noch frischen und grünenden Zweiglein des Standes der christlichen
Einsamen, welcher früher einmal seinen Stamm und seine Aeste über
die ganze Peträische Halbinsel verbreitete. Noch jetzt werden die
Dattelnpflanzungen im schönen, fruchtbaren Feiranthal, von den Beduinen
als eine Anlage der christlichen Mönche betrachtet; bis gen Dahab,
am Ailanitischen Meerbusen, redet die Sage von früheren Wohnungen
der Christen. An vielen Punkten der Halbinsel, in den Engthälern
wie auf den Höhen, werden die Ueberreste vormaliger Christenklöster
gesehen, oder wie am kleinen Mokkateb bei Tor die Höhlenwohnungen der
Mönche; noch vor wenig hundert Jahren bestund in einer Felsenschlucht
des Epistemiusberges, welcher dem Horeb gegenüberliegt, selbst
ein Nonnenkloster; das Mönchskloster Deir Antus im Romhamthale
war noch in den ersten Jahrzehenden des vorigen Jahrhunderts von
Ordensgeistlichen bewohnt. Wenn man sagt, daß die Zahl der Christen
auf der Halbinsel vormals eine mehr hundertfach größere gewesen sey,
dann ist dieses noch eine sehr gemäßigte Angabe. Denn abgesehen von
jenen Zeiten wo namentlich Feiran eine Stadt der Christen und ein
Bischofssitz war, so belief sich bei der Mohamedanischen Eroberung
des Landes schon allein die Zahl der Mönche auf 6 bis 7000. Auch die
Dschebalye-Beduinen, die Nachkömmlinge jener Sklavenfamilien, welche
Kaiser Justinian vom schwarzen Meere, wo ihre Heimath war, hieher, zum
Dienst des Klosters sendete, waren damals noch sämmtlich Christen,
und fielen erst allmälig aus Furcht vor den andern Beduinenstämmen
vom Christenthume ab[89]. Statt dieser Tausende leben jetzt, wenn man
Suez nicht mitrechnet, etwa dreißig Christen auf der Halbinsel und
dieß sind eben die Basilianer-Mönche des Sinai, welche großentheils
das Katharinenkloster bewohnen. Zu unsrer Zeit wurde die Zahl der
hiesigen Ordensgeistlichen auf 26 angegeben, davon aber mehrere nach
Kairo verreist waren. Einer von ihnen, ein junger, kräftiger Mann,
war ein Russe, der früher als Soldat im Felde gedient hatte; die
andern waren Griechen, meist von den Inseln gebürtig. Wir sahen unter
ihnen einen mehr als neunzigjährigen Greis und einige sehr rüstige,
zwischen siebzig und achtzigjährige Männer, davon zwei den Garten des
Klosters bearbeiteten. Die Luft ist hier leicht und gesund; die Kost,
bei fortwährender Mühe und Arbeit, sehr einfach. Schon in der Nacht
versammlen sich Alle zweimal zum Gebet, um vier Uhr des Morgens stehen
sie auf und außer jenen Stunden die man in den Kirchen und Kapellen
beim Gebet und Gottesdienst zubringt, beschäftigt sich während des
Tages fast Jeder mit einer Handarbeit im Haus oder Garten, zum Nutz und
Dienste seiner Brüder, denn es werden hier alle Handwerke getrieben,
welche für die Bedürfnisse des täglichen Lebens unentbehrlich sind.
