Ich war mit meinem jungen Freund dem +Dr.+ Erdl, welcher die

Flinte bei sich trug, hinaus gegangen gegen Osten, nach dem Gebirge

zu. Während wir noch, in der Nähe des Zeltendorfes, bei den blühenden

Gebüschen verweilten, kam ein Töchterlein des Scheikh, ein Kind von

etwa zehn Jahren mit einer ihrer Gespielinnen hinter den Heerden der

Ziegen gegangen und reichte uns sehr freundlich ihre Feldflasche voll

saurer Milch zum Trinken dar. Das Kind war heute auf seine Weise ganz

besonders schön geputzt; in dem schwarzen Haare trug es allerhand

Zierrathen von Glasperlen und durchlöcherten Silbermünzen, es hatte

recht gute schöne Augen und war überhaupt wohlgebildet von Angesicht.

Ich schenkte ihm für den Trank den es uns gereicht hatte einen ganz

neuen Aegyptischen Piaster (sieben Kreuzer an Werth); es lachte laut

vor Vergnügen und schwatzte uns noch vieles vor das wir jedoch meist

nicht verstunden.

Die Heerden waren vorübergezogen und wir blieben in der Stille der

Einöde allein. Wenn auch hier die Gegenwart in tiefes Schweigen

versenkt war, so sprach dafür die Stimme der Vergangenheit zu unsrem

innren Ohre. Da vor uns lag mit seinen Thälern das Gebirge Seir,

welches die Heere Israëls, während ihres vierzigjährigen Verweilens in

der Wüste, eine lange Zeit umzogen hatten (5. Mos. 2, V. 3) bis der

Herr ihr Reisen zu Herzen nahm und sie nordwärts von Akaba auf den Weg

der Wüste der Moabiter, in Osten des Gebirges hinan zu den Ländern

des Jordans führte. Hier in diesem Thale der Araba, verweilte jenes

Volk der Wahl am längsten, denn wie dieß K. v. ~Raumer~[106] so

klar entwickelt hat, der erste Auszug der Israëliten aus der Wüste des

Sinai gegen die Gränzen des verheißnen Landes hin, so wie er im vierten

Buch Mosis vom zehnten bis dreizehnten Kapitel beschrieben ist, nahm

allerdings die gerade Richtung durch die Wüste Tyh und umfaßte einen

Weg von eilf Tagen; sein Ziel war das an der Gränze Palästinas gelegene

Kades. Als aber das störige Volk durch seinen Undank und Ungehorsam

sich den schon eröffneten Eingang ins Land der Ruhe verschlossen

hatte, da ward es wieder südwärts durch das Ghor und die Araba über

Ben Jaëkon, Maseroth (Hor), Horgidgad und Jothbatha zum rothen Meere

und nach den Wüsten der Peträischen Halbinsel geführt. Nach manchem

Jahre des Verbleibens in dem Lande, da kein Säen und Ernten ist, am

meisten aber wahrscheinlich in der Araba, welche auch den Heerden

Futter gewährte, gelangen die Israëliten abermals zum Nordende des

Ghor, bei Kades, wo Mirjam stirbt (4. Mos. 20, V. 1). Im vierzigsten

Jahre seit dem Auszug aus Aegypten finden wir sie zum letzten Male in

Wadi Musa, nahe bei Petra, am Gebirge Hor, da Aaron starb (4. Mos.

20, V. 27-29), von hier gehen sie noch einmal zurück ans rothe Meer,

bei Akaba, um von da den siegreichen Lauf, im Osten des Gebirges Seir

nach dem verheißenen Erbe der Väter anzutreten. Nach v. Raumer ist es

wahrscheinlich, daß in dem Theile der Araba, an deren Ostgränze Scheikh

Salems Volk seine Hütten aufschlug, vormals Jothbatha lag (4. Mos. 33,

V. 32). So wandelte unser Fuß hier in dem Thale zwischen Seir und der

Amoriter Gebirge, da einst der Herr das Volk, dem er das Gesetz gab,

allein leitete, »und war kein fremder Gott mit ihm.« Eine Reihe der

Jahre hindurch war dieses Thal ein dunkles Thal der Führungen und der

Prüfung des Glaubens gewesen; unter diesen Sandhügeln ruheten wohl

einst die Gebeine mancher der Kriegsleute, die sich ungläubig geweigert

hatten hinanzuziehen zum Kampfe, den nicht sie, sondern Er führen

wollte, welcher ihnen Hülfe, Schild und Schwert ihres Sieges war. Dort

wo unter dem blühenden Gebüsch die Heerden der jungen Lämmer weiden und

in diesem ganzen Lande von Nord gen Süd war die Wiege und Wohnstätte

des jungen Geschlechtes, das den Segen empfieng, den ihre Väter von

sich gestoßen hatten.

