quer durch ein weites Thal nach einem nur von niedern Felsen umgränzten
Höhenstriche, von welchem wir an manchen Punkten dem Hochgebirge des
Sinai noch einen Abschiedsblick zuzuwerfen vermochten. -- Du ernster
Gipfel des Berges Gottes Horeb, könnte man dich doch mit hineinnehmen
ins Herz und da aufstellen, daß du für immer die Lockungen des
Leichtsinnes und die Neigung zur Untreue aus Auge und Herz entferntest.
Aber wie bald hatten deine Donner und deine Segnungen Israëls Heere
vergessen, als sie hier dieses Weges zogen durch die Wüste Pharan
nach den Grabstätten der murrenden Lüsternheit! -- Noch vor eilf Uhr
traten wir in das, bei aller seiner Unfruchtbarkeit dennoch erhaben
schöne Felsengebirgsthal, in den Wadi Sal ein, welches, freilich mit
vielen Krümmungen und Zickzackabweichungen, dennoch im Ganzen nach
Nordostnord verläuft. Es ist zuweilen so eng wie die Gassen einer
unsrer alten Reichsstädte; in der Zeit der Regenfluthen, welche, wie
die Thalwände es bezeugen, zuweilen ziemlich hoch steigen müssen, ist
hier an kein Ausweichen und Hindurchkommen zu denken. Nach 2½ Uhr
sahen wir mehrere sehr mächtige Gänge von einer rothen Eisenthon-
oder Thonporphyrmasse gebildet, und an einer Stelle ein schiefriges
Gebirge (Grünsteinschiefer?), wir konnten aber nirgends absteigen und
nähere Besichtigung anstellen. Nachdem wir 4½ Stunden lang das
Thal durchzogen hatten, sahen wir zu unsrer Rechten Berge und Hügel
mit kesselförmigen Eintiefungen und muldenförmigen Thälern; man hätte
sie ihrem Umrisse nach aus der Ferne für ehemalige, nun zum Theil
zusammengestürzte Vulkane halten mögen. Nach 5½ Stunden gelangten
wir auf eine Ebene, welche eine weite Aussicht, vor allem gegen Norden,
nach dem grausenhaft öden Höhenzug der Sandsteinwüste el Tyh gewährt.
Jenseits der Ebene, auf welcher Mimosenbäume wuchsen und deren schmalen
Saum wir in etwa 20 Minuten durchschnitten, traten wir von neuem in
ein ziemlich in der gleichen Richtung mit dem Wadi Sal fortlaufendes,
stellenweise sehr verengertes Thal. An den Gebirgswänden zeigte sich
öfters ein schaaliger Granit; im weitren Verlaufe des Thales war auf
den Höhen dieser immer niedriger werdenden Granitberge Sandstein
aufgelagert. Wir lagerten uns kurz vor Sonnenuntergang an einer gähen
Felsenwand, zur rechten Seite des Thales. In den engen Schluchten der
Bergwände hörten und sahen wir die kleinen Heerden der Arabischen
Trappen und andrer Laufvögel, es gelang uns aber nicht einen von ihnen
zu erbeuten. Die Höhe unsrer Lagerstätte über dem Meeresspiegel ergab
sich aus dem Stand unsres Barometers zu 2178 Par. Fuß.
Ich hatte auf der heutigen Tagreise durch die wilde, dürre Einöde,
öfters an die Lüsternheit der Heere Israëls nach Aegyptens Fleisch
und Gemüsen (nach 4. Mos. 11, V. 4, 5) gedacht. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß unser heutiger Weg durch die Gegend der
Lustgräber gieng. Ja, wie selig muß die Seele seyn, die mit Wahrheit
sagen kann: Wenn ich nur Dich habe, dann frage ich nichts nach Himmel
und Erde.
