Außer diesen bloß negativen, die Zweifel abwehrenden Gründen

finden sich auch noch andre, positive für die Aechtsprechung der

Oertlichkeiten des heiligen Grabes und der Schädelstätte. Auch nach

der Zerstörung Jerusalems durch Titus hatte die Liebe, welche für

die Fußtapfen des Geliebten so aufmerksame, scharfe Augen besitzt,

Golgathas Stätte, mitten unter den Trümmern wiedererkannt und

aufgefunden; das gescheuchte Häuflein der Jünger, wie mit Flügeln der

Taube, »welche den Weg zur Heimath kennet,« besuchte vielfältig die

geheiligte Stätte, und feierte hier das Andenken des größesten der

Siege. Kaiser Hadrian der Hochgebildete (denn die hohe Bildung schützet

nicht vor dem Widerwillen gegen die Einfalt des Christenglaubens)

hatte, um den Wallfahrten der Nazarener nach Golgathas nun zur Aelia

Capitolina gehörigen Felsen ein Ende zu machen, sechs Jahrzehende

nach der Zerstörung Jerusalems an die Stelle, da Christus gekreuzigt

ward, einen Tempel der Venus erbauen lassen; über dem Felsen, in

welchem das heilige Grab gewesen, stund ein Bild des Jupiter[130]. Die

Unsauberkeiten des Venusdienstes hatten allerdings die armen Tauben

der Wüste, welche in der reinen Luft der Höhen wohnen, verscheucht;

