Doch, wie dieß uns Pilgrimen und Bürgern der Erde so oft begegnet,

dem Aufschwunge zum neuen, höheren Moment des Lebens mußte ein harter

Kampf, ein Vorschmack wie von der Ermattung des Todes vorangehen. --

Unsre Beduinen waren erst kurz vor sieben Uhr zum Aufbruch fertig,

da die Sonne schon sehr heiß schien. Wir zogen Anfangs über das

ziemlich breite Thal hinüber, bis wir nach etwa drei Viertelstunden

an das hohe Gebirge (Madara) in Nordwesten kamen. Dieses besteht

ganz aus Kalk, dessen Schichten sehr steil gegen Osten einfallen;

unten in der Schlucht, durch welche der Bergweg anstieg, zeigten

sich einzelne Mimosenbäume mit denen die Natur von Arabien gleichsam

Abschied von uns nahm, denn es waren die letzten, welche ~wir~ auf

unserm Wege sahen. Wir waren abgestiegen von den Kamelen, wir drei,

die Hausfrau mit ihrer Freundin und ich folgten dem Beduinenweibe,

welches als Besitzerin der beiden Kamele, auf denen abwechslend, einen

Tag um den andern unsre beiden Reisegefährtinnen ritten, bei der

Karawane war. Die Araberin führte uns einen Richtweg, der allerdings

viel gerader nach der Höhe hinangieng, als der andre, welchen die

Kamele und unsre Reisegefährten einschlugen, dafür aber auch desto

beschwerlicher war. Er stieg so steil empor und der Reflex der hellen,

heißen Sonnenstrahlen von seinem weißen Gestein war so heftig, daß

mir es öfters vorkam als wollte mir, wie in einem Gluthofen, der

Athem versagen und das Auge erblinden. Wir fanden übrigens an diesem

steilen Abhange deutliche Ueberreste von eingehauenen Stufen. In einer

Bergschlucht, in der wir, nahe beim Gipfel, ausruhten, zeigte sich

ein altes, festes Gemäuer, wie von einer ehemaligen, nun aber ganz

versandeten Eintiefung oder Cisterne, für das vom Gebirge kommende

Regenwasser. Wir waren bis zu diesem Ausruhepunkte, wie dieß die

barometrischen Messungen ergaben, schon mehr denn doppelt so hoch als

der Straßburger Münster, oder die höchste der Aegyptischen Pyramiden

ragt, nämlich 902 Par. Fuß gestiegen; die Abkühlung im nothdürftigen

Schatten eines kleinen Felsenvorsprunges brachte nur wenig Stärkung.

