war die auf den seltsam, wie ein Altar von welchem die Rauchsäule
des Opfers aufsteigen soll, gestalteten Frankenberg[125] mit seinen
Nachbarhöhen. Weiterhin zeigten sich, am jenseitigen Abhange mehrere
Thürme gleich jenen Wacht- und Schutzthürmen, welche die alte, deutsche
Ritterzeit erbaute. Wir hatten jetzt den äußersten (nördlichen)
Rand des Höhengürtels erreicht, der das Thal der Salomonischen
Gärten umschlingt, da lag vor uns in Norden, jenseit des tiefen,
gäh abfallenden Thales, auf der Höhe des Felsenberges, Bethlehems
Stadt; neben uns, zur Rechten (gegen Osten), das grünende, von Bäumen
beschattete Feld der Hirten: das Feld des Gesanges der Engel. -- Wer
sollte da nicht fröhlich gewesen seyn! Hatten ja die Engel hier an
dieser Stätte ihr Lied vom Frieden und von dem Wohlgefallen über und
an den Menschen auch für uns mit gesungen: sie hatten uns dieß an
so manchem, lieben Weihnachtsabend in der winterlich kalten Heimath
gethan, heute aber waren die Himmelskräfte des Weihnachtsfestes mit
der Fülle des herrlichsten Frühlingstages überkleidet; jeder Lufthauch
der aus den Weinbergen und blühenden Gärten des Hügels herüberkam
wiederholte die Worte des Preises, des Friedens und des Wohlgefallens
womit seit jener seligen Nacht jedes vorübergehende Menschenalter und
Geschlecht der Pilgrime das andre begrüßt.
Wir neuen Ankömmlinge in dieser Gegend hatten beim Hinabsteigen von
dem Hügel nicht den gewöhnlicheren und bequemeren Weg gewählt, den
wir bei unserm, zweiten, längeren Besuch in Bethlehem kennen lernten;
auch das Hinanklimmen an den steilen Berg, auf welchem die Stadt wie
eine Burg des Friedens fest gegründet steht, gieng nicht ohne große
Beschwerde ab, doch nun war sie ja erreicht, die Stadt Davids, die
lieblichste, die bedeutungsvolleste unter allen Wiegenstätten der Erde.
Das große, in seiner Bauart einem Kastell gleichende, lateinische
Kloster, das an dem einen Ende der Stadt stehet, machte sich uns von
selber kenntlich; vor seinem verschlossenen Thore empfieng uns der
Arabische Thürhüter und ließ uns durch das Pförtlein hinein, das in dem
einen Thorflügel angebracht ist; so klein, daß man nur gebückt hinein
gehen kann. Die armen Väter des Klosters müssen noch immer, wenigstens
gegen die Zudringlichkeiten wenn auch nicht Gewaltthaten der Araber
auf beständiger Hut seyn, obwohl die Sicherheit des Landes, wie wir ja
dieses selber auf unserm heutigen Wege erfuhren, den wir unbewaffnet
und ohne Führer machten, jetzt eine ungleich größere ist, als sie noch
vor wenig Jahren war.
Wir wurden in ein freundliches Zimmer geführt, dessen Fenster nach
dem kleinen Garten hinausgehen; bald trat der Prior des Klosters, ein
geborner Spanier zu uns herein, der uns freundlich bewillkommnete. Der
Leib war zwar wohl des Ausruhens und der Erquickung bedürftig, denn
wir hatten seiner Pflege heute nur wenig gedacht, aber das Verlangen
nach einem Ausruhen von geistiger Art lag uns noch näher an; wir
wollten gerne, wenn auch heute nur wie Vorübergehende, Bethlehems
heilige Grotte begrüßen. Der Prior erfüllte gern unsren Wunsch; durch
die langen Kreuzgänge des alten Klostergebäudes hindurch, dann durch
die uralte, innen mit Teppichen ausgekleidete Basilika führte er uns
hinab zu dem Raum der Felsen, da, nach dem unbestrittenen Zeugnisse
schon der ersten christlichen Jahrhunderte, Christus geboren ward. Es
ist eine große, natürliche Höhle des Gebirges, die ihren eigentlichen
Eingang vom Tage herein, außerhalb des Gebäudes hat, zu welcher aber,
innerhalb der darüber gebauten Kirche von oben herab eine Treppe führt.
