außer einigen Fagonien und Heliotropien (+Hel. arbainense+) hatte
das Auge keinen nahen Gegenstand der es am Boden hätte festhalten
können; desto freier und ungestörter konnte es sich dem Anblick des
Gebirges hingeben. Der Serbal erscheint hier in seltner Schönheit;
die Wände seiner Schluchten und bastionenartigen Vorsprünge sind fast
senkrecht abgeschnitten; wie Gallerieen treten an manchen Punkten
Felsenabsätze hervor, deren einer uns von Ferne die Gestalt einer
Kunststraße vorspiegelte, welche die Menschenhand mühsam ins Gestein
gesprengt hat. Es war kaum vier Uhr des Nachmittages als wir die äußre
Mündung des Hebronthales erreichten. Mächtige Blöcke und Felsen des
Sinaitischen Urgebirges lagen hier wie Trümmer einer Tempelpforte
herumgestreut, durch welche das Bette des Gießbaches und der Weg zu
seiner Seite sich hinwand. Grüne, vesuvianartige Gesteine wechselten
mit den röthlichen des Feldspathes. Wir schlugen unser Zelt in der
Wildniß des Felsensturzes auf, umschirmt, zunächst durch mauernartige
Steinblöcke; nach allen Seiten lockten uns die Klüfte des Gebirges
unter ihr schattiges Obdach hinein. Leider drangen wir nicht bis zu
jenen Felsenwänden des Serbal vor, deren Inschriften mehrere neuere
Reisende sahen und zum Theil copirten; unser Scheikh wußte uns nicht zu
sagen in welcher Gegend sie zu suchen seyen und erinnerte nur daran,
daß es zu weiten Wanderungen zu spät sey; in einer der benachbarten
Schluchten grünten und blüheten die hieländischen Arten des Schnecken-
und Trigonellenklees, nebst der strauchartigen Moricandia (+Brassica
suffruticosa+) in solcher Fülle, daß ich meinem treuen Kamel ganze
Bündel davon zum Nachtisch seiner Abendmahlzeit mitbrachte. Nach
Sonnenuntergang stieg das Zodiakallicht so hellstrahlend am Himmel
herauf, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Unser heutiger
Weg hatte sich von Tor aus fortwährend in nordöstlicher Richtung immer
hinan gezogen; das Nachtlager war 747 Fuß höher als der Spiegel des
rothen Meeres, bei dem wir noch heute am Morgen verweilten.
Montags, den 27sten Februar, bald nach Sonnenaufgang zogen wir,
meist zu Fuße, neben den Kamelen hergehend in das enge, erhaben
schöne Felsenthal Hebron hinein; die Wände bestehen vorherrschend aus
Sienit, welchen mächtige Gänge von Hornblendenschiefer, Grünstein
und basaltischen Felsarten durchsetzen. Nach kaum einer halben
Stunde Weges kamen wir zu dem Punkte, wo das weiter aufwärts im
Thale noch fließende Bächlein im Sande versiegt. Der Anblick eines
solchen reinen, frischen, fließenden Wassers, an dessen Seite der
Weg auf eine bedeutende Strecke sich hinzog, war unserm Auge zur
großen Erquickung; bald gesellte sich auch zum Anblick des Wassers
jener der grünen Gebüsche von Mannatamarisken[77], zwischen denen
hochstämmige Dattelpalmen hervorragten und die strauchartige
Seidenpflanze (+Asclepias fruticosa+, von den Arabern Argel
genannt) ihre lieblichen von Felsenbienen umsummten Blüthen
entfaltete. Weiterhin zeigten sich die Blätter der gezähnelten Sida
(+Sida denticulata+), und das wachholder-blättrige Daffarakraut
(+Chrysocoma+ oder +Iphiona mucronata+). Vor uns und neben
uns erhuben sich die Gebirgswände zu den groteskesten Formen. Unser
Weg hatte nach einigen Stunden das gute Bächlein verlassen[78],
dessen Heimath und Ursprung in einem rechts gelegnen Seitenthal ist,
in welchem man zu den verlassenen Gemäuern und Dattelnpflanzungen
des Klosters ~Deir Antus~ gelangen würde. Wir zogen durch ein
wasserloses, etwas breiteres Thal, in welches die brennend heißen
Sonnenstrahlen ungehemmt hereinfielen; vor uns ein hoher, sehr steil
