Von der westlichen Spitze des Mauernumfanges wendeten wir uns zuerst

zu dem nur wenig entfernten, oberen Teiche des Gihon, der sich jetzt

eben so, wie der untere ganz ohne Wasser fand, denn der Regen war

in diesem Frühling sparsamer denn sonst gefallen. Jener obere Teich

liegt auf dem hier allmählich, in der Richtung des Weges nach Ramla

und Jaffa ansteigenden Berges Gihon, der sich mit seinem östlichen

Ende innerhalb der Mauern herein in die Stadt fortsetzt, wo auf seiner

äußersten Höhe noch das Lateinische Kloster, an seinem Abhange die

heilige Grabeskirche erbaut ist. Von dem Gihons Teiche kehrten wir

zurück zu der Nähe der Mauern, welche einer Belagerung durch die

jetzigen Geschütze des Krieges gar bald erliegen würden, und zu dem

Wege, welcher nahe an den meist ausgefüllten, fast unkenntlichen

Gräben herumführt. Jerusalems Macht die vormals in so trotzender

Gestalt dem angreifenden Feind ins Auge sahe, ist seit einer Reihe

von Jahrhunderten, unter der Türkischen Herrschaft in einen tiefen

Schlaf gesunken; die Schläferin würde nicht im Stande seyn auch nur

die feindliche Fliege von ihrer Stirn hinweg zu treiben, noch ungleich

weniger den angreifenden Löwen. Von Nordwest gegen Nord legt sich

an die Mauern der Stadt eine nur gegen das Damaskusthor ein wenig

eingetiefte Hochebene an, die weiter in Norden von Hügeln begränzt und

von Oelbaumpflanzungen so wie von grünenden Aeckern bedeckt ist. Hier

breitete sich weithin der Umfang jenes Theiles der alten, durch Titus

zerstörten Stadt aus, welchen Agrippa +I.+ mit Mauern umfaßte;

