Flinte bei sich trug, hinaus gegangen gegen Osten, nach dem Gebirge
zu. Während wir noch, in der Nähe des Zeltendorfes, bei den blühenden
Gebüschen verweilten, kam ein Töchterlein des Scheikh, ein Kind von
etwa zehn Jahren mit einer ihrer Gespielinnen hinter den Heerden der
Ziegen gegangen und reichte uns sehr freundlich ihre Feldflasche voll
saurer Milch zum Trinken dar. Das Kind war heute auf seine Weise ganz
besonders schön geputzt; in dem schwarzen Haare trug es allerhand
Zierrathen von Glasperlen und durchlöcherten Silbermünzen, es hatte
recht gute schöne Augen und war überhaupt wohlgebildet von Angesicht.
Ich schenkte ihm für den Trank den es uns gereicht hatte einen ganz
neuen Aegyptischen Piaster (sieben Kreuzer an Werth); es lachte laut
vor Vergnügen und schwatzte uns noch vieles vor das wir jedoch meist
nicht verstunden.
Die Heerden waren vorübergezogen und wir blieben in der Stille der
Einöde allein. Wenn auch hier die Gegenwart in tiefes Schweigen
versenkt war, so sprach dafür die Stimme der Vergangenheit zu unsrem
innren Ohre. Da vor uns lag mit seinen Thälern das Gebirge Seir,
welches die Heere Israëls, während ihres vierzigjährigen Verweilens in
der Wüste, eine lange Zeit umzogen hatten (5. Mos. 2, V. 3) bis der
Herr ihr Reisen zu Herzen nahm und sie nordwärts von Akaba auf den Weg
der Wüste der Moabiter, in Osten des Gebirges hinan zu den Ländern
des Jordans führte. Hier in diesem Thale der Araba, verweilte jenes
Volk der Wahl am längsten, denn wie dieß K. v. ~Raumer~[106] so
klar entwickelt hat, der erste Auszug der Israëliten aus der Wüste des
Sinai gegen die Gränzen des verheißnen Landes hin, so wie er im vierten
Buch Mosis vom zehnten bis dreizehnten Kapitel beschrieben ist, nahm
allerdings die gerade Richtung durch die Wüste Tyh und umfaßte einen
Weg von eilf Tagen; sein Ziel war das an der Gränze Palästinas gelegene
Kades. Als aber das störige Volk durch seinen Undank und Ungehorsam
sich den schon eröffneten Eingang ins Land der Ruhe verschlossen
hatte, da ward es wieder südwärts durch das Ghor und die Araba über
Ben Jaëkon, Maseroth (Hor), Horgidgad und Jothbatha zum rothen Meere
und nach den Wüsten der Peträischen Halbinsel geführt. Nach manchem
Jahre des Verbleibens in dem Lande, da kein Säen und Ernten ist, am
meisten aber wahrscheinlich in der Araba, welche auch den Heerden
Futter gewährte, gelangen die Israëliten abermals zum Nordende des
Ghor, bei Kades, wo Mirjam stirbt (4. Mos. 20, V. 1). Im vierzigsten
Jahre seit dem Auszug aus Aegypten finden wir sie zum letzten Male in
Wadi Musa, nahe bei Petra, am Gebirge Hor, da Aaron starb (4. Mos.
20, V. 27-29), von hier gehen sie noch einmal zurück ans rothe Meer,
bei Akaba, um von da den siegreichen Lauf, im Osten des Gebirges Seir
nach dem verheißenen Erbe der Väter anzutreten. Nach v. Raumer ist es
wahrscheinlich, daß in dem Theile der Araba, an deren Ostgränze Scheikh
Salems Volk seine Hütten aufschlug, vormals Jothbatha lag (4. Mos. 33,
V. 32). So wandelte unser Fuß hier in dem Thale zwischen Seir und der
Amoriter Gebirge, da einst der Herr das Volk, dem er das Gesetz gab,
allein leitete, »und war kein fremder Gott mit ihm.« Eine Reihe der
Jahre hindurch war dieses Thal ein dunkles Thal der Führungen und der
Prüfung des Glaubens gewesen; unter diesen Sandhügeln ruheten wohl
einst die Gebeine mancher der Kriegsleute, die sich ungläubig geweigert
hatten hinanzuziehen zum Kampfe, den nicht sie, sondern Er führen
wollte, welcher ihnen Hülfe, Schild und Schwert ihres Sieges war. Dort
wo unter dem blühenden Gebüsch die Heerden der jungen Lämmer weiden und
in diesem ganzen Lande von Nord gen Süd war die Wiege und Wohnstätte
des jungen Geschlechtes, das den Segen empfieng, den ihre Väter von
sich gestoßen hatten.
