Der Gipfel des Berges, der ganz nahe bei der Kluft des Moses ist, war

jetzt erstiegen; ~der Gipfel des Berges~, welcher der größeren

Hälfte der Völker der Erde ein heiliger Ort ist[87]. Denn er ist

heilig dem Volke Israël, welches nur aus ehrfurchtsvoller Ferne

ihn betrachtet, heilig den Mohamedanern, welche hier, der alten,

christlichen Kapelle gegenüber eine kleine Moschee errichtet haben;

heilig den Christen, denen ihr Glaube lehret, daß kein Titel, kein Jota

dieser, prophetisch das Fernkünftige andeutenden Worte des Gesetzes,

auf Sinai's Höhe gegeben, verloren gehen solle, bis daß sie einst alle

in Erfüllung giengen.

Ich habe stark aussehende Menschen gekannt, auf welche der erstmalige

Anblick des Meeres einen solch erschütternden Eindruck machte, daß

sie fast ohnmächtig wurden. Ohnmächtig zwar wurde Keiner von uns;

mächtig erschüttert aber wurden wir Alle durch die Aussicht vom Berge,

deren schon an sich selber große Macht durch das Andenken an das, was

einst hier geschehen, noch vielfach erhöht wird. Der Gipfel des Sinai

raget mehr denn siebentausend Fuß hoch über das Meer, er beherrschet

mithin, wie sich berechnen läßt, eine Aussicht über das niedre,

ebene Land und die Wasserfläche, welche, wo sie durch vorliegende

Berge nicht gehemmt wird, nach allen Richtungen hin gegen 23 Meilen

beträgt, mithin einen Kreis, welcher im Durchmesser 46, im Umfange 144

Meilen misset. Wo aber jenseits dieses Kreises ein Berg von gleicher

Höhe stehet, da erweitert sich die Aussicht auf das Doppelte und in

gleichem Verhältniß der Gesichtskreis. Zwar sind nun die Berge, welche

jenseits des Ailanitischen wie des Heroopolitanischen Busens des rothen

Meeres liegen, wahrscheinlich größtentheils viel niedriger als der

Sinai, indeß darf man wohl den zackigen Umriß des furchtbar schönen

Wüsten-Panoramas, das sich hier dem Auge darbeut, nahe auf 200 Meilen

anschlagen, eine Ausdehnung, welche unter dem reinen, klaren Himmel

Arabiens, bei solch heitrem Wetter als wir hier trafen, in unverkürzter

Deutlichkeit dastehet.

Nach meiner Ueberzeugung wird wohl jeder Reisende, der den Sinai

besteiget und so wie wir die Aussicht von seinem Gipfel beachtet, in

ihr eine so außerordentliche und eigenthümliche anerkennen müssen,

daß er derselben keine andre auf Erden zu vergleichen weiß. Im Süden

wie in Ost und West bemerkt man an einzelnen Punkten den Gürtel des

Meeres, der das Hochland der peträischen Halbinsel umschlingt; jenseit

des Meeres, in weiter Ferne mehrere Gebirgshöhen der Arabischen und

Aegyptischen Küste. Es ist als stünde man in der Mitte des riesengroßen

Horstes eines einsamen Adlers, gegründet auf nackten, öden Felsen,

zwischen die Gränzen der Meere. Nirgends, wohin man auch sieht, eine

grünende Alpenwiese; nirgends ein Wald, kein rauschender Bach noch

Wasserfall, keine Alpenhütte noch Dorfschaft; und wenn nicht gerade der

Sturmwind oder die Donner ihre Stimme reden, da ist hier eine Stille,

wie ich sie noch nirgends auf Erden also hehr und also tief empfunden

habe. Die Wüste des Sinai mit ihrer Felsenwarte ist ein Denkstein,

ein unverändert stehen gebliebenes Werkstück des dritten Tages der

Schöpfung, da Gott sprach: »es sammle sich das Wasser unter dem Himmel

an besondre Oerter, daß man das Trockene sehe;« eine Versinnlichung

jener Zeit der Anfänge, da noch kein Gras und Kraut noch fruchtbare

Bäume, kein webendes und lebendes Thier, noch Gevögel, noch Vieh, noch

Menschen waren, sondern da statt der Kraft des freien Lebens nur jenes

Gesetz waltete, das der Erdveste ihre Gestaltung, dem Gewässer seine

bestimmten Gränzen gab.

