ergießen; uns wäre dieses keine Nöthigung zur Heimkehr gewesen,
wohl aber war sie es unserm besorgten Führer, der uns versicherte,
daß Fremden, die des hiesigen Klimas noch ungewohnt seyen, ein so
plötzliches Naßwerden durch Regen öfters Erkrankungen brächte. Wir
eilten nach dem Zionsthore und fanden am Eingang zum großen Garten der
Armenier ein Obdach. Doch nach wenig Minuten war der Regen vergangen
und die Sonne schien wieder klar und hell. Unter den Thorhallen des
Klosters sahen wir noch die buntfarbigen Schaaren der Armenier und
ihrer verschleierten Frauen, welche da die kleinen Kunstwerke der
Stadt: Kruzifixe und Paternoster, auch Kleidungsstücke und Eßwaaren
kauften und verkauften. Eine Familie mit vielen Kindern, welche eben
erst eingewandert zu seyn schien in die Stadt, erquickte sich an der
Ruhe und dem Genuß des frischen Brodes und Wassers; wir aber am Anblick
so vieler still vergnügter Gesichter.
Der Sonnabend Nachmittag ist für mich von jeher der Anfang des
Sabbathes; eine Zeit des Ausruhens und der Stille; er war mir dieß
in Jerusalem in ganz besondrem Maße. Zuerst ein Stillstehen auf
meinem Lieblingsplätzlein, jenseit des Bogens des Ecce homo und der
Trümmer der Antoniaburg, auf dem Hügel des Schuttes innerhalb dem
Stephansthore. Mehrere der Begleiter hatten diese Aussicht auf den
nahen Morija und über die Häußer der Stadt hin noch nicht gekannt;
ihnen zeigte ich sie heute. In dem jetzigen Jerusalem läuten keine
Glocken den morgenden Sonntag ein, der Wechsel der einzelnen Stunden
und Wochen hat hier keine Stimme; man darf den Ausrufer der Zeiten des
Gebetes dort am Minaret neben der Moschee des Morija nicht fragen: wann
werden wohl die Tage enden, während denen das innre Chor des Tempels,
der freilich nur im Abbild uns sichtbar ist, dahingegeben ward den
Heiden, daß sie ihn zertreten zwei und vierzig Monden lang?
Zum Thore des Ostens hinaus giengen wir jetzt hinab gegen den Garten
Gethsemane; die Begleiter verweilten im Thal und Bette des Kidron,
die Hausfrau und mich verlangte es den Vorabend des Sabbathes auf dem
Oelberg zu feiern. Selbst die Wüste und der öde Fels waren durch den
heutigen Regen getränkt mit Strömen der Lust und des Wohlgefallens,
noch mehr aber der grünende Teppich des Oelberges. Mich wandelte,
als ich da hinanstieg gegen den Gipfel ein ähnliches Gefühl an,
wie etwa sonst an einem Himmelfahrtsabend des lieben, christlichen
Vaterlandes, wenn die Kräfte des angehenden Sommers den grünenden
Hügel anrühren, daß aus Wald und Gebüsch ein Regen des Blüthenstaubes
sich ergießet und das Feld der blühenden Aehren seinen Duft giebt.
Wenn ich in der theuren Heimath zuweilen an einem solchen Vorabend
des Himmelfahrtstages, den Fußtritten eines eben vorübergezogenen
Gewitters nachgieng, und die Donner im Wald und Gebirge schwiegen;
aus dem Thale stieg wie von einem Altar, dessen Opfer eben vollendet
ward, ein leichter Hauch des Wasserdampfes auf; wenn dann in meinem
Innren, zugleich mit den Blumen des Feldes, die arme Lilie des Thales
sich aufthat, die ein Gärtner vor langer Zeit dahin pflanzte und
seitdem treulich pflegt, da sehnte ich mich oft nach deinem Anblick du
Oelberg, nach deinem Anblick mit eignen, leiblichen Augen, nach deiner
Berührung mit eigner, leiblicher Hand, und nun darf ich dich sehen und
anrühren.