Die Gegend, namentlich gegen Osten, fanden wir reich an mannichfachen
Gewächsen. Dort in den Thälern giebt es auch Quellen, obwohl für den
gewöhnlichen Bedarf der Hütten die Bewohner des Dorfes sich des Wassers
einer Lache bedienten, das noch von der Regenzeit zurückgeblieben war.
Am Nachmittag brachte man uns eine sehr buntfarbige, mit feuerrothen
Flecken und Wellenstreifen gezeichnete, große Schlange, die, wie uns
dies der Bau ihres Gebisses zeigte, zu den giftigsten Arten ihres
Geschlechtes gehörte. Sie war todt und bei der großen Hitze schon
ins Verderben übergegangen. Nach der Aussage der Beduinen ist diese
Schlange, welche sie sehr fürchten, in der Umgegend häufig. Abgesehen
von der Oertlichkeit erinnerte uns dieses an die Schlangen, denen die
Schaaren des pilgernden Volkes erlagen, da sie auf dem Wege vom Hor
nach dem rothen Meere verdrossen geworden waren und wider Gott und
wider Mose redeten (4. Mos. 21, V. 5, 6) und an jene Tage, da über den
Gräbern das Zeichen der ehernen Schlange erhöht ward, daß, wer gebissen
war und diese ansahe, nicht sterben mußte.
Wir hatten die heißesten Stunden des Tages im Schatten des Zeltes
zugebracht. Da es anfieng etwas kühler zu werden machten und erhielten
unsre beiden Begleiterinnen Besuche bei und von den Frauen des
Scheikhs. Da sie zu uns kamen verließen wir Männer das Zelt, obgleich
sich jene gar nicht vor uns zu scheuen schienen, denn sie waren nicht
einmal ordentlich verschleiert. Die Araberinnen betasteten, wie man
uns später erzählte, Alles im Zelte; ein Gegenstand ihrer Neugier war
vornämlich die Kleidung der Europäerinnen gewesen, denn sie hatten
noch nie in dieser Gegend eine fränkisch gekleidete Frau gesehen.
Man schenkte ihnen einige Kleinigkeiten, worüber sie sehr zufrieden
waren. Jede der Frauen bewohnt mit ihren kleinen Kindern ein eignes
Hüttenzelt, in welches auch das edle Roß, besonders die Stute, Zutritt
hat, welche mit Vorsicht unter den am Boden liegenden oder spielenden
Kindern herumschreitet, ohne jemals eines zu verletzen.
Der kleine Scheikh, der uns in seiner bunten Comödientracht das
Ehrengeleite von Akaba hieher gegeben hatte, begehrte heute dafür
ein Trinkgeld, wir gaben ihm vier Thaler, die jedoch der kleine Mann
nicht annahm; denn, sagte er, dieß sey für einen Scheikh zu wenig. Wir
steckten das Geld ruhig wieder ein und ließen ihn gehen. Da mochte
er sich doch anders besonnen haben, denn nach einiger Zeit sendete
sein Vater zu uns und ließ uns sagen, wir sollten dem Knaben seinen
Unverstand zu gute halten und ihm geben so viel uns beliebte, da
wir ja doch noch bei der Ankunft in Hebron ein Haupttrinkgeld für
die Scheikhs bezahlen würden. Wir gaben darauf dem Knaben, der sich
alsbald wieder einstellte, als Gegengeschenk für das Lamm und für sein
kurzes Ehrengeleite acht Speziesthaler, womit er sehr zufrieden war,
mehr aber noch als über das Geld sich an einer vom Herrn +Dr.+
Roth ihm geschenkten Mundharmonika erfreute, auf welcher wir ihn
und seine Gefährten den ganzen übrigen Tag pfeifen hörten. Noch vor
Sonnenuntergang hatte sich der Himmel trübe überzogen.
