außen und innen. Es ist allerdings fest genug um Leute, die weder
Sturmleitern noch andre Geräthe der Belagerer haben, auszuschließen,
an einigen Stellen der Ostseite aber, hat der Flugsand der Wüste so
hohe Hügel in der Nähe der Mauern aufgehäuft, daß ein Achilles wohl
ohne der Sturmleiter zu bedürfen, hinübergesprungen wäre; die Bauart
der Zinnen und Rundthürme stehet so weit hinter der unsrer alten
deutschen Ritterburgen oder der Befestigungswerke von Rhodos zurück,
wie gemeines Töpfergeschirr hinter einer steinernen Vase; doch mag
sie für Sarazenisch gelten. An einigen der Mauersteine hätten wir
gern die Hämmer noch mehr probirt; sie schienen uns von bessrem
Material denn die andren und von vermuthlich älterer Herkunft; die
Herren Vertheidiger der Festung schienen aber jede Prüfung der Art
zu misbilligen. Die Besatzung, welche Ibrahim Pascha in das Kastell
gelegt hat besteht, so viel wir urtheilen konnten, aus etwa vierzig
Mann; meist Arnauten, die zum Theil mit Weib und Kind kleinere Hütten
bewohnen, während die Behausung des Commandanten und des Aga mehr die
Form der gewöhnlichen keinen Häußer hat. Der Commandant ist noch ein
ziemlich junger, kaum vierzigjähriger Mann, dessen röthlich blondes
Haar und weiße Hautfarbe die nördlichere Abkunft bezeugen; auch
dem kleinen, wohlbeleibten sogenannten Aga, der den Secretärdienst
versieht, merkt man es an, daß er nicht in diesem heißen Lande geboren
ist. Die guten Leute scheinen sich wirklich, nicht bloß vorgeblich, wie
wir anfangs glaubten, vor den zunächst umwohnenden Beduinen zu fürchten
und wagen sich nicht so leicht einer oder etliche allein weit über den
Umkreis der kleinen Festung hinaus. Wir aber, die wir mit ganz Arabien
und den angränzenden Ländern in bestem Frieden lebten ergiengen uns,
als der Tag kühler wurde, noch südwärts hinab am Ufer des Meeres, in
welchem einige buntfarbige Arten von Balistes, Chätodon und andern
Fischen ruhig spielten, unter ihnen auch ein schöner rother Mullus,
als wüßten sie daß wir doch keinen Weingeist und keine Gefäße bei uns
hätten um sie mit in das fern gelegne München zu nehmen. »Der lieben
Sonne Licht und Pracht,« wie es in dem alten Liede der Kindheit heißt,
hatte jetzt ihren Lauf am Saume des Hochgebirges der Tyh vollendet,
der Mond, mehr als halb voll, leuchtete mit klarem Lichte durch die
Wipfel der Palmen herein; wir begaben uns zu unserm Zelte, saßen und
giengen da noch ein Stündlein am kühlen Meeresufer. Indeß hatte sich
auch unsre ungebetene Leibgarde wieder mit ihren Spießen und andren
Waffen eingestellt. Die Leute waren heute ruhiger und bescheidener als
gestern, oder unser Schlaf war so fest und gesund, daß wir ihren Lärmen
nicht hörten; Sonnenaufgang war nicht mehr fern, da wir aus dem Zelt
hinaustraten ins Freie.