wo man nördlich von den jetzigen Mauern sich hinwendet, da tritt

man, bis zu einem Abstand von etwa 1200 Schritten auf den Boden der

damaligen Vorstadt Bezetha. Die Heere der Kreuzfahrer fanden indeß den

äußeren Umriß Jerusalems schon dem jetzigen ziemlich ähnlich. Dort

am nordwestlichen und nördlichen Rande, von wo allein der damaligen

Belagerungskunst der Angriff möglich war, fanden sich die Schaaren der

Streiter aufgestellt. Namentlich hatte sich die Gegend der Mauer, nahe

bei der jetzigen Nordwestecke der Stadt der Heldenfürst, ~Gottfried

von Bouillon~ anfangs zum Punkt des Angriffes erlesen, später aber

die nordöstliche Ecke die gegen das Kidronthal hinliegt. Hier wurde

auch am 15. Juli des Jahres 1099 die Stadt erstürmt, an der Nordseite

selber aber die Mauer zuerst gebrochen. Der christliche Pilgrim, wie

jeder Mensch, welcher hoffet und weiß daß ~der Geist~ die Thaten

des Lebens thut, nicht das Fleisch, kann nicht an dieser Stätte vorbei

gehen, ohne im Andenken an jenen Tag freudig bewegt zu werden. Hinter

den festen Doppelmauern der Stadt fanden sich sechszig Tausend, welche

zum blutigen Widerstand bereit waren, sie hatten Lebensmittel, vor

Allem Wasser in Fülle, und sonst Alles was zur Abwehr des Angriffes

der Feinde nöthig erschien, stund ihnen zu Gebote. Diesen gegenüber

stellte sich außer den Mauern das Heer der Wallfahrer auf, dessen

Zahl im Ganzen vierzig Tausend nicht überstieg, wovon aber mehr denn

die Hälfte des Kampfes nicht fähig war. Denn diese Hälfte bestund aus

Frauen, abgelebten Greisen, Kranken und kraftlosen Bettlern; Viele

waren nur hieher gekommen um bei dem Grabe des Erlösers das eigene

Grab zu finden. Aber auch unter der andern Hälfte, die am Angriff

der festen Stadt thätigen Antheil nahm, fanden sich nur zwölf bis

dreizehnhundert eigentliche Krieger, die andern Alle waren unvollkommen

bewaffnete Bürger und Geistliche, welche vormals noch nie das Geschäft

des Krieges geübt hatten. War doch dieses Häuflein nicht einmal fähig

die Stadt eigentlich zu umlagern, sondern nur die Nordseite und die

Gegend nach Westen so wie die Höhe des Zion verwahrt zu halten und

den Oelberg einigermaßen zu bewachen, während der größere Theil der

Mauern und mehrere Thore dem Feinde frei blieben. Dazu litt die arme

Schaar der Kämpfer des Kreuzes an allen Lebensbedürfnissen Mangel,

vornämlich an Wasser, welches in dieser heißesten Zeit des Jahres am

dringendsten begehrt wurde. Ohnehin ist der Schatz des Wassers den

Jerusalem besitzt, wie wir nachher sehen werden, ein geheimnißvoller

und verborgener, und seine Fülle ergießt sich nur innerhalb der Mauern,

während die Umgegend eine meist wasserlose Einöde ist; damals hatten

aber die Saracenen auch die wenigen Brunnen und Cisternen in der Nähe

der Stadt verstopft und verschüttet und wenn von Zeit zu Zeit die

Quelle Siloah das nöthige Wasser gegeben hätte, oder wenn sich in Osten

der Stadt, am Brunnen des Elisa und bei Bethanien eine Erquickung

dieser Art zeigte, da lauerten die Feinde im Hinterhalt, so daß jeder

Tropfen des Getränkes mit Blut erkauft werden mußte. So starben die

Lastthiere des Heeres großenteils am Durste dahin und selbst von den

Wallfahrtern erlagen Viele diesem Elend; Manche, eines solchen Lebens

satt, nachdem sie im Jordan gebadet und bei Jericho Palmenzweige

genommen, verließen das Heer der Kämpfer und kehrten über Joppe heim,

zu den Bequemlichkeiten des Vaterlandes.

Dennoch war, mit der freilich von Tag zu Tage sich verkleinernden Zahl

der Treuen auch der Glaube vor den Mauern Jerusalems stehen geblieben,

welcher da noch hoffte, wo Nichts zu hoffen schien. Und obgleich die

Feinde auf ihren Mauern täglich des Haufens der Wahnsinnigen spotteten,

die fast ohne Wurfmaschinen und Belagerungszeug, ja wie der erste,

ihnen wie Tollwuth erscheinende Anlauf[153], bei welchem die äußere

Mauer an einem Punkte niedergestürzt war, gezeigt hatte, selbst ohne

Sturmleitern eine solche Stadt bedroheten, blieb die Stimmung der

Belagerer dennoch, jenem Spott gegenüber, eine Stimmung des Ernstes,

welcher weiß was er will und was er thut.

