Beschwerden des Wüstenlebens. Ich kann wohl sagen, daß mir dieser
Abend einer der lieblichsten und festlichsten während der ganzen
Reise vom Sinai nach Hebron gewesen ist. Denn außerdem daß der liebe
Sonnabend Abend etwas von den Kräften seiner Sabbathsstille auf die
innre wie auf die äußre Welt fallen ließ, war heute der Vorabend
von einem andern Fest meines Herzens; morgen, am 12ten März war ein
Gedenktag für dasselbe, der Geburtstag meines ältesten Enkels und der
Geburtstag von noch jemand der meiner Seele theuer ist. Das war aber
auch ein rechter Festvorabend; statt der Glocken, die um diese Zeit
am Samstag Abend in allen Dörflein den morgenden Sonntag verkündeten,
läutete uns denselben das Meer mit seinen Wogen ein, die laut an den
Felsen schlugen, und vor unsern Füßen hatten diese Wogen schon lange
vorher, ehe wir kamen, so reiche Festgeschenke ausgebreitet, daß wir
wohl bemerken konnten, daß wir hier in dem Audienzsaal eines reichen,
guten Königes stünden, wo einem zwar weder Bier noch Wasser gereicht
wird -- denn das würde sich für den Herrscher Neptunus nicht schicken,
wohl aber andre Gaben, die mehr werth sind als der köstlichste Wein
und alle Gerichte der Tafel. Hatte ich mir doch in meiner Jugend, da
mich die schönen buntfarbigen Conchylien so anlockten, oft sehnlichst
gewünscht einmal selber in der Gegend zu seyn wo diese blendend weiße
Mennonitentute, welche wegen des schönen Gewandes als Jungfrau (des
Meeres), als +Conus virgo+ benannt ist, wo die buntfarbigen
Porzelanschnecken des Indischen Meeres, wo die ächte Perlenmuschel
und die zarten Hyaläen zu Hauße sind; hier fand ich diese alle und
noch zehnmal mehr Arten als ich mir damals gewünscht, in solcher Fülle
beisammen, daß nicht etwa der Mangel des Materials, sondern nur der
Mangel des Tageslichtes, beim Einbruche der Nacht, dem Sammlen ein Ziel
setzte.
Der gekochte Reis, den wir heute zur Abend- (und Mittags-) Kost
genossen, schmeckte zwar etwas stark nach dem faulig-bittersalzigen
Wasser in welchem er bereitet war; die Vorräthe die uns aus der Hand
der guten Väter des Sinai (an Käse und Früchten) zugekommen waren,
hatten schon seit gestern ein Ende genommen, aber da die Seele sagte
ich bin sehr vergnügt, mußte der Leib auch sagen ich bin zufrieden.
Nach Sonnenuntergang erhub sich ein starker Wind; Sturm und Meer
spielten an den Felsenwänden und Klippen ein Lied dessen Weise
sie dem Donner der Wolken oder dem Brausen der Tiefe beim Erdbeben
abgelernt haben mochten; gerade heute, wo wir auf einer mehr denn sonst
geschützten Lagerstätte ruheten, sollten wir erfahren daß die Hütte
des Pilgrims, auch wenn sie hinter Felsenwänden stehet, eine leicht
bewegliche und vergängliche sey. Denn noch ehe der Tag grauete, gegen
drei Uhr des Morgens, riß der Sturmwind unser Zelt ab und warf es auf
uns, ohne jemand zu beschädigen. Es ist immer gut wenn die irdische
Hütte, worin der Pilgrimm wohnt, keine gar zu schwere und große ist;
wenn sie dann einmal zusammenbricht, thut der Fall dem Bewohner nicht
sehr weh. Wir selber konnten uns unter den Stangen und dicken leinenen
Wänden nicht herausarbeiten, aber die Beduinen halfen uns davon los
und wir konnten uns nun doch auch einmal den übrigen Theil der Nacht
hindurch recht nach Herzenslust von den Lebensodem des Sturmwindes
anfächeln lassen.
