An solchem Ort wie dieser vergißt man übrigens bald der kleinen

Beschwerden des Wüstenlebens. Ich kann wohl sagen, daß mir dieser

Abend einer der lieblichsten und festlichsten während der ganzen

Reise vom Sinai nach Hebron gewesen ist. Denn außerdem daß der liebe

Sonnabend Abend etwas von den Kräften seiner Sabbathsstille auf die

innre wie auf die äußre Welt fallen ließ, war heute der Vorabend

von einem andern Fest meines Herzens; morgen, am 12ten März war ein

Gedenktag für dasselbe, der Geburtstag meines ältesten Enkels und der

Geburtstag von noch jemand der meiner Seele theuer ist. Das war aber

auch ein rechter Festvorabend; statt der Glocken, die um diese Zeit

am Samstag Abend in allen Dörflein den morgenden Sonntag verkündeten,

läutete uns denselben das Meer mit seinen Wogen ein, die laut an den

Felsen schlugen, und vor unsern Füßen hatten diese Wogen schon lange

vorher, ehe wir kamen, so reiche Festgeschenke ausgebreitet, daß wir

wohl bemerken konnten, daß wir hier in dem Audienzsaal eines reichen,

guten Königes stünden, wo einem zwar weder Bier noch Wasser gereicht

wird -- denn das würde sich für den Herrscher Neptunus nicht schicken,

wohl aber andre Gaben, die mehr werth sind als der köstlichste Wein

und alle Gerichte der Tafel. Hatte ich mir doch in meiner Jugend, da

mich die schönen buntfarbigen Conchylien so anlockten, oft sehnlichst

gewünscht einmal selber in der Gegend zu seyn wo diese blendend weiße

Mennonitentute, welche wegen des schönen Gewandes als Jungfrau (des

Meeres), als +Conus virgo+ benannt ist, wo die buntfarbigen

Porzelanschnecken des Indischen Meeres, wo die ächte Perlenmuschel

und die zarten Hyaläen zu Hauße sind; hier fand ich diese alle und

noch zehnmal mehr Arten als ich mir damals gewünscht, in solcher Fülle

beisammen, daß nicht etwa der Mangel des Materials, sondern nur der

Mangel des Tageslichtes, beim Einbruche der Nacht, dem Sammlen ein Ziel

setzte.

Der gekochte Reis, den wir heute zur Abend- (und Mittags-) Kost

genossen, schmeckte zwar etwas stark nach dem faulig-bittersalzigen

Wasser in welchem er bereitet war; die Vorräthe die uns aus der Hand

der guten Väter des Sinai (an Käse und Früchten) zugekommen waren,

hatten schon seit gestern ein Ende genommen, aber da die Seele sagte

ich bin sehr vergnügt, mußte der Leib auch sagen ich bin zufrieden.

Nach Sonnenuntergang erhub sich ein starker Wind; Sturm und Meer

spielten an den Felsenwänden und Klippen ein Lied dessen Weise

sie dem Donner der Wolken oder dem Brausen der Tiefe beim Erdbeben

abgelernt haben mochten; gerade heute, wo wir auf einer mehr denn sonst

geschützten Lagerstätte ruheten, sollten wir erfahren daß die Hütte

des Pilgrims, auch wenn sie hinter Felsenwänden stehet, eine leicht

bewegliche und vergängliche sey. Denn noch ehe der Tag grauete, gegen

drei Uhr des Morgens, riß der Sturmwind unser Zelt ab und warf es auf

uns, ohne jemand zu beschädigen. Es ist immer gut wenn die irdische

Hütte, worin der Pilgrimm wohnt, keine gar zu schwere und große ist;

wenn sie dann einmal zusammenbricht, thut der Fall dem Bewohner nicht

sehr weh. Wir selber konnten uns unter den Stangen und dicken leinenen

Wänden nicht herausarbeiten, aber die Beduinen halfen uns davon los

und wir konnten uns nun doch auch einmal den übrigen Theil der Nacht

hindurch recht nach Herzenslust von den Lebensodem des Sturmwindes

anfächeln lassen.

