nicht unbeachtet lassen. Die Zahl der kleinen, zu Tage gehenden
Mündungen der Mosisbrunnen wird von den Reisenden sehr verschieden
angegeben, je nachdem dieselben früher oder später nach der Regenzeit
hier waren oder in Jahren wo der Regen in reicherer Fülle oder
sparsamer gefallen war. Mich erinnerten sie an die Maibrunnen, die,
wenn der Schnee der Gebirge schmilzt, aus dem ebenen Boden da oder
dort hervorbrechen. Wir zählten, außer den kleinen Nebenöffnungen nur
fünf größere; das Wasser der meisten hat einen salzigen Beigeschmack,
das des einen aber, aus welchem unsre Kamele sich labten, ist auch für
Menschen trinkbar, obgleich es einen Beigeschmack von Schwefelleber und
Eisen hat. Die Temperatur dieses Brunnen war wenigstens höher als die
meiner Handoberfläche, denn sein Wasser fühlte sich warm an; auf eine
fortwährende Entwicklung der Gasarten deuteten die häufig vom Boden
aufsteigenden Blasen hin. Am Kesselrande der Brunnen oder in ihrer
Nähe wachsen einige Cypergräser[69], die Dattelpalmen zeigten sich uns
hier zum ersten Male in ihrer, von der Menschenhand unentstellten
Naturgestalt, mit Zweigen bis an den Boden bedeckt, von dem Gewirre der
fadenartigen Luftwurzeln überzogen und so dicht beisammenstehend, daß
sie ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Fast alle diese kleinen
Wildlinge schienen männliche Bäume zu seyn an denen die Blüthenkolben
schon anfiengen sich zu entfalten, denn die Dattelpalme trägt hier
schon im vierten Jahre ihres Alters Blüthen und (wenn es eine weibliche
ist) die Erstlinge der Früchte. Nach Süßwasser und Landschnecken
suchten wir vergebens, obgleich der Boden für sie ein günstiger zu
seyn schien, diese Familie der belebten Wesen war schon seit mehrern
Tagreisen aus unsern Augen entschwunden. Von den Thieren, welche das
benachbarte Meer an seine Küste trägt, spreche ich nachher.
Ich komme aber noch einmal auf die historische Bedeutung der
Mosisbrunnen zurück. Wenn ich jene gewichtigen Gründe erwäge, welche
neuerdings ~K. v. Raumer~ (in seiner kleinen Schrift: der Zug der
Kinder Israël) wieder zusammengestellt hat, dann kann ich nicht wohl
anders, als der noch immer fortbestehenden, ältesten Ueberlieferung
beipflichten, nach welcher der Durchgang der Heere Israëls von der hier
gegenüber gelegenen Thalebene Bede geschahe, welche zwischen dem Attaka
(Baal Zephon) und dem südwärts von ihm gelegenen Kuaiba (Migdol) an
das Ufer ausmündet. Es war der Weg einer drangvollen Nacht; der Morgen
konnte die aus der Angst und Noth Geretteten schon hier bei den Brunnen
Mosis finden.
Mit dem gewöhnlichen Wasser, welches der Leib genoß, hatten diese
Brunnen ein andres (lebendiges) in die Seele ergossen, welches dieser
eine ungewohnte Freudigkeit gab. Statt des Attaka zeigte sich, als
wir auf unsrem Wege weiter zogen zu unsrer Rechten der Kuaiba jenseit
des hier schon viel breiteren Meeres; vor uns in Süden spiegelte uns
die Fata morgana einen Fluß und Haine von Palmen so täuschend vor, daß
selbst der junge Beduine, der neben meinem Kamel hergieng, und welcher
diesen Weg noch nicht oft gemacht hatte, das Bild für Wahrheit hielt.
Die Wüste Sur, durch die wir hier wanderten, ist übrigens wasserleer
und öde; der Weg zieht sich zwischen den Hügeln des Kreidekalkes hin
und ist mit Feuersteinen bestreut; an dem Lagerungsplatze, den wir kurz
vor fünf Uhr erreichten, ist der Boden so steinig, daß die Pfähle der
Zelte nur mit Mühe in ihm befestigt werden konnten. Wir hatten hier das
Meeresufer schon in ziemlich weiter Ferne.
