Während so manche mächtige Stadt jener Länder, durch welche der Weg

unsrer Reise uns geführt hatte, in Trümmer gesunken, ja bis auf jede

Spur von der Erde vertilgt und verschwunden ist, hat sich Hebron,

eine der ältesten Städte, welche die Geschichte der Völker uns nennt,

bis auf unsre Tage als nicht unansehnlicher Ort erhalten. Hebron war

(nach 4. Mos. 13, V. 23) schon sieben Jahre vor Zoan (Thanis) in

Aegypten, nach Josephus vor Memphis erbaut; welche Reiche und stolze

Herrschersitze der Erde sind seit jener Zeit in den Staub gesunken,

aus denen andre, jüngere sich erhuben und wieder versanken, aus ihnen

noch spätere, die gleich ihren Vorgängern zerstäubten und vergiengen.

Eine Jüdische Ueberlieferung, die wir selbst noch im Vaterlande von

einem gelehrten Rabbiner wiederholen hörten, will sogar in Hebron

eine Denkstätte der Geschichte erblicken, welche in die Zeiten

hinüberweiset, welche vor der großen Noachischen Fluth waren. Denn, wie

die jetzt lebenden Christen in Jerusalem von Golgathas Felsen etwas

Aehnliches erzählen, so glauben die Juden, daß zu Hebron des ersten

der Menschen, Adams, Grab sey[118]. Deshalb, nicht nach dem Vater der

Riesen, Arba (Jos. 14, V. 15), habe Hebron in ältester Zeit die Stadt

der Viere (Kiriath Arba) geheißen, weil hier mit den drei Erzvätern

Israëls auch der Vater der Väter bestattet gewesen sey. Näher liegt

uns jedoch die Ableitung des Arabischen Namens, womit die jetzt hier

lebenden Mohamedaner die uralte Stadt benennen. Dieser, im ganzen

Morgenlande für Hebron gebräuchliche Name ist Chalil (der Geliebte) und

derselbe ward von Ihm, dem Geliebten, dem Freunde Gottes, von Abraham

entnommen.

Von dem ersten Eindrucke, welchen Hebron schon von fern gesehen auf das

Auge macht, sprach ich schon vorhin Einiges. Die Umgegend der Stadt

gleicht einem großen, reichen Oelgarten; die Abhänge der Hügel wie die

Fläche des Thales grünen und blühen mit allen Kräutern der Wiesen und

Gärten; dazwischen, vorzüglich auf der anderen, gegen Jerusalem hin

gelegnen Seite, zeigen sich reiche Weinpflanzungen, deren Trauben der

Mohamedanische Bewohner frisch oder getrocknet meist nach Jerusalem

verkauft, deren Wein aber der hier wohnende Israëlit genießt.

Jetzt lag die Stadt mit ihren hohen, alten Gebäuden unmittelbar vor

uns; neben den tief und fest gemauerten Teichen, von denen der eine,

weiter abgelegene, Davids Namen führt, kamen wir zu dem engen,

finstren Thore, in welchem noch immer, wie zu Davids Zeiten ein

mordsüchtiger Joab unvermerkt sein Schwert ziehen könnte gegen einen

Helden der größer war denn er (2. Sam. 3, V. 27). Schon vor dem Thore

begegnete uns Herr Mühlenhof und mit ihm ein Orientalisch in rothes

Gewand gekleideter Mann. Es war so, wie wir schon vermuthet hatten:

die Franken in Hebron, von denen unsre Beduinen uns so Vieles gesagt

und deren Wohnungen sie uns zur Herberge empfohlen hatten, waren

die hier wohnenden, zum Theil sehr wohlhabenden Israëliten. Diese

selber feierten heute ihren Sabbath; sie hatten uns deshalb einen in

Hebron wohnenden Christen, der sich zur Griechischen Kirche hält, den

nämlichen der uns jetzt mit Herrn Mühlenhoff entgegen kam, zugesendet,

damit dieser für uns jene Geschäfte, beim Abladen der Kamele und

Einräumen der für uns bestimmten Zimmer besorgte, von welcher die Feier

des Sabbaths sie abhielt. Unsre Wohnung war uns bei dem Ober-Rabbiner,

einem gebornen Spanier, angewiesen; sie stund schon für uns bereit.