Zweimal am Tage wird gegessen; die Strenge des Ordens verbietet für
immer den Genuß des Fleisches und erlaubt auch nur außer der Fastenzeit
das Essen der gesalznen Fische, des Käses und alles dessen was aus
thierischer Milch bereitet wird. Während der langen, vielen Fasten wird
die Enthaltung noch weiter getrieben, denn vier Tage in der Woche darf
dann die tägliche Mittagskost der in Wasser gekochten Gemüse nicht
einmal mit Oel vermischt werden; Jeder bekommt auch nur ein kleines
Schüsselchen solchen Gemüses und dazu ein Laiblein Brodes; die einzige,
den armen, vielbemühten Vätern wohl zu gönnende Erquickung ist ein
kleiner Zusatz von Dattelnbranntwein (Racki) zu dem Wasser. Um acht
oder längstens gegen neun Uhr begeben sich Alle zur Ruhe, Jeder in
seine eigne kleine Zelle, die etwa acht Fuß lang und sechs Fuß breit
ist, eine ziemlich niedrige gewölbte Decke und eine kleine Nische
hat, welche die Stelle des Schrankes vertritt, übrigens aber statt
aller andern Geräthschaften nur eine Matratze und Decke enthält. Nur
die Zellen des Prior und des Ikonomus machen hiervon eine Ausnahme,
denn jene wenigstens ist größer als die andern Zellen und der Boden
des Liwan (S. 34) ist mit Teppichen belegt; das leerstehende Zimmer,
welches für den Erzbischof bereit steht, wenn dieser etwa im Kloster
einen Besuch machen wollte, enthält auch noch andre, alterthümlich
prächtige Meublen. Die Kleidung der Mönche besteht in einem groben,
dunkelblauen Unterkleid und Beinkleidern und in einem dunkelfarbigen
(blaulichschwarzem) Ueberkleide, welches ein lederner Gürtel um den
Leib befestigt. Man schläft auch bei Nacht in den Kleidern um bei dem
Ruf zum Gebet sogleich zum Aufstehen bereit zu seyn. Jährlich zweimal
werden die Brüder neu gekleidet.
So sehr es hierbei in die Augen fällt, daß die Weise dieses Klosters
nicht viel Anlockendes für die gröbere Sinnlichkeit haben könne,
erscheint der Aufenthalt dennoch vielen der Mönche so werth und
angenehm, daß sie nicht, wie manche Andre es thun, nach drei oder
vier Jahren wieder in ihr Vaterland zurückkehren, sondern daß sie
hier altern und absterben. Ich habe kaum an einem andern Orte so viel
vergnügte, zufriedene Gesichter von Greisen beisammen gesehen als in
diesem Kloster; es ist als ob die Last des Alters hier gar nicht so
schwer drückte, wie in unsren Städten.
Wir besahen die wohl eingerichtete Bäckerei in welcher die
wohlschmeckenden Weisbrode und jene Menge der etwas geringeren
(schwärzeren) Brode bereitet werden, welche das Kloster täglich an
seine Dschebayle-Beduinen und an die vorüberziehenden Familien der
fremden Beduinen abliefern muß. Auch die Werkstätte des Schmiedes,
Zimmermanns, Tischlers, Böttigers, Schusters, Schneiders und die
ansehnliche Branntweinbrennerei, welche auch zum auswärtige Verkauf
Racki bereitet, erschienen uns des Besehens werth.
Einer besondren Erwähnung ist noch die bewundernswürdige Reinlichkeit
werth, welche wir im Sinaikloster fanden. Auf unsrer Reise von Kairo
hieher und bei unserem Umgang mit den Beduinen hatten wir viel
von plagenden Insekten zu leiden gehabt; hier waren sie allzumal
verschwunden. Die Mönche schreiben es dem Gebet des heiligen Sangarius
zu, daß ihre Wohnstätte von dieser nicht geringsten der Aegyptischen
Plagen befreit worden sey, welche früher auf dem Kloster so schwer
lastete, daß sie die Mönche fast zum Auswandern bewogen hätte. Der alte
Prior behauptete sogar, daß man getrost jedem Pilgrime ein Goldstück
bieten könne, für jedes der kleinen, plagenden Thierlein, welches er
nach einem mehrtägigen ununterbrochenen Aufenthalt im Kloster in seinem
Gewand oder Teppich noch lebend finde. Auch an den schönen, großen
Katzen, deren sich mehrere im Gebäude fanden, war keine Spur eines
vom Blute lebenden Insektes zu bemerken; die Ruhe der Nächte blieb
in dieser Hinsicht beständig ungestört. Vielleicht daß schon in den
vielen aromatischen Kräutern, welche die Mönche auf den benachbarten
Gebirgen sammeln lassen und zur Versendung nach Kairo trocknen, ein
Erleichterungsmittel für die Aufrechthaltung der Reinlichkeit liegt.