dennoch hatte auch diesmal, wie dieß so oft geschieht, der Haß für die

Liebe den Weg bereitet. Da nach dem Verlauf von fast zwei Jahrhunderten

(im Jahre 326 n. Ch. Geb.) die Kaiserliche Pilgerin Helena, damals

in Jerusalem weilend[131], in Vollmacht und nach dem Wunsche ihres

Sohnes, des Kaiser Constantin jene heiligen Stätten wiederaufsuchte,

um sie zu Christentempeln zu weihen, da gaben gerade die Ueberreste

der heidnischen Götzentempel den Forschungen einen sichren Anhalt. Als

am Fuße des Felsens Golgatha unter dem hinweggeräumten Schutte die

Grotte des heiligen Grabes, so wie die Sage der früheren Menschenalter

sie beschrieben, wieder aufgefunden, als sie unter dem Triumphgesang

der Christen wieder gereinigt und zur Stätte der Andacht geweiht war,

da erhub sich die christliche Baukunst zu ihren ersten, jugendlich

schönen Werken. Das domartige Dach über dem Grabesfelsen wurde von

hohen Säulen getragen; das geheiligte Grab umgab ein Vorhof der mit

glänzendem Gestein gepflastert und an drei Seiten von Säulenhallen

umgeben war. Die Basilika, der Tempel darinnen die betende Gemeinde

sich versammlete, stund ostwärts von dem heiligen Grabe (da wo

Golgathas Stätte ist). Das Auge der damals lebenden Christen hatte noch

keinen solchen Tempel, seinem Herrn zu Ehren gesehen, darum wird uns

von den Zeitgenossen, mit überfließendem Lobe die Größe und Höhe, die

buntfarbige Mosaik der äußeren Mauern, das bleierne Dach, die marmorne

Auskleidung der innren Wände, das prachtvolle Schnitzwerk der Decke

und die reiche Vergoldung gerühmt, von welcher vor Allem das Inwendige

der Basilika strahlte. Der Eingang war im Osten. Ehe jedoch die Schaar

der zum Tempel Wallenden zu dem Halbkreis kam, den zwölf hohe Säulen

vor diesem bildeten, und zu den drei kunstreichen Thüren, die ins

Innre führten, führte ihn zuerst sein Weg durch prachtvolle Propyläen

und den großen, von Hallen umgränzten Vorhof. So hatte sich die Kunst

bemüht, auch den Eindruck der Andacht auf die äußern Sinnen mit jedem

Schritte zu steigern, der zum Ziele der Wallfahrt: dem jenseits der

Basilika gelegnen heiligen Grabe führte. Auch an der nördlichen wie

an der südlichen Seite der Basilika fand sich ein Anbau der reich

vergoldeten Hallen und über der Stätte der Kreutzesfindung erhub sich

eine besondre Kapelle. So stund der Bau bis Chosroes der Perserkönig,

durch den Neid der Juden hiezu bewogen, im Jahr 614 ihn verheerte und

seiner goldnen Zierrathen beraubte. Doch hatte schon im Jahr 628 Kaiser

Heraclius das Ganze wieder hergestellt, und Omar der Kalife, dem sich

im Jahr 639 die feste Stadt, nach zweijährigen tapfren Widerstand

ihres Patriarchen Sophronius ergab, bezeugte den heiligen Stätten

des Christenglaubens solche Ehrfurcht, daß er nur auf den Stufen des

Einganges der Kirchen knieend seine Andacht verrichtete, damit, seinem

Beispiele folgend, auch keiner seiner Krieger in die Tempel hineingehen

und die Andacht der Christen stören möchte. Dreihundert und siebenzig

Jahre lang freueten sich die Christen an dem ungestörten Besitz ihres

Tempels zu Jerusalem, bis Hakem, der Aegyptische Kalif im Jahr 1010 ihn

abermals verwüstete. Aber auch dieser Aegyptische Herrscher bereuete

später seine Härte gegen die Christen; er, so wie sein Sohn Daher

gaben Erlaubniß zum Wiederaufbau der zerstörten Kirche Jerusalems und

schon im Jahre 1048 unter dem Patriarchen Nicephorus erhub sie sich

wieder aus ihren Trümmern. Die noch immer vereinzelt stehenden Kapellen

des Grabes, der Kreutzigungsstätte und der Kreutzesauffindung brachten

um ein halbes Jahrhundert später die ersten christlichen Könige von

Jerusalem unter ein gemeinsames Dach und verbanden sie zu jenem

nicht ganz regelmäßigen Ganzen, das noch jetzt in seinem Hauptumriß

unverändert dastehet, obgleich der große Brand, der im Jahre 1807 die

Kuppel über dem heiligen Grabe zerstörte und der spätere Wiederaufbau

derselben im Einzelnen einige Veränderungen herbeigeführt hat. Man darf

sogar behaupten, daß die eigentliche, innre Kapelle des heiligen Grabes

noch in dem ursprünglichen Felsengestein sich finde, obgleich der

Fels, damit man ihn in die Kirche aufnehmen konnte, nach allen Seiten

so weit als nöthig behauen und abgetragen, so wie von außen und innen

mit Marmorplatten ausgelegt ist. Auch Golgathas Fels, mit der Stelle

der Kreutze, steht noch, wiewohl von Marmor überkleidet, im östlichen

Theile des großen Tempels.

So hat seit der Zerstörung Jerusalems ein Jahrhundert dem andren die

Anerkennung der Stätte, wenigstens des heiligen Grabes und Golgathas

aus Hand in Hand gegeben, und über jene christlichen Menschenalter

hinüber, welche nicht wie Pilgrime sondern nur wie eilig Fliehende an

der geheiligten Einöde der Trümmer vorüberzogen, und deren Aussage

mithin eine minder sichre gewesen wäre, hatte die Feindschaft der

Heiden, durch Hadrians Götzentempel, einen sichren Wegweiser bilden

müssen.

