Viertelstunden brauchten, rechts unter uns, in immer größerer Tiefe
das Bette des Siechbaches gesehen, dessen weniges Wasser nur selten an
der Oberfläche der Felsenplatten bemerkt wird, meist aber unter diesen
sich verbirgt. Da wir oben waren fanden wir uns mit dem Rinnsal des
Wassers wieder in gleicher Ebene und zugleich auf der Sohle einer
zweiten, höheren Terrasse des Thales, welche gegen das Erdgeschoß oder
das niedrigere, allmälig zur Ebene hinaus sich absenkende Plateau
des Thales mit einer senkrechten Felsenwand abbricht, über welche,
zur Zeit des Regens, ein mächtiger Wasserfall sich hinabstürzt. Der
Weg führte uns von hier an eine halbe Stunde lang auf der Ebene der
Terrasse hin, dann aber begann ein neues, ungleich beschwerlicheres
Ansteigen, als das vom untern Thale zum ersten höheren Stockwerk war.
Außer dem gähen, steinigen Abhang, mit welchem der Berg sich zum Thale
senkt, finden sich hier natürliche Stufen von solcher Steilheit und
Höhe, daß auch der geübte Fußgänger sich mit Händen und Füßen hinauf
arbeiten muß; zugleich mit uns legten aber auch heute unsre Kamele
eine Probe von jener Geschicklichkeit im Bergsteigen ab, welche man
diesem, scheinbar mehr für das Reisen in der Ebene geeigneten Thiere,
kaum zutrauen möchte. Unbelastet, wie sie jetzt waren, klommen sie
alle glücklich zur Höhe hinan, bis auf das eine, noch ziemlich junge,
welches +Dr.+ Erdl geritten hatte. Dieses schien außer Stande
das Steigen solcher Stufen zu begreifen; es mußte durch einen der
Beduinen wieder zurückgebracht werden zur Lagerstätte. Das Auge, wenn
auch auf Kosten der hart angestrengten Füße, wird indeß auf dieser
Anhöhe in seltner Weise ergötzt. Wir fanden uns hier nahe bei den
Gränzen des Landes, in welchem Hiob und seine Freunde lebten, und die
Natur, die wir hier sahen, sprach zu dem Auge, so wie durch dieses
zu der empfindenden Seele in einer ähnlichen Sprache, als das Buch
Hiob zum Geist des Menschen redet. Gerade dieser Schatten des eilig
hinüberfliehenden, leichten Gewölkes, der jetzt gehobene, dann wieder
niederfallende Schleier des Nebels erregten bald auf diese bald auf
eine andre Stelle der Felsenwarten und ihrer Thäler ein Aufmerken, wie
dieß in einem andern, höhern Maße die Sprache des von Gott begeisterten
Sehers oder Sängers jetzt auf diesen, dann auf einen andern Theil
der Gnadenerweisungen Gottes weckt. Auch die Pflanzen- und Thierwelt
dieser Nachbargebirge des Landes Uz trägt viel zu dem eigenthümlichen
Colorit der Gegend bei. Während im Thale das edle Roß in seiner
höchsten Kraft und Schönheit gesehen wird, weidet auf den Höhen und in
den Schluchten des Gebirges der kräftige asiatische Steinbock und die
schlanke Gazelle; mit der Stimme der Gebirgstauben zugleich läßt sich
der laute, melodische Gesang der Orientalischen Singdrosseln aus den
Zweigen der Edomitischen Cypresse vernehmen, von welcher wir auf den
Höhen des Wadi Musa und am Hor viele einzelne Stämme, ja ganze Haine
sahen; Bienenarten von fremder Gestalt wiegen sich summend auf den
Gewürzkräutern des Landes.