~Sonnabends~ den 18ten März entließ mich der Scheikh Salem,
in dessen Bund und Schutz wir uns jetzt begeben hatten, mit einer
feierlichen Abschiedsrede, bei welcher die Vornehmsten des Dorfes
als Zuhörer um uns herstunden. Zu unsern Führern gab er uns zwei
seiner Verwandten, welche beide auch den Titel der Scheikhs führten,
einen alten von kräftigem Aussehen und einen jüngeren mit. Der Himmel
zeigte sich an diesem Morgen auf eine Weise getrübt, welche durch
ihre Färbung für unser Auge etwas Neues war, ein mäßiger Wind wehete
aus Südsüdwest vom rothen Meere herauf. Die Beduinen, indem sie gegen
Süden hindeuteten, hatten uns gerathen diesen Tag noch in ihrem Dorfe
zuzubringen, wir aber gedachten heute noch bis in die Nähe der Mündung
des Wadi Musa zu kommen, denn wir verstunden uns noch nicht auf die
Physiognomie der hiesigen Natur. Wir hatten bisher an der Wüste nur die
brennende Hitze der Mittagsstunden und die Kühle der Nächte in etwas
scheuen gelernt, heute sollten wir noch andre, größere Schrecknisse
derselben kennen lernen.
Hinter uns am Meere dämmte sichs wie ein röthlich graues Gebirge am
Horizont auf, die Sonne die noch einmal mit falben Schimmer, wie
durch den Rauchdampf einer brennenden Stadt über das Gebirge herein
blickte, brach ihre Strahlen auf so sonderbare Weise an dem immer
höher steigenden Damme, daß man leicht bemerkte, daß er von andrer,
dichterer Art sey als unsre heimathlichen Wolken; es war als wenn der
Abglanz eines pfeilerartig zertheilten Sandsteingebirges in trübem
Wasser sich gegen uns her bewegte. Das Licht der Sonne erneute noch
immer auf einzelne Augenblicke den Kampf mit dem Rauchnebel des Thales,
so etwa, als ob wir mitten in einem Brande der Natur an einer Stelle
vorbeikämen, wo die gesteigerte Gluth den Rußdampf verzehrte. Wir
genossen einige Male noch eine Aussicht in die nächsten Engthäler
des östlichen Gebirges; unter andern kamen wir an einem vorüber, in
welchem Palmen stunden, und, -- doch möchte ich dieses bei solcher
unsichrer Beleuchtung nicht als sicher verbürgen --, jenseit derselben
einige Mauerwerke. Noch blieben unsre Kamele in geordnetem Schritt
und die Beduinen sammelten ruhig einige am Boden wachsende, schöne
Exemplare des Cynomorium, welche sie roh verzehrten. Jetzt aber
bemerkte nicht bloß das Auge, sondern auch der übrige Körper, daß
der Nebel, der die Luft trübte, ein andrer als der gewöhnliche sey,
der feine Sand, welcher anfangs nur die Kraft der Staubwolken unsers
Vaterlandes hatte, die der Sturmwind eines Hochgewitters emporwirbelt,
mischte sich immer mehr mit gröberen Gesteintrümmern und abgerissenen
Zweigen der dornigen Wüstengewächse und fiel nun so dicht und schwer
auf uns, daß die Kamele mit lautem Gebrüll ihre Reihen verließen und
ohne Ordnung vorwärts rannten. Gleich in den ersten Augenblicken, in
denen der Sandsturm mit seinen gröberen Massen uns ereilte, hatte die
Sonne sich verhüllt, wie in einen härenen Sack; mit einer wahrhaft
furchtbaren Schnelle wuchs aber jetzt das Dunkel das unsern Pfad
und seine Nachbarschaft bedeckte zu solcher Nächtlichkeit, daß die
Finsterniß der dichtesten Nebel unsrer Spätherbst- und Wintertage in
keinem Vergleich damit stehet. Obgleich, zu unserm großen Glücke, der
Wind mit seinen Sandmassen uns gerade im Rücken war, hielten wir es
dennoch für ein noch größeres Glück, daß unsre Beduinen für uns und
ihre Kamele bei guter Zeit das Bette eines Winterstromes erreichten,
welches von dickstämmigem Tamariskengesträuch gegen den Sturm ein wenig
geschützt war. Im Anfang schien es unmöglich ein Zelt aufzuspannen,
wir versteckten uns mit niedergebeugten Körper hinter den Uferdamm des
Gießbaches und seine dichten Gesträuche, ließen die Sandwolken über
uns hinstreichen; später wurden, mit der Anstrengung eines Ringers,
der mit einem eben so starken ringt als er selber ist, die Stangen des
Zeltes aufgerichtet, dessen Seile, außer an den tief eingeschlagenen
Pflöcken, zugleich an den Stämmen der Tamarisken befestigt wurden.
