Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ans

Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung

Johanna Spyri

1. Kapitel

(Auf dem Schlittenweg)

Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang.

Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig

beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen.

Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran,

voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter

und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf

einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus.

Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche

Kindheit verlebt.

Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und

dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt

auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein

paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und

Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von

Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester

Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab

den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an

der Aare entlang ins Land hinausführt.

Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten

Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang

konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen.

Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen

Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten

vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße.

Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück

einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte

Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom

Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum

Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht,

wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim

Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß

man rasch wieder oben war.

So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu

früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen

mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches

Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch

einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles

noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und

wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz

errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die

anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren

und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und

Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es

doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen

drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa

noch zu kurz kommen wollte.

So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die

Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der

Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte

darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber

waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im

angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre

Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet,

die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand

schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon

geläutet.

Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!”

Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es

eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus

auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte

auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So

drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi

wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin

gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren

Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb.

Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun

abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein

kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war

ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es

wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen

dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu

sein um seine Wut daran auszulassen.

“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du

brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen

Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit

stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind

eine Schneewolke entgegenzuwerfen.

Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und

sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.”

Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als

ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom

Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung,

denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit

geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.

Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum

Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den

Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse,

der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine

Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein

schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der

Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto

eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die

der Chäppi sich nicht zu helfen wußte.

Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch,

und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit

dir zu tun!”

“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du

das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu

überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein

kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er

verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu,

wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus

aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst

du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen

Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und

fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.”

Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah.

Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf

seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal

ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren

dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf

vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch

mit Eisen beschlagen war.

Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach

dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe

für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre

gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben,

daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen.

Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto

mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter

ging’s wie vom Wind getragen.

In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder

herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib

unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu!

Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch

einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann

brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem

Wohltäter und rannte eilig davon.

Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in

die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute.

“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem

Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto

als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum

väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die

erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.

2. Kapitel

(Daheim, wo’s gut ist)

Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur

hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr

Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam.

“So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die

Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen.

Und acht Uhr hat’s geschlagen--vor wer weiß wie langer Zeit.” Die

alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter

der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus

und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als

Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte

Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz

auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht

merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das

fand sie erzieherisch.

“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber

gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor

Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog

ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen

mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art

war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal

hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf

dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.

“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die

Schuhe von selbst”, sagte die Trine.

“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen

Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.

“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein.

Jetzt setz dich”, mahnte Trine.

Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe

ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.”

“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.

“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür

hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt,

die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden

Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür

hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max

los, der richtig dort im Lehnstuhl saß.

Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein

Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder

stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich

der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen

Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des

Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr

besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle

paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den

Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für

wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das

war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig

und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in

allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas

Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die

dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten

Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger

Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den

Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig

arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für

seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist

keine Zeit mehr dazu.”

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und

sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und

jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer

Anstrengung den Sessel zurück.

Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da

gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann

nachholen. So ist’s recht, Miezchen.”

“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch

dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche

ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend.

“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du

der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein

Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht

unnütz vervielfältigt.”

“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft.

“Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das

kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es

Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben

nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz

aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der

Miez.”

“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann

siehst du ganz aus wie ein--wie ein...”

“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein

Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem

Brei herum.

Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es

ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen

zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu,

“nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir

noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles

erlebt?”

Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So

wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben

erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt

hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte

und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.

“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre

machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer

einsetzen. Wer ist das Wiseli?”

“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama,

zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter

recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber

besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind

mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so

schön singen konnte. Erinnerst du dich?”

Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die

alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner

Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er

nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung

in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem

sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte

eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so

stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber

stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche

Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr

gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte

jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß

gehen.”

“Wohin denn, Miezchen?”

“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.”

“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse

ich dich los.”

“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der

Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch

das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max

brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres,

um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?”

“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es

wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der

Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie

sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel

sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist,

auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen,

sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist

hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau

ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen

soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und

fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im

Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und

bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein

Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles

wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät

entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der

Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese

zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.”

Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe

schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr

eingehend. Onkel Max lachte schallend.

“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon,

was ich an dem Schreiner Andres habe.”

“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.

“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft.

“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von

seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.

“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun

können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.”

Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber

es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete

darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder

mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter

auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die

Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den

Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.

“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte

Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem

Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch

etwas übrigbleibt.”

“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann

noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so

gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres

auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche

Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.”

“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren,

fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich

Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem

anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde

und noch weit darüber hinaus.”

“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch

nicht mehr sagen.”

Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens

gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel

von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,

woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht

hier gesehen?”

“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine

Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir

zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder

zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals

schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts

und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder

in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß

erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er

bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und

Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach:

‘Aristokratenbrut!’”

“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal

alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns

beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den

Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal

einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem

half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach:

‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der

andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das

ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den

Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die

dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.

“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.

“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie

gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen

Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt

vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen

glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten,

der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und

alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt

werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den

einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf

einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand

gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte

Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem

Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule

eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort

herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem

Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer

hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst

du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über

die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen

und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der

Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine

Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm

und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er

noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan.

Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen

friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den

Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen

wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß

Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum.

Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn

da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten

Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das

ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu

dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist,

das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”

Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der

Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.

Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht

nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber

der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir

irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen

Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat

dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in

der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus

den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben

verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas

ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine

Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter

da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen

Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht

ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und

Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine

Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es

keinen Augenblick zu bereuen gehabt.”

“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres

hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er

mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn

seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon

ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr

zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der

brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt

und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.”

“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der

bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter.

