Türke den wir auf dem Felde fanden und darum ansprachen, ließ sich
willig finden uns nach den Gräbern der Könige und der Richter zu
geleiten, wozu jedoch noch ein Andrer gewonnen werden mußte, dem als
Eigenthümer des Grundstückes das Recht des Herumführens zustehet.
Von dem Thurme Psephinus, welcher eine Aussicht über die Gebirge und
Ebenen bis an den Saum des Mittelmeeres und an die Gränzen »Arabiens«
gewährte, konnten wir keine sichre Spur entdecken. Wir hätten seine
Stätte wahrscheinlich weiter westwärts von den Gräbern der Könige
suchen sollen. Diese (die vermuthlichen »Königshöhlen« des Josephus)
finden sich eine Viertelstunde Weges nordwärts vom Damaskusthore,
ganz nahe an der Straße die nach Bir und Sichem (Naplus) führt. Man
tritt zuerst in einen Vorhof der ausgehauenen Felsen, der durch
eine Thür verschlossen werden kann. An der südlichen Felsenwand des
Vorhofes zeigt sich eine prachtvolle Halle, mit Dorischem Frontispiz;
verziert mit den halberhabenen Bildwerken der Rosen und Weinranken.
Im Osten der Halle ist der Eingang zum Innren der Grabeskammern.
Das Hineindringen in dieses Innre ist, wenigstens in dem Zustand in
welchem wir das Bauwerk fanden, mit großer Beschwerde verbunden; wir
mußten auf Händen und Füßen, auf dem Bauche liegend hineinkriechen in
den ersten Saal. Unsre Türken hatten uns die mitgebrachten Lichter
angezündet; sie selber bemühten sich nicht mit dem Hineinkriechen,
sondern blieben, Tabak rauchend, im Hofraume sitzen. Von dem ersten,
zwanzig Fuß im Gevierte messenden Saale führt eine Thüre auf bequemere
Weise in eine andre Kammer, welche an ihrer Nord- und Südseite auf
jeder an drei Grabeshallen gränzt. So kommt man noch in mehrere Kammern
von deren oberen Reihen man an einigen Punkten hinabsteigen kann in
die tiefer gelegnen. Manche Zugänge zu den untersten Theilen mögen
durch die Trümmer, vielleicht auch durch Mauerwerk verborgen seyn,
doch hat das Auge schon hinlängliche Beschäftigung an dem, was offen
vor ihm daliegt. Die kunstreichen, halberhabenen Arbeiten der Wände,
die sonderbaren zum Theil gestürzten und zerbrochnen, inwendig hohlen
Säulen; die aus dem Felsenstein selber gehauenen, einen halben Fuß
dicke Thüren, die ehedem, mit der Decke und dem Boden der Kammern
durch eigenthümliche Angeln zusammengefügt waren und an diesen sich
herumdrehen ließen, welche aber jetzt aus dieser Verbindung gerissen
am Boden liegen, sind sämmtlich Gegenstände, der Beachtung werth. Von
etlichen steinernen Särgen werden in einer der tieferen Kammern noch
die Bruchstücke gesehen, an denen sich eine vormalige Größe derselben
erkennen lässet, die das Hineinschaffen durch die engen Thüren
unmöglich machte; sie mußten innerhalb der Grabeskammern aus dem Felsen
selber gehauen worden seyn. Diese Grabeskammern mit allen den Werken
von Stein die in ihnen enthalten sind, erinnern mich an Nichts ihnen
Aehnliches das ich früher oder später auf meinen Reisen gesehen; es
scheint sich in ihnen der Charakter einer andern Baukunst zu offenbaren
als jene der Aegypter, der Griechen und Römer war. Doch vergleicht sie
Richardson mit den alten Grabeskammern auf Malta und bei Syrakus. Auch
die sogenannten Gräber der Richter (des Sanhedriums), zu denen wir
nordwärts von jenen der Könige, jenseits einer kleinen Moschee kamen,
tragen eine eigenthümliche (altjüdische) Form, die ihnen die Hand ihrer
unbekannten Erbauer aufprägte; auch sie erinnern weder an Aegypten
noch an Griechenland, eher aber an Petra. Die Eingänge zu diesen
Grabeshöhlen, welche jetzt den Hirten zum Bergungsort dienen, sind am
Abhange eines Hügels, in den Felsen gehauen, und lassen einen bequemen
Zutritt zu.