Jetzt saßen wir auf dem Geräthe im Innern des Zeltes oder hinter dem
Damm des Bachufers, hörten das Niederrieseln des Sandes auf das Zelt
und Gesträuch und gaben uns jener angenehmen Empfindung hin, die
den gesicherten Zuschauer bei jeder ungewöhnlichen, auch in ihrem
Kreise zerstörenden Naturerscheinung anwandelt. Doch war der feinere
Sandstaub, welcher mit dem gröberen zugleich die Luft erfüllte, von
so durchdringender Kraft, daß er sich in alle unsre verschlossene
Behältnisse für Kleider, Wäsche, für Speisen und Getränke, so wie durch
die Kleider, auf die Haut des Körpers hineinzog. Ich hatte mich im
Zelte auf einige Augenblicke hingelegt mit verschlossenen Augen, um zu
ruhen; die sorgsame Hausfrau, da sie hereintrat und mein Gesicht in
so gelblichgrauer Färbung erblickte, erschrack nicht wenig, denn sie
meinte das Angesicht eines Todten zu sehen; der Reis, den wir, da sich
endlich gegen Abend an ein Anzünden des Feuers und an eine Zubereitung
des Abendessens denken ließ, genossen, war so versandet und vom Staube
braun gefärbt, daß wir ihn gerne, ohne ihn im Munde zu prüfen, ganz
verschluckten.
Nach Sonnenuntergang legte sich der Sturm, der Mond, der heute fast
voll war, schien durch den gelichteten Nebel in das Gebüsch der
Tamarisken herein; mit uns zugleich giengen mehrere Käfer, unter ihnen
in Menge der Aegyptische Mumienkäfer (+Ateuchus sacer+) und eine
uns noch neue Pimelia aus ihren Schlupfwinkeln hervor und geriethen
hierdurch in die Gewalt des Menschen, welche überall, wie ein Haupt der
Gorgona, den Augenblick des gegenwärtigen Erscheinens erstarren machet
und fest hält. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere betrug nach
+Dr.+ Erdls barometrischen Messungen 954 Par. Fuß.
Am Morgen des 19ten Märzes erwachten wir bei guter Zeit, aus einem
ruhigen, sehr erquicklichen Schlafe. Unsre Beduinen hatten uns schon
gestern gesagt, daß heute vielleicht ein Regen kommen würde und daß
dieses zu wünschen sey, weil, wenn dieß nicht geschehe, der Sandsturm
mit seiner Trübung des Himmels mehrere Tage dauere. Die Hoffnung
des Besseren gieng in Erfüllung, denn der Himmel zeigte sich von
Regengewölk getrübt; die Luft war gekühlt und überaus angenehm zum
Athmen. Es war heute der Tag des Herrn und noch überdieß Palmsonntag;
uns erquickte als ein Manna der Wüste das schöne Sonntagslied: »Allein
Gott in der Höh sey Ehr« und der herrliche Ambrosianische Lobgesang.