Ich weiß nicht ob sich die Phantasie eines jeden meiner im Norden
geborenen Leser zu der lebendigen Vorstellung des Eindruckes erheben
kann, den ein gesundes, fröhliches Erwachen in einem Palmenwald von
Arabien auf die Seele macht. Der Unterschied zwischen dem heimathlich
Bekannten und jener ferngelegnen Natur ist fast derselbe wie zwischen
dem ehrenwerthen, liebliche Früchte erzeugenden Pflaumen- oder
Zwetschkenbaum von Deutschland und der Dattelpalme. Die Brandung des
Meeres hatte nicht geschlafen; der Pulsschlag der Wogen gieng noch in
demselben Takt wie am gestrigen Abend; die aufgehende Sonne weckte
jetzt auch die andern Glieder der Erdveste wieder zum Sichtbarwerden
auf; das Gebirge der Einöde im Westen und Osten erhub sich wie ein
halbnackter Beduine aus der Decke der Dämmerung. Mit dem Auge zugleich,
das am Anblick der wogenden Tiefe wie der stillstehenden Höhe sich
ergötzte, genoß der menschlichste der Sinnen: das Ohr seine Freuden.
Denn der Bull Bull, die orientalische Nachtigall oder eigentlicher und
wahrer genannt die Musikdrossel des Südens[104], von welcher mehrere
Paare in den Wipfeln der Palme bei unserm Zelte nisteten, sang hier
dem belebenden Frühling ihr Lied der Liebe; einer Liebe, welche,
auch da wo sie ihrer selber noch nicht bewußt ist, in dem geliebten
Vergänglichen Jenen sucht und liebt, dessen Wesen eine ewige Liebe ist.
Es ist derselbe Zug des Mangels zu der ergänzenden Fülle, welcher im
Menschen als Liebe, im Thiere als Trieb, in der Blüthe des Gewächses
als magnetische Annäherung erscheint; wir konnten heute, wie einen
Bach dessen Quell vom Gebirg als silberner Faden herabstürzt, dann im
Thale die Thiere der Wüste, zuletzt in dem Städtlein durch das er
fließt, die Menschen tränkt, den ganzen Verlauf des Lebensstromes,
vom Anfange bis zum Ziele, das in unsern Herzen lag, verfolgen. Die
männlichen Dattelnpalmen waren so eben im Aufblühen; ein Beduine
hieng die zertheilten Kolben der männlichen Blüthen hoch am Wipfel
der weiblichen Palmen auf, zu denen er sehr gewandt, wie auf Stufen
hinanstieg. -- Der Mensch allein versteht die Sprache des Sehnens und
Ringens der äußerlich sichtbaren Natur; möchte er nur auch die des
ewigen Sehnens seines eignen Innrens, seines Herzens recht verstehen
und eben so bereit seyn diesem Sehnen zu seiner Erfüllung zu verhelfen.
Bei alle dem was wir hier sahen und hörten stimmte nicht bloß das Herz,
sondern auch der Mund freudig in den Ton und die Worte des Gesanges
ein: »Erhebe dich o meine Seel.«
Es war gut, daß wir das Beste des Tages, was dem ganzen übrigen
Verlaufe desselben bis zum Abend seine rechten Kräfte giebt, so
ungestört und still genossen hatten, denn es kamen gar bald Anlässe
zu der Thür unsres Zeltes heran, wobei es der innern Ruhe bedurfte.
Wir hatten Nachfrage bei dem Commandanten gehalten nach den auf den
heutigen Tag versprochenen Kamelen; es war keine gewöhnliche Ungeduld
der Reisenden die uns zum Weitereilen antrieb, sondern das Sehnen der
christlichen Pilgrime, das heiligste Jubelfest des Jahres an der Stätte
zu feiern, wo der Sieg aus dem gewaltigsten Kampfe des Lebens mit dem
Tode errungen ward. Die Antwort war eine unerwartete. Man machte, für
das Weiterkommen Forderungen an uns, denen wir, hier in der weiten
Ferne von der Heimath kaum hätten zu genügen vermocht. Wir sollten
außer den dreizehn Kamelen, die für uns und unsre Gerätschaften,
so wie für den Scheikh, der ja beritten seyn muß, bisher gebraucht
hatten noch zehn nehmen, auf welchen Bewaffnete zu unsrer Bedeckung
durch die ganze Wüste bis nach Petra und von dort nach Hebron uns
begleiten sollten. Und dieß um einen Preis der die Erwartungen wie
die vorhandenen Mittel überstieg. Wir erwiederten darauf: wir würden
lieber nach Kairo zurückkehren als um solchen Preis die Weiterreise
antreten, vor der Hand aber solle man uns einen berittenen Boten
nach der Hauptstadt ausrüsten, wir wollten dorthin an den Vizekönig
schreiben. Ein Zufall wirkte bei dieser Gelegenheit zu unsern Gunsten.