Die Stunden in Jerusalem vergehen schnell. Wir waren in unser

Pilgerhaus beim Lateinischen Kloster zurückgekehrt und hatten

da Einiges, das zum heutigen Tagwerk paßte, gelesen; ehe wir es

erwarteten, kam der freundliche Padre Secretario, um uns ins Innre der

heiligen Grabeskirche zu geleiten. Die Thüren waren jetzt geöffnet; mit

uns zugleich drängten sich die Pilgrime der verschiedensten Völker des

Morgenlandes, Kopten, Georgianer und Maroniten, Armenier und Griechen

hinein zu den Felsen, welche Zeugen einer ersten so wie einer zweiten,

höheren Schöpfung gewesen. Da ich aus diesen Schaaren die Aeußerungen

der Andacht, bei Vielen, auch den stärksten Männern des Gebirges von

Thränen begleitet, in den verschiedensten Sprachen vernahm, war es

mir als sähe ich, wenn auch nur im schwachen Vorbilde und noch mitten

im Elende der Gegenwart, die Herrlichkeit jener Zeit, da sie zu Zion

predigen werden den Namen des Herrn und Sein Lob zu Jerusalem; wenn

(hier) die Völker zusammenkommen, und die Königreiche, dem Herrn zu

dienen (Ps. 102 V. 22, 23). Ja, ich freue mich deß, das mir geredet

ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen; und daß unsre Füße werden

stehen in deinen Thoren, Jerusalem (Ps. 122 V. 1, 2). Siehe diese meine

Freude ist heute erfüllt.

Vielleicht hat es Jeder von uns, der Leser wie der Schreiber, einmal

in seinem Leben erfahren, daß es Freuden wie Schmerzen im Leben giebt,

die, wenn sie da sind, unsre ganze Seele erfassen und so tief in

dieselbe hineinreden, daß alle Kräfte des innren Menschen zu einem

Aufmerken und Verstehen der Rede geworden scheinen, und daß dennoch,

wenn die Augenblicke des Zweigespräches vorüber sind, und die Seele

gefragt wird: was hast du vernommen? sie antworten muß: ich weiß

es nicht. Bei Einigen, denen dieß begegnet, wie vielleicht bei dem

Pilgrim, der dieses schreibt, mag der Grund des Gebundenseyns der

Sprache, über das was die Seele erfuhr, in der großen Verschiedenheit

des alltäglichen, kalten, todten Wesens von jenen Augenblicken liegen,

da auch die ärmste Seele besucht wird von dem Aufgang aus der Höhe; bei

Andren verbergen sich solche Begegnisse aus der oberen, seligen Welt,

tief ins Innre, damit der Rost und die Würmer des täglichen Treibens

der Welt sie nicht verderben, und sie behalten bleiben mögen in ihrer

ganzen Kraft für die selige Erinnerung der Ewigkeit. Ihr Augenblicke,

da ich zum ersten Male knieete und anbetete an der Stätte, da der Leib

Dessen, welcher aller Verleiblichung Anfang ist, auf kurze Stunden

ruhete; dann da, wo auf Golgathas Felsen das große Werk der Errettung

vollbracht ward, wie wenig würde von Dem, was ich in euch empfand,

für das Seyn das jenseits ist, zurückbleiben, wenn es hier nur die

eigne Kraft, die eigne, lautere, unverfälschte Stimmung gälte. Und

dennoch, der Fels, auf dem das Kreuz stund, so wie Jener in welchem Er,

welcher Macht hatte Sein Leben zu lassen und dasselbe wieder zu nehmen,

erwachte, ist fester und sichrer als die Welle des Blutes, die im

unstäten Herzen sich bewegt; ich lege die Hand jetzt auf diesen Felsen

und dann aufs Herz. Hätte ich den Felsen der Ueberzeugung nicht, daß

das, was das Evangelium sagt, ein wahrhaft Geschehenes ist, was sollte

der arme Schlag des sehnenden Herzens, mit seinen Odemzügen?

Indem wir da, tief ausruhend im Geiste, weilen, beginnen die Gesänge

des täglichen Umganges der Minoriten, durch die geheiligten Stätten

des weiten Tempelgebäudes; auch wir schließen uns den Pilgrimen aus

der Heimath des Abendlandes an und treten hinein in die Kapelle der

Lateiner, in und bei welcher der Zug sich versammlet. Das Lied der

anbetenden Dankbarkeit und Beugung hebt bei der Säule an, die einst in

Pilatus Hauße stehend, von der Andacht vieler Jahrhunderte als dieselbe

betrachtet wird, an welcher Christus, den Händen der Heiden übergeben,

gegeißelt ward:

Erwache Mensch, und nimm es dir zu Herzen,

Du darfst jetzt mit Ihm gehn den Weg der Schmerzen;