Donnerstags, den 9ten März, setzte sich unsre kleine Karawane früh um
7 Uhr in Bewegung; wir zogen zuerst durch einen Engpaß, auf dem wir
nach einiger Zeit ziemlich steil abwärts steigen mußten. Nach einer
Stunde und zehn Minuten gelangten wir in ein breites, sandiges Thal,
welches unsre Beduinen Marrah benannten, und welches von Süd gegen
Norden allmälig ansteigt. Wir ritten hier in einer fast nördlichen
Richtung aufwärts bis etwas nach zehn Uhr. Zur (linken) Seite
erblickten wir braune Sandsteinfelsen mit ganz weißen Stellen und
Flecken (des Kreidekalkes) untermischt; gegen Nord und Nordwest lag,
sehr genähert, das oft pfeilerartig gebildete Gebirge Tyh vor uns, an
dessen nördlichem Abhange die Tyaha-Beduinen haußen. Ganze Wolken von
Zugvögeln von solcher Ausdehnung und Dichtigkeit, wie ich sie noch
niemals gesehen, zogen in der Ferne an uns vorüber; sie kamen aus dem
südlicheren Winteraufenthalt und eilten jetzt nach der Meeresküste,
um allmälig ihrer Heimath näher zu rücken[98]. Zwischen zehn und eilf
Uhr waren wir auf eine Hochebene (Heydar?) gelangt, auf welcher wir
häufig die Lager von Thoneisenstein und selbst Brauneisenstein in einem
buntstreifigen Sandstein bemerkten, der unsrem Amberger Sandstein
glich. Auch hier warf uns an manchen Stellen das Hochgebirge des
Sinai noch einen freundlichen Abschiedsblick zu. Es wurde jetzt sehr
heiß; einige Granatäpfel vom Sinai erquickten mich und den kleinen
Sohn meines alten Scheikh Hassan; denn jener hielt sich, besonders
wenn ihn hungerte und durstete, gern zu meinem Kamele, obgleich ich
nichts zu geben hatte als ein Stücklein dürren Brodes und in den
ersten Tagen etwa eine Frucht aus dem Garten des Klosters. Um 12½
Uhr, als die Hitze am empfindlichsten war, erreichten wir ein Thal,
welches die Beduinen Ghirrisi nannten und das einen so wunderlichen
Anblick gewährte, als ich kaum sonst in meinem Leben einen gleichen
genossen hatte. Denn die Kreidekalk- und merglichen Sandsteinwände
zeigen Naturspiele, welche selbst noch in der Nähe architektonischen
Zierrathen oder halb erhabenen Hieroglyphen gleichen, und es ist als
fühlten sich die Reisenden hier angetrieben auch allerhand Figuren
an den Fels zu mahlen, denn noch ehe wir in das eigentliche Engthal
kamen, zu welchem man neben einem burgartigen Felsen, wie durch ein
Thor hineinzieht, sahen wir die Felsenwände häufig mit Kohle bemahlt;
die Figuren sollten meist Ziegen und Kamele vorstellen; dazwischen
gab es auch einige Arabische Namenszüge. In dem Thale selber getraute
ich mich kaum zu reden, so sehr zog es meine Aufmerksamkeit an. Es
dauerte jedoch nur eine halbe Stunde und den Kamelen so wie ihren zu
Fuße gehenden Begleitern mag dieß nicht unlieb gewesen seyn, denn der
Weg gieng durch sehr tiefen, feinen Sand. Von 1 bis 1⅔ Uhr ritten
wir über den festeren, felsigen Boden einer kleinen Hochebene, die
unsre Beduinen Gadah benannten. Darauf kamen wir in ein schönes nach
N. O. verlaufendes Thal, welches Quellwasser zu haben scheint, dem
die Beduinen den Namen Hadhra gaben. Burckhardt hält es für Hazeroth
4 Mos. 11[99]. Hier stunden viele Bäume und Gesträuche; darunter
auch, wie mir es aus der Ferne schien, einige verwilderte Oelbäume.