Wir hatten jetzt, drei Stunden nach unsrem Aufbruch, jene Höhe
erreicht, die zu der obersten Terrasse des Wadi Musa führt; zu jenem
bedeutungsvollen Theil des Thales, der, von einem Bache frischen
Wassers durchströmt, die alte, merkwürdige Edomitische Felsenstadt
Petra (Sela und Jaktheel der heiligen Schrift[109] umfaßt. Ehe ich
jedoch Petra sahe, wollte ich vorher einen andern Theil dieser Gebirge
besuchen, den ich mir längst zu einem der Hauptzielpunkte meiner Reise
gesetzt hatte. Man glaubt auf der Anhöhe vor Petra schon sehr hoch
gestiegen zu seyn, und dieß mit Recht, denn ich halte dafür, daß
dieselbe über der Mündung des Wadi Musa, die nach unsern Messungen
2046 Par. Fuß ober dem Meere liegt, wenigstens eben so weit erhaben
liege als der Gipfel des Horeb über dem Thale des Katharinenklosters;
jener Anhöhe aber zur Linken (fast im Norden) erhebt sein ungleich
riesenhafteres Haupt der majestätische Hor; der Fürst und Nazir des
Edomitischen Gebirges. Der größere Theil der Reisegesellschaft, jetzt
wieder zu Kamel gestiegen, eilte dem wunderreichen Petra zu; ich aber,
nur in Begleitung meines jungen Freundes, des Herrn Franz, schlug den
Weg nach dem Gipfel des Hor ein. Wir hatten uns zwei Beduinen aus der
Mitte der unsrigen zu Wegweisern ausgewählt, zu den zweien gesellten
sich jedoch ungebeten, angeblich unsrer Sicherheit wegen, noch zwei
andre, unter ihnen der verständige jüngere Scheikh oder
Karawanenführer.
Der Hor besteht, wie sein Nachbargebirge, aus einem bunten
Sandsteine, in welchem, wie in manchem vaterländischen Sandsteine,
hellere und dunklere, braungelb und röthlich gefärbte Streifen aufs
Mannichfaltigste wechslen. Die Streifen sind bald breiter bald
schmäler, bald gerade bald bogenförmig gekrümmt, sie geben öfters,
besonders im Thal von Petra, den Felsenwänden das Ansehen von gemahlten
Tapeten. Aus der körnigen Hauptmasse stehen Kugeln, kleinere wie
größere, hervor, in deren Innrem die bunten Lagen concentrisch, eine um
die andre sich fügen. Das Gebirge ist von vielen senkrechten Klüften
durchschnitten; zu den natürlichen Aushöhlungen, die sich an manchen
Stellen finden, kommen, besonders an dem Abhange gegen Petra hin,
jene von Menschenhand eingehauenen Grüfte und Höhlenräume, von denen
ich nachher reden will. Der Scheitel des Hor ist durch eine seichte
Einbuchtung in zwei Gipfel getheilt, auf deren einem, östlicheren
Aarons Grabmahl steht. Unsre Beduinen führten uns einen einsamen Steig,
welcher jenseits eines Thales, das wie ein Burggraben die Bergveste
umzieht und gegen Petra hinabläuft, seine nördliche Richtung verließ
und sich nach dem westlichen Theile des Berges wendete, dann aber
wieder, etwas minder steil, nach dem östlichen Gipfel hinüberzog.