Wo kann man wohl in weiterem Umfange und ungehemmter in das Getriebe

der krystallinischen Gestaltung der Felsen hineinschauen als hier, wo

kein Erzeugniß der späteren Schöpfungstage die des dritten überkleidet

und verhüllt; wo das granitische Gebirge mit seinen riesenhaften Tafeln

und Felsenpyramiden unvermischt mit jüngeren Bergarten emporsteigt,

keine seiner zunächst liegenden gähen, tiefen Schluchten mit Sandstein

oder Kalk ausgefüllt ist, und wo man die Gänge der Wacke und des

Basaltes wie schwarze Adern stundenweit durch das Gestell seiner

Bergwände und Kuppen fortlaufen sieht.

Und auf diese Felsenwarte lässet nun auch die Geschichte der

vergangenen Tage ihren verklärenden Strahl fallen und erhebt den innren

Blick auf einen Standort, da derselbe, in noch viel andrem Umfange

als das äußre Auge ein Reich der Zeiten und Völker überblicket. Hier

ward den Menschen das Gesetz gegeben, das wie eine Erdveste dem Meere

der Leidenschaften und Begierden zur sichren Gränze dient; das Gesetz

das auf Christum hinweiset, weil in Ihm des Gesetzes Erfüllung ist.

Wie dann hier, unter dem Fittiche des einsamen Adlers, der sein Volk

hieher in die Stille der Felsenwüste führte, der Lebenskeim der beiden

Religionen, der des Gesetzes und jener der Erfüllung ausgeboren ward;

so nahm dort in Südosten das stürmische Meer des Islamismus seinen

Ausgang; wir stehen hier im Geburtslande der drei Hauptreligionen der

Völker.

Um hier nur mit einigen Zügen die Hauptpunkte zu bezeichnen, welche an

einem heitren Frühlingstage von Sinai aus ins Auge fallen, so bemerkt

man in Nordwest die Meerenge von Suez und als dunkles Pünktlein, Suez

selber; nahe dabei den Attakaberg. Weiter nach Westen herab hemmen zwar

die Höhen des Mokkateb und Serbalgebirges die freiere Aussicht nach

dem Meere, doch glaubten wir das jenseit gelegne Gebirge von Kolzüm:

die alte Wohnstätte der Aegyptischen Anachoreten und ganz nahe neben

dem Gipfel des Katharinenberges, von West in Süd das Gebirge Agarib

(in Aegypten) zu bemerken. Weiter von West nach Süd stellt sich, wie

eine von der Mittagssonne erleuchtete Wetterwolke, der dunkelfarbige,

zackige Katharinenberg vor das Auge hin und lässet hier nichts Andres

sehen als seine Felsengiebel, welche noch um ein Bedeutendes höher

über das Meer ragen, denn der Sinaigipfel. Wenn man noch weiter vom

Katharinenberg zur Linken oder von West nach Süd sich wendet, bemerkt

man die südlichen Ausläufer des Om Schomar, des Gebirges in dessen

Innrem, wie die Beduinen dieses dem Reisenden Burkhardt versicherten,

zuweilen ein Laut, wie von fernem Donner vernommen wird; ganz in Süden

erhebt sich der Gipfel des Mahalaberges; ihm zur Rechten wie zur

Linken sieht man das Meer, welches die südliche Spitze der Halbinsel

umgränzt. Auf der rechten Seite verliert sich die Aussicht gränzenlos

im Spiegel des Gewässers, auf der linken aber erscheinen Berghöhen

der Arabischen Küste, am Ras Fartak und an der Insel Tiran; weiterhin

von Süd gen Ost hemmen wieder die diesseits Nebeky, auf der Halbinsel

gelegnen Höhen die Aussicht nach dem Meere hin. Oefters zeigen sich

nach dieser Richtung Streifen von Wüstensand, welche den Anschein

einer Wasserfläche tragen, dann folgen wieder Berge, in der Richtung

von Jethros Vaterlande, dem alten Midian. Noch weiter von Ost gen Nord

werden an einigen Punkten der Meerbusen von Attaka, ganz in Norden die

sandigen Höhen der Wüste el Tih erkannt. Während die eben genannten

Punkte die äußerste Gränze des Gesichtskreises andeuten, sehen wir

näher am Berge, gegen Westen hinab ins Thal Erbain, von West nach Süd

in das breite Wadi Sebaye oder Sbahiah, dann weiter in Süd und von Süd

nach Ost den Menegada Musa: den Huthberg, auf welchem Moses die Schafe

seines Schwiegervaters Jethro hüthete; in Ost und von Ost nach Nord

die Felsenhöhen des Epistemiberges; von Nord nach West die jenseitigen

Wände des Bostanthales, von welchem ich, so wie von allen diesen näher

gelegenen Punkten, nachher noch reden will.

Uns beschäftigte jetzt, nachdem wir uns länger als eine Stunde an der

Aussicht erfreut hatten, diesseits des leiblich Näheren ein leiblich

Nächstes. Der gute Prior, nachdem er mehrmale uns alle augenfällige

Gegenstände des Panoramas genannt und erläutert hatte, saß da im

Schatten des kleinen, halbzerstörten Christenkirchleins; neben

ihm stunden die Beduinen, mit den an einem Quell des Bergabhanges

gefüllten Wasserkrügen und mit allen andren flüssigen und festen

Lebensvörräthen; es war Alles zur Mittagstafel bereit. Unser Tisch

war eine Platte von weißem Marmor, aus der zerstörten Kapelle der

heiligen Helena; als Voressen und Nachessen gab es Brod mit trefflichem

Ziegenkäse und Brod mit gesalzenen Fischen, zum Getränk Wasser aus dem

Quelle an welchem einst Moses und Elias sich erquickten, und Racki

aus den Früchten der Datteln. Der gesunde Mensch empfindet schon bei

jeder alltäglichen Sättigung seines Hungers etwas von dem Bewegen

jenes Lebensstromes, der sich mit magnetischer Kraft durch die ganze

Sichtbarkeit ergießt und Alles erfüllt mit Lust und Wohlgefallen; bei

diesem Mahle auf der Felsenwarte des Sinai, hatte sich der magnetische

Strom, der das Bedürfniß zu seiner Sättigung hinführt, in das Gewand

einer Lust und Wonne gekleidet, welche von mehr als leiblicher Art und

Natur ist.

Nach dem Essen besahen wir uns noch etwas genauer die kleinen Gebäude

des Berggipfels. Die Moschee, aus Werkstücken, wie es scheint, eines

schon hier vorhanden gewesenen christlichen Gebäudes errichtet, steht

noch ganz wohlerhalten da, denn die Christen haben dieses Obdach

eines fremden Glaubens weder zerstören dürfen noch wollen; anders

aber sieht es mit der gleich gegenüber liegenden Christenkirche aus,

welche von der Moschee nur wenige Schritte entfernt und durch einen

Felsenabsatz geschieden ist. Daß neben der noch jetzt dastehenden

Mosiskapelle oder an ihrer Stelle in älterer Zeit eine Kirche müsse

vorhanden gewesen seyn, welche durch Form und Material von andren,

reicheren Erbauern zeugte als später die armen Mönche waren, das wird

an den prachtvollen Resten der Gesimse und Säulen aus weißen Marmor

erkannt. Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora, so wie lange vor

ihnen die fromme Kaiserin Helena hatten auch diese Stätte mit Werken

der Byzantinischen Baukunst ausgestattet, welche, so fest auch der

Grund war auf dem sie stunden, dennoch dem zerstörenden Ungestüm der

Araber erlagen. Wollten die Beduinen, in ihrer erst durch Mehemed Ali

gebändigten Feindseligkeit, doch nicht einmaldie kleine, bescheidene

Christenkapelle der spätern Zeit neben ihrer Moschee dulden und noch

zu Burkhards Zeiten hatten die vom Towara-Stamme öftere Zerstörungen

daran verübt, abgesehen von den Nachgrabungen die sie beständig unter

den Grundsteinen des Gebäudes anstellten um die, nach ihrer Meinung,

hier verborgenen Gesetztafeln des Moses aufzuwenden. Gleich unterhalb

der kleinen Moschee findet sich eine in den Fels gehauene Cisterne, zum

Auffassen des Regenwassers.

