Die Hauptkirche selber umfasset das Gewölbe, welches über dem heiligen

Grabe sich erhebt, und das Chor der Griechen. Seit dem Brande vom

Jahr 1807 hat das erstere einige, obwohl unbedeutende Veränderungen

erlitten, indem z. B. statt der vormaligen runden, viereckte Säulen die

hohe Kuppel tragen, durch deren Mitte von oben das Licht hereinfällt.

Auch im Griechenchore erhebt sich eine hochgewölbte Kuppel über

dem unten am Boden angedeuteten Punkte, der als die Mitte ~des

Ganzen~ bezeichnet wird, und eben diese beiden Kuppeln sind es,

welche schon von Ferne her das Dach der heiligen Grabeskirche kenntlich

machen. Beide Rotonden sind übrigens weder an Durchmesser noch an Höhe

sich gleich; denn der innre Durchmesser der Grabesrotonde, ohne den

Anbau der Hallen ist 78, jener der andern 45 Fuß groß. Hierdurch erhält

auch das Hauptschiff der Kirche, dessen ganze innre Länge von West nach

Ost, von der äußersten Wand der Hallen am Umfang der Grabesrotonda,

bis an die Linie des Einganges zur Helenenkapelle 240 Bayerische Fuß

misset, eine ungleiche Breite von 78 bis 105 Fuß; wenn man jedoch

den nicht zum eigentlichen Kirchenschiff gehörigen Anbau, seitwärts

der Kreuzigungskapelle, vom Eingang der Kirche in Süden, bis zu der

Thüre des kleinen, geschlossen Hofes in Norden mit in Anschlag bringt,

dann empfängt allerdings, wie ~Otto v. Richter~ dies beschreibt,

das Innre des Gebäudes eine (freilich sehr unregelmäßige) Art von

Kreuzform, deren kürzerer (Quer-) Balken 140 Fuß lang ist.

Das Licht, welches oben durch die Oeffnung der Kuppel der größeren

Rotonda hereinfällt, beleuchtet zunächst das gerade unter dieser Mitte

stehende, heilige Grab, das wie ein Kirchlein im Kleinen von Marmor, in

der größeren Kirche dastehet. Der äußere Umfang mag anfangs auf einen

nicht unbedeutenden Raum der beiden, im Innren enthaltnen Kapellen

schließen lassen, denn der Durchmesser des nach Westen etwas rundlich

(fünfeckig) zulaufenden Quadrates misset gegen 30 Fuß. Dieser Raum

wird jedoch großentheils durch die unverhältnißmäßig dicken Mauerwände

ausgefüllt, so daß für die innerste, eigentliche Grabeskapelle nur

ein Räumlein von 7 Fuß Länge und 6 Fuß Breite; für die Engelskapelle

ein Quadrat von zehn Fuß Durchmesser übrig bleibt. Dagegen misset die

Dicke der südlichen Wand der kleinen Grabeskapelle vierzehn, die der

nördlichen gegen eilf Fuß. Schon aus diesen Verhältnissen wird es

leicht zu errathen, daß die scheinbaren Mauern nicht von gewöhnlicher

Art, sondern daß sie (nach S. 507) Ueberreste des alten Felsen sind,

von welchem die Grabeshöhle umschlossen war. Vorzüglich gilt dies

von der eigentlichen Grabeskapelle, die ein zugehauenes, von außen

und innen mit Marmorplatten ausgekleidetes Stück Kreidefels ist,

während die vordere Kapelle nur zum Theil Felsen, zum Theil aber ein

alter Anbau aus Backsteinen ist, den die spätere Zeit eben so wie die

innerste mit Marmor belegt hat. Mit einem besondren patriotischen

Wohlgefallen bemerkt der deutsche Pilgrim an dem Zeichen des Wappens,

daß der neue Aufbau des heiligen Grabes seit dem Brande von 1807

großenteils und zunächst ein Werk des Oesterreichischen Kaiserhaußes

ist; auch von den goldnen Lampen, welche bei Tag und Nacht das heilige

Geheimniß des Grabes beleuchten, sind die meisten eine Gabe unsres

edlen Kaiserhaußes.