Noch am achten Juli, als die Schaar der Christen in frommer Bewegung

einen Umgang um die Stadt, im Gewand der Büßenden hielt, verhöhnten

vor ihren Augen die Feinde auf den Mauern das sichtbare Abbild

alles Dessen was Jenen heilig war; selbst am dreizehnten, am Tage

welcher dem vorangieng, der zum Sturm bestimmt war, schien es, wenn

die Christen nicht Flügel erhielten, unmöglich, daß einer von ihnen

über die hohen Mauern käme. Und auch dann, als in der Nacht den

Herrführern und Rittern, in Gemeinschaft mit den andern Streitern es

gelungen war, die einzelnen Theile der Belagerungswerkzeuge mühselig

aus der Ferne herbeizuschleppen und zusammenzusetzen; auch dann als

am 14ten Juli ein ernstlicherer Angriff bei der Nordwestecke der

Stadt beginnen konnte, schien das Erringen des Zieles noch gar weit

hinausgerückt. Denn wie ein Steinwurf nach dem Alpengipfel, der von

dort ein Herabstürzen der Lawinen erregt, wurde jeder durch Wollsäcke

und schräge Balken unwirksam gemachte Stoß der Wurfmaschinen auf die

Mauern von diesen aus durch eine Fluth von brennenden Stoffen, welche

das Belagerungszeug entzündeten, so wie durch geschleuderte Steinmassen

und Geschosse beantwortet, die zehnfältig, statt der Wunden welche

einzelne der Belagerten empfiengen, den Tod zurückgaben. So gieng die

Sonne über dem Kampfe unter, ohne daß in andern Augen, als in denen

des Glaubens ein Sieg möglich erschien. Ja selbst am 15ten, am Tage

des Sieges, als Tankreds Schaaren schon die Mauern der Nordseite (beim

damaligen Stephansthore) durchbrochen hatten, schien in den Stunden

des Vormittages die Hülfe, die nicht aus der Kraft des Fleisches

kommen konnte, noch so fern, daß die Fürsten, wenigstens für heute,

den Rückzug der beschädigten Maschinen von den Mauern beschlossen.

Denn das Volk der Belagerten hat sich an diesem Tage wie mit Kräften

der Hölle bewaffnet; Ströme von brennenden Flüssigkeiten ergoßen sich

auf die Stürmenden und ihre Werkzeuge; flammende Balken, entzündet von

einem Feuer, das nur von Weinessig gelöscht werden konnte, stürzten

wie ein brennender Wald über die Mauern herunter, und wenn auch die

sogenannten Hexen, welche von den Mauern herab dem Zeuge der Christen

fluchten durch einen wohlberechneten Steinwurf, der einige von ihnen

zerschmetterte, dem Heere der Wallfahrer zum Spott wurden, so waren

diese dennoch auch ihrerseits es dem Feinde, als sie entmuthigt und

trauernd in die armseligen Gezelte zurücktraten. Da ward, in der

Stunde, in welcher man den Herrn ans Kreuz erhöhete, Gottfried, der

Held, als er seine Augen aufhub nach dem Oelberge, wie durch eine

Erscheinung aus der andern Welt, die der Glaube zuweilen »schauet«

von neuem zum Kampf ermuthigt, und siehe eine Macht Gottes war mit

ihm und den Seinen: ein heftiger Nordwind entzündete plötzlich die

wohlverwahrten Wollsäcke der Mauern, welche endlich einmal von den

Bränden der Belagerer getroffen waren, und vertrieb durch den heftigen

Rauch die Feinde von den Mauern; die schrägen Balken, die bis dahin

ein Schutz der Stadt gewesen, wurden jetzt ein Befestigungspunkt

der Fallbrücken, welche die Christen von ihren hölzernen Thürmen

herabließen; nur noch kurze Frist der heftigen Mühen und das Ziel war

errungen; die Stadt, in welcher einst das Blut floß, durch welches der

schwerste der Kämpfe entschieden, der höchste der Siege gewonnen ward,

fand sich wieder in den Händen Derer, denen dieses Blut heilig war.

Der Lohn des leiblichen, noch mehr aber des geistigen Ausruhens, nach

solchem Kampfe, war überschwenglich groß; in der Stadt fand sich

Alles, dessen die Seele, Alles auch dessen der arme, von Sehnsucht

und unsäglicher Mühe ermattete Leib bedurfte und begehrte. Jerusalem

ward von Neuem die Stadt eines Königes, dem es ein Ernst war in allen

Geboten und Gesetzen des Herrn zu wandeln, untadelich. Aber nur wenig

Monate und dieser König ward hinweggenommen; nur wenig Menschenalter

und der, wie es schien so fest auf Glauben gegründete Herrscherthron

ward umgestoßen.

Wie kam es, daß dieses Reich eines neuen, christlichen Jerusalems so

bald endete?