Wir traten wieder hinaus auf die Straße von Damaskus, welche in
ziemlich gerader Richtung nach Norden verläuft. Hier entließen wir
unsre Führer, von denen jetzt keine weitren Aufschlüsse über die Gegend
zu erwarten waren, und giengen hinaus nach der Stätte des alten Gibea
Sauls oder Benjamins, welche fast anderthalb Stunden weit von der Stadt
abliegt. Stünde sein Name nicht mit Schrecken erregenden Zeichen im
Buch der Geschichte geschrieben, dann würde keine Kunde dieses Ortes
bis zur jetzigen Zeit gekommen seyn, denn außer einer gestürzten Säule,
zur Linken der Straße und außer einigen von Menschenhand behauenen
Stufen, an dem allmälig ansteigenden Felsenhügel, findet sich keine
Spur der Stadt. Nordwärts von der Gegend des alten Gibea zeigen sich
zwei kegelförmig-spitzig ansteigende Felsenhügel, welche schon von
ferne durch ihre ausgezeichnete Form dem Auge auffallen. Sie liegen
nahe und fast ostwärts von dem Dorfe Schafat. Zwischen beiden Hügeln
führet ein schmales, jetzt grün bewachsenes Thal hin; der eine der
pyramidalen Hügel stehet in Süden, der andre in Norden des Thales.
Wir bestiegen den südwärts (gegen Gibea und Jerusalem) gelegenen. Auf
seiner Höhe fanden wir eine tiefe, gemauerte Cisterne und mehrere
Ueberreste alter Befestigungswerke, auch am östlichen Abhange, an
welchem eine durch Menschenhand geebnete Felsenplatte hervortritt,
stehen alte feste Gemäuer. Die Nachbarschaft dieser beiden Hügel,
die von Ost oder Westen gesehen wie die Spitzen zweier Thürme eines
altgothischen Domes, oder wie die Zelte zweier Heerführer einander
gegenüberstehen, ist sehr bedeutungsvoll. Hier in Süden erscheint
Gibeas Stätte wie ein verödetes Feld, über welches der Eroberer seinen
Pflug gezogen hat; dort in Nordwest blicket von der waldbewachsnen Höhe
Rama Samuelis mit majestätischem Ernst hernieder; in Norden öffnet sich
das Felsenthal von Michmas; im Kreise der hohen Bäume, einladend zu
ihrem Schatten, liegt in West zum Süd das freundliche Schafat.
Während wir auf dem Hügel stunden kam ein großer, für diese Gegend
ungewöhnlich schöner Hirtenhund von der Heerde aus dem grünenden
Zwischenthal und nahete sich der Cisterne, in der man in großer Tiefe
Wasser bemerken konnte. Das arme Thier lief ängstlich an dem Mauernrand
des Wasserbehältnisses hin und roch hinab zum Wasser, es sahe uns, wie
Hülfe flehend an; wir aber hätten selber kein Mittel gewußt etwas zu
schöpfen. Wahrscheinlich haben die Hirten der Nachbarschaft irgendwo im
Felsen einen Schöpfeimer mit seinem Seile verborgen, dessen sie sich
nach Bedürfniß bedienen; die nächste Umgegend aber, dies bewies das
hier wohlbekannte, durstende Thier ist ohne Bach und Quell.
