Arten des Reisens weit verschieden. Man sitzt hoch und frei auf dem
Rücken des Kamels, dessen Fortbewegung zwar, wie schon erwähnt, eine
eigenthümlich schauklende, dabei aber so gleichmäßig ist wie der Lauf
der Sonne am Himmel, mit welchem jenes Thier auf eine merkwürdige Weise
gleichen Schritt hält[60] und gleiche Dauer des Tagmarsches. Denn
wie die Sonne, ohne Stillstand vom Aufgang zum Niedergang eilet, so
schreitet auch das Kamel in den gewöhnlichen Tagereisen der Karawanen
rastlos vom Orte des Aufbruches bis zu dem der Lagerung fort; der
Reisende, wenn er nicht die Gewandtheit eines Arabers im Auf- und
Absteigen hat und den Gesammtzug nicht hemmen will, muß es sich
gefallen lassen vom Morgen an bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang
auf seinem Sitze auszuharren[61]. Und wie der Taglauf des Kameles an
Gleichmäßigkeit und an Dauer der Stunden dem täglichen Gang der Sonne
gleichet, so gleicht er ihm auch an Stille; man hört keinen Schritt
des vorsichtig auftretenden Thieres, dabei reitet man gewöhnlich,
damit das Gepäck des einen Reisenden durch das Zusammenstoßen mit
dem des andren nicht beschädigt werde, in langen Reihen, Einer so
weit vom Andren entfernt, daß man beim Sprechen gerne nur auf das
Nöthigste sich beschränkt; so feiert man und wird man still mit der
hier immer feiernden, stillen Natur. Diese Natur, da in der Wüste,
machet allerdings, wie ich dieß schon vorhin (S. 156) andeutete,
auf die Seele einen ähnlichen Eindruck, als das Wandeln über einen
großen Kirchhof, unter dessen Denksteinen viele sind von besonders
ausgezeichneter Gestalt oder mit inhaltsreicher Aufschrift. So sehr nun
auch ein Todtenfeld geeignet scheinen mag Empfindungen des Trauerns zu
erwecken, so giebt es dennoch Seelen, für welche das Wandeln über die
stillen Gräber und das Verweilen neben den gedankenvollen Inschriften
einen größeren Reiz hat, als das Wandeln durch die geräuschvollen
Gassen mancher volkreichen, gewerb- und lebenslustigen Stadt. Wird doch
überdieß selbst der Körper -- dieses wundervoll besaitete Instrument,
auf welchem die Meisterin: die Seele, das vieltönige Spiel ihrer
Gefühle, Lust wie Schmerz, Hoffnung wie Furcht, sich hervorruft --
durch das tägliche Leben in der Wüste so eigenthümlich gestimmt wie
sonst nirgends. Die leibliche Natur eines Reisenden, welcher sich
das Ungewöhnliche nicht zu theuer erkaufen will oder kann, ist wie
die Gummimimose der Arabischen Sandfelder nur auf eine Ernährung
beschränkt, die dem leichten Thau der Morgenstunden gleichet; unsre
alltägliche Kost war, außer dem Schiffszwieback oder dem bald sich
verhärtenden Arabischen Brode, zum milchlosen Thee oder Kaffee des
Frühstückes, am Abend, als Hauptmahlzeit, der Reis, in Wasser gekocht,
dessen immer vom Hunger gewürztes Einerlei sehr selten durch den
Zusatz getrockneter Früchte, noch seltner durch etwas Ziegen- oder
Lammfleisch in einen Festtagsschmauß verwandelt wurde; das Wasser,
das am Morgen aus den Schläuchen in die ledernen Feldflaschen gefüllt
ward, mit oder ohne Beimischung des Datteln-Racki's, war unser Getränk.
