Die Auffahrtskapelle, schon von der Kaiserin Helena begründet,

gehört jetzt den Armeniern, die uns freundlich und gern den Eintritt

gestatteten. Auch der Islamismus, der wie die flüchtige, scheue,

Schwalbe, so unzähmbar er auch ist, dennoch gern sein Nest unter

und bei den Hallen der christlichen Andacht erbauet, hat nahe bei

der Auffahrtskirche eine Moschee angelegt, und wahrlich, hier wie

einst auf dem Thabor möchte die Seele des Pilgrims sagen: »da ist

gut seyn; laß uns Hütten bauen.« Was in Mamres Haine verheißen, auf

Morija vorgebildet, auf dem Thabor vorausgeschaut, aus Golgatha

durchgekämpft wurde dem ist hier, auf des Oelbergs Höhe das Siegel

der Verherrlichung ausgeprägt und die Palme des Sieges gereicht

worden. Und welche andre Aussicht auf Erden ist wohl der vom Gipfel

des Oelberges zu vergleichen, die wir nicht bloß heute, sondern auch

später noch öfters genossen. Unter sich in Westen sieht man die

Stadt, welche einst genannt war eine Wohnstätte des Herrn und Seiner

Herrlichkeit; die Mauer um den Tempel auf Morija hemmet, von diesem

höheren Standpunkte aus[139], den Ueberblick nicht, man sieht mit ihren

Säulenhallen die wahrhaft schöne Moschee des Omar und die vormalige

Kirche von Mariä Opferung, sammt dem ganzen sie umringenden Vorplatz;

das Fernrohr, dessen man sich in unsern Tagen ungestraft bedienen darf,

macht jeden der kunstreichen, metallisch glänzenden Ziegel der Kuppel

deutlich. Aber auch die Höhen und Tiefen der weiten Umgegend sind ein

bedeutungsvoller, herrlicher Rahmen zu dem Bild von Jerusalem. Gegen

Osten hin senkt sich der Blick von einer Tiefe zur andern, bis zu dem

Kessel des todten Meeres hinab und jenseit des Wasserspiegels, dessen

nördliches Ende man sieht, erhebt sich der Bergzug des Nebo und Pisga,

von dessen Gipfel der Mann, der in seinem ganzen Hauße treu erfunden

ward das Land der Verheißung überblickte, das sein Fuß nicht betreten

durfte. Das Thal des Jordans (das Ghor) kommt im Norden des Salzmeeres

aus dem Verdeck der diesseitigen Höhen hervor; es ist als ob man aus

der leichteren Luft des Oelberges nach jenem Thalkessel hin in eine

ungleich dichtere atmosphärische Schicht blickte, die dem Flußthale

wie dem todten Meere eine ganz besondre Färbung ertheilt[140]. Auch

das Kidronthal kann man als tiefe Spalte verfolgen bis an jenes Meer

der Senkungen. Wendet man sich von Ost nach Norden da zeigen sich dem

Auge die Höhen des Gebirges Ephraim; unter ihnen, besonders deutlich,

der Ebal und Garizim bei Sichem und manche andre Gegenden, die wir auf

unsrer nachmaligen Reise berührten. Denn wie oft habe ich es beklagt,

daß ich nicht später, da ich des Landes etwas besser kundig war noch

einmal zum Oelberg zurückkehrte, um das Panorama seiner Aussicht besser

deuten zu können; wie sehr beklagt es noch jetzt mein Reisegefährte,

der Maler Bernatz, daß er es versäumt hat dieses Panorama zu zeichnen;

eine Arbeit die sich jeder geschickte Zeichner der an diese Stelle

kommt zu einer Hauptaufgabe machen sollte, da sie für die bessre

Kenntniß des Landes von großer Wichtigkeit seyn könnte.

Während meine Begleiter noch bei der Auffahrtskapelle und bei dem

neuen Bau der Armenier verweilten, war ich ein wenig am östlichen

Abhange des Berges hinunter gegangen bis dahin, wo man jenseit des

schmalen Höhensattels der zwischen den beiden Thalschluchten verläuft,

nach Bethanien hinabschauen kann. Der kurze Weg hatte über die Stätte

von Bethphage am Oelberg geführt, wo die Zurüstungen zum Einzuge des

Sanftmüthigsten und Demüthigsten der Herrscher begannen. Auch in meiner

Seele ertönte das Hosianna der Jünger; ich genoß da eine Nachfeier des

Palmensonntags, die zwar der Zeit nach verspätet, ihrer Kraft nach aber

durch keinen Unterschied der Tage geschwächt war.

