Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er

wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich

aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann

müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.”

“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum,

Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel

auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die

Sache nach allen Seiten hin am Herzen.”

Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der

Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das

Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!”

Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm

kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber

nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie

wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so

gern haben wollte.

Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem

Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie,

ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim

Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie

hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr

viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die

Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und

war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden.

Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte

gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine

besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei,

müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es

sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen

lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte

er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege.

Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn

länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so

allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling

vorbereiten.

“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder

von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe

gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein

Kind anlernen, wenn er eins braucht.”

“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da

wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen

Gefallen tun.”

“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der

Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das

Wiseli gleich mit mir nehmen?”

Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der

Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher

sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn

Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es

solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts.

Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein

Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr

vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes

Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie

ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu

die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen

dastand.

Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli,

wir gehen nicht weit, es geht schon so.”

Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem

Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du

brauchst dich nicht groß zu verabschieden.”

Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau

Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als

befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen.

Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich

um und bleib stehen.

“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?”

“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf,

als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt.

“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen

und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?”

Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der

Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte

übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich

wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie

wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli

hatte es nie vergessen.

Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau

Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß

du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht.

Vergiß es nicht.”

“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.”

Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau

Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen.

Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer

werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und

sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie

es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres

etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen.

Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die

Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter

der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war

niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her.

Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse.

An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor

war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und

sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt

klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat

es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres

richtete sich auf in seinem Bett.

“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du

es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du

auch nicht ungern zu mir gekommen?”

“Nein, nein”, antwortete Wiseli.

Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt.

“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht

lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du

hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.”

“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht

gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich

gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern

hingegangen wie zu Ihnen.”

Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte

nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und

schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal

umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen.

“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch

nicht umkehrte.

Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es

gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein

wenig bei mir bleiben willst.”

Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner

Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet.

Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in

Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so

wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine

Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen

konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh.

Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist

froh.”

Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es

ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?”

“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli

war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte

so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse--

eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war.

Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei

für sich kochen.

Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich

etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das

konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles

bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an

sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch

sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes

Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der

Schreiner Andres nicht.

Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah

das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du

nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen

langweilig bei mir?”

“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß

man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell

hinaufräumen.”

“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe

gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles

zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.”

“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode

schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner

Versicherung.

“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach

nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.”

Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und

ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen

Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So,

nun kann die Frau Oberst kommen.”

Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen

Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der

Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der

kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen

hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle

ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig

darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude

wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür

geschaut hatte, ob es noch nicht komme.

Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch

einen Strumpf, an dem ich stricken kann?”

“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und

wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.”

Aber Wiseli war gut geschult worden--zuerst in unvergeßlicher

Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten,

die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu

hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen,

weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und

gleichzeitig an dem Strumpf stricken.”

Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli

von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne

es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte

Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin.

Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken

gleichzeitig.

Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen,

das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von

der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet,

denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter

reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es

mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von

allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und

fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte

gespannt zu.

In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen.

Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres,

als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur

tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde

in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er

aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm

ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er

saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute

dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie

genug sehen könnte--wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder

zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie

er es vorher nie gesehen hatte.

Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur

liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es

immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald

die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain

zurückkehren mußte.

8. Kapitel

(Es geschieht etwas Unerwartetes)

In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem

Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen,

wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen

erfreulicheren Bericht nach Hause.

Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen

machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden

müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum

Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für

Andres und Wiseli eine große Überraschung werden.

Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war

der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten

allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten

stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen,

beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich

schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen

sollten.

Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm

ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt

worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das

Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein

prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben

im Garten geholt.

“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man

loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte

ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann

man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt,

liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach

Artischocken aus.”

Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er

gerufen--zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben

und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der

Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter

mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden.

Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu.

“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?”

fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine

Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt

mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken

bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme

Unterhaltung gelernt hast.”

Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare

hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche

Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den

unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des

Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht

mehr aufschauen.

“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner

Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also--

‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und

den Stecken erhoben, und dann?”

“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen,

daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den

Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht

totgeschlagen.”

“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann

weiter?”

“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen.

“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der

Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine

Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle

wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!”

Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte

ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in

jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb

gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an.

Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke

und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen

wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein

dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten

würde.

Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett

auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß

und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte.

Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen.

Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen,

denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und

plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach

dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem

Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken.

“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein

Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.”

Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr

heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann

das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die

Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm

und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt

mir immer wahrscheinlicher vor.”

Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau

an.

“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen

Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester

gestaltet er sich vor meinen Augen.”

“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst,

ganz neugierig geworden.

Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast

Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden

von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen.

Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’

genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’

oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer

uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen

Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an

dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der

Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen

gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und

im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein

Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als

er. Gibt dir das nicht auch zu denken?”

“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da

muß ich sofort etwas unternehmen.”

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später

fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der

Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte

eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam

und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell

rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen.

Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau

mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin

hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne

große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein

Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen

und gleich wieder verschwunden war.

So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in

den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und

verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der

Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da

entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn

gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn

gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten

zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen

Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er

keine Ahnung.

Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte,

er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins

Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe

seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn

durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute

Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres

niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht

wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne.

Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde

ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung

im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie

vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles

aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die

aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da

er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer

Umstand von der Sache zu hören war.

Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so

aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,

erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein

Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen

wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der

bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der

arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum

Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten

zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so

geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich

noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein

Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel

des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem

furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der

Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer

hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der

Heugabel fortbringen.

“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die

Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß

er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da

er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme,

gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr

mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von

der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück

gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder

fröhlich machen!”

Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten

Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas

verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben!

Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und

Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu

bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei

ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt

und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder

den Berg hinunter, zum Stall.

Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi

hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig

näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor,

Joggi, das ist alles für dich zum Essen.”

Joggi bewegte sich nicht.

“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt

der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.”

Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger

zusammen.

Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung · 第 5 / 6 段