Vor allem mußte man jetzt an leibliche Erquickung des Freundes, durch

Nahrung und Schlaf denken. Auch im Schlummer verfolgten ihn noch die

Schrecken, die er während der dreißig Stunden seiner Irrsalen erduldet

hatte, er rief öfter »o mein Gott, o mein Gott« und verrieth hierdurch,

daß auch er auf seinem Wege durch die Einöde sich des Pilgerstabes

bedient habe. Da er am andern Tage zum längeren Sprechen wieder

aufgelegt war erzählte er uns, daß er in der ersten Nacht und am darauf

folgenden Morgen theils die sandige Ebene, dann aber mehrere Thäler des

östlichen Gebirges durchwandelt habe. Er hatte oft geschossen und seine

Stimme zum Rufen erhoben; das Ohr wähnte zuweilen ganz in der Nähe

und wie hinter dem Rücken redende Menschenstimmen zu vernehmen, wenn

er aber rief und dem tröstlichen Tone nachgieng, da war wieder Alles

still und stumm. Am Vormittag war er durch ein breites Thal gekommen,

wahrscheinlich durch dasselbe, das von unsrer vorigen Lagerstätte

ostwärts nach dem rothen Meere führt. Hier fand er den Boden vielfach

mit grünem Gesträuch und kreuzblüthigen Pflanzen bewachsen, deren aber

keine, wie unsre Brunnenkresse oder das Löffelkraut dem dürstenden

Munde Erquickung bot, sondern welche alle von eckelhaftem Geschmack

waren. An vielen Orten erkannte er die Spuren der Gazellen, welche hier

noch vor Kurzem geweidet hatten; an den Bergabhängen stunden öfters

Lager von schönem Fraueneis (Selenit) zu Tage aus. Endlich war er,

kurz vor Mittag bei dem Gebirge Graibun, an dem wir gestern Mittag

vorbeikamen, herausgetreten auf die Ebene; die Gegend wurde ihm jetzt

auf einmal bekannt; ein Trupp von Kameltreibern welche Holz geladen

hatten begegnete ihm, und diese erquickten ihn mit einem Trunk Wassers

und einigen Bissen Brodes. Diese Leute waren, ohne daß wir dieß wußten,

in unsrer Nähe, in einem Nebenthale über Nacht geblieben, hatten

uns noch aufbrechen sehen und berichteten, daß wir auf dem Weg nach

Suez voraus seyen. Etwa um zwei Uhr war er endlich an unsern so lang

vergeblich gesuchten nun aber verlaßnen Lagerplatz gekommen, hatte da

vergeblich herumgeforscht, ob wir nicht wenigstens eine Flasche Wasser

und etwas Brod für ihn im Sande verborgen und den Ort wo beides zu

finden durch einige Zeilen angedeutet hätten, leider aber war dieses

von uns versäumt worden, und der verlassene Pilgrim hatte den ganzen

Weg unsrer heutigen Tagreise ohne weitere Erquickung in etwa 9 Stunden

durchlaufen müssen; zuletzt wie ein Träumender, verloren in sonderbare

Phantasieen, in denen es ihm vorkam als gehörten die wunden Füße, die

ihn kaum noch trugen, nicht sein eigen, sondern wären von einem Freunde

ihm geliehen.

Hatte ich in der vorhergehenden Nacht vor Sorge nicht schlafen können,

so ließ mich dagegen in der heutigen die Freude nicht recht dazu

kommen. Ich meine fast auf ähnliche Weise muß es einer Mutter zu Muthe

seyn, wenn die Stunde, da sie Traurigkeit hatte, vorüber und nun jene

gekommen ist, da sie der Angst nimmer gedenkt, um der Freude willen,

daß der Mensch zur Welt geboren ist.