ansteigender Berg (der Fera Soweyd?), der uns in der ohngefähren
Richtung des St. Katharinenklosters (nach Osten) lag. Wir aber
wendeten uns nördlich in ein Seitenthal, in welchem, am vertrockneten
Bette eines Gießbaches viele Gesträuche von Tamarisken und einsaamigem
Ginster (+Spartium monospermum+) wuchsen. Und gerade jetzt in
der Mittagszeit, in welcher die Sonne am heißesten auf die kahlen
Felswände aufbrannte, kam der beschwerlichste Theil der Tagreise; der
Weg zog sich so steil den Berg hinan und war so schwierig, daß unsre
ganze Reisegesellschaft zu Fuße gehen mußte, und daß eines der beladnen
Kamele mit seinem etwas breiten Gepäck auf dem schmalen Stege zwischen
zwei Felsenblöcken uns stecken blieb. Es mußte zum Theil abgeladen
werden, was einigen Aufenthalt verursachte. Wir hatten hier wieder
Kalk. Von den einzelnen Höhenpunkten aus, welche der Weg bald auf-
bald niedersteigend berührte, war die Aussicht in die kahlen Thäler
und auf die busch- und waldlosen Berge sehr eigenthümlich, nicht aber
gerade zum Verweilen einladend. Wir hatten diesen Felsensteig gegen
vier Stunden lang verfolgt, als wir gegen Abend in die Nachbarschaft
einer kleinen, auf der Höhe gelegenen Quelle kamen und bald hernach
in das an Weideland reiche Thal Slaf hinabstiegen, wo wir für diese
Nacht unsre Pilgerhütte aufschlugen. In der Nähe unsers Lagerplatzes,
gegen Nordost, zeigte sich uns ein Beduinendorf mit seinen dunklen
Hüttenzelten, nach Nordwest fanden sich die Trümmer einiger kleinen,
nur aus übereinandergelegten Steinen gebauten Mauern. Wahrscheinlich
hatten hier solche Beduinen-Schatzhäuslein (Macksen) gestanden, in
denen dieses Volk, während es mit den Kamel- und Ziegenheerden aus
einem Thale ins andre zieht, seine besten Sachen verwahrt, ohne
Gefahr zu laufen, daß einer ihres Volkes die gar leicht, mit einem
einzigen Stoße zu öffnende Thüre aufbreche und die Hütte beraube, was
vielleicht eben so sehr der Furcht des einen Beduinen vor der Rache
des andren und vor der unvermeidliche Todesstrafe, als der Ehrlichkeit
dieses Volkes zuzuschreiben ist. Der Boden auf welchem wir hier im
Thale Slaf giengen und ruheten, duftete lieblich von der Menge der
aromatischen Kräuter welche ihn bedeckten, unter andrem wuchs da der
kreuzdornige Thymian (+Thymus decussatus+). Unsre Beduinen waren
hier bei ihren Nachbarn und Freunden, unter denen sie sich wohl seyn
ließen. Die Höhe unsres Nachtlagers über dem Meere ergab sich aus dem
Stand des Barometers zu 2709 Par. Fuß.
Einer jener wilden Hunde, die in Tor unsre Nachbarn waren, hatte
unsre Gesellschaft so lieb gewonnen, daß er uns am Tage immer in
einiger Entfernung gefolgt, bei Nacht aber zu dem Zelt gekommen war
um Küchenvisitation zu halten. Er stahl uns in der vergangenen Nacht
das Fleisch, das wir, zur besondern Erquickung, für den heutigen Tag
gekauft hatten und es war nur zu bedauern, daß, auf Mahomeds Gerede
hin, der neben dem anscheinend sehr gut verwahrten Korbe schlief, ein
Verdacht auf unsre unschuldigen Beduinen fiel. Während dieser Verlust
wie gar keiner erschien, hatte ich bei dem Thale Slaf einen andern,
ungleich empfindlicheren erlitten; mir war eine Durchzeichnung der
großen Labordschen Karte der Sinaitischen Halbinsel (eine Mitgabe
meines Freundes v. Raumer), wozu in Kairo noch mehrere Zeichnungen nach
englischen Landcharten gekommen waren aus dem Gepäck meines Kameles
verloren gegangen, weil ich diese Charte immer auf dem Wege studirt und
daher nicht tief genug verwahrt hatte. Den Beduinen der Umgegend wurde
eine Belohnung versprochen, wenn sie die Papiere fänden und mir ins
Sinaikloster nachbrächten, ich erhielt sie aber niemals wieder.