Sobald es Tag war giengen Einige von uns von neuem ans Meer um
nachzuschauen was für Neuigkeiten die Fluth aus ihrer Tiefe mitgebracht
habe. Der Sturm hatte sich gelegt; der Saum der Küste war mit den
schönsten Conchylien bedeckt. Erst kurz vor sieben Uhr waren unsre
Beduinen zum Aufbruch fertig; Mehrere von uns giengen zu Fuß; ich
wollte einen Richtweg mitten durch die Thalbucht nehmen, welche die
Kamele mit ihren Führern in einen weiten Umkreis umzogen, ich gerieth
aber so tief in den salzthonigen Schlammboden, der von weitem wie
weißer Sand aussahe, daß ich fast stecken blieb. Wir umzogen das
Vorgebirge, bei welchem wir vorige Nacht gelagert hatten, kamen durch
mehrere Thäler und Engpässe an einer sehr schmalen Meeresbucht
herum, die einem kleinen, stillen See glich und von schwärzlichen,
basaltischen Klippen umgeben war, dann wieder hinaus ans freie
Meeresufer, an welchem sich der mit Felsentrümmern bestreute, schmale
Weg hinzog. Schon an der Meeresbucht bei der wir am Anfang des
heutigen Tagmarsches vorbeikamen, noch mehr im weitern Verlauf des
Küstenweges, der bald über Klippen bald über ebenen Sand gieng, lagen
ganz besonders viele und frisch erhaltne Pharao-Kräuselschnecken; die
Hausfrau aber, sonst so schnell und thätig im Sammeln, wollte heute,
und wenn es Perlen der Kleopatra gewesen wären, keine auflesen, weil
es Sonntag war. An einer recht felsigen Stelle des Ufers stürzte Herr
+Dr.+ Roth vom Kamel, auf dessen Rückengepäck er wie die Beduinen
mit untergeschlagnen Beinen saß, weil Abdallah, der das Kamel meiner
Frau führte, jenes des +Dr.+ Roth plötzlich durch einen Schlag
antrieb und erschreckte. Gott hat ihn bei diesem Falle abermals vor
größerem Schaden bewahrt; er klagte aber doch sehr über Schmerz in der
Hüftgegend. Wir hatten diesen Vormittag eine unbeschreiblich schöne
Aussicht über das ganze Ende des Ailanitischen Meerbusens. Namentlich
konnten wir den steilen Gebirgspaß, südwärts vom Akabah deutlich
sehen, den der Arabische Name dieses Ortes andeutet, und welcher den
Mekkapilgrimen als ein so gefährlicher erscheint, daß sie, im Begriff
ihn herabzusteigen gewöhnlich ein Gebet, wie in Sterbensnöthen beten.
Um zehn Uhr kamen wir an der kleinen Insel Jezirat Pharaun, welche
Laborde Graia, unsre Beduinenführer aber Abu Sanira Unda el Galga
benannten, ganz nahe vorbei. Der Zwischenraum zwischen ihr und dem Ufer
auf dem wir stunden misset nur 120 Schritte (300 englische Fuß) und
das seichte klippenreiche Meer sieht sich so an als müßte man es zum
Theil durchwaten können. Die Insel besteht aus zwei rundlichen, etwa
anderthalb hundert Fuß hohen Hügeln, welche durch eine flache Landzunge
mit einander verbunden sind. Ihr ganzer Umfang ist von starken, jetzt
freilich an vielen Stellen zerbrochenen Mauern umschlossen; an jeder
der vier Ecken stehet ein viereckter Thurm in Sarazenischer (?)
Bauart, ähnlich den ältesten Mauerthürmen von Kairo. Um den Gipfel
des nördlichen Hügels läuft außer jener allgemeinen, tiefer am Meer
gelegnen, noch eine andre, besondre Mauer herum, welche an manchen
Stellen unmittelbar vom Rande des Felsenabhanges emporsteigt; diese
Mauer erhält durch ihre Thürmchen, Zinnen und Schießscharten ein gar
ritterlich ehrenvestes Aussehen. Innerhalb des Kreises dieser innren
Mauern der Nordseite sollen sich mehrere viereckige (auch für uns
erkennbare) Gebäude finden, welche durch dicke Mauern von einander
abgesondert sind. In den untern Räumen dieser Gebäude trafen Reisende,
denen das Glück ward die Insel zu besteigen, Säulen von Dorischer
Ordnung, so wie Bögen von großer Vollendung; unter dem Machwerk der
späteren Mauern bemerkten sie Trümmer von Marmortafeln und Säulen,
welche die Vermuthung rechtfertigen, daß dieses jüngere, noch jetzt
als imposante Ruine dastehende Gebäude auf der Stätte und aus den
Ueberresten eines älteren, ungleich prächtigeren sich erhoben habe.