Wir verweilten noch einige Stunden auf dem Berggipfel, während unser

Maler, Herr Bernatz, das Panorama vom Sinai zeichnete, welches er

im zweiten Hefte seiner Bilder aus dem heiligen Lande öffentlich

mitgetheilt hat. Einige unsrer jungen Freunde faßten den Entschluß und

führten ihn aus, an der steilen, unwegsamen Felsenwand des Berges,

zwischen der kleinen Moschee und der Kapelle hinunterzusteigen ins

Thal; ein Unterfangen das ich nicht vielen Reisenden rathen möchte.

Weiter unten in der Schlucht, welche die Gränze zwischen dem Sinai und

Horeb bildet, führt ein gangbarer Weg, mit ausgehauenen Stufen hinab

zum Thal und Kloster Erbain. Wir Andern kehrten auf dem gewöhnlichen

Wege zurück und beim Hinabgehen wurde uns noch an einer seitwärts

anstehenden Felsenplatte die vermeintliche Fußspur des Propheten

Mohamed gezeigt, welche von den mohamedanischen Pilgrimen sehr verehrt

wird. Einer Sage nach sollte der Prophet einige Zeit im Kloster, bei

den Mönchen verweilt und den Berg bestiegen haben. Bei dem Brunnen des

Elias ruheten wir abermals aus und sahen uns nach den Gewächsen um,

welche am Abfluß des Quelles und zwischen den Felsenstücken des Sinai

und Horeb stunden. Leider war noch nicht die Jahreszeit, in welcher man

das Gewächsreich dieser hochgelegenen Gebirgsgegend in ihrer Blüthe

findet, und wir bedauerten besonders, daß der goldgelbe Schmuck der

Phlomis, deren strauchartige Stauden wir häufig hier sahen, den Felsen

noch abgieng[88]. Von den lippenblüthigen, gewürzreichen Pflanzen

an denen der Sinai so reich ist, fanden wir außer der +Stachys

affinis+ nur wenige schon in Flor, doch konnte man auch an den

blüthenlosen Stengeln und Blättern die Geschlechter der Münze, des

Majorans, der Saturei und des Marrubiums unterscheiden. Unter den

Gewächsen dieser Familie machte uns der Prior vor allen auf eines

aufmerksam, von welchem er behauptete, daß es der Ysop gewesen sey,

dessen im 2. Mos. 12, V. 22; 3. Mos. 14, V. 4; 4. Mos. 19, V. 6 u. 18

bedeutungsvolle Erwähnung geschieht. Es war eine Form von +Teucrium

Polium+ mit haarigen an den Rändern eingekerbten Blättchen und

Stielen.

Wir hatten ohngeachtet des Verweilens bei der Eliasgrotte und Quelle

zum Hinansteigen vom Kloster auf den Sinaigipfel nicht viel mehr

als zwei Stunden gebraucht; hinabwärts waren wir, mit Einschluß des

abermaligen Aufenthaltes bei dem Eliasbrunnen in anderthalb Stunden

gekommen; es war noch zeitig am Nachmittag, wir blieben da ausruhend

unter den blühenden Obstbäumen des herrlichen Gartens.

Der Freitag (3te März) wurde zum Betrachten aller Sehenswürdigkeiten

des Klosters angewendet. Das festungsartige Aeußere dieses Gebäudes,

als dessen Erbauer eine Inschrift über dem (zugemauerten) äußern Thore

den Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora nennt, habe ich schon

vorhin (S. 309) beschrieben. Es stehet auf durchaus unebenem Grunde,

so daß man von einem Hofe zum andern bergauf und bergab steigen muß;