Von dem mittleren Gipfel des Oelberges, an welchem der eine, nähere

Weg von Jerusalem nach Bethanien vorüberführt, giengen wir, auf eben

diesem Wege hinab nach dem Kidron. Seitwärts, am Rande eines Feldes

voll junger, grünender Saat, zeigte uns unser Führer eine Eintiefung

im Felsen »in welcher die Apostel das Glaubensbekenntniß verfaßten;«

in der Mitte eines andren, von jungen Oelbäumen und Granatengebüsch

umgebenen Feldes die Stätte »da der Herr den Jüngern Sein Gebet

lehrte;« noch weiter abwärts am Berge stehet zur Rechten des Weges ein

in Trümmer verfallenes Kirchlein, das die Kaiserin Helena an jenem

Punkte begründete, »wo Christus beim Anblick jener Stadt weinete,«

welche auf die Lockstimme der mütterlich erbarmenden Liebe nicht hören

noch achten wollte.

Wir waren jetzt hinabgekommen zu dem Thale Josaphat, durch welches

das Bette des Kidron seinen Verlauf nimmt; zu jenen Grabmählern,

welche gleich denen in Petra fast ganz aus der Masse des nachbarlichen

Felsens ausgehauen sind. Dieses Thal der Gräber und der Schatten,

dem sich während der Frühstunden hinter dem Oelberg, während der

Nachmittagsstunden hinter dem Morija die Sonne verbirgt, hat auf mich

unter allen Punkten der nächsten Umgegend der Stadt den ernstesten

Eindruck gemacht; daselbst weilte ich später oft und lange, wenn die

Sonne über die Höhen in Westen hinüber war, und fühlte mich jedesmal

in meinem Innersten von »Gedanken an das Ende« durchdrungen. Hier sind

seit Jahrhunderten die meisten Grabstätten der Israëlitischen Bewohner

von Jerusalem; ihnen gegenüber unmittelbar an der Stadtmauer hin,

welche die Ostseite des Morija umgiebt, Grabstätten der Türken. Von

den Denkmälern aus Felsen, welche uns auch durch ihre Form an mehrere

von jenen erinnerten, die wir in Petra sahen, wird das eine das in

thürmchenartiger, runder Spitze endigt, gewöhnlich für Absaloms, ein

andres dessen gemauerter Obertheil von vierseitig pyramidalem Umriß

ist für Josaphats Grab, ein drittes für das des Zacharias gehalten und

in der Nähe von diesem wird eine Grotte gezeigt, in welcher Jacobus

und mit ihm noch etliche Jünger bei der Gefangennehmung des Herrn

sich verbargen. Bei dem gewöhnlich sogenannten Grabmale des Absalom

sieht man ganze Haufen von Steinen, welche die Türken dahin warfen

mit Aussprechen eines Fluchs gegen Absalom und gegen Jeden der seinen

Eltern ungehorsam ist[141].

