sonderlichen Höhe stund, ward uns dennoch am Mittag das von ihm
zubereitete Lammfleisch mit dem wohlschmeckenden Wein und gutem Brode
von Hebron zu einem unvergleichbar köstlichem Festtagsessen. Schon
Hasselquist machte die Bemerkung, daß die Rebe von Palästina zu
derselben Unterart des Weinstockes gehöre, die am Rhein gepflegt wird
und hier die edelsten Weine des Landes erzeugt. Selbst der Geschmack
schien uns diese Verwandtschaft zu bezeugen, denn der Wein, den wir
in Hebron so wie später in Bethlehem und Jerusalem tranken, gleicht
hierinnen sehr unsern feurigsten, lieblichsten Rheinweinen, während
des ersten Jahres ihres Alters, nur ist er reicher an Zucker und
natürlichem Gewürz.
Bald nach unsrer Mahlzeit machten wir uns von neuem auf, um Abners und
Isboseths Grab zu sehen. Wir giengen zuerst wieder hinabwärts nach der
Gegend der Moschee und betrachteten die Gemäuer einiger der größesten
vormaligen Gebäude. Das, welches nach der Aussage unsers Griechischen
Christen (nicht unsre Jüdischen Begleiter) die Burg Davids gewesen
seyn sollte, mag wohl nur der Zeit der christlichen Herrschaft des
Landes angehören und war vermuthlich die Wohnung des Bischofes von St.
Abraham und seiner Geistlichkeit. Doch zu welchem ungleich älteren
Gebrauch mögen so manche dieser mächtigen Werkstücke, namentlich der
unteren Gemäuer, hier und an andern Stellen gedient haben. Jenes
kleinere Gebäude, welches, offenbar von Türkischer Bauart, über der
vermuthlichen Gruft steht, welche einst die Gebeine des Feldhauptmann
Abner und Isboseths Haupt verwahrte, liegt in dem kleinen Hofe eines
Türken, der gegen ein geringes Trinkgeld sich willig finden ließ uns
hinein zu führen. Auch hier sind, unten im Gewölbe der Gruft jene etwa
noch vorhandnen Reste des vormaligen Ehrenmahles von den Türken mit
einem jener weiß angestrichnen, backofenartigen Sarcophagen überbaut
und verkleidet worden, dergleichen man in Rahels Grabe wie in den
Gräbern der Mohamedanischen Heiligen sieht. Durch die Sitte dieses
Zudeckens und Ueberbauens haben mich die Bekenner des Islams öfters an
eine Gewohnheit mancher bienenartigen Insekten erinnert, welche fremde
Körper, die in ihren Bau hinein geriethen, wenn ihnen dieselben zu groß
und zu übermächtig zum Hinausschaffen sind, ganz mit Wachs überwölben
und verbauen.
Ungleich lohnender als der Besuch von Abners Grabe war der Weg, den
wir am schönen Nachmittag, welcher die Frische eines vaterländischen
Frühlingstages hatte, hinan auf die im Westen der Stadt emporsteigende
Anhöhe zu Jesses (Isais) Grabe machten. Wir giengen zuerst über den
Türkischen Gottesacker nach jenen uralten, dickstämmigen Bäumen der
Pistazien hin, deren Alter weit über jenes der türkischen Herrschaft
hinausreicht. An ihren Zweigen hiengen in großer Menge die eben
in höchster Entfaltung stehenden Kätzchen der männlichen Blüthen,
dazwischen zeigten sich die zarten, zierlich gestalteten Fruchtblüthen.
Die Nüsse dieses Baumes gehörten schon in den Zeiten der Erzväter
zu den geachtetsten Früchten des Landes, denn jene Botnim, welche
Jacob (nach 1. Mos. 43, V. 11) dem Joseph, dem gefürchteten Herrscher
Aegyptens, nebst andern Erzeugnissen von Palästina zum Geschenk sendet,
waren nicht Datteln, wie unsre gewöhnliche Uebersetzung dies aussagt,
sondern Pistazien von jener edlen, ächten Art (+Pistacia vera+),
welche wir hier zum ersten Mal in ihrer blühenden Schönheit sahen. Nahe
bei jenen hochstämmigen Pistazien zeigte unser Israëlitischer Führer
ein Feld der Märtyrer, welche in Treue gegen Jehovahs Gesetz hier dem
Schwert der Heiden unterlagen.