Am 17ten Februar des Morgens war der Himmel leicht getrübt. Ein

Nebelgewölk zog über die enge Schlucht, welche den hohen Attakaberg von

den niedren Vorbergen und Hügeln in Norden scheidet, hinab nach Osten;

als wollte es uns an jene Wolken- und Feuersäule erinnern, welche einst

diese Wege gewandelt. Wie das Alterthum sieben Bauwerke zählte an denen

die Hand des Menschen mit wunderbarer Kraft sich kund that, so kennet

der Christ sieben Berge der Erde an denen Gottes Macht in Thaten der

Wunder sich verherrlichte: der eine ist der Ararat, der andre der

Attaka, der dritte der Sinai, der vierte ist der Nebo, der fünfte der

Thabor, der sechste der Golgatha, der siebente der Oelberg. Der Ararat

wie der Attaka beginnen in wechslenden Chören den Triumphgesang der

Errettung aus großen Wassern; denn hier, am Fuße des Attaka war es, wo

durch »Sein Hauchen die Wasser sich aufthaten und die Fluthen standen

auf Haufen; die Tiefe wallete von einander mitten im Meere[65].«

Wir brachen halb acht Uhr auf; bald kamen wir an eine Stelle, bei

der uns die niederen Vorberge nicht mehr die Aussicht nach Südosten

bedeckten, und nun lag der hehre Bergrücken frei vor unsren Augen da.

Der Attaka ist auch durch seine Form einer der imposantesten Berge

der Erde; so scharf abgeschnitten von seinen Vorbergen, so gerade

und gähansteigend vom Spiegel des angränzenden Meeres, so tief und

kräftig gefärbt, im Vergleich mit den bleicheren Nachbarn, daß ihm von

seinem Entstehen an das Siegel seiner Bestimmung aufgeprägt scheint:

ein Denkstein zu seyn, welchen die Hand der ältesten Geschichte mit

einem heiligen Oele der Erinnerungen gesalbt hat. Ich konnte auf dem

ganzen Wege meine Blicke nicht von ihm wegwenden; und obgleich nur

das Auge nicht das Ohr den Eindruck vernahm, war mir es dennoch als

hörte ich die mächtige Stimme eines Zeugen, der von den Thaten redete

die er selber gesehen, und welche hinausrief in die Wüste der Völker,

so daß Meer und Land ihm zuhöreten: »Herr, wer ist Dir gleich unter

den Göttern. Wer ist Dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich,

löblich und wunderthätig sey?« -- Ja, »der Herr wird König seyn immer

und ewig.«

Das innre Ohr war heute mehr als gewöhnlich für solche Stimmen des

Zeugnisses geöffnet; es war ein Tag des stillen, tief im Herzen

ertönenden Jubels und der Freude. Selbst auf die Wüste, durch die wir

zogen, fiel ein Lichtstrahl der nicht aus dem bewölkten Himmel, sondern

aus der Seele kam; ein Lichtstrahl der die Einöde verschönerte. Das

bedurfte sie aber auch wirklich, denn schön war die Gegend in der That

nicht, durch welche wir heute in den Vormittagsstunden kamen. Bei jeder

neuen Wendung, welche der Weg um die Kalkhügel und Sandhaufen herum

machte, erwartete man eine Aussicht nach dem rothen Meere, wenn wir

aber auch neben der einen Woge des Hügelzuges herum gekommen waren,

da stellte sogleich sich wieder eine andre ein, welche den Blick nach

dem Meere hemmte; denn die Karawanenstraße zieht sich meist in den

seichten Betten der Winterströme hin, welche zwischen den Sandmassen

verlaufen. Nur an einigen wenigen Punkten zeigen sich da niedre Bäume

der Arabischen Mimose; eine kleine Karawane, deren Kamele ostindische

Waaren geladen hatten und bei der sich einige Engländer aus dem vor

Kurzem bei Suez angekommenen Dampfschiff befanden (unter ihnen ein

Kranker), begegnete uns; weiterhin etliche Mönche vom Sinai, zu Fuß

und zu Kamel. Den Mangel jedoch der öden Gegend, die uns zunächst

umgab, erstattete reichlich der Anblick des hehren Attaka. Wir konnten

jetzt immer besser in den engen Paß hineinschauen, welcher sich wie

das Rinnbette eines Gebirgsstromes mit gähem Absturz zwischen der

Felsenwand des Hochrückens und den niedren Vorbergen herabziehet[66].

Für einen guten Fußgänger wäre sie wohl zu ersteigen. Wie wir später

sahen endet sie unten in der Ebene in einem Abstande vom Meeresufer der

gewiß noch mehrere Stunden beträgt.

Noch vor Mittag heiterte sich der Himmel auf; bald nachher sahen wir

die dunkle Fluth des rothen Meeres und Suez mit seinen Minares und

Mauerzinnen, zwischen denen das getäuschte Auge Bäume zu erblicken

wähnte. Unweit der Stadt bemerkt man das Grabmahl eines Santos.