Auf diese westlichen Abhänge des Oelberges und auf Josaphats Thal

lässet die Weissagung der Propheten ein Licht fallen, das seit langer

Zeit die Aufmerksamkeit des in alle Länder zerstreuten Volkes, mitten

im nächtlichen Dunkel seines Weges auf sich lenkte, und Tausende der

gläubigen Israëliten noch in ihren alten Tagen nach Jerusalem zog,

damit ihre Gebeine dort im heiligen Thale zu den Gebeinen der Väter

gesammlet würden. So verkündet einer der Propheten, der den Zeiten

der ersten Erfüllung, da der Heiden Trost kam, schon nahe stund, daß

der Herr, wenn er kommen wird mit allen Heiligen ein Richter und

Helfer, stehen werde auf dem Oelberg[142] und ein heiliger Seher des

früheren Jahrhunderts weissaget von einem Tage der großen Entscheidung

im Thale Josaphat[143]. Und so glaubt das merkwürdige Volk dem die

Weissagung zunächst galt, daß der Schauplatz des großen Gerichts der

Völker und Menschen hier im Osten des Morija im Thale des Kidron seyn

werde. Aber nicht allein die Israëliten, sondern auch die Mohamedaner

und selbst ein großer Theil der Orientalischen Christen hegen von

dieser Stätte eine gleiche Erwartung. Die Bekenner des Islam verehren

dort, auf Morijas Höhe, bei der Moschee Aksa, welche südwärts von

der des Omar liegt einen Stein, auf dem der Prophet sitzen werde an

jenem großen Tage, wenn er mit Jesus dem Propheten zugleich die Völker

richtet. Es zeigt sich in Ismaëls Volk bei jeder Gelegenheit eine

Beachtung des prophetischen Wortes, das den Kindern Abrahams nach dem

Fleisch, wie jenen nach dem Geiste gegeben war, zugleich aber ein

Bestreben das lebendige Wasser das aus dem Quell hervorkommt nach

ihrer Cisterne zu leiten und dann zu behaupten hier, nicht am Quell,

der ohne Aufhören fließet, sey der Ursprung des klaren Bornes. Endlich

so erinnern viele Christen des Orients, wenn sie das Thal Josaphat so

hoch beachten, außer den Stellen des Propheten an die Worte der Engel

bei der Auffahrt des Herrn[144], indem sie zu dem ~Wie~ sich ein

~Wo~ hinzudenken. Und lassen wir immer das Sehnen des kindlichen

Glaubens, der den Gedanken des Wiedersehens zuversichtlich festhält,

hinausschauen auf den Weg da die Mutter ihm entschwand; hoffend daß auf

demselben Wege sie auch einmal zurückkehren werde.

Ganz nahe bei Absaloms und Josaphats Grabmale führt eine steinerne

Brücke über das hier tief in den Felsen gegrabene Bette des Kidron. Von

ihr sollte Christus durch seine Dränger -- die Kriegsknechte und Juden,

in der Nacht seiner Gefangennehmung hinabgestoßen worden seyn. Von hier

führt der steinige Weg sehr steil hinan nach der südöstlichen Ecke der

Stadt, dann minder beschwerlich und zum Theil eben, an der Südseite der

Mauer herum nach dem Zionsthor, zur vermutheten Stätte von dem Haus

des Hohenpriester Hannas. Wir behielten für den heutigen Vormittag

die Richtung nach Westen bei und vorläufig zeigte unser Führer uns

in der Ferne, am jenseitigen Abhange des Gihonthales die Grabstätte

der Pilger, welche für den Töpferacker oder Blutacker der heiligen

Schrift gehalten wird[145], so wie nahe am Zionsthor, zu unsrer Linken,

auf der Höhe des Zionsberges, welche jetzt außerhalb der Stadtmauern

liegt, die Stätte da Kaiphas Palast, und jenseits derselben jene wo

das Haus stund, in welcher Christus der Herr das letzte Osterlamm mit

seinen Jüngern genoß und das Abendmahl einsetzte. Wir hatten jetzt

die südwestliche Ecke der Stadt erreicht, von wo der Weg bergab gehet

bis er sich zuletzt wieder nach dem Bethlehemsthore hinanziehet. Es

war eben Mittag als wir in unser stilles Pilgerhaus zurückkamen; mit

solchem Gefühle als den Gast und Fremdling in einer Stadt anwandelt,

in welcher theure, vorhin noch nicht gesehene Freunde wohnen, wenn er

nun endlich die geistig längst Gekannten, leiblich aber Unbekannten mit

eignen Augen gesehen und mit der eignen Hand begrüßt hat.