In meinen Firman war das Wort Hofrath, Consigliere aulico, welches
das K. K. Oesterreichische Consulat mir als Titel beigelegt hatte,
gleichlautend, nur mit Arabischen Buchstaben geschrieben aufgenommen
worden. Der Aga hatte statt Consigliere Consul gelesen und gemeint
ich hieße Herr Aulico; ein Gerücht hatte ohne mein Zuthun unter den
hohen Behörden des Kastells sich verbreitet, ich sey ein englischer
Consul. Vor den Engländern haben aber selbst die Bewohner dieser
Wüste, die unabhängigen sowohl als die unter Aegyptens Herrschaft
stehenden eine gar bedeutende Furcht und Achtung, seitdem sich ein
wohlbewaffnetes Schiff dieser Nation: der Palinurus vor einigen Jahren
durch alle die Gefahren der Klippen und Wogen herangewagt hat bis
zur gegenüberliegenden Insel Jezirat Pharaun. Dies wirkte denn doch
beim Commandanten wie beim Aga eine Stimmung, die zur Hoffnung eines
glücklichen Ausganges unsres Reisevorhabens berechtigte.
Während übrigens die Unterhandlungen noch sehr im Staub und Sand
der Wüste lagen, war ich an der Nordseite des Kastells ein wenig
hinaufgegangen auf die Anhöhe, auf welcher Herr Maler Bernatz so eben
mit der Aufnahme der Gegend beschäftigt war. Man hat hier einen ganz
vortrefflichen Ueberblick über die Gebirge auf der Westseite. Diese
bestehen aus drei parallelen Ketten, davon die hinterste (westlichste)
die höchste, die vorderste (östlichste) die niedrigste ist. Zuerst, am
weitesten in Westen, erhebt die dunkelfarbige Hauptgebirgskette, die
allem Anscheine nach aus Urgebirge (Sienit und Porphyr?) besteht, ihren
Rücken hoch über die andern alle, und vor ihr, nur um wenig niedriger
als der mächtige Hochrücken zieht sich eine Kette des hellerfarbigen,
geschichteten Sandsteines hin. Vor dieser steht der zweite, mittlere
Höhenzug des Urgebirges (?), der schon bedeutend niedriger ist, als
der erste sammt seinen Sandsteinhöhen, und auch vor diesem mittleren
Gebirgsstock zeigt sich, etwas niedriger als er eine Ablagerung des
lichteren Sandsteingürtels. Darauf folgt, noch weiter ostwärts,
der vorderste, niedrigste Rücken des Hauptgebirgsstockes; eben so
dunkelfarbig wie der erste und zweite, im Vergleich mit dem weißlichen,
niedrigeren Fußgestell seines Sandsteines. -- Im übrigen Verlaufe des
Tages besahen wir etwas genauer den nördlichen Saum der Bucht, an den
unser Herweg uns vorübergeführt hatte; die Trümmer Arabischer Hütten,
unter denen mancher Baustein von früherer Hand bearbeitet, liegen
mag; den Steinhaufen, den jeder vorüberziehende Mekkapilgrim, durch
Daraufwerfen eines neuen Steines vergrößert, indem er hierbei dem Satan
flucht, welcher den Abraham am Opfer Ismaëls verhindern wollte, und
manches Andre, und schrieben dann an unsern Tagebüchern. Die jungen
Freunde waren für die Sammlung beschäftigt; Herr Franz, der Mechanikus
reparirte unentgeltlich, für manche Bewohner des Kastelles Flinten und
andre Geräthschaften. Vor ihm, in seiner ganz orientalischen Kleidung
hatten die dortigen Leute, zu unserem Vortheil, große Achtung; das
Gerücht hatte sich verbreitet: er sey ein Büchsenschäfter im Dienste
des gefürchteten Ibrahim Pascha. Am Abend stellte sich, wie bisher,
unsre zwölfmännige Leibwache ein.
