Zu unsrer Rechten öffnete sich jetzt eine ganz besondre Aussicht. Es

war die auf den seltsam, wie ein Altar von welchem die Rauchsäule

des Opfers aufsteigen soll, gestalteten Frankenberg[125] mit seinen

Nachbarhöhen. Weiterhin zeigten sich, am jenseitigen Abhange mehrere

Thürme gleich jenen Wacht- und Schutzthürmen, welche die alte, deutsche

Ritterzeit erbaute. Wir hatten jetzt den äußersten (nördlichen)

Rand des Höhengürtels erreicht, der das Thal der Salomonischen

Gärten umschlingt, da lag vor uns in Norden, jenseit des tiefen,

gäh abfallenden Thales, auf der Höhe des Felsenberges, Bethlehems

Stadt; neben uns, zur Rechten (gegen Osten), das grünende, von Bäumen

beschattete Feld der Hirten: das Feld des Gesanges der Engel. -- Wer

sollte da nicht fröhlich gewesen seyn! Hatten ja die Engel hier an

dieser Stätte ihr Lied vom Frieden und von dem Wohlgefallen über und

an den Menschen auch für uns mit gesungen: sie hatten uns dieß an

so manchem, lieben Weihnachtsabend in der winterlich kalten Heimath

gethan, heute aber waren die Himmelskräfte des Weihnachtsfestes mit

der Fülle des herrlichsten Frühlingstages überkleidet; jeder Lufthauch

der aus den Weinbergen und blühenden Gärten des Hügels herüberkam

wiederholte die Worte des Preises, des Friedens und des Wohlgefallens

womit seit jener seligen Nacht jedes vorübergehende Menschenalter und

Geschlecht der Pilgrime das andre begrüßt.

Wir neuen Ankömmlinge in dieser Gegend hatten beim Hinabsteigen von

dem Hügel nicht den gewöhnlicheren und bequemeren Weg gewählt, den

wir bei unserm, zweiten, längeren Besuch in Bethlehem kennen lernten;

auch das Hinanklimmen an den steilen Berg, auf welchem die Stadt wie

eine Burg des Friedens fest gegründet steht, gieng nicht ohne große

Beschwerde ab, doch nun war sie ja erreicht, die Stadt Davids, die

lieblichste, die bedeutungsvolleste unter allen Wiegenstätten der Erde.

Das große, in seiner Bauart einem Kastell gleichende, lateinische

Kloster, das an dem einen Ende der Stadt stehet, machte sich uns von

selber kenntlich; vor seinem verschlossenen Thore empfieng uns der

Arabische Thürhüter und ließ uns durch das Pförtlein hinein, das in dem

einen Thorflügel angebracht ist; so klein, daß man nur gebückt hinein

gehen kann. Die armen Väter des Klosters müssen noch immer, wenigstens

gegen die Zudringlichkeiten wenn auch nicht Gewaltthaten der Araber

auf beständiger Hut seyn, obwohl die Sicherheit des Landes, wie wir ja

dieses selber auf unserm heutigen Wege erfuhren, den wir unbewaffnet

und ohne Führer machten, jetzt eine ungleich größere ist, als sie noch

vor wenig Jahren war.

Wir wurden in ein freundliches Zimmer geführt, dessen Fenster nach

dem kleinen Garten hinausgehen; bald trat der Prior des Klosters, ein

geborner Spanier zu uns herein, der uns freundlich bewillkommnete. Der

Leib war zwar wohl des Ausruhens und der Erquickung bedürftig, denn

wir hatten seiner Pflege heute nur wenig gedacht, aber das Verlangen

nach einem Ausruhen von geistiger Art lag uns noch näher an; wir

wollten gerne, wenn auch heute nur wie Vorübergehende, Bethlehems

heilige Grotte begrüßen. Der Prior erfüllte gern unsren Wunsch; durch

die langen Kreuzgänge des alten Klostergebäudes hindurch, dann durch

die uralte, innen mit Teppichen ausgekleidete Basilika führte er uns

hinab zu dem Raum der Felsen, da, nach dem unbestrittenen Zeugnisse

schon der ersten christlichen Jahrhunderte, Christus geboren ward. Es

ist eine große, natürliche Höhle des Gebirges, die ihren eigentlichen

Eingang vom Tage herein, außerhalb des Gebäudes hat, zu welcher aber,

innerhalb der darüber gebauten Kirche von oben herab eine Treppe führt.