Auf dieser waren wir jetzt hinuntergestiegen in den von Lampenlicht
beleuchteten, innersten Raum der Höhle, dessen Wände und Boden die
Andacht der christlichen Jahrhunderte mit Marmorplatten ausgelegt hat.
Und siehe, hier in diesem verborgnen, engen Raume war die Stätte, da
Er, den Erde und Himmel nicht umfassen, in Kindesgestalt erschien;
hier hat uns zuerst besucht, der Aufgang aus der Höhe. Der gute
Prior trat so still auf und sprach so leise, als fürchte er einen
theuren Schläfer zu stören; und in der That, das Gefühl, welches den
Pilgrim bei dem ersten Eintreten in die Grotte von Bethlehem ergriff,
war von solcher Art, daß auch die Beschreibung desselben nur leise
andeutend aufzutreten vermag. Es war als halleten, in dem von Ehrfurcht
durchdrungenen Herzen jene Worte eines heiligen Buches nach, das von
dem Geheimniß des Einswerdens der Seele mit Dem redet, der ihres Wesens
und Sehnens Anfang und Ende ist: »Ich beschwöre euch, ihr Töchter
Jerusalems, bei dem zarten, frühe gejagten Rehe des Feldes, daß ihr
Ihn, den meine Seele liebet, nicht aufreget noch wecket, bis daß es Ihm
selber gefällt.« -- War doch diese süße Ruhe am geheiligten Herzen der
liebenden Mutter die einzige, welche Dem auf Erden vergönnt war, der
die Angst und Unruhen des frühe gejagten Rehes für sich erwählte, nur
damit wir Frieden hätten und Ruhe.
Die kindliche Andacht eines erst heute hier gewesenen Pilgrimes hatte
einen duftenden Blüthenzweig neben die heilige Krippe gestellt. Es
hätte nicht dieser äußren Erinnerung an den draussen auf den Bergen und
in den Thälern wiedergekehrten Frühling bedurft; Bethlehems Geschichte
und innerliche Erinnerungen schließen dem Geiste das Land eines ewigen,
unvergänglichen Frühlinges auf. Wie verständlich wird der Seele hier
bei dieser Stätte jener Zug der Liebe der den Kirchenvater Hieronymus
an die Grotte zu Bethlehem band. Dort in einer Nebenkammer der Höhle
verweilte der Greis und wollte hinfort nicht mehr unter anderm Obdach
wohnen; in einem andren Raume des Felsens haben die geheiligten Frauen
Paula und Eustochia ein Leben des seeligen Friedens genossen und
geendet. Und wem sollte es hier nicht wohl seyn und werden im Anblick
des unvergänglichen Morgenrothes eines Tages der Ewigkeit; wem sollte
das alternde Herz nicht wieder jung werden und neu aufleben, wenn er im
Geiste das Kind anblickte das unter allen Menschenkindern dem Geiste
als das schönste und liebenswertheste erscheint.
Zuweilen geschieht es uns selbst im Traume, daß wir, auch wenn uns im
wachen Zustande die Gabe der Dichtkunst versagt ist, ein Lied singen
oder lesen, als sey es uns von einem fremden Meister gegeben; hier
bei der Krippe von Bethlehem wurde dem in Liebe bewegten Gemüthe in
noch viel andrem, höheren Maaße als dies im Traume geschieht ein neues
Lied gleich wie auf Zunge und Lippen gegeben; ein Lied das noch
lieblicher tönte und zugleich in lebenskräftigeren Worten sprach als
der Hymnos der Posaunen, auf Sinais Höhen, oder der Gesang der Klage
um Aaron und über Hiobs Jammer, auf dem Gipfel des Hor. Die Kräfte
dieses neuen Liedes sind vor Allem es gewesen, welche die Schritte von
Bethlehem nach Jerusalem wie zu einem Fluge machten. Es war schon nahe
an fünf Uhr des Nachmittags als wir vom Kloster der heiligen Grotte
schieden; der Prior entließ uns ungern, weil in Jerusalem, wohin man
zwei Stunden Weges rechnet, die Thore mit Sonnenuntergang verschlossen
werden und ein späterer Einlaß auch der Fußgänger, überaus schwierig,
ja fast unmöglich ist. Uns aber, die wir ja später noch einmal nach
Bethlehem zurückkehrten und dann länger da verweilten ließ das Sehnen
nach der »hochgebauten Stadt,« nach welcher der größere Theil unsrer
Reisegefährten schon voraus gezogen war, keine Ruhe mehr.