Die Gegend, namentlich gegen Osten, fanden wir reich an mannichfachen

Gewächsen. Dort in den Thälern giebt es auch Quellen, obwohl für den

gewöhnlichen Bedarf der Hütten die Bewohner des Dorfes sich des Wassers

einer Lache bedienten, das noch von der Regenzeit zurückgeblieben war.

Am Nachmittag brachte man uns eine sehr buntfarbige, mit feuerrothen

Flecken und Wellenstreifen gezeichnete, große Schlange, die, wie uns

dies der Bau ihres Gebisses zeigte, zu den giftigsten Arten ihres

Geschlechtes gehörte. Sie war todt und bei der großen Hitze schon

ins Verderben übergegangen. Nach der Aussage der Beduinen ist diese

Schlange, welche sie sehr fürchten, in der Umgegend häufig. Abgesehen

von der Oertlichkeit erinnerte uns dieses an die Schlangen, denen die

Schaaren des pilgernden Volkes erlagen, da sie auf dem Wege vom Hor

nach dem rothen Meere verdrossen geworden waren und wider Gott und

wider Mose redeten (4. Mos. 21, V. 5, 6) und an jene Tage, da über den

Gräbern das Zeichen der ehernen Schlange erhöht ward, daß, wer gebissen

war und diese ansahe, nicht sterben mußte.

Wir hatten die heißesten Stunden des Tages im Schatten des Zeltes

zugebracht. Da es anfieng etwas kühler zu werden machten und erhielten

unsre beiden Begleiterinnen Besuche bei und von den Frauen des

Scheikhs. Da sie zu uns kamen verließen wir Männer das Zelt, obgleich

sich jene gar nicht vor uns zu scheuen schienen, denn sie waren nicht

einmal ordentlich verschleiert. Die Araberinnen betasteten, wie man

uns später erzählte, Alles im Zelte; ein Gegenstand ihrer Neugier war

vornämlich die Kleidung der Europäerinnen gewesen, denn sie hatten

noch nie in dieser Gegend eine fränkisch gekleidete Frau gesehen.

Man schenkte ihnen einige Kleinigkeiten, worüber sie sehr zufrieden

waren. Jede der Frauen bewohnt mit ihren kleinen Kindern ein eignes

Hüttenzelt, in welches auch das edle Roß, besonders die Stute, Zutritt

hat, welche mit Vorsicht unter den am Boden liegenden oder spielenden

Kindern herumschreitet, ohne jemals eines zu verletzen.

Der kleine Scheikh, der uns in seiner bunten Comödientracht das

Ehrengeleite von Akaba hieher gegeben hatte, begehrte heute dafür

ein Trinkgeld, wir gaben ihm vier Thaler, die jedoch der kleine Mann

nicht annahm; denn, sagte er, dieß sey für einen Scheikh zu wenig. Wir

steckten das Geld ruhig wieder ein und ließen ihn gehen. Da mochte

er sich doch anders besonnen haben, denn nach einiger Zeit sendete

sein Vater zu uns und ließ uns sagen, wir sollten dem Knaben seinen

Unverstand zu gute halten und ihm geben so viel uns beliebte, da

wir ja doch noch bei der Ankunft in Hebron ein Haupttrinkgeld für

die Scheikhs bezahlen würden. Wir gaben darauf dem Knaben, der sich

alsbald wieder einstellte, als Gegengeschenk für das Lamm und für sein

kurzes Ehrengeleite acht Speziesthaler, womit er sehr zufrieden war,

mehr aber noch als über das Geld sich an einer vom Herrn +Dr.+

Roth ihm geschenkten Mundharmonika erfreute, auf welcher wir ihn

und seine Gefährten den ganzen übrigen Tag pfeifen hörten. Noch vor

Sonnenuntergang hatte sich der Himmel trübe überzogen.