Auf dieser waren wir jetzt hinuntergestiegen in den von Lampenlicht

beleuchteten, innersten Raum der Höhle, dessen Wände und Boden die

Andacht der christlichen Jahrhunderte mit Marmorplatten ausgelegt hat.

Und siehe, hier in diesem verborgnen, engen Raume war die Stätte, da

Er, den Erde und Himmel nicht umfassen, in Kindesgestalt erschien;

hier hat uns zuerst besucht, der Aufgang aus der Höhe. Der gute

Prior trat so still auf und sprach so leise, als fürchte er einen

theuren Schläfer zu stören; und in der That, das Gefühl, welches den

Pilgrim bei dem ersten Eintreten in die Grotte von Bethlehem ergriff,

war von solcher Art, daß auch die Beschreibung desselben nur leise

andeutend aufzutreten vermag. Es war als halleten, in dem von Ehrfurcht

durchdrungenen Herzen jene Worte eines heiligen Buches nach, das von

dem Geheimniß des Einswerdens der Seele mit Dem redet, der ihres Wesens

und Sehnens Anfang und Ende ist: »Ich beschwöre euch, ihr Töchter

Jerusalems, bei dem zarten, frühe gejagten Rehe des Feldes, daß ihr

Ihn, den meine Seele liebet, nicht aufreget noch wecket, bis daß es Ihm

selber gefällt.« -- War doch diese süße Ruhe am geheiligten Herzen der

liebenden Mutter die einzige, welche Dem auf Erden vergönnt war, der

die Angst und Unruhen des frühe gejagten Rehes für sich erwählte, nur

damit wir Frieden hätten und Ruhe.

Die kindliche Andacht eines erst heute hier gewesenen Pilgrimes hatte

einen duftenden Blüthenzweig neben die heilige Krippe gestellt. Es

hätte nicht dieser äußren Erinnerung an den draussen auf den Bergen und

in den Thälern wiedergekehrten Frühling bedurft; Bethlehems Geschichte

und innerliche Erinnerungen schließen dem Geiste das Land eines ewigen,

unvergänglichen Frühlinges auf. Wie verständlich wird der Seele hier

bei dieser Stätte jener Zug der Liebe der den Kirchenvater Hieronymus

an die Grotte zu Bethlehem band. Dort in einer Nebenkammer der Höhle

verweilte der Greis und wollte hinfort nicht mehr unter anderm Obdach

wohnen; in einem andren Raume des Felsens haben die geheiligten Frauen

Paula und Eustochia ein Leben des seeligen Friedens genossen und

geendet. Und wem sollte es hier nicht wohl seyn und werden im Anblick

des unvergänglichen Morgenrothes eines Tages der Ewigkeit; wem sollte

das alternde Herz nicht wieder jung werden und neu aufleben, wenn er im

Geiste das Kind anblickte das unter allen Menschenkindern dem Geiste

als das schönste und liebenswertheste erscheint.

Zuweilen geschieht es uns selbst im Traume, daß wir, auch wenn uns im

wachen Zustande die Gabe der Dichtkunst versagt ist, ein Lied singen

oder lesen, als sey es uns von einem fremden Meister gegeben; hier

bei der Krippe von Bethlehem wurde dem in Liebe bewegten Gemüthe in

noch viel andrem, höheren Maaße als dies im Traume geschieht ein neues

Lied gleich wie auf Zunge und Lippen gegeben; ein Lied das noch

lieblicher tönte und zugleich in lebenskräftigeren Worten sprach als

der Hymnos der Posaunen, auf Sinais Höhen, oder der Gesang der Klage

um Aaron und über Hiobs Jammer, auf dem Gipfel des Hor. Die Kräfte

dieses neuen Liedes sind vor Allem es gewesen, welche die Schritte von

Bethlehem nach Jerusalem wie zu einem Fluge machten. Es war schon nahe

an fünf Uhr des Nachmittags als wir vom Kloster der heiligen Grotte

schieden; der Prior entließ uns ungern, weil in Jerusalem, wohin man

zwei Stunden Weges rechnet, die Thore mit Sonnenuntergang verschlossen

werden und ein späterer Einlaß auch der Fußgänger, überaus schwierig,

ja fast unmöglich ist. Uns aber, die wir ja später noch einmal nach

Bethlehem zurückkehrten und dann länger da verweilten ließ das Sehnen

nach der »hochgebauten Stadt,« nach welcher der größere Theil unsrer

Reisegefährten schon voraus gezogen war, keine Ruhe mehr.