Wir traten heute nicht in das Innre der Auffahrtskirche, welches
verschlossen schien, sondern nur auf die Felsenaltane der freien Höhe
mit ihrer Aussicht nach dem Pisga und Jordan, in Josaphatsthal wie
über die Stadt »des großen Königes;« denn diesen Tempel darf keine
Menschenhand verschließen. Vorüber an den Gräbern der Propheten, am
dritten (südlichsten) Höhenpunkt des Oelberges, den Salomo »aus Liebe
zu den fremden Frauen« zu einem Berg des Aergernisses für sein ganzes
Volk und für alle künftige Zeiten entstellte, nachdem wir da die
gefallenen Säulen und Cisternenartigen Grüfte betrachtet, stiegen wir
hinab nach dem Thale Josaphat. Dem Thale des Ernstes und der Stille,
in welchem es, so schien es wenigstens mir, der Seele des Pilgrims
und Fremdlings auf Erden zu jeder Zeit leichter werden müßte denn
anderwärts, den reinen Grundton ihres Innren wieder zu finden, und dem
verstimmten Instrument des Herzens den verlorenen Wohllaut wieder zu
geben. Wir und unsre Begleiter fanden uns da mit dem eifrig zeichnenden
Maler Bernatz zusammen. Die Schatten aber des Morija breiteten ihre
Flügel immer weiter über den Abhang des Oelbergs hinüber; es war Zeit
an den Eingang ins Thor zu denken, damit uns dieses nicht für die ganze
nächste Nacht verschlossen würde.
Mehr als bei jedem andern früheren Tage (doch der spätern gab es
noch einige welche diesem wenigstens glichen) möchte ich vor der
Beschreibung des ersten Sonntages in Jerusalem meine Leser fragen:
wer wohl von ihnen schon in Jerusalem, wer in Bethanien war? Ich
meine nicht gerade mit dem äußren, leiblichen, sondern mit dem
innren Menschen. Denn an solche Orte, welche uns, wenn wir sie nun
leiblich betreten, noch mitten in der Zeit einen rechten Vorschmack
gewähren sollen von dem Seyn im Heim der Ewigkeit, muß schon der
Geist vorausgegangen seyn und Wohnung da gemacht haben. Auch ich war
im Geiste schon oft in Bethanien gewesen, bei den Seelen, die der
Herr lieb hatte, darum bewegte mich der leibliche Anblick mit so
unbeschreiblicher Gewalt; mir kamen, schon beim Hineintreten in das
Thal, wie eine Schaar guter Engel, jene Stunden entgegen, die ich im
Geiste hier verlebt hatte.
Wir hatten uns am Morgen mit einer Gemeinde der Christen zur Freude
an dem Herrn und an Seinem Namen versammlet; dann in der Grabeskirche
bei Gethsemane an der Andacht der Mitpilger erbaut. Die Ueberlieferung
der ersten Jahrhunderte, und wem sollte sie, der das Bewegen einer
Mutterliebe versteht, die über alle Liebe der andern Mütter der Erde
war, nicht ehrwürdig seyn, erzählt, daß sich »Maria, die Mutter Jesu«
die Nähe der Stätte, da Christus, bei Gethsemanes Felsen den Kampf
mit dem Tode kämpfte, zur Ruhe des Grabes erlesen habe. Die Kirche
die hier steht, großentheils unterirdisch, erinnert an den letzten
Schlummer der Auserwählten der Frauen, wie des treuen Pflegvaters
Joseph, und Joachims und Annas. Aus dieser Grabeskirche, in welcher
selbst die Türken ihre eigenen Gebetsstätten haben, wendeten wir
uns zum Wege, neben dem Kidronthale hin, nach Bethanien, in welchem
Lazarus wohnte mit Maria und Martha, seinen Schwestern. Der Weg, es ist
derselbe, der, wie ich später erfuhr, zu der Gegend von Jericho führt,
durchschneidet jene Thalschlucht die vom Kidron am südlichen Abhange
des Oelberges hinansteigt nach der vormaligen Stätte von Bethphage.