Auch am Montag (den 20sten Februar) hatte es bis sieben Uhr gedauert
ehe alles so weit in Ordnung war, daß wir aufbrechen konnten.
Der Weg gieng durch eine einförmige Ebene voll Sand, in welchem
Fraueneistrümmer und Feuersteine umhergestreut lagen; zur Rechten
war die Aussicht durch die vortretenden Hügel meist gehemmt, zur
Linken zeigten sich die grotesken Formen des Sandsteingebirges. Wir
hatten heute mehr Zeit und Gelegenheit uns mit unsren Arabischen
Reisegefährten zu beschäftigen; von Suez aus hatten sich einige neue
Gefährten mit ihren Kamelen an uns angeschlossen, unter anderm ein
Beduine mit einem schwarzen Knaben, den er in Suez gekauft hatte. Ich
konnte nicht mit diesem sprechen, die Weise aber, in welcher er sich
öfters mir und meinen deutschen Reisegefährten näherte, und, wenigstens
durch Blicke zu uns sprach, erregte in mir die vielleicht ungegründete
Meinung, daß er ein Christ sey, und wie gern hätten wir ihn mit uns
genommen, wenn er unsren Mitteln feil gewesen wäre. Gegen vier Uhr,
nach einem ununterbrochenem Ritte von neun Stunden, sahen wir auf einem
kleinen Hügel Palmenbäume und dabei einige Beduinen mit Kamelen. Es
war der Brunnen Howara; das Marah der heiligen Schrift. Unsre Beduinen
mochten hier noch nicht halten, sondern zogen etwa drei Viertelstunden
weiter in eine ziemlich busch- und grasreiche, von Hügeln umschlossene
Fläche, in der sich viele Spuren von Gazellen fanden. Ich und einige
meiner jungen Freunde kehrten sogleich zurück zu dem Brunnen Howara,
dessen klares, aber sehr bitteres Wasser eine beckenartige Eintiefung
des Felsens ausfüllt, an welcher wahrscheinlich die Hand des Menschen
mitbilden half. Meine jungen Freunde gelüstete es in der kühlen Fluth
zu baden; ich besahe mir indeß die nächste Umgebung. Dem Brunnen
gegenüber (rechts vom Karawanenwege) ist ein kleines Kesselthal, recht
wie zu einer Lagerstätte von der Natur eingezäunt und eingerichtet.
Der Boden ist dort an manchen Stellen feucht; es blüheten und wuchsen
daselbst Kräuter, aus der Familie der Kreuzblüthigen, mit fetten, den
Wohlstand des Standortes verrathenden Blättern[70].
Ich hatte mich auf eine Anhöhe des Kesselrandes gestellt und blickte
hinüber nach der zum Untergang sich neigenden Sonne. Ich gedachte des
Rechtes, das hier bei Marah Moses dem Volke Israëls stellte, als er
sprach: »Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes gehorchen, und
thun, was recht ist vor Ihm, und zu Ohren fassen Seine Gebote; -- so
will ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Aegypten
gelegt habe, denn ich bin der Herr, dein Arzt.« -- Ja, Der hier das
bittre Wasser heilte, daß es süß ward, wird auch an einer andren,
verborgneren Tiefe sich erweisen als der Herr, dein Arzt.
Meine jungen Freunde waren bereit zur Rückkehr nach der Lagerstätte;
erst in einiger Entfernung vom Brunnen fiel es mir ein etliche
Dattelnkerne in den Sandhügel zu stecken, die, wenn der Boden feucht
genug wäre, hier bald herrlich aufgehen würden. Die Abenddämmerung
war schon weit vorgerückt als wir die Unsrigen erreichten, aber der
Vollmond ergoß ein reichliches Licht über das Thal und sein Gebüsch.
Die Höhe über der Meeresfläche beträgt hier bei Marah nach Erdls
barometrischen Messungen 484 Pariser Fuß.