Nach allen Seiten wurden die Höhlen von Springhasen und Spuren von
Gazellen bemerkt; unser Knecht Mohamed machte uns auch auf eine bunte
Schlange aufmerksam. So viel aber auch hier vielleicht von Thieren
der Wüste zu haben gewesen wäre, erlangten wir dennoch keines; denn
unser Knecht und ein Beduine unsrer Gesellschaft, der zum Trotz der
großen Hitze beständig eine Art von schwarzem Schafpelz trug, und den
das Versprechen einer guten Belohnung zu besondrem Eifer antrieb,
machten bei ihren Nachforschungen einen solchen Lärmen und Geschrei,
daß sie wohl einen Elephanten, geschweige einen Springhasen schon von
weitem wegscheuchen mußten. Jenseits Hadhra kamen wir auf ein Plateau,
oder eine von niedren Hügeln umgränzte Ebene, welche uns die Beduinen
Phara nannten, ein andres Thal nannten sie Grabo. Wir mußten hier (um
3 Uhr Nachmittags) auf einem steilen und beschwerlichen Wege durch ein
steiniges Defilé hinab nach dem Thale Semgi (Samghi?). Wir giengen
zu Fuße, während dessen war meine Brieftasche aus dem Rocke, der auf
dem Kamel lag, herausgefallen. Ich suchte lange vergebens; sie war
mir wichtig wegen der vielen in ihr verzeichneten Notizen. Ich kam in
meiner Ungedult auf den Einfall einer der begleitenden Beduinen habe
die Brieftasche gefunden und behalte sie nur versteckt, um ein recht
ansehnliches Trinkgeld zu erpressen. Ich äußerte meinen schlechten
Verdacht dem guten Hassan, der mit unmuthigem Ernst den Gedanken von
sich wies und jetzt selber recht eifrig mit suchen half. Endlich
entdeckte unsre treue Reisegefährtin das so schmerzlich vermißte
Büchlein, welches zwischen den Felsenstücken lag. Hassan sahe mich zwar
lächlend, aber mit einer Miene an in der sich die unschuldig gekränkte
Ehre und ein ernster Tadel aussprachen; er hatte doppelt recht, der
gute Alte, mir, dem Christen gegenüber; ich drückte ihm die Hand mit
tiefer Beschämung. Die Kamele und der größere Theil der Begleiter
hatten unten, am Fuße des Abhanges gewartet; wir zogen jetzt in dem
ansehnlichen Wadi Samghi hinab; unsre Richtung war nordöstlich. Schon
um 5 Uhr lagerten wir an einer Stelle des Thales, wo viele Mimosenbäume
und stachliche Sträucher stunden. Auf den sehr heißen Tag that uns
die Kühle des Abends ganz besonders wohl. Die Beduinen bekamen heute
eine größere Portion Reis zu ihrem Abendessen als gewöhnlich; die
guten Leute, auch wenn sie durch Hassan wußten, wie sehr ich ihnen
unrecht gethan, hatten doch Alles wieder vergeben und vergessen; sie
boten der Hausfrau, da diese ihnen zusahe, wie sie aus ihrem zu Hauße
mitgenommenen Mehle in der heißen Asche sich das kuchenartige Brod
bucken, eben so freundlich als sie früher es gethan, ein Stücklein des
Gebackenen an, und saßen dann laut und fröhlich schwatzend um ihr Feuer
her, dessen Flamme durch die vielen hier stehenden dürren Gesträuche
eine reichliche Nahrung bekam. Auch unsre jungen Freunde ergriff die
Lust eine Illumination der Wüste anzustellen; sie entzündeten in
einiger Entfernung von der Lagerstätte die verdorrten Stachelgewächse
und beleuchteten durch die Flammen die Breite des Thales von einer
Felsenwand zur andren; ein Anblick, welcher selbst die furchtsame
Neugier der Kamele anzog. -- Die Höhe der Thalsohle war 1494 Fuß.
