der Ebene el Kaa, welche von einigen Schriftforschern für die Wüste Sin
der heiligen Schrift gehalten wird und die zur Rechten von den niederen
Küstenhöhen des Heman, ostwärts aber, zur Linken von dem Hochgebirge
des Serbal begränzt wird. Nach drittehalb Stunden, (um 9 Uhr
Vormittags) kamen wir in ein Kesselthal, worinnen vieles Strauchwerk
wuchs. Wahrscheinlich war dieß der Ort, wohin uns gestern Abend unsre
Beduinen gern noch geführt hätten; so angenehm jedoch auch diese
Lagerstätte den Kamelen gewesen wäre, so genußlos hätten wir hier,
im Vergleich mit dem herrlichen Ruheplatz am Meere, die Abendstunden
versessen. Doch enthielten die Felsenwände zur Rechten einzelne kleine
Höhlen, in welche wir gern hineingeblickt hätten. Der Himmel war indeß
trübe geworden; der Sturm hatte sich wieder sehr stark erhoben und
fiel uns, als wir jetzt auf die Ebene Kaa heraustraten, so heftig an,
daß unsre beladenen Kamele nicht gut weiter konnten und wir schon um 3
Uhr des Nachmittags Halt machen mußten. Unser Lagerplatz war eine hoch
gelegene Fläche, welche nirgends Schutz gegen den Wind bot, dazu war
der Boden steinig, so daß die Zeltpfähle nur mühsam befestigt werden
konnten; die Aussicht aber nach dem ganz nahe scheinenden Hochgebirge
in Osten, das den äußern Rand des Feiran und Nadie-Thales bildet,
war so schön, daß wir uns bald ganz einheimisch fühlten. Einige von
uns giengen aus, um bei der Natur des Landes einen kleinen Besuch zu
machen, aber der Wind wehte so stark und dabei so kühl, daß wir, ohne
die Landcharte es wohl schwerlich errathen haben würden, daß wir heute
zwischen den 28ten und 29ten Grad der Breite eingetreten seyen; noch
dazu in dieser Jahreszeit. Auch fanden wir im Ganzen wenig Pflanzen und
keine unter ihnen, die wir nicht schon früher gesammlet hatten, wir
kehrten deshalb zu unsrem Zelte um.
Am Fuß des östlichen Gebirges bemerkten wir die schwärzlichen
Hüttenzelte einer Beduinenhorde und neben ihnen einige Heerden von
Ziegen und Schafen. Ein Lamm und ein Zicklein wurden uns zum Verkauf
gebracht; wir ließen das erstere zu einer Mahlzeit für uns Alle
bereiten, wovon auch unsre Beduinen ihren Antheil erhielten; es fehlte
zu diesem seltnen Mahle nichts als ein gutes, trinkbares Wasser, denn
das in unsren Schläuchen schmeckte sehr salzig und widerwärtig. Unser
Nachtlager hatte 340 Fuß Höhe über dem Meere.