Dienstags den 21sten. Schon gestern hatten wir den mächtigen Dschebel
Pharaun (den Pharaosberg) ganz nahe jenseit unsrer Lagerstätte liegen
sehen. Den Weg am Meere hin, vorüber an der heißen Quelle des Hammam
Pharaun oder Pharaosbad verwehrte uns jetzt in der Zeit des Vollmondes
und bei dem eben herrschenden Winde, der hohe Stand der Fluth, wir
nahmen deshalb unsre Richtung nach den östlichen Seitenthälern, die
sich um das Vorgebirge herumziehen. Etliche von unsern Beduinen mit
den Kamelen, welche die Wasserschläuche trugen, waren schon mit
Tagesanbruch voraus nach Garandel gezogen, um dort frisches Wasser
einzunehmen. Die Luft war in den ersten Morgenstunden erfrischend
kühl; die Stimmung unsres Innren, die, wie die singende Lerche zum
Aufschwung geneigt war, wurde durch den Anblick der Gegend erhöht,
durch welche wir zogen, einer Gegend, welche zwar keineswegs schön, in
unsrem gewöhnlichen Sinne, wohl aber anziehend im höchsten Grade war.
Am Boden blüheten die +Gypsophila Rokejeka+ und das +Erodium
glaucophyllum+; das Kreidekalk- und Sandsteingebirge an welchem wir
vorbeikamen, zeigte oft pfeiler- und mauernähnliche Felsenmassen, die
uns aus der Ferne wie Ruinen von Gebäuden vorkamen; in den Schluchten
sahe man grüne Gebüsche, und daß es hier Weideplätze, wenigstens
für Kamele geben müsse, das verriethen uns zwei junge Thiere dieser
Art, die von dem gesellschaftlichen Triebe ihrer Natur bewogen sich
zu den unsrigen gesellten, und, so oft sie auch von den Beduinen
zurückgejagt wurden, immer wieder nachkamen, bis sie endlich am
Nachmittag freiwillig zur Heimkehr sich entschlossen. Nach vier Stunden
gelangten wir in ein sehr schönes, von Ost gegen West verlaufendes
Thal, mit vielen wildwachsenden Palmen und Tamarisken; es war das
östliche Ende des Thales Garandel; westwärts von hier, wie sie sagten
in einer Entfernung von anderthalb Stunden, hatten unsre Beduinen
heute das Wasser geholt. Ich konnte meinem Kamel nicht helfen, so
sehr das gute Thier darüber brüllte, daß es hinter seinen Gefährten
zurück bleiben sollte; es mußte niederknieen und mich absteigen lassen,
denn ich wollte mich wenigstens etliche Minuten lang hier unter Elims
Palmen ergehen, bei denen die Heere Israëls, von Marah herkommend
sich lagerten. Denn daß Garandel das Elim der heiligen Schrift ist,
wo damals siebzig Palmen an zwölf Wasserbrunnen standen, wird von
den Reisenden und Schriftforschern allgemein angenommen. Wir sahen
hier mehrere in den Felsen wohnende Vögel, auch Schwalben. Das Thal,
welches sich in südöstlicher Richtung an jenes von Garandel anschließt,
heißt Usaitu. Das Felsengewände zu unsrer Rechten enthielt einzelne
Höhlen, an denen sich stellenweise Spuren der Menschenhand zu verrathen
schienen. Wadi Usaitu wird auf seinem weitren Verlauf von einem andern
Thale durchsetzt, welches fast von West nach Ost verläuft und Wadi
Sal genannt ist. Wir kamen hieher um halb zwei Uhr des Nachmittags.
Der sandige Boden ist reichlich mit Tamariskengebüsch bewachsen,
zwischen welchem das damals trockne Bette eines Gießbaches verläuft,
in dessen Tiefe allenthalben, beim Eingraben sich Wasser fand, so daß
unsre Beduinen mit wenig Stichen der Schaufel einen Siechbrunnen der
Wüste eröffneten, aus welchen unsre Kamele tranken. Wir behielten die
Richtung des Hauptthales bei, welche nach Südost gehet. Nach einiger
Zeit verließen uns etliche der Beduinen, die sich mit ihren Kamelen von
Bessatin aus an uns angeschlossen hatten; sie hatten Mehl und andre
Lebensvorräthe großenteils für das St. Katharinenkloster des Sinai
geladen und schlugen den Weg zur Linken ein, welcher die südöstliche
Richtung beibehält, während wir, denen ~Tor~ mit dem Hammam Musa
ein Ziel der Reise war, uns zur Rechten nach dem Wadi Taibe wendeten,
welches westwärts dem Meere sich zuwendet.