Gleich in der ersten der engen, dunklen Gassen der Stadt lag der

Haupteingang zu dem vielwinklichen Gehäuse und Gewirre der Häußer,

welche zusammen das Stadtviertel bilden, in welchem die meisten

Israëliten von Hebron beisammenwohnen. Es dauerte auch späterhin einige

Zeit, bis ich mich in diesem Labyrinth der kleinen, gassenartigen Höfe,

der Nebeneingänge und der auf- und niedersteigenden Treppen zu meinem

Zimmer finden lernte. Doch herrschte hier eine im Orient seltene, große

Reinlichkeit, zu welcher diesmal die Osterfeier unsrer Israëlitischen

Gastfreunde auch das Ihrige beigetragen hatte.

Schon vor dem Haupteingang zum Judenquartier empfieng uns unser

Wirth, der Ober-Rabbiner, ein schöner, ansehnlicher Mann in reicher

Kleidung. Vor den Thüren der einzelnen, kleinen Wohnungen saßen und

stunden Frauen, Mädchen und Kinder in ihrem Festtagsschmucke, um die

neuankommenden Fremden zu sehen. An der Thüre der stattlicheren und

größeren Rabbinerwohnung zeigte sich mit ihrem reichen, goldenen

Halsschmuck die jugendliche, wohlgebildete Frau unsers Wirthes. Da

diese uns Deutsch reden hörte, fragte sie freudig: Ihr sprecht ja

peilnisch; seyd ihr aus Peilen? Statt Polnisch und Polen, was die

gute Frau hatte benennen wollen, verstund ich Bayerisch und Bayern,

und antwortete eben so freudig als jene gefragt hatte: »Ja.« Jetzt

versammelte sich alsbald ein Häuflein der Deutsch redenden Jünglinge

und Kinder, besonders um meine jungen Freunde her, und die Frauen und

Mädchen hörten in einiger Entfernung den Deutschen Fragen und Antworten

zu. Wir erfuhren gleich bei diesem ersten Gespräch, daß damals (1837

im März) über sechszig Jüdische Familien die man gewiß zu sechshundert

Seelen anschlagen darf, in Hebron wohnten und lebten; ein ansehnlicher

Theil von ihnen stammt aus Polen her, Andere aus Rußland, Spanien und

anderen Europäischen Ländern. Mehrere von ihnen besitzen außer dem

eignen Hauße auch Oel- und Weingärten, so wie andre Grundstücke.

Ich vermag es nicht zu beschreiben, wie es mir an diesem Tage des

stillen Sabbathes zu Muthe war, als ich sammt meiner treuen Lebens- und

Reisegenossin in das kleine, freundliche Zimmer eingeführt wurde, das

man uns zur Wohnung eingeräumt hatte. Da war ja Wasser zum Waschen;

ein Teller voll lieblich duftender, goldgelber Orangen, ein sehr

wohlschmeckendes Festtagsbrod und eine Flasche köstlichen Weines.

Die Bewirthung, in dem reichsten, ansehnlichsten Hotel von London

oder Paris hätte mir andre Male nicht ausgesuchter und kostbarer

erscheinen können, als jetzt, am Ende der vierzigtägigen Wüstenreise

die Bewirthung in dem Zimmer des wackren Ober-Rabbiners zu Hebron.

Unmittelbar vor unserm Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine

Terrasse, mit der freien Aussicht nach dem unter und bei dem Hause

gelegenen Baumgarten und nach dem der Stadt gegenüber gelegnen Berge,

welchen einst ein Theil von Mamres geheiligtem Hain umschattete.

