Umwelt entringt

er sich nicht dem Sektierer- und Quäkerhaften, zur Höhe von

Dostojewskis "Idiot".

Wie aber Kleist von der tragischen Unbedingtheit seines Lebens und

Schaffens ausruht in der sinnlichen Lebens- und Listenfülle des

Dorfrichters Adam, in der humorvollen Gestaltung eines parodistischen

Heldenkampfes, so ruht Hauptmann im freiem lächelnden Anteil an der

amoralischen, ungebundenen, ungebrochenen Natur der Waschfrau Wolff. An

Kraft und Geschlossenheit des Aufbaus steht die Diebskomödie "Der

Biberpelz" (1893) hinter dem "Zerbrochenen Krug" erheblich zurück; an

Kraft und Fülle ihrer Hauptgestalt ist sie ihm nahe verwandt.

Mit "Pippa tanzt" (1906) beginnt die schöpferische Kraft Hauptmanns zu

versiegen. Alle späteren Dramen muten -- wie auch die Erzählung "Der

Ketzer von Soana" -- nicht mehr ursprünglich, sondern literarisch an.

Es ist bedeutsam, daß "Pippa tanzt" zugleich das letzte Werk ist, das

aus dem Boden der schlesischen Heimat wächst. Nie war ein Dramatiker so

tief, so schicksaltief der seelischen und sinnlichen Atmosphäre seiner

Heimat verbunden. Da er ihr entwächst in die Welt seiner literarischen

Erfolge und Interessen, der allgemeinen deutschen und europäischen

Geistigkeit, sterben seine tiefsten Wünsche ab. Schon auf der Höhe

seiner Kraft war ein großgeplanter Versuch mißlungen, eine Tragödie

statt aus der Natur, der seelisch-sinnlichen Natur seiner Heimat, aus

der Geschichte aufzubauen: "Florian Geyer" (1896), die Tragödie des

Bauernkrieges war trotz gewaltiger Einzelszenen in der Überfülle des

Stoffs und der Studien steckengeblieben. Jetzt sucht Hauptmann in

fränkischen, italienischen, griechischen, peruanischen Sphären seine

verlorene Lebens- und Schaffenskraft wieder -- vergebens: er empfängt

nur Leben aus zweiter Hand.