Sobald es Tag war giengen Einige von uns von neuem ans Meer um

nachzuschauen was für Neuigkeiten die Fluth aus ihrer Tiefe mitgebracht

habe. Der Sturm hatte sich gelegt; der Saum der Küste war mit den

schönsten Conchylien bedeckt. Erst kurz vor sieben Uhr waren unsre

Beduinen zum Aufbruch fertig; Mehrere von uns giengen zu Fuß; ich

wollte einen Richtweg mitten durch die Thalbucht nehmen, welche die

Kamele mit ihren Führern in einen weiten Umkreis umzogen, ich gerieth

aber so tief in den salzthonigen Schlammboden, der von weitem wie

weißer Sand aussahe, daß ich fast stecken blieb. Wir umzogen das

Vorgebirge, bei welchem wir vorige Nacht gelagert hatten, kamen durch

mehrere Thäler und Engpässe an einer sehr schmalen Meeresbucht

herum, die einem kleinen, stillen See glich und von schwärzlichen,

basaltischen Klippen umgeben war, dann wieder hinaus ans freie

Meeresufer, an welchem sich der mit Felsentrümmern bestreute, schmale

Weg hinzog. Schon an der Meeresbucht bei der wir am Anfang des

heutigen Tagmarsches vorbeikamen, noch mehr im weitern Verlauf des

Küstenweges, der bald über Klippen bald über ebenen Sand gieng, lagen

ganz besonders viele und frisch erhaltne Pharao-Kräuselschnecken; die

Hausfrau aber, sonst so schnell und thätig im Sammeln, wollte heute,

und wenn es Perlen der Kleopatra gewesen wären, keine auflesen, weil

es Sonntag war. An einer recht felsigen Stelle des Ufers stürzte Herr

+Dr.+ Roth vom Kamel, auf dessen Rückengepäck er wie die Beduinen

mit untergeschlagnen Beinen saß, weil Abdallah, der das Kamel meiner

Frau führte, jenes des +Dr.+ Roth plötzlich durch einen Schlag

antrieb und erschreckte. Gott hat ihn bei diesem Falle abermals vor

größerem Schaden bewahrt; er klagte aber doch sehr über Schmerz in der

Hüftgegend. Wir hatten diesen Vormittag eine unbeschreiblich schöne

Aussicht über das ganze Ende des Ailanitischen Meerbusens. Namentlich

konnten wir den steilen Gebirgspaß, südwärts vom Akabah deutlich

sehen, den der Arabische Name dieses Ortes andeutet, und welcher den

Mekkapilgrimen als ein so gefährlicher erscheint, daß sie, im Begriff

ihn herabzusteigen gewöhnlich ein Gebet, wie in Sterbensnöthen beten.

Um zehn Uhr kamen wir an der kleinen Insel Jezirat Pharaun, welche

Laborde Graia, unsre Beduinenführer aber Abu Sanira Unda el Galga

benannten, ganz nahe vorbei. Der Zwischenraum zwischen ihr und dem Ufer

auf dem wir stunden misset nur 120 Schritte (300 englische Fuß) und

das seichte klippenreiche Meer sieht sich so an als müßte man es zum

Theil durchwaten können. Die Insel besteht aus zwei rundlichen, etwa

anderthalb hundert Fuß hohen Hügeln, welche durch eine flache Landzunge

mit einander verbunden sind. Ihr ganzer Umfang ist von starken, jetzt

freilich an vielen Stellen zerbrochenen Mauern umschlossen; an jeder

der vier Ecken stehet ein viereckter Thurm in Sarazenischer (?)

Bauart, ähnlich den ältesten Mauerthürmen von Kairo. Um den Gipfel

des nördlichen Hügels läuft außer jener allgemeinen, tiefer am Meer

gelegnen, noch eine andre, besondre Mauer herum, welche an manchen

Stellen unmittelbar vom Rande des Felsenabhanges emporsteigt; diese

Mauer erhält durch ihre Thürmchen, Zinnen und Schießscharten ein gar

ritterlich ehrenvestes Aussehen. Innerhalb des Kreises dieser innren

Mauern der Nordseite sollen sich mehrere viereckige (auch für uns

erkennbare) Gebäude finden, welche durch dicke Mauern von einander

abgesondert sind. In den untern Räumen dieser Gebäude trafen Reisende,

denen das Glück ward die Insel zu besteigen, Säulen von Dorischer

Ordnung, so wie Bögen von großer Vollendung; unter dem Machwerk der

späteren Mauern bemerkten sie Trümmer von Marmortafeln und Säulen,

welche die Vermuthung rechtfertigen, daß dieses jüngere, noch jetzt

als imposante Ruine dastehende Gebäude auf der Stätte und aus den

Ueberresten eines älteren, ungleich prächtigeren sich erhoben habe.