So wohl mir die lang entbehrte Ruhe auf den zu ihr einladenden

Polstern that, und so sehr auch der heutige, stille Sabbath zur Ruhe

ermahnte, konnte ich doch dem Drange nicht widerstehen in Begleitung

meiner jungen Freunde und eines im Orte einheimischen Führers noch

heute einen Theil von Hebron zu besehen. Wir hatten nicht Ursache,

die unbedeutende Anstrengung zu bereuen, denn durch diese kleine

Aufopferung der äußern Ruhe war die Kraft des Ausruhens an dem großen

Sabbathsgedanken, der sich dem Pilger zu Hebron darbeut, nur noch

gewachsen und gestärkt worden. Hier in dem Felsen, den uns das Gebäude

verdeckte, ruheten Abrahams Gebeine; dort bei jenem alten Gemäuer stund

Davids Königshaus[119]; dort jenseits der Stadtmauer die alterthümliche

prächtige Cisterne ist noch ein Werk dieses Königes, dem die höchste

der Verheißungen und die klare Voraussicht ihrer Erfüllung beschieden

war.

Der Abend war etwas trübe, eben hierdurch aber auch lieblich gekühlt;

ein frischer Wind vom Thale herauf ergieng sich in den Zweigen der

alten Pistazienbäume und entlockte dem zerrissenen Gemäuer, das neben

Abners Grabmahle emporstehet, Laute, wie Töne einer fernen Harfe.

Auch in meinem Innren tönte ein Lied ähnlich an Inhalt und Worten

dem alten Liede des stillen Sabbathes von Paul Gerhard: »Als Gottes

Lamm und Leue entschlafen und verschieden.« -- Als ich nach Hauße kam

fand ich die Familie des Ober-Rabbiners nebst einigen andern zu ihr

gehörigen Personen in unsrem Zimmer, bei meiner Hausfrau sitzend. Die

Unterhaltung war Deutsch gewesen, wobei die Frau des Ober-Rabbiners

für ihren Mann die Stelle eines Dolmetschers vertreten hatte. Er

selber, unser Gastfreund, sprach übrigens auch etwas Italienisch.

Ich lernte in ihm einen gelehrten und frommen Israëliten kennen,

der schon vor mehreren Jahren hieher, in das Land der Verheißung

gezogen ist, weil er des Trostes Israëls als eines noch künftigen,

aber nahe künftigen wartet. Dergleichen fromme Israëliten, welche in

der Hoffnung auf die Verheißung, welche geschehen ist von Gott zu

ihren Vätern, Alles verließen und in das alte Land der Väter zogen,

lernte ich in Palästina, vor allem in Jerusalem, Viele kennen. Man

kann von diesen mir wahrhaft ehrenwerthen Israëliten sagen, was der

heilige Apostel Paulus von seinen Glaubensgenossen sagt, daß sie mit

ernstem Gottesdienst, mit Gebet und Flehen Tag und Nacht emsiglich der

Erfüllung des Wortes, das auch ihnen gegeben ist, entgegenharren.

Am Verlaufe des leiblich sichtbaren Tages ist es bekannt, daß die

Länder des Ostens schon das tiefe Dunkel der Nacht umhüllet, wenn es

in den westlicheren noch heller Tag ist, oder daß in jenen schon der

Morgen dämmert, wenn es im fernen Abendlande noch mitternächtlich

finster ist. Wohl denen, die an der Pforte des Abends wohnen, wenn

ihnen das Licht, das vom Lande des Aufganges kam, noch helle leuchtet;

Die aber, denen es schon untergieng, möge bald der frische Lebenshauch

des Morgens, welcher, dies verkündet allenthalben der Gesang des frühen

Vogels und ein im Osten anbrechendes Roth, ganz nahe ist, zum neuen

Leben erwecken und stärken. Du neuer Tag der Geschichte der Völker des

Westens, wer möchte deine nahe Zukunft verkennen!

So war mir denn, am 26sten März, der heilige Ostersonntag, zwar nicht,

wie ich früher gehofft hatte, in Jerusalem, doch aber in Hebron

angebrochen; in Hebron dessen Geschichte zu der von Jerusalem sich eben

so verhält, wie die aufkeimende Hülsenfrucht, in welcher das ganze

künftige Gewächs seinem Hauptumrisse nach schon vorgebildet liegt, zu

dem nachmaligen Blätter und Blüthen tragenden Stamme. Ich begrüßte den

lieben Tag aus tiefstem Herzensgrunde, mit dem alten, schönen Liede:

Christ ist erstanden, und mit manchem andren schönen Osterliede; dann

erquickten wir uns, freilich fern von einer Gemeinde, die sich heute

des auferstandnen Herrn freut, an dem Lesen der großen Geschichte

dieses Tages, in den vier Evangelisten. Die Stimmung der Seele war die,

welche das alte, gute Osterlied von Paul Gerhard ausspricht, das mit

den Worten anhebt: »Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr was heut

geschieht.«

Auch der äußere Mensch sollte, denn er bedurfte dieß sehr, des Tages

genießen, der die Reinigung und Wiedererneuerung des innren feiert;

ein Türkisches Bad nahm den Staub der Wüste von ihm hinweg. Die Luft

in den ersten Morgenstunden erschien unsrem, in der Tiefe der dürren

Wüste verwöhntem Gefühle, hier in Hebron fast kalt; sie war jedoch

auch nach der Angabe des Thermometers im Freien noch nicht vier Grad

Reaumur. Hebron liegt aber auch, nach unsern barometrischen Messungen

fast noch 200 Fuß höher über dem Meere als Jerusalem, fast noch einmal

so hoch als München, nämlich gegen 2700 oder nach Russegger 2842 Par.

Fuß. Nach einigen Stunden gab die höher steigende Sonne dem Thale seine

milde, gemäßigte Frühlingswärme wieder, die uns hinauslockte ins Freie.

Der erste Gang, den wir heute gemeinsam machten, war abermals nach der

vormaligen Christenkirche und nunmehrigen Moschee gerichtet, welche die

zwiefache Höhle Machpelah umfasset, die Abraham von Ephron dem Hethiter

zum Erbbegräbniß erkaufte (1. Mos. C. 23). Da hier das Denkzeichen,

welches die Geschlechter von vier Jahrtausenden mit Ehrfurcht

betrachteten, nicht an einem leicht zerstörbaren Menschengebäude,

sondern an einem mächtig festen Werk der Natur haftete, läßt sich kaum

ein gegründeter Zweifel gegen die Annahme erheben, daß hier wirklich

das Grab Dessen gewesen sey, den selbst die heidnischen Bewohner des

Landes als einen »Fürsten Gottes« erkannten (1. Mos. 23, V. 6). Die

Moschee liegt am südöstlichen Ende der Stadt; ihr eigentliches Gebäude

ist, wie manche unsrer alten Klosterkirchen, von hohen Ringmauern

umgeben, zu deren Innenraum ein fest gemauerter Bogengang führt.

Schon gestern hatten wir die Türkischen Hüter dieses Einganges zu den

Vorhallen und zu dem engen Hofraum, der zwischen den Ringmauern und dem

Tempelgebäude herumläuft, gefragt, ob es nicht erlaubt sey, wenigstens

in diese Außenräume hineinzutreten; sie hatten 200 Piaster für die

Vergünstigung begehrt, einmal da innen um die Moschee herumzugehen.

Heute schien es, als ob sie mit einer geringeren Summe sich wollten

abfinden lassen, da wir aber von unsern Führern erfahren hatten, daß es

außer- und oberhalb der Mauern Punkte gäbe, von wo aus der äußre Umriß

des Gebäudes viel besser könne in Augenschein genommen werden, als von

dem dunklen Hofraume, begnügten wir uns damit unsre Reisegefährtinnen,

welche gestern noch nicht mit uns waren, durch die vergitterte

Oeffnung, bei welcher es auch den Juden erlaubt ist dazustehen und zu

beten, hineinschauen zu lassen nach den Vorhallen. Wir giengen zuerst,

indem wir die Moschee zur Linken ließen, hinan zu der Höhe des Hügels,

an dessen Fuß jene liegt. Er gehört zu jenem Bergrand, der das Thal

von Hebron an seiner Ostseite umgürtet. Wir fanden hier, in dem von

vielen natürlichen Höhlen durchzognen Kalkstein viele Felsengräber

der vormaligen Israëlitischen (?) Bewohner der Stadt. Bei mehreren

dieser Gräber ist der innre, natürliche Umriß der Höhle, die zur

Todtenbehaußung benutzt wurde fast unverändert und deutlich erkennbar

geblieben.