Die Natur antwortet uns hierauf, in einem ihrer unverbrüchlichsten

Gesetze. Der Löwe kann sich nicht vermählen mit dem Wolfe; und ob auch

das edle, geflügelt schnelle Streitroß mit dem unedleren langsamen

Lastthier sich vermischte, so werden doch die Kinder solcher

ungleicher Ehe selber keine Kinder haben; ein Geschlecht solcher

chimärenartiger Formen pflanzet sich nicht fort. Die Thaten und die

Herrschaft der Franken in Jerusalem waren zum Theil aus einem fast eben

so ungleichen Elternpaar hervorgegangen als Löwe und Wolf es sind; der

Vater war allerdings bei Vielen der Glaube von göttlicher Abkunft, die

Mutter aber war zum großen Theil jene arme, unlautere, fleischliche

Selbstsucht, die von ungöttlicher Herkunft ist und deren Werken der

Christenglaube der späteren Jahrhunderte, der zur Selbsterkenntniß

kam, sich schämet[154]. Wäre dort die Omarsmoschee, so lange sie im

christlichen Königreich Jerusalem Kathedrale des Patriarchen war, wäre

die Kirche des heiligen Grabes von jener Zeit an bis auf unsre Tage

ein Buch gewesen, darinnen Alles verzeichnet stünde, was hier von

Christen geschehen, nicht nur in der unsichtbaren, verborgenen That des

Herzens, sondern selbst in der sichtbaren der fleischlichen Werkzeuge,

sie würden von Vielen, welche das Buch läsen, nicht mehr Tempel einer

göttlichen Weisheit genannt werden können. Mancher Leser der Schrift

der Wände würde die größere Zahl der Schaaren, welche hieher kamen,

um, wie sie sagten anzubeten den Rathschluß einer ewigen Weisheit, der

da will daß allen Menschen geholfen werde, fragen, mit den Worten des

Apostels Jacobus[155]: »Wer ist weise und klug unter euch? Der erzeige

mit seinem guten Wandel seine Werke, in der Sanftmuth und Weisheit.

Habt ihr aber bittren Neid und Zank in eurem Herzen; so rühmet euch

nicht und lüget wider die Wahrheit. Denn das ist nicht die Weisheit

die von oben herab kommt; sondern irdisch, menschlich und teuflisch.

Denn wo ~Neid und Zank~ ist, da ist Unordnung und eitel böses

Ding[156]. Die Weisheit aber von oben her ist aufs erste keusch,

darnach friedsam, gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und

guter Früchte, unpartheiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht aber der

Gerechtigkeit wird gesäet im Frieden denen, die den Frieden halten.«

Paulus der Apostel, wenn er eben dieselbe Frucht beschreibt[157],

nennet sie als »Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit,

Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit.« Diese Frucht wuchs freilich

nur sehr sparsam auf Golgathas Felsen als Christen mit weltlicher Macht

ihn beherrschten. Aber dennoch bleibt es dabei, der Duft von Zions

Lilie war nicht Allen die ihn einathmeten ein Geruch des Todes zum

Tode, sondern Manchen, und nicht Wenigen, ein Geruch des Lebens zum

Leben.

Wir wenden uns von neuem, von der Betrachtung des vormaligen zu der des

jetzigen Jerusalems.

Nur nach Osten hin bildet der Umfang der Stadt, dem hier der Bergabhang

gegen das Kidronthal die natürliche Begränzung giebt, eine fast gerade

Linie; von Westen nach Norden und von da gegen Osten zieht sich die

Mauer in einer bogigen Richtung herum. Diese Seite ist die längste von

allen, denn nach Maundrells Messung, welche wir in dem Verhältniß der

einzelnen Strecken richtig fanden, wiewohl wir meist eine geringere

Zahl der Schritte herausbrachten[158], beträgt der äußere Weg von der

Nordwest- zur Nordostecke 1435 Schritte (der Umfang der ganzen Stadt

4630). Dennoch hat auch diese lange Seite nur ~ein~ offnes Thor:

das Bab es Scham oder Damaskusthor, weil das weiter nach Nordosten

gelegne Herodesthor, das von den Kreuzfahrern des Mittelalters das

St. Stephansthor genannt war, seit den letzten Unruhen in Syrien

verschlossen ist. Jenseit des Damaskusthores führt ein Seitenweg zu

jener Grotte, in welcher Jeremias, so erzählt die Ueberlieferung, seine

Klagelieder schrieb. Ein Türke hat bei jener Felsenkluft seinen Garten

angelegt, dessen Zugang wir heute verschlossen fanden, weshalb wir erst

später das Innre betraten. An einem der benachbarten Felsen trafen wir

unsern Reisegefährten, den Maler Bernatz, mit dem Aufnehmen seiner

nördlichen Ansicht von Jerusalem beschäftigt.

Vor den andern allen erscheint die Ostseite der Stadt als die

interessanteste und bedeutungsvollste. Hier hat die Natur selber der

bauenden Menschenhand ihre Gränze gesteckt, darum ist dort der Umriß

der jetzigen, neuen Stadt noch der nämliche denn jener der ältesten,

zur Zeit der Zerstörung durch Nebucadnezar, und der alten, zur Zeit des

Titus war. Das alte Jerusalem hatte an seiner Ostseite, deren Länge

gegen tausend Schritte misset, vier Thore: das Fischthor nahe an

der Nordostecke der Mauern, dann das Schafthor, welches dem jetzigen

Stephansthor entsprochen zu haben scheint, hierauf, jenseits der beiden

Mauerthürme Mea und Hananeel das Roß- oder Kerkerthor, am Morija,

dessen vermuthliche Gegend bei dem jetzt zugemauerten, goldnen Thore

gesucht werden muß, endlich am weitesten nach der Südostecke hin das

Wasserthor[159]. Dagegen besitzt die jetzige Stadt auch an dieser Seite

nur ein einziges offenes: das sogenannte Stephansthor.

So wie man um die Nordostecke herum kommt hat man die nahe, freie

Aussicht nach dem herrlichen Kidronthale und dem grünenden Abhange

des Oelberges. Noch vor dem Stephansthore kommt man an einer

brunnenartigen, anjetzt wasserleeren Cisterne vorüber. Jenseits des

Thores ist die Stadtmauer so nahe an den gähen Abhang vorgerückt, daß

nur ein schmaler, unebener Saum, neben dem Tempelberg hin, für die

Türkischen Grabstätten übrig bleibt. Hier ist das goldne Thor, das

die Türken zumauern ließen, weil einer ihrer vermeintlichen Seher

der Zukunft weissagete, daß einst, an einem Freitage, ein Held und

König der Christen durch dieses Thor seinen Einzug halten werde. Da

herein nahm vormals am Palmsonntage, die Prozession der Christen,

an ihrer Spitze der Patriarch ihren Weg und nicht ohne Grund der

Wahrscheinlichkeit lässet die christliche Ueberlieferung das goldne

Thor jenem entsprechen, durch welches auch Christus der Herr unter dem

Hosiannarufen der Seinigen hinanzog zum Tempel. Er selber, mit dem

festen, unverwandtem Hinblicke auf eine andre Erhöhung und auf eine

andre Krone denn die war, welche das freudige Zujauchzen seiner Jünger

meinte; den Meisten und Mächtigsten im Volke der Allerverachtetste,

und dennoch, das durfte und sollte die Schaar der Kleinen und Armen

ohne Scheu bekennen, ein König, welcher dazu geboren und in die Welt

gekommen war, daß er die Wahrheit zeugte.

Schon in der Nähe des goldnen Thores, noch mehr aber an der Südseite

der Stadt, bemerkt man an dem untern Theile der Mauer riesenhafte

Werkstücke, welche ohnfehlbar von ungleich früheren Bauleuten gebrochen

und behauen wurden, als die der jetzt bestehenden Mauern waren. Die

ganze Länge der Südseite der Stadt, von der südöstlichen, bis zu

der, jenseit des Zionsthores gelegnen südwestlichen Ecke, beträgt

über 1200 (nach Maundrell 1290) Schritte und auch an dieser ganzen

Seite findet sich jetzt nur ~ein~ offenes, das schon erwähnte

Zionsthor, weil die Pforte, am sogenannten Mistthore, seit den

letzten Unruhen verschlossen ist. Hier nach Süden hat, eben so wie

nach Norden der Umriß und die Ausdehnung der Stadt, wenn man ihren

jetzigen Zustand mit dem älteren, zur Zeit der Zerstörung durch Titus

vergleicht, sehr bedeutende Veränderungen erlitten. Von der heutigen

Südgränze Jerusalems zog sich vormals an den Abhängen des Zion wie des

Morijaberges ein unterer Theil der Stadt hinab, bis zur Gegend der

Quelle Siloah; Titus ließ nach Eroberung des Tempels die Häußer dieses

unteren Stadttheiles abbrennen, ohne deshalb von hier in die obere

Stadt eindringen zu können, weil der Berg Zion noch von einer besondren

Mauer fest umschlossen war[160].

Die Aussicht, an einigen Punkten der nächsten Umgegend der südlichen

Mauer ist eine der schönsten, welche man bei Jerusalem finden kann.

Nahe vor sich erblickt man die Kuppel der großen Moschee, noch

näher an der Stadtmauer erhebt sich das schöne Gebäu des vormaligen

Christentempels, welcher der Darstellung Marias im Tempel gewidmet,

jetzt aber zur Aksa-Moschee geworden ist. In Nordosten erhebt sich

der Oelberg, in Osten siehet man, unten, am jenseitigen Abhang des

Josaphatthales das Dorf Siloah; im Süden das tiefe Kidronthal und die

fernen Höhen an denen der Weg nach St. Saba vorbeigeht; im Westen das

Ben Hinnomthal mit der Menge seiner Grabeshöhlen[161].

Das Tyropöonthal, welches selbst innerhalb der alten Stadt den

Morijaberg deutlich von dem Zion abgränzte, ist auch jetzt, wenigstens

außerhalb der Mauern noch erkennbar; als eine Schlucht, in welcher

der Weg von der Gegend des Mistthores hinab gen Siloahs reinen Quell

verläuft. Jenseits dieser Schlucht, bei der sich so manche Erinnerungen

des Reinen und Unreinen aus der Geschichte Jerusalems vermischen; da

wo jetzt Dornengesträuch auf dem Haufen der zertrümmerten Marmorsteine

wächset, erhub sich, wetteifernd an Pracht mit dem Bruchion zu

Alexandria des Herodes Pallast. Gärten und schattige Baumanlagen,

abwechslend mit gemauerten Wasserteichen umgaben das prunkende Gebäu,

aus dessen einem Flügel man Alles sehen konnte was in dem gegenüber

gelegnen Tempel auf Morija vorgieng, bis die Juden diese Aussicht

durch eine hohe Mauer verbauten. In dem Pallaste selber fanden

sich Säle, vom Golde glänzend, in denen für hundert Gäste Raum und

königliche Bewirthung gegeben war. Und siehe, da auf derselben Höhe des

Zion, außerhalb der dreißig Fuß hohen Mauern des Königspallastes, stund

ein andres Haus mit einem gepflasterten Saale, in welchem zwar nicht

hundert Gäste nach königlicher Weise, wohl aber zwölf, unter denen

nur einer des Mahles unwürdig, von dem »Fürsten der Könige auf Erden«

mit einem Brod und einem Weine bewirthet wurden, gegen welche Indiens

und Yemens Gerichte nur Staub und Asche sind. Es war dort keine Mauer

vorgebaut, wie vor dem Tempel auf Morija; Herodes hätte sehen dürfen

was geschahe, aber das Auge des Idumäers hätte nicht verstanden was

da vorgieng und verstehet dieses bis auf den heutigen Tag noch nicht,

denn die Decke hängt nicht vor dem offenkundigen Geheimniß, sondern vor

dem Auge des Schauenden. Der Pallast des Herodes mit den Gebäuden des

Agrippa, sammt allen Cisternen und Gärten die sie umgaben, sind bis

auf jede Spur verschwunden; ihrer gedenket nur ein längst verstummter

Augenzeuge: der Jüdische Geschichtsforscher Josephus, und keiner der

vorüberziehenden Pilgrime fragt nach der Stätte wo die Hunderte der

Gäste des Herodes mit ihrem Könige zu Tische lagen. Nach der Stätte

aber des Haußes, da Christus mit seinen Jüngern das letzte Osterlamm

aß und das Abendmahl feierte, fragt die Liebe auch des spät gebornen

Geschlechtes noch mit sehnendem Verlangen, und Der, welcher die Liebe

und das kindliche Vertrauen der Einfalt nicht verachtet, wird dafür

gesorgt haben, daß in vielen Menschenherzen, welche dort im Hauße des

Abendmahls auf Zion Sein gedachten, eine Thüre sich aufthat, durch

welche Er selber eingieng um mit dem beseligten Herzen das Abendmahl zu

halten.

* * * * *

Wir wendeten uns jetzt, von der südwestlichen Ecke der Stadt wieder zur

Westseite, nach unsrem heimathlichen Bethlehemsthor. Diese westliche

Seite der Stadt hat die geringste Ausdehnung, obgleich man um sie zu

umgehen, wegen der Unebenheiten des Bodens, der von der Südwestecke

abwärts fällt, von da bis zum Thore gegen 480 (nach Maundrell 500)

von hier bis zur vorspringenden Nordwestecke fast 390 (nach Maundrell

400) Schritte zu machen hat. Auf dem Hinabweg nach dem Thore sahen wir

an der Seite des Weges viele jener bunten (namentlich roth und weiß

gefärbten) Marmorsteine, durch welche die Umgegend von Jerusalem sich

auszeichnet. Er gleicht jenem hochgeachteten Marmor, den die Alten nach

Adonis nannten. Und so kamen wir denn abermals mit sehr beschwerten

Taschen, aber mit leichten, sehr fröhlichen Herzen in unser Pilgerhaus.

* * * * *

Die guten Väter des griechischen Klosters, an die wir von Kairo aus,

wahrscheinlich zur Bewirthung empfohlen gewesen, hatten uns, ich weiß

nicht warum? gar zu freigebig beschenkt, mit zwei Lämmern, einem

großen Krug voll trefflichen Weines, einem Hut Zucker und sehr vielen

Broden. Ich machte am Nachmittag dort einen Besuch und brachte dem

Kloster ein entsprechendes Gegengeschenk an Geld, weil eine andre Art

der Entgegnung nicht zu finden war. Wir freuten uns abermals an der

alterthümlichen Pracht des Klostergebäudes und an der Schönheit des

Gartens, wie an all jenen Vorzügen, welche dieses Kloster durch seine

Nähe an der Kirche des heiligen Grabes und durch seine unmittelbare

Verbindung mit dem Dache dieses Gebäudes hat.

Die Kirche wurde heute früher als gewöhnlich geöffnet; wir hatten Zeit

das Innre, in der sonderbaren Zusammenfügung seiner Theile, ganz ruhig

zu betrachten. Für viele meiner Leser hat mir mein Reisegefährte und

Freund, der Maler Bernatz, durch die Herausgabe seiner Zeichnungen die

Mühe eines genaueren Beschreibens erspart[162], nicht aber für alle.

Ich gebe demnach hier wenigstens die Hauptumrisse.