Bei der Lage der beiden zuckerhutförmigen Felsenhügel hier zwischen
Gibea und Michmas war es uns nicht ganz zu verdenken, wenn wir an
die zween spitzigen Felsen Bozez und Senne dachten, welche Jonathans
Heldenthat im Buch der Geschichte Israëls verherrlichte[182]. Die
Philister diesseits dem Engthale von Michmas (von welchem wir später
reden werden) hatten sich auf dem nördlichen Blachfeld gelagert, das
durch das seichte Thal zwischen den beiden Hügeln von Gibeas Fläche
abgegränzt ist und die Warte ihres Lagers stund auf dem nördlichen
Felsenhügel. Darum konnten die Wächter zu Gibea Benjamin es sehen, daß
der Haufe der Feinde zerrann und zerschmissen ward[183].
Einige der jungen Freunde schlugen ihren Weg ostwärts, nach der Gegend
ein, von welcher der Winterstrom des Kidron seinen Lauf nimmt, ich,
von Herrn Mühlenhof begleitet, nachdem ich noch vergeblich mich bemüht
hatte einige deutliche Spuren von Gibea Benjamin aufzufinden (denn
die Trümmer von behauenen Steinen in einem benachbarten Felde konnten
nicht als solche deutliche Spuren gelten) schlug den geraden Weg nach
der Stadt ein. Auch von Anathoth dem Geburtsort des Jeremias, der nach
Hieronymus etwa eine Stunde Weges von Jerusalem in Norden lag[184],
deutet kaum ein zurückgebliebenes Gemäuer die Stätte an.
Bei Gelegenheit eines Besuches, den wir am Nachmittag unsren
Landsleuten, den Deutschen Juden machten, versuchte ich es zum ersten
Male etwas weiter gegen Morija, an den Platz der Omar- und Aksamoschee
vorzudringen und auch ostwärts von der Citadelle unter den zum Theil
mit Gärten bepflanzten Trümmerhaufen die Stätte der beiden mächtigen
Thürme der innren Mauer: Phasaëlus und Mariamne aufzusuchen. Der
Weg der letzteren Forschungen hat keine Schwierigkeit, wenn er auch
heute mich nur zu wenig sichren Wahrnehmungen führte. Auch zu jenen
Trümmerhaufen und alten Gemäuern, welche in den Höfen und Gärten der
Türkischen Häußer liegen, öffnet ein freundliches Wort oder ein
kleines Trinkgeld den Zugang. Ungleich mehr jedoch ist die Annäherung
an den Platz der Omarmoschee erschwert. Ich war heute ganz allein,
denn so glaubte ich würde ich weniger gehindert seyn, bis in den
bedeckten Gang vorzudringen, der auf Siebers Karte von Jerusalem als
Xystus bezeichnet, auf Catherwoods Grundriß jedoch als bedeckter Bazar
(unter +q+) benannt ist. Hier hatte ich das wahrhaft prachtvolle
Gebäude der Omarmoschee unmittelbar und ganz nahe vor Augen. Einige
Aegyptische Soldaten, die mir dort begegneten, ließen mich ruhig
meines Weges gehen, schon war ich, nach meinem Bedünken bis jenseits
der Hälfte des Ganges gekommen, da traf ich auf einige Türken, unter
denen ein ältlicher, der seiner Kleidung nach von vornehmeren Stande
war, mir zuwinkte, ich solle umkehren. Ich blieb stehen bis jene an
mich kamen, da bedeutete er mich nochmals, mit großer Freundlichkeit,
daß es Christen nicht erlaubt sey diesen Weg zu gehen. So kehrte ich
denn für heute um, betrachtete jedoch, denn dieß wehrte mir niemand,
lange stillstehend, vom Eingang der bedeckten Hallen aus und durch sie
hindurch die Stätte da einst Jehovas Herrlichkeit thronte.