Eben auf diesem nördlichen Hügel fanden jene Reisende (namentlich
Wellstedt) auch einige tief in den Felsen gehauene Cisternen. An
der Landzunge, welche beide Hügel verbindet, zeigen sich noch sehr
deutliche Spuren eines früher hier vorhandenen, künstlich von
Dämmen geschützten Hafens, dessen vormalige Tiefe freilich jetzt von
angeschwemmten Sande erfüllt ist. Die Bewohner der Umgegend schreiben
dieses ganze Bauwerk dem großen Sultan Jusuf (Saladin) zu; seine erste
Anlage gehört jedoch wahrscheinlich ungleich älteren Zeiten an; denn
diese Insel war, nach der Aeußerung des sachkundigen Wellsted, der
einzige günstige Punkt zum sichern Ankern der Schiffe im nördlichen
Theile des Meerbusens; die Vermuthung ist keine zu sehr gewagte: daß
hier die Stätte des alten Ezeongaber gewesen sey, in dessen Hafen
des glücklichen Königes Salomos Schiffe gebaut waren, und mit Ophirs
Schätzen beladen einliefen, Josaphats Fahrzeuge aber
zertrümmerten[102].
Gegen halb ein Uhr nach Mittag hatten wir das nördlichste Ende des
Ailanitischen Meerbusens erreicht; auf der Umbeugung unsers Weges von
Nord nach Ost brachten wir eine ganze Stunde zu, wobei wir zuletzt an
eine ansehnliche Palmenpflanzung kamen, in welcher viele alte Gemäuer
stehen. Von dort an wendete sich unser Weg an dem östlichen Ufer des
Meerbusens, der auf unsern früheren Landcharten so häufig falsch (wie
in zwei Spitzen auslaufend) gezeichnet ist, hinab gen Süden, und wir
brauchten gerade noch 20 Minuten, bis wir an das Thor des mitten
in einem reichen, schönen Palmenwald gelegenen Kastells von Akaba
kamen. Schon vor diesem Thore kam uns ein sehr verdächtig aussehendes
Gesindel entgegen; als wir hineintraten sahen wir uns alsbald von
einem neugierigen Gedränge von armselig gekleideten Männern, Frauen
und Kindern umringt. Wir erquickten uns vor allem an einem Trunk
Wassers, aus dem Brunnen des Schloßhofes. Nach einiger Zeit, die
sie wahrscheinlich gebraucht hatten um sich ein wenig in Staat zu
werfen, erschienen der Commandant der kleinen Festung, der Aga und
einige vermuthliche Offiziere. Der Commandant trug uns das Nachtlager
mitten im Hofraume, zwischen den hier stehenden Hütten und Baracken
der Soldatenfamilien an, da es aber dort überaus unsauber aussahe und
roch, und wir mit Recht den nächtlichen, unabwendbaren Ueberfall des
Ungeziefers fürchteten, zogen wir es vor unser Zelt außen am Meere,
im schönen Walde der Palmen aufzuschlagen. Unser guter Scheikh Hassan
und seine Beduinen machten sich, sobald sie die Sachen abgepackt
hatten sehr eilig davon; wie es uns schien eben so sehr aus Furcht vor
dem Commandanten, der es ihnen untersagt hatte uns weiter zu führen,
als vor dem misgünstigen Volke des Heywatstammes. Der Aga schickte
uns, bald nachdem wir unser Zelt aufgeschlagen hatten, ein Lamm zum
Geschenk, wobei es diesmal freilich, wie leicht vorauszusehen, auf
ein Gegengeschenk abgesehen war, das den Werth der Gabe weit überwog.