Wir hatten das Kastell ~Adscherud~ links zur Seite gelassen

und gelangten nun auf eine allmälig sich absenkende Fläche. Einige

Pflänzlein der +Artemisia judaica+ und des +Heliotropium

lineatum+, im Ganzen so wenige, daß man nach stundenlangem Suchen

kaum zwei Hände voll zu sammeln vermocht hätte, waren das einzige

graufarbige Grün das man hier weit und breit wahrnahm. Etwa eine Stunde

vor Suez kamen wir zu dem hochummauerten ~Bir Suez~, dem Brunnen,

dessen nur wenig salziges Wasser durch Räder, welche Ochsen in Bewegung

setzen, aus der Tiefe geschöpft und in eine Rinne ergossen wird, die

ihren Ausfluß außen vor dem Gebäude, in große, steinerne Wassertröge

nimmt. Das Gebäude, das über den Brunnen gebaut ist, gleicht einem

kleinen Kastell und scheint auch ursprünglich die Bestimmung gehabt zu

haben, das köstlichste und unentbehrlichste Gut, welches der Bewohner

dieser wasserleeren Einöde besitzt, gegen fremde Gewalt zu schützen.

Unsre Kamele, die nun seit vier Tagen nicht getrunken hatten, tranken

hier in vollen Zügen und sehr lange, uns selber aber wollte das salzige

Wasser noch nicht recht schmecken, obgleich das gute Nilwasser in

unsern Schläuchen auch einen Nebengeschmack angenommen hatte, der es

ziemlich widerlich machte.

Von hier aus sahen wir nun die dunkle Fluth des Meeres in deutlicher

Nähe. Auf seinen bewegten Wellen spielten die Strahlen der Sonne, neben

ihm zur Rechten erhub sich die Felsenwarte des Attaka, in einiger

Entfernung von der Küste lag das große, englische Dampfschiff, das die

Fahrt von Ostindien nach Suez und zurück schon öfters gemacht hat;

was wir aber aus der Ferne für Bäume hielten, das waren die Mastbäume

der Schiffe, welche jenseits der Stadt im Hafen liegend über einen

Theil der niedern Gebäude hoch emporragten. Wir lagerten um 4½ Uhr

Nachmittags, nach einem kaum neunstündigen Tagmarsche außen vor dem

Thore der Stadt, und schlugen nordwärts von dieser unser Zelt nahe beim

Meeresstrande auf.

In der That, Suez ist keine Stadt der Träume; denn so hätte ich

mir auch im Traume keine Stadt vorgestellt. Eine Stadt von etwa

sechshundert Häußern und Hütten, welche dennoch, obgleich manche

davon nicht immer bewohnt sind, mit der hier stehenden Compagnie des

Aegyptischen Militärs gegen vierzehnhundert Menschen beherbergen,

ohne Spur von Gärten, von Feldern, von jedem grünen Flecklein; wie

könnte diese Stoff zu einem lieblichen Traumbild gewähren. Unmittelbar

vor den Mauern ja noch innerhalb derselben, auf dem weiten, freien

Platze der zwischen ihnen und den Häußern sich ausdehnt, beginnt

eine so ganz dürre, ausgestorbene Sandwüste, daß man, in der Nähe

der Stadt auch nicht einmal eines jener kleinen Stachelgewächse oder

Sträuchlein bemerkt, dergleichen doch sonst immer von Zeit zu Zeit in

der Wüste gefunden werden; nur der große Aegyptische Aasgeier und der

häßliche verwilderte Hund schweben und laufen über die Einöde hin,

um das Land von den Ueberresten der gefallenen Kamele zu reinigen.

Der Grund dieser widerwärtigen Nacktheit des Bodens liegt vor allem

darinnen daß Suez gar kein Süßwasser in seiner Nähe hat; denn der

sparsame Gehalt der Brunnen, welche noch dazu stundenweit von der

Stadt abliegen, reicht kaum für das Bedürfniß der Bewohner und ihrer

Hausthiere hin. Dazu ist der Boden rings umher von Salz durchdrungen

und wo sich etwa demohngeachtet ein Pflänzlein der grauen Arabischen

Artemisie oder des Ginsters aus dem Boden hervordrängen wollte, da

wird dieses alsbald von den hungernden Kamelen abgeweidet, welche

fast jede Woche zu Hunderten aus Kairo und aus den östlichen Gegenden

der Arabischen Halbinsel hier ankommen; Lebensbedürfnisse, aus dem

fruchtbaren Nilthale bringend, und Waaren so wie Naturerzeugnisse

aus Indien und Yemen zurückführend nach der Aegyptischen Hauptstadt.