~Freitags~ den 24ten. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sonne
schien hell; wir ritten auf der sich allmälig gegen Süden absenkenden
Ebene Kaa hinab, über ausgetrocknete Betten der Gießbäche, in
denen Jerichorosen von ganz besondrer Größe stunden. Neben uns und
vor uns in Ost und Südost zeigte sich jetzt das Hochgebirge der
Sinaitischen Halbinsel in seiner ganzen Majestät, doch verdeckte
uns der vorstehende, hohe Serbal die Aussicht nach dem eigentlichen
Sinai und seine Nachbarschaft. Der Anblick dieser Gebirge, der
Gedanke, daß wir nun so nahe seyen dem einen Hauptziel unsrer Reise,
weckten Empfindungen auf, welche, wenn auch nicht dem immer sich
gleichbleibenden Gange der Kamele, so doch dem innren Bewegen der Seele
Flügel gaben, auf denen sie, zwar nicht wie der Adler, wohl aber wie
die Lerche emporstieg zum Gesange. Rechts neben uns hatten wir noch
immer den niedrigeren Zug der aus Kreidekalk und Sandstein bestehenden
Küstengebirge, die ich unter dem allgemeinen Namen des Heman bezeichnen
will. Am Nachmittag begegneten uns mehrere zu Fuße wandernde Beduinen,
auch ein einzelnes Weib, welches einen Korb aus Palmenflechtwerk
auf ihrem Haupte trug. Uns war es so etwas Neues und Ungewohntes
geworden, Wanderern auf dem Wege zu begegnen, daß wir uns wieder in
bewohntem Land zu befinden glaubten; die tiefen Wasserrisse, welche die
Regenfluth in den sandigen Boden gegraben hatte, erschienen uns als
Hohlwege unsrer Straßen. Wir sahen jetzt in der Ferne ein grünendes
Thal voller Palmen. Es war das Wadi (Saib) beim Hammam Musa oder
Mosesbad, wo sich um das thurmartige Wohngebäude eines griechischen
Mönches, der die Aussicht über den Palmengarten hat, mehrere Landhäußer
der Bewohner von Tor und Hütten der Araber angebaut haben. Wir kamen
hier um 5 Uhr an. Dort sahen wir zum ersten Male die schöne Doompalme
der Thebais (+Cucifera thebaica+) mit ihren gabelartig zertheilten
Aesten. Unsre Beduinen hätten sehr gerne hier übernachtet, wo sie Alles
fanden, was sie zur Pflege ihrer Kamele bedurften, und wir hätten, wie
wir am andern Morgen einsahen, sehr wohlgethan, ihnen zu folgen. Da
wir jedoch von dem Oertlein Tor und von all den Naturgegenständen,
die wir dort finden würden, zu große Erwartungen hegten und überdieß
meinten Tor sey ganz nahe am Wadi, ließen wir die schon zum Theil von
ihrer Bürde entledigten Kamele noch einmal beladen und zogen nach
Tor hin. Auf dem Wege begegneten wir unsrem Dragoman, der mit einem
Empfehlungsbrief vorausgegangen, in Begleitung des Griechen, an welchen
jener Brief des Herrn Girgis in Suez gerichtet war. Wir kamen erst
mit Einbruch der Nacht bei Tor an; der Grieche lud uns freundlich
ein, bei ihm zu wohnen, wir aber zogen es vor in und bei unsrem Zelte
zu bleiben, das wir ganz nahe bei den Mauern des Städtleins, neben
einer Lage von Schiffsbauholz aufschlugen. Freilich gewährte hier das
Schiffsvolk eines vor Anker liegenden Arabischen Fahrzeuges gerade
nicht die erwünschteste Nachbarschaft; um so mehr da alle unsre
Beduinen nach Saib zurückgekehrt waren. Der Abend außen im Freien
war jedoch herrlich. Canopus und Sirius leuchteten hell am Himmel;
aus den Zweigen eines auf der Ebene stehenden Hamadbaumes (+Ficus
Pseudo-Sycomorus+) tönte ein Gesang, wie uns schien der Cicaden, der
dem Klange metallener Cymbeln glich. Das Meer war ruhig, wie die milde
Luft. Desto unruhiger fanden wir es aber in und bei dem Zelte; denn der
Boden wimmelte von jenen kleinen, blutdürstigen Flöhen, welche hier
wie bei Bessatin den Sand bewohnten. Kurz vor uns hatten hier einige
Schiffe mit Hadschis gelandet und das arme Volk an unsrer Lagerstätte
mehrere Tage verweilt; auch hatte eine Familie von verwilderten Hunden
bei dem Bauholz ihre Herberge. Doch die Nacht vergieng auch und der
Tag brach wieder an, so klar und heiter wie er nur diesen Ländern des
Südens sich zu nahen pflegt.