Wir nahmen jetzt unsren Weg mehr zur Linken (gegen Süden) nach einem
Brunnen, der den Namen des Vater Abraham führt, so wie zwei andre, im
Hebronthale gelegne, der eine nach Isaak der andre nach Jacob benannt
sind. Viele steinerne Stufen führen zu dem klaren, frischen Wasser
des kunstreich gemauerten Abrahamsbrunnen hinab. Da schöpften so eben
Frauen und Jungfrauen die großen irdenen Krüge voll, die sie auf dem
Haupte zur Stadt trugen; einzelne Männer füllten große Schläuche, womit
sie ihre Esel beluden. Diese reiche Quelle leidet, wie unser Führer
uns erzählte, zu keiner Jahreszeit Mangel an Zufluß; sie versorgt die
Bewohner von Hebron in Ueberfluß mit dem reinsten, wohlschmeckendsten
Quellwasser.
Jesses angebliches Grab, zu welchem zuletzt ein sehr beschwerlicher
Weg, über die zwischen die Gartenmauern herausgeworfnen Steine
hinführte, liegt innerhalb dem Gemäuer eines jener alten, zur Ruine
gewordnen Gebäude, dergleichen viele auf der Höhe des Berges stehen.
Sie scheinen fast durchgängig einer älteren, zum Theile wohl viel
älteren Zeit anzugehören als die der Muhamedanischen Herrschaft
des Landes ist. Nahe bei Jesses Grabgebäude sind mehrere Häußer
zusammengebaut gewesen, von denen das eine wohl einmal die Bestimmung
einer christlichen Kirche gehabt haben kann. Vielleicht mag dasselbe
auch von jenem Gebäude gelten, in welchem die Grabstätte gezeigt wird.
Von einer brunnen- oder schachtartig senkrecht hinabführenden Oeffnung
in der einen Ecke dieses Gebäudes trugen sich unsre Begleiter mit einer
Sage, nach welcher jenes Brunnenschacht zu ausgemauerten Gängen führen
sollte, welche in der Tiefe bis Hebron und noch weiter führten.
Bei den Ruinen des Berges und rings um dieselben her sind Gärten von
niedern Mauern umgeben, aus kunstlos über einander gehäuften Steinen
gebaut. Der vorzüglichste Reichthum dieser Gärten sind der Oelbaum und
der Pistazienbaum, daneben aber sieht man häufig unsern Wallnußbaum
(+Juglans regia+), welcher durch ganz Palästina wildwachsend und
einheimisch gefunden wird; neben den alten Stämmen der Feigenbäume
gedeihen einige unsrer Obstarten, vor allem der Aprikosenbaum; an den
freieren Abhängen breitet sich, fast ohne alle Menschenpflege der
Weinstock aus.
Die reiche Anhöhe, an der wir diesen Nachmittag zubrachten, hatte
uns mit den schönsten Frühlingsblumen des Landes versehen. Mit
buntfarbigen, duftenden Sträußen in den Händen, wie sie schwerlich der
ansehnlichste Gewächsgarten unsers Vaterlandes am 26sten März zu geben
vermöchte, giengen wir unsrer Wohnung zu[121]. Ich stund noch lange auf
der kleinen Terrasse bei unsrem Zimmer und schaute hinaus in die von
der Abendsonne beleuchtete, schöne Gegend. Ein Gewölk stieg in Westen
auf, zog aber bald wie Absaloms, des in Hebron Geborenen, Aufstand
gegen den König und Vater, an den Herrscherstrahlen der Sonne vorüber.