Hauptmanns gerader weltanschaulicher Gegensatz ist Frank Wedekind

(1864-1918). Ist Hauptmann der Anwalt der unterdrückten Seele, so ist

Wedekind der Anwalt des unterdrückten Leibes und Fleisches. Er wendet

sich gegen "die Geringschätzung und Entwürdigung" des Fleisches, gegen

jene, denen "der Geist das höhere Element, der absolute Herrscher" ist,

"der jede selbstherrliche, revolutionäre Äußerung des Fleisches aufs

unerbittlichste rächt und straft" ("Über Erotik"). In der

Kindertragödie: "Frühlings Erwachen" (1891) -- neunzehn locker

gereihten, kurzen Szenen im Stile Lenz' und Büchners -- gestaltet er

die dunklen Wirren und Leiden der Pubertät, der aufwachenden sinnlichen

Triebe, die von allen Seiten, von Eltern und Lehren, verleugnet,

verdächtigt und mißleitet werden, Gymnasiasten und vierzehnjährige

Schulmädel, die auf der gefährlichen Grenzscheide zwischen Kindheit und

Reife weglos allein gelassen, aller Unruhe und allem Dunkel der neuen

Lebensmächte preisgegeben und in Verbitterung, Tod und Selbstmord

hinausgedrängt werden, Kämpfer, die an der Eingangspforte des Lebens

fallen. Im "Erdgeist" (1895) formt er dann die volle entfesselte Macht

der Triebe. In Lulu zeichnet er die "Urgestalt des Weibes" die schon in

der Bibel, im Leben der Kirchenväter und Heiligen immer wieder als das

dämonische, verführerische sinnliche Element des Lebens zerstörend

auftaucht, die Schlange, "das wahre Tier, das wilde, schöne Tier". "Sie

ward geschaffen, Unheil anzustiften, -- Zu locken, zu verführen, zu

vergiften, -- Zu morden, ohne daß es einer spürt". Lulu nennt sie der

eine, Nellie, Eva, Mignon der andere; sie hat keinen Namen, wie sie

keinen Vater hat: sie ist das Urelement der Schöpfung. Jeder sieht sie

anders, legt seine Sehnsucht, seine Seele in sie hinein, behängt sie

mit seinen Träumen und Phantasien. Sie aber bleibt "die seelenlose

Kreatur". Gleichgültig schreitet sie über das Leben der Männer hinweg,

die ihr zu Füßen stürzen, immer neue Opfer fordernd, in rastloser Gier

-- bis sie demselben Dämon verfällt, der sie getrieben, und (im 2. Teil

der "Büchse der Pandora") unter dem Messer Jack des Aufschlitzers endet.

Es war nicht leicht für Wedekind, diesem weiblichen Urbild sinnlicher

Schönheit und Wildheit ein männliches zur Seite zu geben. Mit der

kulturellen Entwicklung ist die geistige Kraft zum eigentlichen Wesen

des Mannes geworden. Aber Wedekind ging in die Welt der Zirkusmenschen

und Hochstapler, der elastischen Abenteurer, die in zäher Lebensgier

durch Strom und Strudel jagen, untertauchen, nie untersinken, immer

wieder in die Höhe kommen. "Der Marquis von Keith" (1900) ist Wedekinds

dramatisch stärkste Gestaltung dieses Typus.

In all diesen Dramen kann der Trieb, das Fleisch, nie gegen den Geist

kämpfen, da er ihn nicht begreifen, nicht übersehen kann. Vertreter des

Geistes, die gegen das Fleisch auftreten -- wie Lehrer und Pfarrer in

"Frühlings Erwachen" --, sind bloße Karikaturen. Immer kämpfen Triebe

gegen Triebe. So kommt es nie zur Klärung und Lösung, sondern nur zur

Katastrophe. Der Aufstieg und Absturz des Ideendramas zerfällt hier

nach der Zahl der Akte in ebenso viele parallele Krisen und

Katastrophen. Auch die Szenen, die Dialoge entwickeln sich eher in

linearem Nebeneinander als in einem steigenden In- und Miteinander.

Denn diese triebhaften, "unbeseelten Kreaturen" sind ganz in sich

gebunden, in die Einsamkeit alles Sinnlichen. Sie reden nicht

zueinander, sie sprechen aneinander vorbei. Und so dunkelt über dieser

lebensverlangenden, lebensbejahenden Triebwelt die heimliche

Melancholie der unerlösten Kreatur, eine Tragik, die tiefer gründet als

die äußeren Kämpfe ihrer Instinkte.

Die Bejahung und Verherrlichung des Fleisches, die dem jungen Wedekind

quellende Natur ist, wird dem alternden zur Lehre, die er predig und

verteidigt. All seinen späten Gestalten gibt er sie in den Mund. Das

widerspricht aber dem Wesen dieser triebhaften Gestalten, die nicht

über sich theoretisieren können. So zerfällt die durchaus

unnaturalistische, großumrissene, sinnenbunte Bildwelt Wedekinds in

graue fanatische Deklamationen.

Zwischen den polar bestimmten Werten und Welten Hauptmanns und

Wedekinds schwankt die ungewisse Welt Arthur Schnitzlers (geb. 1862).

Die Wiener Kultur, schon in Grillparzer voll unsicherer

Selbstreflexion, ist ganz Ausgangskultur geworden: ihre Ideenwelt hat

den zwingenden Gehalt verloren, nur ihre Formen sind geblieben. Mit

ihnen drapiert und maskiert man sich, man spielt mit ihnen. Das Leben

selber wird zum Spiel. In lächelnder Skepsis ist man sich dieses Spiels

bewußt, sucht man es zu vervollkommnen und auszukosten. Aber die

Schwermut lauert über jenen Augenblicken, wo man des Spielens müde ist,

wo man auf festem Ideen- und Lebensgrund ruhen möchte und nur erkennt:

Es fließen ineinander Traum und Wachen,

Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.

Wir wissen nichts von andern, nichts von uns.

Wie spielen immer; wer es weiß, ist klug.