Jetzt kamen auch unsre Reisegefährten neben den Kamelen einhergehend

nach; wir zogen mit ihnen den etwas minder beschwerlichen Weg der

Kamele bis zum Sattel des Gebirges, dessen Höhe nach unsern Messungen

1434 Fuß über der Meeresfläche beträgt. Wir hatten diese Höhe vom Thale

an, die Zeit des Ausruhens mit eingerechnet, in anderthalb Stunden

erstiegen; ich möchte aber die Beschwerden dieser anderthalb Stunden,

wenigstens auf dem Richtwege des Beduinenweibes, und bei solcher

Hitze nicht noch einmal in meinem Leben durchmachen; es waren für

mich die leiblich mühsamsten Schritte der Reise gewesen. In der Nähe

des Berggipfels sahen wir alte Gemäuer, welche uns an die Bauart der

Römischen Wachtthürme zu erinnern schienen und auch an andern Punkten

bemerkten wir Ruinen. Von der Höhe, deren Ersteigen, mir wenigstens,

so schwer geworden war, gieng es wieder, doch nur auf kurze Zeit,

steil bergunter; hier fand sich, in der Bergschlucht, zur Rechten

des Weges, in einer Felsenkluft eine kleine, von der Natur gebildete

Cisterne, mit etwas, von der Regenzeit her verhaltenem Wasser, welches

einige unsrer Beduinen, die uns zum mit Hinabsteigen in die Schlucht

ermuntert hatten, begierig tranken. Diese Kinder der Wüste können an

keinem Wasser vorbeigehen, ohne es zu kosten; das Wort Wasser ist

bei ihnen fast gleichbedeutend mit jenen für Glück und Segen; auch

wir labten uns mit ihnen. Aus der Schlucht hinaus traten wir in eine

Ebene, über die wir anfangs in westlicher Richtung hinzogen. O wie

schön dünkte uns diese Gegend nach den überstandnen Mühseligkeiten des

»kahlen Berges« über den man nach Edom hingehet. Sey mir noch einmal

in der Erinnerung gegrüßt und gesegnet du erster Eintritt in das Land

der Verheißung! Der Boden war hier ein wahrer Blumengarten, denn da

blüheten mit mehrern Arten der Tulpen, die buntfarbigen Anemonen und

zarten Hyazinthen; ein erfrischender Windhauch kam uns, als wir uns

jetzt wieder nach Norden wendeten, aus den grünenden Hügeln entgegen.

Wir zogen in einer Einbuchtung dieser Hügel hinan und erreichten hier

Mittags, gegen zwölf Uhr eine Höhe, von welcher aus wir links neben uns

ein ansehnliches Zeltendorf erblickten, das die Fremdlinge des Landes,

die Araber bewohnen. Unsre Beduinen nannten dieses Dorf Kurnup (auf den

Karten heißt es Kalla el Kurnup), es ist reich an Brunnenwasser und

trefflichem Weideland. Zur Rechten, im Thale, erblickten wir mehrere

große Heerden von Schafen und Ziegen. Die beiden Scheikhs verließen uns

hier mit mehreren ihrer Gefährten, sie ritten in das Dorf hinein; wie

die Andern sagten um mit den Bewohnern desselben wegen des friedlichen

Durchzuges und der Lagerung auf ihrem Lande zu unterhandeln. Unser

Knecht war indeß zu den Heerden hinabgegangen um bei den Hirtinnen

etwas saure Milch für uns zu kaufen. In solchen Fällen pflegte er sich,

das hatten wir schon mehrmalen bemerkt, so ungestüm und gebieterisch

zu benehmen als wenn er -- der Aegypter -- selber ein Pascha wäre, der

dies ganze Land mit Furcht und Schrecken in Zaum halten und beherrschen

müsse. Die Folge davon war, daß die Hirtinnen ihm keine Milch abließen,

während der Knecht des Herrn v. Krohn so viel bekam als er wollte. Wir

ritten von hier an nur noch kurze Zeit über das Gefilde der Tulpen und

Anemonen, kamen an üppig grünenden Wiesen vorüber, die, wie ehemalige

Felder, durch Gränzsteine und niedrige Gränzmauern abgetheilt waren und

mußten es uns, so sehnlich wir weiter verlangten, gefallen lassen, daß

unsre Beduinen schon bald nach zwei Uhr in einem grünenden, von niedern

Hügeln umsäumten Thale das Nachtlager aufschlugen, weil, wie sie

sagten, es nöthig sey auf die beiden Scheikhs zu warten. Die Hoffnung,

noch vor dem Ostertage in Jerusalem einzutreffen, fieng nun ohnehin an

zu schwinden, wir gaben uns ruhig dem Genusse hin, den uns an jener

Lagerstelle die Natur so reichlich darbot.

Durften wir doch da den Nachmittag des grünen Donnerstags mitten

in einem Grün der Wiesen und Auen hinbringen, dergleichen wir seit

unsrer Abreise aus dem Nilthale nirgends sahen; und selbst das

Nilthal läßt, weil es allenthalben zum angebauten Feld und Acker

geworden, nur an wenig Punkten ein solches mannichfaches Gewebe der

Wiesenblumen sehen als wir hier fanden. Der Boden unsers Zeltes, der

bisher nur dürrer Sand gewesen, war heute ein hohes, weiches Gras, mit

gewürzhaft duftenden Kräutern untermischt; es that mir leid, daß fast

mit jedem Tritte in und außer dem Zelte eine Blume oder der junge,

noch blüthenlose Stengel eines Gewächses zertreten wurde, welches

zu Hauße, im Vaterlande, als eine Zierde der wissenschaftlichen

Pflanzensammlungen oder der fürstlichen Lustgärten gelten würde.