Bei der heute freier gewordnen Aussicht erblickten wir zu unsrer Linken
eine niedre Hügelkette aus Sandstein, welche diesseits der Mitte des
großen Arabathales näher nach der Ostseite desselben verläuft, und
auf diese Weise ein anfangs noch ziemlich breites Seitenthal bildet,
welches auch zu seiner rechten Seite vorherrschend Sandsteingebirge
anstehen hat. Dieses Seitenthal ist sehr reich an Strauchwerk und
niedreren Kräutern, auch sahen wir viele Vögel aus der Familie der
Frankolinen und Wüstenhühner; es muß hier großentheils ein gutes
Weideland geben. Einige Male fieng es an zu regnen, hörte aber
immer bald wieder auf. Mein Kamel mußte bei solcher Gelegenheit die
Gewohnheit haben das Wetter als stiller Zuschauer abzuwarten, es
legte sich, als der Regen kam, freilich auch später bei Sonnenschein,
mehrmalen mit mir nieder. Als wir durch eine enge Schlucht hinanzogen,
kamen etliche fremde Beduinen, mit Lanzen bewaffnet, zu Pferde gegen
uns angesprengt, unser sehr phantasiereicher Arabischer Knecht,
zugleich aber auch mit ihm etliche der Kamelführer wollten uns einen
feindlichen Ueberfall befürchten machen, wir hielten uns deshalb näher
zu einander und die Bewaffneten unter uns rückten an ihren Flinten. Die
Vorsicht war indeß überflüssig; unser alter Scheikh ritt auf seinem
Dromedar den Lanzenmännern entgegen und bald sahen wir, daß beide
Theile zu Handschlag und friedlichem Zweigespräch sich vereinten. Die
Reiter waren von befreundetem Stamme; sie hatten unsre Begleiter bloß
vor einem Regiment Aegyptischer Soldaten warnen wollen, dessen Durchzug
man heute, auf seinem Wege von Ghaza nach Kerek hier erwartete, weil
solche Bewaffnete, wenn es ihnen an Lastthieren fehlt, gar gerne auch
fremde zum Mitgehen einladen. Unsre Beduinen, wahrscheinlich in Folge
dieser Warnung, führten uns von hier an eine Zeit lang, in ziemlicher
Eile, sehr schlechte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine Anhöhe,
von welcher aus wir das wahrhaft hehre, Edomitische Gebirge ganz nahe
vor uns erblickten, welches durch seine riesenhaften Pfeilerformen
einen überwältigenden Eindruck auf die Sinnen macht. Wer die Gruppen
der Adersbacher Sandsteinfelsen oder jene der Sächsischen Schweiz
gesehen hat und diese zehnfach sich vergrößert denkt, der wird sich
ein ohngefähres Bild machen können von dem was hier unser Auge sahe.
Der Hor, auf welchem Aarons Grab ist, schaute majestätisch ernst über
das niedrere Gebirge herunter, während sich über seinen südlicheren
Nachbarhöhen und Thälern eine Wetterwolke entlud. Selbst unsre Beduinen
deuteten mit einem Ausdruck der Ehrfurcht auf die Grabstätte des
»Propheten« hin; unsre Augen und Herzen begrüßten freudig diesen neuen
Zielpunkt unsrer Wanderschaft. Wir traten jetzt in ein Thal ein, in
welchem die Wüste das gelblichgraue Alltagsgewand ganz abgelegt und
sich mit dem schönen, grünen Festtagsgewand der Gebüsche und Kräuter
bekleidet hatte, als wolle sie mit der Seele der Pilgrime zugleich
das Andenken des lieben Palmsonntages feiern. Aus dem Benehmen unsrer
Beduinen konnten wir bemerken, daß sie sich hier wieder vollkommen
sicher glaubten. Die Kamele wurden ruhig dem Zug ihrer Eßlust
überlassen, der sie bei jedem Schritte bald zu dieser, bald zu einer
andren Staude hinführte; das meinige hatte sich sogar ganz bequem
dazu auf seine untergeschlagnen Beine gelegt, und mir dadurch das
Absteigen erleichtert. Um uns her beleuchtete der helle Sonnenschein
die liebliche Wildniß; über den Riesenzinnen und Pfeilerfelsen des
Hochgebirges aber, in dessen Thäler und Fluthklüfte wir schon ganz nahe
hineinblickten, schwebte das dunkelfarbige Geflügel der Wetterwolken.
Wir ruheten da einige Augenblicke unter dem blühenden Gesträuch; das
Summen der aus- und einfliegenden großen Bienen klang wie der Ton einer
fernen Orgel; auch hier in diesem Tempel wandelte uns eine lebendige
Empfindung des Sabbathes an.
Während wir da ruheten und dann langsam -- die jüngeren Freunde
allerhand sammlend -- weiter zogen, hatte unser jüngerer Scheikh mit
einigen andern Beduinen zu Fuße die Höhe eines benachbarten Hügels
erklommen, wo er sich, mit dem Gewehre, das einer unsrer jungen
Freunde ihm geliehen hatte, an der Jagd ergötzte. Seine Mühe war nicht
umsonst gewesen, denn nach einiger Zeit brachte er uns mehrere von ihm
geschossene Felsen- und Wüstenhühner[107] und einen von ihm lebendig
gefangenen Arabischen Hasen.
Auf einer der Anhöhen, über welche der weitre Verlauf unsers Weges
führte, sahen wir ein altes, vielleicht vormals zum Wachthaus
bestimmtes Gebäude, an welchem meine jungen Freunde, da sie näher
zu ihm hingiengen, eingehauene Römische Zahlen entdeckten. Schon um
halb zwei Uhr nach Mittag war die Mündung des Wadi Musa erreicht, an
welcher unsre Beduinen den kurzen Tagesmarsch endeten und Halt machten.