das Ganze ist ein unsymmetrisches Gehäuse von älteren und neueren

Theilen; lang fortlaufende Reihen von Zimmern oder Zellen, deren

Fenster und Thüren sich, wie unsre, bei der Küche gelegnen Gastzimmer,

hinaus auf einen Gang öffnen, dazwischen kleine Kapellen, deren mit

der schon erwähnten, größern Kirche, 23 im Kloster sind. Es haben

hier alle einzelne Gemeinschaften der orientalischen Christen ihre

eigne Kapelle, auch die Lateiner besitzen eine, welche jedoch, da sie

seit langer Zeit der Unterstützungen zu ihrer Ausbesserung entbehren

mußte, sehr im Verfall ist. Bei einer der Kapellen in dem für den

Erzbischof bestimmten Zimmer, zeigt man eine prachtvolle Abschrift

der Evangelien, angeblich von der Hand des Kaiser Theodosius; ein

Psalterium von der Hand der heiligen Kassiani; die Bibliothek enthält

Ausgaben und Abschriften der griechischen Kirchenväter, einzelne, in

ziemlicher Zerrüttung befindliche Arabische Manuscripte, ein Buch Hiob

mit vielen bunten Bildern. Auch die Höfe und Werkstätten besahen wir,

denn jeder Mönch des Klosters, außer dem Prior, muß hier ein Handwerk

treiben und hat seine Werkstätte. Auffallend war auch uns, bei diesen

Herumwanderungen die zwar nicht sehr große, aber stattliche Moschee,

die sich in der Nähe der großen Kirche, in einem der innersten Hofräume

dieses christlichen Klosters findet. Die Mönche möchten, so schien es

uns, gerne die Aufmerksamkeit der christlichen Pilgrime von diesem

Gebäude ablenken; man erzählt sie hätten sich vormals aus Furcht vor

den Türken, welche gedroht hatten das Kloster zu zerstören, zu diesem

sonderbaren Aufbau entschlossen. Mußten sie doch später selbst einen

Imam und Gebetsausrufer, so wie andre Diener der Moschee im Kloster

aufnehmen und ernähren, so wie das Gebäude selbst auf ihre Kosten

im baulichen Stande erhalten. Indeß wird dieses den Bewohnern des

Klosters durch die Bekenner des Islams auf mancherlei Weise erleichtert

und wiedervergolten. Noch jetzt, wiewohl seltner als sonst, kommen

Mohamedanische Pilgrime von höherem Stande und bedeutendem Vermögen

hieher, welche auf ihrer Wallfahrt nach Mekka diesem Sitz des Friedens

zusprechen, den die bei ihnen übliche und gangbare Sage auch durch

das Andenken heiliget an den »umgekehrten« Propheten (»umgekehrt,«

weil seine Weissagungen so weit sie ~unverkennbare~ Wahrheit

enthalten, mehr auf dem Vergangenen als auf dem Zukünftigen beruheten).

Bei solchen Gelegenheiten fehlt es dann niemals an ansehnlichen Gaben

für die Unterhaltung der Moschee und für das Kloster selber. -- In der

christlichen Hauptkirche wurden uns heute die Gebeine der heiligen

Katharina gezeigt. Wir küßten sie nicht wie die Mönche dieß thaten,

dennoch beschenkte man mich mit einem Theil jener wohlriechenden Wolle,

mit welcher die Reliquien umhüllt sind. Die Mosaik des Gewölbes über

dem Reliquienschreine verdient besondre Beachtung. Laborde hat sie in

seinem trefflichen Werke beschrieben und abgebildet. Sie stellt Moses,

knieend vor dem feurigen Busche und auf der andern Seite eben denselben

mit den Gesetzestafeln dar, unter diesem, als Hauptbild Christum, durch

ein Licht verklärt gleich jenem im Busche, neben ihm Elias und Moses

-- mithin die Geschichte der Verklärung. Denn wie schon Burkhardt

bemerkt (Reisen S. 890), das Kloster, welches nun allgemein das St.

Katharinenkloster heißt, war eigentlich »der Verklärung« geweiht.