Mit Ihm, der deiner Seele Schuld getragen,

Als hier der Heiden Hände. Ihn geschlagen. --

Von der Stätte der Geißelung gehet der Zug der singenden Priester und

Pilgrime weiter, zuerst durch einen langen, am Umfang des eigentlichen

Kirchengebäudes gelegnen Gang zu der Stätte, welche seit anderthalb

Jahrtausenden von der Andacht der Christen als jene verehrt wird, an

der Christus der Herr gebunden stand, während die Heiden, in deren

Hände er übergeben worden, die Vorbereitung zu seiner Kreuzigung

trafen. Dann, mit Gesängen, in denen Töne der innigsten Klage mit

jenen des Triumphes des Christenglaubens sich vereinen, wird jene

zerbrochne Säule begrüßt, die vormals im Richthauße stund und bei der

man den Herrn mit Dornen krönte; hierauf die Stätte, an welcher die

Kriegsknechte seine Kleider theilten und über sein Gewand das Loos

warfen. »Ja,« (so singt das Lied) »Der, welcher die Sterne des Himmels,

mit Seinem Gewande, welches Licht ist, bekleidet; Er, der das Geflügel

unter dem Himmel wie die Blumen des Feldes mit dem Kleide des bunten

Gefieders und der Farben zieret, läßt sich hier von Menschenhänden

des von ihnen geliehenen Gewandes berauben, damit Er den Menschen das

Kleid eines ewigen Seyns verleihen könne.« Von hier begiebt sich die

Schaar der Anbetenden hinab in die Tiefe der Felsen zur Kapelle der

Kreuzesfindung; es legte wenigstens der Geist der Andacht von fünfzehn

vorübergegangenen Jahrhunderten in diese Stätte ein Andenken an jenen

Stamm, der aus tiefen Wurzeln der Liebe entsprungen hinanraget mit

seinem Gipfel, zu den Höhen des Aufganges eines ewigen Erbarmens. Das

herrliche, alte Lied: +vexilla regis prodeunt+, mit welchem die

Wonne des Glaubens, unter dem Panier ihres Königes hinansteiget auf

Golgathas Felsen, so wie das +pange lingua+, mit welchem sie das

Hinaufführen des Kampfes der Zeitlichkeit zum Siege der Ewigkeit,

beim Hinabsteigen zu der Steinplatte, auf der man den Leib des Herrn,

des Königes der Höhen wie der Tiefen salbete, besingt, sprachen noch

niemals mit solch rührender Gewalt zur Seele; noch nie ertönten die

Gesänge des Auferstehungsmorgens so erhebend als dort, am Felsen des

Grabes und an der Stätte da der Auferstandene der Maria Magdalena

erschien. Bei dem Singen der Litanei antwortet ein Chor wohllautender,

tiefer Männerstimmen, zugleich mit den Tönen der Orgel, dem Chor der

Sänger und Pilgrime, welche in der Capelle, an der Stätte versammlet

stehen, die der Glaube als jene verehrt an welcher Christus der unter

den Weibern Erkohrenen, seiner Mutter, als Sieger aus des Grabes Nacht

sich zeigte. Wie ein Frühlingsregen, der das dürstende Land netzt

und im Wald wie Feld Tausende der verschlossenen Knospen wie der

schweigenden Stimmen wecket, ergoß sich die Fülle dieser Töne über

Geist und Herz, und weckte hier Gedanken und Empfindungen, in denen

ein Saame des Werdens und Bleibens seyn möge.

Wir kommen in dieser Reisebeschreibung noch einmal zu der Betrachtung

der heiligen Grabeskirche und ihren mitten unter dem Geräusch des

menschlich Gebrechlichen, »herrlichen Gottesdiensten« zurück; heute

fand uns der Abend wieder im Hauße der Pilger. Wir saßen da schweigend,

und Einige von uns im Stillen über die Erfahrung verwundert, daß das

Herz, wie ein armer, lahmer Fußgänger, den ein reicher Reisender ein

Stück Weges mit auf seinen Wagen nahm und ihn schnell über die Auen

dahinführte, dann aber wieder aussteigen ließ, so bald wieder, statt

im Fluge zu eilen, an seinen alten Krücken dahin schlich. Führe Du

Reichester unter den Reichen den Lahmen nicht nur auf ein Stück Weges

über Deine Auen, sondern gieb ihm, Du, Israëls Arzt, die Kraft des

Laufens, wenn Du ihn ziehest.