Bisher hatten die drei mächtigsten Kirchengemeinschaften der

jetzigen Christenheit des Orients: die der Lateiner, der Griechen

und Armenier sich in die drei Kirchlein getheilt, welche unter die

gleichsam politische Gewalt des gemeinsamen Obdaches der heiligen

Grabeskirche zusammengefaßt sind. Die Armenier besorgten die Obhut

der Helenenkapelle, die Griechen die der Kreuzigungskirche, die

Lateiner hatten den Aufbau und die Erhaltung der heiligen Grabeskapelle

übernommen. In neuester Zeit sind unsre armen Landsleute, die Lateiner,

abermals in großer Gefahr, die Obhut des letzten Räumleins der von

ihren Vorfahren wiedererkämpften Kirche zu verlieren.

Von den eben genannten drei vornehmsten Christengemeinschaften des

westlichen Asiens und seiner nachbarlichen Inselnwelt hat jede einzelne

eine Anzahl der beständigen Hüter in der Kirche des heiligen Grabes

aufgestellt, welche da bei Tag und bei Nacht des Gottesdienstes

warten. Die Griechen haben an der Südseite der Kirche einen Anbau, in

welchem dreißig ihrer Geistlichen beständig haußen, die Lateiner in

Norden, wo zwölf Minoriten ihren Aufenthalt haben; fünfzehn Armenische

Geistliche finden ein Räumlein in einer Art von Chor am Innren der

Südseite und auch von den armen Kopten wohnen zwei Repräsentanten

ihrer Gemeinschaft an der Westseite des heiligen Grabes, bei dem Grabe

des Nikodemus. Alle diese Bewohner der kleinen, nur durch Mauern von

Menschenhand zusammengefügten Kirchenhallen sind, so lange ihr Hüteramt

währt, gewissermaßen in einer Gefangenschaft der Türken. Ihre kleinen

Klosterhallen haben nur nach innen, zur Kirche, einen Ausgang und

Eingang, nicht nach außen, nach der Stadt hin; zu dieser öffnen ihnen

in den meisten Monaten des Jahres täglich nur einmal die Türkischen

Thürhüter den Zugang, und dieß nur auf kurze Zeit; die armen Gefangenen

im dumpfigen Gemäuer werden von ihren Mutterklöstern aus, die in der

Stadt sind, täglich zu bestimmten Stunden durch eine kleine Oeffnung,

welche an den Thüren angebracht ist, mit Speise und Trank versorgt.