Wir blieben heute, am 25sten in Tor. Dieses sonderbare Oertlein
gleicht einer zusammengesetzten Blume aus der 19ten Linneischen
Klasse, in welcher eine große Zahl kleiner Blüthlein auf gemeinsamem
Fruchtboden eng zusammengedrängt steht und von einem gemeinsamen Kelch
umgeben ist; der Blüthe etwa einer unscheinbaren Art von Flöhkraut
(+Pulicaria+). Denn die Häuser, in allem gegen vierzig, sind in
einen Klumpen zusammengedrängt und diese Gesammtmasse schließt mit
ihren äußern Mauern so dicht an einander, daß von außen hinein nur
einige gemeinsame Eingänge sind; statt der Gassen finden sich nur
einzelne Klüfte zwischen den Hütten. Ursprünglich war Tor aus zwei
sogenannten Stadttheilen zusammengesetzt, davon der eine vormals von
Arabern bewohnte, in Trümmer verfallen ist, während die sogenannte
Christenstadt (Beled el Naisar) noch fortbesteht. So armselig aber auch
die Form und Einrichtung dieser sogenannten Häußer (Hütten) ist, so
wunderlich kostbar erscheinen ihre Mauern dem Auge des Naturforschers.
Denn wie anderwärts das verarmte Geschlecht der späteren Zeit Trümmer
von Statuen und kostbaren Bauwerken der Vorzeit in seine Mauern
eingeflickt hat, so sind in Tor die Häußer aus Madreporengehäusen
gebaut, davon manches eine Zierde unsrer Sammlungen seyn könnte. Die
Bewohner des Hüttenhaufens oder Städtleins sind griechische Christen,
deren Voreltern vor mehreren hundert Jahren hieher vor den Bedrückungen
der Türken sich flüchteten. Ihr Haupterwerb besteht in dem Verkauf von
allerhand Lebensbedürfnissen an das Schiffsvolk der hier anlandenden
Fahrzeuge und in dem Handel mit dem Erdöl, das sie an der gegenüber
liegenden Aegyptischen Küste, bei Zente sammlen: ihre tägliche Speise
reicht ihnen das Meer, an Fischen und andren Seethieren, so wie
das benachbarte El Wadi an Datteln. Denn dort finden sich mehrere
bedeutende Pflanzungen von Dattelpalmen, deren ansehnlichste den
Mönchen von St. Katharinenkloster am Sinai angehört, welche dieselbe
mitten in der Wildniß begründet haben. Einer von ihnen, ein alter,
fast achtzigjähriger Mann wohnt als Aufseher da, in einem viereckigen,
thurmartigen Gebäude, das keine eigentliche Thüre hat, sondern in
welches man auf einer Leiter, durch eine Art von hochgelegenen Fenster
hineinsteigt. So oft der Alte hinauf ist in seine kleine Burg zieht
er die Leiter hinter sich drein und ist nun da in Sicherheit. Diese
Vorsichtsmaßregel war wenigstens in frühern Zeiten eine sehr nöthige.
Damals war es kein leichtes und angenehmes Geschäft hier in Tor
Garteninspector zu seyn. Wenn der alte Mann sich das ganze Jahr mit der
Reinigung und Pflege seiner Bäume abgemüht hatte, und es kam nun die
Zeit wo diese ihre Früchte reiften, da stellten sich auf einmal ganze
Schaaren von Beduinen mit Weibern und Kindern ein, kletterten über die
Gartenmauer hinüber und an den Bäumen hinauf und beraubten diese so,
daß gewöhnlich kaum so viel von dem alljährlichen Ertrag des Gartens
übrig blieb als zum Lebensunterhalt des alten Aufsehers nöthig war. Und
auch diesen übrigen Bissen so wie das Brod das er sich buk oder aus dem
Sinaikloster zugesendet bekam, mußte der gute Alte mit seinen braunen
Raben: den Beduinen theilen. Denn diese, wenn sie zu Land oder Wasser
an El Wadi vorbei kamen, sprachen jederzeit bei dem Thürmlein zu und
schrieen da nach Brod und andrem Futter, das der Greis, wenn er nicht
in Belagerungsstand bleiben wollte, ihnen durchs Fenster an einem Seile
herablassen mußte, was nicht immer ohne Gefahr blieb, da die Gäste,
wenn ihnen die Gabe nicht zureichend dünkte, zuweilen mit Steinen
nach ihm warfen. Ganz anders hat sich jedoch die Sache gestaltet
seitdem ~Mehemed Ali~, dieß möge dankbar anerkannt werden, alle
Christen seines Landes und namentlich auch diese armen Mönche in seinen
besondren Schutz gegen die Gewaltthätigkeiten der Mohamedaner genommen
hat. Anjetzt dürfen die Raben wenigstens nicht so öffentlich und in
Masse auf Plünderung ausgehen, sondern müssen sich mit dem begnügen,
was die in der That große Gutmüthigkeit und Freigebigkeit der Mönche
ihnen freiwillig zukommen läßet. Dabei bleibt nun jetzt so viel von dem
Ertrag des Palmengartens in El Wadi übrig, daß nicht nur das Kloster
reichlich mit Datteln versorgt werden kann, sondern daß der Verkauf
dieser Früchte, so wie des aus ihnen bereiteten Racki's nach Kairo, wie
man sagt, einen jährlichen Ertrag von 4000 Dollars (Speciesthalern)
abwirft.