Freitags, den 10ten März erfreute uns schon mit Anbruch des Tages
der Gesang der in den Mimosenbäumen wohnenden Vögel. Unter den
mehr eintönigen Weisen der Malurusarten unterschied man auch die
tönereichere Stimme einer Sylvie. Eine halbe Stunde nach 6 Uhr brachen
wir auf und zogen, die Meisten zu Fuße, in dem Thal hinab, welches
an erhabener Schönheit der Bergumrisse mit jedem der gepriesensten
Italienischen Thäler wetteifern könnte, dem aber freilich mit dem
Wasser zugleich das Grün der Auen und der Waldungen abgehet. Doch
fanden wir da unter anderen eine wunderschöne, baumartige Asclepias
(die +Pergularia procera+). Die Beduinen bereiten aus den
seidenartig feinen Haarkronen der Samen einen Zunder; der milchartige
Saft der bei jedem Einschnitt aus dem Gewächs hervordringt und dann zu
einer zähen Substanz zusammentrocknet, wird als Purgirmittel benutzt.
Wahrscheinlich ist es der Ascheyrbaum, von welchem Burckhardt[100]
spricht. Einer unsrer Beduinen nannte ihn Leben-el-homar, d. h.
Eselsmilch, mit welchem Namen sonst die Towara-Beduinen eine andre,
kleinere Art von Pergularia (die +P. tomentosa+) bezeichnen.
Nach einer halben Stunde verließen wir das Hauptthal gegen Osten
und traten in das enge, steinige Bosehra oder Bosseyrathal ein, in
welchem wir anfangs aufwärts, dann ziemlich steil abwärts ritten.
Hier stunden viele Mimosen, an deren langen, scharfen Stacheln, wenn
unsre meist sich selber überlassnen Kamele zu nahe unter den Zweigen
hingiengen, unsre Kleider und Bettdecken, zuweilen auch die Haut
grausam zerrissen wurden. An manchen Stellen lagen Kohlen, welche die
Beduinen aus den Baumstämmen gebrannt hatten, und die sie zum Verkauf
bis nach Kairo führen. Mehrere unsrer Reisegefährten sammleten an den
frischen Stämmen Arabisches Gummi, das die Beduinen als Nahrungsmittel
genießen. Wir kamen weiterhin in einen engen Felsenpaß, der sich
durch die gähen Felsenwände des Sienits, Porphyrs und Urtrapps
(Grünsteins) hinzieht und welcher mich durch seine Gestalt an einige
der Engpässe erinnerte, durch welche man aus dem Weg von Nizza nach
dem Col de Tenda hindurchkommt. Wir sahen hier einige kleine Heerden
von Felsenhühnern (Frankolinen). Ein breiteres Seitenthal; das Bette
eines Winterstromes, das von Süden her in das Bosseyrathal einmündet,
nannte unser Scheich den Wadi Räeb. Jetzt zeigte sich auf einmal durch
den Engpaß die überraschende, herrliche Aussicht, zuerst hinüber nach
dem jenseits dem Ailanitischen Meerbusen gelegnen Arabischen Gebirge,
dann auf das Meer selber. Hier, in dem erquicklichen Schatten der
Felsenwände und Mimosenbäume hätte man gern lange verweilen mögen.