Wenn jedoch auch die Phantasie des Reisenden hier bei Suez auf keinen

grünen Zweig kommen kann, so findet dagegen der Blick des Forschers

auf dem Trocknen wie im Gewässer Anhaltspunkte in Menge, auf denen er

gerne verweilt. So wie Suez sind die meisten Städte der Arabischen

Küste beschaffen, wer nicht Gelegenheit hatte Yembo, Dschidda und so

manche andre ihrer Schwestern zu sehen, der kann sich hier an Suez

einen deutlichen Begriff von jenen machen. Sie alle sind Nester des

Seeadlers, der nur wenig Wasser, das in der Felsenkluft aufgespart ist,

zu seiner Erquickung bedarf, und welcher nicht nach dem Grün der Gärten

und Felder fragt, weil ihm seine Beute über das Wasser kommt. Ueberdieß

zog uns, die wir als alte Gastfreunde die Natur kennen und lieben, ein

andrer, uns noch ganz neuer Anblick zu sich hin; das war das lebendige

Gewimmel des Indischen Meeres, das sich auch über das rothe Meer

ausbreitet, weil ja dieses nur ein Arm und Ausfluß jenes reichbegabten,

südlicheren Oceans ist.

Ich möchte jedem Naturforscher, welcher die Lust des Sehens mit

eignen Augen, des Betastens mit eignen Händen kennet und liebt, einen

Aufenthalt, wenigstens von etlichen Tagen, am rothen Meere gönnen. Ich

habe das Mittelmeer wie das Adriatische an verschiedenen Punkten ihrer

Küsten gesehen und auch durchforscht; gegen den Reichthum des rothen

Meeres, namentlich an Conchylien, erscheinen mir jene so werthvollen

Gegenden wie der Mittagstisch eines wohlhabenden Bürgersmannes an einem

Wochentage, im Vergleich mit der überreichen Tafel eines Fürsten,

der seinem Sohne ein Hochzeitsmahl bereitete. Hingeworfen von den

Meereswellen an den Strand lagen da zu unsern Füßen die buntfarbigen,

schönen Gehäuse der Mollusken, von denen ein einziges schon in unsrer

Kindheit uns als großes Gut erschienen wäre; dazwischen zeigten sich,

als wollten sie daran erinnern, daß auch dieses Meer schon zu ihrem

Reiche gehörte, die buntfarbigen Fische der heißen Zone und selbst der

feuchte Sand der Küste lädt hier den Sammler zu seinem wohlbestellten

Gastmahle ein[67].

Wir konnten uns unmöglich entschließen heute noch von dem reichen

Meeresstrand hinweg in die arme, schmutzige Stadt zu treten. Zum Thore

hinein, wo eine Art von Soldat nicht Wache stund sondern Wache lag,

blickten wir auf die Wüste, die man mit in die Mauern aufgenommen hat,

traten dann auf einen Hügel von Schutt und Scherben, der gleich vor dem

Thore der Stadt liegt und sahen dort die schöne, reine Sonne hinter dem

Attakaberg untergehen; dann erquickten wir uns noch im Mondenschein,

auf- und niedergehend am Strande, in der frischen Luft. Herr Mühlenhof

war statt unsrer hineingegangen und hatte da unsre Empfehlungsbriefe

abgegeben, wir erhielten noch am Abend Besuche aus der Stadt und

Einladungen hineinzukommen um da zu übernachten, uns aber gefiel der

Schlag und das Rauschen der Wellen besser als jenes Geräusch, das mit

den Aufopferungen der Gastfreundschaft unvermeidlich verbunden ist; wir

ließen uns nicht bewegen das Zelt, das ja schon aufgeschlagen stund,

wieder abzubrechen.