Denn es gab allein von wildwachsenden Tulpen in dieser Gegend drei

Arten[113]; zwei Arten der Irideen, darunter ein Gladiolus von noch

unbeschriebener Art, ein IIxiolirion und eine Menge andrer Gewächse

dieser wärmeren Heimath[114], welche wenigstens Farbenverschiedenheiten

der unsrigen bildeten: wie der Wunderklee mit rothen Blüthen, meist

aber zu Arten gehörten, welche unsren Landschaften fremd sind. Dasselbe

galt auch von den Vögeln, unter denen ein Steinschmätzer durch

besonders lieblichen Gesang sich auszeichnete, und von den Käfern, auch

wenn sie im Ganzen den Umriß unsrer Cetonien, Sepidien, Cyminthen und

Cryptocephalen trugen; hatte doch selbst die Wüstenschnecke (+Helix

desertorum+) hier ihr Alltagsgewand der Färbung abgelegt und sich

mit einem neuen Kleid der Zeichnung angethan, in welchem sie kaum als

dieselbe Art zu erkennen war.

Ganz nahe bei unserm Zelte zogen die dicken Mauern eines kastellartigen

Gebäudes unsre Aufmerksamkeit an. Das, was noch von dem Gebäude steht,

scheint das unterste Geschoß eines festen Wachthurmes gewesen zu seyn;

überhaupt war das Ganze nur von geringem Umfange und ursprünglich

wahrscheinlich nur zum Wachtposten an einer der Stationen der hier

vorüberführenden Römischen Heerstraße bestimmt gewesen. Die Höhe unsers

Lagerplatzes betrug nach Erdls Messungen und Steinheils späteren

Berechnungen 1525 Par. Fuß. Unsre Beduinen nannten das Thal Ateiche.

Die Richtung unsers heutigen Weges war im Ganzen Nordnordwest gewesen.

Die beiden Scheikhs mit ihren Begleitern kamen erst gegen Abend

zurück. Auch wir erhielten etwas von dem frischen, Arabischen Brode,

das sie von ihren Gastfreunden mitgebracht hatten. Die Lerche sang noch

ihr Abendlied, auf dessen Töne ein andrer Vogel, aus der Kluft der

Felsen antwortete; unser Herz war sehr bewegt; wir athmeten hier schon

die Luft eines Landes, dessen Hauch für uns ein Geruch des Lebens,

zum Leben war. Dennoch dachten wir zugleich mit wehmüthigem Sehnen an

das, was uns dieser Tag der Einsetzung des Abendmahls in andern Jahren

in der Gemeinde der christlichen Brüder gewährt hatte. Vom Gipfel

des kleinen Sandhügels sahe man weithin noch nichts als die grünende

Einöde; die Seele jedoch, wie auf Taubenflügeln, erhub sich über das

im Norden hinziehende Gebirge und schaute da schon mit dem innren Auge

das, was nun in wenigen Tagen auch das äußre Auge sehen sollte.

Der stille Freitag, am 24sten März, erhub sich in einem solchen

Morgenglanze über das blühende Thal, daß er sich uns auch äußerlich

als ein Tag der hehren Feier ankündigte. Wir brachen fast mit

Sonnenaufgang (gegen 6 Uhr) auf. Unter dem Gesange der Lieder, womit

die vaterländische Kirche diesen hochheiligen Tag begrüßet, ritten

wir zuerst noch durch das blumenreiche Ateichethal, dann jenseits

einiger niedriger Hügel durch das Thal Ghirfalgula. Der Gesang der

Vögel, aus Gesträuch und Felsen, mischte sich mit den Tönen unsres

Gesanges; eine sehr große Heerde von Störchen schwebte mit stillem

Fluge an uns vorüber, der nördlichen Heimath zu. Wir befanden uns hier

schon in einer Gegend, auf deren Boden die Erzväter Israels öfter ihre

Heerden weideten, im Nachbargebiet von Bersaba, da der Brunnen war, des

»Lebendigen und Sehenden.« Gegen zehn Uhr sahen wir in einer weiten

Ebene, die gegen Norden hin von einem Gebirge begränzt wird, in einiger

Entfernung von uns zur Rechten ein altes, tempelartig von Säulen

getragnes Gebäude und noch mehrere andre Ruinen, wie es schien von

gutem klassischen Styl der Bauart[115]. Bald hernach kamen wir an einem

gemauerten Brunnen vorüber, den unsre Beduinen Bir Melech nannten.

Hier schöpften einige Männer in den Schöpfeimern, die mit ihren Seilen

an der langen, schlagbaumartig nach unten befestigten Stange hiengen,

Wasser, das sie in die steinernen Tränkrinnen schütteten. Heerden von

Lämmern, eine von der andern gesondert, bei jeder ein Hirte, stunden in

der Nähe und warteten geduldig bis die Reihe des Trinkens sie träfe.