* * * * *
Dienstags den vierten April führte uns der freundliche Pater Vicar
abermals zu mehreren, bisher noch nicht gesehenen Merkwürdigkeiten
der Stadt. Zuerst zu dem alten Gemäuer eines schmutzigen, von Arabern
bewohnten Haußes, in welchem den Pilgrimen das Gefängniß gezeigt wird,
da Petrus zwischen zwei Kriegsknechten an Ketten gebunden lag, und
aus welchem der Engel des Herrn, die Ketten lösend und die eiserne
Thür öffnend ihn hinausführte[185]. In dem Kloster der Kopten, das
wir von hier aus besuchten, sieht es etwas ärmlich aus. Nicht ohne
besondre Theilnahme betrachtet der Pilgrim aus den christlichen Ländern
des Westens die Ueberreste des nahe an der Ostseite der heiligen
Grabeskirche gelegenen, alten, ehrwürdigen Haußes der Johanniterritter.
Unter den dickstämmigen Feigenbäumen erhebt sich das zerrissene Gemäuer
des vormaligen Glockenthurmes, dessen längst verstummte Glocken, an
denen keine Hand des Feindes sich vergriff, seit Jahrhunderten unter
den Trümmern und Schutt vergraben liegen. Das Armenhaus der Lateiner
macht durch seine Reinlichkeit, durch die verständige Anordnung
seiner Pfleganstalten und den Fleiß seiner jüngeren Bewohner einen
freundlichen Eindruck. Von noch andrer Art mag freilich jener gewesen
seyn, den ein Pilgrim der früheren Jahrhunderte empfand, wenn er die
Pilgerherberge und das Hospital betrat, welche die Kaiserin Helena
zur Aufnahme und Pflege der nach Jerusalem kommenden christlichen
Fremdlinge erbauen, und mit dem Nöthigen ausstatten ließ. Die gewesene
Pilgerherberge liegt innerhalb, das Hospital nordöstlich außerhalb
dem jetzigen Bazar der Stadt, und das letztere ist seit mehreren
Jahrhunderten zu einem Verpflegungshauße der armen Türken geworden,
die, gleich den Christen, ein Zug der Verehrung zu der heiligen Stätte
hieher führt, an welcher der Tempel stehet, »da Dem, welcher in seinen
Hallen betet, eine Gewährung Dessen zugesagt ist, das er bittet[186].«
Wir sahen in den unteren Räumen mehrere große, metallene Kessel, davon
der eine von uns gemessene gegen fünf Fuß im Durchmesser hatte; diese
und andre Geräthschaften sollen noch ein Vermächtniß der mütterlichen
Vorsorge der frommen Kaiserin für die Armen und Hungernden seyn.
Die Türken, welche da am Boden saßen, und auf die Mahlzeit, die man
eben bereitete, warteten, schienen beides zu seyn, und die jetzigen
Miethleute des Haußes bewahren ja vielleicht nur, mit ehrenwerther
Sorgfalt, das anvertraute Gut den rechtmäßigen, jetzt aber in einem
Untersuchungsprozeß der Schulden begriffenen Erben auf. Wir kletterten
nach allen Richtungen auf dem alten Gemäuer des großentheils leer
stehenden, mächtig großen Gebäudes herum, und erfreuten uns namentlich
an dem Anblick von Tauben, mit rosenrothem Gefieder des Halses und der
Brust, welche in den Löchern der Mauern nisten.
Von dem Gebäude des Spitales brachte unser Führer durch eine
Seitengasse uns herüber nach der via dolorosa. Ich bewunderte öfters
die Weisheit, mit welcher der wohlunterrichtete Mann uns Fremdlinge auf
einzelne Sehenswürdigkeiten hinwies. Dort, so sprach er, bei dem bunt
bemahlten Hauße, haben unsre Väter an das Haus des reichen Prassers
und des armen Lazarus gedacht; hier, sagen Einige, soll der Pallast
des Herodes gestanden seyn. An der angeblichen Stätte des letzteren
vorbei giengen wir hinan zu jenem Hauße, bei welchem man den Pilgrim,
als sey er hier unter dem vormaligen Obdache Simon des Pharisäers, der
den Herrn bat, daß er mit ihm äße, an die rührend schöne Geschichte der
Sünderin, Maria Magdalena erinnert, welche Seine Füße mit ihren Thränen
netzte, mit ihrem Haare trocknete, dann salbete mit Salben und von Ihm,
dem Herzenskündiger Vergebung empfieng, so wie die Fülle des seligsten
Friedens[187]. Das Haus, mit der längst verfallenen Magdalenenkapelle
ist jetzt im Besitz eines arbeitsamen Türken, der die Andacht der
Christen in seinem Hauße gerne zuläßt und duldet.