Indeß hatten sich denn auch, mit der Sonne zugleich, die Bewohner des
Oertleins wieder von ihrer nächtlichen Bergungsstätte aufgemacht; unser
Gönner, Herr ~Malam Nicoli~, welcher der vornehmste Bewohner
von Tor zu seyn scheint, kam zu uns heraus und fragte uns ob wir ihm
Aufträge zu geben hätten. Wir bestellten uns Fische bei ihm für den
heutigen Mittag und begaben uns dann sogleich an die Vertheilung
des heutigen Tagwerkes; Einige von uns giengen gegen Süden auf
Nachforschungen aus, Andre nach Norden, beide Theile aber hielten sich
so nahe als möglich zur Meeresküste.
Es ist, wenigstens in dieser Jahreszeit, nicht leicht, in der Umgegend
von Tor Fußwandrungen zu machen. Der Boden, namentlich an der
nördlichen Seite der Stadt, besteht meist aus einem schlammigweichem,
von Salz durchdrungenem Thon, der so zäh ist daß der Fuß bei jedem
Schritte festgehalten wird und einsinkt, doch giebt es dazwischen auch
wieder kiesigen oder sandigen Grund. Südwärts von der Stadt kommt man
zu den Ruinen eines alten Sarazenischen Kastells, welches so dicht
~am~ Meere ja während der Fluth ~in~ demselben steht, daß es,
wie L. Laborde sehr treffend bemerkt, zu einem jener Beweise dienen
kann, aus denen hervorgeht, daß das rothe Meer seit einer Reihe von
Jahrhunderten nicht an Höhe abgenommen und vom Lande sich zurückgezogen
habe, sondern daß dieser Anschein, welcher wirklich in einigen Gegenden
vorkommt, nur von der Zunahme des Sandes durch Wind und Wellen erzeugt
wurde. Mehrere Korallenriffe breiten sich, in einiger Entfernung von
der Küste, im Meere aus; die Küste selber ist reich an
Schaalengehäußen.
Interessanter noch und bedeutender als der südliche, erschien uns der
Küstenstrich der sich nordwärts von Tor, nach El Wadi und nach den
Abhängen des Heman hinzieht. Diesen Weg schlug ich in Begleitung der
Hausfrau und des Herrn Franz ein, während +Dr.+ Roth sich zu der
warmen Quelle des Mosisbades oder Hammam Musa begab. Wir giengen am
Landungsplatz der Schiffe hin und betrachteten zuerst die Ruinen des
armseligen, Arabischen Stadttheiles, dann den Hafen, welcher von Natur
ziemlich sicher und wohlgelegen ist. Der Anblick des Gesindels, das
in etlichen elenden Fahrzeugen hieher gekommen war, konnte nur Eckel
einflößen, doch hätte ich nicht an abgelegner Küste und allein unter
dieses halbnackte Volk gerathen mögen, das in früherer Zeit durch
seine Seeräubereien und Mordlust Einheimische wie Fremde in Schrecken
gesetzt hat. An der felsigen Küste lagen die Bruchstücke von mehreren
Tangarten, welche die Fluth oder zum Theil auch die Menschenhand
dahin geführt hatte[75], denn ein Pflanzensammler findet hier mehr
Gelegenheit sich mit dieser Familie der Seegewächse zu bereichern als
mit Arten der vollkommneren Landgewächse.