Unten im Garten hatte auch die Familie unsers Hauswirthes sich heute
ein ganz neues Festtagsvergnügen gemacht. Sie hatte sich unser Zelt,
das wir nicht weiter als Hebron mit uns nehmen wollten, um billigen
Preis verschafft, dasselbe im Garten, unter den Bäumen aufgeschlagen
und diese Wohnung so angenehm gefunden, daß sie sich erst spät am Abend
von ihr trennte. Das Erdbeben vom ersten Januar dieses Jahres 1837,
welches mit verheerender Macht durch so viele Gegenden von Palästina
sich verbreitete, hatte auch in Hebron die Häußer erschüttert und den
Wunsch erregt ein Zelt zu haben, unter dessen Obdach man, bei solcher
Gefahr im Freien wohnen könne. -- Armes, so oft gescheuchtes und
geängstetes Volk! wann wirst du ohne Furcht und in stillem Frieden das
Land deiner Väter bewohnen. Möchte doch bald einem Erdbeben, welches
dir das Annahen deines Herrn verkündete, das Feuer folgen, das Alle
Herzen entzündet und von dem die Liebe wollte es brennete schon (Luc.
12, V. 49), und nach dem Feuer dich jenes stille, sanfte Sausen[122]
anwehen, das die Seele mit den Kräften eines ewigen Friedens erfüllt.
Auch der zweite Ostertag, am 27sten März, ward noch dem sabbathlichen
Ausruhen in Hebron bestimmt. Wir feierten den Vormittag still in
unsrer Wohnung; am Nachmittag, der abermals lieblich kühl war,
giengen Einige von uns wieder hinan auf die Berge, welche einst
Mamres gesegneter Hain beschattete. Wir ließen heute den Weg, der
zu Isais Grabe führt weit zur Linken, giengen zuerst, neben jenem
der Türken hinan zum Gottesacker der Juden, bei dessen Gräbern ein
strauchartiges Hülsengewächs seine goldgelben, schmetterlingsförmigen
Blüthen entfaltete, die an Gestalt, nicht aber an den Eigenschaften
der südeuropäischen Anagyris glich, denn sie hatte nichts von dem
unangenehmen Geruch an sich, der an der gemeinen Anagyris bemerkt wird.
Von den Grabstätten der Juden stiegen wir, in mehr nördlicher Richtung
hinan nach dem Gipfel des nicht sehr steilen Berges. Die Felsart,
woraus dieser besteht, gleicht unsrem Jurakalk; stellenweise zeigt sich
Dolomit; Versteinerungen sahen wir heute nicht. Zwischen den vielen
Felsentrümmern, die auf dem Boden umhergestreut liegen, ist dieser so
fruchtbar, und die auf ihm wuchernden Gesträuche und Kräuter sind von
solcher Art, daß sich der vormalige Waldboden nicht verkennen lässet.
Hin und wieder bezeugten dasselbe auch unmittelbar jene alten, in den
Felsen versteckten Wurzeln, aus denen die neu ausschlagende Brut der
Eichen und Terebinthen zum grünen Strauchwerk sich erhub.