Heute, am 28sten Februar reisten wir von 7 Uhr an zuerst weiter
im Thale Slaf, dessen Sienit überaus häufig von schwarzen Gängen
durchzogen ist, deren Masse aus Hornblendegestein, Grünstein, Basalt so
wie Porphyrschiefer besteht, und welche vorherrschend von Nordost nach
Südwest streichen. Man kann diese Gänge oft stundenweit mit dem Auge
auf das nackte Gebirge hinan und über seine Höhen hinüber verfolgen.
Zur Rechten öffneten sich einige Seitenthäler, in deren einem, nach
der Aussage unsrer Beduinen, eine reiche Quelle ist. Wir erblickten
jetzt in dieser Richtung gegen Süden den hohen Berg, der gestern in
Osten vor uns lag; es war der St. Katharinenberg oder einer seiner
nördlichen Nachbarn. Unsre Beduinen nannten ihn Madein. Nach zehn
Uhr gelangten wir zur Mündung des Garbathales. Von hier begann ein
äußerst beschwerliches Ansteigen auf die Granitklippen des Radoaberges,
welcher die südliche, minder steile Wand des Garbathales bildet, dessen
schmale, mit heruntergestürzten Felsenmassen überschüttete Sohle zur
Linken tief unter uns lag. Wir giengen zu Fuß; der Weg windet sich
zwischen den herabgerollten Felsenmassen wunderlich hinauf; es sieht
aus als sey da schon einmal ein Vorspiel vom jüngsten Gericht gehalten
worden; ich hatte in meinem Leben noch keine so schauerliche und
zugleich erhaben schöne Wildniß gesehen. Auf unsrem Wege bemerkten
wir öfters eine Art von Steinpflaster, so wie eingehauene Stufen und
eine Nachhülfe der Menschenhand zur Erweiterung des Passes durch die
Felsenstücke, welche wie kleine Berge auf dem Abhange des großen
herumliegen. Es ist auch dieses ein Erinnerungszeichen an jenen
Fleiß der Mönche, welche in frühern Jahrhunderten zu Tausenden die
Sinaitische Halbinsel bewohnten, und welche mitten in der Einöde des
Gebirges zahlreiche Klöster und Pflanzungen angelegt hatten. Das Thal
Garba war eine der nächsten Communikationsstraßen zum Hauptsitz des
Sinaiklosters und ist noch jetzt der gewöhnlichste Weg der Kamele von
Tor her.
Auf und neben unserm Felsensteige trafen wir mehrere kleine Quellen,
an denen die filzblättrige Salbei (+Salvia tomentosa+) wuchs.
Das Wasser erquickte, aber es stillte nicht das fieberhafte Weh von
welchem ich schon am gestrigen Nachmittag eine Anwandlung empfunden
und das mich heute in ziemlicher Heftigkeit überfallen hatte. Dazu
hatte ich, aus Mangel an Eßlust heute außer einem Becher Kaffee nichts
genossen. Die ermatteten Kniee konnten den schwerfälligen Leib nur mit
Mühe weiter tragen, ich war, nur von der treuen Hausfrau begleitet,
weit hinter der andern Reisegesellschaft zurückgeblieben, eine zeitlang
nichts fühlend als den armseligen Schmerz und die vergebliche Sorge,
daß ich hier in der weiten Ferne erkranken würde. Da siehe, nach einer
kleinen Hinabsenkung der Anhöhe und einem abermaligen Hinansteigen
auf die breite Hochebene lag schon gegen 3 Uhr des Nachmittags das
Bostanthal mit dem Berge Gottes Horeb, und im Schatten seiner sieben
Gipfel das Thal mit dem Katharinenkloster vor uns. Die Freunde hatten
hier auf uns gewartet; wir ruheten einige Augenblicke stillstehend,
an dem hehren Anblick. In den Gärten Bostan und Rabah blüheten neben
den hohen Cypressen die Bäume, zwischen den Felsenstücken weidete eine
Heerde der Ziegen. Das Weh war vergessen, wenn auch die Ermattung noch
fortdauerte.