Hier stehen Häußer, von Bäumen umgeben; wir hielten jene schon für
Bethanien, von einigen uns begegnenden Pilgrimen aber belehrt, setzten
wir, nach kurzer Ruhe, unsre Füße weiter. Nur noch eine kleine Anhöhe
war zu ersteigen, da sahen wir links vom Wege das Dörflein, das selbst
noch in seiner jetzigen Gestalt als einer der lieblichsten Orte des
Landes erscheint. Es liegt seitwärts von der Heerstraße, im Schutze
der Berge, umgeben von hohen Bäumen, die gegen Westen hin einen Wald
der Gärten bilden. In ihrem dichten Schatten grünen der Fels und die
Haufen der Trümmer. Da, wo wir nahe bei der Straße, welche nach Jericho
führt, im Schatten eines Baumes stunden und hineinblickten in das
Dorf der Gärten, weilte vielleicht der Herr, als Martha ihm entgegen
eilte und dem zu spät gekommnen Helfer die Worte eines Glaubens
zurief, welcher in der Prüfung treu geblieben war[172]. Freilich
gleichet das zertrümmerte Gemäuer, das wie man glaubt zu Lazarus Hauße
gehörte, selber schon einem Todtenmahle, und noch mehr soll die tiefe
Felsenkammer[173], in die man nahe bei der kleinen Moschee den Pilgrim,
als zu »Lazarus Grabe« hinabführt, diesen mit Gedanken an den Tod
erfüllen, aber dieser Gedanke hat hier eine andre Gestalt gewonnen als
seine gewöhnliche ist. Denn in Bethanien war es ja, wo der Erlöser aus
des Todes Nacht und Banden als Sieger auf dem Staube des Grabes stund,
und sich kund gab als die Auferstehung und das Leben[174], auch ist nur
ein kurzer Weg aus dem Thale hinan zu dem Hügel des Triumphes und der
Auferstehung.
Diesem armen Dörflein muß noch jetzt ein Reiz innenwohnen der es zu
einem Lieblingsort der fremden Pilgrime macht. An keinem andren Orte
der Umgegend von Jerusalem sahen wir so viele Wallfahrter aus den
verschiedensten Gegenden des Morgenlandes einträchtiglich versammlet
als hier. Im Schatten der Bäume und Felsen saßen Eltern und Kinder,
Freunde bei Freunden, oder auch Unbekannte bei Unbekannten und genoßen
die leiblichen Erquickungen, die ihnen das kleine Arabische Dorf zu
ihrem Mittagsmahle bieten konnte. Wir giengen den Fußweg nach dem
Oelberg hinauf. Der krank aussehende Jüngling, welcher neben dem vom
Alter gebeugten Greise, abgesondert von den andern Pilgrimen, im
Schatten eines Wallnußbaumes ruhete, sollte er uns vielleicht an jenes
Krankseyn vor Liebe erinnern, von welchem ein heiliges Buch redet? In
der That, hier an diesem Orte, wo das Andenken an das Geschehene Ihn,
den Freund der Freunde, in einer so nahe erfaßbaren Gemeinschaft mit
den Menschen erblickt, die Er lieb hatte[175], wäre die Anwandlung
eines solchen Krankseyns leicht möglich. Ja, »wer ist dein Freund, o
Menschenseele; wer ist dein Freund vor andern Freunden, daß du ihn so
ersehnest?« Der Name meines Freundes ist eine ausgeschüttete Salbe,
die das Sterbende belebt; Seine Liebe ist besser denn des Lebens Lust;
mächtiger denn des Todes Schmerz; Er ist der Freude Quell, des Lebens
Brunn, ein Fels daran das Sehnen auf immer ruht, denn siehe in Ihm ist
Alles, »was man je begehrt. Ein solcher ist mein Freund; mein Freund
ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems.«
Der Anblick einer alten, verfallenen Ritterburg, in deren Mauern
einst große, gute Helden bei den Ihrigen ausruheten von des Kampfes
Mühe, und Kräfte sammleten zu neuen Kämpfen, hat für den Wandrer,
der unten im Thale, am Bache vorbeigeht und hinaufschaut nach den
Trümmern, etwas Rührendes; wie sollte es nicht viel mehr der Anblick
von Bethaniens alten Gemäuern für den Pilger haben, der aus dem Thale
hinaufsteigt gegen den Oelberg. Die Stunden des Ausruhens in Lazarus
und Marthas und Marias Hauße, dort unten am Fuße des Hügels, sind
längst vorübergezogen, die Liebe aber, die sich da zu dem Geschlecht
der sterblichen Menschen gesellte, wohnet noch immer über dem Thale wie
über den Hügeln; denn sie gründet tiefer als die Tiefe, spannet höher
als die Höhe und ist bleibender denn Thal und Hügel.
