Nicht fern von den Ueberresten des Römischen Amphitheaters nimmt ein

Engthal der Sandsteinfelsen seinen Anfang, welches, von dem jenseits,

in Osten gelegnen, von Mauern geschützten, mit Aeckern, Obstgärten und

Weinpflanzungen umgebenen Eldschi her den eigentlichen Eingang nach

Petra bildet. +Dr.+ ~Roth~ drang zuerst und am tiefsten in

dieses Engthal ein, das einer Felsenkluft gleichet, durch welche der

Bach fließt. Er sah da Dasselbe, was Laborde und andre, frühere wie

spätere Reisende gesehen: den wunderschönen Tempel, der aus einem

Stücke der heller farbigen, röthlichen Sandsteinfelsen gehauen, eines

der prachtvollsten Gebäude des Thales ist; weiterhin findet sich

der sonderbare Bogen, der sich von dem Dache der einen Thalwand zu

dem andren herüberspannt. Die reich bewachsene Kluft ist öfters so

eng, daß mitten am Tage nur ein dämmerndes Licht sie erhellet. Der

Tempel, welcher, wenn auch ein später bauendes Volk an der Façade

manches veränderte, dennoch ursprünglich nur zum Ehrenmal der Todten

bestimmt war, wird von den innwohnenden Beduinen das Khasneh oder

Schatzhaus des Pharao genannt; Laborde giebt von ihm in seinem Werke

eine getreue Darstellung. Diesseits des architektonisch reichen, an

seinen Wänden öfters von Grabhöhlen durchbrochenen Engthales, in dem

eigentlichen Innenraum oder Edomitischen Adlernest des Petrathales

finden sich die meist in pyramidale Giebel endigenden, von Säulen der

verschiedensten Tonweisen getragnen Portale von scheinbaren Gebäuden,

deren innre Ausführung wie die Erwartung des Verborgenen, welches

das Grab verhüllt, nur von der Seele der Erbauer hinzugedacht, nicht

leiblich verwirklicht ward. Denn wer mit der Erwartung, etwa eines

Tempelgewölbes durch die Thüren des Portales hineintritt, der sieht

sich getäuscht; er findet da meist nur einige enge Kammern. Der Mensch,

wenn er am Tage auch noch so weit herumgezogen und gewirkt hat,

nimmt, wenn der Schlaf ihn befällt, gern mit der engen Ruhestätte am

Boden vorlieb. -- Unten im Thale, in welches der Bach, bald zwischen

dem Felsenschutt verschwindend sich ergießt, haben die Beduinen der

Umgegend Pflanzungen, selbst von Ackerfeldern angelegt; dazwischen

zieht sich eine alte, auf Römische Weise gepflasterte Straße hin;

Ruinen von Tempeln, Brücken, selbst die eines Triumphbogens bezeugen

es, daß der untre Theil des Thales schon in ziemlich alter Zeit mehr

für die Wohnungen der Lebenden, als zu Verwahrungsstätten der Todten

bestimmt war; die obersten Schwalbennester aber, in den Bergwänden

sind die Häußerburgen der anfänglichsten Bürger von Sela, während des

Lebens, so wie nach dem Tode gewesen. Auf einem der Hügel des untern

Thales liegen die Ruinen einer Art von Akropolis aus spätrer Zeit.

Soll ich auch noch etwas von meinen eignen, innren Erfahrungen an

diesem Tage sagen? Mir, da ich vom Gipfel des Hor, aus dem Kreise der

Gedanken und lebenskräftigen Gefühle, die dort mich bewegt hatten,

heruntertrat in dieses Thal einer wahrhaftig bewundernswürdigen

Menschen-Herrlichkeit, ergieng es dennoch wie Einem, der den

theuren Freund, von welchem er heute auf lange Zeit Abschied nahm,

hinausbegleitet hat, der Abendsonne entgegen, ins Freie; und der nun

bei seiner Zurückkehr in die Stadt hineintritt aus der Tageshelle in

einen verdunkelten, nur von Kerzenlicht beleuchteten Konzertsaale. Das

Auge war geblendet und sahe minder scharf als sonst; das Lied aber,

welches die Tonkünstler spielten, hatte eine erhebend schöne Melodie

und der Text, ich werde ihn nie vergessen, war von jenem Dichter,

welcher zugleich der größeste der Prediger und der weiseste der Könige

gewesen, er lautete und wiederholte die Worte oft: es ist Alles eitel;