Wir hatten schon hier einen Punkt zu erreichen gehofft, wo die Aussicht

nach Osten, vielleicht selbst nach dem nur wenige Meilen entfernten

todten Meere sich freier und weiter öffnen würde; es stellten sich

aber andre, bedeutendere Höhen zwischen uns und jene große Tiefe des

Wassers, so daß wir bald, durch die Felder des schon hochgeschoßten

Getraides zurückkehrten. Da von der östlichen Höhe aus kann man

übrigens freier als von irgend einem andern Punkte die ganze Stadt,

mit ihren vereinzelteren Häußergruppen oder kleinen Vorstädten

überblicken, die sich nordwärts von ihr, so wie am Abhang und in den

Schluchten des westlichen Bergabhanges finden. Das ganze Thal steigt

von Südost gegen Nordwest an. Wenn man auch nicht wüßte, daß Hebron

sein augenfälligstes Gebäude, die oft erwähnte Moschee durch die Hände

christlicher Baumeister empfieng, und daß diese Stadt im Mittelalter,

zur Zeit des Fränkischen Königthumes ein Bischofssitz war, so würde

man an vielen Gebäuden einen gewissen, abendländischen Charakter nicht

zu verkennen vermögen. Ehe wir jedoch ins Einzelne der Betrachtung

eingiengen, begaben wir uns zuerst von neuem, von Osten her zu der

alten Kirche, die vormals, wie das hiesige Bisthum, den Namen des

heiligen Abraham trug und auch jetzt noch, als Moschee, in ihrem

Arabischen Beinamen, den ehrwürdigen Vater der Gläubigen nennt.

Hier am Abhang des Berges an dem das Gebäude stehet, fanden wir, wie

schon erwähnt, Gelegenheit sein Aeußeres besser zu betrachten als

dies im engen Hofraume möglich gewesen wäre. Wir traten sogar auf die

breite Ringmauer selber, die sich in Osten und Norden unmittelbar an

den Felsen anlehnt, dessen Steinmasse von den ältesten christlichen

Erbauern nach diesen Seiten hin so tief ausgehauen und so weit

abgetragen wurde, bis es zur Anlage der Kirchenmauern um die Höhe her

und über dieselbe hinlänglichen Raum gab. Die Moschee oder vormalige

Kirche ist von keiner besondern Größe; sie bildet ein längliches

Viereck dessen Länge kaum über 140 Fuß, die Breite zwischen achtzig

und neunzig Fuß betragen mag. Das, was ihr von fern gesehen ein so

bedeutendes Ansehen giebt ist die hohe, äußere Ringmauer. An jeder der

vier Ecken von dieser erhub sich vormals ein Thurm. Von diesen vier

Eckthürmen ist der eine ganz, der andre halb zerstört; von den beiden

übrigen aber, welche an zwei diagonal gegenüber liegenden Ecken stehen,

und welche nun zu Minares benutzt sind, scheint ebenfalls nur der eine,

bis hinan zu den alten Zinnen unversehrt zu seyn, während der andre,

der neben dem ganz zerstörten Thurme steht, wenigstens des Obertheiles

ermangelt und hierdurch niedriger ist. Diese Thürme könnten eben so

gut zur Verteidigung des festen Gebäudes als zu Trägern des Kreutzes

an ihrer Spitze gedient haben. Die Moschee selber macht noch immer

in ihrem Hauptumrisse den Eindruck einer alten, christlichen Kirche;

steht sie doch noch auf der Grundlage jenes Christentempels, den schon

die fromme, vielthätige Kaiserin Helene über der Höhle erbauen ließ,

und den die christlichen Könige von Jerusalem zu einer bischöflichen

Kirche weiheten. Freilich haben aber jene rohen Hände, die das

alte, christliche Prachtgewand der äußren Form, so weit es an die

Gottesverehrung der Nazarener erinnerte, zerrissen und verstümmelten,

dasselbe hin und wieder sehr ungeschickt mit neuen unpassenden Lappen

geflickt. Der Haupteingang scheint, wie in allen alten christlichen

Kirchen in Westen, der Hochaltar in Osten gewesen zu seyn.