Wir suchten jetzt über die breite Landzunge hinweg den Abhang des Heman
zu erreichen. Hier aber fanden sich eben jene Schwierigkeiten des
Fortkommens, von denen ich vorhin sprach. Was wir von ferne für klaren,
weißen Meeressand gehalten hatten, das war salzthoniger Schlamm, in
welchem sich hin und wieder kleine Hügel erhuben, auf denen ein niedres
Tamariskengesträuch grünte oder Zygophyllen und die holzigen Stämmchen
der +Iphiona scabra+ mit den fast nadelnartigen Blättlein wuchsen.
Nur an wenig Punkten blühete die Moricandie und die Aegyptische
Farsetie, so wie der Arabische Lotus. Da wo der Boden aus minder
feuchtem, feinem Sand bestund, bemerkten wir häufig Spuren von Thieren,
welche darüber gekrochen seyn mußten, wir glaubten anfangs diese Spuren
rührten von großen Schlangen her, überzeugten uns jedoch später,
daß sie von Seekrebsen herkommen, welche mit ihrem gegliederten
Unterleibe sie dem Sande einprägen. Denn diese Thiere gehen bei Nacht
schaarenweise aus dem Wasser heraus ans Land, um sich neben der Kost,
die ihnen das Meer darreicht, auch an einzelnen Pflanzenblättern,
vorzüglich wohl an den fleischig dicken des Canarischen Immergrünes
(+Aizoon canariense+) zu erquicken, welches hier ziemlich häufig
wächst.
Endlich hatten wir doch, mit vieler Anstrengung, einen vorspringenden
Punkt der Landzunge erreicht, auf welchem wir, in ziemlicher Ausdehnung
den höhlenreichen Felsenabhang des Heman überblicken konnten.
Abgesehen von dem großen Interesse das dieser Kalkhügelzug durch
seine zahlreichen Versteinerungen für den Naturfreund hat, gewährt er
auch dem Freunde der Geschichte und Sprachen mannichfachen Stoff zu
Forschungen und Entdeckungen, denn wenn man einige Stunden weit an
seinem Abhange hingeht, da findet man zuerst, in geringer Entfernung
von El Wadi, jene zahlreichen Höhlen, welche vormals Hunderten
von griechischen Mönchen zur Wohnung dienten, bis die beständigen
Mishandlungen der Beduinen die Wehrlosen nöthigten sich in den Schutz
der Klostermauern des Sinai zurückzuziehen. Man findet hier viele
griechische Inschriften; eine ist vom Jahr 1633. Die Nachkommen der
Mörder oder Bedrücker jener Einsamen, die jetzigen Beduinen, haben kein
gutes Gewissen, wenn sie den Einsiedlerwohnungen des Hemangebirges
sich nähern; sie wagen es niemals in oder bei einer solchen Höhle zu
übernachten, weil nach ihrer Meinung feindselig abwehrende Geister
darinnen hausen.
Nur wenig jenseits der Einsiedlerhöhlen liegt die reiche
Dattelnpflanzung Abu Suwara, welche wir von unsrem Standpunkte
aus noch deutlich zu erkennen glaubten, noch weiter nordwärts
folgt jener Dschebel Mokkateb, welchen man, zum Unterschied von
dem früher erwähnten höheren Gebirge dieses Namens, den kleinern
nennen könnte. An den Felsenwänden des kleinen Mokkateb finden sich
viele jener beachtenswerthen Inschriften, deren Worte noch kein
neuerer Sprachforscher zu lesen und zu deuten wußte; diese hier
sollen mit der altphönizischen (?) Inschrift in Malta Aehnlichkeit
haben. Ganz nahe am kleinen Mokkateb findet sich der 400 Fuß hohe
amphitheatralische Dschebel Nakus oder Berg der Glocke, der aus
zusammengestürzten Sandsteinfelsen besteht, über deren Klüften Flugsand
hingebreitet liegt. Wenn man über den Sand hinansteigt, fällt dieser
in die Zwischenräume des Felsensturzes hinein und erregt durch sein
Hinabrieseln einen Ton, gleich jenem eines fernen Glockengeläutes, das
zuletzt in einem Brausen endet. Die Beduinen glauben es sey hier ein
Christenkloster verschüttet, von dessen Glocken der Ton herkäme.