Am Nachmittag stieg ich noch in Begleitung meiner lieben Hausfrau
und einiger andern Reisegefährten über die Gartenmauer hinaus ins
Freie; wir ergiengen uns aufwärts im Thale des Klosters, gegen den
Huthberg des Moses hin, bis an den Punkt wo man in das breite Sebaye-
(Sbahiah) Thal hinabsehen kann. Das Engthal in welchem das Kloster
liegt, verläuft fast in der Richtung von Nordwest nach Südost; seine
südwestliche Gebirgswand bildet den Horeb im engeren Sinne, welcher,
wie ich schon erwähnte, nur das niedere Stockwerk des Sinai ist, die
nordöstliche (linke) Felsenwand ist der Pistemiberg, der vom heiligen
Epistemius seinen Namen hat, und dem Horeb an Höhe gleich kommt. Der
Huthberg des Moses der gerade in Südost das Klosterthal begränzt,
erscheint gegen diese beiden Berge nur wie ein Hügel, hat aber noch
jetzt viele zur Schafweide taugliche Kräuter, die ihm schon aus der
Ferne ein grünliches Ansehen geben. Das Sebayethal, welches Quellwasser
und eine kleine, dem Kloster zugehörige Gartenanlage hat, steigt von
Süd gegen Nord an und hinter dem ersten, niedern Bergzuge, der es in
Osten begränzt, liegt das Feruschthal, welches von Ost nach Westen
streicht. In das Sebayethal senkt sich das höhere Stockwerk oder der
Hochscheitel des Horeb: der Sinai im engern Sinne unmittelbar mit
seiner gähen Felsenwand herunter; von hier aus kann man ungehindert
von den niedreren Vorbergen seinen Gipfel sehen ja bis zu seinem Fuße
hingehen und diesen anrühren. Hier war Raum genug für die Heere Israëls
wenn sie vielleicht da und im angränzenden Thale Erbain ihre Stätte
aufgeschlagen hatten, am Tage der Gesetzgebung. Man sieht von dieser
Seite zwei Schluchten von dem Thale aus Ostnordost gegen Westsüdwest
zum Gipfel ansteigen; die eine dieser Schluchten hat Wasser. Den
südwärts dem Sinai gegenübergelegenen Berg nannten unsre Dschebalye
Baalti; wenn man in der Weitung zwischen beiden Bergen fortgienge,
würde man aus dem Sebayethale in das Erbain-, von da ins Bostanthal
und hiernächst, nachdem auf solche Weise der ganze Kreis um den Sinai
und Horeb umschrieben wäre, wieder zurück ins Kloster kommen. Von den
beiden zuletzt genannten Thälern spreche ich noch nachher.
Der Rückweg von der Anhöhe über dem Sebayethale hinab nach dem
Kloster war zwar etwas leichter als der Heraufweg, doch erschweren
die vielen Steintrümmer und Felsenstücke welche am Boden liegen, das
Gehen nicht wenig. Desto besser schmeckte uns am Abend das Fleisch des
Steinbockes, den wir von den Beduinen gekauft hatten, mit dem Zusatz
der vortrefflichen getrockneten Früchte. Die guten Mönche hatten zur
Zubereitung dieser Gerichte unsern Arabischen Knechten ihre ganze
Küche eingeräumt, obgleich das Umbringen und Essen der Thiere ihrer
Lebensweise so fern stehet, daß es nicht einmal verstattet ist im
Kloster selber ein Thier zu schlachten.