Wir sahen am Abhange des Berges viele Cypressen; eine schöne Phlomis
fieng eben an ihre großen, goldgelben Blüthen zu entfalten, eine rothe
prächtige Anemone schmückte an vielen Stellen den Boden; mehrere
Cistusarten, zum Theil schon verblüht, wachsen, mit dem Gesträuch
des Ginsters und einer kleinen Art von Fichte vermischt[110]. Schon
ziemlich nahe am Gipfel kamen wir an eine Schlucht, in welcher, noch
recht wohl erhalten, Stufen hinauf führen und noch etwas höher hinan
fanden wir, in derselben Schlucht, alte Bauwerke: bogenartige Gewölbe,
unter denen eine Art von gemauerter unterirdischer Kammer oder Cisterne
offen vor Augen lag. Vor alten Zeiten stund am Abhange des Hor ein
christliches Kloster; sollten diese für ein vereinsamtes Kloster fast
zu prächtig erscheinenden Bauwerke von diesem die Ueberreste seyn? Von
dort wird in Kurzem der Gipfel, mit dem viereckten Gebäude erreicht,
welches die Andacht der Mohamedaner über Aarons Grabe erbaute. Auf dem
letzten Theile unsers Weges, besonders aber auf jenem der zwischen
dem großen, gemauerten Wasserbehältniß und dem Gipfel lag, so wie
am nordöstlichen Abhang von diesem fanden wir eine große Menge von
Scherben dicker, irdener, auch steinerner Gefäße, dazwischen auch
Stücklein von gefärbtem Glase, ähnlich jenem, dessen Trümmer wir
öfters in der Nähe der Aegyptischen Pyramiden gesehen. In welcher Zeit
diese Gegenstände hieher kamen, möchte schwer zu bestimmen seyn; das
Thal von Petra zeigte uns ähnliche; vielleicht war es die Andacht der
späteren Geschlechter, welche hieher diese Gaben brachte. Denn Haruns
des Propheten Grab, ist selbst den jetzt lebenden Nachkommen Ismaëls
und Edoms, wie allen Mohamedanern so heilig, daß sie, wenn sie auf
ihrem Vorüberzuge den Gipfel des Hor mit seinem viereckten Gebäude auch
nur von fern erblicken, ein Opferthier schlachten und über dem Blut
desselben einen Steinhaufen errichten; wir sahen solche Opferdenkmale
nicht bloß auf der näher am Fuß des Hor gelegnen Hochebene, sondern
selbst noch auf der nächsten Tagreise, hinwegwärts vom Wadi Musa öfters
an unserm Weg.
Auch unsre Beduinen näherten sich dem Grabe des Propheten und betraten
sein Innres mit Zeichen der Ehrfurcht; mich aber erhub und beugte
zugleich das mächtige Gefühl dieser unvergeßlichen Stunde in solchem
Maaße, daß ich vergaß, daß ich nicht in der stillen Kammer sey.
Abrahams Söhne, dem Fleische nach, beten hier gebückt im Staube den
Gott Jacobs, den Trost der Väter an, obgleich sie den großen Namen
nicht kennen; wie sollte dann ich, der ich den Namen kenne, vor welchem
sich beugen sollen die Kniee Aller, die auf der Erde und unter der
Erde sind, nicht dasselbe thun? Mir war es auch hier, als fühlte ich,
vielleicht als Folge der Nüchternheit und Stille des Wüstenlebens und
der heutigen, langen Bewegung in der reinen, balsamischen Gebirgsluft,
den Geist viel entfesselter vom Leibe, denn gewöhnlich; das Saitenspiel
meines Innren ertönte von einem Liede, dessen Inhalt dem des Jubilus
Bernhardi glich; ich fühlte im Nennen des großen Namens einen
Vorschmack der Freuden der Ewigkeit.
Die Beduinen hatten die Einkehr in die geistige Heimath nicht gestört.
Sie hatten sich, mit einer an ihnen noch ungewohnten Achtung Dessen,
was die »Ungläubigen« thaten, in einen Winkel des Gebäudes, auf die
vorspringende Mauer gesetzt. Dennoch weigerten sie sich uns durch
angezündetes Gesträuch oder Reißig das eigentliche, untere Grabgewölbe
zu beleuchten, zu welchem man auf mehreren Stufen hinabsteigt. Wir
versuchten denn dieses zuerst allein und ohne Licht. Da ich aber
unten, auf dem ebenen Boden, einige Schritte im Finstern vorwärts
tappte, fühlte ich mich an meiner Brust »wie durch zwei eiserne,
bewegliche Arme« (so beschrieb ich meinem jungen Reisegefährten die
Empfindung) gehalten und gehemmt. Wir stiegen wieder hinauf und fanden
unsre Beduinen in einem Gespräch begriffen, dessen Gegenstand ein bei
ihnen gewöhnlicher war: das sogenannte Trinkgeld für die Mühe, oder