Unser Dragoman, Herr Mühlenhof, war vorausgeritten und hatte unsre
Ankunft im Kloster gemeldet, wo man uns übrigens schon seit gestern
erwartet hatte, weil die Väter des Sinai in Kairo von uns und unserem
nahe bevorstehenden Besuch geschrieben hatten. Der Prior, ein
freundlicher Greis, war uns entgegengegangen und bewillkommte uns schon
außen vor der Mauer des Gartens, über welche wir ältere Leute, in der
Gesellschaft des guten Greises auf einer Leiter hinüberstiegen, während
unsre jüngeren Gefährten, auf die hier gewöhnliche Weise, an einem
Seile hinangezogen wurden zu dem hochgelegnen, fensterartigen Eingange
des festungsartigen Gebäudes.
Aufenthalt am Sinai.
Beim Eintritt in den Garten, auf dessen Boden an der innren Seite der
Mauer, von dem kleinen Häußchen des Gartenwächters Stufen hinabführen,
wandelte mich ein Gefühl an, desgleichen ich niemals sonst in meinem
Leben empfunden hatte. Ich möchte dasselbe mit einem Vorschmack jener
Wonne vergleichen, welche einst solche Seelen erwartet, die aus des
Lebens Angst und Mühe, die aus dem schmerzensvollen Kampfe der letzten,
siebenten Trübsal auf einmal eintreten dürfen in den seligen Frieden
des Paradieses. Der Frühling ergoß so eben über dieses hochgelegene
Thal die ganze Fülle seiner Kräfte. Die Pfirsichbäume und Mandeln
hatten den Boden mit den schon abfallenden Blättern ihrer Blüthen
bedeckt und jeder Windhauch schüttelte einen neuen Blüthenregen
aus ihren Zweigen herab, während die Aprikosenbäume noch mit dem
jugendlichen Roth fest umgürtet stunden, die Blüthen der Kirschen so
eben sich öffneten, die Birnen aber und Aepfel noch schlummernd in
der Wiege der großen, weißen Knospen lagen. Dazwischen erhuben die
Cypressen ihre dunkelgrünen Wipfel und im untren Theile des Gartens
duftete der kleine Wald der Orangenbäume und ein erfrischender Hauch
stieg herauf aus den reichlich mit Wasser gefüllten Cisternen.
Ausruhend saßen wir einige Zeit in diesem kleinen, friedlich stillen
Paradiese, dann brachte uns der gute, alte Prior durch den langen, mit
eisernen Thoren und Fallthüren wohlverwahrten, unterirdischen Gang,
der treppab und treppauf aus dem Garten zuerst in einen äußren, von
den hohen Ringmauern umschlossenen Vorhof, dann durch ein mächtig
befestigtes Thor zu einem der innren Höfe führt, hinein ins Kloster.
Hier fanden wir eine Reihe von reinlichen kleinen Zimmern, Dank
den Briefen aus Kairo, die uns angekündigt hatten, schon zu unsrer
Aufnahme bereit und mit allem versehen was zur Bequemlichkeit eines
aus der Wüste kommenden Reisenden dient. Wie wohl thaten dem Körper
hier die lang entbehrten Segnungen -- ja wahrlich das sind sie -- der
Reinlichkeit.
Ich brauche wohl nicht zu sagen was hier im Kloster, da ich jetzt aus
dem Zimmer wieder hervortrat, mein erster Gang, meine erste Bitte an
den alten Prior war. Der durch den Geist der Liebe, die in ihm waltet,
wahrhaft ehrwürdige Greis führte mich hinab zur Hauptkirche, zu jener
Stätte da Moses, so spricht die Sage, welche das Andenken weckt an
Thaten die in dieser Gebirgsgegend geschahen, den Busch in einem Feuer
flammen sahe, das nicht zerstört noch verzehrt. Es war ja dasselbe
Feuer, das nachmals in der Gestalt der schirmenden Säule und Wolke
wie ein Adler seine Jungen die Heere Israëls führte und über sie
seine Fittiche breitete; dasselbe, das über die Verschmachtenden die
Ströme des Manna herniederregnete; dasselbe Feuer der Liebe, das bei
Gethsemanes Grotte, sowie auf Golgathas Felsen als Blut der Versöhnung
sich ergoß. Da wir uns der Stätte naheten zog der Greis seine Schuhe
aus, und es hätte seines bittend an mich gerichteten Blickes nicht
bedurft, denn ich hatte schon von selber der Worte gedacht, die Der im
flammenden Busch zu Mose sprach: »ziehe deine Schuhe aus von deinen
Füßen, denn der Ort darauf du stehest ist ein heiliges Land.« Wie kurz
oder wie lange ich hier knieend im Halbdunkel der Kapelle verweilte;
ich weiß das nicht. Es war ja ein Ausruhen, auch der Seele, die
vom Wandern in der Wüste seit Jahren so oft und viel müde und matt
geworden; und es giebt Thränen unter dem Monde, die nicht von innrem
Leid, sondern von Freuden des Himmels reden.