In dem herrlichen Taibethal ließ uns doch Arabien auch einmal etwas
von der Fülle seines Gewächsreiches merken. Ein kleines Bächlein, das
sich wie ein Dämmerungsfalter des Oleanders schüchtern vor dem Strahl
der Sonne, bald zwischen den Felsenstücken, bald hinter dem Gebüsch
verbarg und zuletzt dem Auge zwischen den hohen Binsen eines Sumpfes
entschlüpfte, floß am Grunde des Thales; unser Weg zog sich etwas
erhöht zu seiner Rechten hin. Palmen erhuben da ihre hohen Wipfel,
die Arabische Tamariske schlug zu ihren Füßen das Nomadenzelt ihrer
dichten Zweige auf, unter welchem, sobald sie unsrer ansichtig wurden,
die schnellfüßigen Laufhühner der Wüste sich verbargen. Mit den Arten
des Springhasens zugleich bewohnten dieses Thal gewiß noch manche
kleine Säugethiere der peträischen Wüste; die Gazelle wenigstens, dieß
verrieth das Gebüsch, weidet hier oft und gerne.
Die Meisten von uns waren abgestiegen, denn der Abend war nahe, und
wir hofften, daß unsre Beduinen hier, in dem reichen Thale übernachten
würden; sie aber ersuchten uns noch weiter mit ihnen zu kommen, bis
zu einem ganz nahen Lagerplatz an der Mündung des Thales, am Ufer des
Meeres. Wir hatten dieses »ganz nahe« in unsrem Sinne genommen und
hofften, daß diese Ruhestätte beides zugleich, die Durchforschung des
Thales und der Meeresküste möglich machen sollte, daher ließen wir
ruhig die Kamele vorausgehen und ergötzten uns an dem Anschauen des
erhaben schönen Engpasses, in welchen die Abendsonne mit gemildertem
Licht hereinblickte. Vor uns, und dann bei der letzten Wendung des
Thales, zu unsrer Linken, erhub jener bunte, streifenartig gezeichnete
Sandstein seine burgartigen Felsenwände, der das Urgebirge der
peträischen Halbinsel überall als niedrigerer Vorbau begleitet und in
die Bergzüge zu beiden Seiten des Ghor sich fortsetzet. Er ist hier von
ganz besonders dunkler Farbe; nachbarlich ziehen mit und neben ihm die
Wände des Kreidekalkgebirges, an denen die knorpliche Cappernstaude
(+Capparis cartilaginea+) ihre fleischigen, mit dornigen
Widerhaken versehenen Blätter ausbreitete, und neben ihr noch manches
andre Gewächs des Landes zum ersten Male im Leben unserm Auge im Freien
begegnete[71].
Wir hatten noch ziemlich lange zu gehen ehe wir die Mündung des Thales
und bei ihr die Lagerstätte erreichten, zu welcher unsre Kamele
vorausgezogen waren. An ein Zurückkehren zu den interessantesten
Punkten des Engpasses war nun, in so später Abendstunde nicht mehr
zu denken und auch das Meer, durch dessen vorgespiegelte Nähe unsre
Beduinen uns hinausgelockt hatten aus dem Thale, lag noch so weit von
uns ab, daß nur einige unsrer jungen Freunde es noch heute erreichten,
während wir Andern uns mit dem Sammeln von Jerichorosen und einigen
Käfern[72], so wie der achatartigen Gerölle des Bodens vergnügten.
Allerdings fanden aber hier die Kamele einen freieren, gefahrloseren
Weideplatz, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Stätte auf der
wir heute, am 21sten Februar, einer erquickenden Nachtruhe genossen,
dieselbe, oder nahe dieselbe sey, auf welcher die Heere Israëls nach 4.
Mos. 33, V. 10 ihre Lager aufschlugen, da sie von Elim ausgezogen
waren.