der »Backschisch.« Ich fühlte mich gedrungen mit den wenigen Worten
Arabisch, welche mir zu Gebote stehen, sie daran zu erinnern, daß
nicht das Geld (»Fluhs«) etwas Großes und Gutes sey, sondern Gott sey
groß und gut und Den solle man vor Allem im Herzen tragen. Sie hörten
mein gebrochenes Arabisch freundlich und aufmerksam an, und nach
einiger Zeit ließ sich der junge Scheikh willig finden, einige Bündel
dürrer Zweige anzuzünden und mit ihnen die unterirdische Gruft uns zu
beleuchten. Jetzt sahe ich die »eisernen, beweglichen Arme,« die mich
bei meinen Herumtappen im Finstern an der Brust gehalten und gehemmt
hatten. Es waren zwei metallene, wie mir schien eiserne Flügelthüren,
welche halb offen stunden, und welche mit ihren inneren Seiten nach
vorn, gegen den Kommenden gerichtet waren. An den Wänden umher sahen
wir viele, Hebräisch und Arabisch geschriebene Namen und Denksprüche;
das getünchte Gemäuer aber, welches über und um den vermuthlichen
Eingang zur alten Gruft gelegt ist, reicht, mit der Zeit seines
Entstehens gewiß nicht in ein früheres Jahrtausend hinein, sondern mag
vielleicht nicht viel älter oder von gleichem Alter mit dem oberen
Mohamedanischen Ueberbau des Grabmahles seyn. Noch jünger ist der
(Türkische) Sarkophag, welcher im oberen Gebäude, dem Eingange gleich
entgegenstehend gefunden wird; er gleicht jenen, dergleichen ich später
in Abners wie in Rahels Grab, besonders aber in den Grabmählern der
Mohamedanischen Heiligen öfters sahe.
Während mein junger Reisegefährte ~Franz~ diesen vom Tageslichte
hell beleuchteten Sarkophag sammt seinen Hebräischen und Arabischen
Inschriften, davon jene Namen jüdischer Pilgrime sind, so genau als
möglich abzeichnete, trat ich zur Thüre hinaus und genoß der hehren
Aussicht, die sich dem Auge hier darbeut. Das höchste Interesse für
mich hatte, schon durch seine Gestalt, noch mehr aber durch seine
uralte Geschichte, das Gebirgsland, welches ostwärts und nordöstlich,
jenseits des Thales von Petra sich erhebt. Die zerrissenen Reste des
Nebels, welcher heute am Morgen als Regengewölk auf dem Gipfel des
Gebirges lag, zogen wie weidende Lämmer über die Bergabhänge hin;
ein großer Theil dieser östlichen Höhen scheint, wenn auch sparsam,
von grünem Weideland bekleidet; seine Schluchten sind mit dem Wald
der Cypressen und anderen Bäumen, so wie mit Gesträuch bedeckt.
Der Form nach sind jene östlicheren Höhen nicht mehr Sand- sondern
Kalkstein. Jenseits dieser Höhen, in Südost von Petra lag einst Bus
(wahrscheinlich das jetzige Bosta), von welchem Elihu, dort bei Dhana
lag Suah (später Szyah), von welchem Bildad kam, um Hiob zu trösten;
er selber aber, der Dulder, dessen nach Ihm fragenden und thränenden
Auge der Allmächtige selber begegnete, wohnte weiter gen Norden hin,
in dem jetzigen Gebalene. Hier aber, näher am Fuße des Berges, wo das
frische Wasser der Bäche ein ganzes, dürstendes Volk zu tränken und das
Grün des Weidelandes auch für Heerden des Viehes zu erzeugen vermochte,
beweinete Israël die Zeit der vierzig Trauertage hindurch, den ersten
der Hohenpriester; den Bruder jenes Mannes Gottes, »welcher in Seinem
ganzen Hauße treu war.«
Die Aussicht vom Hor hinüber nach Hiobs Lande, herab in das Thal des
Moses und auf Petras Gräberstadt, so wie in die Spalten und Schluchten
des Hor selber; dann nach Westen hin der ungehemmte Hinausblick über
die weite Thalebene der Araba, waren von einer Art, daß ich gern
Tage lang hätte hier verweilen mögen. Dazu war es da auf der Höhe so
lieblich kühl, daß ich freiwillig den Schatten des Gebäudes verlassen
und mich hinausgesetzt hatte, an die mild wärmenden Strahlen der
Sonne, zu einer Art von Seitenanbau des Grabmahles. Wie viele dieser
Werksteine, zum Theil aus weißem Marmor, aus denen die Hände der
Mohamedaner das jetzige Gebäude aufgeführt haben, mögen noch, wie dies
einige Spuren auch im Innren bemerken lassen, Inschriften enthalten,
die uns Kunde über die ältere Geschichte des Hor geben könnten.