Bald nachher ließ der Commandant uns sagen, daß er, wenn wir nicht
im Hofe übernachten wollten, uns auf heute Nacht Soldaten zu unsrer
Bewachung, gegen die in hiesiger Gegend gar bösen Beduinen zusenden
wolle; wir ließen ihm wieder sagen wir seyen unsrer genug und wollten
uns gern selber bewachen. Wir hatten auch schon die Wachstunden unter
uns vertheilt; Freund Bernatz, der Maler, den das Loos der ersten Wache
traf, schritt schwer bewaffnet mit Flinte und Säbel, und mit grimmig
zu Boden blickender Miene umher; da kamen dennoch ungebeten zwölf
schlecht bewaffnete, meist nur mit einem Spieß versehene, sogenannte
Soldaten, und der graubärtige Alte, welcher heute schon mehrmalen
den Unterhändler zwischen uns und dem Commandanten gemacht hatte,
erklärte uns im Namen von diesem, daß, da wir durch einen Firman vom
Pascha empfohlen seyen, der Commandant von Akabah für unsre Sicherheit
haften müsse, darum dürften wir die Wache nicht zurückweisen. Die
zwölf Kriegsleute zündeten sich jetzt, mit den Pfeifen zugleich ein
Wachtfeuer an und machten einen Lärmen der fast einen Sterbenden am
Einschlafen hätte hindern können, besonders der Eine, der, wie es
schien gern singen wollte, statt des Gesanges aber nur ein Geschrei,
wie durch eine blecherne Dachrinne hervorbrachte.
Der Mensch bedarf in diesem Vaterlande aller wachsam erhaltenden
Elemente, deren eines der wohlbekannte Kaffee ist, nur sehr wenig
Schlummer, um dennoch für das Aufnehmen der Ströme der belebenden Wärme
und des Lichtes wieder empfänglich zu seyn. Wer auch nach einer fast
ganz schlaflosen Nacht in der Jahreszeit der Palmenblüthe heraustritt
unter diesen tiefblauen, Arabischen Himmel und seinen gewürzreichen
Duft einathmet, während im Wipfel der Bäume die orientalische
Nachtigal (Bull Bull) ihre laute, melodieenreiche Stimme erhebt, der
wird nicht mehr an die »schlechte« (schlaflose) Nacht, sondern nur
an den herrlichen Morgen und an die Lust des Wachens beim Licht des
Tages denken. Es war gut, daß wir diesen Frühlingsmorgen in einem der
schönsten Palmenwälder am rothen Meere noch recht sorgenlos und ruhig
genossen; denn bald kam so Manches, das die Ruhe stören wollte. Der
Commandant und der Aga des Kastells ließen uns, da wir auf unsern
Firman uns berufend, worinnen sogar die Zahl der zu liefernden Kamele
bestimmt war, auf schleunige Förderung drangen, heraussagen, es seyen
keine Kamele vorhanden, und als wir erwiederten, daß wir bei unsrer
Ankunft eine mehr als nöthige Zahl dieser Thiere, nahe bei dem Kastell
auf der Weide gesehen hätten, antwortete man uns, daß diese Kamele das
Eigenthum eines sehr verdächtigen Beduinenstammes seyen; mit diesen
könne man uns, wegen der Verantwortlichkeit gegen den Pascha nicht
ziehen lassen, man habe aber bereits einen Boten abgesendet, nordwärts
hinauf nach der Araba, nach andern Kamelen und sichreren Führer, welche
freilich erst binnen etlichen Tagen hier eintreffen könnten. Wir
mußten uns, da wir ganz in der Gewalt der Leute waren, in jedem Fall
auf einen Verzug von etlichen Tagen gefaßt machen, deshalb beschlossen
wir die Zeit so gut zu benützen als möglich. Mit +Dr.+ Erdl und
Herrn Franz ergieng ich mich noch in den Stunden des Vormittages an
der östlichen Küste des Meerbusens hinab nach Süden. Nach etwa drei
Viertelstunden Weges kamen wir an einer auf dem vorspringenden Felsen
gelegenen, wie uns schien jetzt ganz verlassenen Ruine, dem Kaßer el
Bedawy vorüber. Am Meere hingehend fanden wir Vieles das für uns sehr
werthvoll war, unter anderm auch die in unzählbarer Menge, zwischen
dem Seegras des Strandes aufgehäuft liegenden, zarten, durchsichtigen
Gehäuse einer kleinen Hyalea[103]. Zuletzt kam ich noch einsam
vorwärts gehend auf eine Felsenbank die ganz aus Breccie gebildet ist.
Hier lag ganz am Rande eine Seeschildkröte von mittlerer Größe, wie es
schien schlafend, am Strahl der Sonne. Ich nahete mich so leise als
möglich, als ich aber zugreifen wollte stürzte sich das Thier ins Meer,
und da ich in die für mein Auge unergründbare Tiefe hinunter sahe war
ich froh, daß meine Hand zu langsam gewesen, denn meine Beute wäre
stärker gewesen als ich und hätte mich wahrscheinlich mit sich genommen
in ihr Element, das nicht das meinige ist.