Wenn man von Bethanien hinansteigt, den nächsten, geradesten Weg nach
Jerusalem, der über die Mitte des Oelberges führt, kommt man über
einen schmalen Bergrücken, der den Hügel von Bethanien mit dem Oelberg
verbindet. Zu seiner Rechten wie zur Linken senkt sich der Abhang nach
den Nachbarthälern hinab. Hier an diesem Bergsattel lag Bethphage;
aus seinem von der ursprünglichen Stätte ganz verschwundnen, oder
mit Gras bewachsnen Trümmern ist vielleicht ein Theil der steinernen
Hütten der Araber erbaut, die sich, wie Schwalbennester im Vorhofe
eines Tempels, unterhalb der Auffahrtskirche angesetzt haben. Es war
fast Mittag da wir auf der Höhe aller Höhen ausruheten. Ein andres
Ausruhen ist freilich das auf dem Oelberg, an einem Frühlingstage,
im Anblick von Josaphatsthal und von Jerusalem, als jedes, noch so
leiblich erquickende auf einer blumenreichen Alpenwiese, von der man
hinabschaut nach dem See und den grünenden Auen; dennoch wird noch ein
seligeres Ausruhen seyn, das den Pilgrim und Fremdling der Erde, wenn
er den rechten Weg dahin fand, auf einer Höhe des mühsamen Ansteigens
erwartet, von welcher jenes Jerusalem geschauet wird, das nicht irdisch
sondern himmlisch ist.
Auch im Pilgerhauße, bei unsern Freunden, ruhte es sich gut. Am
Nachmittag machten wir uns, mit den Reisegefährten vereint, auf den Weg
nach der südwärts gelegnen Umgegend der Stadt. Wir hatten zuerst bei
dem sogenannten Teiche des Ezechias verweilt. Dieser ist eine Cisterne,
welche in ihrem festgemauerten Behältniß andres nichts denn Regenwasser
aufnimmt und nach unten keinen Abfluß, von oben her keinen andren
Zufluß hat als den vom Regen. Das Wasser war mit grünlichen Conferven
bedeckt; an seinem niedern Stande konnte man erkennen, daß in diesem
Jahre der Frühlingsregen sparsamer geflossen war denn sonst. Neben dem
Teiche zeigen sich die Lauben und Hallen eines Türkischen Kaffeehauses.
Wir sollten heute ein lebendigeres, frischeres Wasser sehen als
das der Cisternen; unser Weg gieng nach dem in vielfachem Sinne
wunderbar zu nennenden Quell Siloahs, im Süden der Stadt. Hinaus zum
Stephansthore, dann an Gethsemane vorüber nahmen wir unsre Richtung
über die Grabstätten der Juden nahe bei jenem Felsen, da nach der Sage
Judas Ischarioth sich erhieng, nach dem armseligen Dörflein Siloah.
Seine Hütten und überbauten Höhlenkammern sind von Arabern bewohnt; der
schmale Weg neben den Wohnungen beugt sich bald aufwärts am steilen
Abhange, bald wieder abwärts. Jenseit des Dorfes und südwärts von ihm,
im Kidronthale ist die vermuthliche Stätte, an welcher dem Moloch ein
Altar gebaut war, bei dem Israëls weit verirrte, abtrünnige Väter ihre
Kinder durchs Feuer gehen ließen; noch mehr südwärts findet sich der
mehr denn hundert Fuß tiefe Brunnen des Nehemia, der in der Zeit des
Herbstregens überschwillt; in seiner Nähe sind gemauerte, teichartige
Wasserbehältnisse, die jetzt ohne Wasser waren. Hier ist der Punkt
wo das Thal des Kidron und des Gihon sich vereinen. Wir wendeten
uns wieder aufwärts gen Norden; zu unsrer Linken, am Felsenabhange
Ben Hinnom, nahe bei dem Todtenacker der Pilgrime blieben uns die
Grabeshöhlen mit Spuren alter Malereien an ihren Wänden. Noch weiter
aufwärts an der Westseite des Kidron erlitt Jesaias der Prophet, auf
Befehl des Tyrannen den Martertod, und nahe dabei waren des Königes
Gärten.
Ein klares Bächlein, hier in der wasserarmen Umgegend von Jerusalem
ein seltner, dem Auge wohlthuender Anblick, fließt nahe bei dem
vermuthlichen Grabmahle des von Gott begeisterten Sehers vorüber.