Näher als das Kalk- und Sandsteingebirge des Heman, mit seinem Dschebel
Mokkateb und Nakus lag uns der Hammam Musa oder das Mosisbad im El
Wadi. Dieses ist ein ummauerter Quell von klarem Wasser, das eine
Temperatur von 27 Grad Reaumur und einen bitterlich salzigen, dabei
etwas schweflichen Geschmack hat. Die hiesigen Christen halten El Wadi
mit seinen Palmenpflanzungen für das Elim der heiligen Schrift und auch
die Bekenner des Islam bezeugen diesem Quell »in welchem Moses der
Prophet sich badete« eine ganz besondre Verehrung. Die Mekkapilgrime
pflegen auf ihrer Hin- und Herreise in dem Hammam Musa zu baden, dessen
Wasser sie vielfache Heilkräfte, namentlich gegen Hautkrankheiten
zuschreiben. Schon dieser Gebrauch möchte uns Europäern die Neigung
benehmen den Quell zu kosten, der übrigens auch von den Eingebornen
nur zum Wässern der Gärten und zum Tränken der Kamele benutzt wird,
während die Einwohner der Gegend so wie die Mannschaft der hier
anlandenden Schiffe ihr Trinkwasser aus einigen Brunnen schöpfen,
welche näher gegen Tor hinliegen. Der Naturforscher findet in dem
warmen Wasser des Mosisbades ein kleines Fischlein von seltener Art:
den +Lebias dispar+; zugleich wachsen da Arten der Armleuchterpflanze
(+Chara fragilis+ und +tomentosa+); außenher das binsenartige Cypergras
(+Cyperus junciformis+) und die Seeuferbinse (+Juncus maritimus+). In
der Zeit des Regens und des Aufthauens des Gebirgsschnees fließt durch
El Wadi ein starker Gießbach, der zuweilen so anschwillt, daß er den
Pflanzungen schadet.
Als wir gegen Mittag wieder nach Tor und zu unserm Zelt zurückkehrten,
hatte sich da ein Handelsgeschäft mit den Bewohnern des Oertleins
eröffnet, das uns sehr zur Unterhaltung diente. Kinder und auch
Erwachsne brachten allerhand Gehäuse von Seethieren zum Verkauf,
unter andrem die einem versteinerten Blätterschwamm gleichende, weiße
+Fungia agariciformis+, die auf den hiesigen Corallenriffen häufig
vorkömmt, wo sie, die zackig eingekerbten steinernen Blätter (welche
beim Schwamm an der untern Seite stehen) nach oben gekehrt, aufliegt.
Mit dieser Blätterschwammcoralle zugleich brachte man uns Pavonien,
Agaricien und Anthophyllen, nicht immer in brauchbarem Zustande, dabei
manche schöne Seeschnecke und Muschel. Die Fische, welche Herr Malam
Nicoli uns besorgt hatte, waren ganz unglaublich wohlfeil (das Pfund
der beßten etwa drei Kreuzer) und dabei ganz vortrefflich[76]. Einem
der schönsten und größesten (es war die +Perca miniata Forsk.+),
wollte +Dr.+ ~Erdl~ die letzte Ehre anthun, die man den alten
Aegyptischen Pharaonen erzeigte; er wollte wenigstens seine buntfarbige
Haut und schöne Form vor dem schnellen Vergehen bewahren, indem er sie
zum Ausstopfen zugerichtet für die Grabeshallen unsrer academischen
Sammlung zubereitete, aber der Fleiß war verloren, denn in der darauf
folgenden Nacht kam unser Nachbar: einer der verwilderten Hunde, die
neben uns im Bauholz schliefen, und holte sich die hoch am Zelte
hängende, so mühsam präparirte Haut, ohne sich durch das Nachschreien
der erwachten jungen Freunde aufhalten zu lassen. Dafür fiel uns am
Nachmittag noch eine Krähe in die Hände, welche, der unsrigen sehr
ähnlich, sich dennoch durch ihre Stimme und ihren Flug als Fremdling
verrieth und dabei der Flinte des +Dr.+ Erdl zu nahe kam.