Alles Thun der sterblichen Menschen ist eitel; nur Eines bleibet, der

Geist, der zu Gott gehet, von welchem er kam.

Wir beiden, mein Begleiter Franz und ich, sahen, da wir von Aarons

Grabe auf dem Hor herunter kamen in die Mitte der wunderlichen

Edomitischen Höhlenstadt, zuerst nur die Kamele weiden auf dem

grünenden Thalboden. Nach einiger Zeit entdeckten wir den fleißigen

Maler Bernatz, der vor einem der höher gelegnen Gebäude zeichnend saß

und hörten den Ton der geognostischen Hämmer. Der übrige Theil der

Gesellschaft, zu dem auch die treue Hausfrau gehörte, hatte sich in

eine der geräumigsten, innerlich mit Säulen, die aus dem Felsenganzen

gehauen waren, verzierte Höhlenwohnungen begeben. Unsre Beduinen

saßen hier bei dem angezündeten Feuer und wollten sich ihr schwarzes

Lieblingsgetränk bereiten, zu welchem wir ihnen gerne, nach ihrem

Begehren, den nöthigen Stoff gegeben hätten, wenn wir damit versehen

gewesen wären. Wir waren aber heute am Morgen so eilig fortgezogen, daß

wir es ganz vergessen hatten an das Bedürfniß der Küche zu denken.

Nach kurzem Ausruhen giengen auch wir hinab zu dem Hauptplatz der

alten Stadt, wendeten uns dann nach dem Römischen Amphitheater, und

von diesem zum Ufer des Baches hin, der aus dem vorhin beschriebenen

Engthal hervorbricht. Nach so vielen neuen Genüssen der Sinne zog

mich bald ein alter, längst entbehrter an. Ich saß am Bächlein nieder;

wie lange hatte ich kein solches gesehen und kein so frisches Wasser

getrunken. Das Ufer duftete von dem wohlbekannten Geruche einer Art

von Wassermünze, welche der unsrigen (der +Mentha aquatica+)

sehr ähnlich war; die darüber schattenden Bäume erinnerten mich an

unsre Erlen; jenseits des Ufers wuchs eine Hyazinthenart, welche aufs

vollkommenste der Schopfhyazinthe (+Hyacinthus comosus+) glich,

die ich in meiner Jugend so oft in der Nähe von Zirndorf, bei dem

lieben Nürnberg gesucht und gefunden hatte; ich glaubte daheim zu seyn,

an einem Bache des Vaterlandes. Zugleich regte sich der vaterländische

wie ausländische Hunger. Ein zusammengerolltes Stück Arabischen

Kuchenbrodes, das ich vor fast acht Tagen zu mir gesteckt, und das dem

Munde nicht mehr genießbar geschienen hatte, legte ich, beschwert mit

einem Steine (damit das muntre Bächlein mir es nicht entrisse) ins

Wasser. Ich trank in vollen Zügen aus der hohlen Hand und aß dazu das

mäßig erweichte Brod. Mir konnte das Mahl an der Tafel eines reichen

Fürsten nicht besser schmecken als dieses Mahl der Wüste; kein Wein der

Erde das Herz mehr erfreuen als dieses Bachwasser.