Hier waren Arabische Frauen mit Waschen beschäftigt, weiterhin aber
genossen, im grünen Grase gelagert, christliche Pilgrime die Ruhe des
Sonntages. Das Bächlein kommt aus dem Teiche und Quell Siloah, in jener
Bergschlucht, die sich zwischen dem südwestlichsten Abhange des Morija
und dem südöstlichsten des Zionberges hineinzieht. Wenn man dort
auf den steinernen Stufen hinabsteigt und hier wie weiter nordwärts
in der engen Felsenkluft das klare Wasser dem Fels entquellen sieht,
da stehet man an dem einen, letzten Ende eines unterirdischen Baues
von Jerusalem, welcher bisher den Forschungen der neueren Zeit noch
unzugänglicher war als die unterirdischen Räume und verschütteten Gänge
der Aegyptischen Pyramiden, obgleich er an Bedeutung den Katakomben des
alten Romes nichts nachgiebt. An der südöstlichsten Ecke der Stadt,
auf der für Christen so schwer erreichbaren, hochummauerten Fläche des
Morija oder des jetzigen Berges der Omar-Moschee, nicht fern von jenem
Felsensteine, auf welchem einst nach der Sage des Islams Mohamed sitzen
wird, wenn er mit Christus die im Thale Josaphat versammelten Todten
richtet, zeigt sich der Eingang zu mächtig weiten Gewölben und Gängen
der Tiefe, von denen auch anderwärts unter den Trümmern der alten
Stadt Spuren gefunden werden. Auch wir hörten, wie Monro[176], von
jenen Gewölben unter dem Tempelberge, welche von Tausenden der Säulen
getragen würden; von den Wasserbehältnissen die mit ihnen in Verbindung
stehen, vor allem aber von dem zwischen der Omar- und Aksamoschee
gelegnem Brunnen, in welchem lebendiges Wasser quillt. Von dem
unterirdischen Jerusalem, dessen Centralpunkt zwar unter dem Tempelberg
war, das aber seine Gänge nach allen Richtungen hin unter der Stadt,
ja bis vor die Mauern fortsetzte, erzählen die Schriftsteller des
Alterthumes[177]. Jene Bauwerke der Tiefe waren auch den späteren
Jahrhunderten nicht ganz unbekannt, obgleich ihnen ein großer Theil
derselben unter dem Schutt und den Trümmern verschlossen blieb[178];
erst die kleinliche Eifersucht der Türken hat es der wissenschaftlichen
Forschung unmöglich gemacht in jenes Geheimniß der Tiefe einzudringen.
Da bei der Belagerung der Stadt durch Titus der nahe Untergang
derselben als unvermeidlich vor Augen lag, hatten ganze Schaaren der
Belagerten in den unterirdischen Gängen und Gewölben der Stadt sich
und ihre Schätze verborgen; unter den Versteckten war auch Simon
von Gerasa, einer der Führer der Rotten; dieser war bis unter den
Tempelberg gekommen, wo die Qual des Hungers ihn wieder heraustrieb ans
Tageslicht, in die Hände der Feinde[179]. In der frühern Zeit jener
Belagerung waren die Juden öfters durch solche unterirdische Gänge
hervorgebrochen aus der Stadt und hatten die Römer, wenn diese Wasser
holen wollten, bei Siloah überfallen, bis Titus die Ausgänge verstopfen
ließ. Ein großer Theil der unterirdischen Gewölbe war zu Behältnissen
des Wassers bestimmt, dessen Quellen Hiskia bei dem oberen Teich des
Gihon (und an der Nordseite der Stadt?) in der Tiefe abgefangen und
vor allem unter den Tempelberg geleitet hatte, unter welchem, in
einem Umfange von fünf Stadien ein Wasserbehältniß am andern sich
fand[180]. Im Tempel drang, aus Oeffnungen, welche den opfernden
Priestern bekannt und durch sie wieder verschließbar waren, das
Wasser, so oft diese wollten, in Menge hervor[181]. Könnte man Siloahs
zuweilen reichlicher, dann wieder sparsamer fließendem Quell nachgehen
bis zu den Räumen der Tiefe aus denen er hervorkömmt, dann würde man
wahrscheinlich durch ihn noch jetzt zu den uralten Wasserbehältnissen
unter dem Morija und von da hinan in die Felsengründe des Gihon geführt
werden. Es sind dieselben Mittel gewesen, durch welche die Artesischen
Brunnengräber noch jetzt ein dürres Land mit Wasser versorgen, die
von den Herrschern des alten Jerusalems, namentlich von dem wahrhaft
weisen Könige Hiskias angewendet wurden, als sie die Stadt innerhalb
der Mauer, nach Tacitus Ausdruck, zu einem beständigen Quell des
Wassers umschufen, während die Landschaft rings umher, mit Ausnahme des
Abflusses am Siloah, ohne Quell und Brunnen, ein, ohne Hülfe der Stadt
unbewohnter Boden ist.