Von den Hütern der heiligen Grabeskirche hinweg, wenden wir uns zu

den äußerlichen Bewahrern und Inhabern eines andren, noch früher

gegründeten und weiter umfaßenden Baues, als jener des ehrwürdigen,

mittelalterlichen Gebäudes ist; zu den Bewahrern des alten Bundes,

den Gott mit Israël schloß. Es mag als ein nicht unbedeutendes

Anzeichen einer großen, geistigen Bewegung in diesem merkwürdigen

Volke erscheinen, daß so zahlreiche Schaaren desselben in unsern Tagen

nach Palästina ziehen. Diese Auswandrungen geschehen nicht mit großem

Aufsehen und äußerem Gepränge, sondern ganz in der Stille deßhalb mit

glücklicherem Erfolg; die Auswandrer, welche als Fremdlinge kommen,

werden, namentlich unter der sie vielfach begünstigenden Aegyptischen

Herrschaft, leichter denn alle sonstige Ankömmlinge einheimisch,

weil sie in Alles sich fügen, auch mit dem ärmsten Hüttlein und

geringsten Stück Landes zufrieden sind und einen Fond der vertrauenden

Liebe zu der neuen Heimath mitbringen, welcher ihren Unternehmungen

ein glückliches Gedeihen giebt. Die in Jerusalem Wohnenden sind

freilich meist sehr arm, und da weder Handel noch Gewerbe sie nährt,

großenteils nur auf die Unterstützungen angewiesen, die sie von

ihren Glaubensgenossen in Europa zugesendet bekommen. Richardson und

Scholz[164] geben die Zahl der in Jerusalem wohnenden Juden auf 10000

an, uns versicherten jedoch mehrere zuverläßige hiesige Israëliten,

daß sie nur gegen 6000 betrage. Zwar hat nun die letzte Pest wieder

eine große Zahl der auch im engsten, niedrigsten Raum der Stadt

zusammengedrängten Israëliten hinweggerafft, dennoch glaube ich nicht

zu viel zu sagen, wenn ich die Juden als das reichliche Drittel der

Gesammtzahl der hiesigen Bewohner angebe[165]. Freilich hat diese große

Menschenschaar nur den kleinsten Theil (kaum ¹⁄₂₀) der Stadt inne und

erregt unter allen das wenigste Aufsehen, während die Mohamedaner,

deren Zahl mit dem Aegyptischen Militär sich auf 9000 belaufen mag,

den größesten Theil der Gassen einnehmen und am meisten ins Auge

fallen. Das kleinste Häuflein bilden im Verhältniß zu den andern beiden

Religionsgenossen die Christen, denn ihre Zahl übersteigt, außer der

österlichen Zeit schwerlich 3500; doch gehören ihren Gemeinschaften,

vor allen den Armeniern sehr große weit ausgedehnte Räume der Stadt an.

So mag die ganze Summe der Einwohner ohne das Militär über 17000, mit

diesem über 18000 betragen; eine Zahl, welche für eine Stadt, deren

Umfang noch jetzt über fünf Viertelstunden Weges misset, nicht groß

genannt werden kann.

Wir hatten schon in Bayern einen Brief bekommen, an einen jetzt in

Jerusalem wohnenden Israëliten, den Rabbiner Bergmann aus Würzburg. Der

gefällige Mann hatte uns mit mehreren seiner Glaubensgenossen, welches

lauter deutsche Landsleute waren, schon in unsrem Pilgerhauße besucht;

wir beschlossen ihm heute, weil es noch früh am Nachmittag war, einen

Gegenbesuch zu machen. Um zu der Judenstadt zu kommen steigt man von

der Gegend der Grabeskirche abwärts nach dem großen, aus mehreren

Reihen der Läden und Kaufhäußer gebildeten Marktplatz oder Bazar.

In den kleinen, vielfach gewundnen und zickzackartig durch einander

verlaufenden Gäßchen, in welche man südwärts und südostwärts vom

Bazar eintritt, möchte es schwer seyn ohne einen Führer sich zurecht

zu finden. Gewöhnlich sind mehrere Häußer und Häußchen von einem

gemeinsamen Hofraum umschlossen, der, mit all seinen vielen Bewohnern,

einer kleinen Stadt gleicht. Wäre Jerusalem an allen Stellen seines

Flächeninhaltes, selbst nach Ausnahme des großen Platzes der Moschee,

eben so bevölkert, wie hier im Judenquartier, dann könnte es weit über

hunderttausend Einwohner beherbergen.

In der Familie wenigstens unsers Israëlitischen Landsmannes wurde

es uns recht wohl; mit der äußren Reinlichkeit herrschte hier innre

Lauterkeit und anspruchslose Zufriedenheit; ich lernte an Herrn

Bergmann und den Seinigen solche Menschen kennen, denen das Bürgerrecht

im Lande der Väter schon in ihrem Innren verliehen ist. Wir konnten

heute nur kurze Zeit bleiben, da wir die fromme Sitte und Stille des

mit Sonnenuntergang beginnenden Sabbathes im Hauße des gewissenhaften,

ernsten Rabbiners durch unsren Besuch nicht stören wollten. Dagegen

wiederholten wir später unsern Besuch öfter und ich lernte hier,

so wie durch die Gegenbesuche in unserm Pilgerhauße mehrere der

ausgezeichnetsten und gelehrtesten deutschen Rabbiner von Jerusalem

kennen. Ich fasse das, was diese Bekanntschaft mir zu bemerken gab,

schon hier kurz zusammen.