Nicht fern von der Stadt fanden wir unsern Arabischen Knecht, den die

sorgsame Hausfrau uns zum Führer und Begleiter zugesendet hatte. In

einiger Entfernung von uns, gegen Westen, zeigte sich, schon durch

die Beschreibung seiner Lage erkennbar, Rahels Grabmahl, welches bis

auf diesen Tag am Wege gen Ephrata-Bethlehem zu sehen ist. Ich hatte

noch niemals jene Worte des gesalbten Dichters, welche von einem

Fröhlichwerden der Gebeine reden (Ps. 51, V. 10) so an mir selber

erfahren und verstanden als heute; die Last der Ermüdung und des Alters

waren hinweggenommen; uns däuchte es wir seyen so eben aus Bethlehem

ausgegangen, da fanden wir uns schon auf der Anhöhe in der Mitte des

Weges, bei dem Eliaskloster und in der Nähe jenes Brunnens, bei

welchem den Weisen des Morgenlandes von neuem der Stern erschien, der

sie zur Stätte geleitete da Jacobs Stern, das Licht der Heiden aus dem

Schweigen der Nacht hervorgebrochen war.

Und siehe, da lag vor uns, vom hellen Glanze der Abendsonne beleuchtet,

Zions Burg mit ihren Zinnen, Morijas Tempel und Jerusalems Stadt. Als

hier auf diesen Höhen, der Vater der Gläubigen, Abraham, auf dem Wege

von Süden kommend sein Auge aufhub und Morijas Felsen von ferne sahe;

als er von hier an mit Isaak, dem Sohne der Verheißung allein gieng

und auf die Frage des Knaben, wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?

antwortete: Gott wird Ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer[126], da

regte sich in ihm ein Geist der Voraussicht nicht nur des nahen sondern

eines fernkünftigen Tages jener Herrlichkeit des Herrn, welche die

auserwählte Stätte des Opfers erleuchten sollte. Als fast zweitausend

Jahre nachher, Der, welcher in einem höheren Sinne denn Isaak als Lamm

zum Brandopfer ersehen war, von jenen nachbarlichen, in Nordosten

gelegnen Höhen, die Stadt von ferne sahe, da überblickte er, mit

göttlich klarem Erkennen die ganze Hinausführung des Rathschlusses

einer ewigen Erbarmung, über das Geschlecht des Menschen, von Abrahams

schwerem Glaubensgange an, nach Morija, bis zu dem noch schwererem

der Leiden des Menschensohnes auf Golgatha, und seinem Triumph auf

des Oelbergs Höhe, ja bis zu dem letzten der Kämpfe und Siege. Der

Pilgrim, welcher abermals nach fast zwei Jahrtausenden, seit Golgathas

und des Oelberges großen Geschichten, Jerusalem von ferne erblickt,

siehet, gleich jenen Lichtern, welche in der Thräne eines Menschenauges

zittern, in nahem Beisammenseyn alles vergangene und künftige Bewegen

einer Welt des Göttlichen und Geistigen, die einst sichtbarlich dort

über den heiligen Bergen wohnte und waltete, und noch jetzt ihr

Aufsehen auf Zions Stätte gerichtet hat. »Ja, der Herr ist König

ewiglich, dein Gott o Zion für und für.«

Das Heer der Kreuzfahrer, welches Gottfried von Bouillon gen Jerusalem

zum Kampf und Siege führte, da es von der Höhe des nördlichen

Blachfeldes die heilige Stadt erblickte, hatte auf einmal aller bisher

erduldeten Mühen und Beschwerden vergessen; ein Gesang der Hymnen

ergriff, wie ein Sturmwind im Walde der Eichen, seine ganzen Schaaren,

das Auge, selbst der rohesten Krieger, füllte sich mit Thränen der

Freude; anbetend naheten sie sich dem hehren Ziele ihrer sorgenvollen

Fahrt. Wer möchte nicht gern, in der vollesten Kraft das mit und

nachempfinden was jene empfanden? Und doch wird wohl Jedem der nicht

allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem ein Solcher ist, dessen