Eben auf diesem nördlichen Hügel fanden jene Reisende (namentlich

Wellstedt) auch einige tief in den Felsen gehauene Cisternen. An

der Landzunge, welche beide Hügel verbindet, zeigen sich noch sehr

deutliche Spuren eines früher hier vorhandenen, künstlich von

Dämmen geschützten Hafens, dessen vormalige Tiefe freilich jetzt von

angeschwemmten Sande erfüllt ist. Die Bewohner der Umgegend schreiben

dieses ganze Bauwerk dem großen Sultan Jusuf (Saladin) zu; seine erste

Anlage gehört jedoch wahrscheinlich ungleich älteren Zeiten an; denn

diese Insel war, nach der Aeußerung des sachkundigen Wellsted, der

einzige günstige Punkt zum sichern Ankern der Schiffe im nördlichen

Theile des Meerbusens; die Vermuthung ist keine zu sehr gewagte: daß

hier die Stätte des alten Ezeongaber gewesen sey, in dessen Hafen

des glücklichen Königes Salomos Schiffe gebaut waren, und mit Ophirs

Schätzen beladen einliefen, Josaphats Fahrzeuge aber

zertrümmerten[102].

Gegen halb ein Uhr nach Mittag hatten wir das nördlichste Ende des

Ailanitischen Meerbusens erreicht; auf der Umbeugung unsers Weges von

Nord nach Ost brachten wir eine ganze Stunde zu, wobei wir zuletzt an

eine ansehnliche Palmenpflanzung kamen, in welcher viele alte Gemäuer

stehen. Von dort an wendete sich unser Weg an dem östlichen Ufer des

Meerbusens, der auf unsern früheren Landcharten so häufig falsch (wie

in zwei Spitzen auslaufend) gezeichnet ist, hinab gen Süden, und wir

brauchten gerade noch 20 Minuten, bis wir an das Thor des mitten

in einem reichen, schönen Palmenwald gelegenen Kastells von Akaba

kamen. Schon vor diesem Thore kam uns ein sehr verdächtig aussehendes

Gesindel entgegen; als wir hineintraten sahen wir uns alsbald von

einem neugierigen Gedränge von armselig gekleideten Männern, Frauen

und Kindern umringt. Wir erquickten uns vor allem an einem Trunk

Wassers, aus dem Brunnen des Schloßhofes. Nach einiger Zeit, die

sie wahrscheinlich gebraucht hatten um sich ein wenig in Staat zu

werfen, erschienen der Commandant der kleinen Festung, der Aga und

einige vermuthliche Offiziere. Der Commandant trug uns das Nachtlager

mitten im Hofraume, zwischen den hier stehenden Hütten und Baracken

der Soldatenfamilien an, da es aber dort überaus unsauber aussahe und

roch, und wir mit Recht den nächtlichen, unabwendbaren Ueberfall des

Ungeziefers fürchteten, zogen wir es vor unser Zelt außen am Meere,

im schönen Walde der Palmen aufzuschlagen. Unser guter Scheikh Hassan

und seine Beduinen machten sich, sobald sie die Sachen abgepackt

hatten sehr eilig davon; wie es uns schien eben so sehr aus Furcht vor

dem Commandanten, der es ihnen untersagt hatte uns weiter zu führen,

als vor dem misgünstigen Volke des Heywatstammes. Der Aga schickte

uns, bald nachdem wir unser Zelt aufgeschlagen hatten, ein Lamm zum

Geschenk, wobei es diesmal freilich, wie leicht vorauszusehen, auf

ein Gegengeschenk abgesehen war, das den Werth der Gabe weit überwog.

