kannst du mir eines nennen, das ohne den Glauben an den Gedanken, ohne
Glauben an das Wunder zu bestehen vermochte? Vernimm es aus dem Munde
aller wahrhaft denkenden und weisen Heiden; aus Sokrates und Plato's
Munde, daß eine Welt der Götter, daß ein Oberes sey, dessen Gedanke die
That des Sichtbaren ist; ein Gott im Himmel, welcher schaffet was er
will. Wenn es auch unter den hochgebildeten Heiden manche Afterweise
gab, welche wie jene Knäblein, von denen das Lied der Gassen erzählte,
sich losgemacht hatten von der Herrschaft des Gedankens, weil sie,
statt zu denken nur wähnten und schwatzten, so waren doch die Tausende
der gesund gebliebenen Menschennaturen des festen Glaubens an eine
Ordnung der Dinge und Thaten, welche nicht wie das Gras und Kraut
aus dem Boden wächset, sondern mit der Kraft des Wunders, gleich
dem Strahl der Sonne durchs Gewölk hereinbricht in die Welt des
gewöhnlichen Wachsens und Verwelkens und da überall ein Leben ihrer
Art erzeugt. Sind doch die Bekenner des Islams glücklicher zu preisen
als die Schule der Denker, von denen ich vorhin sprach, denn jenen ist
das Wunder des Gedankens nicht zum Gespött und zu nichte geworden;
die Thaten Gottes sind ihnen wirklich geschehene; Moses und Christus
erscheinen ihnen als wahrhafte Werkzeuge der Wunderkraft Gottes.«
»Doch laß dies seyn. Ich meines Theiles wollte lieber noch heute ein
zusammen gedorrtes Gebein, da unten in der Todtenkammer der Mönche
seyn, als leben und nicht glauben, daß ein Gott sey, der sich dem
Menschen erbarmend, in sichtbarer That und Gestaltung genaht, und
so wie das Wort der Wahrheit, wie die Schrift es uns erzählt, durch
Wunder, durch die That Seines Gedankens an ihnen herrlich gemacht hat.
Ich glaube, darum rede ich.«
Wir hatten bis fast zur Mittagsstunde mit einander gelesen und
gesprochen; es waren Gespräche, des Sinais nicht ganz unwürdig; da kam
unser alter, guter Prior, der schon gestern der Hausfrau versprochen
hatte, ihr heute etwas ganz besonders Schönes zu zeigen und führte
uns an eine Stelle im obern Theile des Gartens, an welcher eine
steinerne Rinne durch die Mauer gebrochen war. Mit bedeutungsvollem
Lächeln winkte er uns Platz zu nehmen; er wollte uns, was freilich uns
mitten im Lande der laufenden Gewässer Geborenen nichts Neues war,
das Schauspiel eines Wasserfalles bereiten. Von Zeit zu Zeit trat er
tiefer zurück in den Garten und blickte hinauf nach den Felsenwänden
des Horeb, von wo man das Geschrei der Beduinenjungen hörte, welche
beschäftigt waren das Wasser einer kleinen, hochgelegnen Cisterne
seiner Haft zu entlassen. Endlich kam ein Bächlein Wassers, gar klein
und schwach, dazu trüb und schlammig, lief über die Rinne herein und
stürzte sich zuerst in ein gemauertes, kleines Bassin, von da, durch
die steinernen Rinnen tiefer hinab bis in die größere Cisterne des
untersten Gartens. Der alte Mönch der die Aufsicht über den Garten
hatte, brummte gar unwillig über eine solche Verschwendung des Wassers;
der Prior begütigte ihn mit sanften Worten, da ja das Wasser zuletzt
doch wieder in der Cisterne sich sammle, und wir freuten uns dankbar
über die Freude des lieben Greises, die er darinnen fand, uns ein in
seinen Augen sehr großes und seltnes Vergnügen zu machen.