Der Mond, tief in Westen stehend, spannte sein Netz der Strahlen noch
über das Meer aus, da ich am frühen Morgen des 22sten Februars aus
dem Zelt heraustrat. Es schien mir fast noch zu frühe unsern Knecht
zu wecken, ich wollte, ohne jemand zu stören die Morgendämmerung über
das Hochgebirge in Osten heraufsteigen sehen, einer der Beduinen aber
erwachte und weckte sogleich seine Gefährten, so wie die Knechte;
bald flammten die Feuer und ehe die Sonne noch auf die Zinnen der
Felsen trat waren die Zelte schon abgebrochen, die Kamele beladen.
Einige der Freunde giengen zu Fuße voraus an das nachbarliche Meer;
etwas später folgte die Karawane nach. Es war ein genußreicher Morgen.
Das Gebirge das uns zur Linken in Osten sich erhob, ist, so kahl es
auch erscheint, ein wahrer Lustgarten der Wüste, den die gestaltende
Weisheit mit den wundervollsten Anlagen geziert hat. Es ist von tiefen
Engthälern und Klüften durchschnitten, seine Wände steigen nach einer
Symmetrie der Wildniß eine neben und über der andren empor, so daß
das getäuschte Auge die Mauern von Kastellen und Ruinen von Thürmen
zu erblicken wähnt. Die vorherrschenden Felsarten scheinen, außer dem
Urgebirge ein rothfarbiger Sandstein mit Porphyr, bunter Sandstein und
neben beiden der Feuersteinhaltige Kalk; auf dem Boden, über den wir
hinritten, lagen häufig die Geschiebe und Trümmer von Porphyr, Granit,
Urgrünstein, Sandsteinbreccien, dunkelfarbige Feuersteine und Kalkspath
der zuweilen fast durchsichtig war. Unser Weg trat nach einiger Zeit
so nahe ans Meer, daß die Kamele durch das Wasser hindurchwaten
mußten; der Lauf unsrer Fußgänger wurde hierdurch unterbrochen, doch
hatten sie schon auf ihrem kurzen Wege eine schöne Ausbeute an
Conchylien gemacht[73]. Noch vor Mittag kamen wir an der Mündung des
Nassebthales vorüber, welches zum Mokkatebthale führt, durch das sich
der gewöhnliche Weg nach dem Sinai hinzieht. Wie gerne hätten wir
diese Straße eingeschlagen, durch welche nach der Ansicht der meisten
Schriftforscher die Heere Israëls zogen und die auch für den Freund
des Aegyptischen Alterthumes und der Natur ein so hohes Interesse hat!
-- Denn hier und weiterhin im Feiranthale findet er die so oft von den
Reisenden erwähnten Felsenwände und Monumente, welche mit Inschriften
und Aegyptischen Hieroglyphen beschrieben sind; die ersteren in
Charakteren, welche noch keiner unsrer Gelehrten zu lesen und zu deuten
vermochte; dabei die Spuren eines uralten Kupferbergbaues[74] und die
Ruinen einer ansehnlichen Aegyptischen Bergstadt. Ueberdieß sind es
auch diese Thäler, in deren Felsenklüften ein schöner Kallait (Türkis)
und manche seltne Pflanze gefunden wird. Wir mußten jedoch diesmal
den Wunsch, diese Thäler zu sehen, aufgeben, da uns der Besuch der
Küstengegend bei Tor für einen der Hauptzwecke unsrer Reise wichtiger
erschien.
Am Nachmittag sahen wir zu unsrer Linken die Höhenzüge des Wadi
Mokkateb; vor uns in Süden trat ein Vorgebirge heraus ans Ufer. Ein
starker Wind aus Westen hatte sich erhoben; das Meer gieng in hohen
Wogen; am andern gegenüberstehenden Ufer erkannte man in voller
Deutlichkeit das Cap Doffa oder Zafraneh; weiter im Südwesten die
Höhen der Anachoreten und das hohe Gebirge von Kolzum. Unsre Beduinen
wollten uns vom Meere hinweg, landeinwärts führen, wir aber bestunden
darauf hier zwischen dem Gebüsch der Tamarisken, unmittelbar am Ufer zu
übernachten. Zwar erschwerte der Sturmwind das Aufschlagen der Zelte
und das Anzünden des Feuers, doch wurden zuletzt die Schwierigkeiten
beseitigt und wir durften nun noch einige Stunden lang (denn es war
erst vier Uhr des Nachmittags) an der herrlichen Küste uns ergehen.