Sonnabends, den vierten März machten wir uns in früher Morgenzeit auf
um das Bostan- und das Erbainthal zu besuchen. Der freundliche Prior
hatte sich abermals selber zum Führer angeboten, mit ihm giengen wie
gewöhnlich mehrere Dschebalye-Beduinen, welche die Mundvorräthe für den
heutigen Tag trugen. Der Himmel war überaus klar und heiter, wie wir
denn überhaupt während unsers ganzen Aufenthaltes am Sinai auch nicht
einmal die Bergspitzen von Nebel oder Wolken bedeckt sahen. Sogar der
Fußtritt entlockte heute dem felsigen Boden aromatische Düfte, weil
er oft an jene jungen Kräuter rührte, welche manche Gegenden dieses
Hochlandes zu einem Gewürzgarten machen. Noch im Thale des Klosters,
nahe vor der Mündung ins Bostanthal, zeigte uns der Prior zur Linken
unsers Weges jenes Felsenstück, bei welchem man die Pilgrime an Mosis
heiligen Eifer erinnert, als derselbe, beim Anblick des abgöttischen
Tanzes um das goldne Kalb, die Tafeln des Gesetzes zerschlug. Schon ins
Bostanthal selber versetzt die Ueberlieferung die Gegend, in welcher
jene Umkehr Israëls nach Aegyptens Götzen, wenn auch nicht mit dem
Leibe, doch mit dem Gemüthe statt fand; von hier aus soll das Getöne
des Siegestanzes in Mosis Ohren gedrungen seyn, als dieser vom Berge
herabstieg; ein hohler in der Erde steckender Stein, dessen größere
längliche Höhlung nach oben zwei krumme Seitenröhren hat, wurde vom
Prior als die vermuthliche Form bezeichnet, in welcher das Götzenbild
sey gegossen worden[90]; ein felsiger Hügel den man vom Klosterthal
ins Bostanthal heraustretend vor sich liegen sieht heißt der Dschebel
Harun oder Aronsberg, weil man glaubt, daß hier Aaron und die siebenzig
Aeltesten verweilten, während Mose und Josua auf den Berg Gottes
stiegen (nach 2. Mos. 24, V. 14).
Aus dem Garten Bostan, bei welchem das Gemäuer eines kleinen,
zerstörten Klosters gesehen wird, wehete uns der Duft der blühenden
Bäume an, als wir in seiner Nähe vorübergiengen, etwas weiterhin
sahen wir einige Heerden von Ziegen, welche von Frauen und Mädchen
der Dschebalye-Beduinen geweidet wurden. Wir ruheten da auf einem
Felsstück und nahmen ein Frühstück an, das der freundliche Prior uns
darbot; auch die Hirtinnen, welche eine alte Mutter zum Empfang der
Gaben absendeten, erhielten ihren Theil. Hier öffnet sich gegen Süden
das steinige Ledschathal, in welchem das Kloster Erbain liegt, zugleich
hat man gegen Westen die Aussicht nach einem andren, herrlichen Thale,
das gegen den Katharinenberg hinführt und durch schwer zugängliche
Thalklüfte der Gebirgswüste mit dem Wadi Hebron in Verbindung steht.
Ein blaulicher Morgenduft schwebte noch über diesem Thale und warf
einen Schein auf dasselbe, als wenn sein Boden allenthalben mit einem
Grün der Auen und der Gebüsche bedeckt sey; an der Ecke des Berges,
an welchem zur Rechten dieses Thal, zur Linken aber jenes von Erbain
oder das Ledscha sich öffnen, liegt ein zweiter schöner Garten, Rabah
genannt, zwischen dessen üppig blühenden Obstbäumen hohe Cypressen sich
erheben. Der Weg nach Erbain windet sich durch mächtige Felsenstücke
hindurch; zur Rechten liegt das Bette eines Winterstromes, in welchem
auch außer der Zeit des Regens oder des thauenden Gebirgsschnees
der Abfluß mehrerer Quellen sich sammelt, welcher zur Anlage und
Pflege einiger kleiner Gärten benutzt ist. Mitten in der gräulichen
Felsenwüste erscheinen diese grünenden, blühenden Punkte wie bunte
Schmetterlinge, welche, aufsaugend die Tröpflein des Thaues, auf einem
Grabsteine sitzen.