Der gute Vater Prior, -- meine dankbare Liebe zu ihm kann ihn nicht

anders als einen Vater nennen -- hatte mir, als ich am zweiten Tage

meines Hierseyns mit ihm im Garten war, freiwillig versprochen, er

wolle mich und meine Begleiter in die Begräbnißstätte der Mönche

führen, die mitten in den lieblichen Gärten des Klosters liegt. Dennoch

machte er eine ganz ernste Miene, als ich ihn heute an sein Versprechen

erinnerte; die Mönche führen ungern einen dahin der nicht ganz zu den

Ihrigen gehört, vielleicht weil sie manche ihnen anstößige Bemerkungen

der neueren Reisenden vernehmen mußten. Ich wußte schon aus Burkhardts

Reiseberichten was hier zu finden war, und wir bekamen auch wirklich

nicht viel mehr und der Hauptsache nach nichts Anders zu sehen, als was

Burkhardt schon gesehen und beschrieben hatte.

Es ist als wäre das sonderbare Bestreben, dem Leib selber zu einem

Kenotaphium zu machen, dauernd wie eines von Stein, von den ältesten

Beherrschern der peträischen Halbinsel, von den Aegyptern, selbst noch

auf die guten Väter dieses Klosters übergegangen. Sie haben in ihrer

Einsamkeit und Abgeschiedenheit ihre Welt Einer nur an dem Andern,

und verrathen dann in der Weise wie sie ihre Todten aufbewahren, noch

immer, wie gern und fest unsre Natur sich an die ~Welt~ hänge.

Wenn so ein alter Vater gestorben ist (und alt werden die meisten

von ihnen), da begräbt man jetzt seine Hülle außerhalb dem Kloster,

in einem gegen den Bostan Garten hin gelegnen Räumlein, in den Sand.

Nach zwei bis drei Jahren hat das Verwesliche dort seine Quarantäne

vollendet und man holt nun die Gebeine wieder in das Kloster heim.

Ein zwergartig kleiner Dattelnpalmbaum, denn zur vollkommenen Größe

kann dieser Baum in solcher Höhe über dem Meere nicht gelangen,

steht bei der Treppe, auf der man hinabsteigt zu den Ruhekammern der

Gebeine; hohe Cypressen beschatten den Eingang, eine Arabische Amsel

sang so eben ihr Lied, als uns der Prior die Thüre öffnen ließ, über

welcher ein Bild des frommen Einsiedlers Onuphrius, noch kaum erkennbar

gemahlt ist; jenes Onuphrius der mir schon durch Herders Legenden ein

lieber Bekannter war. Es sind mehrere Gewölbe nebeneinander, die man

hier zu Beinhäußern benutzt hat. Auf viele mag der Anblick dieser

in regelmäßigen Gruppen zusammengehäuften Knochenhände, Arme und

Schädel einen widerwärtigen Eindruck machen, auf mich thut er dies

nicht, weil mir jene Stelle im Ezechiel, die von einem Lebenshauche

zeuget, der die Todtengebeine mit Fleisch und Adern bekleiden und

mit seinem Odem beseelen wird, bei solchem Anblick immer wieder zu

Sinne kommt. Auch von jenen Händen, deren vergängliches Schatten- und

Zerrbild diese Knochen sind, wird sich manche freudig emporheben,

wenn das neue Auge, dessen Keim schon in dem sichtbaren Auge lag,

und das jene Schädelhöhlen bewohnte, Ihn schauen wird, auf Den Viele

dieser Verarmten und Vereinsamten hofften. Die Gebeine der Patriarchen

des Sinai, die man auch aus weiter Ferne hieherbringt, ruhen in

besonderen, sargartigen Kästen. Auch jene Reste der beiden Indischen

hier zu Christo bekehrten Prinzen zeigte man uns, von denen schon

Burkhardt erzählt. Diese Morgenländer des Morgenlandes hatten an der

Küste des Meeres, zu Tor Schiffbruch erlitten und im Kloster des

Sinai mit der äußeren zugleich eine innere Stätte des Ausruhens und

Friedens gefunden; sie lebten in einer Höhle des Berges, unzertrennlich

beisammen und wollten auch, daß ihre Gebeine nicht geschieden würden.

Ein Stücklein Panzer des einen von ihnen wird noch gezeigt und eine

Kette von der man uns übrigens eine etwas anders lautende Legende

erzählte, als Burkhardt berichtet. Auch von einem weit mehr als

hundertjährigem Mönche zeigte man uns, ich weiß nicht mehr weshalb so

merkwürdig, die Gebeine.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 22 / 42 段