Der Morgen war dennoch (am 15ten März) wieder still und schön, obgleich
bald nachher der harmonische Gesang der Palmendrossel durch manche
Mißtöne verscheucht wurde. Der Commandant ließ uns sagen es seyen nun
die Kamele vom Scheikh der Araba, der uns weiter von hier bis nach
Hebron geleiten sollte, gekommen, auch sahen wir wirklich unter den
Gesichtern der Beduinen, welche der Aga zu unserm Zelte führte, mehrere
die uns noch neu und unbekannt waren, andre aber glaubten wir seit
unsrer Ankunft öfters in und bei dem Kastell bemerkt zu haben. Unter
den neuen Ankömmlingen befand sich ein stämmiger, hübsch aussehender
Knabe, so bunt aufgeputzt als der Heidenprinz eines unsrer Dorftheater;
doch war der Kaschemirschawl, den er um seinen Kopf gewickelt trug,
ächt und von hohem Werthe. Es war auch wirklich ein kleiner Prinz: ein
Sohn des Emir Salem von Ghaza, des großen Scheikhs der Araba; er war
zu uns gekommen um im Namen seines Vaters einen Führer unsrer Karawane
vorzustellen. Wir waren den an uns gestellten Forderungen um einige
Schritte entgegengegangen, der Aga hatte bereits das Geld, denn hier
zu Lande muß man alles vorausbezahlen, für unsre ganze Weiterförderung
bis Hebron in Empfang genommen, und wir glaubten es sey nun Alles in
Ordnung, da brachte er, noch vor Mittag die klingende Münze wieder und
sagte uns, das Ohr der Beduinen sey durch diesen Klang bei weitem noch
nicht befriedigt; sie schienen Miene zu machen wieder zurückzukehren
mit ihren Kamelen, nach ihrer Heimath. Unsre Verlegenheit war groß,
mitten auf unserem Wege fanden wir unerwartet einen Strom der
Hindernisse, über welchen weder Brücke noch Fähre hinüberführte. Ich
läugne es nicht, daß mich, mehr als es gesollt hätte, Zagen und Sorgen
anwandelte. Ich war wieder hinausgegangen an die Nordseite der kleinen
Veste, wo mein guter Maler Bernatz saß und ruhig zeichnete. Da sprach
mir, indem ich so hinaufblickte nach den Bergen in Osten, die Gegend
selber einen kräftigen Trost zu. War doch dieß dieselbe Stätte da einst
der Herr das Reisen der Kinder Israël zu Herzen nahm und ihnen nach
fast vierzigjähriger Hemmung den Ausweg eröffnete, aus der Edomiter
eiserner Haft (5. Mos. 2, V. 7). Er ist ja noch derselbe Helfer, der
Er zu ~Israëls~ Zeiten war; ich kehrte wohlgemuth zum Zelte um.