Im Allgemeinen darf man den deutschen, nach Palästina ausgewanderten

Israëliten das Zeugniß geben, daß der Zug der sie dahin führte ein

sehr achtenswerther, Theilnahme erregender war. Es sind die Hoffnungen

Israëls, der noch immer fortbestehende Glaube an das ihren Vätern

gegebene Wort der Verheißung, was ihnen den Muth verlieh alle Vortheile

und Bequemlichkeiten des Vaterlandes zu verlassen und sich freiwillig

in ein Loos der harten Entbehrungen und mannichfaltigen Gefahren zu

begeben. Unter ihnen fand ich nicht bloß eine große Zahl vorzüglich

gelehrter, sondern auch frommer Männer, welche durch eifrigen

Gottesdienst und anhaltendes Gebet bei Tag und Nacht zu dem Troste

Israëls zu gelangen hoffen und dieses Trostes als eines nahen warten.

Auch der Freund jener tieferen Erkenntnisse, welche durch uralte

Ueberlieferung bis zu den jetzt lebenden Israëliten gekommen sind,

namentlich der kabbalistischen Studien, würde unter den gelehrten

Rabbinern von Palästina Meister treffen, deren Belehrung ihm von

höchstem Werthe seyn könnte. Was jedoch höher zu schätzen scheint

denn Alles: man findet unter den Israëliten von Palästina so Manche,

welche mit Ernst in den Propheten und andren Schriften des alten Bundes

forschen und diese von Herzen lieb haben.

Der treffliche Beurtheiler von Lord Lindsays Reiseberichten in einer

vielgelesenen englischen Zeitschrift[166] macht die Bemerkung: »daß

vor allen andern Ländern unser deutsches Vaterland der Sitz- und

Ausgangspunkt jenes modernen, liberalen Judaismus sey, an welchem

der eigentliche, göttlich prophetische Charakter des altgläubigen

Judenthums sich ganz verwischt hat. Mit dem Glauben an einen göttlichen

Ursprung der Verheißungen und Zeugnisse des alten Bundes, fällt dann

auch die Hoffnung auf eine göttliche Wiederbelebung des erstorbenen

Stammes hinweg; an ihre Stelle ist das Streben nach einer politischen

Regeneration, auf dem natürlichen Wege der jetzigen, Europäischen

Völkerbewegungen getreten. Während deshalb der altgläubige Israëlit

noch immer fortfährt zu Gott zu beten, daß der Stern Jacobs über

seinem Volke aufgehen, daß der Trost Israëls erscheinen möge; während

sein großes Festgebet mit den Worten schließet: »Jahr das da kommt, o

führe uns nach Jerusalem,« entfernte dagegen der neuere Liberalismus

aus seiner Liturgie die Bitte um die Zukunft des Mesias und um die

Wiedererlangung Dessen das den Vätern versprochen und bisher ein Ziel

des fortwährenden Heimwehes des in alle Länder der Erde zerstreuten

Volkes war[167].« Aber so richtig auch das Negative erscheinen mag,

was in jener Bemerkung über den modernen, deutschen Judaismus liegt,

der jene göttlichen Wahrheiten verkennt und verläugnet die selbst dem

Talmud noch als feste Basis unterlagen, so darf dennoch auf der andren

Seite nicht übersehen werden, daß, wie der Verfasser zugleich bemerkt,

der geistige »Aussatz« der falschen Freiheit und des Unglaubens nicht

das ganze, sondern nur einen Theil des Israëlitischen Volkes ergriffen

habe[168]. Namentlich in Deutschland, wo diese Art der Gegensätze auch

nach andern Seiten hin in ihrer größten Schärfe sich hervorzurufen

und zu bestärken pflegt, ist zugleich der alte Glaube der Väter und

das Aufmerken auf das Wort der Verheißungen in einer Stärke und

Lebendigkeit wieder erwacht wie kaum anderswo. Die meisten jener

Israëliten, die in unsern Tagen im Glauben und fester Hoffnung daß der

Herr sich Zions einst wieder erbarmen werde, nach Palästina zogen,

kamen aus dem Lande in dem nach der Aeußerung unsers edlen Engländers,

der moderne Judaismus entsprang, welcher solcher Hoffnung spottet, und

aus jenem »in welches die Ansteckung zunächst sich verbreitete«: aus

Deutschland und aus Polen.