Nicht fern von der Stadt fanden wir unsern Arabischen Knecht, den die
sorgsame Hausfrau uns zum Führer und Begleiter zugesendet hatte. In
einiger Entfernung von uns, gegen Westen, zeigte sich, schon durch
die Beschreibung seiner Lage erkennbar, Rahels Grabmahl, welches bis
auf diesen Tag am Wege gen Ephrata-Bethlehem zu sehen ist. Ich hatte
noch niemals jene Worte des gesalbten Dichters, welche von einem
Fröhlichwerden der Gebeine reden (Ps. 51, V. 10) so an mir selber
erfahren und verstanden als heute; die Last der Ermüdung und des Alters
waren hinweggenommen; uns däuchte es wir seyen so eben aus Bethlehem
ausgegangen, da fanden wir uns schon auf der Anhöhe in der Mitte des
Weges, bei dem Eliaskloster und in der Nähe jenes Brunnens, bei
welchem den Weisen des Morgenlandes von neuem der Stern erschien, der
sie zur Stätte geleitete da Jacobs Stern, das Licht der Heiden aus dem
Schweigen der Nacht hervorgebrochen war.
Und siehe, da lag vor uns, vom hellen Glanze der Abendsonne beleuchtet,
Zions Burg mit ihren Zinnen, Morijas Tempel und Jerusalems Stadt. Als
hier auf diesen Höhen, der Vater der Gläubigen, Abraham, auf dem Wege
von Süden kommend sein Auge aufhub und Morijas Felsen von ferne sahe;
als er von hier an mit Isaak, dem Sohne der Verheißung allein gieng
und auf die Frage des Knaben, wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?
antwortete: Gott wird Ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer[126], da
regte sich in ihm ein Geist der Voraussicht nicht nur des nahen sondern
eines fernkünftigen Tages jener Herrlichkeit des Herrn, welche die
auserwählte Stätte des Opfers erleuchten sollte. Als fast zweitausend
Jahre nachher, Der, welcher in einem höheren Sinne denn Isaak als Lamm
zum Brandopfer ersehen war, von jenen nachbarlichen, in Nordosten
gelegnen Höhen, die Stadt von ferne sahe, da überblickte er, mit
göttlich klarem Erkennen die ganze Hinausführung des Rathschlusses
einer ewigen Erbarmung, über das Geschlecht des Menschen, von Abrahams
schwerem Glaubensgange an, nach Morija, bis zu dem noch schwererem
der Leiden des Menschensohnes auf Golgatha, und seinem Triumph auf
des Oelbergs Höhe, ja bis zu dem letzten der Kämpfe und Siege. Der
Pilgrim, welcher abermals nach fast zwei Jahrtausenden, seit Golgathas
und des Oelberges großen Geschichten, Jerusalem von ferne erblickt,
siehet, gleich jenen Lichtern, welche in der Thräne eines Menschenauges
zittern, in nahem Beisammenseyn alles vergangene und künftige Bewegen
einer Welt des Göttlichen und Geistigen, die einst sichtbarlich dort
über den heiligen Bergen wohnte und waltete, und noch jetzt ihr
Aufsehen auf Zions Stätte gerichtet hat. »Ja, der Herr ist König
ewiglich, dein Gott o Zion für und für.«
Das Heer der Kreuzfahrer, welches Gottfried von Bouillon gen Jerusalem
zum Kampf und Siege führte, da es von der Höhe des nördlichen
Blachfeldes die heilige Stadt erblickte, hatte auf einmal aller bisher
erduldeten Mühen und Beschwerden vergessen; ein Gesang der Hymnen
ergriff, wie ein Sturmwind im Walde der Eichen, seine ganzen Schaaren,
das Auge, selbst der rohesten Krieger, füllte sich mit Thränen der
Freude; anbetend naheten sie sich dem hehren Ziele ihrer sorgenvollen
Fahrt. Wer möchte nicht gern, in der vollesten Kraft das mit und
nachempfinden was jene empfanden? Und doch wird wohl Jedem der nicht
allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem ein Solcher ist, dessen
~Herz~ nicht vernahm was in seinen Mauern geschehen ist, nach
seinem Maaße von einem Schauer der Ehrfurcht ergriffen werden, wenn
sich die Königin der Städte, die noch jetzt, in ihrer Wittwentrauer,
ein hehrer Anblick ist, zuerst seinem Auge zeiget. Ich fühlte und
bemerkte nichts mehr als den Zug des Sehnens in meinem Innren und
das neue sichtbarliche Ziel nach welchem der Zug hingieng; ob ich,
im Anschauen verloren, still stünde oder mit so eiligen Schritten
fortgienge, das hätte ich nicht bemerkt, wären wir nicht auf einmal, in
unerwartet kurzer Zeit hinabgekommen zum untren Teich, im Thale Gihon,
welches weiter gen Süden in Ben Hinnoms Thale endigt. Da wir gegen das
Thor hinangiengen, gesellten sich zu uns die Schaaren der Pilgrime,
welche den schönen Frühlingsnachmittag außerhalb der Stadt, in den
grünenden Thälern und Auen zugebracht hatten; die weiß gekleideten
Frauen und Kinder, im Schutze der Väter und Brüder; mit ihnen zogen wir
ein in das Thor und die Gassen der Stadt. Jener fromme Israëlit eines
früheren Jahrhunderts, da er in das Gewand der tiefsten Trauer gehüllt
zu Jerusalems Thore eingieng, wandelte, gebeugt von Schmerz, singend
unter Thränen ein Lied des Jammers und der Klage über Zions Trümmer
hin. Dieser Schmerz über Jerusalems Fall und Zerstörung, so gerecht
er scheinen möge, ist nicht das einzige, nicht das vorherrschende
Gefühl das den Christen beim Anblick der tief erniedrigten Königsstadt
ergreift, denn dieser weiß es, daß, als Jerusalem, das irdische
zerbrochen ward, der Bau eines himmlischen schon begründet war, welcher
nicht zerbrochen werden kann, und dessen Thore niemals geschlossen sind
für den Pilger, der in sie einzugehen begehrt.
Wir giengen sogleich zur gewöhnlichen Herberge aller Fremdlinge die
aus den Abendländern kommen: zu dem Kloster St. Salvator. Ich hatte
durch die Vermittlung eines vielvermögenden Freundes einen sehr
gütig mich empfehlenden Brief an die Väter des heiligen Landes, vom
Cardinal Franzoni in Rom erhalten; aber auch ohne diese Empfehlung
würde uns im lateinischen Kloster die freundlichste Aufnahme geworden
seyn, denn es ist die Weise der in ihm wohnenden, guten Väter, alle
Pilgrime, die seinem Dache sich nahen, nach Kräften zu bewirthen und zu
verpflegen. Wir neuen Ankömmlinge wurden zuerst zu einem Besuch bei
dem damaligen Quardian des heiligen Grabes, dem venerandissimo Padre
Saverio da Malta ins Kloster eingeladen. Er und der Padre Secretario
empfiengen uns sehr freundlich; es wurde mir, nebst einigen meiner
Freunde eine Wohnung im Kloster angeboten, wir zogen es jedoch vor in
dem nachbarlich angränzenden Pilgerhauße mit der Gesellschaft unsrer
übrigen Reisegefährten beisammen zu bleiben.
Es war Abend geworden, als wir unter das Obdach eingingen, das nun auf
mehrere Wochen uns in der hochgebauten Stadt bewirthen sollte. Drei
Zimmer die zum Theil erst heute wieder leer geworden, unter ihnen ein
sehr großes, hatte man uns eingeräumt; es herrschte in dem abgelegenen
Hofe, nach welchem diese Zimmer die Aussicht hatten, eine Ruhe und
Stille, wie in den Vorhöfen eines Tempels; auch in uns war ein seliges,
stilles Erwarten, wie es die Seele am Vorabend eines hohen Festes
empfindet.
Die erste Woche in Jerusalem.