~Sonnabends~ den 18ten März entließ mich der Scheikh Salem,

in dessen Bund und Schutz wir uns jetzt begeben hatten, mit einer

feierlichen Abschiedsrede, bei welcher die Vornehmsten des Dorfes

als Zuhörer um uns herstunden. Zu unsern Führern gab er uns zwei

seiner Verwandten, welche beide auch den Titel der Scheikhs führten,

einen alten von kräftigem Aussehen und einen jüngeren mit. Der Himmel

zeigte sich an diesem Morgen auf eine Weise getrübt, welche durch

ihre Färbung für unser Auge etwas Neues war, ein mäßiger Wind wehete

aus Südsüdwest vom rothen Meere herauf. Die Beduinen, indem sie gegen

Süden hindeuteten, hatten uns gerathen diesen Tag noch in ihrem Dorfe

zuzubringen, wir aber gedachten heute noch bis in die Nähe der Mündung

des Wadi Musa zu kommen, denn wir verstunden uns noch nicht auf die

Physiognomie der hiesigen Natur. Wir hatten bisher an der Wüste nur die

brennende Hitze der Mittagsstunden und die Kühle der Nächte in etwas

scheuen gelernt, heute sollten wir noch andre, größere Schrecknisse

derselben kennen lernen.

Hinter uns am Meere dämmte sichs wie ein röthlich graues Gebirge am

Horizont auf, die Sonne die noch einmal mit falben Schimmer, wie

durch den Rauchdampf einer brennenden Stadt über das Gebirge herein

blickte, brach ihre Strahlen auf so sonderbare Weise an dem immer

höher steigenden Damme, daß man leicht bemerkte, daß er von andrer,

dichterer Art sey als unsre heimathlichen Wolken; es war als wenn der

Abglanz eines pfeilerartig zertheilten Sandsteingebirges in trübem

Wasser sich gegen uns her bewegte. Das Licht der Sonne erneute noch

immer auf einzelne Augenblicke den Kampf mit dem Rauchnebel des Thales,

so etwa, als ob wir mitten in einem Brande der Natur an einer Stelle

vorbeikämen, wo die gesteigerte Gluth den Rußdampf verzehrte. Wir

genossen einige Male noch eine Aussicht in die nächsten Engthäler

des östlichen Gebirges; unter andern kamen wir an einem vorüber, in

welchem Palmen stunden, und, -- doch möchte ich dieses bei solcher

unsichrer Beleuchtung nicht als sicher verbürgen --, jenseit derselben

einige Mauerwerke. Noch blieben unsre Kamele in geordnetem Schritt

und die Beduinen sammelten ruhig einige am Boden wachsende, schöne

Exemplare des Cynomorium, welche sie roh verzehrten. Jetzt aber

bemerkte nicht bloß das Auge, sondern auch der übrige Körper, daß

der Nebel, der die Luft trübte, ein andrer als der gewöhnliche sey,

der feine Sand, welcher anfangs nur die Kraft der Staubwolken unsers

Vaterlandes hatte, die der Sturmwind eines Hochgewitters emporwirbelt,

mischte sich immer mehr mit gröberen Gesteintrümmern und abgerissenen

Zweigen der dornigen Wüstengewächse und fiel nun so dicht und schwer

auf uns, daß die Kamele mit lautem Gebrüll ihre Reihen verließen und

ohne Ordnung vorwärts rannten. Gleich in den ersten Augenblicken, in

denen der Sandsturm mit seinen gröberen Massen uns ereilte, hatte die

Sonne sich verhüllt, wie in einen härenen Sack; mit einer wahrhaft

furchtbaren Schnelle wuchs aber jetzt das Dunkel das unsern Pfad

und seine Nachbarschaft bedeckte zu solcher Nächtlichkeit, daß die

Finsterniß der dichtesten Nebel unsrer Spätherbst- und Wintertage in

keinem Vergleich damit stehet. Obgleich, zu unserm großen Glücke, der

Wind mit seinen Sandmassen uns gerade im Rücken war, hielten wir es

dennoch für ein noch größeres Glück, daß unsre Beduinen für uns und

ihre Kamele bei guter Zeit das Bette eines Winterstromes erreichten,

welches von dickstämmigem Tamariskengesträuch gegen den Sturm ein wenig

geschützt war. Im Anfang schien es unmöglich ein Zelt aufzuspannen,

wir versteckten uns mit niedergebeugten Körper hinter den Uferdamm des

Gießbaches und seine dichten Gesträuche, ließen die Sandwolken über

uns hinstreichen; später wurden, mit der Anstrengung eines Ringers,

der mit einem eben so starken ringt als er selber ist, die Stangen des

Zeltes aufgerichtet, dessen Seile, außer an den tief eingeschlagenen

Pflöcken, zugleich an den Stämmen der Tamarisken befestigt wurden.