In den sieben graziösen Dialogen des "Anatol" (1894) ist diese Skepsis

und Müdigkeit, diese Selbstreflexion und weiche Selbstverhätschelung

zum erstenmal Wort und Gestalt geworden. Anatol, der junge, verwöhnte

Dichter, der "leichtsinnige Melancholiker" der in tändelnden

Abenteuern, in "zärtlicher Liebe ohne das Bedürfnis der Treue" sein

Leben verträumt, der nur in Stimmungen lebt und so viel Mitleid mit

sich selbst hat -- keine moralische Forderung, kein Schicksal dürfte an

diese Welt klopfen: sie würde in Staub verwehen. Aber da sie ganz in

sich verbleibt, nehmen wir lächelnd Anteil an ihrem weichen, morbiden

Stimmungszauber, ihrer Liebenswürdigkeit und Gebrechlichkeit.

Die Melancholie, die aus dieser Welt steigt, kann sich nie zur wahren

Tragik härten. Auch aus den fröstelnden Schauern des "Einsamen Wegs":

"Und wenn uns ein Zug von Bacchanten begleitet -- den Weg hinab gehen

wir alle allein", weht weniger Lebenstragik als Lebemannstragik. Aber

wenn in diese Welt ein Vorstadtmädel gerät mit der ganzen frischen

Innigkeit und Unbedingtheit seines Herzens, die Liebe gibt und sucht in

dieser Welt der "Liebelei", dann greift einfache Tragik ans Herz.

Christin', die blasse Violinspielerstochter, die ihre Seele hingibt an

den leichtsinnig-schwermütigen Menschen, der ihr auch in der tiefsten

Stunde wehrt: "Sprich nicht von Ewigkeit. Es gibt vielleicht

Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich sprühen... Das ist die

einzige, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört", wird

zu einem holden Urbild, zu einem unvergeßlichen Klang, daraus die

Innigkeit und Traurigkeit eines Volksliedes weht.

Die größeren Kompositionen Schnitzlers lehnen sich an fremde Stile, an

Ibsen oder Shakespeare, lösen sich in epische Episoden oder zergehen in

dialektische Konversationszenen, deren geistreich-schwermutvolle

Feinheit die Menschen mehr verschleiert und verwischt als gestaltet.

Nur im "Grünen Kakadu" wird Schnitzler die Ausgangswelt, ja der

Ausgangstag des ancien régime (der Tag des Bastillensturms) zum großen

historischen Spiegel des Wiener Ausgangs. Ein Irrspiel zwischen Sein

und Schein, das den Verfall aller Werte, die Zersetzung aller Seele in

grellen Blitzen gespenstig umleuchtet. In einer Pariser

Vorstadtspelunke improvisieren Schauspieler zur Aufpeitschung der

hochadligen Gäste Verbrecherszenen, die gruselig Spiel und Wahrheit

mischen. Wie verfolgt stürzt einer herein und berichtet von seinem

frische Taschendiebstahl, von einer Brandstiftung ein zweiter, einem

Morde ein dritter, bis Henri, der Genialste Truppe, vorstürmt und

aufschreit, er habe eben in der Garderobe den Herzog von Cadignan, den

Liebhaber seiner ihm gestern angetrauten Frau, niedergestochen. Die

Mitspieler halten es für Wahrheit, die Zuschauer für Komödie, einen

Augenblick glauben beide an Wahrheit -- während es jäh darauf erst

Wahrheit werden soll: der Herzog tritt ein und Henri tötet ihn

wirklich. Und indes der Wirt wie allabendlich eben noch in aufreizendem

Spiel seine hochadligen Gäste als Schurken und Schweine begrüßt hat,

die das Volk hoffentlich nächstens umbringen werde, dringen plötzlich

die Bastillenstürmer ein und lassen an der Leiche des Herzogs die

Freiheit leben. Hier ist das Lebensgefühl des Ausgangs: "Wir spielen

immer; wer es weiß, ist klug", schicksalhaft vertieft, das

Schauspielertum des Lebens und der Bühne gespenstig gemischt. Mit

höchster künstlerischer Bewußtheit sind die Schauer und Wechsel dieses

Irrspiels in die straffe Handlung eines Einakters gebannt.