Ja, du mein Hirte, leiblich wie geistig führest du mich auf grüner Aue,

zum frischen Wasser. Du lassest kein Gutes mir mangeln, du tränkest

mich, auch in der dürren Wüste, mit Strömen der Freude. Darum sollst

Du seyn und bleiben meine Zuflucht für und für, mein Gott, auf den ich

hoffe; Dein Stecken und Stab sollen mein Trost und mein Führer seyn,

bis zum dunklen Thal des Todes.

Noch war es nicht ganz entschieden ob wir zur Lagerstätte zurückkehren

oder heute Nacht in unsern Felsenkammern bleiben sollten. Dem

drückenden Mangel an Lebensmitteln hofften wir durch Ankauf von

Brod und vielleicht auch eines Lammes von den umwohnenden Beduinen

abzuhelfen. Einige dieser Leute hatten sich schon im Thale sehen

lassen, waren aber, bis auf einen, der mit unsern Führern wohl bekannt

schien, wieder verschwunden. Da wir jedoch jetzt zu den Unsrigen

zurückkehrten, hörten wir schon von ferne das laute Geschrei zankender

Männer. Eine Schaar jener fremden Beduinen, unter ihnen etliche von

so wildem, rohen Aussehen, wie mir auf dieser ganzen Reise noch keine

vorgekommen, hatte sich um die unsrigen versammelt und schalt diese

als wären sie Räuber und Feinde, die in ein fremdes Gebiet eindrangen.

Auch mochte wirklich das Vernehmen der beiden Stämme bei dem damals

ausgebrochnen Kriege zwischen Ibrahim Pascha, dessen Verbündete die

unsrigen waren, und den Beduinen von Kerek nicht das beste seyn. Im

günstigsten Falle hätte die Sicherheit der nächsten Nacht, hier in

Petra, durch eine Abgabe von mehreren hundert Piastern, an den Scheikh

von Eldschi erkauft werden müssen; unsre Beduinen schienen jedoch

auch für die Sicherheit ihrer Kamele besorgt, sie trieben diese eilig

zusammen, und wir machten uns zum Aufbruch fertig.

Auf dem Rückweg, der für mich und meinen Begleiter ein andrer war

als jener Weg, der uns vom Hor hieher geführt hatte, traten wir

noch ins Innre mehrerer Grabeskammern; sahen die zusammengesetzte,

hohe Säule am Ende des Thales und mehrere andre Bauwerke; außer

dem schönen, kuglichen Sandstein und der schon erwähnten neuen

Krähenart, hatten meine jungen Freunde eine noch unbekannte Art der

Süßwasser-Conchylien, vom Geschlecht der Carocolla erbeutet.

Das herrliche Wadi Musa war zuletzt nur noch von der späten

Abenddämmerung und dann von dem Lichte des Vollmondes beleuchtet, als

wir aus seiner Mündung heraustraten in die Ebene, in der unser Zelt

lag. Wie die Biene, die an vielen Blumen eines grünenden Feldes sich

satt gesogen, kehrte unsre Seele, reich beladen von den Vorräthen ihrer

heutigen Gefühle zurück zu ihrer stillen Einkehr in den geistigen

Ruheort. Ein lang ersehnter Hauptzielpunkt der Reise vom Sinai bis

Hebron war leichter und glücklicher erreicht worden, als ich mir dies

gedacht hatte: der Hor, mit dem einsamen Grabe auf seinem Gipfel,

welches noch jetzt in hellem Lichte über das Feld der Geschichte

hinstrahlet, und mit der Schaar der Grabeshöhlen zu seinen Füßen,

welche in eine Tiefe der vergangenen Zeiten eindringen, die von keinem

Lichte der sichren Kunde erhellt wird.

Reise durch das Ghor nach Palästina.