So lebt die Macht und Herrlichkeit des alten Jerusalems, auch leiblich,
eben so wie geistig, noch in der verborgenen Tiefe fort; dieser
entquillt noch immer, auf geheimnißvollem Wege, ein lebendiges Wasser,
welches die Durstenden tränkt. Und mag die Wurzel des vom Wetter
zertrümmerten Baumes immerhin von Haufen des Schuttes bedeckt und
begraben seyn, wenn sie nur lebt, wird sie wohl dereinst mit neuen
Sprossen aus dem Grabeshügel der Trümmer hervorbrechen und dastehen vor
den Augen der Völker »auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie die
Heerschaaren.« Davids Grab wie Salomons, und das Geheimniß jener Gruft,
das nach einer alten Sage fortwährend noch die höchsten Heiligthümer
des ersten Tempels verwahrt, werden wenigstens im geistigen Sinne sich
aufthun; der Quell des Erkennens Dessen der war und ist und seyn wird,
soll dann ein offener Born seyn, aus welchem alle Heiden und Völker
Kräfte des Lebens schöpfen umsonst.
Wie schön war doch noch der Sonntag Abend im Thale Ben Hinnom, das wie
ein Feld des Auferstehens fröhlich grünte und blühete. Schaaren der
Pilgrime, mit ihnen die weißgekleideten, verschleierten Frauen und
Jungfrauen zogen mit uns hinan zum Thore. Dieses waren die äußren,
sichtbaren Begleiter. Die innren aber und unsichtbaren, welche die
Seele heute mit sich hineinnahm in das Schweigen und Ausruhen der
Abendstunden, das waren Bewegungen und Gefühle wie sie, in solcher Art
und Gestalt nur ein Frühlingssonntag in Bethanien und Ben Hinnoms Thale
wecken kann.
Der Morgen am Montag, den dritten April, hauchte kühl über die Berge
her; selbst nach Sonnenaufgang zeigte das Thermometer nur 6 Grad
Reaumur. Bald aber wachte über Zion der Frühling mit seiner belebenden
Wärme wieder auf; wir begaben uns hinaus zum Damaskusthore, nach der
nördlichen Umgegend der Stadt. Ein kleiner Flug von Aasgeiern (wir
sahen diese »Adler« öfters über Jerusalem und seine Nachbarhügel
versammlet) schwebte über die Trümmerhaufen nach Süden hin; diese
Befreundete des Todes und der Verwesung finden da fortwährend eine
Fülle des Todten und Erstorbenen. Und nicht jener Vogel der Leichname
allein, sondern Alles was das Auge auf der Nordseite außerhalb den
Stadtmauern siehet erinnert an Zerstörung. Zwischen den Pflanzungen
der Feigen-, Maulbeer- und Oelbäume, die nach dieser Seite hin häufig
sind, bemerkt man ganze Haufen von aschfarbigem Schutte, wie von einer
alten Brandstätte; die Mauern der Olivengärten bestehen zum Theil aus
Trümmern behauener Steine und da wo der Regenbach oder eine grabende
Menschenhand den Grund entblößte sieht man auch größere Werkstücke,
die jedoch nur selten in ihrer ursprünglichen Lage eines auf dem
andern geblieben, sondern von den vielmals wechslenden Zerstörern
und Wiedererbauern der Stadt wenigstens auseinander gerissen, wenn
auch nicht hinweggeschleppt sind. Denn so viel auch Byzantiner und
Sarazenen, Franken und Türken an dem späteren, noch jetzt vorhandenen
Jerusalem bauten, so viele Steine Omar zu seiner Moschee, Suleiman zu
Mauern und Thürmen verbraucht hatten, so fanden doch beide den größten
Theil dieses Baumaterials schon im innren Kreise der Stadt. Dagegen
blieb von der 25 Ellen hohen und 10 Ellen dicken Mauern, von den 90
Thürmen, worunter der bedeutendste der 70 Fuß hohe Psephinus war, womit
Agrippa +I.+ die hier im Norden der jetzigen Stadt weithin sich
erstreckende Neustadt Bezetha an ihrem Umfange schützte, noch eine
solche Menge der Steine unter dem Graus der Verwüstung liegen, daß,
wenn man sie ausgrübe der Stoff noch zu manchem Mauernbau gefunden
würde. Wie Gräber einer Zigeunerhorde, wo der Staub das verscharrte
Gebein nur seicht bedeckte und von hungernden Thieren oft durchwühlt
wurde, erscheinen diese unregelmäßigen, nun zu Oelgärten gewordenen
Schutthügel von Bezetha.