er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es
das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache,
das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein
Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein
Geschrei, das hilft gar nichts.”
Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel
zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise:
“Behüte dich Gott, Mutter!”
Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus,
wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander
querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen
gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und
schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und
sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig
spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.”
“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu
spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.”
“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du
mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um
und lief ihren Weg zurück.
Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter
so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte.
4. Kapitel
(Beim Onkel)
Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da
kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den
beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus
der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an,
als wenn sie es noch nie gesehen hätte.
Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man
könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig
gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer
noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es
gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große
Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück
ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das
Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.”
“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen
hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm
so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte.
Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich
nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das
Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante
war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut
von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt.
“Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte
sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche.
Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s
in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht
fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte
gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war
viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch.
“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom
Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der
Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß
gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem
Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte
den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und
einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und
Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange
wurde.
Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?”
Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander.
“Das Wiseli wollte nichts!”
“Das Wiseli hatte keinen Hunger!”
“Weil das Wiseli keins wollte!”
Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen,
so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür
wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf,
sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans
hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu
erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich
auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden
Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich.
In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln.
Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie:
“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit
heimgenommen?”
“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der
Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst
es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du
sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.”
“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es
zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.”
“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war.
Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig.
“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß
sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?”
“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen
wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges
Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als
die Buben.”
Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig,
daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß
die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich
nur wissen, wo das Kind schlafen soll.”
Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her,
dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es
wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und
das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer
gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm.
Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer
hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.”
“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt
und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann
möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen
soll, um des Kindes willen.”
“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch
etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es
dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es
fühlt sich auch am wohlsten bei uns.”
Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief
noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für
die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie
den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei
noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort
zum Frieden sagst,” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an
die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte.
Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen
liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das
Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So
nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen
braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis
Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er
ist für den Onkel.”
Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die
Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte.
Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die
Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die
Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so
kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.”
Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte.
Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn
es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und
es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen
dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde
erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s
nachher.”
So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe
auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte
die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die
draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die
Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und
lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener
Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie
zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und
sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können
sie essen.”
Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf
Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der
Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den
Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein
Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich,
dort sitzen, oder nicht?”
“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit
hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine
Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück
und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder.
Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so
sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so,
und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam
sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu
sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie
jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel
schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die
Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an.
“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben
ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum
jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch
etwas da ist.
“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn
gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte
ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man
zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli
gerichtet.
Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich
brauche keinen, ich habe keinen Hunger.”
“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich
habe nicht im Sinn, was zu ändern.”
“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe
läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel
beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.”
Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind
saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal
die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn
der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden
mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die
Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war,
sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst
du von nun an tun.”
Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte
seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch
zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu
ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.”
Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der
Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja
überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen
muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der
Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s
recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an
der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg.
“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte
ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das
Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte.
“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing
Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So
hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft
gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen
wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter
herein und kam damit auf den Tisch zu.
“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch
gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er
die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal.
Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”,
sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen,
Kleines?”
Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen
hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen
am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es
nicht so ganz kugelrund bleibe.
“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt
du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den
Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s
auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch
und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei
der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt
nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.”
Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit
einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du
liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches
hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch
noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem
guten Dach bist. Gute Nacht!”
“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber
jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie
gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht.
Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal
ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein
wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen
konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging
nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager.
Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun
allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es
in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und
Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der
Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur
von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es
da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar
und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen
werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt
kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli,
daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und
verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es,
und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen.
Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein
Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos
sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich
nicht?”
Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen
schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum
lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und
wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören
wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es
richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber
Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter
hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und
dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich
getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es
eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein.
Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz
zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir
siehst und es dir ganz schwer wird...” So war es jetzt schon
gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen
konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es
daran denken, wie es heiße in seinem Lied:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)
Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten,
die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst
gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr
vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm
stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick
im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein
Herz, wie es wieder und wieder so sagte:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)
So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben
Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von
niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut
das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing
sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor
dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort
mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor:
(“Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)
(Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)
Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen.
Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte,
legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief
augenblicklich ein.
Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor
sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging
zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend
anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen.
Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei
der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte:
“Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann?”)
Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem
Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett.
5. Kapitel
(Wie es weitergeht und Sommer wird)
Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß
Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel
geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter
klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte,
den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt
vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das
Ende der armen Frau so nahe sein konnte.
Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es
ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn
er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen
zählen, wie manche davon noch ganz ist!”
“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?”
unterbrach die Mutter den Sohn.
“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun,
wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit!
Aber er soll es nur probieren...” Hier wurde Otto wieder
unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte
seine Stimme.
“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter
dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser
Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte
noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht,
seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen,
die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe
ausgezogen hatte.
Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte
Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen
ohne Stampfen.”
“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie
gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?”
rief die Trine, die noch im Zimmer stand.
“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns,
es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen.
Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl
und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg.
Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend
sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich
besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst
dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz
genug.”
Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt,
daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden
Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden
Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung
war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf
erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die
waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das
Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn
da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer
aufbleiben.
Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine
Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie
die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen
Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli
zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und
Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien
an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich
einschreiten mußte.
Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen
zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war
an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange
verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden
denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt.
Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und
die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie
mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft.
Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag
hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli
getan werden könnte.
Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am
vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die
Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli
sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts
hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es
selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich
gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu
behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine
Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr
bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich,
daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war.
“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das
Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ?
Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und
alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da
müßtest du ein Waisenhaus gründen.”