Wir befanden uns hier in einer Nachbarschaft, aus der uns von allen
Seiten Eindrücke entgegen kamen, welche diesen Abend zu einem der
unvergeßlichsten und schönsten der ganzen Wüsten-Reise machten. Die
Abendsonne stund gerade über jenen Höhen, die ich so gerne mit meinen
Füßen betreten hätte, nun aber doch mit meinen Augen sehen durfte:
über den Höhen in deren Klüften und Höhlen die Altväter der ersten,
christlichen Jahrhunderte ihr stilles Leben führten. Dort zwischen
dem Ras Doffa und dem Dschebel Kolzim liegt, nach beiden Seiten von
tiefen Meeresbuchten begränzt, die Felsengrotte von Paulus, dem
ältesten der Anachoreten; jenseit des ungangbar steilen Berges, an
seiner Nordwestseite war die Wohnung des Altvaters Antonius und seiner
Schüler. Anjetzt steht an dem einen Orte, über der Grotte Paulus des
Anachoreten das Kloster des heiligen Paulus, über der andern das
Kloster des h. Antonius, beide bewohnt von Koptischen Mönchen der
strengsten Ordnung, welche mitten in den hohen Ringmauern, die beide
Versammlungsorte der Einsamen umgeben, kleine Hütten oder Zellen
bewohnen, deren jede nur einen von ihnen beherbergt; zum gemeinsamen
Versammlungsort ist die Kirche bestimmt. Jährlich etliche Male wird
das Kloster mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen: mit Mehl, Bohnen
und andren Stoffen der täglichen Nahrung versorgt; einige andre
Erquickungen und frische Früchte gewähren die Gärtlein, die der Fleiß
der Mönche innerhalb der Ringmauern, mitten in der Wildniß begründet
hat, denn in jeder der beiden Wohnstätten ergießt sich ein reichlicher
Quell, dessen Abfluß bei dem des h. Antonius ausserhalb der Ringmauern
sich sammlet und hier noch die vorüberziehenden Beduinen sammt ihren
Kamelen und Ziegen tränkt. Diese Arabischen Fremdlinge, die sich fast
aller Rechte und Besitzungen der älteren Bewohner bemächtigt haben,
gleich als meinten sie, daß nur ihnen, den Gläubigen des Islam zu
leben, den Ungläubigen aber zu sterben gebühre, hatten auch, bis zur
Regierungszeit des Mehemed Ali, der den Christen Schutz gewährte, den
armen Mönchen ihr Leben gar sauer gemacht. Diese mußten, in beständiger
Gefahr des Lebens, neben dem Gebetbuch öfters auch Flinte und Schwert
zur Hand nehmen und den Zudringlichkeiten der Feinde namentlich dadurch
begegnen, daß sie alle Thüren zu ihren Klöstern von außen vermauerten;
Fremde, welche diese Einsamen besuchen wollen, werden, wie am Sinai,
durch ein Seil hinaufgezogen, zu einer Fensteröffnung. Der Herzog
von Ragusa beschreibt in seiner sehr interessanten Reisebeschreibung
einen solchen Besuch, den er den Mönchen machte, und schildert uns
zugleich ihren jetzigen Zustand. Als Pater Sicard hier war, fand er
im Kloster des h. Antonius einen Prior, der sich eifrig mit Alchymie
beschäftigte und es ist leicht zu begreifen, wie ein solcher Aufenthalt
zu Forschungen nach dem Geheimniß des Seyns und Werdens der Dinge auf
geraden wie auf krummen Wegen hinführen müsse. -- Wenn man in nächster
Richtung über das steile Gebirge hinüber zu klettern vermöchte, wäre
der Abstand von einem zum andern Kloster nur gering, so aber gelangt
man nur auf weitem Umwege, um den Berg herum, von St. Antonius zu St.