Der dreißigste März, es war ein Donnerstag, sollte uns, im

unmittelbarem Geleite des an Erkenntniß wie an Liebe reich begabten

Padre Secretario mit den andren heiligen Stätten bekannt machen, welche

in und um die Stadt, seit anderthalb Jahrtausenden Denksteine und

Gefäße waren, auf die der kindliche Glaube der Christen seine magischen

Kräfte übertrug. -- Es liegt eine ganz eigene, geistig erweckende Kraft

in der Reihenfolge der einzelnen christlichen Feste des Kirchenjahres;

der Palmsonntag lässet in der Seele das Hosianna des Einzuges in

Jerusalem erwachen; der grüne Donnerstag führt sie zur stillen,

hochgesegneten Einkehr beim Tische des Herrn; der Charfreitag wie der

Charsamstag ziehen den Blick des Geistes jetzt hinan zum Kreuze und

senken ihn dann hinab zur Stille des geheiligten Grabes, bis das innre

Ohr am Osterabend und Morgen den Posaunenton des Triumphgesanges der

Auferstehung vernimmt. Es begleitet hierauf die feiernde Betrachtung

Maria, die Magdalenerin, zu den Entzückungen des ersten Anblickes

des Erstandenen und freuet sich am Abend des Ostertages, so wie acht

Tage hernach und am See von Tiberias wie auf dem Berge in Galiläa der

Freude des Wiedersehens, mit den verwaisten Jüngern. Sie folget am

Himmelfahrtstage dem Herrn auf den Gipfel des Oelberges und siehet Ihm

freudig nach auf der Heimkehr zur Herrlichkeit des Vaters, aus welcher

Er gekommen; vernimmt die Verheißung der Engel, daß Er, welcher thronet

zur Rechten Gottes, so, wie wir Ihn sahen auffahren, einst wiederkehren

werde; empfängt am heiligen Pfingstfeste mit den Aposteln zugleich

einen Vorschmack jener Seligkeiten, da nicht mehr der Geist des

Menschen, sondern ein neuer Geist aus Gott den Tempel der Seele wie des

Leibes erfüllet mit seinen Himmelskräften. Oder auch zu andren Zeiten

führet die Erinnerung, welche die einzelnen Festtage mit sich bringen,

das theilnehmende Herz mit sich hinaus vor die Thore Jerusalems, zu

der Stätte, da der erste der Blutzeugen des neuen Bundes, Stephanus

gesteinigt ward, und betend für seine Feinde entschlief; zu der Quelle

Siloahs, da der Blinde mit dem leiblichen Licht zugleich Ihn, des

Lichtes geistigen Quell erkennen lernte; nach Bethanien, zu dem Hauße

da Maria wohnte und Martha, zu dem Grabe da Lazarus schlief. Wieder an

andern Gedenktagen des Jahres nahet sich die Betrachtung der großen

Geschichten, die in Jerusalem geschahen jener Stätte, da Jacobus

enthauptet ward; dem Kerker aus welchem die Hand des Engels Petrum

hinausführte, oder dem Hauße, in welchem Maria Magdalena die Füße des

Herrn mit ihren Thränen benetzte. Aber alle diese hehren Stimmen der

Erinnerungen, mit denen die einzelnen christlichen Jahresfeste zum

Herzen sprechen, sind in und nahe bei Jerusalem zu einem Gesammtchore

vereint, das wie ein voller, kräftiger Strom die Seele bewegt. Wenn das

innre Auge das große Farbenbild der sonst zerstreuten, hier wie zu der

Fensterrose eines Tempelthores vereinten Strahlen, in ganzer Stärke zu

erfassen vermöchte, dann könnte ihm der Eindruck den Jerusalem macht

der Vorschmack eines Momentes der Ewigkeit seyn, dessen Wesen von

keinem Wechsel der Jahre und der Tage berührt wird, weil in ihm die

~eine~, ungetheilte Kraft jenes Sieges sich kund giebt, welcher in

vielfachen Thaten und Kämpfen der Zeit errungen ward.