Aber auf alle diese Grabsteine des Felsenthales lässet die Geschichte
der Thaten Gottes einen Sonnenstrahl fallen, mit welchem es freilich
dem einfältig frommen Sinne der späteren Zeit öfters so ergieng wie
unschuldig spielenden Kindern, welche dem Lichtschimmer nachjagen
den ein von der Sonne beschienenes, spiegelndes Glas auf die Wand
oder den Boden zurückstrahlt. Sie halten den Schimmer, der sich mit
dem Stücklein Glas zugleich bald da bald dorthin bewegt, für das
Sonnenlicht selber. Laß sie gewähren. Ist doch dieses kindliche Laufen
und Rennen nach dem Abglanz des Abglanzes immerhin ein Zeichen, daß die
Kindlein noch einen Sinn für das Licht haben; daß sie dieses sehen und
daran sich freuen; die blinden Knaben gehen ihres Weges und sehen weder
das Spiegelbild, noch die Sonne die dasselbe erzeugt.
Einen Felsen, der wie eine natürliche Ruhebank gestaltet ist,
bezeichnet die fromme Sage als den Sitz des Moses, auf dem er öfters
das Volk richtend saß; ein andrer heißt der Kessel des Moses; weiter
hinwärts ist der Fels bei welchem die Mönche an jenen in Raphidim
erinnern, den Moses schlug mit seinem Stabe, und aus welchem Wasser
hervorsprang (2. Mos. 17, V. 6). Bei diesen Stellen werden an den
Flächen mehrerer Felsenstücke einige jener Sinaitischen Inschriften
gefunden, welche schon mancher Reisende beschrieben und Burkhardt
abgebildet hat[91]. Sie tragen, so räthselhaft sie aussehen und im
Vergleich mit den bekannteren Schriftzeichen erscheinen, keinesweges
das Gepräge eines hohen Alterthumes.
Der Weg führte noch an einer und der andern kleinen Gartenanlage
vorüber zu den umfangsreichen Pflanzungen des Klosters der Vierzig
(Märtyrer) oder Erbain. Durch die Oelgärten hindurch kamen wir zu einer
noch mit Wasser gefüllten Cisterne, welche die Größe eines kleinen
Teiches hat. Das Kloster ist ein ziemlich ansehnliches Gebäude, welches
jedoch für gewöhnlich nicht mehr von Mönchen bewohnt wird; einige
Dschebalye hüthen des Gartens und seiner Früchte; ein Mönch aus dem
Katharinenkloster besucht die Anlage öfters und verweilt auch zuweilen
auf mehrere Tage hier um die Arbeiten zu leiten. Ein ganzer Wald von
Orangen und Citronen stund voll duftender Blüthen; in den Zweigen
eines alten Oelbaumes sang die Sinaitische Amsel. Vor allem Andren zog
hier der Sinai unser Auge an; so ganz in seinem eigenthümlichen Umrisse
und in seiner Abstufung vom Horeb hatten wir ihn noch an keinem andren
Punkte gesehen. Der Himmel wölbte sich so klar über ihm, daß es uns
war als sähen wir etwas von dem sapphirenen Schimmer, der einstmals
dort unter den Füßen des Erscheinenden erglänzte (2. Mos. 24, V. 10).