Die Sonne neigte sich zum Untergang; es war unmöglich die äußerste
Anhöhe des Berges zu erreichen, die sich, auch wenn wir sie schon
erstiegen glaubten, in immer abgelegnere Ferne zurückzog. Aber schon
da, wo wir stunden, hatten wir nach Süden hin die Aussicht in ein
fruchtbares Nebenthal, in welchem, neben den Oelbäumen Saatfelder
grünten und ein kleines Dörflein stund; gegen Osten in das Hauptthal
von Hebron und die jenseit, nach dem todten Meere hin gelegnen Höhen,
so wie über das bergige, von Thälern durchschnittne Land in Nord und
Nordosten, durch welches der Weg nach Bethlehem und Jerusalem sich
hinziehet. Mehr aber denn die Aussicht in die Ferne des Raumes fühlte
sich hier die Seele durch eine Aussicht in die Ferne der Zeiten bewegt
und angezogen, welche mit der andren Hand in Hand gieng. War doch hier,
in dieser schönen Landschaft die Stätte jener gesegneten Hütte, zu der
sich der Herr selber, im Geleite der beiden Engel, als Gast nahete;
hier hat der Vater der Gläubigen die große Verheißung empfangen und
mit Gott geredet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet; hier ist der
Glaube eines sterblichen Menschen zu einem festen Boden geworden, auf
den die Kräfte des Himmlischen und Ewigen in sichtbarlicher Gestalt
sich niederließen. Was die Kräfte in der menschlichen Natur wirkten und
erzeugten, das ist nicht wie das Sterbliche dem Veralten unterworfen,
und, ob selbst Sara lachen möchte hinter der Thür der Hütte, die
Verheißung, dem Glauben gegeben, wird feste bleiben, auch wenn dieser,
scheinbar schon ganz erstorbenen Leibes dastünde; alle Lande sollen
noch voll werden der Ehre Dessen, der dem Abraham als ein Segen
aller Geschlechter der Erde verkündet war. Zu den Zeiten des Kaiser
Constantin hatten, wie Eusebius[123] erzählt, die Heiden, hier, bei
dem Haine Mamre einen Altar, auf welchem sie, auch ohne Seinen Namen
zu kennen, Dem Gottesdienst erzeigten, welcher daselbst dem Abraham
erschien; wie hat sich doch in so tausendfachen Formen bei allen
Völkern und Heiden der Zug des Sehnens nach Dem bewegt, der vormals bei
dieser Stätte in sichtbarlicher Gestalt dem Glauben der Menschenseele
entgegen trat.
Ein Türke, der vom Felde kam, hatte jetzt sein Abendgebet, zur Erde
gebeugt, mit dem Angesicht gegen Mekka gerichtet, vollendet; er schritt
raschen Ganges an uns vorüber; wir grüßten uns freundlich. Wie gern
hätte ich mit ihm, der ja auch den Vater der Gläubigen als Vater
erkannte, reden mögen, was mir eben das Herz eingab. Mir fielen einige
Verse ein, aus dem schönen Liede: »Ich will dich lieben meine Stärke,«
namentlich jener: »Ach daß ich dich so spät erkennet, du hochgelobte
Schönheit du« -- und vor Allem die Worte: »Ich lief verirrt und war
verblendet, ~ich suchte Dich~ und fand Dich nicht; ich hatte mich
von Dir gewendet und liebte das geschaffne Licht.« -- Ja, auch diese
Kinder Abrahams, dem Fleische nach ~suchen Ihn~, den Aufgang aus
der Höhe, und auch ihnen wird es, wie uns Andren, die wir ja auch von
Ihm verirrt waren, noch geschehen; daß sie ewig Ihn ersehen.
Nur noch ein Abend und eine kurze Nacht, und die letzte Tagreise sollte
beginnen, deren naher Endpunkt Jerusalem war. Die Unruhe, welche durch
die Ruhe dieser letzten Nacht vor Jerusalem gieng, möchte ich wohl
eine selige nennen; es war mir wie Einem der im Felde der blühenden
Lilien einschlief und den von Zeit zu Zeit der Duft der Blumen aus
lieblichen Träumen weckt und in noch lieblichere hinüberführt; oder
wie einem armen Sänger, der mitten im Liede des Heimwehes, das seine
Hand spielte, entschlafen, sein müdes Haupt auf die Harfe legte, und
den bei jeder Bewegung das leise tönende Schwirren der Saiten zu
neuen Gedanken an das Lied vom Heimweh weckt. Du Morgen, an welchem
einst die letzte Tagreise vor dem Eingang zu den Thoren des Friedens
beginnen wird, mögest du mich einfältiger, treuer, lauterer finden, als
jener, an welchem ich am letzten Tage vor dem Eingang in die Thore des
irdischen Jerusalems von meinem Lager aufstund; und dennoch sey mir
auch der damalige Morgen einer Pilgerreise gesegnet, die so vielfach
von Zerstreuungen und geistigen Trübungen heimgesucht war.