Sahe dann nur das Auge den Schlamm oder die andern Unreinigkeiten
nicht, schmeckten die bittern Salze nicht zu widerwärtig hervor, dann
ertheilte der brennende Durst dem Getränke dieselbe Lieblichkeit,
wie der Hunger sie der täglichen Abendkost gab. Ein Herumwandeln von
einem vereinzelt stehenden Mimosenbaum oder Ginsterstrauch zum andern,
denn gewöhnlich wurde ja zum Nachtlager eine Stätte gewählt wo es ein
wenig Grünes gab, gewährte in der letzten Stunde des Tages dieselbe
Unterhaltung, wie etwa sonst das Betrachten eines reichen, großen
Gewächsgartens; der Schlaf auf dem nicht weichlichen Lager war so
leicht wie die Decke, die den Leib verhüllte, bei dem ersten Brüllen
der Kamele, die nach Befreiung der zusammengeschnürten Fußgelenke
und nach dem Morgenfutter verlangten, war er entflohen. Zuweilen
besang mit uns zugleich den Abglanz der Herrlichkeit des Herrn: das
wiederkehrende Licht das im Thau sich spiegelte, ein Vogel, der in
den Zweigen des stachlichen Gummibaumes seine Wohnung hatte, oder man
vernahm, vom Felsen her, die Stimme des schnellfüßigen Arabischen
Trappen. Und sobald nun beim Aufbruch der Karawane das Kamel unter
der gewohnten Last der Reisenden und seines Gepäckes die taktmäßige
Bewegung der Schritte begann, da fühlten Mehrere von uns, welche gern
singen, unwillkürlich sich getrieben, den Takt den das gehende Thier
schlug mit ihrem Gesange zu begleiten. Diese erquickten sich dann an
Liedern, deren Inhalt zu dem ernsten, großen Texte paßte, welchen die
Geschichte unsers Geschlechtes hier dem Anblick der Gegend unterlegt
und so ward uns auch die Wüste zu einem Tempel, unter dessen hohes Dach
man einsam und allein hineintritt und dessen hehre Stille weder vom
Fußtritte noch von der Stimme der Vorübergehenden verscheucht wird.
Dieses fast beständige Alleinseyn der Seele mit sich selber, das Ruhen
ihres Wesens auf der eigenthümlichen, innren Welt, das durch kein immer
wiederkehrendes Vernehmen des Neuen unterbrochen wird, äußert auf
empfängliche Naturen einen ganz besondren Einfluß. Man wird da leichter
erregbar für alle Eindrücke, für alle innre Bewegungen als jemals
sonst, sowohl für die schlimmen als für die guten. Mich wenigstens
erinnerte meine damalige ungewöhnliche Reizbarkeit an die Geschichte
jenes Anachoreten, welcher, um seiner Neigung zur Zornmüthigkeit alle
Gelegenheit zu ihren Ausbrüchen abzuschneiden, sich zurückgezogen hatte
in die menschenleere Wüste. Er hatte nichts mit sich hinausgenommen als
einen Wasserkrug; keine lebendige Kreatur war da, die seinen Ingrimm
hätte aufreizen können. Aber eines Tages fällt ihm der Wasserkrug um,
und da er ihn kaum wieder aufgestellt hat fällt er noch einmal; wer
könnte so etwas ansehen ohne außer sich zu gerathen? Unser Einsiedler
wenigstens konnte es nicht, er ergriff den Krug im höchsten Zorne und
zerschlug ihn am Boden, lernte aber zugleich aus der Betrachtung der
Scherben, daß unsre guten Vorsätze in der Einsamkeit der Wüste eben so
wie im Getümmel der Welt dem Zusammenbrechen ausgesetzt sind, wenn sie
nicht durch eine andre, höhere Kraft gestützt und gehalten werden als
die unsrige ist. Und ähnliche Erfahrungen machte in der Wüste auch ich.
Aber dieselbe Reizbarkeit, welche die Aufwallungen der schlimmeren
Art begünstigte, gab auch, ich darf dieß nicht verschweigen, den
Gefühlen der Andacht eine flammende Kraft, wie ich sonst nur selten sie
empfunden.