Bald nachher ließ der Commandant uns sagen, daß er, wenn wir nicht

im Hofe übernachten wollten, uns auf heute Nacht Soldaten zu unsrer

Bewachung, gegen die in hiesiger Gegend gar bösen Beduinen zusenden

wolle; wir ließen ihm wieder sagen wir seyen unsrer genug und wollten

uns gern selber bewachen. Wir hatten auch schon die Wachstunden unter

uns vertheilt; Freund Bernatz, der Maler, den das Loos der ersten Wache

traf, schritt schwer bewaffnet mit Flinte und Säbel, und mit grimmig

zu Boden blickender Miene umher; da kamen dennoch ungebeten zwölf

schlecht bewaffnete, meist nur mit einem Spieß versehene, sogenannte

Soldaten, und der graubärtige Alte, welcher heute schon mehrmalen

den Unterhändler zwischen uns und dem Commandanten gemacht hatte,

erklärte uns im Namen von diesem, daß, da wir durch einen Firman vom

Pascha empfohlen seyen, der Commandant von Akabah für unsre Sicherheit

haften müsse, darum dürften wir die Wache nicht zurückweisen. Die

zwölf Kriegsleute zündeten sich jetzt, mit den Pfeifen zugleich ein

Wachtfeuer an und machten einen Lärmen der fast einen Sterbenden am

Einschlafen hätte hindern können, besonders der Eine, der, wie es

schien gern singen wollte, statt des Gesanges aber nur ein Geschrei,

wie durch eine blecherne Dachrinne hervorbrachte.

Der Mensch bedarf in diesem Vaterlande aller wachsam erhaltenden

Elemente, deren eines der wohlbekannte Kaffee ist, nur sehr wenig

Schlummer, um dennoch für das Aufnehmen der Ströme der belebenden Wärme

und des Lichtes wieder empfänglich zu seyn. Wer auch nach einer fast

ganz schlaflosen Nacht in der Jahreszeit der Palmenblüthe heraustritt

unter diesen tiefblauen, Arabischen Himmel und seinen gewürzreichen

Duft einathmet, während im Wipfel der Bäume die orientalische

Nachtigal (Bull Bull) ihre laute, melodieenreiche Stimme erhebt, der

wird nicht mehr an die »schlechte« (schlaflose) Nacht, sondern nur

an den herrlichen Morgen und an die Lust des Wachens beim Licht des

Tages denken. Es war gut, daß wir diesen Frühlingsmorgen in einem der

schönsten Palmenwälder am rothen Meere noch recht sorgenlos und ruhig

genossen; denn bald kam so Manches, das die Ruhe stören wollte. Der

Commandant und der Aga des Kastells ließen uns, da wir auf unsern

Firman uns berufend, worinnen sogar die Zahl der zu liefernden Kamele

bestimmt war, auf schleunige Förderung drangen, heraussagen, es seyen

keine Kamele vorhanden, und als wir erwiederten, daß wir bei unsrer

Ankunft eine mehr als nöthige Zahl dieser Thiere, nahe bei dem Kastell

auf der Weide gesehen hätten, antwortete man uns, daß diese Kamele das

Eigenthum eines sehr verdächtigen Beduinenstammes seyen; mit diesen

könne man uns, wegen der Verantwortlichkeit gegen den Pascha nicht

ziehen lassen, man habe aber bereits einen Boten abgesendet, nordwärts

hinauf nach der Araba, nach andern Kamelen und sichreren Führer, welche

freilich erst binnen etlichen Tagen hier eintreffen könnten. Wir

mußten uns, da wir ganz in der Gewalt der Leute waren, in jedem Fall

auf einen Verzug von etlichen Tagen gefaßt machen, deshalb beschlossen

wir die Zeit so gut zu benützen als möglich. Mit +Dr.+ Erdl und

Herrn Franz ergieng ich mich noch in den Stunden des Vormittages an

der östlichen Küste des Meerbusens hinab nach Süden. Nach etwa drei

Viertelstunden Weges kamen wir an einer auf dem vorspringenden Felsen

gelegenen, wie uns schien jetzt ganz verlassenen Ruine, dem Kaßer el

Bedawy vorüber. Am Meere hingehend fanden wir Vieles das für uns sehr

werthvoll war, unter anderm auch die in unzählbarer Menge, zwischen

dem Seegras des Strandes aufgehäuft liegenden, zarten, durchsichtigen

Gehäuse einer kleinen Hyalea[103]. Zuletzt kam ich noch einsam

vorwärts gehend auf eine Felsenbank die ganz aus Breccie gebildet ist.

Hier lag ganz am Rande eine Seeschildkröte von mittlerer Größe, wie es

schien schlafend, am Strahl der Sonne. Ich nahete mich so leise als

möglich, als ich aber zugreifen wollte stürzte sich das Thier ins Meer,

und da ich in die für mein Auge unergründbare Tiefe hinunter sahe war

ich froh, daß meine Hand zu langsam gewesen, denn meine Beute wäre

stärker gewesen als ich und hätte mich wahrscheinlich mit sich genommen

in ihr Element, das nicht das meinige ist.