In einer der früheren Nachmittagsstunden machte ich einen Besuch

im griechischen Kloster, in welches ich durch Empfehlungen des

griechischen Patriarchen in Kairo eingeführt war. Auch hier fand

ich die freundlichste Aufnahme und genoß von dem platten Dache der

griechischen Kirche, welche mit der des heiligen Grabes (wie ich dieß

später beschreiben werde) vereint ist, eine herrliche Aussicht über die

Stadt und ihre Umgegend. Es war noch zeitig am Tage; es zog mich hin

nach der Ostseite der Stadt, zu dem kleinen, meist aus Schutthaufen

gebildeten Hügel, der jenseits der Stätte von Pilatus Palast neben

dem sogenannten Hauße der heiligen Anna, in der Nähe der Stadtmauer

beim Stephansthore sich findet. Diesen hatte ich mir heute als einen

Punkt der nächsten, deutlichsten Aussicht nach der Höhe des Morija und

zugleich nach dem Oelberg bemerkt. Hier konnte ich die Sonne ruhig

untergehen und den Abend dämmern sehen, ohne fürchten zu müssen, daß

man mich beim Schließen der Thore aus der Stadt aussperre. Denn dieser

Ort, den ich von nun an öfter am Abend besuchte, und auf welchem ich

gewöhnlich auch bei der Heimkehr aus dem Thale Josaphat und vom Oelberg

noch einige Augenblicke verweilte, gewährt, obgleich er innerhalb

des Thores liegt, durch seine Höhe und Stellung an der Mauer alle

die Vortheile der Aussicht, welche ein außerhalb der Stadt gelegener

Punkt darbieten kann. Zugleich ist es hier so still und einsam, daß

die Betrachtung durch Nichts gestört wird; denn nur selten ließ am

Saume des Schutthügels ein alter Türke mit seiner Ziege sich sehen,

welcher mitten unter den Trümmern ein armseliges Hüttlein bewohnt.

Eine einsame, schlanke Palme beschattet an der Südseite des Hügels die

alte Stadtmauer; das genügsame Gewächs der amerikanischen Felsenwüsten,

so wie unsrer südeuropäischen Lavafelder: die Opuntienfeige mit ihren

stachlichen, dickfleischigen Blätterstämmen hat hin und wieder über

den Schutt und Staub sich ausgebreitet. Nur einige Schritte gegen

Nordwest senkt sich der Hügel gegen das nun auch in Trümmer liegende

Gebäude hinab das zuletzt noch Moschee, in früheren Jahrhunderten

aber eine Kirche war, welche die christliche Andacht über der Stätte

errichtete, wo nach der Sage die Eltern der erwählten Jungfrau ein

Haus bewohnten[146]. Vor zwanzig Jahren fand Otto von Richter in der

anfänglichen Kirche und nachmaligen Moschee einen Pferdestall; als wir

es sahen war das alte Gemäuer von allem Leben verlassen, ein Ort der

Todtenstille. Unten am Boden führen Stufen nach einer Grotte hinab, die

vormals auch den Uebungen der Andacht geweiht war. Denn wie die Feier

der alten Mysterien, welche meist, mit mehr oder mindrer Deutlichkeit

auf die Zukunft Dessen hinwiesen, der den ersten Vätern verheißen

war, so hatte auch die Gottesverehrung der frühesten, christlichen

Jahrhunderte, vorzüglich die abgelegene Tiefe und Stille der Grotten

zu ihrer Bergungsstätte gewählt.

Dort bei dem verfallenden Gemäuer, auf dem Grabhügel des Getrümmers,

in welchem der älteste Schutt der Zerstörung unter dem einer späteren,

dieser unter dem einer noch jüngeren begraben liegt, stund ich und

überblickte die Stadt, welche mehr als jede andre der Erde ein

großer Gottesacker, eine Stadt der Gräber genannt werden kann, unter

denen ~eines~ ist das auch die andern alle vermag zu Kammern

den Friedens zu machen. Wie viel des Staubes auf den hier mein Fuß

tritt ist wohl gewöhnlicher Staub, wie viel davon ist Asche des

Menschengebeines! Als dort auf Morijas Höhe der Vater der Gläubigen,

im festen Vertrauen, daß Der, welcher die That ihm selber befahl, auch

aus den Todten wieder erwecken könne[147], den Sohn der Verheißung

darbrachte, da waren von nun an Zions Höhen zu einem Garten geweiht

den die Hand des Gärtners mit Balsambäumen und Gewürzkräutern, von

andrer Kraft denn jene auf Gileads Auen, bepflanzte; der Berg Zion

war bald selber zu einem schönen Zweige geworden, dessen das ganze

Land sich tröstete[148]; denn aus Zion brach an der Glanz Gottes;