Wir mußten aber, wie die Kamele es wollten, auf denen wir saßen,
unverzüglich weiter, so gerne ich auch mein Thier allein, ohne ihm
Gesellschaft dabei zu leisten, hätte nach vornen niederstürzen
lassen, was indeß, bis auf eine kleine Verletzung der Hand und des
Gesichtes, Gott Lob ohne Schaden abgieng. Die Aussicht war jetzt
freier; unmittelbar unter uns erblickten wir, in weiter Ausdehnung das
Meer; an der gegenüberliegenden Küste von Arabien unterschied man alle
Umrisse der Gebirge, zwischen denen sich Thäler, von Palmenwäldern
grünend, weit hineingehen. Sie sind die Wohnstätte und das Eigenthum
der Akaba-Beduinen, während auf dem Gebirge und an seinen Abhängen,
bis gegen Akaba hin der mächtige Stamm der Omram sich ausbreitet,
welcher vormals ein Schrecken aller Bewohner des Landes, bis fast an
die Gränzen des Nilthales war. Die Gegend der Küste, der wir uns jetzt
naheten, heißet Nuäbe oder El Nobeyba. Gern hätten wir die scheinbar
so ganz nahe zu unsren Füßen gelegne reiche Dattelnpflanzung besucht,
an welche ein kleiner Wald von Tamarisken sich anschließt, aber Hassan
sagte, dies würde ein sehr bedeutender Umweg seyn. Ich war seit meinem
Falle vom Kamel abgestiegen und gieng ein Stück Weges zu Fuß, nicht
ohne ein besondres, heimathliches Gefühl, denn die rechte Heimath der
Menschenseele liegt doch in den Erinnerungen an das, was schon der
Kindheit theuer und heilig war, und die Gegend, durch die ich jetzt
wandelte, weckte solche Erinnerungen in Fülle. Denn hier an dieser
Küste, bei dem südwärts von El Nobeyba gelegenen Dahab wohnte Jethro,
Mosis Schwiegervater, der weise Priester von Midian, dessen Töchtern
Moses, der Fremdling, bei einem der Brunnen begegnete und dessen Haus
ihm, dem Heimathlosen bald zum Vaterhaus ward. Gegen Mittag wurde
es sehr heiß; ich stieg wieder auf mein Kamel. Wir nahmen unsren
Weg immer der Küste entlang nach Norden hin, über mehrere steinige,
jetzt trocken liegende Gießbachbetten, denen man die Gewalt der zwar
selten, dafür aber desto mächtiger fallenden Regengüsse ansehen konnte.
Obgleich sich eben jetzt kein fließendes Wasser in diesen Flußbetten
fand, so hatte sich doch so viel Feuchtigkeit in ihnen erhalten, daß
zwischen den Steinen überall eine Fülle von Kräutern, namentlich aus
der Familie der Kreutzblüthigen, so wie hin und wieder eine kleine
Pflanzung von Dattelbäumen gedeihen konnte. Fast gegen ein Uhr kamen
wir zu einer ziemlich ansehnlichen Pflanzung dieser Art, in deren
Nähe sich ein Brunnen mit schlecht schmeckendem Wasser fand. Die
Palmengärten, welche den Beduinen vom Stamme Aleygat zugehören, waren
mehr zum Scheine als zur äußren Abwehr von niedren Mauern umgeben, die
zum Theil statt der Steine aus großen Stücken der rothen Orgelkoralle
(+Tubipora musica+) und andern Lithophytengehäußen zusammengehäuft
waren. Aus gleichem Material zeigten sich auch die Hütten erbaut,
die wir im Schatten der Tamarisken und Dattelpalmen fanden, die uns
Sammler durch die Kostbarkeit ihres Gemäuers an das Mährlein von dem
Lebkuchenhäuschen erinnerten. Denn so wie eßlustige kleine Kinder
sich durch das Dach von süßen Kuchen, so hätten wir großen Kinder
uns gar gerne durch das Obdach der Süßigkeiten des Sammeltriebes
hindurchgearbeitet, wenn nur eine Gelegenheit gewesen wäre, das
Gesammlete ins liebe Vaterland fortzuschaffen. Diese kostbaren, und
doch so schlecht wie für Hunde gebauten Hütten sind den größten Theil
des Jahres hindurch unbewohnt, nur zur Zeit der Dattelnernte, die nicht
in jedem Jahre von gleichem Ertrag ist, finden sich die Eigenthümer
der Pflanzung mit ihren Frauen und Kindern in ihnen ein. Wir trafen
in der ganzen Umgegend nur einen alten, mit Fischfang beschäftigten
Beduinen an, der den Flugsand vom Deckstein des Brunnen hinwegräumen
und dann die Kamele tränken half, denen auch dieses schlechte Wasser
zur Labung war. Während dieses geschahe, hatten die Hausfrau mit ihrer
Freundin so wie die Reisegefährten manche buntfarbige Schnecken und
Muscheln gesammlet[101], ich aber war mit Ergänzung des gestern nur
unvollkommen geführten Tagebuches beschäftigt. Man darf dieses jetzt,
Dank Mehemed Ali's Furcht und Schrecken und dem immer weiter, auch
in diese Wildniß der Völker eindringenden Einfluß der Europäischen
Cultur, ungescheut, auch vor den Augen der Beduinen thun, während
noch Burckhardt jede Gelegenheit, etwas unvermerkt aufzuzeichnen, mit
diebischer List erhaschen mußte, weil damals selbst die befreundetsten
Beduinen in der Kunst des Schreibens die bösartigen Ränke eines
Schwarzkünstlers vermutheten, welcher ihnen und der Natur ihres Landes,
namentlich durch Entziehen des Regens, Schaden zufügen wollte. Von
unsrem Tränkplatze, bei welchem wir nahe eine Stunde verweilt hatten,
hinweg, zogen wir zuerst an einer Bucht hin, dann betraten wir einen
schmalen Weg der zwischen dem Fuße der Sandsteinfelsen und dem Meere
hinläuft. Die Meereswellen schlugen öfters bis an den Fuß unsrer
Kamele; herabgestürzte Felsenstücke verengern hier den Pfad; das Auge
wird aber zugleich durch den Anblick der wunderschönen, burgähnlichen
Felsengruppen ergözt, welche zur Linken des Weges der rothe und
mergliche weiße Sandstein bilden. Durch die pfeilerartigen Massen
ziehen sich kluftartige Engthäler, in denen im Winter die Regenströme
ihren Lauf nehmen; über diese Spalten hinaus sieht man jenseits des
Sandsteines den höheren Rücken des Porphyr- und Granitgebirges. Etwas
weiterhin kamen wir über ein breiteres Strombette, das hier aus dem
Amphitheater der Berge hervortritt. Jenseits dieses Punktes treten die
Höhen weiter vom Meere zurück; zwischen diesem und jenem bildet sich
eine kleine steinige Ebene, welche gerade vor uns, in Norden, durch
einen wieder nahe ans Meer rückenden Berg (den Abu Burka) begränzt
wird. Bis zum Fuße dieses Berges wollten unsre Beduinen uns führen, wir
aber, weil wir noch eine Tages-Stunde zum Sammlen am Meere zu benutzen
wünschten, vermochten sie schon vorher zu halten. Wir lagerten bald
nach halb fünf Uhr des Nachmittags in einem jetzt ausgetrocknetem
Gießbachbette, ganz nahe am Meere. Hier vergnügten wir uns bis zum
Einbruche der Nacht mit dem Auflesen von Conchylien, am Saume des
Ufers.
Sonnabends den 7ten März, eine halbe Stunde nach sechs Uhr des Morgens
zogen wir weiter, und bemerkten nun erst, welche weite Strecke wir
gestern noch bis zu dem Berge würden gehabt haben. In einem Gesträuche
an der Seite unsres Weges, der sich nahe am Meere hinzog, lag das
Rückenschild von einer sehr großen Seeschildkröte, welches in seiner
längsten Ausdehnung gegen vier Fuß maß. Noch vor zehn Uhr kamen wir
an eine Dattelnpflanzung, welche unsre Beduinen Magaiat benannten.
Unter den Dattelnpalmen zeigte sich die südlichere Form der Doompalme;
nach der Meeresküste hin lagen Hüttenzelte der Fischer. Bei einem von
diesem kauften wir um sehr billigen, und dem guten Manne dennoch,
allem Ansehen nach hoch erscheinenden Preis einige frische und an der
Luft getrocknete Fische. Sie schienen zur Gattung +Acanthurus+
und +Chaetodon+ zu gehören. Die Buchten und seichten Stellen des
Meeres sind hier so überreich an Fischen, daß die hiesigen Beduinen
nicht bloß ohne den Besitz eines Fischerkahnes, bloß mit Angel und
Netz, so viel als sie zur eignen Nahrung und zum Verkaufe brauchen,
herausfangen, sondern daß auch ihre Hunde, mit Zähnen und Klauen so
viel sich herausziehen, als sie zu ihrer Sättigung begehren. Und noch
mehr als dieses. Denn der Fischer, der dem Hunde keine andre Nahrung
reicht als das rohe Fleisch der Fische, das jener sich selber erwerben
muß, nimmt auch öfters dem Thiere seinen wohlverdienten Erwerb aus
den Zähnen, wenn dasselbe eine besonders ansehnliche Beute erhascht
hat. In der Nähe dieser Palmenpflanzung und Fischerhütten, gegen den
Fuß der Gebirge hin, zeigten sich etliche Gazellen. Eine davon wollte
der dienstwillige Beduine Abdallah, der sich bei so heißem Wetter in
schwarzen Pelz gekleidet trug, mit der Flinte des Herrn +Dr.+ Roth
erschleichen; das schöne Thier aber war scharfsichtiger und schneller
als er, und ich hätte nicht ohne gewaltige Ermüdung bei solcher Wärme
und so gekleidet seine lange, weite, und doch vergebliche Jägerfahrt
durchs Thal und über die Hügel mit machen können. Zu unsrer Linken
zogen sich jetzt von neuem die Felsenmassen des Sandsteines ans Ufer
heran; diese Gegend ist fast von allem Pflanzenwuchs verlassen,
während das entgegengesetzte, östliche Ufer stellenweise grün und
fruchtbar erscheint. Die Berge jenes gegenüberliegenden Ufers werden
mehr nach Norden hin niedriger oder ihr Hochrücken zieht sich weiter
von der Küste hinweg, so daß sie dort minder ins Auge fallen. Das
Meer scheint hier ohngefähr dieselbe Breite zu haben als südwärts von
Suez, in der Gegend der Mosisbrunnen, d. h. von etwa sechs Stunden.
-- Der Nachmittag gewährte uns mitten unter großen Beschwerden auch
vielfache Ergötzung. Gerade in den heißesten Stunden des Tages zogen
wir über eine breite, sandige Ebene, die sich weit ins Meer hinaus
fortsetzt. Zu unsrer Linken stieg ein Engthal nach dem Gebirg hinan,
das in der Ferne wie von einer Kunststraße durchbrochen schien, zur
Rechten und vor uns (in Nordost) erblickten wir eine ganze Waldung von
Akazien und Tamarisken; das Auge, das bei diesem so seltnen Anblick zu
Selbsttäuschungen geneigt war, glaubte in den Felsenklippen zwischen
den Bäumen Häußer zu schauen; uns war es als müßte da unten am
Meere eine Stadt liegen. Wir hatten keine Gelegenheit uns von unsrer
Selbsttäuschung los zu machen, denn das Vorgebirge, welches diese
Küstengegend in Norden begränzt, setzt seine gähen Wände und Klippen
so unmittelbar ins Meer hinein, daß für keinen Pfad Raum bleibt;
die Reisenden müssen durch einen Umweg, der sich in nordwestlicher
Richtung landeinwärts zieht, das Cap umgehen. Unsre Beduinen nannten
dieses Vorgebirge Gaffare, es ist aber kein andres als jenes, das
bei Burkhardt Dschebel Scherafe heißt. Der Umweg war, abgesehen von
der Hitze des Tages und von dem widerwärtigen Gefühle, das jeder
unerwartete Umweg erregt, ein höchst beschwerlicher und ermüdender. Er
stieg in mannichfachen Krümmungen zwischen den großen, am Bergabhange
liegenden Felsentrümmern und über dieselben hinan. Desto stärker war
aber auch jetzt der liebliche Eindruck den das grünende Thal machte,
in das wir jenseits der Felsenhöhen hinabstiegen. Hier glaubte man
wirklich auf einer vaterländischen Wiese zu seyn, nur gab es kein
hohes Gras, sondern neben dem niedren Gebüsch der Tamarisken, unter
denen das Geschlecht der Springhasen seine kleinen Höhlen angelegt
hatte, blos niedrige Gewürzkräuter und kreuzblumige Pflanzen. Leider
war der Weg durch dieses kleine, im Kessel der Felswände gelegene Thal
nur sehr kurz, dann gieng wieder das Steigen, durch einen Felsenpaß
an, der wohl einmal vor alter Zeit durch Menschenhände mag gangbar
gemacht worden seyn. An einigen Steinen zur Seite dieses Weges glaubten
wir Züge, wie von halb erloschenen Eingrabungen Römischer Zahlen zu
bemerken. Auch jenseits der Anhöhen kamen wir wieder in ein Thal, in
welchem mehrere Akazienbäume stunden und wo der Boden stellenweise
auch von andrem Strauchwerk und Pflanzen grünte. Dieses Thal war das
Bette eines Bergstromes (Wadi), der zur Zeit des Regens diesen Weg
nach dem Meere nimmt. Auch wir lenkten uns jetzt mit der Richtung
des Wadi zugleich wieder ostwärts und bald nach vier Uhr sahen wir,
zwischen zwei Bergen hindurch, den blauen Meeresspiegel. Unser weitrer
Weg nach Akaba hin wäre eigentlich von hier aus nordwärts gegangen,
da wir aber durch unser gestriges früheres Anhalten verspätet waren,
konnte die gewöhnliche Station im Wadi Taba nicht mehr erreicht werden,
unsere Beduinen zogen deshalb nach dem Meere hin, wo wir zwischen dem
nördlichen Fuße des Dschebel Scherafe und dem Vorgebirge Dschillaladi
(so nannten es wenigstens unsre Beduinen) am Fuße des letzteren unser
Lager aufschlugen. Die Bucht hat hier nur eine Breite von einigen
hundert Schritten; am Meere hin ist sie durch die steilen Felsen des
Scherafe gegen Süden abgeschlossen und auch am nördlichen Vorgebirge
läuft der schmale, für Fußgänger und Kamele etwa noch gangbare Saum
nur noch eine kurze Strecke hin, dann verschließt ihn das zwischen die
Felsenwände hineintretende Meer. Auch gegen Westen, nach der Landseite
hin, ist der Zugang durch einen brackigen Schlammboden fast unmöglich
gemacht, nur ein schmaler Streifen des festeren und erhöhteren
Sandbodens führet sichren Fußes zum Strande und an diesem hin zu der
Felsenwand des Dschillaladi. Uns schien es fast als hätten die Beduinen
absichtlich diesen von der Natur so wohl gesicherten Bergungsort
gewählt, denn sie waren vom Towara-Stamme und in der Gegend des
Dschebel Scherafe hatten sie die Gränzen des Heywatstammes betreten,
dessen Stellung und gewöhnliches Benehmen gegen die Beduinen von Tor
wo nicht eine feindselige doch eine sehr zweifelhafte und zweideutige
ist. Es war noch nicht fünf Uhr des Nachmittags, da stund schon unser
Zelt aufgerichtet und wir durften unsre gewöhnlichen Abendvergnügungen
der Wüste beginnen. Ein Umstand schien anfangs diese etwas stören zu
wollen: die Beduinen -- wer konnte es den armen Leuten bei so heißem
Wetter verdenken -- hatten unsern ganzen Wasservorrath ausgetrunken
bis auf einem schlammigen, in dem einen Schlauche zurückgebliebenen
Rest, der für Menschen fast ungenießbar war, weil der Beigeschmack des
Salzigen jenen des widerlich fauligen nicht zu übertäuben vermochte.
Man kam jedoch auf den Einfall einen Kaffee daraus zu kochen, und so
wurde wenigstens die gelblichgraue Farbe des Getränkes zur schwarzen
gesteigert und auch der Naturgeschmack verändert. Hassan fand den Trank
vortrefflich, warum hätten wir ihn nicht auch so finden sollen?