Nach Tische folgte ich der Einladung in die Zelle des ehrwürdigen
Priors. Ich wurde da mit Kaffee bewirthet, mit süßem Weine und Orangen,
und da der Greis gesehen hatte, daß ich mit Eifer Naturgegenstände
sammle, that er seine Schätze auf und beschenkte mich reichlich.
Zuerst mit einem Stein, welchen die Beduinen aus dem Gebirge bringen,
und der, wie er sagte, voll wunderbarer Heilkräfte sey, weshalb die
Türkischen Mekkapilgrime ihn theuer erkauften; der Stein war aber
nichts Andres als unser fasriger Rotheisenstein oder rother Glaskopf,
den auch bei uns das Volk unter dem Namen des Blutsteines zum Stillen
der blutenden Wunden empfiehlt und anwendet. Darauf kamen Fungien
und manche andre Lithophiten so wie Conchylien des rothen Meeres,
welche in Tor gesammelt und den Vätern des Sinai, zu Geschenken an
curiose Pilgrime zugesendet werden. Zuletzt kam das mit Recht für das
kostbarest gehaltene Geschenk: eine blecherne Büchse des Sinaitischen
Manna's, das von neueren Reisenden so oft erwähnt und beschrieben
ist. Dieses darf ja nicht mit dem gemeinen, sogenannten Manna unsrer
Apotheken verwechselt werden, welches aus der in Südeuropa wachsenden
Manna-Esche kommt; es ist ein ungleich seltnerer Stoff, der fast
ausschließend nur auf der Sinaitischen Halbinsel gefunden wird, wo
er in den heißesten Zeiten des Jahres und der einzelnen Tage aus den
Zweigen der Mannatamariske herunterträufelt. Wenn man genau nachsieht,
was die Ursache dieses Herausträufelns sey, dann erkennt man, daß der
Stich eines kleinen, häßlichen Insektes, einer Art von Schildlaus es
bewirke. Die Beduinen sammeln es gewöhnlich in der kühleren Zeit des
Morgens, wo es in der Gestalt kleiner, fester Kügelchen an den Zweigen
hängt, nehmen aber auch das mit, was am vorigen Tage herab in den
Sand geträufelt ist. Um dasselbe von den anklebenden fremden Theilen
zu reinigen, pressen sie es durch Leinwand und bewahren es dann in
ledernen Schläuchen oder in den ausgehöhlten, getrockneten Schalen der
Flaschenkürbise auf. Einen großen Theil von diesem Manna genießen die
Einsammler selber, nicht bloß wegen des honigartigen Wohlgeschmackes,
sondern weil sie es für der Gesundheit sehr dienlich halten, einen
andern Theil verkaufen sie nach Kairo oder an die Mönche des Sinai.
Der Preis ist selbst an Ort und Stelle ziemlich hoch, denn man bezahlt
für die Woga (von 4⅔ englischen Pfunden) 60 spanische Thaler; einen
im Werth von 2 fl. 30 kr.; mithin für das Loth ohngefähr einen Gulden.