Das was unser Führer heute zuerst uns zeigte ist für eine lange Reihe

der christlichen Jahrhunderte ein Gegenstand der andächtigsten,

innigsten Beachtung gewesen; es war der sogenannte Schmerzensweg, die

+via dolorosa+. An wie viel tausend Wohnstätten der Christen, in allen

Ländern der Erde, finden sich Nachbildungen dieses Schmerzensweges der

heiligen Stadt, mit allen seinen einzelnen Stationen; Nachbildungen

in denen selbst alle Raumverhältnisse genau nach Schritten abgemessen

und in Uebereinstimmung mit dem Urbild gebracht sind. Der kindliche

Glaube beschauet in dem Wege, welcher von Gethsemane herauf durch

das Thor der Ostseite, vorüber an den Resten der Antoniaburg und an

Pilatus Richthaus, zuerst hinabwärts, dann ungleich steiler aufwärts

nach Golgatha hingehet, die Bahn der Erniedrigungen und Leiden, welche

einst der Sieger betrat über den Tod und seine Schrecken. Allerdings

vermag die Seele auch mit dem innren Auge, ohne des leiblichen Sehens

zu bedürfen den Helden auf der Bahn seiner Kämpfe zu begleiten. Aber,

wer sollte es nicht schon, auf einem Schlachtfelde stehend, wo vor

vielen Menschenaltern das Volk seines Landes einen großen Sieg errang,

erfahren haben, daß bei der sinnlichen Betrachtung einer solchen

Denkstätte die Erinnerung an Das was hier geschehen zu einer ganz

andren, lebendigeren, kräftigeren wurde als sie in der Ferne, beim

bloßen Vernehmen der Geschichte jener Schlacht gewesen war? Mag es seyn

daß uns die hier eingeborne kindliche Andacht, wenn sie die einzelnen

Züge des großen Bildes beschreibt, zuweilen auf ähnliche Weise

erscheint wie ein Landmann, dessen Hütte in der Nähe des Schlachtfeldes

stehet, wenn derselbe nicht mit den Worten eines sachkundigen Kriegers,

noch weniger mit der Sicherheit eines Augenzeugen uns erzählt was

da und dort auf der seitdem viel veränderten Stätte geschehen sey;

immerhin wird uns die Erzählung zur innigsten Theilnahme bewegen,

denn sie ist doch ein Nachhall Dessen, was die Urväter hier wirklich

sahen und erlebten. Es ist nun, seit Constantins und Helenas Zeiten

das sechzehnte Jahrhundert, das an den Denksteinen dieser großen

Erinnerungen sich erbaut und geistig erquickt.