Dies ist die allgemeine Schilderung eines Lebens in der Wüste; eines
Lebens das sich in den verschiedensten Gegenden des sandigen Afrikas
wie Asiens gleich bleiben würde. Bei unsrer diesmaligen Reise kam
noch ein andres Moment hinzu, welches den Gefühlen der letzteren,
besseren Art eine beständige Nahrung gab; das war die Erinnerung der
großen Thaten Gottes, welche einst diese Einöde verherrlichten. Wenn
nach Josephus Zeugniß und nach andren Spuren alter Ueberlieferungen,
welche ~Raumer~ (a. a. O.) sorgfältig gesammelt hat, die Heere
Israels in der Nacht des Auszuges von Raëmses, dessen Stätte dann
nördlich von Kairo, gegen Heliopolis hin zu suchen wäre, an jener
Gegend vorüber kamen, in welcher später das Aegyptische Babylon (bei
Fostat) begründet worden, dann nahm der Weg ihrer von Furcht und Angst
beschleunigten Flucht seine Richtung nach dem rothen Meere, durch
dasselbe Thal in welchem wir jetzt hinzogen[62]. Wenn jedoch auch über
das Einzelne ein Zweifel bleiben könnte, so fällt doch auf das Ganze
des Landes ein Licht der alten, heiligen Geschichte, dessen Strahl
jeden einzelnen Felsen und Sandhügel verklärt und zu einem Denksteine
der großen Errettungen weihet. Wirkte doch selbst die Zeit des Jahres,
in der wir uns eben befanden, erhebend auf die innre Stimmung ein; es
war jene, die wie ein dunkles Gewölk dem Hervorbrechen des Tages der
Herrlichkeit vorangehet; die Zeit des Zorngerichtes über Aegypten, auf
welche das Passah und die Erlösung aus der Hand des Feindes folgte, für
uns Christen die Zeit der Passion und der Fasten, deren Trauer in der
Siegesfeier des Auferstehungsfestes sich auflöset.
Gleich in der ersten Nacht da ich hier in der Wüste, eine kleine
Tagreise von Bessatin ostwärts, vielleicht nahe bei dem ersten
Lagerplatz der Heere Israels schlief, weckte mich öfters der
Gedanke an Den, welcher diesen Heeren in der Säule des Rauches und
Feuers vorangieng; ich lag da und sann tiefer als jemals den großen
Wunderwegen des Gottes Jacobs nach; mein Geist freuete sich Sein,
meines Heilandes. Sollten wir doch auch bald die rettende Kraft Dessen
erfahren der unsres Herzens Zuversicht und Trost, unsers Weges Führer
war, denn Angst und Gefahr waren uns nahe. Doch dieses ahnten wir
nicht, da wir am 15ten Februar, in den schönen, heitren Morgenstunden
von unsrem Lagerplatz aufbrachen und in der von niedrigen Höhenzügen
kesselartig umgränzten Thalebene zuerst nach Ost, dann nach Ost-Südost
hinzogen. Wir kamen hier an vielen Seitenthälern vorüber, welche den
Rinnsalen der Regenfluth glichen und häufig voll grünenden Gesträuches
waren. Daß hier wirkliches Weideland, wenigstens in dieser Jahreszeit
zu finden sey, das wurde uns durch die Heerde der Lämmer, welcher wir
schon nach etwa drei Viertelstunden Weges begegneten und bald hernach
durch die kleinen Truppen von Kamelen bezeugt, die wir hie und da, die
Mütter mit den Jungen, auf der Weide sahen. Dazwischen bemerkt man
auch, bald näher bald ferner wieder größere Heerden von Ziegen, Schafen
und selbst einzelne Esel; zum sicheren Anzeichen, daß dieser Gegend
ein trinkbares Cisternen- oder wenigstens Pfützenwasser nicht fremd
seyn könne. Nach zehn Uhr hatten wir zur Rechten eine Eintiefung neben
uns, welche einem ausgetrockneten Teichbette glich; zur Linken eine
niedere Hügelkette. Meine leichter beweglichen, jungen Reisegefährten,
mit ihnen die Hausfrau, waren abgestiegen und giengen raschen Schrittes
neben und vor den Kamelen her, denn der Kiesboden war hier fest und
reicher als wir dieß jemals gesehen mit dem schönsten Kugeljaspis
bestreut, unter welchem sich auch rosenfarbiger so wie bandartig
gestreifter, vor allem aber jener merkwürdige fand, in welchem eine
kleinere, anders farbige, zuweilen mit Quarzkrystallen überzogene Kugel
von der größeren concentrisch und fest umschlossen findet, zum Zeichen
daß diese kugliche Gestaltung nicht auf mechanischem Wege, durch
das Herumrollen im Wasser erzeugt sey, sondern aus ursprünglicheren
Bildungskräften hervorgieng. Neben und zwischen dem Jaspis zeigten sich
auch Achate, Kalzedone und Onyxsteine, so wie kleine Karneole. Meine
Freunde sammelten hier Vieles, wovon freilich später nur ein Theil mit
uns nach München kam.