Wenn im Tempel des alten Jerusalems das Morgenopfer dargebracht werden
sollte, da rief der Priester dem Wächter auf der Zinne zu: fängt es
an Licht zu werden bis nach Hebron[124]? Als ich auf die Terrasse
bei unserm Zimmer hinaustrat an die erfrischende Morgenluft, da rief
die Wachtel in den nachbarlichen Feldern der jungen, grünen Saat ihr
lautes »wachet auf, wachet auf.« Aber das Sehnen nach dem Anblick der
»hochgebauten Stadt,« die vormals ein irdisches Vorbild der himmlischen
Stadt war, und dereinst dies wieder seyn wird, wachte schon lange; es
wachte heute mit besondrer Kraft. Die alten Geschichten Hebrons, welche
am Saume von Mamres Haine so lebendig in der Seele erwacht waren, sind
zu den Geschichten Jerusalems Dasselbe, was der schöne Herbstabend, an
welchem der Säemann, in Hoffnung und zuversichtlichem Glauben an die
Zukunft eines nahenden Frühlinges, das Saatkorn in den Boden streuete,
zu dem Morgen des Frühlingstages sind, an welchem die Saat in hoher,
grünender Fülle vor dem Auge dasteht, und zum Morgen des Sommertages,
da man ihre reifen Garben zur Scheuer führt. Wie leicht hat es doch
der treu, bei der Mutter gebliebene Kinderglaube eines spät gebornen
Geschlechtes, dem die Schaaren der Zeugen, welche es erfuhren daß
die Wahrheit des Glaubens wahr sey, den Weg so ebneten und bahnten.
Zwischen dem geistigen Hebron eines Abraham auch dann als er auf Morija
es erfahren daß der Herr Alles siehet, und zwischen der Verherrlichung
des Golgathas und des Oelberges bei Jerusalem, da Abrahams spätere
Geschlechter es erfuhren, daß der Herr, der Sehende, auch der alles
Sehnen stillende, alles Hoffen erfüllende sey, welche Jahrhunderte der
Noth, der Verirrungen, der Kämpfe lagen da innen; und der Pilgrim des
heutigen Tages hat zwischen dem Morgen der in Hebron anbricht und dem
Abend, der über Jerusalem anbricht nur die kurze Frist der Mühe von
wenigen Stunden.
Wir mußten heute, unsrer innren Eile kam es wenigstens so vor, ganz
besonders lange warten, bis Alles zur Abreise bereit war. Noch einmal
sollten, vor allem unser Gepäck, die Schiffe der Wüste, die Kamele
weiter führen. Ich war in Begleitung meines lieben Reisegefährten
Krohn, geführt von dem schon erwähnten Griechischen Christen und von
einem, der Gegend besser kundigen Israëliten, der ein Verwandter unsres
Hauswirthes ist, zu Fuß vorangegangen; erst draussen vor der Stadt
begegneten uns jene Pferde, die außer den Kamelen für die heutige
Tagreise bestellt waren. Wir nahmen zwei von diesen und folgten
dann unsern Führern, die uns heute noch die Stätten zeigen wollten,
an denen, der hier noch fortbestehenden Sage nach, Abraham wohnte,
Nathan der Prophet begraben ward und David seinen Königspallast hatte.
Unser Weg, östlicher als die gewöhnliche Heerstraße nach Jerusalem,
gieng zuerst zwischen den üppig grünenden, schon dem Aufblühen nahen
Weingärten hin, welche aufwärts im Thale, und im Norden der Stadt sich
weithin ausbreiten. Wir wendeten uns dann rechts (nordostwärts) von
der Straße ab, durch dicht grünende Saatfelder, deren Getraide eben
blühete, und kamen, etwa nach einer Stunde an ein, aus riesenhaften
Werkstücken zusammengefügtes Gemäuer, welches einen großen, viereckten
Raum, wie einen Hof umschließt, innerhalb welchem, nach der einen
Ecke hin, eine schön gemauerte Cisterne sich zeigt. Hier konnte
wohl die Wohnung des reichen Besitzers der Heerden seyn, von denen
ein großer Theil in dem geräumigen Hofraum bei Nacht Schutz fand.