Wir näherten uns hierauf bei dem Besuch einer alten christlichen
St. Johanniskirche, in deren oberen Stockwerk Korn aufgehäuft lag,
den Mauern der Stadt, deren Zinnen wir weiterhin auch betraten.
Die Aussicht über die Stadt und ihre Umgegend ist an einem der
nachbarlichen Punkte sehr beachtenswerth. Von hier, an der Mauer hin,
zum Damaskusthore hinaus, besuchten wir die »Grotte des Jeremias,« eine
Felsenhalle von 70 Fuß Länge und Breite, bei einer Höhe von 40 Fuß. Das
Felsendach wird durch einige mächtige Säulen getragen; vor der Grotte
hat sich der jetzige Türkische Besitzer in dem verschlossenen Garten
wie es scheint eine Familiengrabstätte angelegt. Das ganze Aussehen,
sowohl der sogenannten Jeremiasgrotte als mancher andrer benachbarter
Eintiefung in die Felsenwände lässet auf eine künstliche Entstehung
durch die Menschenhand schließen. Hier und noch mehr am Gihon und in
seinem Thale scheinen die meisten jener Steinbrüche gewesen zu seyn,
aus denen die Bauleute des ältesten Jerusalems ihre so oft aus einander
gerissenen und neu zusammengefügten Bausteine entnahmen.
Auf dem Hügel, jenseits der Jeremiasgrotte, wird die Stadt von der
Nordseite in ihrer ganzen Ausdehnung überblickt. Nicht fern von
hier, so erzählt die Sage, war der Ort wo der Hohepriester Jaddus in
hohenpriesterlichen Gewand, hinter ihm der Zug der andren Priester in
weißen Kleidern Alexander dem Großen, der gekommen war die Stadt zu
züchtigen, entgegentraten. Und siehe der große König, welcher, ohne
dieß zu wissen, auch durch sein Tagwerk, dem König der Könige den Weg
bahnen sollte[188], ward bei dem Anblick tief erschüttert. Denn zu
Dium in Macedonien war der Hohepriester, so wie ihn jetzt das wache
Auge sahe, dem Alexander im Traumgesicht erschienen, hatte ihn zum
Beginn des Heldenlaufes nach Asien ermahnt und den Sieg verheißen.
Und der »Welteroberer,« der vor keiner Macht der Welt sich gebeugt,
neigte sich hier voll Ehrfurcht vor einer Gewalt, die im Verborgenen
die Geschichten der Völker und ihrer Reiche lenkt und führet[189].
So waltete ein Schrecken von Gott über deinen Mauern Jerusalem,
der nicht Sanheribs Macht allein, sondern die aller deiner Feinde
hinwegscheuchte, so lange noch in dir Treue wohnten und Glauben, nach
Jehovahs Bunde. Du, vor allen Städten der Erde, solltest den Völkern
es bezeugen was ein Volk sey und vermöge, dem der Herr sein Gott ist
und was aus demselben werde, wenn es seinen Fels verlassen und wenn
Jehovahs Schutz und Aufsehen von ihm gewichen.
Auf dem Rückwege erzählte uns unser Führer noch Einiges von den
Begebenheiten des letzten Aufstandes der Araber gegen Ibrahim
Pascha. Der damalige Gouverneur war ein Sohn des Anführers der
feindlichen Haufen; auf sein Anstiften wurden diese bei Nacht durch
das Stephansthor eingelassen, später gab man vor sie seyen durch
alte, unterirdische Gänge hineingekommen. Das damalige Benehmen des
Landvolkes der Umgegend, so wie der mohamedanischen Bewohner der Stadt
gegen die hiesigen Fränkischen Christen gab einen Beweis von der
Achtung und Liebe, welche diese, weder durch Gaben noch durch Ansehen,
sondern bloß durch die stille Gewalt ihres Benehmens bei den jetzigen
Bewohnern Palästinas sich erworben haben.