Merkwürdiges Erwarten eines neuen, großen Tages der Geschichte, welches

auf einmal so viele Völker: Beduinen und Türken, Israëliten und

Christen in Süden wie im Norden bewegt!

Sonnabends am 1sten April sahe ich, wie ich dieß öfters that, den

Morgen, stehend auf dem platten Dache des Haußes, über Jerusalem

erwachen. Ein Morgenroth, so purpurglänzend wie man es nur selten in

der Heimath sieht, zog über den Oelberg, und gieng herauf aus der

Wüste des Kidronthales, »wie ein gerader Rauch, wie ein Geräuch von

Myrrhen und Weihrauch[169].« Die Luft war mit dem Geruch der blühenden

Orangen und Gewürzkräuter aus den benachbarten Gärten erfüllt; ein

erfrischender Wind bewegte die Wipfel der Zypressen. Auch die Seele

fühlte sich bewegt und doch noch lange nicht so wie sie es hier, am

lang ersehnten Ziele der Pilgerreise hätte seyn sollen. Ja, »stehe

auf Nordwind und komme Südwind und wehe durch meinen Garten, daß sein

Balsam sich ergieße.«

Unser aufopfernd gütiger Führer der Pater Vicar kam um 8 Uhr, um

uns von neuem zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu geleiten. Der

Himmel hatte sich mit Regenwolken bezogen, die jedoch so leicht und

dünn waren, daß sich, so erwünscht dieß dem Lande gewesen wäre, kein

reichlicher Erguß von ihnen erwarten ließ, wir beschloßen daher dennoch

unsre Wanderung nach dem Berge Zion anzutreten.

In die Citadelle konnten wir nur im Vorübergehen einen Blick werfen.

Leider war der hohe Offizier an den ich von Kairo aus empfohlen war,

verreist und kehrte während unsers ganzen hiesigen Aufenthaltes nicht

nach Jerusalem zurück, wodurch uns manche Vergünstigung entgieng,

auf die wir gehofft hatten. Uebrigens hätte uns auch weniger das

über der Erde stehende Gebäude der Davidsburg interessirt, als jener

unterirdische der Grüfte und Gänge, von welchem wir verschiedene

Berichte vernahmen. Desto ungehemmter jedoch durften wir uns in dem

mächtig großen Klostergebäude der Armenier umsehen. Zu diesem gehört

nicht ein Gebäude allein, sondern eine große Menge, der von der hohen,

gemeinsamen Ringmauer umfaßten Häußer und Höfe, und der Raum den die

Ringmauer umfaßt ist so groß daß die ganze vormalige Reichsstadt

Neresheim darinnen bestehen könnte. Einige der Höfe, mit den vielen

kleineren und größeren Pilgerhütten, welche auf ihnen stunden, glichen

schon jetzt durch die Schaaren der Wallfahrer, die zum Fest gekommen

waren, einem kleinen Heerlager; in der eigentlichen Zeit des Festes

soll sich die Zahl der Gäste in diesem Kloster so vermehren, daß der

Umfang desselben, so groß er auch ist, sie nicht alle beherbergen

kann. Denn zur Osterfeier des Jahres 1834 waren nach der Versicherung

unsers Führers, aus allen Gegenden des Morgenlandes zwischen acht

und neuntausend Armenische Pilgrime gekommen. Deshalb haben auch die

Väter dieses reichesten Klosters des Morgenlandes[170] darauf Bedacht

genommen durch den Ankauf von ganzen Plätzen und neuen Anbau von

Häußern und Höfen ihren Gästen noch mehr Bequemlichkeit zu gewähren.