Das Alte, das Gefühl des Schmerzens und der Mattigkeit des
schwerfälligen Leibes war vergangen; siehe es war Alles neu worden;
wir stiegen jetzt, geführt von unsrem guten Prior noch hinan zu den
Zinnen und Thürmlein des ganz zur Festung eingerichteten Klosters. Da
stehen sogar einige kleine Kanonen und Alles was man sieht erinnert
an die Bedrängnisse und an die feindseligen Angriffe der Beduinen,
denen die armen Mönche bis Mehemed Alis Macht Einhalt that, ohne
Aufhören ausgesetzt waren. Stiegen doch diese Raben, wenn die Zeit
des Reifens der Früchte kam, selbst noch zu Burkhardts Zeiten in den
Garten und raubten Alles, außer dem Gemüse, so daß die armen Mönche,
wenn sie einige Früchte ihres Fleißes genießen wollten, sie von den
Räubern wieder erkaufen oder andre der Art von Kairo kommen lassen
mußten. Deshalb war die vorsichtige und wohlbefestigte Anlage des
unterirdischen Ganges, der aus dem Garten in das Kloster führte, gar
nöthig, und als Burkhardt hier war kamen außer den Laienbrüdern, die
den Garten bebauten, nur selten andre Mönche in diesen hinaus. Mußten
doch auch außer jenen Räubereien die armen Einsamen fast täglich von
ihrem bescheidnen Theil der Nahrungsmittel etwas an ihre Dränger
abgeben; denn alle vorüberziehende Beduinen begehrten mit Ungestüm
wenigstens Brod, wenn ihnen auch nicht immer große Schüsseln mit
gekochten Speisen gereicht wurden. Und die Raben, je weniger die
menschliche Nachgiebigkeit sie von hinnen scheuchte, wurden immer
zudringlicher, so daß man doch zuweilen einen Schreckschuß aus den
alten Kanonen oder verrosteten Büchsen unter ihre Schaaren loslassen
mußte.
Heute Abend genoßen wir freilich ein Fürstenmahl. Schon am Nachmittag
hatte der Prior uns ein Geschenk von Granatäpfeln gebracht, die uns
sehr gelabt hatten. Jetzt aber wurde das Fleisch einer wilden Ziege,
die man bereits gestern für uns geschossen hatte, von Abd-er-Wacheds
(des Knechtes des Herrn v. Krohn) Meisterhand gesotten und gebraten,
mit einer Sauçe von gekochten Mischmisch[79] für uns aufgetragen; dazu
ein süßer Wein, welchen die Mönche in ihrem Garten gebaut und selbst
gekeltert hatten. Der gute Prior durfte zwar, nach der Strenge seines
Ordens kein Fleisch genießen, aber er saß doch bei uns und erfreute uns
durch seine freundlichen Mienen und Worte. Auch die Ruhe der Nacht,
auf breiten Teppichen, that unbeschreiblich wohl; der erste März war
schon mehr als zum vierten Theil vorüber, da wir seine liebe, klare
Frühlingssonne begrüßten, welche, als wir zum Zimmer hinaustraten, ganz
hell auf den offnen Gang schien. Der Horeb, den ich so oft durch fremde
Augen mit innigster Theilnahme betrachtet hatte, der Weg der Felsen der
hinan zum Sinai führt, der Menegada Musa: jener Hügel auf welchem Moses
die Schafe hüthete, lagen vor mir, von der Morgensonne bestrahlt, ich
sahe sie nun selber, mit meinen eignen leiblichen Augen; mir war es als
sey ich in einer neuen Welt erwacht.