Was das Innre des Gebäudes betrifft, dem die Andacht der Christen

und Israëliten bis jetzt sich noch vergeblich zu nahen bemüht, so

kann ich bei dem was ich von ihm erwähne nur die Berichte fremder

Augenzeugen geben, deren letzter und jüngster für mich unser Arabischer

Knecht Mohamed war, der mehrmalen in die Moschee hineingieng, und auf

mein Ermahnen Alles so genau als möglich betrachtete. Der älteste

Beschreiber jenes Innren ist der Jüdische Geschichtsschreiber

Josephus, der die Grabstätte der Erzväter besuchte und sahe. Zwar

stund zu seiner Zeit noch kein Tempelgewölbe über der zwiefachen

Höhle, sie selber aber hatte die Verehrung, schon der jüdischen

Herrscher mit Marmor ausgetäfelt und bekleidet. So sahe dieselbe

noch der Kirchenvater Hieronymus, und auch die Kaiserin Helena, da

sie das Scepter, in welchem Orpheisch bauende und gestaltende Kraft

lag, auf diese ehrwürdige Stätte wendete, fand das Innre, so wie jene

beiden es sahen, noch unverletzt. Selbst die Bekenner des Islams, da

sie sich gewaltsam in das Amt der Erhalter und Wächter der heiligen

Stätten des gelobten Landes eindrängten, haben am Grabe, auch ihres

Erzvaters nichts zerstört. Die eigentliche Höhle, deren Eingang, nach

der Beschreibung unsers Arabers gegen Südwest zu liegen scheint, ist

zwar sehr vergittert und verwahrt, oben darüber aber sahe der Engländer

Monro, der unter Ibrahim Paschas Schirm und Schutz zuerst wieder

unter allen abendländischen Christen das Kirchenschiff betrat, eben

so gut als unser Knecht Mohamed jene »hüttenartigen« Kenotaphien in

Türkischem Geschmack, deren jedes einem der Erzväter gewidmet ist. Hat

doch die überflüssige Sorgfalt der Moslemen hier selbst des Bruders des

Erzvaters Jacobs, des Esaus gedacht, denn auch für diesen (nicht für

Isa oder Jesus, wie unser Mohamed meinte) ist, ein wenig seitwärts von

den andern, ein Kenothaphium errichtet[120].

Nur bei einem einzigen Punkte, den wir bei unsrem Herumgehen um die

Moschee, und bei dem Besteigen selbst der Ringmauer berührten,

erinnerte uns ein alter Türke, der hier im Freien sitzend seine Pfeife

rauchte, daß es den Christen nicht erlaubt sey sich so weit zu nähern,

er schwieg übrigens ganz ruhig, als wir dennoch mehrmalen zu den

Stellen zurückkehrten, von welchen man von oben in einen großen Theil

der Vorhallen hineinblicken kann. Das Aegyptische Regiment, vor Allem

der in Hebron sehr gefürchtete Ibrahim Pascha, haben die Undultsamkeit

der Türken schon so weit zum Schweigen gebracht, daß vielleicht nach

wenig Jahren das Betrachten mancher der ehrwürdigsten zur Moschee

entstellten Gebäude des jüdischen und christlichen Alterthumes nicht

bloß als seltene, ausnahmsweise Vergünstigung, sondern als allgemeines

Recht den abendländischen Reisenden gegeben seyn wird.

Unfern der Moschee (nordwärts von dieser) führte uns ein junger Türke,

der sich freiwillig zu unsrem Begleiter angeboten hatte, in ein altes,

unterirdisches Gewölbe, welches offenbar in älterer Zeit, als sein

starkes Gemäuer noch fest geschlossen war, zur Cisterne gedient hat.

Noch jetzt füllt es sich, zur Zeit des Regens, bis oben an mit Wasser.