Um zwölf Uhr des Mittags stund zur Seite des Weges ein merglicher
Kalkstein an; bald hernach lag vor uns und neben uns im Süden (zur
Rechten der Karawanenstraße) ein stark zerklüfteter, bräunlicher Berg,
welcher an Umriß wie in der Art seines Felsengesteines dem sogenannten
erloschenen Vulkan bei Kairo, dem Djebel Ascher glich. Die Felsart ist
an beiden jener feste, dichte Sandstein des jüngeren Flötzgebirges, der
den alten Aegyptern das beste Material zu ihren Mühlsteinen darbot.
Er hat öfters einen muschlichen Bruch und seine Festigkeit giebt ihm
die Eigenschaft fast so laut als der Porphyrschiefer zu klingen. Bis
zu den Ufern des rothen Meeres hin finden sich die zackig geformten
Felsen dieses Sandsteines der im Nilthale an vielen Stellen des Landes
vorkommt. Unser Beduinenscheikh nannte den Felsenberg, welcher uns so
sehr an den Djebel Ascher erinnerte, Graibur, auf der Karte zu Labordes
trefflichem Werke[63] ist er als Graibun bezeichnet. Unser Weg hatte
sich von heute Morgen an bis hieher immer allmälig abwärts gesenkt
und auch jetzt zog er sich noch ein wenig lehnab, durch eine sandige
nur mit Kalksteintrümmern bedeckte Ebene. Am Nachmittag ergötzte uns
der Anblick einer Luftspiegelung, die sich gegen Norden hin auf der
öden Fläche zeigte, und welche in täuschend ähnlicher Gestalt uns
kleine Seen oder das Ufer eines Stromes darstellte, reich umsäumt
von hochwüchsigen Bäumen und grünen Feldern. Es war vielleicht ein
Begrüßungszeichen, welches das schöne Nilthal uns Wanderern
nachsendete.
Wir lagerten, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang (20 Minuten
nach fünf Uhr) bei einem Sandhügel am Beginn eines mit mannichfachem
Gesträuche der Wüste bewachsenen Thales. Der Weg den wir zurückgelegt
hatten, mochte nach Abzug einiger Verzögerungen, die dem Taglauf
zustießen, dennoch mehr nicht als eine Strecke von neun Stunden
durchmessen haben. Die Gebirge, die wir von hier aus besonders nach
Osten und Nordost erblickten, zeigten eine eigenthümlich zackige
Gestaltung; einige wie Sandsteinfelsen. Von unsrer Lagerstätte nach
Ost in Süd soll sich zwischen den Gebirgen ein Thal bis zum rothen
Meere fortsetzen, das man von hier aus in einem Tage erreichen könne.
Das Thal an dessen Ende wir übernachteten nannten unsre Beduinen
Ghendely. Seine Höhe betrug nach +Dr.+ Erdls barometrischen
Beobachtungen und Prof. v. Steinheils Berechnungen 585 Pariser Fuß über
der Meeresfläche.
Auf den schönen, ersten Reisetag in der Wüste folgte die sorgenvollste
Nacht. Während unser Arabischer Knecht Feuer anschürte und die
Abendkost zubereitete, hatten unsre jungen Leute, mit den Flinten und
Botanisirbüchsen auf dem Rücken eine Wanderung in die Umgegend der
Lagerstätte gemacht, der eine gegen Nordwest die Andern gegen Nordost.