Der alte Prior saß schon da auf dem Gange, bei dem Ikonomos oder
Haushalter des Klosters, einem rüstigen, heitren Manne, in einem der
hölzernen, zierlich geschnitzten Lehnstühle und wärmte sich an der
Morgensonne. Er begrüßte uns freundlich und nahm mit uns, denn es war
heute kein Fasttag, und die lange, strenge Fastenzeit der Griechen
hatte noch nicht begonnen, das Frühstück des Milchkaffees. Heute
hielten wir Rasttag, den wir zu einer innern wie äußren Vorbereitung
auf das Besteigen des Berges benutzten. Mit welch andrer gewaltigen
Empfindung liest man doch hier, im Anblick des Horeb, die Bücher Mosis,
als daheim im Zimmer. Und doch ist es nicht die Stärke solcher äußerer
Empfindung, welche dem Worte sein wahres Leben giebt, sondern eine
andre Kraft, die in dem Worte selber liegt, und welche auch ohne die
Sturmesgewalt der Gefühle dieselbe bleibt. Am späteren Nachmittag stieg
ich nur vom Maler Bernatz begleitet, hinaus über die Gartenmauer; ich
hatte gar so großes Verlangen den eigentlichen Sinaigipfel zu sehen,
der im Thale des Katharinenklosters durch den Horeb verdeckt wird.
Es gesellten sich sogleich einige Beduinenknaben der Dschebalye zu
uns und zeigten uns auf unserm Wege durch das Bostanthal verschiedne
Merkwürdigkeiten von denen ich später sprechen werde. Wir giengen bis
zum Eingang des Thales Erbain, ohne unsre Absicht zu erreichen, denn
auch hier ist der Sinaigipfel noch hinter den niedrigeren Felsenzacken
verborgen. Mit einbrechender Dämmerung kehrten wir wieder in das
Kloster zurück.
Am 2ten März, bald nach Sonnenaufgang, machten wir uns auf zum
Besteigen des Sinai. Der ehrwürdige Prior hatte es sich nicht nehmen
lassen; er wollte uns selber auf dem Wege geleiten. Der Greis, mit
seinem Wanderstabe gieng voran; eine Schaar der Beduinen, welche die
Vorräthe des frischen Brodes, der Datteln und eingesalznen Fische, so
wie eine Flasche mit Racki trug, folgte uns nach. Nahe beim Kloster,
in einer Bergschlucht an der nordöstlichen Seite des Horeb, steigt man
auf jenen, zum Theil verfallenen Stufen empor, welche schon die fromme
Kaiserin Helena oder doch Kaiser Justinian zur Bequemlichkeit der
Pilgrime anlegen und einhauen ließen. Zu beiden Seiten erschienen die
zum Theil prunklosen, meist aber gewürzhaften Gewächse des Arabischen
Felsenlandes; doch das Auge hatte jetzt keine Zeit sie zu sehen. Bei
der Quelle des heiligen Sangarius, in der Grotte, am klaren, frischen
Wasser ruheten wir aus, denn wir waren vom Kloster aus hieher schon 920
Fuß, mithin zweimal so hoch gestiegen, als die größeste der Pyramiden
zu Ghizeh oder als der Münsterthurm in Straßburg emporragt. Diese
Quelle, so erzählt die fromme Sage des Klosters, ward zur Erquickung
seiner Bewohner, deren Bedürfniß das Wasser der Cisternen einst in
dürrer Zeit nur spärlich befriedigte, durch das Gebet des frommen
Abtes Sangarius eröffnet und gefunden; und welche Quelle der Erquickung
und des Trostes sollte sich nicht schon, auch da, wo Alles dürrer Fels
schien, dem Gebet eröffnet haben.
Die Schlucht verengert sich nun, das Ansteigen auf den oft ganz
ausgebrochenen Stufen und Felsblöcken wird mühsamer; eine Art
von Portal steht noch als Ruine da. Endlich gelangt man zu einer
Gebirgsplatte, auf welcher, im Schatten der Cypresse, ein gemauerter
Brunnen stehet, und hier ist man auf der Höhe des im engeren
Sinne[80] sogenannten Horeb, von welchem der Sinai eigentlich nur der
südöstliche, höher ansteigende Gipfel ist. Dort in der Felsenhöhle
war die Stätte dahin Elias der Thisbite zu dem Angesicht Gottes sich
rettete, als Ahab und sein abgöttisches Weib Jesabel mit blutdürstigem
Zorne ihm nach dem Leben stunden[81]. Hier war es, wo das Wort des
Herrn ihn heraustreten hieß auf den Berg, und wo an ihm vorübergieng
der Bote des Sturmes der die Felsen zerriß und die Berge zerbrach; nach
diesem der Bote des Erdbebens, dann der des Feuers, zuletzt aber Er
selber, der Herr, ihm nahete, in einem stillen sanften Sausen. Siehe da
verhüllte der Thisbite, der den Boten des Sturmes, des Erdbebens und
des Feuers kühn ins Angesicht gesehen, sein Haupt, und eine Stimme kam
zu ihm und sprach: was hast du hier zu thun Elia? -- und Elias sprach
aus, was er selber, in den Stunden seines Eifers um den Herrn, an
Carmels Quell, in der Kraft jener Boten gethan, die der Herr vor sich
hersendet. Die Stimme aber redete in der Weise des sanften, stillen
Säuselns; denn neben dem Worte der Drohung, das zu seinen Boten den
Elisa und Jehu und Hasaël erwählte, sprach sie von Gnade und Erbarmung
über jene sieben Tausende, die ihre Kniee nicht gebeugt hatten vor
Baals Götzen.