Als ich so noch einige Augenblicke sinnend auf der Felsenbank stund
und dem Hall der Brandung zuhörte, welche der Nordwind zwischen die
Klüfte trieb, da ergriff mich ein Gefühl von ganz besondrer Art und
Kraft. Es waren nur wenige Minuten, welche der mächtige Eindruck
gebrauchte, um in mir eine Welt der Erinnerungen zu erzeugen, die bis
ans Ende des Lebens in unzerstörbarer Frische fortwähren wird. Mir
gegenüber und ganz nahe, von dem Glanze der Mittagssonne erhellt,
lagen die sonderbaren Ruinen der Felseninsel Jezirat Pharaun, an denen
die Herrscher Jdumäa's und Israëls, so wie die früheren und späteren
Machthaber Aegyptens gebaut haben; über die andren Ruinen im Meere,
welche nordostwärts von der Insel wie weißes Gebein über die Klippen
ragen, flog lautschreiend eine Schaar von Möwen; in Norden grünten
die Palmenwälder von Akaba, hinter mir, fast in Osten, zog der steile
Felsenpfad der Pilgrime über das Gebirge; in Westen eröffnete das
Gebirge der Einöde Tyh -- der Wüste der Verirrungen, die Riesenthore
seiner Grabstätten. In solchen Gegenden wie diese da, aus denen die
Gegenwart hinausgezogen, und nur ein Namenszug der Vergangenheit an den
oft mit Blute befleckten Felsen zurückgeblieben ist, hat nicht selten
ein Geist der Weissagung seine Wohnstätte, der mit den Kräften des
Adlers die Natur des nächtlichen Todtenvogels vereint. Sein Wesen ist
nicht für den hellen Glanz der Sonne, sondern für das Licht des Mondes
gemacht, aber wie der Zug des Mondes, zur Zeit seines vollen Lichtes
die Fluthen des Meeres, so bewegt der Schlag seiner Adlerschwingen
ganze Völker und Zeiten. Es ist dieß der mächtige und dennoch
nächtliche Geist, mit welchem der Prophet angethan war, dessen Lehre
von diesem Lande aufstieg »wie ein Rauch eines sehr großen Ofens,« und
verfinsterte die Sonne und die Luft. Fliege du nur deinen Flug, du
nächtlicher Adler, noch Heute und Morgen, auch aus dem Rauche deines
Ofens ziehet sich eine Wetterwolke zusammen, deren Sturm und Blitz und
Donner die Luft reinigen, und die Heuschrecken im Lande des Westens wie
des Ostens tödten wird. -- Meine Seele athmete in diesem Augenblick
eine reine Luft der Berge, von denen die Hülfe kommt, bekleidet von dem
Dufte der Gewürzgärten Arabiens; das Heimweh nach jener Herrlichkeit,
welche einst offenbart werden soll, trug mich im Geiste über das Meer;
hätte in diesem Augenblick mein unkräftiges, oberflächliches Sinnen den
tiefen Ernst eines Sokrates anzuziehen vermocht ich wäre da, versenkt
in Gedanken stehen geblieben, bis zum Aufgang des andern Tages. So aber
erhub ich meine Füße und eilte zu den beiden Freunden zurück, die in
einiger Entfernung auf mich warteten. Wie ein tief ergreifendes Lied
aber, das die Orgel des Domes anstimmte und die Gemeine sang tönte in
meinem Innren das nach, was ich, stehend auf der Felsenzinne am Meere
empfunden, und noch jetzt vernimmt mein Gemüth aus jener Stunde die
Melodie eines Liedes der Wächter.
Es waren eben die heißesten Stunden des Tages, da wir an der Ruine des
sogenannten Beduinenschlosses vorüber auf die Palmenwälder zugiengen,
aber ein kräftiger Nordwind kühlte die Luft. Wie schön ist doch
Arabien, sprach ich zu den jungen Freunden und sie stimmten von Herzen
in das Lob ein, obwohl sich in den Genuß bald etwas Störendes mischte,
da wir hinter dem Felsen einige Beduinen hervortreten sahen, von so
wildem Aussehen als uns noch keine vorgekommen waren. Sie gehörten zum
Geschlecht jener Mordräuber, die noch vor wenig Jahrzehnten die Gegend
ostwärts von Akaba für den Reisenden unzugänglich machten. Wir durften
ruhig seyn, denn nicht die beiden Flinten, welche meine Freunde trugen,
auch nicht der Firmam des Paschas, sondern ein Firmum der höheren Art
war es, unter dessen Panier wir sicher reisten.