Ueberhaupt war die Ausbeute dieses Tages für unsre Sammlung ziemlich
bedeutend gewesen, und auch ohne dieses beschloßen wir die zweite Woche
unsres Lebens in der Wüste in ganz besonders fröhlicher Stimmung; ich
glaube nicht daß die Bewohner von Tor jemals sonst so viele Lieder
des deutschen Volkes vernommen haben, als wir diesen Abend hier am
Meere sangen. Und es war gut daß wir so wohlgemuth und etwas später als
gewöhnlich zu unserm Nachtlager kamen, denn hier begann alsbald wieder
die Plage der vorhergehenden Nacht; das lästige Jucken und Zucken aller
Glieder, das die kleinen, im Sande wohnenden Insekten hervorriefen. Es
war ein Nachhall von Mirjams, der Aussätzigen Qual, und gerne hätte
man, gleich den Mekkapilgrimen die schmerzende Haut in das Mosisbad
getaucht, wenn dieses näher gewesen wäre.
Am Sonntag den 26sten Februar waren zwar wir schon vor Tagesgrauen
munter und froh darüber, daß die Nacht zu Ende sey, aber unser frühes
Aufstehen half uns wenig oder nichts zum zeitigen Fortkommen, denn
die Beduinen mit ihren Kamelen waren noch in El Wadi; bis diese
kamen und uns sammt unsern Sachen aufluden wurde es fast acht Uhr.
Wir hatten uns indeß bei dem freundlichen Herrn Nicoli verabschiedet
und dem Arabischen Schiffsvolk zugesehen, welches auch Anstalt zu
seiner Abreise machte. Der Weg führte uns zuerst wieder zurück nach
El Wadi, von wo wir hergekommen waren, hier sammelten wir noch einige
Früchte von der Doompalme, erbeuteten ein schönes Wüsten-Laufhuhn
(+Pterocles+) und zogen dann längs dem Bette des Gießbaches, der
sich in der Regenzeit durch El Wadi ergießt, hinanwärts gegen das
östliche Gebirge, welches die südliche Wandung des Serbal bildet.
Unsre Beduinen hatten uns gesagt, daß wir heute noch vor dem Gebirge
unser Nachtlager aufschlagen würden. Dieß war uns unbegreiflich, denn
das Gebirge schien so nahe, daß wir es in wenig Stunden zu erreichen
hofften.
Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen; das Thal Hebron lag vor uns wie
die geöffnete Thüre eines Tempels, dessen Giebel und Thürme zur Linken
in dem Granitgebirge des Serbal, zur Rechten in dem das Om Schomar
emporstiegen; wenn in diesen Tempel auch nicht sichtbare Schaaren
der Anbetenden, zur Feier des Sabbaths hineinströmten, so war es
doch der Seele als wenn sie hier in dieser hehren Stille das Bewegen
jener unsichtbaren Chöre vernähme, welche dort im innren Heiligthume
des Felsentempels Zeugen waren jener Stunden, da dem Geschlecht des
Menschen das Gesetz gegeben wurde, das auf Christum hindeutet. So öde
und still auch diese Ebene war, durfte dennoch hier die Seele der
Pilgrime den Sinn jener Worte erfahren: ich will sie in die Wüste
führen und freundlich mit ihr reden, denn freundlich wie ernst tönten
im Innren des Herzens so wie auf den Lippen die Worte und Weise des
Liedes: »Mache dich mein Geist bereit.«