Jetzt saßen wir auf dem Geräthe im Innern des Zeltes oder hinter dem

Damm des Bachufers, hörten das Niederrieseln des Sandes auf das Zelt

und Gesträuch und gaben uns jener angenehmen Empfindung hin, die

den gesicherten Zuschauer bei jeder ungewöhnlichen, auch in ihrem

Kreise zerstörenden Naturerscheinung anwandelt. Doch war der feinere

Sandstaub, welcher mit dem gröberen zugleich die Luft erfüllte, von

so durchdringender Kraft, daß er sich in alle unsre verschlossene

Behältnisse für Kleider, Wäsche, für Speisen und Getränke, so wie durch

die Kleider, auf die Haut des Körpers hineinzog. Ich hatte mich im

Zelte auf einige Augenblicke hingelegt mit verschlossenen Augen, um zu

ruhen; die sorgsame Hausfrau, da sie hereintrat und mein Gesicht in

so gelblichgrauer Färbung erblickte, erschrack nicht wenig, denn sie

meinte das Angesicht eines Todten zu sehen; der Reis, den wir, da sich

endlich gegen Abend an ein Anzünden des Feuers und an eine Zubereitung

des Abendessens denken ließ, genossen, war so versandet und vom Staube

braun gefärbt, daß wir ihn gerne, ohne ihn im Munde zu prüfen, ganz

verschluckten.

Nach Sonnenuntergang legte sich der Sturm, der Mond, der heute fast

voll war, schien durch den gelichteten Nebel in das Gebüsch der

Tamarisken herein; mit uns zugleich giengen mehrere Käfer, unter ihnen

in Menge der Aegyptische Mumienkäfer (+Ateuchus sacer+) und eine

uns noch neue Pimelia aus ihren Schlupfwinkeln hervor und geriethen

hierdurch in die Gewalt des Menschen, welche überall, wie ein Haupt der

Gorgona, den Augenblick des gegenwärtigen Erscheinens erstarren machet

und fest hält. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere betrug nach

+Dr.+ Erdls barometrischen Messungen 954 Par. Fuß.

Am Morgen des 19ten Märzes erwachten wir bei guter Zeit, aus einem

ruhigen, sehr erquicklichen Schlafe. Unsre Beduinen hatten uns schon

gestern gesagt, daß heute vielleicht ein Regen kommen würde und daß

dieses zu wünschen sey, weil, wenn dieß nicht geschehe, der Sandsturm

mit seiner Trübung des Himmels mehrere Tage dauere. Die Hoffnung

des Besseren gieng in Erfüllung, denn der Himmel zeigte sich von

Regengewölk getrübt; die Luft war gekühlt und überaus angenehm zum

Athmen. Es war heute der Tag des Herrn und noch überdieß Palmsonntag;

uns erquickte als ein Manna der Wüste das schöne Sonntagslied: »Allein

Gott in der Höh sey Ehr« und der herrliche Ambrosianische Lobgesang.