Wenn der lange Trog gefüllt war, gab der Hirt, dessen Heerde jetzt

die nächste war, mit Stab und Stimme ein Zeichen und der Widder, mit

tanzenden Sprüngen, welche jedes der andern Schafe dann nachahmte,

begann den Lauf nach dem Wasser. Wenn die eine Schaar getränkt war,

trat sie ab, und eine andre kam an ihre Stelle. Uns erinnerten diese

tanzend hüpfenden Lämmer, so wie ihre Folgsamkeit gegen die Stimme

des Hirten an viele, gar liebliche Stellen der heiligen Schrift; wir

glaubten hier ein Nachbild aus dem Leben der Erzväter zu sehen. Wir

ritten von Bir Melech etwas lehnan über die Ebene oder das Hochthal,

von unsern Beduinen Wadi Malath oder Malahh[116] benannt und kamen,

etwa um zwölf Uhr, nahe an einem ansehnlichen Beduinendorfe vorüber,

in dessen Nähe eine hier gelagerte, große Heerde von Störchen ihre

Mittagsrast hielt, und durch diese Wahl des Ortes uns vermuthen ließ,

daß hier kein Mangel an wasserreichem Boden sey. Auch einzelne,

grünende Stellen zeigten sich auf der weiten Fläche. So grün aber auch

Ateiche und das jetzt vor uns liegende Wadi Malath erschienen, so

wurden wir doch erst recht innen, daß wir nun ganz im gelobten Lande

seyen, als wir jenseit des terrassenförmig ansteigenden Kalkgebirges,

welches unsre Beduinen mit dem allgemeinen Namen Dschebel Chalil

(Gebirge Hebron) benannten, auf eine fruchtbare Höhe kamen, auf

der wir, zum ersten Male nach so langer Zeit, denn es waren heute

~vierzig Tage~ seit wir in die Wüste eintraten, wieder Getraide

sahen. Gott Lob! rief ich, die Wüste, da kein Säen noch Erndten ist,

ist nun aus; das Land, dem Glauben verheißen, ist erreicht.

Zu dem einen, lang entbehrten Anblick gesellte sich noch ein andrer,

der mir wie ein ganz neuer vorkam: ich sahe wieder Menschen, nicht in

den Schaffellen und Umschlagetüchern der Wüstenbewohner, sondern in

gewöhnlicher Orientalischer Kleidung. Ein Mann der mir ganz besonders

stark und groß vorkam, begegnete uns und grüßte uns mit dem Gruß des

Friedens. Wir zogen, inniglich vergnügt, von der letzten Anhöhe, die

wir heute noch zu besteigen hatten, hinab nach einem Thale, in welches

die tiefer stehende Sonne durch das Gewölk mild hereinblickte. Ich

weiß nicht, war es die höhere Lage der Gegend, durch die wir eilten,

oder war es der mit Gesträuch und Saatfeldern reich bewachsne Boden,

was der hiesigen Luft ihre eigenthümliche, wohlthuende Frische gab;

mir war es als athmete ich hier noch vielmehr als in Ateiche, statt

der drückend heißen oder austrocknenden Luft der Wüste wieder die des

vaterländischen Gebirges oder seiner Hochthäler; die Brust erweiterte

sich; sie trank in vollen Zügen den balsamischen Lebenshauch.

* * * * *

Das Gebirge Chalil, durch dessen Felsenpässe und Engthäler von Wadi

Melech aus unser Weg gegangen war, erinnert durch seine allgemeinen

Umrisse ganz an den vaterländischen Jurakalk; auf der Sohle des einen

Thales zeigte sich ein Quell, der sich als ein schwaches Bächlein

ergoß. Als wir hier am steilen Abhang hinritten, glitt das Kamel des

+Dr.+ Erdl, durch Unachtsamkeit des Beduinen, der es führen

sollte, aus, und hätte, wenn nicht ein Felsenstück den Fall noch

hemmte, seinen Reiter in große Gefahr bringen können, so aber sprang

derselbe unversehrt herunter und auch das Reisebarometer, welches er

aus Vorsorge immer auf seinem Rücken trug und keinen Augenblick am

Tage von sich legte -- das einzige unter unsren vieren, auf die Reise

mitgenommenen, welches noch ganz geblieben war, fand sich zu unsrer

Freude, durch den Sturz nicht beschädigt. Aus diesem Thale zog sich

unser Weg eine Anhöhe hinan, die kein Ende nehmen wollte, bis zu

der freien Fläche, auf der wir, wie ich vorhin erzählte, die ersten

Getraidefelder sahen. Die Meisten von uns giengen hier zu Fuß und wir

fanden an etlichen Stellen deutliche Dolomitfelsen, wie sie auf unsrem

vaterländischen Jurakalk vorkommen.