Wenn man vom Lateinischen Kloster aus hinabgehet, berührt man zuerst

jenes Ende des Schmerzensweges, welches, ehe hier der alte Weg mit

Häußern verbaut wurde, hinab führte nach dem Calvarienberge. Da wo zur

Linken des Weges der Thurm des Gerichtsthores stehet, war die alte

Stadtmauer; hier trat der Herr hinaus ins Freie um die Schmach des

Kreuzestodes zu tragen[132]. Unten im Thale, an dem tiefsten Punkte

der Stadt, wo nun das mühsame Aufwärtssteigen begann, ward Simon

von Cyrene gewürdigt dem Herrn das Kreuz zu tragen, weiterhin zeigt

die fromme Sage die Stelle da die erkohrene der Frauen den Mann der

Schmerzen sahe, den sie, verkündigt von den Engeln gebahr, und wo sie

nach Simeons Worten das Schwert fühlte durch ihre Seele dringen. Dort

wo sich der jenseitige Hügel etwas steiler zum Thal herunter senkt

erlag Christus zum ersten Male unter der Last des Kreuzes, etwas weiter

hinan, vor dem Hauße des Stadtcommandanten, das an der vermuthlichen

Stätte von Pilatus Pallast stehet, war jener Bogen auf dem der Herr

stund da Pilatus mit den Worten: sehet welch ein Mensch, dem Volk ihn

zeigte; auf der linken Seite der jetzigen Straße, dem Pilatushaus

gegenüber finden sich die Trümmer eines Kirchleins, in welcher die

Andacht der früheren christlichen Jahrhunderte die Stelle verehrte, da

Christus von den Kriegsknechten verhöhnt und mit Dornen gekrönt wurde.

Weiterhin, bei dem Hauße das anjetzt zu einer Kaserne des Aegyptischen

Militärs dienet, zeigt man die heilige Treppe auf der Christus

hinanstieg nach des Pilatus Haus.

In der Nähe des Thores der Ostseite, das gegen Gethsemane hinabführt,

und welches an die Stelle des Schafthores getreten ist, mischen sich

die Erinnerungen auch an andre Thaten des Herrn mit denen an seinen

letzten Kampf. Noch ehe man zum Thore kommt sieht man zur Linken

die Ruinen jenes Haußes, welches das der heiligen Anna, der Mutter

Marias, genannt war; weiterhin, zur Rechten, gleich innerhalb des

Thores, den Teich Bethesda, mit drei noch jetzt wohlerhaltnen Hallen.

Den ehemaligen Grund dieses festgemauerten Wasserbehältnisses füllt

besonders gegen Nord und Osten hin ein Hügel von Schutt aus, auf

welchem ein dichtes Gebüsch von wilden Granatbäumen grünet. An dem

östlichen Rande des Bethesdateiches hin würde der gerade Weg gen Süden

an einen der Eingänge zum Vorplatz der großen Moschee führen. Wir

sahen Türkische Frauen die Stufen hinansteigen um gegen den Tempel

hinzugehen, uns andren jedoch, als Christen war selbst der Zutritt zum

Vorplatz nur ungern verstattet. Auch zog es uns, so hehr immer die

Erinnerungen sind die sich an den Berg des Tempels anknüpfen, jetzt

mehr nach einer andern Stätte hin als nach Morija.

Wir traten zum Thor hinaus, welches von den jetzigen christlichen

Bewohnern Jerusalems das St. Stephansthor genannt wird, weil die

Andacht der späteren Jahrhunderte hier an die Stätte erinnert, an

welcher der erste der Blutzeugen, Stephanus, gesteinigt wurde,

während in den Zeiten der Kreuzzüge[133] allgemein eine Gegend bei

dem nördlichen (Herodes-) Thore für den Ort der Steinigung galt. Eine

Schaar der griechischen Pilgrime kam uns den Berg herauf entgegen;

andre zogen hinab nach dem Grabe der Maria; unter uns im Thale lag

Gethsemanes Garten, vor uns der grünende Oelberg mit seinen drei

Gipfeln. Eine steinerne Brücke führt über den jetzt ganz wasserlosen

Kidron; die uralten Oelbäume zur Rechten, die Eintiefung des Thales

zur Linken, auf welche der überhangende Fels seinen dichten Schatten

wirft, müßten die Seele auch des unkundigen Wandrers mit Gedanken und

Ahndungen des tiefen Ernstes erfüllen. Ein durch den Felsen gehauener,

durch eine Thür verschließbarer Gang führte uns hinein in das nur

dämmernd beleuchtete Geheimniß der Felsen, bei deren Geschichte selbst

das tiefsinnigste Erkennen des Menschengeistes, ja der Verstand der

Engel anbetend staunt. Hier hat sich Der, welcher des Lebens Anfang

und Vollendung ist, Er der in Bethlehems Grotte mit dem Geschlecht des

Menschen, zu dem Er als Bruder und Helfer sich gesellte, die Schwäche

der Kindheit, dann alle Noth und Gebrechlichkeit des vergänglichen

Lebens trug, hinabgebeugt bis zu der Angst und den Schrecken des Todes;

hier war es wo der Herr, blutigen Schweiß schwitzend, die Last des

Fluches empfand, welcher auf der alten Schuld des Menschen liegt[134].