Man konnte hier nicht stillstehen oder sitzen. Wer nicht, wie unser
guter Maler Bernatz, mit dem stillen Auffassen der Gegend in Bild
und Rahmen zu thun hatte, der wollte, wie ein Kind um den Spiegel,
herumgehen, um den Gegenstand, der sich da abspiegelte, mit den Händen
zu erfassen. Ich hatte mich weit hinauf nach Süden im steinigen
Thale ergangen und im Vorbeieilen mancher schöner Frühlingsblume in
ihr vom Traume der Engelwelten verklärtes, schlummerndes Angesicht
geschaut; mir war es, im Andenken an das, was einst hier geschehen,
umgekehrt so wie den Siebenschläfern ergangen: ich war unter eine
altvergangene Zeit der Wunder hineingerathen, deren Sprache nur der
versteht, welcher das Wunder des Gedankens kennt und an sich selber
erfuhr. Bei der Gelegenheit war ich aber auf dem Rückwege an eine
Stelle des Gießbachbettes und zuletzt der Gartenmauern gekommen, über
welche ich den Hinüberweg nicht finden konnte, bis ein mitleidiger
Sohn der Wüste, ein Dschebalye, mir hinüberhalf. Die Hausfrau hatte
indeß mit dem Bächlein des Wassers, das der gute Prior uns zu Ehren
aus einer höher im Thale gelegenen Cisterne ableiten ließ, eine junge
Baumschule von Orangen und Citronen getränkt; jetzt wurden aber wir
alle, im Schatten des Klostergebäudes, auf einer steinernen Bank
gelabt und genährt durch das Mittagsmahl des Brodes und Käses wie der
gesalzenen Seefische und das erfrischende Wasser mit dem Beisatz von
Racki. Auf dem Rückwege kehrten wir im Bostangarten ein und tranken da,
auf Anordnung des Priors, eine Tasse Kaffee. Ein Dschebalye-Beduine
ist der Inspector und Halbbesitzer des Gartens, denn die Hälfte des
Ertrages der Bäume gehört sein, dazu bekommt er ja das tägliche Brod
aus dem Kloster, und hilft bei der Bearbeitung des Gartens nur wenig,
denn diese ist großentheils ein Tagwerk der fleißigen Mönche. Erst eine
Stunde vor Sonneuntergang kamen wir in unsre Klostermauern zurück;
verweilten da noch ein wenig im Garten und suchten dann die lieben, bei
der Arbeit für unsre naturgeschichtlichen Sammlungen zurückgebliebenen
Reisegefährten: +Dr.+ Roth und Erdl auf, welche das Amt der
Schatzmeister vertraten, die Alles, was die Bergbeduinen an Lebendem
und Todtem herbeibrachten, alsbald in Empfang nahmen und zum Mitgehen
über Land und Meer geschickt machten.
Der fünfte März war der Sonntag Lätare, ein Tag den ich noch nie
auf Erden so festlich schön zugebracht habe als hier am Sinai. Der
zackige Gipfel des Horebs und der Huthberg des Moses hatten das
liebe Morgenlicht angezogen wie ein Gewand; Laute aus der Kirche die
uns wie Gesang klangen tönten in unsrem Herzen wieder, wir giengen
hinab und wohnten dem Gottesdienst der guten Väter bei. Obgleich uns
darinnen Vieles neu und unverständlich war, wußten wir doch daß Er,
Christus hier geehrt werde der über Alle und von Allen zu ehren ist,
und diesen priesen da, in der kleinen Gemeinde der Betenden unsre
Herzen auch. Die andern Morgenstunden des schönen Sonntags brachten
wir still und selig vergnügt, mit dem Buch der Bücher in unsrer Hand
im Garten zu; lasen da das Evangelium des heutigen Sonntags und dann
von neuem und im Zusammenhange jene Kapitel in den Büchern Mosis,
welche von den Wunderthaten Gottes reden, deren Zeugen einst dieser
Horeb und Sinai, so wie Wüste und Meer gewesen. Freund Baumgärtner,
der ehrliche Schweizer hatte sich zu uns gesetzt; es waren die letzten
Stunden die ich mit ihm in solcher Gemeinschaft des Herzens auf Erden
zubrachte[92]. Das was wir lasen, zuerst den Inhalt des Evangeliums,
der nach Joh. 6 von der Sättigung der fünf Tausende redet, mit fünf
Gerstenbroden und zween Fischen, auf denen die Fülle jenes Segens
ruhete, welche nicht bloß fünf tausend Menschen, sondern ~Alles was
da lebet~ täglich sättiget mit Wohlgefallen; dann der Inhalt der
Kapitel die wir in den Büchern Mosis lasen, führten zur Betrachtung des
Glaubens an Wunder. Mein Freund war mit dem ganzen Heere der modernen
Zweifel nicht unbekannt geblieben; er hatte in jüngeren Jahren an der
Fronte dieses gewaltig drohenden Heeres vorüber gemußt. Hier im Kloster
der Verklärung, wo alles Ungeziefer stirbt, möge auch jenes nagende
Gewürm auf immer gestorben seyn.
