“Draußen”, war die Antwort.
“Wo draußen?”
“Auf der Wiese.”
“Auf welcher Wiese?”
“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen.
“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging
auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den
Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter
einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli,
um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf
seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den
vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden
Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte.
Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf.
“Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange
nicht in die Schule gekommen?”
Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so
viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur,
wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen,
soviel ich nur kann.”
“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier
ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?”
“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom
Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der
Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen
hin.
“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder
zusammenlesen.”
“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er
geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich
wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß.
Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn
samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf,
ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht
mehr.
“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so
mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst
du daran denken?”
“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht.
Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du
dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so,
daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt
bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging
mit seinem Zorn nachhause.
Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß
das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz
entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den
Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das
Wiseli entreiße.
Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann
sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind
würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so
etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es
ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß,
daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch
nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott
nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die
Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn
du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig
zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz
damit einverstanden.”
Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem
anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle
möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf
und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf
nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren
Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können,
auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli
befreit.’
Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so
prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen
konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle
Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall,
am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein.
Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr
zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der
Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden.
Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die
Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da
die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden.
Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr
mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung
hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten
Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie
hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der
Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders
das Miezchen bedrohen könnten.
Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte
inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser
Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen
aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben.
Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt
zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus.
Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war
unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der
Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine
Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten
Stimmung.
Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das
Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So
hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von
Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme.
Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen
gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im
Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm
und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk.
Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn
manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher
Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht
riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der
Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen
Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn
er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange,
lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter.
Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die
Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto
hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß
auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein
Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen
hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und
wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges
stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften
und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du?
Was hast du?”
“Er hat mich--er hat mich--er hat mich”, stieß Miezchen
schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung.
“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto.
“Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen
wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen.”
So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat
dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich
geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst.
“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben
und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er
mir nachgerufen.”
“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete
beruhigt auf.
“Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort,
und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach
Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.
“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich
gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr.
Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den
roten Zuckerhahn vom Christbaum.”
Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab
keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom
Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen.
Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen
hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in
Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen,
was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe
totschlagen wollen.
“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon
lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den
großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren
Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse,
und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein
wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.”
Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so
natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn
gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos
gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen,
denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da
aufgebrochen werden sollte.
Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts
zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen.
Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren.
Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse
versprechen, nichts zu erzählen.
Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren
seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts
mehr verraten.
Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der
rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein
Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da
klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine
Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und
sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief
in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!”
“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf.
“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner
Andres tot gefunden.”
Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten
genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen.
Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus
des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge
Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt,
und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen
gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein
Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher.
“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er.
Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu
machen, meinten die Leute.
“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen.
“Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.”
Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich
zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.
Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben
Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des
Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob
seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die
Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend
ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er
habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen
solle.
Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal
wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn
die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las
Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan
hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm
gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein
werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand
fest zugeklemmt und lachte halblaut.
Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der
Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer
und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer
hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau
den unbeweglichen Körper.
“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf
ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.”
“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?”
“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.”
Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch
vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten
und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten
Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das
der Doktor brauchte.
“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker
nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander.
Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht
kommen.”
“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau
soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon.
“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn
ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom
Bett weg.”
“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine
Frau alles her, nicht nur die alte Trine.”
Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man
hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen
Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und
lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können,
daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man
brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte
sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in
einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der
Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze
Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und schloß die Tür zu,
nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am
Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das
Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der
Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen.
Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er
nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine
Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte,
und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein.
Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum
Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und
brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein
wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen
und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe
er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse,
Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht.
Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen,
erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst
einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach
Hause zurück.
So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus
des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas
fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und
Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie
ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war
immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch
unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre
sorgfältige Pflege.
Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem
Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er
selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da
Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart
des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen
Vorfall wisse.
Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte.
Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle
Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er
konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte
aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er
jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er
noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte
sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und
die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen.
Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf
seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr.
Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber
gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis
Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn
wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der
Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz
unruhig.
“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er.
“Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht
geschlagen.”
Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten
Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen
Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.
“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der
die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld
auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder
sehen und Lust zum Teilen bekommen.”
“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte
der Andres gelassen.
“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”,
bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen.
Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.”
“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand.
“Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon
viel mehr gegeben, als ich brauche.”
Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte
der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn
zusammenschlagen wollte.”
Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in
der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch
Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal
wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm
aufs neue großen Eindruck.
Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte,
da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner
Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt
die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi
manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er
das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi,
du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen,
sie werden dir’s dann schon zeigen.”
Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern,
denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und
trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht
und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal
waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und
hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er
werde nicht geköpft.
Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster
geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm
hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot
gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe
es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch
viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu
stöhnen an und hörte nicht mehr auf.
7. Kapitel
(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging)
Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine
Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach
dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte
sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen
Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der
Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und
hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht.
Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank
wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war
sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf
den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres
schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder
heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu
jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat
keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.”
Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte
seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit
Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?”
“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen
Kopf auf den Ellbogen.
“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen
schon so gut geht”, fing sie an.
“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich
wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen
fehlt.”
“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”,
fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der
Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte.
Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei
mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe
nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli
aufnehmen.”
Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von
seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde
ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich
sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte
das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie
dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde
sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst,
meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr
aufkommen--als so etwas.”
Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als
er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es
ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen
Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist.
Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte
Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig
freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben?
Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns
stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt
in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich,
und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.”