Am andren Morgen machten wir uns auf um auch das Innre der Stadt

zu besehen. Die Wache, von der ich freilich nicht weiß ob sie mit

der gestrigen ein und dieselbe Person war, lag oder kauerte noch in

derselben Stellung da wie am vorigen Abend; im ganzen Orient fragt man

Keinen nach seinem Passe, am wenigsten einen fränkisch gekleideten

Fremdling. Ueber das Stücklein Wüste hinüber, das man nach hiesigem

Geschmack eben so wie bei uns unter dem Namen Park oder Garten ein

Stücklein Waldes, mit in die Stadtmauern aufgenommen hat, schritten

wir durch eine Art von innrem Thor in eine der beiden Hauptgassen des

Städtleins hinein, wo es einen Bazar gab. Man konnte hier die meisten

Bedürfnisse des Lebens befriedigen; es waren Brod und Bilahm, Datteln

und Orangen, Scherbet und Racky, dabei die verschiedensten Arten von

Stoffen zur Kleidung und zum Schmuck, sogar geschnittene Steine (von

keiner sonderlichen Schönheit) zu haben, die uns ein Jude um billigen

Preis verkaufte. Das Volk von Suez erschien mir, mit Ausnahme einiger

kräftigen Arabischen Gesichter und Gestalten, eben nicht besonders

schön; unter den braunen und schwarzen Leuten des Ostens und Südens

trieben sich mehrere, gerade auch nicht sehr weiße englische Matrosen

herum. So wie man sich dem Hafen nähert zeigen sich, noch aus der alten

Zeit eines bessern Wohlstandes der Stadt, ansehnliche Gebäude und

Chans. In einem der ersteren wohnt der Agent der englisch-ostindischen

Compagnie, dessen Name, wenn ich nicht irre, Manula ist. Wir fanden

ihn in einem Seitengebäude seines Hofes mit dem Auspacken und Anordnen

der aus Ostindien gekommenen Waaren beschäftigt. Der freundliche Mann

führte uns sogleich hinauf in ein Gastzimmer, das auf Europäische Weise

stattlich meublirt und mit Englischen Kupferstichen verziert war.

Hier hatte Napoleon, während seines Aufenthaltes in Suez gewohnt, und

mancherlei Pläne in seinem Innren entworfen und bewegt. Der Herr Agent

besitzt eine, wenn auch nicht an Menge der Arten, doch an den schönsten

Exemplaren reiche Sammlung von Conchylien aus dem Indischen und rothen

Meere, die ihm meist durch die Englischen Seefahrer zugeführt werden;

dazu ist er der Einzige in der Stadt, welcher Fischerbarken zu seiner

Verfügung hat und die Fremden wie Einheimischen mit Fischen versorgen

kann. Ich erhielt durch seine Güte einige schätzbare Beiträge zu unsern

an den Ufern des rothen Meeres gemachten Sammlungen.

Nachdem wir uns in diesem gastfreien Hauße mit mehreren Erfrischungen,

auch mit einem Glase des edleren spanischen Weines erquickt hatten,

ließ ich mich durch den wohl unterrichteten Herrn Agenten, welcher

über den Gegenstand schon so viele Meinungen der Einheimischen wie

der Fremden vernommen hat, ein wenig einführen in die Bekanntschaft

dieser bedeutungsvollen Umgegend. Wir traten mit einander hinaus vor

die südliche Seite der Stadt, an das Meer. Mein Begleiter war nicht

unbekannt mit den herrschenden Ansichten vieler Europäischen Gelehrten

über den Durchgang der Israëliten durch den Meeresarm, nordwärts von

Suez; das hiesige Volk aber, so sagte er, glaube seit alter Zeit, daß

jener Durchzug südwärts vom Attaka, zwischen diesem und dem Kuaibe

geschehen sey. Er selber, der Agent, ist ein Christ, griechischer

Gemeinschaft; längst aber in diesem Lande einheimisch.