Doch uns selber blieb, auch nur zur äußerlichen Beaugenscheinigung
der jüngeren Zusammenfügung alter Trümmer, heute wenig Zeit; der
Stand der Sonne so wie unsre Beduinen erinnerten uns daran, daß der
Mittag nicht mehr fern und daß es mithin Zeit sey, die vorangegangene
Reisegesellschaft in Petra aufzusuchen.
Der Hinabweg vom Hor gegen Petra hin war steiler als der Heraufweg,
brachte uns aber in kurzer Zeit zu den äußersten Ausbreitungen der
merkwürdigen Felsen- und Höhlenstadt. In der That ein wunderlicher
Bau; einzig vielleicht, in solcher Art und Größe unter allen jetzt
bekannten Menschenwerken. Wohin man sieht, überall, wenigstens in
dem was zuvörderst ins Auge fällt, etwas Andres und Neues; eine
Mannichfaltigkeit der Formen, wie sie etwa bei einem Römischen
Volksfeste an den Trachten der Menschenhaufen bemerkt wird, unter
denen man den reich gekleideten Engländer oder Franzosen neben dem
Italienischen Fischer oder Lazaroni, den Soldaten oder Bürger neben
den Geistlichen der verschiedenartigst gekleideten Orden bemerkt. Das
Thal von Petra ist ein riesenhafter Saal, den die Natur mit aller
Fülle, der ihr selber eigenthümlichen Architektonik aufgeführt, seine
Wände in orientalischem Geschmacke aufs schönste ausgemahlt hat (nach
S. 419) und in welchem sich alle Geschlechter und Jahrhunderte der
älteren Baukunst versammelt haben, um da ihre Studien zu machen. Die
jüngsten und spätesten Meister, welche in diesem Studiensaale hausten
und Werke hinterließen, waren die Römer, von denen noch lateinische
Inschriften der Gebäude reden; die ältesten stammten von jenem
Geschlechte her, welches »in Felsenklüften wohnte und hohe Gebirge
inne hatte.« »Dessen Streben es war sein Nest so hoch zu machen als
die Adler«[111], bis dennoch seine trotzige Brut aus dem unersteigbar
scheinenden Felsenhorste heruntergestürzt ward, durch die Hand des
Herrn. Die Römer, für welche Petra ein wichtiger Zwischenpunkt des
Handels und Verkehres mit den Völkern des Ostens und Südostens war,
baueten in dieser Bauschule der Felsen noch in den kunstreichen Zeiten
des Kaiser Hadrian und Antonins des Frommen; und vielleicht aus noch
jüngerer Zeit mag das Grabmahl seyn, das sich, nicht fern vom Römischen
Amphitheater, links von dem Eingang in das Engthal des Mosesbaches, gen
Eldschi hinan, durch seine, für uns wenigstens unleserliche griechische
Inschrift auszeichnet. Jene Adler aber, die dort oben, in einer Höhe
von mehreren hundert Fuß über der Thalsohle die Horste der Felsenhöhlen
anlegten, die konnten zu der nordischen Nachtigall, welche des Orpheus
und Linus, damals neue, Sybillinische Lieder sang, sagen, wir sind
älter als du. Die Kraft des Gedankens der ein ganzes Felsengebirge
in Denkmale der Menschennamen gestalten wollte, die einst genannt
und hochgepriesen, aus eigner Macht sich mit der Unvergänglichst des
ewigen Wortes zu überkleiden suchten, ist hier dieselbe, wie in den
gleichzeitigen der Tempelfelsen von Elephantine, oder wenigstens
der Bauwerke des Aegyptischen Theben. Und dennoch, bei all dieser
Kraft, welche die »Zeit der Riesen« ihnen gab, haben die ältesten
Baumeister von Petra, wenn man sie mit denen von Theben und Elephantine
vergleicht, sich einer ähnlichen Freiheit gebraucht, wie die Bewohner
einer, vom Herrschersitz weit abgelegnen Landgemeinde, bei der Anlage
ihres Kirchhofes. Da spricht sich auch in der Form der Denksteine und
im Inhalt der Inschriften nicht der mathematisch, nach einem festen
Gesetz gestaltende, ruhige Verstand, noch weniger ein durch äußres
Ansehen festgestellter Typus, sondern das in den mannichfachsten Formen
sich darstellende, lebendig bewegte Gefühl aus. Denn das Fühlen gehet
bei solchem Werk dem mathematischen Erkennen voraus.