Wenn dieses Gebäude der bedeutungsvollsten Kirche der Christen, den

tiefen Eindruck, den sein Besuch auf so viele Seelen machet, nur

der äußren Symmetrie und architektonischen Schönheit seines Innren

verdanken müßte, dann wäre es übel mit ihm bestellt; die Besuchenden

würden sehr wenig befriedigt seine Hallen verlassen. Es sind, wie

wir schon oben sahen, drei verschiedne, und nicht in gerader Linie

liegende, älteste Christenkirchen, welche seit den Zeiten des

Fränkischen Königthumes zu einem Ganzen verschmolzen wurden: die

Kirche des heiligen Grabes, die hiervon südöstlich stehende Kirche

der Kreuzigungsstätte und die in Ost gegen Süd gelegene meist

unterirdische Kirche der Kreuzesfindung. Aber mit der Aufnahme dieser

drei Kirchen unter ein gemeinsames Dach war die Aufgabe der späteren

christlichen Bauleute noch nicht vollkommen gelöst; sie mußten auch

die in Norden gelegne Kapelle, welche die Stätte bezeichnete, da der

auferstandne Herr am ersten der Maria Magdalena erschien, dem übrigen

Tempel anfügen und einem Chor der Armenier seinen Raum im Innren

der Mauern anweisen. So erinnert dann das Ganze an ein Gehäufe von

verschiedenartigen Krystallen, daran jüngere auf ältere, jeder nach

eignem Gesetz der Gestaltung, sich angefügt haben.

Wenn man zu einer der beiden Thüren des Einganges, der nach Süden

liegt, (es ist der einzige den die Kirche hat) hereintritt, sieht

man, jenseits der viereckten Säule, gerade vor sich die Marmorplatte,

welche den Pilger an die Salbung des Herrn, nach der Abnahme vom

Kreuze erinnern soll. Zur Rechten (in Osten) von dieser steigt man

auf 18 Stufen hinan zu der Kapelle der Kreuzigung auf Golgathas Fels;

in den Fels selber unter der Kreuzigungsstätte, ist von ebener Erde

aus die Kapelle des Evangelisten Johannes eingehauen. Eine Spalte im

Felsen, die man auch oben, neben dem Orte bemerkt, da Christi Kreuz

stund, setzt hinab in die Tiefe der unteren Grotte fort und wird als

ein Zeugniß des Erdbebens betrachtet, das bei Christi Tod das Land

erschütterte. Vor der Kapelle des St. Johannes war sonst ein Anbau, in

welchem die steinernen Särge der beiden ersten christlichen Könige von

Jerusalem, des Gottfried von Bouillon und Balduins +I.+ stunden.

Als die wilden Horden der Charismier im Jahre 1244 an der Kirche des

heiligen Grabes ihre zerstörenden Gräuel übten, da öffneten sie auch

die Gräber der christlichen Könige von Jerusalem und andrer vornehmer

Pilger und verbrannten die noch übrigen Gebeine[163]; schon damals

hatten deshalb diese Stätten aufgehört Gräber jener Heldenkönige zu

seyn; nun aber sind, seit dem neuen Kirchenbau der griechischen

Christen auch die Inschriften der Gräber dem äußren Auge verschwunden,

nicht aber dem innren, welches dieselben mit unverlöschbaren Zügen dem

Heldenbuche der Geschichte eingeschrieben findet.

Die Kapelle der Kreuzigungsstätte ist 45 Bayerische Fuß lang und 30

Fuß breit: ihre beiden, massiven Gewölbe mögen wohl zu den frühesten

Werken der christlichen Baukunst gehören. Noch unverkennbarer jedoch

als an der Golgathaskirche ist die uralte Abkunft an dem Bauwerk der

Kapelle der heiligen Helena. Auch diese liegt eigentlich außerhalb des

Kirchenschiffes des Haupttempels und nicht einmal genau in der Linie

der Längenausdehnung jenes Schiffes, sondern um einige Grade von Ost

nach Süden gerückt. Wie die Kapelle der Kreuzigung über, so liegt die

der heiligen Helena unter dem ebenen Boden der Kirche. Die gerade

Linie der Entfernung von der Treppe zu Golgatha, bis zu dem Eingang

zur Helenenkapelle misset gegen 110 Fuß; man steigt auf 21 Stufen zu

dieser hinab; sie bildet ein ziemlich vollkommnes Quadrat von 45 Fuß

Durchmesser; an der südöstlichen Ecke steigt man auf 11 Stufen zu dem

brunnenartigen Raum hinab der als Ort der Kreuzfindung verehrt wird.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 37 / 42 段