Sie kehrten alle bei Einbruch der Dämmerung zurück, nur +Dr.+ Roth
fehlte noch. Wir warteten einige Zeit mit dem Essen auf ihn, dann wurde
sein Antheil an die Kohlen gestellt; jeden Augenblick hofften wir ihn
bei uns zu sehen. Da aber nun die Dämmerung zur Nacht geworden war,
machten sich die jungen Reisegefährten auf ihn zu suchen; sie giengen
auf denselben Weg, den einige von ihnen kurz vorher in Gemeinschaft mit
dem Freunde gemacht hatten, zurück. Ein Berg des östlichen Höhenzuges
hatte heute noch am Tage unsre Aufmerksamkeit durch seine Farbe und
ausgezeichnete Form an sich gezogen. Er lag zwar anscheinend nahe an
der Richtung, welche morgen unsre Straße nach Suez nehmen sollte,
morgen aber, das ließ sich voraussehen, konnte man schwerlich so
viel Zeit gewinnen um ihn zu besteigen. Darum hatte +Dr.+ Roth
sich schon heute dorthin auf den Weg gemacht; seine Begleiter sahen
noch zuletzt wie er die Richtung dahin nahm. Der Berg war weiter
entfernt als man vermuthet hatte, die Abgesendeten kamen spät zurück;
ihn aber, den sie gesucht hatten, brachten sie nicht mit sich. Nun
begann erst die Sorge in ihrer rechten Stärke. Zu neuen Aussendungen
schien es selbst unsern Beduinen zu dunkel; die einzig tröstliche
Hoffnung blieb noch die, daß unser armer Freund nicht sehr entfernt
seyn könne und daß er, sey es nun von der Höhe oder aus der Ebene ein
Feuersignal wohl sehen, unsre abgefeuerten Flinten wohl hören müsse.
Ein hochaufflammendes Feuer, von dürrem Gesträuch wurde deshalb auf
dem benachbarten Sandhügel entzündet, die Flinten von Zeit zu Zeit
abgeschossen, dazwischen erhuben die Beduinen ihre lauten, rufenden
Stimmen. Wäre der Verirrte auch in ziemlichem Abstande von uns an
einen freiliegenden Punkt gekommen, er hätte das Feuer sehen und die
Flintenschüsse wie die Stimmen hören müssen, so aber verdeckten ihm die
Hügel und Thäler, zwischen denen er sich verloren hatte, die Aussicht
und hemmten den Schall.
Wer, hier im bewohnten Lande, das nach allen Richtungen von deutlichen
Wegen durchschnitten wird; von Wegen, deren jeder wenigstens nach
etlichen Stunden zu einem bewohnten Orte führt, kann sich wohl lebhaft
genug in unsre damalige Lage denken. Unser armer Freund würde selbst
am hellen Tage im Sande der Wüste nur mit Mühe den wenig besuchten Weg
der Karawanen erkannt haben, auf welchem jeder starke Windhauch die
Fußspuren der Kamele und der wenigen Fußgänger wieder verschüttet,
geschweige bei Nacht. Und hätte er auch einen solchen Weg der Kamele
gefunden, wie sollte er mit nüchternem Magen, ohne einen Tropfen Wasser
oder einen Bissen Brodes die weite Strecke bis zum nächsten bewohnten
Orte zurücklegen? Bis nach Suez waren noch anderthalb Tagreisen; zu
dem nächsten jener Klöster, welche in der Wildniß des Gebirges am
rothen Meere liegen, hatte er noch viel weiter. Und wenn auch hier in
der Einöde von Räubern und Mördern nichts zu fürchten war, so mußte
man um so mehr wegen der wilden Thiere, namentlich wegen der Hyänen
in Sorgen seyn, welche die Höhlen und Klüfte dieser Gebirge bewohnen.