Die späteren Stunden des Tages brachte ich an der Ostseite der Stadt
zu, anfangs allein, dann innerhalb dem Stephansthore, an meinem
Lieblingsplatze (nach S. 527) in der Gesellschaft des hier zeichnenden
Maler Bernatz. Mein Auge ruhete bald am Oelberge, bald auf Morija und
auf der Gihonshöhe mit ihrem Tempel. Die erste Woche in Jerusalem
gieng eben jetzt zu Ende; mir war es als hätte ich schon seit
Jahren hier gewohnt und die Sonne aufgehen sehen über dem Oelberge,
untergehen über dem Gihon. Ich war an der kleinen, steinernen Treppe
hinangestiegen zu einem der niedreren Thürme der Mauer, aus dessen
Lücke ich hinabschauen konnte nach dem im abendlichen Schatten ruhenden
Gethsemane. Ein Gefühl des Friedens durchdrang meine Seele, es war als
wollte der Gedanke in mir laut werden: »hier sey deine Heimath.« Da
tönten mir lauter als jener Gedanke die Worte eines Liedes des seligen
Terstegen in mein innres Ohr:
»Noch weiter« heißt des Christen Losungswort
Kein Pilger bleibt am fremden Ort.
Was kann die Sichtbarkeit dir geben
Dein Heim ist Gott und ewig Leben. --
Zu dem das sein ist sehnt der Geist sich hin;
Ach daß ich nicht schon fertig bin.
Ja, deine einst sichtbare Herrlichkeit, du hehrer Morija ist vergangen
bis auf einen Schatten, dem der Pilger sich nicht einmal nahen darf;
vorlängst schon hat man in deinem Heiligthum die Stimme vernommen:
»Lasset uns von hinnen ziehen.« Und du Zion stehest verwaiset, denn
das Scepter des äußren Königthumes ist von Juda dahingenommen und
entwendet; deine Königshäuser sind zu Schutthaufen geworden. Und wenn
auch das Vergängliche nicht vergangen, das Sterbliche nicht gestorben
wäre, so bliebe deine Herrlichkeit dennoch nur ein Vorbild und Schatten
des Urbildes das nie veraltet. Darum, so erquicklich auch der Schatten,
ist es doch das Licht was allein das Auge vergnügt; nicht Sein Zelt,
Ihn selber sucht die Seele und es bleibt bei den weitren Worten jenes
Liedes:
-- -- -- du Schönheit alt und neu
Dich lieb ich, mach zum Tod mich treu:
Ich überlaß mich Deinem Leiten
Bis in die frohen Ewigkeiten.
Die Sonne war schon untergegangen, da wir uns aufmachten von unsrem
Orte, und, den Schmerzensweg (die +via dolorosa+) hinan, durch die
stillen, menschenleeren Gassen heimzogen in unser Pilgerhaus. Morgen,
sobald man das Thor öffnete, wollten wir eine Wandrung antreten nach
Bethlehem; darum begaben wir uns zeitig zur Ruhe, in deren äußere
Erquickungen auch eine innre Ruhe ihre belebenden Kräfte ergoß.
Berichtigung.
Der bei weitem größeste Theil der grünen Steinart, die nach S. 301 am
Eingang des Thales Hebron im Sienit vorkommt ist ~Pistazit~.
Fußnoten:
[1] M. v. +~E. W. Lane~: an account of the manners and customs of the
modern Egyptians Vol. 1. p. 83.+, ein Werk dem ich bei der spätern
Überarbeitung dieser Briefe zum Drucke, so wie als Wegweiser durch die
mir bei meinem Eintritt noch so neue Welt des Lebens der Aegypter sehr
viel verdanke.