Kurz vor Mittag waren wir zu unsrem Zelte zurückgekehrt um hier noch

Einiges anzuordnen; es war so heiß, daß wir selbst im Schatten des

Zeltes nur wenig Abkühlung fanden. Da die Kamele mit dem Gepäck einen

vierstündigen Umweg um die nördlichste Ausbreitung des Meeresarmes

zu machen hatten, während wir von Suez aus in kaum einer halben

Stunde über die Bucht hinüber fahren konnten, wurde beschlossen, daß

nur Einige von uns mit dem Gepäck voraus gehen sollten, während die

Andren den kürzeren Weg zu Wasser nähmen. Um zwei Uhr erhub sich ein

erfrischender Wind, bald hernach wurden die Kamele beladen und Herr

Franz nebst Mohamed brachen mit der Karawane auf; wir andern bestiegen

einen der höchsten, benachbarten Hügel um noch einmal die Landschaft

zu überblicken. Auch hier stehen sich, wie am Bosporus und Hellespont

zwei Welttheile nachbarlich gegenüber; statt des kleineren Europas hat

sich hier das große Afrika in Westen neben Asien hingestellt. Wie ganz

anders nimmt sich aber dieses nachbarliche Begegnen hier aus denn dort.

Europa und Asien stehen sich am Bosporus und Hellespont, geschmückt

mit dem Kranze des Lorbeeres im grünenden Gewande gegenüber, wie zwei

Kämpfer, welche nicht einen Wettstreit der Fäuste und der ehernen

Waffen, sondern den edleren der Lieder beginnen wollen; hier aber, am

rothen Meere und an der Meerenge von Suez erscheinen Asien und Afrika

wie zwei Ringer, welche das Gewand von sich warfen, weil ihnen der

härtere Kampf der Fäuste bevorsteht. Afrika erhebt sich noch einmal im

Gebirge des Attaka, mit seiner ganzen Macht; Asien beut ihm die Stirn

mit den Schrecknissen der Wüste, welche in dem Ruhatgebirge ihren Sitz

haben. Nirgends aber bemerkt das Auge, weder auf den westlichen noch

auf den östlichen Höhen die Spur eines Waldes, oder auch nur einen

vereinzelten Baum; nur nach Norden zieht sich, mitten durch die Wüste

der beiden Welttheile ein niedrer, ebener Streifen Landes, der durch

das vereinzelte Gesträuch grünlich gefärbt erscheint. Wahrscheinlich

ist dies das verschüttete Bette jenes alten Kanales, der einst das

rothe Meer mit dem Nil verband und dessen Anfang nordöstlich von

Phelbes oder Belbays bemerkt wird, von wo er sich zuerst nach Osten

dann durch die Salzseen nach Süden zum rothen Meer wendete, dessen

Spiegel noch jetzt 15 Fuß höher ist als der des Nils bei Kairo während

des niedern Wasserstandes, fünf Fuß niedriger aber als die mittlere,

jährliche Stromschwelle des Flusses[68].

Wir hatten von Kairo ein Empfehlungsschreiben an einen griechischen

Kaufmann in Suez, Herrn Girgis empfangen, der uns weiter nach Tor

empfehlen sollte. In dem stattlichen Hauße jenes wohlhabenden Mannes

wurden wir mit Erfrischungen bewirthet die uns vergessen ließen, daß

wir hier an einem Orte seyen, der keine Gärten hat, und die uns bei der

Hitze der Nachmittagsstunden sehr wohl thaten. Noch vor Sonnenuntergang

nahmen wir Abschied von den hiesigen Gastfreunden und von den

bisherigen Reisebegleitern Herrn Kielmeier und Kellner und bestiegen

in Gesellschaft unsers alten Hassans eine Barke, zur Ueberfahrt über

den Meeresarm. Bei der Abfahrt hatten wir auch Gelegenheit jene

Betriebsamkeit des hiesigen armen Volkes zu bemerken, von welcher

~Laborde~ erzählt, und welche sehr an jene der Italienischen

Lazaronis erinnert; jeder Einzelne suchte sich eines Stückleins unsers

Gepäckes zu bemächtigen, wäre es auch nur ein Steigbügel oder ein

Sonnenschirm gewesen; ihrer viere schleppten wenigstens scheinbar

an einem Sacke mit Schiffszwieback den ich mit Leichtigkeit allein

getragen hätte; wer bei dem Tragen des wenigen Gepäckes nicht ankommen

konnte lief wenigstens laut schreiend daneben her oder half uns ziehend

oder nachstoßend beim Einsteigen in die Barke und jeder der Schreier

wollte dann für seine Mühe bezahlt seyn.