Als ich so noch einige Augenblicke sinnend auf der Felsenbank stund

und dem Hall der Brandung zuhörte, welche der Nordwind zwischen die

Klüfte trieb, da ergriff mich ein Gefühl von ganz besondrer Art und

Kraft. Es waren nur wenige Minuten, welche der mächtige Eindruck

gebrauchte, um in mir eine Welt der Erinnerungen zu erzeugen, die bis

ans Ende des Lebens in unzerstörbarer Frische fortwähren wird. Mir

gegenüber und ganz nahe, von dem Glanze der Mittagssonne erhellt,

lagen die sonderbaren Ruinen der Felseninsel Jezirat Pharaun, an denen

die Herrscher Jdumäa's und Israëls, so wie die früheren und späteren

Machthaber Aegyptens gebaut haben; über die andren Ruinen im Meere,

welche nordostwärts von der Insel wie weißes Gebein über die Klippen

ragen, flog lautschreiend eine Schaar von Möwen; in Norden grünten

die Palmenwälder von Akaba, hinter mir, fast in Osten, zog der steile

Felsenpfad der Pilgrime über das Gebirge; in Westen eröffnete das

Gebirge der Einöde Tyh -- der Wüste der Verirrungen, die Riesenthore

seiner Grabstätten. In solchen Gegenden wie diese da, aus denen die

Gegenwart hinausgezogen, und nur ein Namenszug der Vergangenheit an den

oft mit Blute befleckten Felsen zurückgeblieben ist, hat nicht selten

ein Geist der Weissagung seine Wohnstätte, der mit den Kräften des

Adlers die Natur des nächtlichen Todtenvogels vereint. Sein Wesen ist

nicht für den hellen Glanz der Sonne, sondern für das Licht des Mondes

gemacht, aber wie der Zug des Mondes, zur Zeit seines vollen Lichtes

die Fluthen des Meeres, so bewegt der Schlag seiner Adlerschwingen

ganze Völker und Zeiten. Es ist dieß der mächtige und dennoch

nächtliche Geist, mit welchem der Prophet angethan war, dessen Lehre

von diesem Lande aufstieg »wie ein Rauch eines sehr großen Ofens,« und

verfinsterte die Sonne und die Luft. Fliege du nur deinen Flug, du

nächtlicher Adler, noch Heute und Morgen, auch aus dem Rauche deines

Ofens ziehet sich eine Wetterwolke zusammen, deren Sturm und Blitz und

Donner die Luft reinigen, und die Heuschrecken im Lande des Westens wie

des Ostens tödten wird. -- Meine Seele athmete in diesem Augenblick

eine reine Luft der Berge, von denen die Hülfe kommt, bekleidet von dem

Dufte der Gewürzgärten Arabiens; das Heimweh nach jener Herrlichkeit,

welche einst offenbart werden soll, trug mich im Geiste über das Meer;

hätte in diesem Augenblick mein unkräftiges, oberflächliches Sinnen den

tiefen Ernst eines Sokrates anzuziehen vermocht ich wäre da, versenkt

in Gedanken stehen geblieben, bis zum Aufgang des andern Tages. So aber

erhub ich meine Füße und eilte zu den beiden Freunden zurück, die in

einiger Entfernung auf mich warteten. Wie ein tief ergreifendes Lied

aber, das die Orgel des Domes anstimmte und die Gemeine sang tönte in

meinem Innren das nach, was ich, stehend auf der Felsenzinne am Meere

empfunden, und noch jetzt vernimmt mein Gemüth aus jener Stunde die

Melodie eines Liedes der Wächter.

Es waren eben die heißesten Stunden des Tages, da wir an der Ruine des

sogenannten Beduinenschlosses vorüber auf die Palmenwälder zugiengen,

aber ein kräftiger Nordwind kühlte die Luft. Wie schön ist doch

Arabien, sprach ich zu den jungen Freunden und sie stimmten von Herzen

in das Lob ein, obwohl sich in den Genuß bald etwas Störendes mischte,

da wir hinter dem Felsen einige Beduinen hervortreten sahen, von so

wildem Aussehen als uns noch keine vorgekommen waren. Sie gehörten zum

Geschlecht jener Mordräuber, die noch vor wenig Jahrzehnten die Gegend

ostwärts von Akaba für den Reisenden unzugänglich machten. Wir durften

ruhig seyn, denn nicht die beiden Flinten, welche meine Freunde trugen,

auch nicht der Firmam des Paschas, sondern ein Firmum der höheren Art

war es, unter dessen Panier wir sicher reisten.