* * * * *

So sehr jedoch auch die Formation des Gebirges an vaterländische

Naturverhältnisse uns erinnerte, und namentlich die Getraidefelder den

Eindruck des Altbekannten machten, so bemerkten wir dennoch an der

hiesigen lebenden Natur das Gewand des fernen Morgenlandes. So fanden

unsre Beduinen und wir selber schon beim Hinansteigen aufs Gebirge

einige lebende Chamäleons von schönster Färbung; oben auf der Höhe, in

den Feldern und an ihren Rändern bemerkten wir nach allen Richtungen

die Baue der merkwürdigen Blindmaus (+Spalax typhlus+) über

deren kleinen Augapfel das behaarte Fell eine so dicke Lage bildet,

daß selbst kein dämmernder Schein des Tageslichtes hineinfallen kann.

Einer der Landleute der Gegend, der sich weiterhin zu uns gesellte

und einige Zeit neben meinem Kamele hergieng, hatte das Thier gesehen

und beschrieb es wegen seiner langen (Schneide-) Zähne zwar mit

fabelhafter Uebertreibung, als sehr gefährlich, übrigens aber deutlich

genug. Und so waren auch aus der Pflanzenwelt zwar die Gestalten der

Wüstengewächse verschwunden, man sahe da nicht mehr die stachlichen

Mimosen und die andern Sippschaften der dornigen Sträuche, wenn jedoch

auch die Hauptform der Gattungen an unsre vaterländischen erinnerte,

so war doch, bei genauerer Betrachtung, ~die Art~ eine andre

und neue. Denn die Iris, eben so wie die Orchis und das Arum welche

hier wuchsen, gehörten zu ganz unbekannten Spezien; die Salbei war

die Sibthorpische, die Reseda die mittelmeerische[117]. Zugleich

sahen wir auch in großer Menge, in der Nähe der Felder ein Gewächs,

das wenigstens nur als eine Nebenart der Alraunpflanze (+Atropa

Mandragora+) betrachtet werden kann, welche zu den seltensten,

eifrigst von den Sammlern gesuchten Zierden unsrer vaterländischen

Kalkgebirge gehört. Sie trug schon ausgewachsne aber noch unreife

Früchte; die Bewohner des Landes genießen diese und schreiben ihnen

wohlthätig aufregende Kräfte zu.

Von der Höhe her hatten wir schon seit längerer Zeit in der

Thalschlucht, nach welcher unser Weg sich hinlenkte ein starkes,

thurmartiges Gebäude erblickt; als wir näher kamen zeigten sich uns

in dem Seitenthale zu unsrer Linken große, ansehnliche, wohlerhaltene

Ruinen von Gebäuden und Mauern. Der Thurm war uns zur Rechten

geblieben. Unsre Beduinen nannten diese Ruinen mit einem ihnen

von Jugend an gelängen Namen Arafat, einer der Bewohner von Samua

jedoch Araad. Sollte hier nicht die Stätte jenes Arad der heiligen

Schrift zu suchen seyn, welches in der Mosaischen Zeit der Sitz eines

Kananitischen Königes war, der (nach 4. Mos. 21, V. 1-3) zuerst

siegreich gegen Israël kämpfte, dann aber von diesem geschlagen wurde?

Denn dieses Arad lag sechs bis sieben Stunden südwärts von Hebron, nahe

der Wüste Juda oder Kades Barnea, nicht weit von Malatha, das, wie wir

vorhin sahen, wahrscheinlich am südlichen Saume des Chalilgebirges

stund, über das wir heute kamen.