Wenn an dieser Stätte des Schauders der Glaube des Christen sich beugt

und hinabschaut in den finstern Abgrund, in welchen damals der Sieger

über des Todes Gewalt und Schrecken sich versenkte, da wird ihm dennoch

die Beugung der Trauer bald zu einer Erhebung der Freude; der Abgrund,

in welchem die Furcht und Bangen wohnten ist leer; statt jener Feinde

stehet ein freundlicher Engel da, welcher der Seele zurufet: Weine

nicht; siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda; die Wurzel

Davids.« Ja, »Tod wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?«

Nahe bei Gethsemanes heiligem Felsendunkel ist der Oelgarten, in

welchem die Jünger, die der Herr zu Zeugen seines Todeskampfes gewählt

hatte, verweilten und schliefen, während Er, der Held die Kelter allein

trat[135] und mitten unter den Schmerzen der Wunden und der Last der

Arbeiten wachte[136]. Einige uralte Stämme von Oelbäumen, deren selbst

die Türken mit frommer Scheu verschonen und die sie auch von Andern

nicht verletzen lassen, stehen hier, welche ihrem Aussehen nach, bei

dem hohen Alter das dieser Baum erreicht, wohl zu einem Geschlecht der

Mitlebenden vieler, längst vergangener Jahrhunderte gehören können.

Ihr Innres ist ganz hohl; damit der Wind sie nicht umbrechen möge, hat

man dasselbe hoch hinan mit Steinen angefüllt und auch äußerlich, zum

Schutz und zur Befestigung, Haufen von Steinen herumgelegt. -- Jene

Stelle in Gethsemane Garten da Christus von Judas verrathen ward, haben

die Türken als eine verfluchte mit Steinhaufen umgeben.

Hinan zum mittleren Gipfel des Oelberges, auf welchem die

Himmelfahrtskirche stehet, war es als würde der Leib durch Kräfte

eines neuen, innren Lebens getragen. Ja, wer sollte hier nicht sehr

freudig seyn, wenn er unter den blühenden Bäumen des Frühlinges, die

mit den grünenden Feldern des Getraides zugleich ihren Duft geben,

hinan steiget nach jener Höhe, da die Erde mit dem Herrlichsten das

sie in ihrer Leiblichkeit getragen, dem Himmel entgegenkam; dieser

aber, der Himmel, mit all seinen Kräften der Ewigkeit, zur Erde sich

niedersenkte. Gewiß, hier ist noch in höherem Sinne denn zu Bethel, die

Stätte heilig und eine Pforte des Himmels[137]. Und dennoch fürchten

wir uns nicht.

Jener nördlichere Gipfel des Oelberges erscheint als der höchste unter

den dreien, auf welchem die Denksäule an den Ort erinnern soll, da die

Engel stunden, welche, als der Herr gen Himmel gefahren war, zu den

Jüngern sprachen: Ihr Männer aus Galiläa, was stehet ihr und sehet gen

Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen in den Himmel,

wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren[138]. Als den

Punkt auf welchem der Herr stund als er aufgenommen ward, bezeichnet

die christliche Ueberlieferung schon der ersten Jahrhunderte jene

Stelle der mittleren Kuppe, an welcher der nächste Weg von Jerusalem

gen Bethanien vorüberführt, und auf welcher die Auffahrtskirche stehet.

Diese Stelle ist von der nördlichen bei der die Engel stunden einige

hundert Schritte weit entfernt; ein Eindruck im Felsenstein der mit

der Gestalt eines Menschenfußes verglichen wird, ist noch jetzt hier

Gegenstand der Verehrung der Pilgrime. Der dritte südlichste Theil

heißt Berg des Aergernisses, weil hier Salomon im hohen Alter seinen

fremden Frauen den Dienst des Moloch gestattete.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 35 / 42 段