Nach einiger Zeit begab sich Herr Mühlenhof, der Dragoman, der sich
in dieser ganzen Angelegenheit sehr klug und entschlossen benommen
hatte, von neuem hinein in das Kastell, wo die vornehmsten der Beduinen
noch versammlet saßen und machte neue Anerbietungen; die Leute hätten
uns aber allem Anschein nach gerne noch mehrere Tage in der Spannung
erhalten, wenn nicht hülfreich der Umstand eingetreten wäre, daß
auf übermorgen das große Bairamfest fiel, bei welchem Alle gern zu
Hauße bei den Ihrigen seyn wollten. Auch der Aga und der Commandant
hatten, so versicherte uns Herr Mühlenhof, bei den Unterhandlungen
Alles gethan, was sie für den vermeintlichen Englischen Consul zu thun
vermochten. Das Geschenk das ihnen beiden versprochen war, schien
hierbei als guter Antrieb mitgewirkt zu haben. So kamen wir dahin
überein, daß wir sechszehn Kamele, jedes für zehn Marietheresienthaler
bis nach Hebron nehmen und bezahlen sollten; der Commandant und der
Aga, welche übrigens, wie wir später erfuhren, an jedem Kamel zwei
Thaler Provision nahmen, erhielten auch etliche zwanzig Thaler;
unsre Leibgarde war mit Geringerem zufrieden. Noch vor zwei Uhr des
Nachmittags kamen der Commandant und der Aga, mit ihnen die Scheikhs
der Beduinen; tranken mit uns Kaffee und holten sich ihren ansehnlichen
Haufen der Thaler ab, welche Münze, mit dem Gepräge der Kaiserin Maria
Theresia, sie ganz besonders lieben.
Es war vier Uhr des Nachmittags als wir endlich zu Kamele saßen, und,
ehrenvoll verabschiedet von dem Commandanten und den andern Inwohnern
der kleinen Veste aus den Palmenwäldern von Akaba hinauszogen in die
weite, freie Araba. Mein Herz war überaus fröhlich und guter Dinge;
das innre Gespräch war zu einem Loblied geworden, in das der Mund
einstimmte. Ja, es waren auch hier die Worte des alten Liedes wahr
geworden: Er reicht uns seine Hand; am Abend wie am Morgen will Er uns
wohl versorgen, seys auch im Feindesland.
Unser Weg, nahe am Fuße des östlichen Gebirges, dessen Hauptrücken
ich nach der Form der Höhen für Urgebirge halten möchte, zog sich von
Akaba aus immer allmählig aufwärts; der Boden ist Sand, untermischt
mit Trümmern von Granit, Porphyr und Grünstein. Das zwischen den
westlichen, schon oben (S. 393) beschriebenen und den östlichen
Gebirgszügen hinlaufende Thal der Araba, erweitert sich in geringer
Entfernung von Akaba zu einer augenfälligen Breite von gewiß vier
Stunden. Das Thal bildet eine von Ost gegen West stark geneigte Ebene,
und während man längs dem Fuße des östlichen Höhenzuges auf den Firsten
des Thales hinreist, befindet man sich am westlichen Rande desselben,
längs dem Saume des Tyhgebirges in einer Tiefe, welche im Mittel nur
wenig über dem Meeresspiegel erhöht ist. Während der Regenzeit muß ein
großer Theil dieser westlichen Thaltiefe vom Wasser überschwemmt seyn,
woher vielleicht die Annahme eines langen Ausläufers des Ailanitischen
Meerbusens nach Norden hin entstanden seyn mag, die auf einigen unsrer
älteren Landcharten vorausgesetzt scheint. Wir lagerten kurz vor
Sonnenuntergang. Schon heute hatten wir Gelegenheit zu bemerken, daß
unter unsern diesmaligen Kamelen einige recht böse und bissige seyen;
auch die Beduinen, von denen eine ganze Schaar (mehr denn dreißig)
uns begleiteten, benahmen sich nicht so dienstwillig und freundlich
als unsre vorigen Begleiter. Der kleine Sohn des Emir Salem (m. v. S.
394) schickte am Abend zu uns und begehrte Reis. Wir sendeten ihm eine
ganze Schüssel ungekochten Reis, gewiß drei- oder viermal so viel als
wir auf der Reise von Kairo bis Akaba gewöhnlich unserm alten Scheikh
Hassan gaben; er sendete uns aber die Gabe wieder mit der Bemerkung sie
sey zu wenig und zu gering. Wir nahmen den Reis ruhig wieder, ohne ihm
andern zu geben. Zur Rache dafür verübten die Beduinen einen großen
Theil der Nacht hindurch einen ganz entsetzlichen Lärmen, mit Schreien
und Schießen vor unserm Zelte. Wahrscheinlich wollten sie uns fürchten
machen. Als die Leute ruhig wurden, da fiengen die Kamele, die ganz
nahe bei uns lagen, so laut und so viele zugleich an zu brüllen, daß
an kein weiteres Schlafen zu denken war. Zum Glück bedarf man auch in
diesem Lande und auf solcher Reise ungleich weniger Schlaf als daheim,
um vollkommen gestärkt zu seyn.
Donnerstags am 16ten März fanden wir uns schon um sechs Uhr des Morgens
auf dem Wege. Es war, wie ich nun bemerkte, eine Täuschung des Auges
gewesen, was mich am gestrigen Nachmittag glauben gemacht hatte, die
Berge zu beiden Seiten hörten weiterhin auf und wir würden bald in
eine unbegränzte Ebene kommen. Die Thäler, welche das (vorherrschend)
primitive Gebirge der östlichen Seite durchschneiden, ziehen sich
in der Richtung von Nordnordwest gegen Südsüdost aus der Ebene nach
dem Hochrücken hinan; jene der westlichen Gebirge dagegen haben die
Richtung von Nordnordost hinan gen Südsüdwest, beide laufen mithin vom
Thale aus wie divergirende Strahlen auseinander. Auf der Westseite
wird je weiter gen Norden desto mehr der Sandstein vorherrschend,
der sich uns am Vormittag öfters in mauer- und pfeilerartigen Formen
zeigte, zwischen denen das aus solcher Ferne leicht getäuschte Auge hin
und wieder Ruinen von Menschenwerken zu bemerken wähnte. Die Einöde,
durch die wir heute kamen, war nicht ohne Pflanzenwuchs, vor allen
zeichnete sich der in voller Blüthe stehende Artastrauch (+Calligonum
comosum+) aus, dessen zierliche, weißliche Blüthenbüschel an
ganz blätterlosen, binsenartigen Zweigen sitzen. Die jungen Zweige
werden sehr gern von den Kamelen gefressen; sie haben einen nicht
unangenehmen, säuerlichen Geschmack; die alten Zweige sind holzig;
die Wurzeln laufen sehr tief in den Sandboden hinein und begünstigen
da die Anlage der Höhlenwohnungen der Springhasen, welche hier sehr
häufig sind. Auf dem Boden sahen wir heute öfters den bunten Arabischen
Sandkäfer (+Anthia variegata+). Hin und wieder lagen, am
verdorrten Stengel, gleich gelben oder röthlichen Aepfeln die Früchte
der Coloquinte (+Cucumis colocynthis+).
Wir hatten heute einige Noth mit den Kamelen, die wir auf unsrer
vorhergehenden Wüstenreise nur als so sanfte, harmlose Thiere
gekannt hatten. Das auf welchem +Dr.+ Roth ritt fieng öfters
an, wie halbrasend zu springen; jenes des Herrn Bernatz mußte die
europäische Fußbekleidung als einen strafbaren Luxus betrachten, es
drehte beständig seinen langen Hals herum und wollte dem Reiter in
die Stiefeln beissen; ein Biß, welcher von so starkem Thiere tiefer
gegangen seyn würde als in die bloße Kleidung. Das Kamel der Hausfrau
war desto geduldiger, und blieb mit seiner leichten Last beständig
hinter den andern zurück. Am Nachmittag sahen wir gegen Westen neben
uns eine brackig feuchte Sandebene; die Fata morgana zauberte uns Seen
und Teiche über die Fläche hin; im östlichen Gebirge bemerkten wir
mehrere Gänge von röthlicher Färbung.