Denn obgleich unser Freund eine Doppelflinte bei sich trug, deren
einer Lauf mit groben Posten geladen war, so mußte dennoch der geringe
Vorrath von Pulver und Blei, den er mit sich genommen, bald verbraucht
seyn, und wenn der Schlaf den Einsamen, Ermüdeten ergriff, dann war er
ohne Widerstand dem Anfall der Hyänen preisgegeben. Nicht zu gedenken
der Gefahr, welche schon der Weg über ein von Klüften und Abgründen
durchschnittenes Gebirge für sich allein dem nächtlichen Wandrer
drohet. -- So warf sich in unsren Seelen eine Woge der Sorgen nach der
andern auf; wir mußten still halten wie ein Schiffbrüchiger auf dem
Felsen den er bei dunkler Nacht erfaßte, obgleich die Wellen einmal
ums andre über seinem Haupte zusammenschlagen. In solcher innrer Noth
ist es wohl gut, wenn der Pilgrim jenen Stecken und Stab[64] kennt und
bei sich hat, der ihn zu trösten vermag: das Vertrauen auf den Hüter
Israels, welcher nicht schläft noch schlummert. Der Glaube an eine
Hülfe, welche da waltet, wo Menschenhülfe aufhöret, hatte uns in jener
dunklen Nacht als tröstlicher Stern geschienen und war auch fernerhin
unsers Fußes Leuchte.
Die arme, von Angst und Sorgen gebeugte Hausfrau ließ mich nicht
aus den Augen; sie fürchtete ich möchte mich auch verirren. Nach
Mitternacht wurde das Geschrei der Beduinen seltner; die ermüdeten
Leute schliefen, nur Mohamed unterhielt noch das Feuer und rief von
Zeit zu Zeit in die Wüste hinaus oder schoß eine Flinte ab; in den
Zwischenzeiten der Stille hörte man das kreischende Geschrei der Eulen,
welche um unser Zelt herumflogen. Bald nach Mitternacht war auch der
Mond untergegangen, der zum Trost für uns die ersten Stunden der Nacht
ein wenig beleuchtet hatte; endlich dämmerte der Morgen und zugleich
breitete der Schlaf seinen Alles verhüllenden Mantel über das äußre wie
über das innre Auge.
Fast mit der Sonne zugleich erhuben auch wir uns wieder vom Lager.
Wie stärkend und ermuthigend wirkt doch schon der bloße Anblick
des Lichtes auf das Gemüth ein. Wir konnten doch jetzt Alles ruhig
überlegen. Daß unser Freund ohne das Feuer zu sehen und das Schießen
zu hören an uns vorübergekommen und wieder rückwärts auf die Richtung
gegen Kairo hin gerathen seyn könne, das schien uns zwar fast
unmöglich, indeß wurde dennoch für gut gefunden, daß unser Dragoman
und ein landeskundiger Beduine die rückwärts und seitwärts von unsrem
Ruheplatz gelegnen Gegenden auf zwei Dromedaren, die an schnellen Lauf
gewöhnt sind, durchstreifen und durchforschen sollten; die Herren
Erdl, Franz, Kielmeyer und Keller, in Begleitung mehrerer Beduinen
übernahmen dagegen die Untersuchung der in Nordost und Nordwest,
seitwärts vom Wege nach Suez gelegenen Nebenthäler und Hügel, denn in
dieser Richtung hatte sich +Dr.+ Roth aus unsern Augen verloren.
Zuletzt brachen auch wir, etwas vor neun Uhr mit unsrem alten Scheikh
Hassan und einigen Knechten auf, in der Hoffnung, in welcher uns die
vermeintlichen Spuren eines mit Europäischen Schuhen bekleideten
Fußes im Sande bestärkten, daß wir den sehnlich Vermißten auf der
Karawanenstraße nach Suez, vielleicht hinter einem der nächsten Hügel
die Sorgen der Nacht verschlafend, oder auf uns wartend finden würden.
Nach einiger Zeit kamen jene Reisegefährten, welche zu Fuße die Gegend
durchstreift hatten, zur Karawane zurück, sie glaubten öfter, besonders
gegen Nordosten hin Fußtritte von Europäischen Schuhen bemerkt zu
haben, diese waren aber auf dem festeren Kies verschwunden; die
Beduinen hatten mit ihren Falkenaugen von jeder Anhöhe aus die Gegend
durchspäht, ihn aber den man suchte, hatte Keiner gesehen. Doch blieb
noch die zweifache Hoffnung: daß er nach Suez voraus sey oder daß ihn
der Dragoman mit sich bringen würde, welcher den ganzen Tag zu seinen
Nachforschungen anzuwenden bereit war.