Wahrscheinlich ist ein Nachhall jener Kunde, welche die Späher des

Landes schon dem Moses von Hebron brachten; jener Kunde, daß hier ein

Geschlecht der Riesen (Enakim) lebte (4. Mos. 13, V. 23), welches

nachmals Caleb, der Held, bezwang und vertilgte (Jos. 11, V. 21), auch

noch bis auf die jetzt hier wohnenden Türken gekommen, nur legen sie

jenem Nachklang einen falschen Text unter. Sie erzählen nämlich, daß

jene Cisterne, in welcher eines unsrer kleinen Bürgerhäußer, bis an

sein oberes Stock Platz hätte, das Bad der Sarah gewesen sey. Diese,

schön wie sie war, von Angesicht, sey eine Riesin von Gestalt gewesen;

denn wenn sie, wie sie täglich pflegte, in der Cisterne sitzend sich

wusch, reichte ihr das Wasser derselben, auch wenn der Raum des

Gemäuers ganz davon gefüllt war, nur bis an den Hals.

In der Stadt, obgleich der größere Theil ihrer Bewohner, als

Mohamedaner, nichts von unserm Osterfeste wußte, war mir es, als

feierte sie mit uns das große, schöne Fest der Auferstehung. Mich

täuschte hierbei jene Stille, jene schweigende, nicht sehr augenfällige

Art der Geschäftigkeit, die im Allgemeinen den Orient von dem Occident

unterscheidet. Ich wurde jedoch dieser Täuschung ganz enthoben, als

wir durch die Gasse kamen, in welcher die Glasfabriken von Hebron

sich befinden, welche nicht bloß für Palästina eine ungemeine Menge

der Flaschen und anderer Glaswaaren zum Gebrauch des gemeinen Lebens,

sondern auch vor allen Dingen jene bunten Armringe und andre wohlfeile

Schmucksachen fertigen, welche an die christlichen Pilgrime von

Jerusalem verkauft, und von diesen in alle Gegenden des westlichen

Asiens, auf die Inseln des griechischen Archipelagus und in viele

Länder von Europa mitgenommen werden. Diese Glasfabriken empfangen

das viele Holz, dessen sie sich bedienen, noch immer aus den Resten

der großen Waldungen, von denen Mamres, jetzt fast ausgerotteter Hain

ein Theil war. Freilich darf man sich jene Waldungen nicht so dicht

und schattig vorstellen wie die unsrigen; die Fichtenarten ragen nur

in einzelnen Stämmen über das Gebüsch der Terebinthen, das aus den

Wurzeln der alten abgehaltenen Stämme ausschlug, und der Erdbeerbäume

hervor; da aber dieses Gehölz, namentlich gegen Ost und Nordost

bis zum todten Meere und in die Nähe von Thekoa sich erstreckt,

und bei aller rohen Bewirthschaftung dennoch überaus leicht wieder

nachwächst, reicht es für den Bedarf der hiesigen Fabriken aus. Und

hierdurch bleibt fortwährend die Stätte von Mamres geheiligten Hain

eine Ernährerin der Quellen, die unter der grünenden Decke sich

erzeugen, und des Wohlstandes von Hebron. Denn schon der Verkehr mit

den Glaswaaren ist bedeutend; während unsers hiesigen Aufenthaltes

sahen wir täglich ganze Züge von Kamelen beladen, welche namentlich

die vorhin erwähnten bunten Schmucksachen hinwegführten. Das Osterfest

der Orientalischen Christen fiel zwar in diesem Jahre um fünf Wochen

später als das unsrige, aber schon jetzt stellten sich in Jerusalem

die Käufer solcher farbigen Waaren: die Schaaren der Armenischen und

Griechischen Pilgrime ein und veranlaßten hierdurch eine lebhaftere

Thätigkeit und häufigeren Sendungen. Wir traten ein wenig hinein in

die geräumigen, meist steinernen Fabrikgebäude, sahen da die Menge der

Arbeiter und anderwärts die mit dem Sortiren und Einpacken der leicht

zerbrechlichen Fabrikate beschäftigten Leute und bedauerten sie, daß

dieser große Tag des Herrn nicht auch für sie ein Tag der festlichen

Freude und Stille war. Ich entfloh dem Geräusch, das übrigens nur auf

diese Gebäude beschränkt schien, und suchte die sabbathliche Stille

außen vor der Stadt, bei dem Türkischen Gottesacker, im Schatten der

uralten Pistazien auf.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 32 / 42 段