Paul, wie denn, nach der frommen Sage, die beiden Anachoreten, deren
Namen die Klöster führen, viele Jahre lang nachbarlich gewohnt hatten,
ohne daß einer von dem andern etwas erfuhr.
Von dem Flug über das Meer hinüber, in die Ferne grauer Gebirge,
wie grauer, ehrwürdiger Zeiten, ruhete jetzt die Betrachtung in der
Nähe aus. Ich war mit der Hausfrau gegen Süden am öden Meeresstrand
hinabgegangen, einige unsrer jungen Freunde hatten sich andre Punkte zu
ihren Forschungen erlesen. Nicht sehr fern von unsrer Lagerstätte lagen
die Trümmer einiger gescheiterten Schiffe am Lande. Sie hatten großen
und schönen Arabischen Fahrzeugen angehört, wie die Zierrathen und
gemahlten Arabesken der Bruchstücke, sowie ihre weite Ausdehnung dieß
bezeugten. Das Holz lag frisch und unversehrt am Strande, als sey der
Schiffbruch erst vor Kurzem geschehen; die Spuren der Schiffer, wenn
ihre Leichname das Land erreichten, hatten die Hyänen vertilgt oder
vorüberziehende Beduinen hatten die Gebeine mit Sand verdeckt.
Hier an dieser Küste fanden wir eine Mosaikarbeit des Gewässers, welche
zu den schönsten dieser Art gehörte, die ich jemals sahe. Die bunten
Gerölle des Strandes, rothe wie grüne, gelbe wie weisliche und braune,
sind durch ein kalkiges Cäment zu einer festen Masse verbunden, die
sich, wenn sie geschliffen würde, zu herrlichen Arbeiten benutzen
ließe. Ich sahe auf meiner Rückreise zu Florenz in der Großherzoglichen
Mosaikfabrik eine Tafel von derselben Breccie und der kenntnißreiche
Director der Anstalt erzählte mir, daß das Material dazu durch einen
Ostindienfahrer, wahrscheinlich aus dem rothen Meere gebracht worden
sey.
War hier schon der Boden so reich verziert, so stund das, was auf
diesem Boden lag und wohnte, wenigstens in gleichem Werthe mit dieser
Wohnstätte. Wir hatten noch nirgends sonst in einen solchen Verkehr
mit den lebendigen Bewohnern des rothen Meeres treten können als
hier; die Arten der Käfer- und Napfschnecke, dazu die Monodonten und
Mondschnecken hatten sich haufenweise an den Klippen versammlet, als
begehrten sie, durch Aufnahme in unsre Sammlung, in jenen Strahlen
sich zu sonnen, durch welche der erkennende Menschengeist einen
Antheil seines eignen, unsterblichen Wesens auf das sterbliche und
vergängliche Gebilde der Creatur überträgt. Auch eine schöne, große
+Doris+ wurde gefunden. Die Fluth fieng an zu steigen, uns ergieng
es wie neugierigen Fremden, welche, während der König bei Tafel saß,
einige Säle seines Pallastes besahen; wir mußten, da das Meer in seine
Behaußung der schönfarbigen Klippen zurückkehrte, entweichen. Wir
brachten, nach der Abendmahlzeit des gekochten Reißes, noch einige
vergnügte Stunden vor unsrem Zelte zu. Der Sturm hatte sich gelegt, nur
das aufgeregte Meer brauste noch gewaltig gegen die Klippen.
Donnerstags den 23ten Februar zogen wir von früh halb sieben
Uhr, anfangs auf einer Ebene hin, auf welcher man das Meer noch
im Gesicht und zuweilen ziemlich nahe hat. Die Aussicht nach dem
gegenüberliegenden Ufer war heute bei weitem nicht so klar und
deutlich als gestern vor Sonnenuntergang. -- Auf dem grobsandigen Boden
zeigten sich bunte Feuersteine, auch Porphyr und stellenweise ein
fast opalartiger Holzstein. Vor uns in Süden, bemerkten wir die Jas
Jehan Landspitze die hier weit ins Meer vortritt; ostwärts von ihr den
Anfang jenes, meist nur etliche hundert Fuß hohen Hügelzuges der Küste,
welcher als Dschebel Heman bis in die Nähe von Tor sich hinzieht.