So groß die Anstrengungen des gestrigen Tages gewesen waren, brachen

wir dennoch Dienstags den 21sten März schon kurz nach 6 Uhr des Morgens

auf. Es war dies gegen unsre Erwartung und selbst gegen unsren Willen,

denn in der Meinung, daß wir heute etwas länger ruhen wollten als

gewöhnlich, hatten wir gestern durch den Beduinen in Petra, der mit

den unsrigen bekannt schien (nach S. 435) und der uns bis fast an

unser Zelt das Geleite gab, Milch, Eier und frische Arabische Brode

aus Eldschi bestellt, die uns noch vor dem Dahah (vor etwa 9 Uhr des

Morgens) gebracht werden sollten. Unsre Beduinen ließen uns ruhig diese

Bestellungen machen; heute aber dämmerte kaum der Morgen da weckten

sie schon die Arabischen Knechte und uns; da wir hinaustraten fanden

wir die Kamele schon bereit zum Aufpacken, wir hatten kaum Zeit das

Frühstück zu bereiten und einzunehmen, zu welchem uns der jüngere

Scheikh einen Becher sehr wohlschmeckender Kamelmilch schenkte, denn

unter unsern Thieren war eine Mutter mit ihrem Füllen, welche den

übrigen das Ehrengeleite gab, indem man der ersteren nur ein leichtes

Gepäck auflegte. Auch das eine von unsern Kamelen, jenes welches den

Reissack trug, hatte es heute auffallend leichter als früher, denn

dieser Vorrath hatte sich gestern, während unsrer Abwesenheit, so stark

vermindert, daß wir den alten Bekannten bei unsrer Rückkehr am Abend

kaum wieder erkannten. Wahrscheinlich hatten es die bei der Gerätschaft

zurückgebliebenen Beduinen für rathsam gehalten die Last aus dem großen

in viele kleine Säcke, und von einem auf viele Kamele zu vertheilen,

denn so ehrlich sie in Beziehung auf Geld und andre Dinge der Art sind,

so halten sie doch das stillschweigende Entlehnen von Lebensmitteln für

kein Unrecht, um so weniger da es im jetzigen Falle wahrscheinlich mit

Wissen unsers Knechtes geschehen war.

Da wir zu Kamel saßen trat der ältere Scheikh zu uns und sagte uns, daß

wir uns heute, besonders am Vormittag auf einen möglichen Angriff von

feindlichen Beduinen gefaßt machen müßten; wir sollten uns beim Reiten

nahe zusammenhalten. Er selbst mit seiner Lanze in der Hand ritt an der

Spitze des Zuges; ein andrer Beduine, auf einem flüchtigen Dromedar,

ritt in einiger Entfernung vor uns her, stieg von Zeit zu Zeit ab und

kletterte auf die Spitze eines Felsen oder bestieg einen Sandhügel, um

mit seinen wohlgeübten Augen nachzusehen ob Alles sicher sey. Dabei

brauchte er die Vorsicht nicht aufrecht zu stehen, sondern, damit er

nicht selber gesehen würde, auf allen Vieren zu kriechen und sich auf

den Bauch zu legen. Wir zogen leise -- denn keiner der Beduinen ließ

heute seine laute, kräftige Stimme vernehmen -- und in ziemlicher

Eile vorwärts, anfangs noch in dem Nebenthal das die Vorberge und

Hügel der Ebene bilden, in welche der Wadi Musa mündet und im trocknen

Bette der Gießbäche, welche in der Regenzeit nach dieser Richtung

sich ergießen. Die Wände der Felsen bestunden aus buntem, merglichen

Sandstein und Kreidekalk, in welchem sich öfters kleine Höhlen und

mannichfaltige, gleichsam architektonische Naturspiele zeigten.