Für mich war dies nach außen ein Tag des Schweigens, während das
Gespräch im Innersten der Seele so laut, so anhaltend, so innig war,
wie nur an wenig andern Tagen meines Lebens. Einige Male athmeten sich
die innren Bewegungen in ein Lied von passendem Inhalte aus und ich
habe auch damals empfunden, welche stärkende Kraft in Gesängen dieser
Art, für Seele und Leib liege.
Uns, die wir heute wohl Alle mehr an einen Andern als an uns selber
dachten, erschien es mit Recht als ein großes Glück, daß der Tag so
ungewöhnlich frisch und kühl war. Am Morgen vor Sonnenaufgang war der
Thermometerstand nicht einmal volle zwei Grad R. über dem Gefrierpunkt
gewesen; selbst in den Mittags- und Nachmittagsstunden wehete der
Ostwind so kühl, daß ich meinen Mantel erleiden konnte.
Wir sahen in den ersten Stunden dieser Tagreise neben uns in Ostnordost
ein höheres Gebirge von augenfällig dunkler Farbe; hinter ihm einige
zuckerhutförmige, schroffe Höhen. Gegen und nach Mittag kamen wir jenem
Gebirge parallel. Auch gegen Nord und Nordwest zeigten sich Anhöhen.
Die breite Ebene steigt gegen Nordost ein wenig an. Man findet in
ihr fast gar kein Grün, außer einigen Mimosenbäumen. Der Boden ist
noch immer ziemlich fest, weil der feinere Sand mit gröberen Geröllen
untermischt ist, die meist vom Geschlecht der Kalksteine sind. Gegen
zwei Uhr des Nachmittags näherten wir uns der Stelle, wo die hier
vereinten Straßen von Kairo nach Suez, sowohl die der Pilgrime als die
etwas südlichere, welche Derb el Ankabye heißt, unsern von Bessatin
kommenden Weg durchkreuzen; hier begegneten wir einer Gesellschaft
von Engländern, die, auf Dromedaren reitend, von Suez kam. Einige von
unsern Reisegefährten liefen zu jenen hin um zu fragen, ob ihnen unser
verirrter Reisegefährte begegnet sey; sie hatten nichts von ihm gesehen
noch gehört und wir konnten ihnen nur Aufträge geben für den Fall, daß
sie weiterhin mit ihm zusammenträfen. Etwas vor drei Uhr kamen wir auf
eine Anhöhe, von welcher aus wir das rothe Meer zu sehen wähnten, was
uns jedoch später wieder ungewiß wurde, dann zog sich der Weg allmälig
wieder abwärts. Ein scheinbarer Unfall hemmte, eine Stunde später
den Fortgang unsrer Tagreise; ein altes Kamel, das übrigens nicht zu
unsren Pack- oder Reitkamelen gehörte, sondern einen Beduinen trug,
der sich von Bessatin aus unsrer Gesellschaft angeschlossen hatte, war
niedergestürzt und konnte sich vor Mattigkeit nicht wieder erheben;
wahrscheinlich weil seinem vorgerückten Alter die lange Entbehrung des
Wassers zu schwer fiel. Unser Scheikh Hassan war abgestiegen, hatte
sich hülfreich zu dem andern Beduinen gesellt; die ganze Bewegung der
Karawane stockte. Endlich kam der Scheikh wieder, der Beduine blieb
allein bei seinem noch immer am Boden liegenden Kamele sitzen; wir
zogen weiter und wendeten uns zuletzt rechts von der Straße abwärts
nach einem grünen, streifenartigen Flecken hin, der wie ein Saum
das wüste Land umfasset. Hier machten wir für diese Nacht Halt, in
einer Höhe über dem Meeresspiegel welche der gestern gemessenen und
berechneten fast gleich war, indem sie 594 Pariser Fuß betrug. In
Nordwesten hatten wir den niedreren Höhenzug des Oweibe-, in Südost das
Attakagebirge neben uns.