Wir trafen daselbst einen Hirtenknaben, der in dem alten, noch zum
Theil gepflasterten und dennoch mit hohem Grase bewachsenen Hofraum
seine Kühe weidete. Die Umgegend, rings um dieses Gebäude her, gehört
zu den fruchtbarsten die wir in Palästina sahen; die Hügel sind mit
Strauchwerk und Bäumen bewachsen und auch die üppig gedeihenden Kräuter
der Ebene machen hier den vormaligen Waldboden kund.
Von dieser Stätte, welche die Ueberlieferung der Israëliten Abrahams
Wohnung, bei Mamres Haine nennet, nahmen wir die Richtung wieder fast
nordwärts, dann den Abhang des Hügels hinab in ein Thal, welches
voller Weingärten ist. Auf der jenseitigen Anhöhe liegt ein Arabisches
Dörflein (Nabi Yunas), und in ihm ein ansehnlicheres, fast burgartiges
Gebäude, welches unsre Führer das Grab Nathans, des Propheten nannten.
Der Landmann, welcher in oder bei dem Gebäude wohnt, öffnete uns das
Grabgewölbe; auch hier fand sich ein Türkischer Sarkophag, ähnlich den
früher erwähnten; denn den Mohamedanern ist auch das Grab des Propheten
Nathan ein geheiligter Ort. Bei dem Dorfe sind mehrere alte Gemäuer.
Westwärts von Nathans Grabe und dem eben erwähnten Dorfe gelang man
sehr bald wieder zu der Straße, die in gerader Richtung von Hebron
nach Jerusalem führt; wir hatten zu unsrem ganzen Abwege nicht viel
über eine Stunde gebraucht. Jener Punkt, an welchem man die Heerstraße
berührt, gewährt nicht bloß wegen des gemauerten Brunnens voll
reichlich fließenden, lebendigen Wassers, sondern auch noch aus andern
Gründen einen interessanten Ort des Ausruhens. Es stehen in der Nähe
des Brunnens, bei welchem wir uns mit unsren, gerade von Hebron hieher
gegangenen Reisegefährten wieder zusammenfanden, Ruinen von Gebäuden,
welche noch in ihrem jetzigen Verfall von alterthümlicher Pracht
zeugen. Höchst wahrscheinlich lag hier Beth-Zur oder Bethsur, welches
unter Josua dem Stamme Juda zugetheilt ward (Jos. 15, V. 58), welches
von Rehabram (nach 2. Chron. 11, V. 7) und nachmals von den Makkabäern
und Bacchides befestigt wurde. Hier an diesem Brunnen taufte, nach
der älteren und wahrscheinlicheren Angabe, Philippus den Kämmerer der
Königin Candace. Auf geradem Wege von Hebron hieher braucht man nicht
viel über eine halbe Stunde. -- Die Eingebornen, wenigstens unsre
Israëlitischen Freunde, nennen übrigens diese Stätte der Trümmer nicht
Bethsoron, sondern Luar oder Iluel und sagen daß hier, nicht in Hebron
selber, Davids gewöhnlicher Aufenthalt, während der sieben ersten Jahre
seines Königreiches über Juda gewesen sey. Nahe bei den noch jetzt
Herrschergewalt über das Auge übenden Ruinen, finden sich mehrere
Felsengräber, weiter westwärts von dort soll die uralte Terebinthe
seyn, die wir nicht besuchten.
Von hier an giengen Mehrere von uns, unter denen auch ich war, den
Weg zur Stadt der Städte, wie es den Pilgrimen geziemt, zu Fuß. Der
Westwind, der bald über die Saatfelder, bald über den Felsengrund der
Gewürzkräuter kam, hatte Eile, damit aus dem Abend der Morgen werde;
das Sehnen unsrer Seele aber strebte vorwärts, damit aus dem Morgen der
Abend werde. Wollte ich jetzt, ohne mein Tagebuch zu fragen, bloß der
Besinnung an das folgen, was damals meine Seele bewegte, so würde ich
vielleicht, ohne mir es bewußt zu seyn daß ich irrte, erzählen, ich sey
an vielen Kirchlein und andern Denksteinen der christlichen Andacht
vorüber gekommen, da, wo über die duftende Narde der Wind wehete und
auf die Kappernstaude der weißlichen Felsen die Mittagssonne schien.
