alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine
andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in
dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat
ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war
auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich
ab und zu um das Kind zu kümmern.
Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli
stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte,
Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte
dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen
Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das
Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli,
teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein
glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese
Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder
ihren gewohnten Gang.
Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im
Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr
auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem
Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und
derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett
Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die
es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar
kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den
Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne
es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn
es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter
hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte
lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen
würde.
Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in
der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so
freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den
Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich
sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz
anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis
zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die
Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die
Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es
meinte, es könne nicht mehr weiterleben.
Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es
weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je,
sie konnte es gar nicht leiden.
Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein
in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und
sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es
dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der
liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte.
Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben,
für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat.
Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse
über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins
Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben
Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen.
Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es
wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank.
Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein:
(“Er wird auch Wege finden
Wo dein Fuß gehen kann.”)
So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume
wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und
weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne,
warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich,
so daß jeder wieder gern leben mochte.
Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn
es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain
zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen,
denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der
Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und
manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte
nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der
Onkel und hauptsächlich die Tante sagten.
Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war
allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante
draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen,
den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune
hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben
geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es
an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat
ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz
schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu
Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum
Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher
schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen
gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte
wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem
Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang
gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du
hast ja sonst nichts zu tun!”
So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da
hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und
dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte.
Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli,
redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung
von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie
wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen,
denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte
ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen
könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß
Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich
mit ihm sprach wie sonst niemand.
Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es
mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der
niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den
Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der
Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das
Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den
Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es
eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur
immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu
ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den
Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke
gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.
Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen,
da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden.
Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde
und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder
mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es
an der Sonne trockne.
Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es
dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das
hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein.
Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann
rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu
machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der
Schule kannst du ja nie etwas.”
Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt
und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut
begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast
überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann
gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu
machen waren.
Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu
ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich
sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte:
“Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am
klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor
Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg.
Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was
zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die
Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht
seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal
seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen
freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer,
denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es
ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein
Leben.
In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen.
Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die
Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen
können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen
aufgehen wollte.
So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend,
und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben
zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen
dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben
und der Onkel hatte das Haus schon verlassen.
Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das
offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen
und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne
umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte
es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief
schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach
Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach,
Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist
drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!”
Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus.
“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine
Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben
viel mit dem Heu zu tun gehabt.”
Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den
Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen.
Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und
das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten
und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es
war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war,
und lief voller Freuden mittendurch.
Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in
den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?”
“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon.
“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht
aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich
das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.”
Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und
Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und
aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und
lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine
Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz,
schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich
heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann
könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht
das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen
zusammenlesen?
Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz
grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der
jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in
tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig,
und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da.
Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem
Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des
Nachsitzens.
Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen.
Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und
kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen,
und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein.
In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute
überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand.
Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst
wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut.
Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle
übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der
Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick
überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er
vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz
weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter
das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es
sich zugetragen haben könnte.
“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte
die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so
edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein
könnte.”
“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört
hatte.
“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil
du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.”
“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht
genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso
wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon,
denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht
versäumen wollte.
Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg
hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es
aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im
Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die
mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war.
Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf
allen Wegen noch Kugelschieben.
Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so
herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast
nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da
trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das
Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die
Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?”
“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch
etwas ausrichten von der Mutter.”
“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die
Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu
dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu
allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von
dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und
er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich
soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für
alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir
gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große
Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber
es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand,
wandte sich ab und ging ins Haus hinein.
Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine
Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es
niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er
gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun
war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von
der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre
der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es
faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken
davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war
gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und
es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar
nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar
keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der
liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr
denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim
Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres
vor sich mit den Tränen darauf.
Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche
Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten
können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten
Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte
und die Tür aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in
bester Ordnung.
Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war
er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das
auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache
zugehe.
Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand
Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht
recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit
einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen,
an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm
heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.”
Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung
machen”, rief er.
“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!”
Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein
wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe
schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche
Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr
als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend
zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und
stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer
augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat.
“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer.
“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles
in Ordnung sei.”
“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber
die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.”
Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den
Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn
nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß
Ordnung gemacht.
“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug,
“trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir
Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.”
Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem
konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im
Pfarrhaus.
Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau
Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten,
wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel
Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr
Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen
war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte
dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben,
riß die Tür der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still,
kein menschliches Wesen zu sehen.
Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer
hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte
er nun um jeden Preis wissen.
Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ
alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat
er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken
daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen
würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren
Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hörte die Uhr
halb zwölf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein
Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er
sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein
an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür--da--Otto riß
noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles
getan, schöner als je.
Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche
Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst,
schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso
leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand
das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken,
und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem
Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf.
“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”,
rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht
muß.”
“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort.
“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein
Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt.
“Doch--gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang
mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte,
und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut,
weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles
fertig und ist froh.”
“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun
wolltest?” fragte Otto verwundert.
“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon
immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie
du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.”
“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für
mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen,
Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen
leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto
noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da
er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.
“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg
mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein
wenig hinaus wie jeden Tag vorher.”
“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte
Otto noch wissen.
“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich
paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war,
ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin,
ob sie etwas für mich zu tun habe, sie gibt mir manchmal einen
Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort.
Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die
Schulstube ranntest.”
Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli
noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und
dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren
froh und zufrieden.
6. Kapitel
(Das Alte und auch etwas Neues)
Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu
Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten
Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten
auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten
Kartoffeln und wärmten sich die Hände.
An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und
erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache.
Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen,
acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der
Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm
lagen, eine nach der anderen zerreißen.