Und mit Recht hält man es sehr hoch; denn nach der Versicherung der
Mönche wie der Beduinen sammlet man auch in den ergiebigsten Jahren
auf der gesammten peträischen Halbinsel kaum sechs Zentner, in andern
Jahren kaum das Drittel dieser Masse. Sollte dieses Schildlausmanna
die Nahrung der Heere Israëls in der Wüste gewesen seyn, so wären
sie sehr zu bedauern gewesen; es enthält durchaus nichts von jenen
Stoffen, die dem thierischen Körper zu seiner täglichen Erhaltung
und Ernährung unumgänglich nöthig sind und in denen sich Würmer
der Verwesung (2. Mos. 16, V. 20) erzeugen konnten; auch hätten
tausend Millionen Läuse nicht so viel vegetabilische und animalische
Excremente zu wege gebracht, als zur Ernährung eines solchen großen
Volkes vierzig Jahre lang, nicht bloß hier in der Umgegend des Sinai,
sondern auf dem ganzen weiteren Zug durch die Wüste nöthig gewesen
wäre; ich meine daher dennoch mit K. v. Raumer, mit dem verständigen,
nüchtern prüfenden Engländer, dem Marinelieutnant Wellstedt, und mit
manchen andern ehrenwerthen Reisenden und Schriftforschern, daß das
Brod der Engel, das Manna des Himmels, noch etwas Andres gewesen sey,
als das Manna der Läuse und Käfer. Und dennoch bleibt auch diese
Naturerscheinung der Sinaitischen Halbinsel eine für den Freund der
Schrift sehr beachtenswerthe Erscheinung. Wenn die kräftige Hand des
Werkmeisters erst einmal den Kanal durch den Felsen gesprengt hat, dann
nimmt das Wasser in allen kommenden Jahrhunderten da hindurch seinen
Lauf; als die Stammform der Geschlechter und Arten der sichtbaren Dinge
erst einmal durch Gottes Allmachtswort erschaffen war, dann pflanzte
und schuf sie sich auf dem gewöhnlichen Wege der Zeugung weiter fort.
So hat sich auch die Anregung zur Mannabereitung, welche zu ihrer
Zeit den Lebensodem der Luft und mit ihm alle Lebenskräfte des Landes
durchdrang, wenigstens noch im lebenden Gebüsch der Mannatamarisken
fortzeugend erhalten. Doch wird auch in Persien eine mit diesem Manna
verwandte Substanz durch den Stich eines Insektes auf einem Strauche
erzeugt, der dem Ginster gleicht, und Gavan heißt; in Turkistan wie in
Mesopotamien kommt Manna aus einigen Arten von Eichen, unter die man
bei Nachtzeit Tücher ausbreitet, auf welche dasselbe wie Thautropfen
herabfällt. Burckhardt berichtet, daß ein solches Manna, welches in
Erzerum aus dem Baume hervordringe, welcher Galläpfel trägt, von den
dortigen Eingebornen genossen werde; ein gelehrter jüdischer Rabbi,
mit welchem Wellstedt am rothen Meere znsammentraf, wollte auf seinen
Reisen durch die Wüste nach Damaskus eine mannaartige Substanz auch an
solchen Stellen auf dem Boden bemerkt haben, wo rings umher kein Baum
war.
Die späteren Nachmittagsstunden dieses Sonntags brachte ich mit meiner
guten Hausfrau noch recht seelenvergnügt im Garten des Klosters zu.
Wir ergiengen uns da bald im unteren Garten, im Schatten der blühenden
Orangen und Zitronen, bald im oberen unter den blühenden Obstbäumen,
die heute fast alle ihre Knospen aufgethan hatten; sammelten uns zum
Andenken an den lieben, schönen Sinai abgefallene Früchte der Oelbäume
und Zäpflein der Cypressen, so wie mancherlei Blumen. Du lieber Sonntag
Lätare, am Sinai verlebt, so lang ich lebe gedenke ich Dein mit
Freuden. --
Auch bei uns zu Lande, wenn man in einem von der Poststraße weit
abgelegnen Gebirge verweilend, aus einer entfernten Stadt einen
Lohnkutscher bestellt hat, wartet man am Tage, auf den er kommen
sollte, mit einigem Bangen seiner Erscheinung; denn man hat Eile, die
Zeit ist abgemessen. So warteten auch wir am Montag den 6ten März
mit einiger Besorgniß auf unsre freien Beduinen, welche indeß in ihre
Wohnstätte der Wüste und zu den Ihrigen zurückgekehrt waren. Es lag
uns viel daran die liebe Osterzeit in Jerusalem zuzubringen; wollten
wir aber dies möglich machen, dann durften wir nicht länger in dem
Sinai-Paradiesgarten weilen. Um die Zeit des Wartens leichter zu machen
gieng ich am Vormittag noch einmal in Begleitung des Herrn Mühlenhof im
Klosterthal hinan und zum Sebayethale, erhub meine Seele noch einmal im
Anschauen des Sinaigipfels und trug einige ergänzende Bemerkungen für
mein Tagebuch zusammen. In der Mittagszeit kehrten wir zurück und eben
da wir die Gartenmauer erstiegen, zeigten sich von ferne die ersten
Kamele unsrer Beduinen und bald auch die wohlbekannten Gesichter ihrer
Führer, vor allem das des guten Hassan, der heute am Seile herangezogen
und ins Innre des Klosters gelassen wurde. Er, der Scheikh oder kleine
Fürst seines Stammes, hatte einen seiner jungen Prinzen mit sich
gebracht, einen Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, der uns auch mit
nach Akaba, und, wenn es angienge, bis Hebron begleiten sollte. Die
guten Mönche versorgten die schreienden Beduinen, deren größerer Theil
unten vor den Mauern des Klosters sich lagerte, reichlich mit Brod, wir
gaben ihnen Reis aus unsern Vorrräthen.
Jetzt hatten wir keine Sorge mehr um das Weiterkommen; wir konnten
den übrigen Theil des Tages noch recht in Ruhe mit der Natur des
Sinaitischen Gebirges, so weit sie uns bekannt geworden war, verleben.
Freilich hatten wir für das Geschäft des Zusammenraffens aller der
Gaben, welche diese reiche Natur ihren Freunden zu Füßen legt, viel
zu wenig Zeit und Hände, denn mit jedem neuen Tage kam durch die
herbeitragenden Beduinen und durch die eigne Bemühung meiner jungen
Freunde so viel zusammen, daß man kaum im Stande war Alles zum
Mitnehmen durch den Weg der Wüste, in die liebe Heimath zuzuschicken.
Ich fasse hier in einem kleinen Umriß Das zusammen, was uns selber von
der Natur der Gegend anschaulich wurde.
Die Höhe der Lage über dem Meere, die Beschaffenheit der Gebirge und
der nicht ganz unbedeutende Zufluß des Wassers, auch außer der Zeit des
Regens und des thauenden Schnees, durch einzelne Quellen, giebt dem
Clima der Sinaithäler eine so wohlthätige Beschaffenheit, daß man den
Aufenthalt im Kloster mit Recht den in Kairo wohnenden Fremden als den
zuträglichsten während der heißen Zeit des Jahres empfiehlt. Im Winter
sind die Berggipfel zuweilen wochenlang mit Schnee bedeckt, selbst im
Klosterthale fällt dann nicht selten Schnee, der aber freilich alsbald
wieder hinwegthaut. Im Sommer, während der heiße Samum die Ebene am
Meere mit seinem Gluthstrom erfüllt, ist die Luft im Thal des Klosters
noch immer sehr gemäßigt; in der letzten Hälfte des Nachmittags breitet
der Horeb über dasselbe seinen erfrischenden Schatten und ein kühlender
Luftzug streicht dann hindurch. Einzelne Erdstöße werden zuweilen auf
den Felsenhöhen bemerkt, während das Kloster selber keine Zerstörungen
vom Erdbeben erleidet. Die Pest kommt nie hieher; die Mönche genießen,
bei hohem Alter, einer dauerhafte Gesundheit. Die vorherrschende
Gebirgsart des Sinais ist jene granitische, welche häufig durch die
sich statt des Glimmers einstellende Hornblende zum Sienit wird,
abwechselnd mit Porphyr, durchsetzt von Gängen des Grünsteins,
Pistazits und Hornblendegesteines. Die Mönche halten die Hornblende
für ein Erzeugniß jenes (verkohlenden) Feuers, mit welchem der Berg
bei der Gesetzgebung brannte. Der Huthberg ist reich an Pistazit.
Alle Arten unsres Obstes gedeihen, zugleich mit den Südfrüchten ganz
vortrefflich, so daß das Obst vom Sinai auch in Kairo im höchsten
Werthe steht; das hier einheimische, wilde Pflanzenreich enthält
eine Fülle von gewürzhaften Kräutern. Von Bäumen findet man außen im
Freien nur die Zypresse, die Seyal-Akazie (+A. Seyal+) und die
Aronsmispel (+Mespilus Aronia+) mit erdbeerartig schmeckenden
Früchten, dann in einigen Nebenthälern den Sinaitischen Sykomorusbaum
(+Ficus Pseudosycomorus+) so wie die fast zur Baumhöhe erwachsende
Tamariske; die Palme sahen wir nur von zwergartigem Wuchse; der Oelbaum
wie der Feigenbaum sind, auch wo sie hin und wieder im Freien stehen,
durch die Cultur des Bodens dahin gekommen. Unter den Gesträuchen
zeichnet sich der Aleppinische Blasenstrauch (+Colutea haleppica+)
aus, welchen die Araber Sphärai nennen. Die Mönche des Sinai halten
diesen Strauch sehr hoch in Ehren; sie glauben, daß der Stab, mit
welchem Moses so viele Wunder verrichtete, aus seinem Holze geschnitten
war und noch jetzt pflegen sie in ihrem Garten eines ansehnlichen
Strauches dieser Art, den sie für einen Abkömmling des Mosaischen
halten. Auf dem Huthberge des Moses (Menegada Musa) wächst die
stachliche Strauchmelde (+Atraphaxis spinosa+), an andern Punkten
der geflügelte Meerträubel (+Ephedra alata+) und der schöne,
einblumige Geisklee (+Cytisus uniflorus+). Unter den vielen andern
Pflanzenarten, welche wir hier sammelten, war uns die interessanteste
und werthvolleste ein sehr großes Cynomorium, das so eben in vollen
Blüthen stund. Es gleicht ziemlich dem berühmten Heilschwamm von Malta
(+Cynomorium coccineum+), der auf dem isolirt im Meere stehenden
Felsen bei Gozzo, dem Hagira tal Geraal, wächst und aus welchem vormals
die Malteserritter eine Tinktur und ein Pulver bereiteten, welche man
in vielfältigen Krankheiten als ein Universalmittel betrachtete und
nur an die fürstlichen Häußer von Europa abließ. Aber bei all diesen
Ähnlichkeiten zeigt es zugleich so viel Eigenthümliches, namentlich
schon in seiner zehnfach ansehnlicheren Größe, daß man es mit
Wahrscheinlichkeit als eigne Art betrachten darf. Das ganze Gewächs
bildet einen keulenförmigen, dunkel-carmoisinrothen Strunk, an dessen
Außenfläche die kleinen Blüthlein stehen. Die Beduinen verzehren es roh
und halten es für sehr gesund[95].
Die Thierwelt des Sinai ist an Arten und Individuen zwar nicht sehr
zahlreich, dafür aber desto interessanter. Sie wird von keinen
größeren Raubthieren bewohnt; statt des Schakals der tiefer gelegnen
Gegenden findet man hier nur den niedlichen kleinen Einödenfuchs
(+Canis famelicus+). Der Bedensteinbock (+Aegocerus Beden+),
dessen wohlschmeckendes Fleisch wir hier öfters genossen, fängt an
sehr selten zu werden; von dem Wower (+Hyrax syriacus+) kam
das für uns bestimmte Exemplar erst einen Tag nach unsrer Abreise
an; dagegen erhielten wir unter andrem mehrere Exemplare einer noch
nicht beschriebenen Art von Siebenschläfern und eine ziemliche Anzahl
Stachel- und Springmäuse. Von Vögeln sahen wir einen schönen Adler und
erbeuteten mehrere Arten von Drosseln, Steinschmätzer und Sylvien; von
Eidechsen die Sinaitische Agame (+Agama sinaitica Rupp.+)[96].
Im Verhältniß zu der Zeit, welche wir zu der Untersuchung der Umgegend
des Sinai anwenden konnten, hatten wir unerwartet viel erbeutet, auch
in dieser Hinsicht war uns der hiesige Aufenthalt ein reich gesegneter.
Dienstags den 7ten März packten wir unsre Habseligkeiten; meine jungen
Freunde arbeiteten dabei noch immer rüstig an der Zubereitung einiger
zum Ausstopfen bestimmten Thierhäute und am Skletiren der Schädel. Die
guten Väter des Sinai versorgten uns auf die Reise mit einer Fülle
von Brod, Ziegenkäse, Granatäpfeln und getrockneten Früchten; der alte
Prior schnitt noch mit eigner Hand einen Stock von dem Mosisstabholz
und gab mir ihn, zum Andenken an das Kloster an Sr. Majestät unsern
König Ludwig von Bayern mit; dem guten König Otto von Griechenland,
so sagte der Greis, solle ich sagen, daß die Mönche vom Sinai täglich
für sein Wohl beteten und solle ihm hier ein wenig von dem Festkuchen
des Klosters mitnehmen. Dieser Festkuchen war eine zusammengequetschte
Mischung von getrockneten Aprikosen, Datteln, Rosinen und Mandeln,
eingenäht in schwarzes Leder. Sie hatte auf unsrer langen Weiterreise
viel durch die Hitze gelitten, so daß ich zweifle, daß sie bei der
Ankunft in Athen, wo ich sie an die Hofküche abgab, noch gut genießbar
gewesen sey.
Erst anderthalb Stunden nach Mittag waren unsre Beduinen zum Aufbruch
bereit. Wir hatten von allen uns so lieb gewordnen Stellen, wie von
den Bewohnern des Klosters Abschied genommen; der ehrwürdige Prior
stieg mit uns über die Gartenmauer und begleitete uns noch ein Stück
Weges; noch einmal mußten wir aus seiner Hand den Abschiedstrunk
des Dattelnweines annehmen. Und nun der letzte Gruß auf seliges
Wiedersehen, der uns beiden von Herzen gieng. Der gute Greis winkte
uns, da wir jetzt unsre Kamele bestiegen und weiterritten, noch lange
freundlich grüßend nach, dann schritt er langsam an seinem Stabe
zurück.
Die Reise vom Sinai nach dem Berge Hor.
Unser Weg, den wir kurz vor zwei Uhr antraten, führte uns zuerst in
nordwestlicher Richtung in dem Klosterthal hinab, und war, so lange wir
diese Richtung behielten, derselbe, auf welchem wir von Tor herkamen.
Sobald wir aber die Breite des Bostanthales erreicht hatten, wendeten
wir uns rechts, in das zuerst von Südsüdwest nach Nordnordost, dann
aber fast ganz nach Nord verlaufende Scheikhthal; eines der schönsten,
weitesten Thäler von allen die wir auf der Halbinsel sahen. Zu unsrer
Linken, nach Nordwest, bemerkten wir ausgezeichnete Felsengruppen; nach
dieser Gegend hin liegt die Felsenkluft mit dem Ruhesitz des Moses
(Mokad Seidna Musa), den die Beduinen sehr verehren. Wir kamen ganz
nahe an dem Grabe des in den Augen dieses Volkes für heilig gehaltenen
Scheikh Szaleh vorüber, das mit vielen bunten Tüchern und Flimmerwerk
verziert ist. An dem Mulid oder Geburtsfest dieses Heiligen, das man in
der letzten Hälfte des Juni feiert, versammeln sich hier vor allem die
Beduinen des Towarastammes, es kommen aber bei dieser Gelegenheit auch
viele andre, mit dem Stamme in Frieden lebende, aus den entfernteren
Gegenden der Halbinsel hieher; denn außer den dreitägigen Schmaußereien
und Tänzen wird zugleich eine Art von Viehmarkt gehalten. Wir lenkten
nach etwa 2½ Stunden in ein Seitenthal ein, welches +Dr.+
Erdl in seinem Tagebuch, nach Angabe der Beduinen, als Wadi Saadi
verzeichnet hat, mir nannte es der Scheikh Hassan Buszueir (Abu
Szueir); hier schlugen wir unser Nachtlager auf.
Die Wüste hatte uns da, bei unsrer Zurückkehr in ihre Mitte, einen
ganz besonders freundlichen Empfang bereitet; die Gegend, in welcher
wir lagerten, war ganz besonders interessant. In einer Schlucht, die
sich zwischen die Hügel hineinzieht, findet sich etwas Wasser; dort
hat eine fleißige Hand, wahrscheinlich die der Sinaitischen Mönche,
drei Gärtchen angelegt, welche mit Mauern, bestehend aus kunstlos
über einander gehäuften Steinen umgeben sind. In diesen Gärten
stunden so eben die Birnbäume in voller Blüthe. Wir freuten uns des
Anblickes, der uns so lebendig an den Frühling des theuren Vaterlandes
erinnerte; mehr noch aber als die blühenden Birnen, zogen uns die in
der Wildniß blühenden und grünenden Gewächse an, unter denen eine noch
unbeschriebene Art von Salbey, eine vielleicht auch von Geißraute
(+Galega+) war[97]. Die vorherrschende Gebirgsart der Felsenwände
ist hier ein feinkörniger Sienit, der mit Porphyr abwechselt und von
Gängen des letzteren durchsetzt wird. Unmittelbar bei unsrem Zelte
fand sich ein mächtiger, aus kuglichem Basalt bestehender Gang. An
diesen Gängen zeigen sich hin und wieder starke Verwerfungen; die
Hauptrichtung ihres Streichens gehet von Süd nach Nord. Die Höhe unsers
Lagerungsplatzes über dem Meere war 4005 Par. Fuß.
* * * * *
Es war den Meisten von uns als hätten wir erst jetzt das Leben in
der hehren Stille der Wüste recht verstehen und schätzen gelernt.
Im Sinaikloster hatte sich nicht nur der Leib zur Ertragung aller
weitren Beschwerden der Reise kräftiglich gestärkt, sondern auch die
Seele war, wie unter den Fittichen eines alten Adlers von jugendlicher
Empfänglichkeit durchdrungen und erwärmt worden. Ich wenigstens fühlte
mich so frisch und freudig, wie in meinen Jünglingsjahren und denke
namentlich gar gern an die Morgenstunde, in der ich auf dem Felsenhügel
beim Zelte die Sonne aufgehen sahe, über dem weiten Felde der großen
Thaten meines Gottes.
Wir brachen heute, Mittwochs am 8ten Merz, erst 7½ Uhr des Morgens
auf; unsre Beduinen hatten noch auf einen Gefährten gewartet, welcher
zum eigentlichen Führer auf dem Wege nach Akaba bestimmt schien.
Uebrigens hatten wir auch sonst manche neue Begleiter und neue Kamele;
namentlich fehlte mir mein jugendlich munterer Kamelhengst, welcher
freilich auf dem Herwege zum Sinai seinen Uebermuth öfters durch
Herausblattern des Gaumensegels und manche Widerspenstigkeit gegen
seinen Führer, nach Art der Kamele, verrathen hatte, und zugleich
mit ihm der gar freundliche, dienstwillige Begleiter, der mir mit
seinem einen Auge, denn das andre war durch die Blattern ihm geraubt
worden, alle Wünsche meines Herzens absahe; statt dessen hatte ich ein
geduldigeres aber minder starkes Thier und einen neuen Begleiter, mit
dem ich übrigens auch bald bekannt wurde.