Auf unsre Gegenvorstellungen, durch welche wir sie zu einem weitern
Vorwärtsschreiten hinein in das Thal bewegen wollten, antworteten sie,
daß im Wadi weit hinan kein schicklicher Lagerplatz zu finden sey,
überdieß sey ein Ungewitter am Ausbrechen, welches bald das Vordringen
ins Thal unmöglich machen werde. Und daß beides seine Richtigkeit habe,
davon überzeugte uns die eigne Erfahrung zum Theil noch heute, zum
Theil aber am andern Morgen. Denn kaum hatten wir unser Zelt in dem
steinigen Boden neben und über dem Bette des Gießbaches aufgeschlagen,
der aus dem Wadi Musa hier in die Ebene hervortritt, da entlud sich
mit heftigem Donner und Blitz auf den Nachbarbergen ein Gewitter,
wie Arabiens Hitze sie erzeugt; das eben noch ganz trocken gewesene
Gießbachbette ward zur Höhe und Mächtigkeit eines großen Waldstromes
angefüllt, welcher unser armes Zelt, das meine Weisheit durchaus, wenn
die landeskundigeren Beduinen es nicht verhindert hätten, hier im
tiefen Sande wollte aufgeschlagen haben, sammt allem Gepäck leicht mit
sich fortgerissen hätte. Doch die Gewitter dieses Landes, deren Donner
so schnell und laut auf einander folgen als die Worte in dem Munde des
schnell redenden Beduinen, sind wenigstens in dieser Zeit eine eilig
vorübergehende Erscheinung; das Gewölk hatte sich verzogen; die Sonne
schien wieder heiß und hell in die Ebene und auf die nächst gelegenen
Berge; das Wasser, welches vorher das enge Thal von der einen zu der
andern gähen Felsenwand überschwemmte, hatte sich bald wieder so weit
verlaufen, daß wir ein Stück Weges in demselben hinauf gehen konnten.
Sobald am andern Morgen, den 20sten März der Tag ergraute, saßen wir
auf zur Reise in das Thal und auf das Gebirge. Der umwölkte Himmel und
die Nebel auf den Höhen schienen mit Regen zu drohen; Wolken wie Nebel
wichen jedoch bald der höher steigenden Morgensonne. Man hatte uns
zum Theil, zur Beschleunigung des Weges, jene Reitkamele (Dromedare)
mit Sätteln gegeben, auf denen die vornehmsten unter unsern Beduinen
gewöhnlich ritten; denn nur einige von diesen begleiteten uns auf dem
heutigen Tagmarsche, die andern, sammt den meisten Kamelen und unserm
Arabischen Knechte waren bei dem Zelt und Gepäck zurückgeblieben.
Das Wasser des gestrigen Gewitterstromes hatte sich ganz verlaufen,
erst weiter im Engthal hinauf zeigten sich die letzten, bis hieher
noch glücklich gelangten Tröpflein des Baches, der durch den obern
Theil des Wadi strömt und da, wo wir jetzt stunden, nach Art der
meisten Bäche des Landes im Sande versiegt. Allerdings wäre in diesem
Engthale, dessen Sohle nirgends eben ist, auf weithin kein Ort zum
Aufschlagen des Zeltes gewesen, abgesehen von der Gefahr, welche ein
plötzlich hereinbrechender Regenstrom hätte bringen können. Zwischen
dem Gesträuch und Gehölze, namentlich des Oleanders hindurch, wand sich
unser Weg nach drei Viertelstunden zum Fuße eines steilen Hügels hinan,
über welchen ein Richtsteig führt, der die Krümmungen und plötzlichen
gähen Abfälle der Thalsohle vermeidet. Eine Schaar von Bergkrähen,
deren Geschrei eine ganz andre Sprache spricht als das der unsrigen,
denen sie übrigens an Gestalt und Farbe gleichen, flog über uns
hin[108]; aus den Felsenklüften vernahm man den Ton der wilden Tauben
dieses Landes. Das alte Gemäuer, welches in der Nähe des schneckenartig
sich hinanwindenden Richtsteiges liegt, scheint von Römischer Bauart
und mag, wie das gestern gesehene, zum Wachthaus gedient haben.