~Herz~ nicht vernahm was in seinen Mauern geschehen ist, nach

seinem Maaße von einem Schauer der Ehrfurcht ergriffen werden, wenn

sich die Königin der Städte, die noch jetzt, in ihrer Wittwentrauer,

ein hehrer Anblick ist, zuerst seinem Auge zeiget. Ich fühlte und

bemerkte nichts mehr als den Zug des Sehnens in meinem Innren und

das neue sichtbarliche Ziel nach welchem der Zug hingieng; ob ich,

im Anschauen verloren, still stünde oder mit so eiligen Schritten

fortgienge, das hätte ich nicht bemerkt, wären wir nicht auf einmal, in

unerwartet kurzer Zeit hinabgekommen zum untren Teich, im Thale Gihon,

welches weiter gen Süden in Ben Hinnoms Thale endigt. Da wir gegen das

Thor hinangiengen, gesellten sich zu uns die Schaaren der Pilgrime,

welche den schönen Frühlingsnachmittag außerhalb der Stadt, in den

grünenden Thälern und Auen zugebracht hatten; die weiß gekleideten

Frauen und Kinder, im Schutze der Väter und Brüder; mit ihnen zogen wir

ein in das Thor und die Gassen der Stadt. Jener fromme Israëlit eines

früheren Jahrhunderts, da er in das Gewand der tiefsten Trauer gehüllt

zu Jerusalems Thore eingieng, wandelte, gebeugt von Schmerz, singend

unter Thränen ein Lied des Jammers und der Klage über Zions Trümmer

hin. Dieser Schmerz über Jerusalems Fall und Zerstörung, so gerecht

er scheinen möge, ist nicht das einzige, nicht das vorherrschende

Gefühl das den Christen beim Anblick der tief erniedrigten Königsstadt

ergreift, denn dieser weiß es, daß, als Jerusalem, das irdische

zerbrochen ward, der Bau eines himmlischen schon begründet war, welcher

nicht zerbrochen werden kann, und dessen Thore niemals geschlossen sind

für den Pilger, der in sie einzugehen begehrt.

Wir giengen sogleich zur gewöhnlichen Herberge aller Fremdlinge die

aus den Abendländern kommen: zu dem Kloster St. Salvator. Ich hatte

durch die Vermittlung eines vielvermögenden Freundes einen sehr

gütig mich empfehlenden Brief an die Väter des heiligen Landes, vom

Cardinal Franzoni in Rom erhalten; aber auch ohne diese Empfehlung

würde uns im lateinischen Kloster die freundlichste Aufnahme geworden

seyn, denn es ist die Weise der in ihm wohnenden, guten Väter, alle

Pilgrime, die seinem Dache sich nahen, nach Kräften zu bewirthen und zu

verpflegen. Wir neuen Ankömmlinge wurden zuerst zu einem Besuch bei

dem damaligen Quardian des heiligen Grabes, dem venerandissimo Padre

Saverio da Malta ins Kloster eingeladen. Er und der Padre Secretario

empfiengen uns sehr freundlich; es wurde mir, nebst einigen meiner

Freunde eine Wohnung im Kloster angeboten, wir zogen es jedoch vor in

dem nachbarlich angränzenden Pilgerhauße mit der Gesellschaft unsrer

übrigen Reisegefährten beisammen zu bleiben.

Es war Abend geworden, als wir unter das Obdach eingingen, das nun auf

mehrere Wochen uns in der hochgebauten Stadt bewirthen sollte. Drei

Zimmer die zum Theil erst heute wieder leer geworden, unter ihnen ein

sehr großes, hatte man uns eingeräumt; es herrschte in dem abgelegenen

Hofe, nach welchem diese Zimmer die Aussicht hatten, eine Ruhe und

Stille, wie in den Vorhöfen eines Tempels; auch in uns war ein seliges,

stilles Erwarten, wie es die Seele am Vorabend eines hohen Festes

empfindet.

Die erste Woche in Jerusalem.