“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt

völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange,

traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm

gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder

Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet,

sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen,

die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu

machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm

endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen

konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin,

hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.”

“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder.

“Die muß ich auch noch wissen.”

“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung

vergnüglich eine neue Zigarre an.

“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses

Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.”

“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.”

“So fang an!” ermunterte der Onkel.

“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine

Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe,

das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren

Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen

hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und

nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne

braune Haare. Es hieß Aloise.”

“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein.

“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir

nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie,

zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie

oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten

mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen,

sonst geht’s nicht’?”

Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis

auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß,

das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem

lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos

sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen.

Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall,

wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie

das Wisi eigentlich hieß.”

“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn

jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen

Namen Aloise ein Wisi zu machen.”

“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo

ist denn das Wisi hingekommen?”

“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir

sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur

sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre

durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur

Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut

brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit

Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand

nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten

Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand

alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte

schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft

geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen

eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte

im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn

dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb

regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand

angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine,

er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem

Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder

wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen.

Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle

das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es

ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi

immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er

nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den

Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein

könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und

aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann

sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres

besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so

war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere

Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf

und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist

ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’

Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer

wieder in den Sinn.”

Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen

in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am

Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier

Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle

die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir

hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch

darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich

wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden

und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und

wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf,

so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie

alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er

kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu

uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von

den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald

auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und

schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging

ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während

alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte

er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so

ganz eigen zärtlich heraus.

Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn

Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz

rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi,

es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen

Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe

wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung

habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles

festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten.

Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte.

Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert

aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm

vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem

Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei

doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm

gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es

dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder

doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne

noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing

Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort

gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s

recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte

immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier

hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen.

Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun

deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann

schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:

(‘Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.)

(‘Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Wo dein Fuß gehen kann.’)

Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch

einige freundliche Worte gesagt.

Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein

ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun

hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was

würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein

paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller

geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein

stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt

hat.”

“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere

Frau genommen?”

“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend,

“wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die

Treue selbst.”

“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der

Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein

vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an

sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe

wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde

mir leid tun.”

“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich

mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres,

dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn

verloren war.”

“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie

unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat

doch seine lustigen Augen nicht verweint?”

“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi

nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann

war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob

und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte

gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie

waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern.

Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben,

ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht

viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter.

Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man

deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da,

eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist

gar keine Hoffnung mehr.”

“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein,

ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen

doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.”

“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester

traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all

die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.”

“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max.

“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi

auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde

ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man

ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr

arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein.

Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er

starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt

Wisi allein mit dem Kind.”

“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines

Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch

nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles

noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.”

“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr

bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen.

Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie

auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde

vorübergegangen.

Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er

hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest

eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der

Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so

lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und

Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war

unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum

Aufbruch.

So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene

Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so

gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken

emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber

sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es

war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns

zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald

stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten

am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt

brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten

Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht

hinaus.

3. Kapitel

(Auch noch daheim)

Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen,

rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn

es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete,

und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß

gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte.

Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann

hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es

hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und

das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter

zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis

Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.

“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es

und umarmte sie.

“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin

froh, daß du da bist.”

Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu

erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal

mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren

können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter

noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst

nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein

Licht, Mutter?”

“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte

nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und

bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.”

Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das

Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft

schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut

ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?”

“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch,

sieh, wie es funkelt.”

Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”,

sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein

wenig Wasser dazu, Wiseli.”

Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und

mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft.

“Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem

Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte

alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese

Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.”

“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind.

“Nein.”

“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli

bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt.

Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht

mitgebracht?”

“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du

denn? Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn

ein?”

“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte

Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür,

daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?”

Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe

schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst

meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hörte ich

dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner

Andres war, der zu unserer Tür herauskam?”

Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter

sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und

wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte,

daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich:

“Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.”

“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das

Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den

großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern

gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du,

Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir

etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts.

Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche

gestellt.”

“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die

Augen.

“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken,

als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah.

“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es

ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut

mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise

fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag

mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.”

Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft

hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann

legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und

winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu

hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es

sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf

den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie

gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf.

(“Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.)

(“Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Wo dein Fuß gehen kann.”)

Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war.

Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal

keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann

denk in deinem Herzen:

(“Er wird auch Wege finden,

Wo dein Fuß gehen kann.”)

Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli

wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran,

und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte

Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von

selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen

Mondscheinplatz.

Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen

ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein,

wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter

auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte.

Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen

sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du,

Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?”

Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich--weiß nicht,

was die Mutter hat.”

Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja

nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da,

aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht

mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem

Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat

sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und

hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja

sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf,

ich will warten, bis du wieder kommst.”

Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen.

Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr,

daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut

weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß

die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und

lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in

seinem Herzen wurde der Jammer immer größer.

Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand

das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter

die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was

ist mit dir?”

Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es

geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen.

Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit

der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte

sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt

nicht da.”

Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand

vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu

unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz

nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß

es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut:

“Mutter!”

Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte:

“Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich

dich nicht mehr hören kann.”

So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als

schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das

Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die

Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie

wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist

zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts

wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine

Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen,

dann gehen wir.”

“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft.

“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du

bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.”

Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim

sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt

und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel

etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit

ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige

Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen

Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.

Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt

dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es

sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so

lustiger für dich.”

Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je

zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein

um den Kopf und stand fertig da.

“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür.

Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter

ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie

fest.

Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung · 第 1 / 6 段