hier war die Stätte von welcher des Herrn Wort ausgieng, denn es war

erwählet zu einer Wohnung des Herrn und Seiner Herrlichkeit; zu einem

Quell aus dem das Heil aller Völker kam. Aber obgleich der Grundstein

der Herrlichkeit Zions von einer Hand gelegt war, deren Werke nie

vergehen noch veralten[149], mußte doch alles Das was durch Kraft des

Menschen auf und an dem Grundstein erbauet war, Verwandlungen erleiden

wie ein Gewand; dort jene Moschee Sackhara, welche der Chalife Omar

im Jahr 637 an der Stätte des Salomonischen Tempels erbauete steht

nun schon 12 Jahrhunderte lang unzerstört da, während die Dauer des

ersten Tempels der von Davids und Assaphs Gesängen wiederhallete,

noch lange nicht an die Hälfte dieser Jahre reichte, und auch der

zweite, zuletzt von Herodes so prachtvoll geschmückte Bau in welchem

Der erschien, welcher größer war denn der Tempel[150], noch nicht halb

so alt ward als das buntstreifige Werk des Islams schon jetzt ist.

Denn der farbige Schimmer wird auch von jenen Augen denen das klare

Sonnenlicht wehe thut, leicht ertragen; der reine Glanz Gottes aber

der von Zion ausgieng (Ps. 50, V. 2) reizte die im Dunkel geborene

Natur zur heftigen Abwehr; der balsamische Duft der einsamen Lilie

erschien den Meisten als ein Geruch des Todes zum Tode. Darum ist

keines der größesten Völker der Erde das seine Hand nicht gelegt hätte

an Jerusalem und seinen Muth nicht gekühlet an Zion; seitdem Israël

den Fels seines Heiles verlassen hatte war es ein Ziel der Geschosse

aller Feinde, ein Feld das zertreten ward von Allen, welche der Weg der

Kämpfe daran vorüberführte. Wenn die Trümmer, welche hier, die einen

über die andern hingestreut liegen auferstehen und zeugen könnten,

wie viele verschiedene Hände ihrer Erbauer und Bewohner so wie ihrer

Zerstörer würden sie nennen! Und dennoch bestehet der Grundstein, den

der Herr selber auf Zion legte annoch unverrückt und fest, und würde

dies bleiben auch wenn die Grundvesten der Erde vergiengen.

Das vergoldete, buntfarbige Dach der Moschee des Omar schimmerte im

Strahl der Abendsonne; hehrer jedoch denn die farbigen Ziegel erglänzte

der nahe Oelberg. Jetzt aber neigte sich die Sonne zum Untergang am

Hügel der Gräber der Richter; es war Zeit an den Heimweg zu denken,

denn von hier bis zum Lateinischen Kloster betrug die Entfernung fast

20 Minuten, und ich war in der Stadt noch Neuling. Ich kam noch während

der Dämmerung in unser Pilgerhaus zurück, wo man meiner nicht ohne

einige Besorgniß gewartet hatte.

Wenn uns in den Zeiten der Kindheit der liebe, heilige Christabend

irgend eine besonders erfreuende Gabe brachte, fiel uns wohl in der

Nacht, wenn die Lichter längst verlöscht waren, der Gedanke ein, daß

wir die schöne Gabe noch von dieser oder jener Seite nicht recht

betrachtet hatten, und wir konnten kaum den Morgen, mit seinem klaren

Scheine erwarten, um das neue Besitzthum mehr und besser zu beschauen.

So ergieng es mir in Jerusalem, das mit jedem neuen Blicke den ich

darauf richtete, den Wunsch ~noch mehr~ zu sehen, immer tiefer

aufregte. Ich hatte am 31sten März kaum den Morgen erwarten können;

denn heute war es unser Vorsatz ganz allein, Schritt vor Schritt

theils das schon Gesehene noch einmal zu betrachten, theils aber

Neues zu beschauen. In Begleitung zweier der jungen Freunde (des

+Dr.+ Roth und des Herrn Franz) machte ich mich frühe, bald nach

Sonnenaufgang auf um die Stadt von außen am ganzen Umfange ihrer

Mauern zu umgehen. Wir betrachteten zuerst noch innerhalb des Thores

von neuem, jenseits der niedren Mauer, zur Rechten des Weges, die

kleine, meist verschüttete Cisterne, welche den jetzigen Pilgrimen

als Teich der Bathseba gezeigt wird. Ihrer Bauart und der Masse ihrer

Mauerstücke nach scheint sie allerdings zu den Werken (wenn auch nicht

zu den ansehnlicheren) des alten jüdischen Jerusalems gehört zu haben;