[2] M. s. den ersten Band S. 493.
[3] Von der seltsamen Anwendung der Krücken beim Gottesdienste der
Kopten werde ich noch später reden.
[4] So wie Jesus bei den Mohamedanern als einer ihrer sechs Propheten
und zwar als der größeste nächst Mohamed geehrt ist, so steht auch
Maria, seine Mutter, bei ihnen in hoher Achtung.
[5] Dieses Mistkäfergericht (vom +Scarabaeus sacer+) wird für ein
Mittel gegen die Magerkeit, ja selbst gegen die Unfruchtbarkeit
gehalten.
[6] Ein berühmtes Gericht, das man am 10ten Tage des Moharrem in Menge
bereitet, ist auch das Hubub: gekochte Waizengraupen mit Honig und
Zucker, oder Reis mit Nüssen, Mandeln, Rosinen u. f.; Rosenwasser ist
fast überall dabei.
[7] Auch die ersten Menschen stellt sich der Moslim wenigstens so hoch
als einen Palmenbaum, d. h. gegen 60 Fuß vor.
[8] Ein Theil der Gassen hat nur von der einen Seite einen Eingang,
nach der andern hin aber keinen Ausgang.
[9] Pflegt doch in Kairo Jeder, der noch an der alten Sitte hält, wenn
er Gähnen muß zu sagen: »Ich suche Zuflucht bei Gott, gegen Satan
den Verfluchten,« weil er fürchtet der böse Geist möchte ihm in den
aufgesperrten Mund fahren; wenn einer nießt sagt er: »Preiß sey Gott«
die Anwesenden: »Gott erbarme sich deiner« (Rachem kum Allah) worauf
jener wieder antwortet »Gott schütze uns und schütze euch.«
[10] Das gewöhnliche Abschreiblohn ist sehr gering. Fünf Doppelblätter
Papier, das meist aus Venedig kommt und in Aegypten geglättet wird,
bilden einen Karras oder Lage. Für das Vollschreiben einer solchen mit
einer Schrift ohne Vokalpunkte bekommt der Abschreiber aufs Höchste 30
Kreuzer rheinisch; mit Vocalpunkten das Doppelte.
[11] Noch ein weitrer Grad dieser Höflichkeit ist der, wenn man die
rechte Hand erst an die Lippen, dann an die Stirne legt.
[12] Dieser Polizeibeamtete hatte die Aufsicht über das Innehalten der
festbestimmten Preise, so wie des richtigen Maaßes und Gewichts. Er
übte sein Amt mit solcher Grausamkeit, daß er einen Nudelverkäufer,
der, vielleicht aus Versehen, etliche Heller mehr für seine Waare
genommen hatte, als gesetzt war, auf ein heiß gemachtes Nudelnblech
setzen und dazu noch auspeitschen; einem Metzger, der beim Abwiegen
einige Loth Fleisch zu wenig gegeben hatte, eben so viel dem Gewicht
nach aus seinem Rücken herausschneiden; Bäckern, welche das Brod zu
leicht gemacht die Nasenscheidewand mit einem Stück Eisen durchbohren
und das Brod daran hängen ließ, wobei die so Gemißandelten den heißen
Sonnenstrahlen ausgesetzt dastehen mußten. Die gelindeste Aeußerung
seines Zornes gegen Schuldige und Unschuldige war die, daß er ihnen die
Ohrläppchen abschneiden ließ.
[13] Einer meiner Freunde versuchte, mit Vorsicht übrigens, mehrere
Arten, ohne etwas Weitres, als eine schnell vorübergehende Betäubung zu
empfinden.
[14] Diese, wie andre Moscheen der Stadt, besaß vormals auch sehr
ansehnliche geistliche Fonds, welche jetzt eingezogen sind, weil die
Regierung die Verwaltung derselben übernommen hat.