Wenn für Schnitzler die Bedeutungslosigkeit der überkommenen Formen

noch Lebensschicksal ist, für Hugo von Hoffmannsthal (geb. 1874) ist

sie nur mehr literarisches Schicksal. Allein in den ersten Dramen "Der

Tor und der Tod", "Der Abenteurer und die Sängerin" schwingt noch ihr

Erlebnis: Schwermut und Sehnsucht. Das erste eine Dichtung des

Neunzehnjährigen: ein junger Mensch, der das Leben zum erstenmal ahnt,

da er es lassen muß:

Was weiß ich denn vom Menschenleben?

Bin freiliche scheinbar drin gestanden,

Aber ich habe es höchstens verstanden,

Konnte mich nie darein verweben...

Stets schleppt ich den rätselhaften Fluch,

Nie ganz bewußt, nie völlig unbewußt,

Mit kleinem Leid und schaler Lust

Mein Leben zu erleben wie ein Buch.

Aber, da er dem Tode, der ihn zu rufen kommt, entgegenhält: "Ich habe

nicht gelebt!" zeigt der ihm, was an Leben und Liebe sein gewesen:

unter den Geigenklängen des Todes schweben die Schatten der Mutter, des

jungen Mädchens, des Freundes vorüber, die einst in Sorge und Liebe

sich um ihn mühten, ohne daß er ihrer geachtet. Er war der

"Ewigspielende", "der keinem etwas war und keiner ihm". Erst der Tod

lehrt ihn das Leben sehen -- die süße Schwermut eines Frühlingsabends

webt um diese jungen, goethisierenden Verse; aus weich-verhangener

Ferne träumt Musik. Im "Abenteurer und die Sängerin" schimmern die

Farben und Wunder Venedigs auf. Auch hier eine ausgelebte Welt. Auch

hier ein Ewigspielender: Casanova. Fünfzehn Jahre nach einem seiner

vielen Liebesabenteuer kreuzt dieser flüchtige Faltermensch die

Lagunenstadt und sieht die einst Geliebte, die er zum Leben erweckt,

die ihm glücklichste Stunden geschenkt, als Gattin eines anderen wieder

und neben ihr seinen Sohn. Wenige festliche Stunden, wenige in Traum,

Süße, Wehmut und Erinnerung aufschimmernde Worte. Und darüber die

Schatten des Alters und der Vergänglichkeit.

Je mehr in den späteren Dramen Hoffmannsthals der Lebensgehalt

versickert, desto üppiger wuchert ihre Form. Die leere Lebensform des

ausgehenden Wien wird zur leeren literarischen Form, einer üppigen

barocken Form, die Leben aus zweiter Hand, aus Sophokles, Otway,

Molière überrankt. Der sittliche Gehalt der Sophokleischen Elektra, das

tragische Rächeramt der Kinder an der eigenen Mutter, des Vaters

Mörderin, wird -- jenseits aller Weltanschauung -- zu einer

dekorativen, schwelgerischen, brandroten Orgie in Haß, Blut und Rache.

Bedeutsam bleiben -- wie bei d'Annunzio, dem er nahekommt -- die

artistischen Werte Hofmannsthals: sein Anteil an der Entwicklung

deutscher Sprachkunst.

Klingt bei Hofmannsthal Wortmusik, bei Richard Beer-Hofmann (geb.