Der Morgen grauete kaum, da hatte ich schon den Weg zu dem platten
Dache gefunden, das über der Reihe unsrer Zimmer war. Der Mond, fast
im letzten Viertel, schien noch klar und hell am Himmel, über dem
Oelberg fuhren die ersten Strahlen des Tageslichtes auf. Es hat, wie
ich dieß schon bei andrer Gelegenheit erwähnte, immer zu einem meiner
Lieblingsvergnügungen auf Reisen gehört, in fremden Land und in fremder
Stadt den Morgen erwachen zu sehen. Er erwacht ja überall, wie aus
Gedanken des Traumes von dem was gestern und ehegestern war und trägt
das Gepräge der Gedanken, die in ihm sind, an seiner Stirne; wo aber
könnte der Morgentraum, der des Vergangenen gedenket, großartiger und
Theilnahme erregender seyn als in dem Gewölk des Sonnenaufganges das
über dem Oelberg, über Gethsemanes Thale, über Morija und Golgathas
Tempel schwebt.
Noch war mir das Ganze, das mein Auge von dem hochgelegnen Dach
überblickte, in vielen seiner Theile fremd und neu; doch wer könnte
dort in Osten den Oelberg, mit der Kirche der Auffahrt verkennen; wer
sollte nicht errathen, daß die Thalschlucht da in Südosten der Weg
des Kidron nach dem todten Meere sey, und daß einige der jenseits
herüberblickenden Höhen schon zu Pisgas Bergzug gehören. Die Höhen
gegen Süden hatten wir auf unsrer Reise vom Hebron hieher selbst
durchwandelt; in Norden schließt sich das hohe Blachfeld an, über
welches zur Linken der Weg nach Ramla und Joppen (Jaffa), zur Rechten
aber nach Nazareth und nach Damaskus führet. Aus den allmälig heller
werdenden Häußern der Stadt erhebt sich am östlichen Ende die Moschee
des Omar, an der Stätte, da einst Salomo's Tempel stund; näher
heran aber, mit ihren beiden Kuppeln, gegen Omars Moschee gar klein
erscheinend, die Kirche des heiligen Grabes. Neben den Gedanken der
Kämpfe, welche hier über diesen Hügeln gekämpft wurden, erwachten, mit
dem Morgenlicht des neuen Tages zugleich jene Gedanken des Friedens,
welche von Ewigkeit über Jerusalem gedacht waren und ohne Aufhören über
ihm bleiben werden[127].
Wer könnte aber, wenn in ihm Kraft zum Gehen ja nur zum Kriechen ist,
die Stadt der Städte so nahe zu seinen Füßen sehen, ohne sich von ihr
hinabgezogen zu fühlen zur unmittelbaren Betrachtung und Berührung. Wir
warteten keinen Führer aus dem Kloster ab, sondern machten uns allein
auf den Weg, begleitet von Herrn Mühlenhof, der schon mehrere Male in
Jerusalem war.
Jener Jäger, der den Lieblingsjünger des Herrn, Johannes den
Evangelisten besuchte, fand den heiligen Greis, den er sich nicht
anders als in beständigem Gebet oder lehrend und schreibend gedacht
hatte, kindlich spielend mit einem zahmen Adler, und würde an diesem
Anblick ein Aergerniß genommen haben, wenn der Jünger ihn nicht
liebreich belehrt hätte über die Nothwendigkeit des Wechsels zwischen
Ausruhen und Thätigseyn, welcher der Geist des Menschen unterliegt,
so lange er die irdische Hülle bewohnt. Wer möchte sich nicht gern
Jerusalem, die heilige Stadt, als eine solche denken, an deren Aeußerem
schon Züge jenes stillen Ernstes und jener Andacht sichtbar wären, von
denen der Pilgrim, der hinaustritt in ihre Gassen, sich durchdrungen
fühlt. Solchen Zügen begegnet man auch wirklich fast auf jedem
Schritte; man darf sich jedoch nicht ärgern an der bunten Decke der
Gegenwart, welche die ernsten Züge der großen Vergangenheit verhüllet.