Wir saßen unter einem Apfelbaume der heute seine ersten Blüthen
aufthat, oberhalb der Todtenkammer der Mönche auf einem alten
Grabessteine. -- »Was sind alle diese Zweifel, mein Freund, was sind
sie anders als Zweifel an dem Daseyn eines Schöpfers, Zweifel an
dem Gedanken! Denn was ist das Wunder anders als der Gedanke? Mein
einziger Bruder, der mir in der Blüthe seiner Jugend vor vielen
Jahren starb, war gezeugt und geboren wie ich, war aufgewachsen Tag
nach Tag unter Freud und Leid, es hatte gegen zwanzig Jahre gedauert
bis er die Gestalt gewonnen mit der er ins Grab sank, wo sein Leib
schon längst verwest ist, und siehe mein Gedanke kann sich in einem
Augenblick diesen Bruder mit seiner Gestalt und seinem Wesen, so wie
er leibte und lebte, erschaffen und darstellen. -- Glaubst du, mein
Freund, an eine Schöpfung, glaubst du an einen Schöpfer aller Dinge,
oder meinest du daß aus Stäublein der uranfänglichen Materie und aus
einem zähen Schleime zuerst sich das Gefädig der niedern Pflanzenarten
und Thierformen, dann aus der immer wieder erneuten andren Mischung
der Spielkarten, welche der Meister Zufall in seiner Hand hielt, aus
dem sich immer künstlicher verwirrenden Gefädig allmälig im Verlauf
der vielen Jahrtausende auch die Rose und dieser Apfelbaum gebildet
haben? Bis zuletzt selbst der Mensch hervorkroch auf allen Vieren aus
dem Meere. Ich meine du mußt und wirst an einen Schöpfer glauben,
sobald du an den Gedanken glaubst. Die Welt der wesentlichen Dinge,
welche der Gedanke sich schaffet, ist freilich im gewöhnlichen Verlauf
des Menschenlebens eine unsichtbare und scheinbar leiblose, weil der
Gedanke seiner Natur nach ein Aufsteigen des kreatürlichen Wesens
in das Reich nicht des Gewordenseyns, sondern des Werdens; in das
Reich nicht des Vergänglichen, sondern des Ewigen ist. Vor und über
dem Gedanken des Menschen ist aber ein andrer Gedanke, welcher in
umgekehrtem Verhältniß zu jenem hinabwärts steiget aus dem für uns
unsichtbaren Geistigen nach dem Leiblichen, aus der Ewigkeit nach
der Zeit; ein Gedanke dessen eigentliches Wesen dieses Hinabsteigen
einer erbarmenden Mutterliebe ist, nach den Geschöpfen ihrer Hand.