Gebüsche des Tamarisken- und des Artasstrauches zierten den Boden; an

den Felsen zeigte sich das Gesträuch der Kappern, hin und wieder jenes

das der Cleomen. Das augenfälligste Gewächs das wir heute sahen, war

jedoch eine wunderschöne Orobanche (+Heliopoea+) mit großen, gelb

und blaufarbigen Blüthen. War es doch als sollten die feindseligen

Bewegungen, mit denen wir, Gott Lob, von außenher verschont blieben,

auf einmal in unsrer kleinen Karawane selber ausbrechen. +Dr.+

~Roth~ hielt, wieder auf dem Kamele sitzend, einige der hier

abgepflückten Exemplare der Orobanche in der Hand, um sie genau zu

betrachten, da schlug sie ihm der Beduine, welcher das Kamel führte,

mit der Lanze aus der Hand. Darüber wurden wir sehr aufgebracht,

obgleich die That des Arabers wahrscheinlich aus guter Absicht gekommen

war, weil er meinte unser Freund wolle diese in seinen Augen schädliche

Pflanze essen. Auch zwischen Herrn Mühlenhof und einem der Beduinen

brach ein Streit aus, wobei sich jener beinahe statt der lauteren

Sprache der Worte der leiseren der Fäuste bedient hätte, wäre der

ältere Scheikh der uns durch einen einzigen Wink der Lanze zum Recht

verhalf, nicht als Schiedsrichter dazu gekommen. Der Streit war dadurch

veranlaßt, daß Herr Franz seit mehrern Tagen aus freier Wahl meist

zu Fuß gegangen war; indeß hatte ein Beduine sein Kamel in Besitz

genommen, das er dem rechtmäßigen Reiter nicht wieder einräumen wollte.

-- Während wir der Richtung der Gießbachbetten folgten und hierbei von

einem Seitenthal ins andre kamen, hatten wir manche Krümmung gemacht,

im ganzen jedoch vorherrschend die Richtung von Nordwest in Nord

beibehalten. Dieser Richtung folgten wir auch da wir um 9 Uhr auf die

freie Ebene der Araba herauskamen, welche von hier an nördlich bis

zum todten Meer den Namen des Ghor führt. Die Aussicht war dort eine

überaus weite und reiche. Vor uns die einige Meilen breite Fläche des

Ghor, in Westen von dem Sandsteinzuge der Tyh begränzt; hinter uns das

Gebirge Seir, über welches der majestätische Hor sein Haupt erhebt. Die

Senkung des Ghor, von Ost gegen West war hier sehr augenfällig; wir

ritten den ganzen Tag hindurch allmälig abwärts; an der Seite unsers

Weges zeigten sich öfters jene Steinhaufen, womit die vorüberziehenden

Araber die Stätte bezeichnen, an der sie, wenn sie Aarons Grabmahl von

ferne erblicken, dem Propheten zu Ehren ein Opferthier schlachteten.

Der grünende Saum der Bäume und Gebüsche, der an der niedren Westseite

des Ghor sich hinzieht und den wir, seit unsrem Heraustritt in die

Ebene immer vor uns sahen, war schon um drei Uhr erreicht. Unsre

Beduinen, welche ihre Thiere heute zu ungewöhnlicher Eile angetrieben

hatten, beschlossen hier zu halten; wir hatten dagegen nichts

einzuwenden, denn die Hitze war überaus groß und drückend und die

hochstämmigen Tamarisken versprachen uns erquicklichen Schatten.

Die Gegend, in welcher wir übernachteten erschien uns im hohen Grade

beachtenswerth und wird jedem Reisenden so erscheinen. Sie ist, durch

ihre tiefe Lage, ein Sammel- und Vereinigungspunkt der in der Zeit des

Regens hier aus Ost und West zusammenströmenden Gewässer, und gleichet

ganz dem Kessel eines kleinen ausgetrockneten Landsees, durch welches

das breite Bette eines Flußes sich hinzieht. Mit einigen Stichen der

Schaufel in den Sand hatten unsre Beduinen Wasser gefunden, das sie

zum Tränken ihrer Kamele und zum übrigen Bedarf des heutigen Abends

benutzten. Auch wir fanden es trinkbar; es hatte nur einen sehr

schwachen, salzigen Beigeschmack. Nach den Berechnungen, welche Herr

Prof. v. Steinheil, mit größester Vorsicht auf Dr. Erdls barometrische

Messungen gründete, lag der tiefere Punkt des kleinen Thalkessels,

an dessen Saume wir übernachteten 91 Fuß ~unter~ dem Spiegel

des rothen Meeres, eine Thatsache die uns als eine kaum glaubliche

erschienen seyn würde, wenn nicht die späteren barometrischen Messungen

in der obern Jordansaue ähnliche unerwartete Resultate ergeben hätten.