Der Morgen grauete kaum, da hatte ich schon den Weg zu dem platten

Dache gefunden, das über der Reihe unsrer Zimmer war. Der Mond, fast

im letzten Viertel, schien noch klar und hell am Himmel, über dem

Oelberg fuhren die ersten Strahlen des Tageslichtes auf. Es hat, wie

ich dieß schon bei andrer Gelegenheit erwähnte, immer zu einem meiner

Lieblingsvergnügungen auf Reisen gehört, in fremden Land und in fremder

Stadt den Morgen erwachen zu sehen. Er erwacht ja überall, wie aus

Gedanken des Traumes von dem was gestern und ehegestern war und trägt

das Gepräge der Gedanken, die in ihm sind, an seiner Stirne; wo aber

könnte der Morgentraum, der des Vergangenen gedenket, großartiger und

Theilnahme erregender seyn als in dem Gewölk des Sonnenaufganges das

über dem Oelberg, über Gethsemanes Thale, über Morija und Golgathas

Tempel schwebt.

Noch war mir das Ganze, das mein Auge von dem hochgelegnen Dach

überblickte, in vielen seiner Theile fremd und neu; doch wer könnte

dort in Osten den Oelberg, mit der Kirche der Auffahrt verkennen; wer

sollte nicht errathen, daß die Thalschlucht da in Südosten der Weg

des Kidron nach dem todten Meere sey, und daß einige der jenseits

herüberblickenden Höhen schon zu Pisgas Bergzug gehören. Die Höhen

gegen Süden hatten wir auf unsrer Reise vom Hebron hieher selbst

durchwandelt; in Norden schließt sich das hohe Blachfeld an, über

welches zur Linken der Weg nach Ramla und Joppen (Jaffa), zur Rechten

aber nach Nazareth und nach Damaskus führet. Aus den allmälig heller

werdenden Häußern der Stadt erhebt sich am östlichen Ende die Moschee

des Omar, an der Stätte, da einst Salomo's Tempel stund; näher

heran aber, mit ihren beiden Kuppeln, gegen Omars Moschee gar klein

erscheinend, die Kirche des heiligen Grabes. Neben den Gedanken der

Kämpfe, welche hier über diesen Hügeln gekämpft wurden, erwachten, mit

dem Morgenlicht des neuen Tages zugleich jene Gedanken des Friedens,

welche von Ewigkeit über Jerusalem gedacht waren und ohne Aufhören über

ihm bleiben werden[127].

Wer könnte aber, wenn in ihm Kraft zum Gehen ja nur zum Kriechen ist,

die Stadt der Städte so nahe zu seinen Füßen sehen, ohne sich von ihr

hinabgezogen zu fühlen zur unmittelbaren Betrachtung und Berührung. Wir

warteten keinen Führer aus dem Kloster ab, sondern machten uns allein

auf den Weg, begleitet von Herrn Mühlenhof, der schon mehrere Male in

Jerusalem war.

Jener Jäger, der den Lieblingsjünger des Herrn, Johannes den

Evangelisten besuchte, fand den heiligen Greis, den er sich nicht

anders als in beständigem Gebet oder lehrend und schreibend gedacht

hatte, kindlich spielend mit einem zahmen Adler, und würde an diesem

Anblick ein Aergerniß genommen haben, wenn der Jünger ihn nicht

liebreich belehrt hätte über die Nothwendigkeit des Wechsels zwischen

Ausruhen und Thätigseyn, welcher der Geist des Menschen unterliegt,

so lange er die irdische Hülle bewohnt. Wer möchte sich nicht gern

Jerusalem, die heilige Stadt, als eine solche denken, an deren Aeußerem

schon Züge jenes stillen Ernstes und jener Andacht sichtbar wären, von

denen der Pilgrim, der hinaustritt in ihre Gassen, sich durchdrungen

fühlt. Solchen Zügen begegnet man auch wirklich fast auf jedem

Schritte; man darf sich jedoch nicht ärgern an der bunten Decke der

Gegenwart, welche die ernsten Züge der großen Vergangenheit verhüllet.