Bei unsrer Zurückkunft zum Zelt fanden wir einen Handelsverkehr
entsponnen, der uns viel Unterhaltung gewährte. Ein alter Beduine, von
noch immer kräftiger Gestalt, aus dem Stamme Omram (?) hatte sich,
da er auch für die Bewohner des Kastelles dies Geschäft besorgt,
erboten uns Fische zu fangen, nicht für Geld sondern für Racky oder
Branntwein, zu welchen er als Bekenner des Islams einen gesetzwidrigen
Hang hatte. Da wir selber von diesem Getränk nur einen äußerst geringen
Vorrath hatten, konnten wir ihm nur Geld und etwa einen Schluck zur
Erquickung auf seine nasse Arbeit versprechen, die allerdings, wie
er uns dieß auseinandersetzte, keine ganz leichte seyn mochte; denn
da in dieser ganzen Küstengegend kein einziger Kahn ist, auf welchem
der Fischer hinausfahren könnte ins Meer, muß derselbe, öfters bis an
die Brust tief in das Wasser des Küstensaumes hinein waten, um die
Fische in sein Netz zu bekommen. Diese sind aber auch hier in solchen
Schaaren vorhanden, daß ein einziges Boot, von geschickten und mit
guten Werkzeugen versehenen Fischern bemannt, den ganzen Markt von
Genua mit Nahrungsfülle versorgen könnte. Außer dem alten Fischer waren
auch andre Leute mit schönen Conchylien gekommen, die wir wohlfeilen
Kaufes für die Münchner Sammlung erhandelten. Wir selber aber hatten
am Ufer einen Cidarites (Art von Seeigel) von ganz besondrer Größe und
Schönheit gefunden, dem noch alle seine fingerdicken Stacheln ansaßen.
Wie und worinnen sollten wir das prachtvolle Stück fortbringen? Die
gute Hausfrau schaffte Rath. Ihr Staatsreisehut war in einer eignen
Schachtel, die der Cidaris gerade ausfüllte. Einer Pilgerin genügt auch
der Strohhut und wozu braucht man in der Wüste und in Jerusalem den
carmoisinrothen Kopfschirm? Dieser wurde denn herausgethan, der Cidaris
aber hinein.
Abd-er-Wacheds und Mohameds, der beiden Arabischen Knechte Kochkunst,
die sich am Fleische des Lammes bewiesen, erhielt heute, von uns
Hungernden, das wohlverdiente Lob; das Cisternenwasser aus dem
Kastell war vortrefflich und wer einen Nachtisch begehrte, der konnte
sich an der Küste einige der hier häufigen wohlschmeckenden Austern
auflesen. Nur das Brod aus Akaba war wegen des scharfen, mistartigen
Beigeschmackes und wegen seines Aussehens keine angenehme Kost.
Nach Tische hätte man gerne, auf die zwei vorhergegangenen unruhigen
Nächte ein wenig geschlafen. Aber weil wir gestern, um uns bei den
Arnauten, aus denen der größte Theil der Besatzung des Schlosses
besteht und bei den Beduinen in Respekt zu setzen, viel mit unsern
Gewehren geschossen hatten, mußten wir uns gefallen lassen, daß heute
auch jene uns ihre Kunst im Flintenfeuer zeigten; die Soldaten schossen
ganz nahe bei unsrem Zelte nach einem Ziele, und ich meine sie trafen
mit ihren alten Gewehren besser, denn wir mit unsern neuen. Bei diesem
Lärmen, der durch das laute Geschrei der Schützen noch sehr vermehrt
wurde, dauerte mich am meisten unser lieber +Dr.+ Roth, der noch
immer an den Folgen seines gestrigen Falles leidend, darnieder lag.
Man mußte sich übrigens bei den Soldaten für dieses laute Possenspiel
noch bedanken, denn sie hatten, halb europäisch in Tuchjacken und Hosen
gekleidet, ihre beste Kleidung angelegt, die freilich fast bei Jedem
von andrer Farbe und auch an einem und demselben Krieger, wegen der
späteren An- und Zusätze der neuen Lappen von sehr verschiednem Colorit
war.