Von dem Punkte unsers vorigen Nachtlagers, an der Mündung des Wadi

Musa, dessen Meereshöhe zu 2046 Fuß berechnet war, hatten wir uns

mithin heute, im allmäligen Absteigen durch die Thäler und dann auf

der Fläche des Ghor um 2137 Par. Fuß gesenkt. Der Maler Bernatz

benutzte die letzten Stunden des Tages um von hier aus eine Ansicht des

Eremitischen Gebirges mit dem Hor aufzunehmen; auch wir Andren nahmen,

wenn auch nicht auf das Papier, doch in die Seele manche Eindrücke

dieses Thales der Tamarisken auf, die sich in der Erinnerung zum

lieblich reichen Bild gestalteten.

Mittwochs den 22sten März giengen die Meisten von uns zu Fuße der

kleinen Karawane voraus, die sich, mit ihren Kamelen halb sieben Uhr

in Bewegung setzte. Wer hätte aber auch hier an solchem Orte und zu

solcher Zeit nicht lieber zu Fuße gehen als reiten mögen! Glich doch

der freilich sehr schmale, nach beiden Seiten von der Wüste umsäumte

Landstrich, durch den wir anfangs hinzogen, einer vaterländischen

Frühlingsaue, so grün war er. Freilich erinnerte uns die ausländische

Form der hier blühenden Gräser: der Aristiden, Penniseten, Eleusinen,

und Danthonien bald daran, daß wir im außereuropäischen Lande seyen;

die Bäume die uns von ferne wie Edeleschen oder Ahorne erschienen

waren, zeigten sich in der Nähe als Arten der Cassien und südlichen

Akazien; die vermeintliche Straße, die durch das Grün zog, war das

trockne Bette eines Winterstromes, dennoch aber wehete uns schon hier

die Luft einer Heimath an, denn wir naheten uns der Gränze des Landes

unsrer Wünsche; des Landes in dem schon unsre Kindheit im Geiste

gewohnt und sogar gewandelt hatte. Hatte ja doch auch heute schon die

Mitte der stillen Woche begonnen, deren Ende wir noch in Jerusalem,

oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, doch in Bethlehem zu feiern

hofften.

Wir zogen anfangs noch in fast nordwestlicher Richtung und kamen so um

acht Uhr zu dem Brunnen Huaibi (Wuäbe), an welchem Palmenbäume stehen

und der ein trinkbares, wiewohl etwas salpetrig schmeckendes Wasser

enthält. Von hier an, wo wir fast eine halbe Stunde verweilt hatten,

zog sich der Weg mehr in nördlicher Richtung über einen kleinen Hügel

nach einer sandigen Ebene hinan, auf welcher ein großer, runder Stein

lag. Jeder unsrer Beduinen strengte sich im Vorbeigehen an um den Stein

ein wenig hinanwärts, nach der Richtung unsers Weges zu wälzen; auch

unsre Knechte und zum Scherz einige der jungen Freunde halfen mit. Nach

eingezogner Erkundigung erfuhren wir, daß es, nach der Meinung der

Beduinen, mit diesem Stein eine gar besondre Bewandtniß habe. Derselbe

rückt, so wähnen sie, von selber alle Jahre ein wenig weiter nach Süden

hinab, und werde so zuletzt zum Meer bei Akaba kommen. Wenn aber dieß

geschähe, dann sey der Tag des Gerichts, der Tag des Endes vorhanden.