Uebrigens hatten diese schon bisher im Armenischen Kloster es besser

als in jedem andren Kloster der übrigen christlichen Gemeinschaften;

denn viele Pilgerfamilien bewohnten ein besondres kleines Haus, oder

nahmen wenigstens eine jener bequemen Wohnstätten (Kammern) ein,

deren in den verschiednen Gebäuden zusammen über tausend seyn sollen.

Und dabei gleichen die Vorhöfe des Klosters einem kleinen Markt, wo

jene Familien, welche selber für ihre Beköstigung sorgen wollen,

Lebensmittel in Menge zum Verkauf finden; für die Uebrigen sorgen

die wohlbestellten Küchen des Klosters, in denen man auch auf das

Bedürfniß der Armen hinreichend Rücksicht nimmt. Mir that es wohl eine

christliche Pilgerherberge und Pilgerheimath von solcher Größe und

solchem Wohlstand zu sehen. Bei einer der Kapellen des Klosters wird

die Stätte, da Christus vor Hannas den Hohenpriester geführt war, in

einer andern Kirche die der Enthauptung des Apostels Jacobus verehrt.

In der großen Kirche verweilten wir mit besondrer Aufmerksamkeit.

Ihre innren Reperaturen und Ausschmückungen waren erst vor Kurzem

vollendet, namentlich die Malereien, die ein Armenischer Künstler

gefertigt hat. Ich hätte Manchen meiner Europäischen Landsleute an

meine Seite gewünscht, welcher sich die Anfänge und die Entwicklung

der Kunst etwa so wie die eines Handwerkes oder wie die Fertigkeit im

Blasrohrschießen denkt. Hier in dem reichen Kloster der Armenier sind

dem Kindheitszustande der Kunst dieselben äußren Hülfsmittel geboten

wie einst in den ersten Jahrhunderten der christlichen Herrscherreiche,

ja wie in den reichsten Zeiten der Italiänischen und Niederrheinischen

Freistaaten. Und dennoch wird man in all' diesen überreich mit Gold

belegten, in die theuersten Farben gekleideten Bildern des Armenischen

Künstlers vergeblich auch nur nach einem einzigen, entferntesten

Zuge jenes geistigen Lebens suchen, welche die christliche Kunst

der frühesten Jahrhunderte, lange vor Cimabue, so oft ihren Werken

aufgeprägt hat. Wenn jener gute Mann, der die Armenische Kirche neu

bemahlt hat, ja wenn eine ganze Schule von seines Gleichen Jahrhunderte

lang auf solchem Grunde fortbauete und dabei die Fertigkeit im Zeichnen

und Farbengeben bis aufs Höchste brächte, würden dennoch ihre Arbeiten

als etwas kraft- und wesenloses erscheinen, so lange nicht jene Kraft

der Begeisterung und des innren Lebens zurückkehrte, welche auch zu

solchem Werke die Meister der alten Zeiten regte und bewegte.

Wir traten jetzt hinaus ins Freie, vor das Zionsthor, auf die Höhe

des Berges Zion, auf welcher das Haus eine Stätte hatte, in welchem

der Herr das Abendmahl stiftete. Die Sonne brach durch das Gewölk

hindurch, aus dem sich kurz vorher ein leichter Regen ergossen hatte;

das Grün der Felder und der Bäume glänzte erfrischter und kräftiger.

Man zeigt auf dem Zion das »Haus des Kaiphas« das an jenen großen

Augenblick erinnert, in welchem Christus, Er, der künftige Richter

aller Geschlechter der Erde, vor dem Gericht der Sünder stund, und

mitten in Schmach und Banden sich bekannte als den Sohn Gottes, sitzend

einst, zu der Rechten der Kraft. Die Armenier haben die Stätte des

Hohenpriesterhaußes mit einer »Kirche des Erlösers« überbaut, während

die Türken an die Stätte jenes Haußes, da Er, der wahre Hohepriester

nach der Ordnung Melchisedeks sein hohepriesterliches Gebet sprach,

eine Moschee gestellt haben. Der Eintritt in den Saal des Abendmahles

ist gegen eine kleine Abgabe an den Türkischen Thürhüter jedem Fremden

gestattet; dagegen ist der Zutritt namentlich zu den unterirdische

Gewölben, welche die Sage für die Gräber Davids und mehrerer der

ältesten Könige Juda's erklärt, selbst den Mohamedanern sehr erschwert.