Bei der heute freier gewordnen Aussicht erblickten wir zu unsrer Linken

eine niedre Hügelkette aus Sandstein, welche diesseits der Mitte des

großen Arabathales näher nach der Ostseite desselben verläuft, und

auf diese Weise ein anfangs noch ziemlich breites Seitenthal bildet,

welches auch zu seiner rechten Seite vorherrschend Sandsteingebirge

anstehen hat. Dieses Seitenthal ist sehr reich an Strauchwerk und

niedreren Kräutern, auch sahen wir viele Vögel aus der Familie der

Frankolinen und Wüstenhühner; es muß hier großentheils ein gutes

Weideland geben. Einige Male fieng es an zu regnen, hörte aber

immer bald wieder auf. Mein Kamel mußte bei solcher Gelegenheit die

Gewohnheit haben das Wetter als stiller Zuschauer abzuwarten, es

legte sich, als der Regen kam, freilich auch später bei Sonnenschein,

mehrmalen mit mir nieder. Als wir durch eine enge Schlucht hinanzogen,

kamen etliche fremde Beduinen, mit Lanzen bewaffnet, zu Pferde gegen

uns angesprengt, unser sehr phantasiereicher Arabischer Knecht,

zugleich aber auch mit ihm etliche der Kamelführer wollten uns einen

feindlichen Ueberfall befürchten machen, wir hielten uns deshalb näher

zu einander und die Bewaffneten unter uns rückten an ihren Flinten. Die

Vorsicht war indeß überflüssig; unser alter Scheikh ritt auf seinem

Dromedar den Lanzenmännern entgegen und bald sahen wir, daß beide

Theile zu Handschlag und friedlichem Zweigespräch sich vereinten. Die

Reiter waren von befreundetem Stamme; sie hatten unsre Begleiter bloß

vor einem Regiment Aegyptischer Soldaten warnen wollen, dessen Durchzug

man heute, auf seinem Wege von Ghaza nach Kerek hier erwartete, weil

solche Bewaffnete, wenn es ihnen an Lastthieren fehlt, gar gerne auch

fremde zum Mitgehen einladen. Unsre Beduinen, wahrscheinlich in Folge

dieser Warnung, führten uns von hier an eine Zeit lang, in ziemlicher

Eile, sehr schlechte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine Anhöhe,

von welcher aus wir das wahrhaft hehre, Edomitische Gebirge ganz nahe

vor uns erblickten, welches durch seine riesenhaften Pfeilerformen

einen überwältigenden Eindruck auf die Sinnen macht. Wer die Gruppen

der Adersbacher Sandsteinfelsen oder jene der Sächsischen Schweiz

gesehen hat und diese zehnfach sich vergrößert denkt, der wird sich

ein ohngefähres Bild machen können von dem was hier unser Auge sahe.

Der Hor, auf welchem Aarons Grab ist, schaute majestätisch ernst über

das niedrere Gebirge herunter, während sich über seinen südlicheren

Nachbarhöhen und Thälern eine Wetterwolke entlud. Selbst unsre Beduinen

deuteten mit einem Ausdruck der Ehrfurcht auf die Grabstätte des

»Propheten« hin; unsre Augen und Herzen begrüßten freudig diesen neuen

Zielpunkt unsrer Wanderschaft. Wir traten jetzt in ein Thal ein, in

welchem die Wüste das gelblichgraue Alltagsgewand ganz abgelegt und

sich mit dem schönen, grünen Festtagsgewand der Gebüsche und Kräuter

bekleidet hatte, als wolle sie mit der Seele der Pilgrime zugleich

das Andenken des lieben Palmsonntages feiern. Aus dem Benehmen unsrer

Beduinen konnten wir bemerken, daß sie sich hier wieder vollkommen

sicher glaubten. Die Kamele wurden ruhig dem Zug ihrer Eßlust

überlassen, der sie bei jedem Schritte bald zu dieser, bald zu einer

andren Staude hinführte; das meinige hatte sich sogar ganz bequem

dazu auf seine untergeschlagnen Beine gelegt, und mir dadurch das

Absteigen erleichtert. Um uns her beleuchtete der helle Sonnenschein

die liebliche Wildniß; über den Riesenzinnen und Pfeilerfelsen des

Hochgebirges aber, in dessen Thäler und Fluthklüfte wir schon ganz nahe

hineinblickten, schwebte das dunkelfarbige Geflügel der Wetterwolken.

Wir ruheten da einige Augenblicke unter dem blühenden Gesträuch; das

Summen der aus- und einfliegenden großen Bienen klang wie der Ton einer

fernen Orgel; auch hier in diesem Tempel wandelte uns eine lebendige

Empfindung des Sabbathes an.

Während wir da ruheten und dann langsam -- die jüngeren Freunde

allerhand sammlend -- weiter zogen, hatte unser jüngerer Scheikh mit

einigen andern Beduinen zu Fuße die Höhe eines benachbarten Hügels

erklommen, wo er sich, mit dem Gewehre, das einer unsrer jungen

Freunde ihm geliehen hatte, an der Jagd ergötzte. Seine Mühe war nicht

umsonst gewesen, denn nach einiger Zeit brachte er uns mehrere von ihm

geschossene Felsen- und Wüstenhühner[107] und einen von ihm lebendig

gefangenen Arabischen Hasen.

Auf einer der Anhöhen, über welche der weitre Verlauf unsers Weges

führte, sahen wir ein altes, vielleicht vormals zum Wachthaus

bestimmtes Gebäude, an welchem meine jungen Freunde, da sie näher

zu ihm hingiengen, eingehauene Römische Zahlen entdeckten. Schon um

halb zwei Uhr nach Mittag war die Mündung des Wadi Musa erreicht, an

welcher unsre Beduinen den kurzen Tagesmarsch endeten und Halt machten.