In früheren Zeiten habe dieses Fortrücken alljährlich nur etwa eine

Armslänge (Elle) betragen; seit mehreren Jahren aber bemerke man an

dem Steine, daß jetzt Alles zum Ende eile; denn er fange an ins Laufen

zu kommen. Einer unsrer ältern Kamelführer wollte ihn noch selber vor

etlichen Jahren fern von da, auf dem Abhange einer vor uns stehenden

kleinen Anhöhe haben liegen sehen. -- Sonderbare Erwartung von großen,

nahe bevorstehenden Veränderungen, die sich zu unsrer Zeit im Kopf und

Herzen der Bekenner der verschiedensten Religionen: des Islam, des

Mosaischen Gesetzes und des Christenthumes regt!

Gegen Mittag kamen wir in ein reich mit Gebüsch und Mimosenbäumen[112]

bewachsnes Thal, dessen Gestalt ich wegen seiner vielen, engeren

Nebenthäler und Schluchten mit dem innren Baue einer vielfächrigen

Frucht vergleichen möchte. In dem Thale sind Quellen; die eine mit

sehr hellem Wasser; unsre Beduinen hielten aber das Wasser für giftig

und warnten vor seinem Genuße. Sie nannten diese Gegend Birsaba oder

Mirsaba, indeß kamen wir nicht in Versuchung bei diesem Namen an das

Bersaba der heiligen Schrift zu denken. Am Nachmittag zog sich unser

Weg ziemlich hoch, wiewohl allmälig bergan und dann wieder eben so

bedeutend bergab, bis wir rechts neben dem Abhange, an dem wir hinab

stiegen, ziemlich tief unter uns ein grünendes, mit Strauchwerk

bewachsnes Thal sahen. Noch auf der Anhöhe fiengen zuerst die Beduinen,

dann aber auch unsre, von ihren Führern verlassenen Kamele an wild zu

laufen und zu rennen, so daß wir Mühe hatten uns auf dem Rücken der

Thiere zu erhalten. Jene thaten es, weil sie das gute Futter für ihr

Vieh sahen und jeder vor dem Andren von dem besten Grasplatz Besitz

nehmen wollte, diese aber, weil sie eben dieses Futter aus der Ferne

witterten. Wir lagerten im Thale am Rande eines jetzt trocken liegenden

Gießbachbettes, an der gähen Wand eines fast südwärts stehenden

Felsen; nach Norden lag vor uns, jenseit des Thales ein hoher, kahler

Berg. Ueber ihn und die Stätte unsers Lagerplatzes ertheilten uns die

Beduinen, da wir nach dem Namen fragten, sehr verschiedne Auskunft;

einige nannten beide ganz richtig Madara, ein Andrer nannte das Thal

Figari und den Berg Assapha oder Assowa. Nach unsern barometrischen

Messungen und den später darauf gegründeten Berechnungen lag auch das

Bette des Gießbaches, an dessen Saum wir unser Zelt schlugen, noch 5

Fuß unter dem Meeresspiegel.

Der heutige Nachmittag und Abend hatten uns in eine, für den Freund

und Forscher der heiligen Schrift sehr bedeutungsvolle Gegend geführt.