ganz in ihrer Nähe jedoch ziehet ein andres Bauwerk die Aufmerksamkeit

mächtiger an sich, an welchem der Adel einer ehrwürdig alten Abkunft

unverkennbar deutlicher erkannt wird. Dies ist die Davidsburg oder das

Pisanerkastell, vor allem aber ihr mächtig starker Thurm. Es liegt in

ihr, die einstmals, zu den Zeiten Kaiser Friedrichs +II.+, auch

ein Besitzthum des deutschen Ritterordens war, anjetzt der Kern der

Aegyptischen Besatzung; denn durch ihre Lage wie durch ihre Festigkeit

beherrscht diese Akropolis die ganze übrige Stadt. Mag es seyn, daß

an den obersten Theil selbst des Thurmes, und noch mehr an die Mauern

und Burggräben der übrigen Citadelle die Zerstörer und Wiedererbauer

sehr verschiedner Zeiten ihre Hand angelegt haben; gewiß scheint es,

daß die riesenhaften Werkstücke der unteren Mauer, namentlich des

Davidsthurmes, seitdem sie die ersten Erbauer aufeinander fügten,

unangetastet in der alten Lage blieben, und daß diese daher wohl als

noch fortwährende Zeugnisse der Kraft des Jüdischen Herrscherreiches,

zu Davids und Salomons Zeiten gelten können. Titus befahl nach Josephus

Aussage, bei der Zerstörung Jerusalems, das man zum Andenken an die

fast unüberwindliche Festigkeit der Stadt drei Thürme der alten Mauern:

den Hippikus, Phasaëlus und Mariamne stehen lasse. Der Lage nach

entspricht vollkommen der Thurm Davids dem Hippikus; und noch jetzt

passet Josephus Beschreibung, nach welcher die unteren Werkstücke bei

einer zwanzig Ellen großen Länge, eben so großen Breite und einer

fünf Ellen betragenden Höhe so fest und dicht zusammengefügt waren,

als seyen sie aus einem Stücke gehauen, auf den unteren Theil dieses

Thurmes.

Gleich neben der Nordseite des Kastelles öffnet sich das

Bethlehemsthor, welches nach ~v. Raumers~ Vermuthung dem Thalthore

des alten Jerusalems entspricht[151]. Fast unmittelbar vor dem Thore

und noch mehr vor der Mauer der Burg beginnt die Senkung des Abhanges

gegen das Thal Gihon, so daß man wohl den Grund begreift, aus welchem

Graf Raimund, dem bei der ersten Eroberung Jerusalems durch die

Kreuzfahrer diese Gegend zur Stätte des Angriffes bestimmt war, von

hier sich hinweg zog an die südwärts gelegene, ebnere Höhe des Berges

Zion[152].

Wir hatten beschlossen den Umgang um die Stadt zuerst nach Norden,

von da gegen Osten zu machen, und von dort, vorüber an der Südseite,

zum Punkte des Ausganges zurückzukehren. Von dem Bethlehems Thore aus

bildet die Mauer eine gerade gegen Westen vorspringende, scharfe Ecke,

als hätte hier die Macht der Mohamedanischen Gewalthaber sich wie eine

durchbohrende Waffe gegen die Abendländer wenden wollen. Die jetzige

Mauer der Stadt, ein Bauwerk des Türkischen Sultans Suleiman, im Jahre

1534 vollendet, hat eine ziemlich gleichmäßige Höhe von etwa 36 Par.

Fuß, über welche in fast symmetrischen Abständen die viereckten Thürme,

zum Theil bis zur dreifachen Höhe hervorragen; die Dicke der Mauer

misset zwischen drei bis vier Fuß, wir bestiegen jedoch ihre obere

Breite nur in der Gegend des Stephansthores und bei den Ruinen der St.

Johanniskirche.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 36 / 42 段