Der Scheikh Salem schickte uns einen Boten, der auf einem Dromedar
ritt, mit seinem Petschaft entgegen um seine Einwilligung in den
abgeschloßnen Vertrag zu bezeugen und uns zu begrüßen. Als der Bote
wieder umkehrte war er überaus schnell aus unsern Augen entschwunden;
wir konnten daraus den Unterschied der Geschwindigkeit eines Reit- und
eines Lastkameles erkennen. Doch auch unsre lastbaren Thiere wurden
heute von ihren Treibern zur ungewöhnlichen Eile angehalten, denn
Jeder von ihnen wünschte, am Vorabend des großen Bairam bald bei den
Seinigen zu seyn. Um vier Uhr hatten wir das große Dorf der Araba, mit
seinen schwarzen Nomadenzelten erreicht. Der Scheikh oder Emir Salem,
ein rüstiger Mann von mittlern Jahren, kam uns zu Pferd entgegen; nur
der kostbare Kaschemirschawl, der um sein Haupt gewunden war, ließ uns
in ihm den mächtigen Beduinenfürsten errathen, welcher alljährlich
zu dem Zug der Pilgrime nach Mekka von seinem Stamme tausend Kamele
herbeiführt. Wir stiegen ab und der Scheikh führte uns in sein großes
Zelt, in welchem wir, im engern Kreise der Vornehmen -- denn hinter uns
zeigte sich noch ein weiterer Kreis der Gemeinen -- auf den Teppich des
Bodens uns niederkauerten und mit dem Kreise der Vornehmeren Kaffee,
mit dem der Gemeinen aber saure Milch (Lebben) aus einer von Hand zu
Hand gehenden hölzernen Schaale tranken. Dazu wurde Tabak geraucht.
Einem der kleinen Scheikhs-Prinzen, der nur ein Hemdchen anhatte,
einem recht hübschen Kinde schenkte ich -- denn ich hatte ja weiter
nichts -- einen weißen Schiffszwieback aus Kairo, den der Kleine mit
Vergnügen annahm, obgleich sein kleiner Mund das harte Gebäck nicht
zu beißen vermochte. Gleich nach der Rückkehr zu unserm Zelte sendete
uns der Scheikh ein schönes Lamm zum Geschenk und der Araber der es
brachte schlachtete auch sogleich das Thier damit wir einen Theil
davon zum Abendessen benutzen könnten. Vor Sonnenuntergang bestieg ich
noch, ostwärts vom Zeltendorfe einen kleinen Sandhügel um die Gegend
zu überblicken. Das Dorf besteht aus mehreren größeren und kleineren
Gruppen von Zelten und erstreckt sich ziemlich weit, besonders nach
Westen hinaus. Eben kehrten die Heerden von Ziegen und Schafen von
der Weide heim, die eine nach dieser, die andre nach einer andern
Gegend des Dorfes. Diese Heerden waren ziemlich groß; die Thiere sahen
wohlgenährt aus, denn in den Engthälern des hier angränzenden östlichen
Gebirges soll es sehr gute Weideplätze geben; Frauen trugen Wasser,
das sie an einer Art von Lache, ostwärts vom Orte geschöpft hatten, in
Krügen auf ihrem Haupte nach Hauße. -- Mir war es als weilte ich hier,
unter diesem Volk von fester Anhänglichkeit an die Sitte der Väter, bei
den Heerden und Hütten Ismaëls oder Edoms. -- Wir waren, wie sich aus
den zweitägigen barometrischen Beobachtungen ergab seit gestern 465
Fuß anwärts gestiegen, denn so hoch liegt das Dorf der Araba über dem
Spiegel des rothen Meeres.