Dieser Madaraberg und seine Umgegend sollten eigentlich den uralten

Namen des Menschenherzens: »Trotzig und Verzagt« führen. Hier in der

Nähe war Kades. Saras Magd, Ismaëls Mutter, die Hagar, da sie trotzig

den Händen und den gerechten Demüthigungen ihrer Herrin entflohen war,

irrte zwischen Kades und Sur, wo der Engel des Herrn sie fand und zur

Rückkehr bewog (1. Mos. C. 16). Hier war die Stätte des Verzagens,

bei welcher die Heere Israëls eine Nacht hindurch weinten, als die

Kundschafter zurückgekehrt waren, welche dem Lande ein böses Geschrei

machten (4. Mos. C. 13, V. 33; C. 4, V. 14). Aber über dieses Gebirge

da gieng auch der Anlauf, den der Trotz nahm, welcher mit dem Verzagen

wechselte, als Israëls Volk in eigner Kraft, bei der das Mitwirken

des Herrn nicht war, hinaufzog um auch gegen den Willen des Herrn das

verheißene Land zu erobern (4. Mos. C. 14, V. 40-45). Hier bei Kades,

dessen Gebirge Madara allerdings, wie sein Name in dem Munde eines

unsrer Beduinen klang, ein Assaph oder Versammler heißen könnte, weil

diese Gegend mehrmalen ein Sammelpunkt der Heere Israëls war, starb

auch, da die Zeit der vierzigjährigen Reisen ihrem Ende nahe war,

Mirjam die Prophetin, die Schwester Mosis (4. Mos. 20, V. 1); hier in

der Nähe war der Wunderquell jenes Haderwassers, bei welchem Israël

sich durch den Trotz, Moses und Aaron sich durch die Verzagtheit des

Unglaubens an dem Herrn versündigten.

Der Mond stieg über die Felsenwand in Südost heran und beleuchtete

das tiefe Thal; die kleinen weißen Hügel des Gesteines erschienen uns

wie Denkmale der Gräber, welche neben Mirjams Gebein hier so Viele

aus dem Volke fanden. Die Beduinen saßen am Feuer und erzählten sich

lebhaft, vielleicht von einem Kampfe der Ihrigen, der einst da, in

diesem Thal gehalten worden. Obgleich wir mit diesen Beduinen nun

schon manchen Tag gereist waren, hatten wir doch mit ihnen niemals so

vertraulich zu werden vermocht, als wir es mit denen vom Towarastamm,

namentlich mit unserm alten Hassan gleich in den ersten Tagen gewesen.

Es war zwischen uns und ihnen ein Zaun, vielleicht der Vorurtheile

gezogen, über welchen, wenn auch die Hände, doch niemals die Herzen

sich recht eng einander zu nahen vermochten. Während wir mit unsern

Towara-Beduinen zogen hatte selbst die Hausfrau öfters der Kochkunst

der Wüste zugesehen; es gelüstete uns aber niemals die jetzigen

Begleiter bei ihrer Feuerstätte zu besuchen, noch jene, sich ohne ein

besondres Geschäft, unserm Zelte zu nahen. Doch was uns die Gegenwart

versagte, das gab uns hier im reichsten Maße, die Erinnerung an die

Vergangenheit; und wenn auch die sichtbaren Begleiter etwas fremd gegen

uns waren, so erzeigten sich doch die unsichtbaren an diesem Abend

unsern Herzen desto fühlbar näher und freundlicher.

III. Die ersten zwölf Tage in Palästina.

Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron.

Der 23ste März, es war der grüne Donnerstag, der mich heute vor 44

Jahren, vor dem Altar des Herrn, über die Gränzen des geistigen

Landes der Verheißung, zu der Gemeinschaft des himmlischen Jerusalems

eingeführt hatte, ist mir ein ganz besondrer Gedenktag dieser Reise

geworden. Nach unsrer früheren Berechnung hatten wir heute in Jerusalem

eintreffen und den schönen Tag in der Kirche des heiligen Grabes feiern

wollen, und dieses wäre auch möglich gewesen, wenn uns nicht in der

Nachbarschaft jener Stätte, da einst die Kinder Edoms die Heere Israëls

am Weiterziehen hinderten, die Verbündeten Edoms, die Männer von Akaba

aufgehalten, und wenn unsre jetzigen Beduinen das Werk der Förderung

unsers Weges nicht so saumselig betrieben hätten. Aber wenn auch nicht

in die Thore von Jerusalem, führte uns doch dieser Tag in die sichren

Gränzen des alten Landes der Verheißung ein.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 30 / 42 段