Und doch wäre dieses mir und einem meiner jüngeren Freunde, der neben
mir gieng, fast geschehen. Das Alltagsgewühl der Gassen so wie der
von Käufern und Verkäufern erfüllten Bazars machte auf uns einen
ähnlichen Eindruck, als etwa auf Kinder, denen heute der Vater starb,
das alltägliche, scherzhafte Geschwätz eines von Gästen erfüllten
Nachbarhauses. Die Stadt war schon sehr gefüllt von den Schaaren der
orientalischen Christen, welche die ihnen noch bevorstehende Feier
der Passionswoche und des Osterfestes hieher gezogen hatte. Ihnen,
von denen Manche vielleicht erst gestern oder heute angekommen waren,
konnte man die Aeußerungen der Freude über das glückliche Erreichtseyn
des ersehnten Zieles nicht verargen, wenn auch diese Aeußerungen von
andrer Form waren als bei uns; eben so wenig den Käufern und Verkäufern
der vielerlei Waaren, die laute und geräuschvolle Art mit der sie ihr
Gewerbe trieben.
Da stunden wir denn auf dem Vorplatz vor der heiligen Grabeskirche.
Auch ihn fanden wir erfüllt, wie dies vormals die Hallen des Tempels
auf Morija waren, von den Schaaren der Käufer und Verkäufer jener
mannichfachen Erinnrungszeichen an Jerusalem, welche die Pilgrime
gewöhnlich von hier mit sich nehmen in die Heimath. Wir hatten gehofft
die Thüre der Kirche offen zu finden: unsre Erwartung sah sich
getäuscht. Noch immer sind die Schlüssel zu dieser dem Christenglauben
ehrwürdigsten Kirche in den Händen der Türken, welche selbst in der
österlichen Zeit nur zu gewissen Stunden ihre Thüren aufthun, oder,
gegen reichliche Belohnung, auch zu andrer Zeit den Fremden sie
öffnen. Wir hatten versäumt vom Kloster aus um das Aufthun der Kirche
nachsuchen zu lassen; Keiner von uns wußte wo die Thürhüter zu finden
seyen; so mußten wir uns begnügen das ehrwürdige Gebäude vorerst nur
noch von außen zu betrachten.
Während wir da, auf einem jenseits des Vorplatzes gelegnen Gemäuer
stunden und anschaueten, wendete sich das Gespräch zwischen mir und
dem Freunde, der dort mit mir war, auf die älteren so wie neueren
Bedenklichkeiten über die Oertlichkeit des heiligen Grabes. Auch hier,
in der Beschreibung meiner Reise scheint es mir nöthig, mich mit meinen
Lesern über die historische Bedeutung der heiligen Grabeskirche zu
verständigen.
Ein Umstand auf den sich der Zweifel hauptsächlich gründete, daß die
Stätte von Golgatha und dem heiligen Grabe da zu suchen seyen, wo
die Andacht der späteren Christen sie verehrte, war der, daß ja dann
beide innerhalb der Stadtmauern müßten gelegen seyn, was im offenbaren
Widerspruch mit der Schrift so wie mit den Einrichtungen und Sitten
der Jüdischen Hauptstadt stünde. Dieser Anstoß des Zweifels ist
durch die neueren Untersuchungen über die Lage und den Umkreis der
alten Stadtmauern zu Christi Zeit gehoben worden, denn aus ihnen hat
sich ergeben, daß die damalige Mauer von der Burg Davids nicht wie
die jetzige nach Westen sich verlängerte, sondern von der östlichen
Ecke der Burg sich zuerst gegen Nordosten wendete, dann nordwärts
und zuletzt in N. N. W. zu der Gegend des jetzigen Damaskusthores
verlief[128]. Bei dieser früheren Begränzung der Stadt lag jene ganze
westliche Ecke derselben, die jedem Auge als ein unsymmetrischer Ansatz
erscheint, an welcher anjetzt das Lateinische so wie der größere Theil
des Griechischen Klosters und die Kirche des heiligen Grabes stehen,
außerhalb der älteren Mauern, von denen sich noch unverkennbare
Ueberreste bei dem Gerichtsthor (+Porta judiciaria+) finden.
Allerdings wurde auch diese Gegend der jetzigen Stadt, an welcher
schon zu Christi Zeiten die vereinzelten, von Gärten umgebenen Häuser
der Neustadt (Bezetha) stunden, späterhin, unter der Regierung des
Kaiser Claudius durch Agrippas des Ersten Vorsorge von einer neuen (der
dritten) Mauer umfasset; diese Veränderung des alten Umrisses der Stadt
fällt jedoch erst nahe gegen zehn Jahre nach Christi Kreuzigung[129].