1866), dem dritten und tiefsten der Wiener, klingt Seelenmusik. In

hinreißendem Adagio entquillt sie seinem ersten Drama, dem "Grafen von

Charolais" (1904), obgleich es einer alten englischen Vorlage

Massingers und Fields unglücklich verbunden ist, obgleich es daher in

zwei Teile zerbricht, obgleich die Requisiten des alten Stücks,

Leichen, Pfändung, Ehebruch, Mord, Selbstmord, sich peinlich häufen. Da

ist nicht mehr die Melancholie des Ästheten, da ist eine wehe Weisheit,

eine milde Güte, eine dunkel-goldene Traurigkeit, aus Tiefen, die seit

Gerhart Hauptmann keiner mehr durchmessen hat. Nur das Vorspiel zu

einem Dramenzyklus, zur "Historie von König David", ist seitdem

erschienen: "Jaákobs Traum" (1918), eine symphonische Dichtung von

einer seelischen und religiösen Gewalt, die sie hoch über die Zeit

emporträgt. Die Würde und Tragik der Berufung ist ihr Thema, Jaákobs

Ringen mit Gott auf dem Berge Beth-El ihr biblischer Stoff. Wenn der

musikalischen und metaphysischen Gewalt dieses Vorspiels die Kraft der

Menschengestaltung in der Trilogie entspricht, so wird Beer-Hofmann in

schöpferischer Erneuerung alttestamentlicher Symbole der deutschen

Dichtung das religiöse Drama erobern helfen.

Hauptmann und in minderem Grade auch Wedekind, Schnitzler, Beer-Hofmann

erleben die Welt unmittelbar in weltanschaulichen Gegensätzen und in

Gestalten, die sie verkörpern und ausfechten. Fast allen jüngeren

Dramatikern ist dieses überpersönliche, weltgroße Erlebnis fremd; sie

erleben einseitig, subjektiv, nur vom Gefühl oder vom Intellekt aus,

und so kommt es nur zu lyrisch-balladesken oder dialektischen

Spannungen.

Herbert Eulenberg (geb. 1876) bleibt ganz in dumpfen Gefühl befangen.

Seine Helden sind immer die gleichen Typen und leben nur im Schwellen

und Ausschwingen ihrer Gefühlsdurchbrüche. Er erlebt nur in einer

Richtung und nur in einem Menschen; die anderen Menschen sind ohne

eigene Lebens- und Gegenkraft für Eulenberg wie für seine Helden.

Einsam steht der Eulenbergsche Mensch im All; fremde Mächte werden in

ihm wach und jagen ihn in die dunkle Hölle seines Blutes und seiner

Träume; sie verfolgen und erfüllen ihn, wachsen, rasen und toben in

ihm, bis sie seine Form zersprengen oder in vernichtenden Taten den

Ausweg suchen. Von außen her dringt nichts in diesen Vorgang ein. "Ich

höre nichts außer mir", sagt einer der Helden; "ich brenne in mir ab",

ein anderer. Die Gegenspieler sind keine ursprünglichen Gestalten, sind

nur Blutbilder des eigenen Innern. So wird kein Drama, so kommt es nur

zu monologischen, lyrisch-balladesken Wirkungen, zu Farben und

Stimmungen.

Der Gegenpol Eulenbergs ist Karl Sternheim (geb. 1881). Er geht ganz

vom Intellekt aus. Er erlebt nicht, er erkennt nur. Sein literarischer

Ehrgeiz will stilisieren, zu Typen vordringen. Aber einen Typus gewinnt

er nicht durch Fülle und Verdichtung des Persönlichen, sondern durch

Konstruktion und Illustration eines Begriffs. Kurze Zeit weiß seine

Beobachtung, seine literarische Erinnerung die Stilisierung

durchzuführen, dann entgleiten und brechen die Linien, die Personen

werden zu Karikaturen. Eine Komödie wie "Der Snob" ist in ihrer inneren

Unwahrheit, ihrer Literaten- und Theaterkunst, gar nicht so weit von

Blumenthal und Kadelburg; sie ist nur geistreicher und boshafter.

Seiner Menschen-wie seiner Weltanschauung fehlt der organische Anteil,

das Ethos, die Liebe. Es genügt nicht, die Welt lächerlich zu machen.

Humor, nicht Witz ist das Zeichen des Schöpfers. Jede Anschauung will

im Zusammenhang einer Weltanschauung, jede Eigenschaft im Zusammenhang

einer Seele, jede Verzerrung im Zusammenhang eines Ideals gedeutet und

gestaltet werden. Auch der Satiriker lacht und spottet nicht aus dem

Gefühl billiger Überlegenheit, sondern aus dem Gefühl der Verantwortung

und der Liebe.

Über Wedekind und Sternheim führt der Weg Georg Kaisers, (geb. 1878).