Ich habe schon öfter, wenn ich den Eindruck beschrieb, den der Anblick
des Römischen Amphitheaters, mitten unter den Felsenwerken von Petra
(es ist übrigens selber großentheils aus dem Felsen gehauen) auf
mich machte, an jenes, aus Brettern gebaute Theater erinnert, das
die jetzt lebenden Bewohner von Verona auf der Arena des dortigen
alten, Römischen Amphitheaters errichtet haben. Dem Reisenden, welcher
von einem der oberen Umgänge dieses antiken Bauwerkes herabschauet,
erscheint allerdings, jenes moderne, zur Belustigung des Volkes so gut
ausreichende, sehr kleinlich. So ergeht es auch dem Wandrer, der von
der Anhöhe über den Römischen Schauplatz hinab- und hinüberschaut, auf
das Werk vom Titanischem Samen: auf die Reihen der Höhlengebäude an der
Wand des Gebirges. Hatten denn die alten Erbauer dieser Felsenwerke
Flügel, wie die Adler, mit denen sie sich da hinauf erhuben, an dem
senkrecht steilen Abfall? wer könnte ihnen jetzt, selbst mit Füßen
der Gemse, nachklimmen? Wie sich der Gedanke an eine Ewigkeit verhält,
die mit ihren Kräften zwar schon in das jetzige Leben, gleich dem
Morgenlicht durch die Spalten einer dunklen Felsenkluft, hineinbricht,
dennoch aber erst jenseits des Grabes ihren Anfang nimmt, zu dem
Gedanken der das Gewebe der Spinne, die gestern und heute spann,
umfasset; so verhält sich das alte Edomitische Petra, zu dem Spielhaus
der Römer. Denn der größeste Theil der frühesten Denkmäler, unter
deren das junge Römerreich sich ansiedelte, gehört, als Namenszug der
Hinübergegangnen und als Zeichen der Hoffnung, daß der Seele auch nach
dem Tode ein Fortwirken möglich sey, nicht dem Bedürfnisse oder der
Belustigung des schnell hinschwindenden, leiblichen Lebens, sondern dem
Reich des geistigen Seyns an.
Eines der größesten Kunststücke der Genien, oder Dschenni, ist doch
gewiß das, daß sie ihre Bauwerke nicht wie wir staubgebornen Menschen
von unten, vom Boden beginnen, und so allmälig zur Mitte und zur
Vollendung des Daches fortgehen, sondern daß sie von oben, vom Giebel
anfangen und dann die Mitte, zuletzt das Unterste ausbauen, auf welchem
das ganze Gebäu fußet. Im Grunde ist dies derselbe Weg, auf welchem die
mütterlich bildende Weisheit alle Lebendige bereitet, denn am Küchlein
im bebrüteten Ei sind es auch, nicht etwa zuerst die tragenden Füße
oder die Flügel, welche den Anfang des Gestaltens machen, sondern
dieses beginnt bei Dem das getragen wird: bei dem Gehirn, bei den
Augen, dem Herzen und bei allen andren Obersten und Innersten, und erst
nachher entfalten sich die Knospen der äußeren und unteren Theile.