Die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, ich wollte die letzte
Stunde des Tages dazu benutzen um in Gesellschaft der Herrn Kielmeyer
und Bernatz eine der vermeintlich ganz nahen Anhöhen, ostwärts von
unsrem Nachtlager zu besteigen, von wo aus wir mit Sicherheit hofften
das rothe Meer zu sehen; aber das hügliche Land, welches zwischen uns
und dem Gipfel der Anhöhe lag, war von so vielen tiefen Schluchten
durchschnitten, daß wir nicht weit vorwärts kamen. Wir fanden, am
Boden zerstreut, Geschiebe von Grünstein und andren Urgebirgsarten,
das eine der aufgehobenen Geschiebe glich dem Variolit. Unten in den
Schluchten stunden schöne Jerichorosen. Ich war auf dem Rückwege,
während meine beiden Begleiter langsam vorausgiengen, in eine dieser
Schluchten hinabgestiegen und hatte mich weiter darinnen verloren als
mein Wille war; die Sonne war indeß untergegangen, das tiefe Thal umher
so todtenstumm und schweigend, daß ich selber eine Anwandlung von der
Furcht und dem Schrecken der Wüste empfand. Wie mochte es erst meinem
verirrten Freunde zu Muthe seyn! -- In der Ebene erwarteten mich die
beiden jungen Freunde und ich sahe erst jetzt wie nöthig mir ihre
Begleitung gewesen war, denn mein Auge konnte nirgends die beiden Zelte
finden, ich würde sie in einer ganz andern, falschen Richtung gesucht
haben, wenn Bernatz mich nicht zurecht gewiesen hätte.
Bei den Zelten bemerkten wir eine Bewegung der Beduinen um zwei eben
ankommende Kamele. Wir liefen freudig hin, denn mit Recht vermutheten
wir, daß der Dragoman und der ihn begleitende Beduine, hoffentlich
ja mit +Dr.+ Roth zurückgekehrt seyen. Allerdings waren es jene
beiden, unser Freund aber nicht bei ihnen; ihr Nachforschen war
vergeblich gewesen.
Es galt jetzt abermals ein Festhalten an dem »Stecken und Stabe« des
Pilgrims. Ein einziger, lieber Sohn konnte mich nicht näher angehen
als dieser Verlorene; wen konnte meine Seele nach ihm fragen, als
Den, der auf allen ihren Wegen den Verirrten begegnet und von ihnen
Allen weiß. Ein andrer, ganz besonders kräftiger und muntrer Beduine
wurde beauftragt ein Dromedar zuzurüsten; noch bei Nacht sollte er
zurückkehren zu der von uns verlassenen Gegend und alle Kamelhirten
und nomadisirende Beduinen aufbieten, mit ihm das Land zu durchsuchen.
Brieflein wurden zugleich geschrieben, an den ersehnten Freund, damit
man da und dorthin sie streuen möge auf den Boden. Die gute Hausfrau
verweinte ihre Sorgen; mich hatten nach einigen Stunden zwar nicht der
erquickende Schlaf, wohl aber Phantasieen des Traumes beschlichen, da
hörten wir, kurz vor Mitternacht, ein Freudengeschrei der Beduinen; der
Verlorne war gefunden; der Beduine, welcher kaum vor einer Stunde nach
ihm ausgeritten war, brachte ihn mit sich, auf seinem Dromedar.
Das, was uns am vorhergehenden Nachmittag als Unfall erschienen war:
das Niederstürzen des Kameles am Wege, das war unser Aller Glück
gewesen; der Besitzer des Thieres, der bei diesem sich gelagert hatte,
erkannte sogleich den Vorbeigehenden, sprang auf und umarmte ihn mit
lautem Jubel und führte ihn gegen die Lagerstätte hin, die, weil sie
ziemlich fern zur Seite ablag, der zur Ohnmacht Ermüdete schwerlich
würde gefunden haben; da sie ein Stück Weges gegangen waren, kam der
Andre mit dem Dromedar, dieser stieg sogleich ab und ließ +Dr.+
Roth aufsitzen.