Nur noch eine halbe Stunde jenseit der Ruinen von Araad kamen wir

in die Nähe des ziemlich hoch auf seinem Felsenhügel gelegnen,

ansehnlichen Esmua oder Samua. Wir zogen nicht hinauf in den Ort;

sondern schlugen unser Zelte unten im Thale, auf einem steinigen,

brach liegendem Felde auf. Wir erhielten bald mehrere Besuche aus

dem Städtlein, von Männern, die uns Eier brachten und saure Milch,

auch frisches, sehr wohlschmeckendes Kuchenbrod und Butter, wofür

sie nur eine geringe Bezahlung annahmen. Sie schienen mit mehreren

unsrer Beduinen wohl bekannt und nachdem sie einige neugierige Blicke

in das Zelt hineingeworfen, kauerten sie sich, Tabak rauchend, zu

unsern Leuten hin an das Feuer. Einer von ihnen zeigte uns, am Fuße

der benachbarten Felsen mehrere schön gemauerte Brunnen, die ein sehr

wohlschmeckendes Wasser enthielten. Nach seiner Versicherung sollten,

außer den Cisternen, in der nächsten Umgegend von Samua sieben solcher

Brunnen seyn. Und daß der Umgegend dieses Ortes die beiden Hauptquellen

der Naturfülle: die wohlthätige Wärme und das nährende Wasser in

reichlichem Maaße zuströmen müssen, das bewiesen uns die trefflichen

Gartenanlagen voll Oliven, Feigen und Pistazienbäumen. Diese Gärten, so

wie die steinernen, wohlgebauten Häußer, thaten unserm Auge besonders

wohl. Die Höhe der heutigen Lagerstätte über dem Meeresspiegel wurde,

aus den barometrischen Messungen, zu 2225 Fuß berechnet.

Es war ein unvergleichlich schöner Frühlingsabend. Ich stieg einsam

an einem der Stadt gegenüber, nahe bei unserm Zelt gelegnem Hügel

hinan. Von da war der Hinüberblick auf die Oelgärten der Stadt und

nach einer andern Seite hin auf einen, oben mit einer tempelartigen

Ruine gekrönten Nebenhügel, so wie in das enge Thal gegen Araad hinauf,

sehr anziehend. Neben mir zogen Heerden und Hirten still vorüber, nach

ihren Ruheplätzen in der Stadt. In den Gefilden dieses Landes hatten

auch die Erzväter ihre Heerden geweidet; Abraham einst gepredigt von

dem Namen des Herrn. Ich setzte mich jenseits einem längst unbrauchbar

geworden, in den Felsen gehauenen Behältnisse für das Regenwasser, bei

einer Höhle nieder, welche den Anschein eines alten Felsengrabes hatte;

mein Geist aber feierte bei einem andren Ruheort der Felsen, da Der den

kurzen Schlummer des Todes schlief, welcher der Geber und Quell des

Lebens selber ist.

Bald nach Anbruch des Tages weckte uns, mit fröhlichem Tone, der Gesang

der Vögel. In Begleitung eines der Beduinen ritt Herr Mühlenhof voraus

nach Hebron, um uns eine Wohnung bei jenen »Franken« aufzusuchen,

welche, nach der Versicherung unsrer Beduinen in bedeutender Anzahl

zu Chalil (Hebron) wohnen sollten. Wir andern, weil noch der Hügel

mit den (Römischen) Tempelruinen bestiegen und besehen wurde, traten

die heutige Tagreise etwas später, erst eine halbe Stunde nach

Sonnenaufgang (fast um halb sieben Uhr) an. Unser Weg führte den Hügel

hinan. Wir hatten das Städtlein rechts, zu unsrer Linken Gemäuer von

zerstörten, vormaligen Gebäuden; an dem jenseitigen (nördlichen) Abhang

des Hügels zeigten sich in ziemlicher Menge die Felsengräber der alten

Bewohner dieser Trümmer. Ein tiefes Thal wurde nun seiner Breite nach

durchschnitten, jenseits welchem wir eine Anhöhe bestiegen auf der sich

uns eine weite Aussicht über das herrliche Land eröffnete. Sind nicht

dort in Südost jene Felsen der Gemsen, jene Wüste Engeddi, in welcher

David vor Saul sich verbarg (1. Sam. 24, V. 1-3); ist nicht einer

dieser Berge der von Maon, wo der zum Herrscher Israëls Geweihte schon

vom Netz des Feindes umgeben, dennoch durch die Hand des Herrn errettet

ward? (Ebend. C. 23, V. 27, 28). Und dort mehr gegen Nordost lag jenes

Carmel, da Nabal der Reiche wohnte, dessen Heerden David und seine

Männer lange beschirmt hatten (C. 25, V. 2 u. f.).