Wollten wir jedoch, bei uns zu Lande, einem Architekten es aufgeben,
er solle zuerst den Giebel des Daches, dann die oberste Etage, und bei
gelegner Zeit auch die mittlere, dann die unterste und zuletzt die
Grundlage des Ganzen vollenden, so würde ihm die Lösung der Aufgabe
einige Schwierigkeit machen. In Petra aber, der alten Felsenstadt,
welche die Beduinen als ein Werk der Aegyptischen Pharaonen
preisen (und allerdings gehört diese Stadt der Zeit des älteren
Pharaonenreiches an), kann man dem Kunststück der Gebirgsgenien noch
jetzt so genau zusehen, als wäre man bei seiner Ausübung dabei gewesen.
Da bemerkt man mehrere angefangene Gebäude, von denen bloß Giebel und
Dach, andre an denen schon die obersten Kapitäler der Säulen, die den
Giebel tragen, vollendet herausstehen an den lichten Tag; die Schäfte
aber, auf denen die Kapitäler ruhen und noch weniger der Fußboden,
auf dem die Säulen gründen sollen, sind noch gar nicht angefangen: es
ist da ein in der Luft schwebendes Dach, das nur vorerst nicht durch
die leiblichen Massen, sondern von dem nach oben wurzelnden Gedanken
gehalten wird. -- Denn weil die Gebäude von Petra unmittelbar aus der
Felsenmasse selber ausgehauen wurden, begann die Arbeit von oben, und
endete nach unten.
Man frage nicht, in welchem Style diese sonderbaren Werke geformt
sind. Zwischen den abentheuerlichen Plänen und Träumen unsrer
frühesten Jugend und den Thaten wie Gewährungen, welche in die Zeit
des gereiften Mannesalters fallen, ist allerdings Verwandtschaft und
innre Beziehung, aber die Seitenauswüchse der Blätter, welche damals
dem jungen Stamm die erste Nahrung gaben, sind hinweggefallen und
die geradlinigtere, entschiednere Form ist hervorgetreten. In den
Säulenordnungen der Gebäude von Petra glaubt man bald Annäherungen an
die Dorische, bald an die Ionische, andre Male an die Korinthische
Form zu erblicken, doch gewiß ist, daß die Letztere auch hier, als
eine sehr alt Orientalische, nicht als eine erst aus dem Abendlande
eingewanderte erscheint. Zuweilen ist der obere (früher entstandene)
Theil des Werkes von ganz andrem Style, denn der untere, weil entweder
eine um Jahrhunderte spätere Zeit, den aus der Hand gefallenen Faden
in ihrer Weise weiter gesponnen, oder auch, weil der freie, seinen
eigenen Einfällen überlassene Geist der Erbauer, während der Arbeit
selber auf andre, neue Vorbilder seines Nachbildens gerathen war. Wie
auf unsren Kirchhöfen selbst unter den kunstreichsten Ehrendenkmalen
nur eine kunstlose, einfache Behaußung für den Sarg und seine Gebeine
gefunden wird, so bemerkt man auch innerhalb der vielversprechenden,
tempelartigen Portale der Ehrenmäler von Petra öfters nur einfache,
roh in das Felsengestein gehauene Kammern, zur Aufnahme, einst der
Todten, später auch zur Wohnung eines ohnmächtigeren, noch lebenden
Geschlechtes.
Wir Alle, auch meine früher als ich hier angekommene Reisegefährten,
blieben im Ganzen nur sieben oder acht Stunden bei den Ruinen von
Petra. Dennoch haben die beiden, im Aufzeichnen geübten Begleiter, Herr
Maler Bernatz und Doctor Erdl einige der bedeutungsvollsten Punkte der
alten Gräber- und jüngeren Krämerstadt aufgenommen. Wir Andren haben
uns, der Eine dahin, der Andre dorthin zerstreut, und da zuletzt,
eine durch gemeinsame Absicht so nahe verbundne Gesellschaft, in
allen ihren Gliedern für einen Mann steht, beschreibe ich zuerst den
Gesamtüberblick den wir uns erwarben, ehe ich zu der Spezialgeschichte
dieses meines Reisetages übergehe.