Auch er ist ein Intellektueller, ein ehrgeiziger Literat, ein

Formenkünstler. Ohne ein ursprüngliches Wesenszentrum überläßt er sich

den wechselnden Strömungen der Zeit. Von der Verherrlichung des

Fleisches à la Wedekind ("Rektor Kleist", 1905) gelangt er zum ideal

platonisierten Denkdrama "Die Rettung des Alkibiades" (1919). "König

Hahnrei" und die "Jüdische Witwe" stellen die tragischen Konflikte

Tristans oder Judiths in frecher Jongleurkunst auf den Kopf. "Die

Bürger von Calais" wissen klug errechnete tragische Situationen

rhetorisch auszukosten. "Die Koralle" und "Gas" diskutieren die

sozialen Probleme der Gegenwart. An artistischem Können ist Kaiser

Sternheim bald voraus; er ist reicher, beweglicher, energischer. Aber

es ist die Hast der Nerven, die Psychologie des Intellekts, die Technik

des Films. In den sozialen Dramen -- der Sphäre der Massen und

Maschinen -- werden der Bau mathematisch, die Menschen mechanisch, die

Sprache zum Telegramm. Ein Druck auf die Feder -- und das Werk läuft

ab: Rede und Gegenrede, Bewegung und Gegenbewegung. Mit virtuoser

Technik wird die ganze soziale Stoffmasse in diesem Rädertreiben

zermahlen. -- Und schließlich fallen in der "Rettung des Alkibiades"

auch die Schemen dieser Gestalten; in Anlehnung an den platonischen

Dialog wird das Menschenspiel zum Denkspiel, die Dramatik zur Dialektik.

Über diese Artisten ragt Paul Ernst (geb. 1866) an Ethos der Kunst- und

Weltanschauung, aber ihre intellektuelle Gebundenheit weiß er nur ins

Geistige, nicht ins Künstlerische zu lösen. Er kommt vom naiven

Naturalismus seines Freundes Holz und will mit Wilhelm von Scholz (geb.

1874), der von der Neuromantik und Mystik herkommt, einen

"neuklassischen" Stil im Drama begründen. Über Shakespeares

individuelle Gestalten und Probleme will er zur reinen Typik der

Griechen zurück. Aber er ist ein Kunstdenker, kein Kunstschöpfer; er

gibt geistige Grundrisse statt organischer Gestalten. Tiefer im

Lebensgrunde wurzelt Scholz, zumal in der zweiten Fassung seiner

Tragödie "Der Jude von Konstanz" (1913), die der Hauch Hebbelscher

Tragik durchweht.

Ein großes Drama wächst nur aus einer großen, ursprünglichen

Weltanschauung. Wie die Lebensformen der Mutterboden der epischen, so

sind die Weltanschauungsformen der Wurzelgrund der dramatischen Kunst.

Mit dem Weltkrieg brachen die Lebens- und Anschauungsformen des

materialistischen und rationalistischen Zeitalters zusammen. Aus seinem

Chaos schrie die gemarterte Seele nach ihrem Recht. Jünglinge ballten

ihren Aufschrei zum "expressionistischen" Drama, Walter Hasenclever im

"Sohn", Richard Goering in der "Seeschlacht", am stärksten Fritz von

Unruh in "Ein Geschlecht". Lyrische Entladungen, Konfessionen,

Predigten und Prophetien gaben sich dramatisch. Des späten Strindbergs

unnachahmliches Traum- und Seelendrama ("Traumspiel", "Nach Damaskus")

wurde unbedenklich zum Vorbild genommen. Über den zerfallenen Formen

recke sich der befreite, von Urgefühlen trunkene Mensch empor, der

Mensch schlechthin, der sich eins weiß mit seinen Brüdern, nach Seele,

nach Gott, nach einer neuen wahren Gemeinschaft des Geistes. Aber

ekstatische Schreie, rauschvolle Aufrufe, die Auflösung aller

Lebensmächte in e i n trunkenes Urgefühl führen höchstens zur lyrischen

Grundform. Dies neue Menschheitsgefühl will erst in der Wirklichkeit

erhärtet, vertieft und geklärt, in Zwieklang seiner Gegenmächte

begrenzt und behauptet und in ursprünglichen Gestalten objektiviert

sein, ehe es zu einem neuen Drama fruchtet.

Deutsches Leben der Gegenwart · 第 7 / 12 题