Dieser Gedanke wirket überall wo es ihm gefällt ein leibliches Werden;
er wirkt dieses, wie der Gedanke des Menschen, wenn dieser in seiner
unsichtbaren Region das Werk des Schaffens übt, auf einmal und in einem
Augenblick; denn das Denken des Schöpfers ist zugleich ein wesentliches
und leibliches Schaffen. Auch der Mensch, welcher jenes Denken kennet,
das zum lebendigen Worte ward; der Mensch, welcher im Glauben beten
lernte, hat es selber an sich erfahren, daß es einen Gedanken giebt,
der alsbald zur leiblichen, sichtbaren That zu werden vermag; es ist
jener Gedanke, der sich in den Stunden des Kampfes mit der Kraft Dessen
überkleidet hat, welchen er nicht lässet, Er segne ihn dann.«
»Als ich noch zu Hause war, habe ich oft ein Liedlein auf den Gassen
vernommen, dessen Leierton ich zuweilen lange in meinen Ohren
nachklingen hörte; wie froh bin ich, daß er hier in der Wüste des
Sinai schweigt. Es war das Liedlein von jenen Leuten, welche, da sie
sich für Weise hielten sind zu Narren geworden; und haben verwandelt
die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich den
vergänglichen Menschen, und den Vögeln, und den vierfüßigen und
kriechenden Thieren[93]. Ich will dir den Inhalt des Liedleins noch
näher erzählen. Es war eine Schaar von Knaben, die hatte unter dem
Gerümpel einer Dachkammer alte Pistolen gefunden, welche ungeladen
waren, dazu gelähmt und zerbrochen an Schloß und Feder; etliche von
ihnen hatten nur hölzerne Stöcklein, die wie eine Flinte aussahen.
Die Männlein exerzirten mit ihren niemals zum Schuß befähigten
Schießgewehren, machten auch gar oft die Geberde des Schießens; da aber
der Bettel den sie in ihren Händen trugen nicht losgieng, machten sie
den Schluß, daß allen Pistolen und Flinten in der Welt die Kraft abgehe
irgend etwas damit zu treffen, das nicht so nahe steht, daß man es mit
der Hand erreichen und mit dem Flintenstecken schlagen kann. Denn,
sagten sie, was einst möglich war, das müßte auch jetzt noch möglich
seyn; gäbe es wirklich, wie man uns berichtete, eine solche wundervolle
actio in distans (Wirkung in die Ferne) in den Schießgewehren, warum
zeigte sie sich dann nicht auch an unsern Pistolen und Flinten? --
Die Knaben, von denen ich eben sprach, nennen sich eine Schule »der
Denker« und führen das Wort Gedanke mit großem Geschrei in ihrem
Munde. Aber obwohl sie immerdar lernen, können sie dennoch nicht zur
Erkenntniß der Wahrheit kommen; sie wissen nicht einmal, daß der
Gedanke jenes Wunder selber ist, das sie läugnen. Ja, sie haben die
Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes heruntergezogen in ihr eignes
vergängliches Bild, das abgesehen von der Fertigkeit des Schwatzens,
gleich ist an innrer Kraft den vierfüßigen und kriechenden Thieren.
Denn weil sie selber niemals in und an sich erfuhren die Schöpferkraft,
die dem rechten wahren Gedanken innen wohnt, machen sie das Wort der
Wahrheit, machen sie die von Gott begeisterten Seher der Wunder des
Herrn zu solchen Lügnern, dergleichen sie selber sind. Sie können nicht
fünftausend Mann mit fünf Broden und zween Fischlein sättigen; sie
können nicht dem Meer und dem Sturmwind gebieten, nicht Kranke heilen
und Todte erwecken, also konnten es Christus der Herr und seine Apostel
auch nicht; vor ihnen geht keine Wolken- und Feuersäule vorher, sie
werden niemals mit dem Manna gespeist, also widerfuhr dieß den Heeren
Israëls auch nicht; was die Schrift davon erzählt ist Mythe, das heißt
Lüge. Und dennoch, wenn sie die Religion ihrer Väter so von aller
eigentlichen Kraft des Gedankens (Wunders) entkleidet und sich statt
Gottes einen kraft- und gedankenlosen Götzen, als »ein Bild das ihnen
gleich sey«[94] erschaffen haben, reden sie noch von einer Möglichkeit
die Göttlichkeit des Christenthumes zu bezeugen. Wo steckt denn diese
Göttlichkeit? in der Kraft der Lüge oder in den Taschen der Narrheit?«