[15] So heißt die schneidend scharfe Brücke, welche nach der Lehre des
Islams mitten über die Gehennem oder Hölle hinüber führt. Die Seelen
der Verstorbenen müssen, auf ihrem Wege zum Paradiese da hinüber und
die Bösen fallen bei dieser Gelegenheit hinab.
[16] Von jedem Palmbaum werden 1½ Piaster gesetzliche Abgaben
erhoben; dieser Gesamtbetrag dieser Abgaben beläuft sich auf 1,200,000
Gulden rheinisch.
[17] Achmed Ibn Taylun, der Kalif, welcher die Moschee erbauen ließ,
hatte, so erzählt man, im gedankenlosen Spiel der Hände ein langes
Stück Pergament spiralförmig aufgerollt; sein ernster Vezir belächelte
tadelnd das Spiel. Es war nicht des Belächelns werth, sagte der Kalif;
in solcher Weise, so dachte ich eben soll eine auswendige Stiege
schneckenartig an dem Minare der Moschee emporlaufen, welche ich
erbauen lasse. Und der Herrscher führte wirklich den Gedanken aus, den
ein Zufall ihm an die Hand gegeben. Die Taylunmoschee wurde schon im
Jahre 879 n. Chr. mithin 90 Jahre vor der Begründung der eigentlichen
Stadt erbaut. In der Nähe derselben stund ein, nun verfallenes Kastell.
Vom Minaret der Taylunmoschee hat man den vollständigsten Ueberblick
über die Stadt.
[18] Den Gräueln der Blutrache ist übrigens, wenigstens in Aegypten
unter der jetzigen Regierung ein ziemlich kräftiger Einhalt gethan
worden.
[19] Ueberhaupt zeigen die Welihs bei solcher Gelegenheit nicht selten
ihre Capriçen. So wollte einer sich schlechterdings nicht auf den
Todtenacker vor dem Bah el Nusr hinaustragen lassen. Die Bahre machte
sich beim Thore so schwer, daß sie nicht zu ertragen war. Da winkt
einer der Träger seinen Gefährten sie sollten sie niedersetzen, geht
mit ihnen etwas bei Seite, daß der Welih nicht hören kann was man
spricht, und verabredet sich mit den Andern, man wolle sich stellen
als trüge man den Heiligen wieder in die Stadt hinein, wolle aber,
um ihn in der Richtung irre zu machen, mit der Bahre mehrere Male im
Kreise gehen. Die List gelingt; der Welih wird irre, man nimmt dann
noch einmal einen rechten Anlauf und bringt ihn so glücklich zum Thore
hinaus.
[20] Jener Ali Bey war einer der Mochtesibs oder Polizeiofficianten,
welche den Alleinhandel der Regierung mit verschiednen Gegenständen
zu bewahren und zu beaufsichtigen hatten. Ihm lag die Bewahrung des
Monopols mit dem Leinwandhandel ob. Wenn dann irgend ein Bewohner der
Stadt oder Landschaft gefunden wurde, der auf eigne Rechnung an seinem
eignen Webstuhle Leinwand webte, oder diese verkaufte, ließ er die
Leinwand mit Theer oder Pech bestreichen, den Unglücklichen darein
wickeln und an einem Baumast aufgehängt lebendig verbrennen.
[21] In einem Kloster an einem der Natronseen soll sich noch ein
koptisch-arabisches Wörterbuch finden.
[22] Nach langem Gebet und hochgespanntem Erwarten der Versammlung
erscheint als Wandbild, einmal früher, andre Male später die h.
Jungfrau (Sette minna) in rothem, St. Georg (Mar Girgis) in grünem, die
h. Gemiana in weißem, St. Macarius in schwarzem Gewande. Einer meiner
Freunde war Augenzeuge dieses »Schattenspiels an der Wand,« konnte aber
die (physikalischen) Kunstgriffe, die es hervorrufen, auf keine Weise
entdecken.
[23] Weil Turteltauben in seinem Zelte genistet, ließ Amru dasselbe
nicht abbrechen; um das stehen gebliebene Zelt baute sich Altkairo an.