Bei unsrer Zurückkunft zum Zelt fanden wir einen Handelsverkehr

entsponnen, der uns viel Unterhaltung gewährte. Ein alter Beduine, von

noch immer kräftiger Gestalt, aus dem Stamme Omram (?) hatte sich,

da er auch für die Bewohner des Kastelles dies Geschäft besorgt,

erboten uns Fische zu fangen, nicht für Geld sondern für Racky oder

Branntwein, zu welchen er als Bekenner des Islams einen gesetzwidrigen

Hang hatte. Da wir selber von diesem Getränk nur einen äußerst geringen

Vorrath hatten, konnten wir ihm nur Geld und etwa einen Schluck zur

Erquickung auf seine nasse Arbeit versprechen, die allerdings, wie

er uns dieß auseinandersetzte, keine ganz leichte seyn mochte; denn

da in dieser ganzen Küstengegend kein einziger Kahn ist, auf welchem

der Fischer hinausfahren könnte ins Meer, muß derselbe, öfters bis an

die Brust tief in das Wasser des Küstensaumes hinein waten, um die

Fische in sein Netz zu bekommen. Diese sind aber auch hier in solchen

Schaaren vorhanden, daß ein einziges Boot, von geschickten und mit

guten Werkzeugen versehenen Fischern bemannt, den ganzen Markt von

Genua mit Nahrungsfülle versorgen könnte. Außer dem alten Fischer waren

auch andre Leute mit schönen Conchylien gekommen, die wir wohlfeilen

Kaufes für die Münchner Sammlung erhandelten. Wir selber aber hatten

am Ufer einen Cidarites (Art von Seeigel) von ganz besondrer Größe und

Schönheit gefunden, dem noch alle seine fingerdicken Stacheln ansaßen.

Wie und worinnen sollten wir das prachtvolle Stück fortbringen? Die

gute Hausfrau schaffte Rath. Ihr Staatsreisehut war in einer eignen

Schachtel, die der Cidaris gerade ausfüllte. Einer Pilgerin genügt auch

der Strohhut und wozu braucht man in der Wüste und in Jerusalem den

carmoisinrothen Kopfschirm? Dieser wurde denn herausgethan, der Cidaris

aber hinein.

Abd-er-Wacheds und Mohameds, der beiden Arabischen Knechte Kochkunst,

die sich am Fleische des Lammes bewiesen, erhielt heute, von uns

Hungernden, das wohlverdiente Lob; das Cisternenwasser aus dem

Kastell war vortrefflich und wer einen Nachtisch begehrte, der konnte

sich an der Küste einige der hier häufigen wohlschmeckenden Austern

auflesen. Nur das Brod aus Akaba war wegen des scharfen, mistartigen

Beigeschmackes und wegen seines Aussehens keine angenehme Kost.

Nach Tische hätte man gerne, auf die zwei vorhergegangenen unruhigen

Nächte ein wenig geschlafen. Aber weil wir gestern, um uns bei den

Arnauten, aus denen der größte Theil der Besatzung des Schlosses

besteht und bei den Beduinen in Respekt zu setzen, viel mit unsern

Gewehren geschossen hatten, mußten wir uns gefallen lassen, daß heute

auch jene uns ihre Kunst im Flintenfeuer zeigten; die Soldaten schossen

ganz nahe bei unsrem Zelte nach einem Ziele, und ich meine sie trafen

mit ihren alten Gewehren besser, denn wir mit unsern neuen. Bei diesem

Lärmen, der durch das laute Geschrei der Schützen noch sehr vermehrt

wurde, dauerte mich am meisten unser lieber +Dr.+ Roth, der noch

immer an den Folgen seines gestrigen Falles leidend, darnieder lag.

Man mußte sich übrigens bei den Soldaten für dieses laute Possenspiel

noch bedanken, denn sie hatten, halb europäisch in Tuchjacken und Hosen

gekleidet, ihre beste Kleidung angelegt, die freilich fast bei Jedem

von andrer Farbe und auch an einem und demselben Krieger, wegen der

späteren An- und Zusätze der neuen Lappen von sehr verschiednem Colorit

war.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 26 / 42 段