Der Schlaf bei Ismaëls Hütten war ein sehr ruhiger und erquicklicher
gewesen; erst bei Sonnenaufgang trat ich aus dem Zelte hervor. Hin
und wieder zeigten sich schon einzelne Bewohner des Dorfes in ihrem
festlichsten Gewande; zwei schöne Rosse, von der edleren Arabischen
Abkunft stunden angebunden an Pflöcke, die in den Boden eingeschlagen
waren, nicht fern von unserm Zelte. Der heutige Tag, der zehnte des
zwölften Monates Zul Hedscheh ist für die Bekenner des Islam ein
sehr festlicher, er heißt schlechthin der große Festtag (el Id el
kebir) oder auch das Opferfest (Id el Kurban) und bei den Türken der
Kurban-Bayram. An diesem Tage, so erzählt die Ueberlieferung der
Mohamedaner, sollte Ismaël, (den sie bei dieser und andrer Gelegenheit
statt des Isaak nennen) von Abraham geopfert werden, da hinderte der
Engel die That und Abraham opferte statt des Sohnes den im Thale Mina
gefundenen Widder. Wenn der in der Hütte zurückgebliebene Moslim
schon den vorhergehenden Nachmittag des neunten Monatstages noch
mehr aber den heutigen zehnten mit Andacht feiert, dann begleitet er
zugleich im Geiste seine Brüder, die in diesem Jahre auf der gefahr-
und verdienstvollen Pilgerfahrt nach Mekka begriffen sind. Vielleicht
ist es auch die eigne Erinnerung an das was er selber als gewesener
Pilgrim an diesen Tagen auf den Höhen des Arafaat und im Thale von Mina
mit gesehen und genossen hat, welche ihm die Zeit des Korban-Bayrams zu
einem besonders feierlichen macht; denn wenn am neunten des Nachmittags
das feierliche Absingen des Khutbeh auf dem Arafaat, wenn darauf am
zehnten im Thale Mina das vorgeschriebene Opfer geschehen ist, dann hat
zugleich die Pilgerfahrt des Hadschi mit all ihren Mühen und Gefahren
ihre Vollendung erreicht; die Segnungen, welche der Islam den Gläubigen
verheißt, sind errungen, der Hadschi legt nach vollendetem Opfer sein
armes Pilgergewand ab und schmückt sich freudig mit der besseren
Kleidung. Zum Andenken an jenes glückliche Beenden der Sorgen Ismaëls
und Abrahams, so wie der Gläubigen, welche in beider Fußtapfen traten,
schmückt sich auch der in den Städten und Dörfern zu Hauße gebliebene
Moslem heute, wenn er es vermag, mit einem ganz neuen oder doch mit
seinem besten Kleide. Ein Schaf wird geschlachtet, das Fleisch gekocht
und an die Armen vertheilt; das Volk belustigt sich, wie beim kleinen
Bairamfeste durch mannichfache öffentliche Spiele.
Auch hier im Dorfe der Araba geschahe dieses; wir sahen, denn auf
uns, als theilnehmende Zuschauer war vorzüglich gerechnet, der
Hauptbelustigung zu. Diese bestund, nach einigen unbedeutenden Uebungen
der Kamele, in einem Wettrennen zu Pferde, das von dem Sohn des
Scheikh Salem, von jenem der uns von Akaba hieher geleitet hatte und
einem oder zweien seiner kleinen Vettern gehalten wurde; der Preis war
ein schönes Tuch. Unser kleiner Scheikh hatte, um sich vor uns groß zu
machen, sein Pferd lange vor dem Anfang des Wettrennens losgebunden,
und es durch Reiten müde gejagt; da es aber jetzt galt die Kraft der
Rosse und ihrer jungen Reiter zu zeigen -- beim Wettlaufe selber --
da trug der kleine Vetter den Preis davon, welchen diesem der Scheikh
Salem reichte, zugleich aber seinem besiegten Prinzen als Zeichen eines
gelinden Tadels, ins Angesicht spuckte[105]. Außer dem Wettrennen der
Pferde sahen wir keine andren Festlichkeiten und obgleich heute mit dem
Korbanbairam zugleich der Mohamedanische Sabbath (Freitag) war, konnten
wir doch keine Spur von einer gottesdienstlichen Handlung bemerken.
Ueberhaupt sahen wir diese Kinder der Wüste fast niemals am Morgen oder
zu einer andern Zeit beten, nur beim Essen und beim Schlachten der
Thiere hörte man das Bis millah (in Gottes Namen).