Der Mond, fast voll, war aufgegangen und mischte sein Licht mit dem

der Abenddämmerung, als wir in unserm Boote auf der wogenden Gränzlinie

der beiden Welttheile schwebten. Der Meeresarm ist hier etwa eine

halbe Stunde breit; wenn ein anhaltender Nordwestwind das Gewässer,

vorzüglich zur Zeit der Ebbe nach Süden treibt, kann man ihn nordwärts

von Suez durchreiten und zu Fuße durchwaten, wenn aber hierauf

plötzlich der Wind nach Südost umspringt kann in Kurzem die Wasserhöhe

um sechs Fuß steigen. Dies erfuhr Napoleon als er an jener Stelle

durchs Meer reiten wollte und durch das plötzliche Steigen des Wassers

in Lebensgefahr gerieth. Als man ihn glücklich wieder ans Land gebracht

hatte rief er: »das hätte einen interessanten Text für alle Prediger in

Europa gegeben, wenn ich hier ertrunken wäre.«

Asien war zwar erreicht, als wir beim jenseitigen Ufer ans Land

stiegen, nicht aber unsre Lagerstätte für die bevorstehende Nacht. Wir

hatten noch wenigstens eine Stunde weit im Sande zu gehen, bis wir zu

dem Tamariskengebüsch kamen, bei welchem wir Halt machten, doch schien

uns der Mond zu unsrer Wanderung. Doctor Roth hatte die Folgen seines

dreißigstündigen Herumirrens in der Wüste schon so weit überwunden, daß

er munter neben uns herschritt; die andren Gefährten mit den Kamelen

kamen später als wir bei dem Lagerplatz an.

Der 19te Februar war ein Sonntag, für meine Erinnerung einer der

festlichsten der ganzen Reise. Wir brachen um sieben Uhr auf, nahe

zu unsrer Rechten zeigte sich das leise bewegte Meer und jenseits

demselben der Attaka, in der ganzen Breite seines steilen Abfalles; zur

Linken jenseits der sandigen Fläche der niedere Zug des Ruhatgebirges.

Der Himmel war so rein und klar, daß wir am entgegengesetzten Ufer

des Meerbusens, der hier eine Breite von fünf bis sechs Stunden hat,

jeden Felsenvorsprung, so wie den schmalen Saum des Ufers unterscheiden

konnten, welcher eben noch für Kamele und Fußgänger gangbar ist.

Ein erfrischender Wind wehete aus Nordwesten über das Meer hin;

zuweilen war es uns als bemerkten wir das fröhliche Emporplätschern

der Fische aus der klaren Fluth; wir sangen der stillen Wüste unsre

Lieder. Etwas vor neun Uhr sahen wir Gruppen der Dattelpalmen, sie

stehen an den Brunnen Mosis, die wir noch vor zehn Uhr erreichten.

Hier tranken unsre Kamele; wir ruheten im Schatten eines dicht

verwachsenen Palmengebüsches. Auf einem der höheren Bäume sang ein

Vogel, sein unsrem Ohre noch neues Lied; er besang die Lieblichkeiten

des Frühlingsmorgens am rothen Meere. In unsrer Seele aber ertönte

hier, im Angesicht des Meeres und des hohen Attaka so wie des breiten

Thales Ramlieh, das zwischen ihm und dem südwärts sich erhebenden

Kuaibagebirge zum Meere verläuft, ein andres Lied. Es war das Lied

Mosis, des Knechtes Gottes, welches dieser und die Kinder Israël dem

Herrn sangen, an dem Tage da der Herr Israël hindurchgeführt hatte

durch die Fluthen und Pharaos Rosse und Wagen in das Meer gestürzt.

Ja, »der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang, und ist mein Heil.

Das ist mein Gott, ich will Ihn preisen; Er ist meines Vaters Gott,

ich will Ihn erheben.« Kann doch das Herz Aller, welche zuversichtlich

Seiner harren und auf Ihn trauen, singen: »Du hast geleitet durch Deine

Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöset hast; und hast sie geführet

durch Deine Stärke zu Deiner heiligen Wohnung.« Wenn auch hier, an

dieser geheiligten Stätte das äußere Ohr nichts mehr von Mirjams, der

Prophetin Paukenhall vernimmt und die Herrlichkeit des Herrn nicht mehr

dem äußern Auge sichtbar wird, so fühlet doch der innre Mensch ein

Naheseyn dieser Herrlichkeit und vernimmt Stimmen des Jubels.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 18 / 42 段