Vom nördlichen Abhang der Anhöhe hinab kamen wir in ein Engthal, dessen

Laufe, der in nördlicher Richtung gehet, wir eine Zeit lang folgten.

Dieses Thal, durch seine Gestalt wie durch sein vieles grünendes

Strauchwerk und die (freilich sparsameren) Waldungen der Höhen, weckte

viele Erinnerungen an das theure Vaterland auf. Ich wähnte mich in

ein Thal der Gegend von Muggendorf versetzt, nur war hier, schon am

Osterheiligenabend, die Pflanzenwelt so grünend und blühend, wie sie

dort erst in der Pfingstzeit es ist und statt der Deutschen Bäume und

Gesträuche blüheten neben uns der Erdbeerbaum (+Arbutus Unedo+)

und einige Arten der Pistazien; auf den Höhen erhuben sich vereinzelt

stehend die Orientalische Seefichte und die Pinie. Auch diese Höhen da

zu unsrer Rechten erinnerten an jene Tage der Angst und Noth, in welche

David den Gesalbten die Feindschaft eines mächtigen Königes versetzte,

zugleich aber auch an jene Stunden des Trostes, welche die Freundschaft

ihm gewährte, als Jonathan, vor dem Angesicht des Herrn mit ihm einen

Bund schloß; denn hier, im Osten der Höhen, war die Wüste Siph (1. Sam.

C. 23, V. 15 u. f.).

Es war jetzt eben die Blüthenzeit der schön gebildeten Orchideen, von

denen meine jungen Freunde schon heute in diesem Thale des Jurakalkes

eine reichliche Menge sammleten. Auch für den Freund der älteren

Baukunst und der Kunde des Landes gaben ein rundliches Bauwerk,

das im Thale, zur Rechten unsres Weges lag, noch mehr aber die

anscheinend viel älteren Ruinen von mehreren ansehnlichen Gebäuden,

die wir auf dem letzten, hochansteigenden Berge vor Hebron, etwa eine

Stunde vor diesem, zu unsrer Rechten sahen, mannichfachen Stoff zur

Beachtung und geistigen Beschäftigung. Vermuthlich lag hier das alte

Inta, die Levitenstadt (Jos. 15, V. 55 und 21, V. 16), welches von

Einigen (namentlich von Reland und Rosenmüller) für Bethzacharia,

die eigentliche Wohnung der Eltern Johannes des Täufers und für den

Geburtsort des Letzteren gehalten wird.

Noch war es nicht Mittag (erst eilf Uhr) als wir von eben dieser Anhöhe

herab das herrliche Thal vor uns sahen, in welchem Hebron liegt. Das

Erste was uns, so wie wir weiter nach dem Thale hinabzogen, ins Auge

fiel, war die zur Rechten, am Fuße des östlichen Bergabhanges gelegne

Moschee, welche in ihrem Innren, zu welchem den Christen wie den Juden

der Zutritt neidisch versagt ist, die zwiefache Höhle verbirgt, in

welcher Abraham neben Sarah, Isaak und Rebekka, Jacob und Lea begraben

sind. Dieses große Gebäude beherrscht durch seine hellere Färbung, so

wie durch die Höhe der Mauern und der beiden (an Größe ungleichen)

Thürme die übrige Stadt und ihre dunklen alterthümlichen Mauern, Häußer

und Thürmlein so ganz, daß das Auge des Pilgrims zum Besehen des Andern

noch gar keine Zeit finden kann. Und wie sollte dasselbe nicht vor

Allem unsrem Auge ein Punkt des erquicklichen Ausruhens, unsrem Herzen

ein Ort der feiernden Betrachtung gewesen seyn, da Hebron eines der

längst ersehnten Ziele dieser Reise war, wie neben und bei ihm Mamre,

in dessen Haine der Vater der Gläubigen Ihn, den Herrn, dessen Wort

der Verheißung er so zuversichtlich vertraut und geglaubt hatte, von

Angesicht sahe. Auch für die Beschreibung dieser Reise soll deshalb

Hebron der Ort eines kurzen Verweilens und Stillstandes seyn.

Hebron.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 31 / 42 段