Und dennoch waren all' die Kirchlein und Denksteine der »veralteten«
Christenandacht, dies sagt mir mein Tagebuch, nur innerliche gewesen,
denn auf dem ganzen Wege von Iluels Trümmern bis zu Salomons Teichen
sahen wir keine andren Spuren der bauenden Menschenhand, als nur einen
alten, verfallenen, von Gebüsch umwachsenen Brunnen. In seiner Nähe
begegnete uns ein reich und halbfränkisch gekleideter Grieche, mit
mehreren Gefährten, der neugierig und teilnehmend uns einsame, zu Fuße
wandernde Franken fragte woher wir kämen und wohin wir wollten? Denn,
in der That, das, was wir heute thaten, das wäre vor wenig Jahren noch
ein kühnes Wagstück gewesen. Ich war schnell vorangegangen; zuletzt
blieben nur noch Herr Franz und +Dr.+ Erdl an meiner Seite, die
Andern waren zum Schutz der beiden Begleiterinnen und des Gepäckes bei
der kleinen Karawane. Wir drei aber, als hätte es große Eile, waren
bald im Thale, während jene noch über den Hügel zogen, oder auf der
Höhe, wenn jene im Thale weilten und zuletzt verloren wir, ohne es zu
bemerken, die Gefährten ganz aus dem Auge.
Die Stunde des Nachmittags war eben vorüber, da kamen wir von einem
wenig gangbaren Stege, auf den wir uns verirrt hatten, den steilen, mit
Felsenstücken bestreuten Abhang hinab, zur Mündung des Nebenthales,
in welchem »Salomons Teiche und versiegelte Brunnen« liegen. Ich
werde von diesen später erzählen; heute galt es nur das Vorwärtskommen
zum Ziele. Neben Salomons Teichen geht der genauere Richtweg gen
Jerusalem etwas westlicher über die Berge hinan; diesem folgten unsre
Reisegefährten mit den Kamelen und Pferden; wir drei, nachdem wir uns
an dem frischen Wasser erquickt hatten, dessen Brunnen nach dem Namen
des weisesten der Könige genannt ist, blieben an dem Wege, welcher
der alten Wasserleitung folgt, die am höhern Abhange des Berges nach
Jerusalem sich wendet. Es ist dieses zugleich, bis zur Anhöhe hin, die
man in dieser Richtung ebenen Fußes erreicht, der Weg nach Bethlehem.
Nur wenig weiter, nordwärts im Thale, siehe da lagen uns zur Rechten,
im Thale, Salomos verschlossene Gärten. Es war dieß das dritte Mal
im Jahre, daß uns der Frühling mit seinen blühenden Fruchtbäumen,
von denselben Arten wie sie in den Gärten der lieben Heimath stehen,
begegnete. Das erste Mal trafen wir ihn, schon im Januar, in Aegypten;
das zweite Mal, im Februar, schon in einer herrlicheren Gestalt, in
den Gärten des Katharinenklosters am Sinai, und heute, am 28sten März,
girrte uns die Turteltaube der Felsen bei den blühenden Aprikosen- und
Kirschenbäumen der Salomonischen Gärten an. Die Turteltaube dieser
heiligen Stätte, sie schien hier anders zu sprechen denn vormals, als
sie in Südfrankreich zu mir redete; anders als im Nilthale und in
den Felsen Arabiens: sie redete deutlicher die Sprache des Freundes,
welcher unter den Rosen weidet: siehe der Winter ist vergangen; der
Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgebrochen aus dem Lande,
der Lenz ist herbeigekommen, und ich, die Turteltaube, lasse meine
Stimme hören im Thale; die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben
ihren Geruch. So stehe nun auf, o Seele, komm' und schaue und genieße
die seligen Freuden dieses Landes.