Der Christ verweilt indeß gern in den oberen Räumen die von einem

Lichte der heiligsten Tage Jerusalems beleuchtet sind; denn in

demselben Hauße, in welchem durch das Geheimniß des Abendmahles die

arme Natur des Menschen des Göttlichen theilhaftig geworden, waren die

Apostel am Tage der Pfingsten einmüthig bei einander, als jenes Brausen

vom Himmel geschahe, gleich eines gewaltigen Windes und das ganze Haus

erfüllete; als ausgegossen ward über sie Alle der Geist des Herrn.

Schon damals waren außer den eilf Jüngern auch die heiligen Frauen

»und Maria die Mutter Jesu, und seine Brüder«[171] hier versammelt

gewesen in Gebet und Flehen, bis zur Stunde der großen Vollendung

der Verheißungen. Die Ueberlieferung der christlichen Jahrhunderte

läßt jedoch dieselbe Stätte noch einmal zu einem Orte des einmüthigen

Beisammenseyns in der Stunde einer andern Vollendung werden; denn hier

soll sie, die Erkohrene der Frauen gestorben, in der Nähe des Haußes

nach Jesu Tod und Himmelfahrt ihre Wohnung gewesen seyn. Klopstock

in seinem Mesias muß die Sage von dieser Wohnung des Friedens in der

Nähe der Stadtmauer, von wo auch der Weg gen Emmaus in seinem Anfange

überblickt wird, vor Augen gehabt haben; ich gedachte hier gern der

Gesänge der Sionitin, obgleich kein Saitenspiel der Erde die Töne des

Liedes nachzuhallen vermag, das dort auf Zion in der Seele des Pilgers

erwacht.

Als nach den Zeiten der Kreuzzüge auch das letzte, mit vielem Blut

erkaufte Flecklein des heiligen Landes den Christen wieder entrissen

war; als der Weg des Pilgers nach Jerusalem und dem Jordan, so wie der

Aufenthalt in der einst werthen Stadt den meisten Christen wie ein

sichrer Gang zum Tode erschien; da wohnte hier auf dem Zion, mitten

unter den Trümmern, ein wehrloses Häuflein der Jünger des heiligen

Franziskus, das in seinem armen Hauße die Pilgrime, die den Zug noch

wagten, aufnahm und ihrer pflegte. Schon einmal hatte man diese

Herbergsväter der Lateinischen Pilger von ihrem Obdach vertrieben, da

bewohnten sie lange Zeit die Felsengrotten, die am Abhange des Felsens,

dem Blutacker (Hackeldema) gegenüber liegen. Im Jahr 1561 nahmen ihnen

die Türken das Kloster und die uralte Christenkirche des Coenaculums

gänzlich, und die armen Väter haben seitdem an dem Zion kein andres

Recht mehr als da ihre Todten, auf dem alten Kirchhof der Lateiner zu

bestatten. Nicht weit davon haben die Armenier ihren Gottesacker, gegen

die Stätte vom Haus der Maria hin.

Von der Anhöhe des Zion steigen wir über die Felder, aus deren Erdreich

sehr häufig die Trümmer der vormaligen Stadt hervorblicken, hinab nach

der Gegend in welcher die Wasserleitung aus Salomons Brunnen, jenseits

Bethlehem ihren Verlauf (durch irdene Röhren) hin nach dem Morija

nimmt; dem Sammelpunkte vieler unterirdischer Zuströmungen. Auf unsrem

Wege, in der Ebene der Wasserleitung gegen die Mauern der Stadt, kamen

wir an jener Felsengrotte vorüber, welche von der Ueberlieferung als

die Stätte bezeichnet wird, da Petrus die Untreue seines sonst so

feurigen Herzens bitterlich beweinte.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 38 / 42 段