Auf unsre Gegenvorstellungen, durch welche wir sie zu einem weitern

Vorwärtsschreiten hinein in das Thal bewegen wollten, antworteten sie,

daß im Wadi weit hinan kein schicklicher Lagerplatz zu finden sey,

überdieß sey ein Ungewitter am Ausbrechen, welches bald das Vordringen

ins Thal unmöglich machen werde. Und daß beides seine Richtigkeit habe,

davon überzeugte uns die eigne Erfahrung zum Theil noch heute, zum

Theil aber am andern Morgen. Denn kaum hatten wir unser Zelt in dem

steinigen Boden neben und über dem Bette des Gießbaches aufgeschlagen,

der aus dem Wadi Musa hier in die Ebene hervortritt, da entlud sich

mit heftigem Donner und Blitz auf den Nachbarbergen ein Gewitter,

wie Arabiens Hitze sie erzeugt; das eben noch ganz trocken gewesene

Gießbachbette ward zur Höhe und Mächtigkeit eines großen Waldstromes

angefüllt, welcher unser armes Zelt, das meine Weisheit durchaus, wenn

die landeskundigeren Beduinen es nicht verhindert hätten, hier im

tiefen Sande wollte aufgeschlagen haben, sammt allem Gepäck leicht mit

sich fortgerissen hätte. Doch die Gewitter dieses Landes, deren Donner

so schnell und laut auf einander folgen als die Worte in dem Munde des

schnell redenden Beduinen, sind wenigstens in dieser Zeit eine eilig

vorübergehende Erscheinung; das Gewölk hatte sich verzogen; die Sonne

schien wieder heiß und hell in die Ebene und auf die nächst gelegenen

Berge; das Wasser, welches vorher das enge Thal von der einen zu der

andern gähen Felsenwand überschwemmte, hatte sich bald wieder so weit

verlaufen, daß wir ein Stück Weges in demselben hinauf gehen konnten.

Sobald am andern Morgen, den 20sten März der Tag ergraute, saßen wir

auf zur Reise in das Thal und auf das Gebirge. Der umwölkte Himmel und

die Nebel auf den Höhen schienen mit Regen zu drohen; Wolken wie Nebel

wichen jedoch bald der höher steigenden Morgensonne. Man hatte uns

zum Theil, zur Beschleunigung des Weges, jene Reitkamele (Dromedare)

mit Sätteln gegeben, auf denen die vornehmsten unter unsern Beduinen

gewöhnlich ritten; denn nur einige von diesen begleiteten uns auf dem

heutigen Tagmarsche, die andern, sammt den meisten Kamelen und unserm

Arabischen Knechte waren bei dem Zelt und Gepäck zurückgeblieben.

Das Wasser des gestrigen Gewitterstromes hatte sich ganz verlaufen,

erst weiter im Engthal hinauf zeigten sich die letzten, bis hieher

noch glücklich gelangten Tröpflein des Baches, der durch den obern

Theil des Wadi strömt und da, wo wir jetzt stunden, nach Art der

meisten Bäche des Landes im Sande versiegt. Allerdings wäre in diesem

Engthale, dessen Sohle nirgends eben ist, auf weithin kein Ort zum

Aufschlagen des Zeltes gewesen, abgesehen von der Gefahr, welche ein

plötzlich hereinbrechender Regenstrom hätte bringen können. Zwischen

dem Gesträuch und Gehölze, namentlich des Oleanders hindurch, wand sich

unser Weg nach drei Viertelstunden zum Fuße eines steilen Hügels hinan,

über welchen ein Richtsteig führt, der die Krümmungen und plötzlichen

gähen Abfälle der Thalsohle vermeidet. Eine Schaar von Bergkrähen,

deren Geschrei eine ganz andre Sprache spricht als das der unsrigen,

denen sie übrigens an Gestalt und Farbe gleichen, flog über uns

hin[108]; aus den Felsenklüften vernahm man den Ton der wilden Tauben

dieses Landes. Das alte Gemäuer, welches in der Nähe des schneckenartig

sich hinanwindenden Richtsteiges liegt, scheint von Römischer Bauart

und mag, wie das gestern gesehene, zum Wachthaus gedient haben.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 28 / 42 段