Und doch wäre dieses mir und einem meiner jüngeren Freunde, der neben

mir gieng, fast geschehen. Das Alltagsgewühl der Gassen so wie der

von Käufern und Verkäufern erfüllten Bazars machte auf uns einen

ähnlichen Eindruck, als etwa auf Kinder, denen heute der Vater starb,

das alltägliche, scherzhafte Geschwätz eines von Gästen erfüllten

Nachbarhauses. Die Stadt war schon sehr gefüllt von den Schaaren der

orientalischen Christen, welche die ihnen noch bevorstehende Feier

der Passionswoche und des Osterfestes hieher gezogen hatte. Ihnen,

von denen Manche vielleicht erst gestern oder heute angekommen waren,

konnte man die Aeußerungen der Freude über das glückliche Erreichtseyn

des ersehnten Zieles nicht verargen, wenn auch diese Aeußerungen von

andrer Form waren als bei uns; eben so wenig den Käufern und Verkäufern

der vielerlei Waaren, die laute und geräuschvolle Art mit der sie ihr

Gewerbe trieben.

Da stunden wir denn auf dem Vorplatz vor der heiligen Grabeskirche.

Auch ihn fanden wir erfüllt, wie dies vormals die Hallen des Tempels

auf Morija waren, von den Schaaren der Käufer und Verkäufer jener

mannichfachen Erinnrungszeichen an Jerusalem, welche die Pilgrime

gewöhnlich von hier mit sich nehmen in die Heimath. Wir hatten gehofft

die Thüre der Kirche offen zu finden: unsre Erwartung sah sich

getäuscht. Noch immer sind die Schlüssel zu dieser dem Christenglauben

ehrwürdigsten Kirche in den Händen der Türken, welche selbst in der

österlichen Zeit nur zu gewissen Stunden ihre Thüren aufthun, oder,

gegen reichliche Belohnung, auch zu andrer Zeit den Fremden sie

öffnen. Wir hatten versäumt vom Kloster aus um das Aufthun der Kirche

nachsuchen zu lassen; Keiner von uns wußte wo die Thürhüter zu finden

seyen; so mußten wir uns begnügen das ehrwürdige Gebäude vorerst nur

noch von außen zu betrachten.

Während wir da, auf einem jenseits des Vorplatzes gelegnen Gemäuer

stunden und anschaueten, wendete sich das Gespräch zwischen mir und

dem Freunde, der dort mit mir war, auf die älteren so wie neueren

Bedenklichkeiten über die Oertlichkeit des heiligen Grabes. Auch hier,

in der Beschreibung meiner Reise scheint es mir nöthig, mich mit meinen

Lesern über die historische Bedeutung der heiligen Grabeskirche zu

verständigen.

Ein Umstand auf den sich der Zweifel hauptsächlich gründete, daß die

Stätte von Golgatha und dem heiligen Grabe da zu suchen seyen, wo

die Andacht der späteren Christen sie verehrte, war der, daß ja dann

beide innerhalb der Stadtmauern müßten gelegen seyn, was im offenbaren

Widerspruch mit der Schrift so wie mit den Einrichtungen und Sitten

der Jüdischen Hauptstadt stünde. Dieser Anstoß des Zweifels ist

durch die neueren Untersuchungen über die Lage und den Umkreis der

alten Stadtmauern zu Christi Zeit gehoben worden, denn aus ihnen hat

sich ergeben, daß die damalige Mauer von der Burg Davids nicht wie

die jetzige nach Westen sich verlängerte, sondern von der östlichen

Ecke der Burg sich zuerst gegen Nordosten wendete, dann nordwärts

und zuletzt in N. N. W. zu der Gegend des jetzigen Damaskusthores

verlief[128]. Bei dieser früheren Begränzung der Stadt lag jene ganze

westliche Ecke derselben, die jedem Auge als ein unsymmetrischer Ansatz

erscheint, an welcher anjetzt das Lateinische so wie der größere Theil

des Griechischen Klosters und die Kirche des heiligen Grabes stehen,

außerhalb der älteren Mauern, von denen sich noch unverkennbare

Ueberreste bei dem Gerichtsthor (+Porta judiciaria+) finden.

Allerdings wurde auch diese Gegend der jetzigen Stadt, an welcher

schon zu Christi Zeiten die vereinzelten, von Gärten umgebenen Häuser

der Neustadt (Bezetha) stunden, späterhin, unter der Regierung des

Kaiser Claudius durch Agrippas des Ersten Vorsorge von einer neuen (der

dritten) Mauer umfasset; diese Veränderung des alten Umrisses der Stadt

fällt jedoch erst nahe gegen zehn Jahre nach Christi Kreuzigung[129].

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 34 / 42 段