Wir ruheten ziemlich lange am Brunnen des Elias, unter der hohen
Zypresse, und besahen dann das meist verfallene Kirchlein der
Eliasgrotte, so wie die Trümmer eines kleinen Klosters, welches auch
hieher die Andacht der Mönche erbaut hatte. Die Höhe des Horeb bei dem
Eliasbrunnen misset 6126 Fuß über dem Meere; 1400 Fuß über dem Thal des
Klosters.
Am Saume der Gebirgsplatte der Horebhöhe steiget, wie schon erwähnt,
der eigentliche Sinai an, dessen Gipfel noch 900 Fuß höher raget als
die Gegend der Eliasgrotte. Das Ansteigen geschieht abermals auf
Stufen, welche etwas besser erhalten sind denn die am Horeb. Ohngefähr
an der Mitte des Berges wurden wir von dem Prior heraus auf eine
Felsenplatte geführt, von welcher sich die Aussicht in ein breites Thal
(Sebaye) öffnet. Bei dieser Stelle erinnerte unser ehrwürdiger Führer
an Israëls Kampf gegen Amaleks Heer[82]; an jenen Sieg, welcher nicht
durch die Macht von Bogen und Schwert, sondern durch die Kraft des
Gebetes errungen ward, welches Moses, mit emporgehobenen Händen rief.
Denn hier an dieser Stätte erbaute sich der Geist der christlichen
Andacht jenen Altar, den Moses nannte »der Herr mein Panier[83].«
Die höher gestiegene Sonne beleuchtete jetzt des Horeb und Sinai's
majestätischen Gipfel im vollem Glanze; ich erhub mein Auge und mich
ergriff ein Mitgefühl mit jener Furcht, welche Israëls Volk bis auf
unsre Tage davon abhält den Sinai zu besteigen. Denn, wie uns dieß in
Jerusalem versichert wurde, kein strenggläubiger Jude wagt noch jetzt
»auf den Berg zu steigen, noch sein Ende anzurühren[84],« so tief hat
sich dem unter dem Gesetz stehenden Volke das Andenken jener Stunden
eingeprägt, da sich, in der Frühe des Morgens »ein Donnern und Blitzen
erhub, und eine dicke Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr
starken Posaune[85].« Jene Stunden, da »der ganze Berg rauchte und sehr
erbebte, weil der Herr auf ihn herabfuhr mit Feuer.« Aber, was die
~Furcht~, die aus dem Gesetz kommt, nicht vermag, das darf die
~Ehrfurcht~ wagen, welche aus der Gnade geboren ward, die durch
Ihn, den Erfüller des Gesetzes kam. Siehe, da stehen wir schon bei
der heiligen Kluft, bei welcher Moses stund, der Mann »den der Herr
mit Namen kannte,« als er begehrt hatte die Herrlichkeit des Herrn zu
sehen, und als Gott an ihm die Verheißung erfüllte, daß Er vor seinem
Angesicht hergehen lassen wollte alle Seine Güte[86]. Hier ist der Ort
von welchem Gott sprach: »Siehe es ist ein Raum bei mir, da sollst du
auf dem Felsen stehen; der Ort da der Herr sich nahete dem sterblichen
Menschen, wie ein Mann seinem Freunde nahet, und ihm verkündete in
göttlicher Rede jenes Geheimniß Seines Namens, das Moses in seiner
Menschenrede durch die Worte aussprach: Herr, Herr Gott, barmherzig und
gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue.