Ein Schauspiel, das ich in einer der letzten Wochen unsers Hierseins

gesehen, hat meine Sehnsucht nach dem Beginn der Weiterreise noch sehr

gesteigert; dies war der Auszug der Pilgrime nach Mekka. Bekommt

man doch im Herbste, wenn die Distelfinken und Hänflinge mit lauten

Freudentönen über das Land hinziehen und ein frischer Wind aus Norden

den Flug begünstigt, ein Verlangen, auch mitzuziehen über Land und

Meer; wie sollte nicht eine Schaar von Menschen, die, nach ihrem Maaße

von Begeisterung trunken, den Lauf nach einem ihr heiligen Ziele

antritt, auch in unser Einem den Wandertrieb des Pilgrims entzünden und

aufs Höchste steigern! Ich habe Dir schon so Manches von dem äußren und

innren Leben der Kinder Ismaëls erzählt, so will ich Dir auch noch den

feierlichsten, bedeutungsvollsten Akt in dem Leben der Bekenner des

Islams, den Hadschizug, beschreiben.

Ismaëls Geschlecht kann es eben bis auf unsre Tage noch nicht vergeben

und vergessen, daß der Sohn der Verheißung, welchen die eigentliche

Herrin des Haußes gebar, der die Verheißung galt, der Erbe geworden

ist, da ja der Magd Sohn der zuerst geborne, ältere war. Alles das,

was die Bücher Mosis, welche sie auch kennen und sehr in Ehren halten,

der Wahrheit gemäß von Isaak berichten, das erzählen die Mohamedaner

von Ismaël; er war es den Abraham auf Gottes Geheiß opfern wollte,

als der Engel des Herrn die That verhinderte und statt des Sohnes der

Widder dem Schlachtmesser dargereicht wurde. Auf Ismaël und seinen

Samen tragen sie alle jene Segnungen über, deren Kräfte und Früchte

weit über die Zeit des sichtbaren Lebens hinausgehen in die Ewigkeit.

Nun, die Ehrfurcht und Liebe zu ihrem Vater Abraham, so wie die hohe

Beachtung und Werthschätzung des Segens der auf diesen gelegt war,

ist ein ganz schöner Zug an den Kindern Ismaëls; er gehört mit zu

jener treuen Erfüllung des vierten Gebotes, wegen der ich schon bei

andrer Gelegenheit die hiesigen Mohamedaner gerühmt habe, aber dennoch

hat jener rühmliche Zug zugleich einen Beigeschmack nach der Natur

des Raben, zu dessen Verwandtschaft der Araber auf vielfache Weise

sich bekennt. Wie der Rabe die Gold- und Silberstücke, die er auf

dem Felde oder an dem offnen Fenster eines Haußes findet, weil der

Glanz ihn anlockt, mit sich in sein Nest trägt, dem sie weder zum Bau

noch den Jungen zur Nahrung dienen können, so hat auch der Islam die

Kleinodien, welche die Offenbarung den Völkern gab, herüber geführt in

seinen Aufbau, ohne sich die eigentlichen Kräfte derselben zu nutze zu

machen; weil er's nicht versteht das Gold in Brod zu verwandeln. In der

Geschichte und Verehrung ihres Propheten wiederholen sich die Bekenner

des Islams Alles das, was in der Geschichte und dem Gottesdienste

Dessen enthalten ist, welcher mehr und höher war als ein Prophet.

Wenn ich irgendwo Gelegenheit gehabt habe, gegen die auffallenden

Aeußerungen einer innern Entzückung mistrauisch zu werden, die sich

in so manchen uns näher liegenden Fällen in ein frommes Lichtgewand

kleidet, so war es hier unter den Moslemen. Welches Menschenauge, das

nicht auf die Quelle und auf die Früchte merken lernte, könnte am

Weihnachtsfest der Mohamedaner, am Geburtsfest des Propheten (Mulid en

Nebi) das in dem Monat Rabia el Owwal gefeiert wird, die Entzückungen,

in welche da viele verfallen die dem Gesange der Loblieder zuhören,

von solchen Zuständen unterscheiden, die von höherer, beßrer Abkunft

erscheinen. Die Scene der Festfeier ist dann hier in der Nähe unsrer

Wohnung, auf dem Esbekiehplatze, und meine hiesigen Freunde, die sie

oft sahen, haben sie mir beschrieben. Der ganze Platz ist zu dieser

Zeit von Zelten bedeckt, bei Nacht von Tausenden der guirlandenartig

zusammengehängten Lampen hell beleuchtet. Denn während die Tage mehr

zu Volksbelustigungen bestimmt scheinen, beginnen in der stillen

Nacht die Prozessionen der Derwische, und jene Chöre der Sänger

lassen sich hören, welche Lieder singen deren Inhalt und Form es

nicht verkennen lassen, daß sie den Tempelgesängen der Israëliten,

namentlich aus der Davidischen und Salomonischen Zeit nachgebildet

sind. Jene ekstatischen Entzückungen, von welchen bei solchen

Gelegenheiten Mehrere der Anwesenden ergriffen werden, heißen Melbus;

sie äußern sich durch begeisterte Ausrufungen und Erscheinungen,

welche denen des magnetischen Hellsehens ähnlich sind; neben diesen

meist unwillkürlichen Zufällen sieht man jedoch auch häufig Thaten

und Werke der fanatischen Verrückung und willkürlichen Gaukelei,

namentlich an den Derwischen, welche Glasstücke und glimmende Kohlen

verschlingen, spitzige Körper sich ins Fleisch stoßen, die Glieder

verdrehen und allerhand andre Kunststücke machen, zu denen namentlich

das Hinüberreiten des Scheikhs der Sadiyeh-Derwische über ganze Reihen

seiner auf ihrem Angesicht zu Boden gestreckt liegenden Jünger gehört.

Wer jedoch alles Das, was eine fanatische Begeisterung des sinnlichen

Menschen vermag, in rechter Masse beisammen finden will, der muß, so

wie wir, den Auszug der Hadschis nach Mekka sehen.

Eine Pilgerfahrt nach Mekka, durch den Weg der Wüsten oder auch des

stürmischen, klippenreichen rothen Meeres, ist nichts Leichtes; vor

Allem dann, wenn sie (wie dieß bei der Zeiteinteilung nach Mondenjahren

öfters geschieht) in die heißesten Monate des Jahres trifft. Jeder

Hadschi hat deshalb sein Sterbehemd bei sich, in welches er, wenn ihn

auf den unerbittlich streng und fest abgemessenen Tagmärschen die

Mattigkeit des Todes überfällt, sich einhüllt, dann, bis ans Haupt,

das nach dem Tode der Wind bald mit Staub der Wüste bedecken wird, in

Sand sich eingräbt und so, nach Mekka blickend, den letzten Augenblick

erwartet. Alte oder schwächliche Hadschis finden auf solche Weise

häufig schon ihr Grab auf dem Wege nach Mekka, vor allem jene ärmeren,

die zu Fuße und nur selten zur Nothdurft gesättigt der großen Karawane

sich anschließen; mehrere aber noch als die Reise rafft der, obgleich

kurze, Aufenthalt in Mekka hin, wo sich bei den meist sehr schlechten

Lebensmitteln, welche selbst die Reicheren empfangen, und dem bittern

Mangel den die Aermeren erdulten, unter der eng zusammengedrängten

Schaar so häufige Krankheiten und tödtliche Seuchen erzeugen, daß der

Sand von Mekka und Medina alljährlich zehnfach und zwanzigfach so viele

Menschen begräbt, als auf ihm als einheimische Bewohner leben. Man darf

es deshalb den vermögenderen und dazu neu-, das heißt nichtgläubigen

Bekennern des Islams nicht verdenken, wenn sie sich der Verpflichtung,

die Jeder von ihnen hat, einmal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern,

dadurch entheben, daß sie einen Aermeren, der reiselustiger ist als

sie, zur Pilgerfahrt ausstatten, was denn eben so viel gilt als wären

sie selber mitgezogen. Bringt ihnen doch dann, wenn sie in Kairo

wohnen, schon im Monat Sufar (dem zweiten des Mondenjahres) der

zurückkehrende Stellvertreter, das, obgleich auf der Fahrt stinkend

gewordene, dennoch heilige Wasser des Brunnen Zemzem und Kisweh:

Stücklein von der Decke die auf dem Prophetengrabe lag, auch Weihrauch

und Sebchahs (Rosenkränze) mit, die für sie, durch die in Medina

empfangene Weihe, dieselbe Kraft haben, als wenn sie selber sie geholt

hätten.

So aus der Ferne läßt sich übrigens das bedeutungsvolle,

zuversichtliche Ahnden der Menschenseele, von einem Morgenlichte der

Ewigkeit, das noch in die Zeit des irdischen Lebens hereinleuchtet,

nicht bei allen Gläubigen des Islams abspeisen. Tausende von ihnen

achten der wahrscheinlichen Gefahr des Lebens nicht; es ist dennoch ein

tiefer in ihrem Wesen liegender, wenn auch irre gehender Trieb, der

sie zu ihrem Auslaufe begeistert, als jener, der die Zephyrathmer, von

denen ich Dir früher[49] erzählte, hinausführt in die Wüste.

Wenn sich die Tausende der Hadschis, die sich, von den vielen

verschieden Richtungen des Ostens, Westens und Nordens her begegnen,

noch bis auf etwa eine Tagereise der heiligen Stätte von Medina nähern,

da erblicken sie, das bezeugen die, welche es gesehen haben wollen, bei

Nacht nach dieser Richtung hin ein dämmerndes Licht; das Licht wird zur

Feuersäule (der in einer nach oben offnen, wahrscheinlich von Tausenden

der Lampen erhellten Moschee) wenn sie bei Medina anlangen; man sieht

die »bis zum Paradies« aufflammende Leuchte nur dann, wenn man in

einiger Entfernung steht, ganz in der Nähe entzieht sie sich dem Auge.

Dieses, und ähnliche Wunder, die sich der dürstende Wandrer in der

Wüste als Bilder einer geistigen Fata morgana erdichtet und erschaffet,

erzählt der von der Wallfahrt zurückgekehrte Hadschi Allen, die »dem

Ziele der Laufbahn der Gläubigen« noch entgegengehen. -- Ein Licht,

das aus dem Dunkel der Nacht empordämmert und den Eingang zum ewigen

Osten erhellet, ist allerdings zu finden, nicht aber auf dem leiblich

weiten und mühevollen Wege der Sandwüste oder des Meeres, sondern tief

in dem mit geistiger Kraft zu eröffnenden Erzgange des Sehnens nach

oben, der jede Menschenseele, als Lebensader durchsetzt.

Jene feierliche, anjetzt jedoch meist nur militärische Prozession, bei

welcher die in der Citadelle gewebten Stücke der Kisweh oder heiligen

Decke, die zur Kaaba gesendet werden soll, herabgeführt werden zur

Hhosseynsmoschee, damit man sie hier weihe und zusammensticke, hatte

ich nicht gesehen. Etliche Tage nachher aber (am 30sten Januar),

als die eigentliche Prozession des Machmils und der Auszug der

Pilgrime statt fand, hatten uns unsre Freunde, zunächst der liebe

H. v. Champion einige Zimmer in dem Hauße eines Kaufmanns, dessen

Fenster sich nach der Hauptstraße öffnen, bestellt, von wo aus wir

alle Feierlichkeiten des Tages in Muße beschauen konnten. Das Machmil

(Mahhmil) ein Zeltkasten, mit der kostbaren Decke belegt, die nach

Mekka geht, und alljährlich mit einer andern vertauscht von dort,

durch die lange Berührung des Heiligthumes geweiht, zurückgekehrt, ist

ein stellvertretendes Zeichen der Andacht der Aegyptischen Herrscher,

welches dem Zug der Pilgrime sich anschließt, ohne daß der Pascha oder

Vizekönig in Person mitzugehen braucht. Diese Erfindung des Mitgehens

und doch zu Hausebleibens kommt von einer schönen Favoritsultanin

der beiden letzten Fürsten aus der Dynastie der Ejubiten her, und

ist seitdem, da sie die Imams von Mekka als vollgültig erkannten,

beibehalten worden. Die schöne Fürstin zwar, unter dem prachtvollen

Hodag oder Zelte sitzend, war zuerst selber mitgegangen, schon im

nächsten Jahre kam aber das Zelt ohne sie am Ziele der Wallfahrt

an, brachte jedoch, als Zeichen ihrer Gunst, königliche Geschenke

unter seiner Decke, welche anjetzt, unter andern, aus zwei schönen

Abschriften des Korans bestehen, die der Machmil enthält. Schon auf

dem Wege nach unsrem Standorte fanden wir alle Straßen gedrängt voll

Zuschauer. Die Läden waren geschlossen; die Gitterfenster der oberen

Stockwerke nach oben geöffnet und dicht von verschleierten Köpfen der

Frauen besetzt. Den Zug eröffnete auf alberne Weise eine Kanone, die

statt der Glocke zu den Feldsignalen bestimmt ist, hinter ihr einige

Compagnieen des schlechteren, gesindelhaften Aegyptischen Militärs,

welches viel eher Banditen als Soldaten glich. Jetzt dauerte es fast

20 Minuten, da kamen geputzte und ungeputzte Männer auf Kamelen;

Heerpauken und Pfeifen dabei, womit die Reuter großen Lärmen machten,

in welchen hin und wieder einzelne Zugharits (Jubeltriller) der hinter

den Fenstern stehenden Frauen einstimmten. Gleich darauf folgte ein

Zug von leeren, zum Theil roth und gelb (mit Hhenna) angestrichenen

Kamelen, mit prächtigem Zeug und Sätteln, deren abwesende Reuter

wenigstenst vor der Hand im Geiste den Zug durch die Stadt mitmachen

wollten. Mehrere der Kamele sind mit Palmenzweigen geputzt, tragen

Glöcklein und Fahnen an sich, andre müssen Wasserschläuche führen und

einigen der stärksten hat man die Kisten mit dem Königlichen Schatze

aufgeladen, aus welchem die Kosten bestritten werden, die der Regierung

bei dem Geleite der Hadschis durch die Wüste, zur Last fallen. Jetzt

kommt auch, ebenfalls auf schönen Kamelen, die Bagage des Emirs, der

die Leitung und Besorgung der Thiere und Menschen der Karawane auf sich

genommen hat: des Emir el Hadsch, hinter ihr unter schwarzsammtener

Hülle die neue Kaabadecke oder der Kisweh. Darauf eine neue Pause,

während welcher sich das Volk der Gassen mit Kamelwürsten und Scherbet

zu laben vermag. Jetzt aber zieht die Schaar der fanatisch entrückten

Derwische vorbei, reitend auf schlechten Kamelen und gehend, mit

wilden Verdrehungen der Glieder; einige haben sich Eisenstücke und

Messer durch die Arme oder Wangen gestochen, andre sind von Schlangen

umwunden. Unter den fanatisch taumelnden und gauklenden Menschen

zeichneten sich einige Knaben aus, die auf dem Kamele stehend den

Kopf wie im Kreise herumwirbelten; dem Trosse schloß sich eine Schaar

der Kameltreiber, Wasserträger, Gassenkehrer und andres armes Volk

an, man höret Einen und den Andern die Worte Allah und Arafaat[50]

brüllen und dem dumpfen Gebrüll antworten die hohen Jubeltriller der

Frauen. -- Hierauf folgen abermals geputzte Kamele, unter ihnen jene

beiden, ganz vorzüglich geschmückten, welche die Sänfte des Emirs

der Hadschis mit roth seidenem Baldachin tragen, dann mehrere Araber

auf Rossen, bei ihnen der Wegweiser der Karawane, hinter ihnen noch

Kamele und Derwische, zuletzt ein Zug von Hofdienern, Officieren und

Leibgardisten des Vizekönigs. Das Gedränge des Volkes besonders der

ärmeren Frauen auf den Gassen wird jetzt immer größer, die Spannung

des Erwartens, welche man an Allen bemerkt, gilt nicht den halbnackten

Klopffechtern, den Derwischen und Hadschis die hinter den Schaaren der

Gardisten drein ziehen, sondern jenem Hauptakte der Prozession, der

nun folgen soll. Und schon hört man, nach einer kurzen Pause einen

Lärmen der Trommeln und Pfeifen und ein Jubeljauchzen der Frauen, das

noch oben in den Wolken hörbar seyn müßte; einige Regimenter der Nizam

oder regulären Truppen, zu Fuß und zu Pferde ziehen auf mit klingendem

Spiele, dann der Polizeidirector und die Diener des Hadschi-Emirs und

endlich einmal, nachdem er sich so oft durch Kamele, Baldachin, Bagage

und Diener angekündigt, er selber, der Emir auf kostbar geschmücktem,

edlem arabischen Rosse, begleitet von 3 hohen Geistlichen, hinter ihm

stattliche Mughrebi's zu Pferde, dann 3 Männer in weißem, wollenen,

goldgestickten Gewande, welchen es obliegt auf dem Arafaatberge gewisse

Formeln des Gebetes zu sprechen; abermals dann ein Troß der Kamele und

Kameltreiber, in ihrer Mitte vier Imams, als Repräsentanten der vier

orthodoxen Sekten; Derwische mit großen Fahnen und wunderlich lautende

Musik, die Zünfte der verschiednen Handwerker und Künstler mit ihren

Abzeichen. Und jetzt erklingen die Zugharits oder Jubeltriller der

Frauen und das Zujauchzen der Männer aus solcher Nähe und so laut, daß

man sein eignes Wort nicht mehr hört, denn der Hauptgegenstand der

ungestümen und unbändigen Verehrung, das Machmil mit den Abschriften

des Korans unter dem prunkenden Königszelte naht sich. Kaum läßt sich

dieses sehen, da drängt sich Jedes, besonders die Frauen, herzu, um den

heiligen Zeltkasten, wo nicht mit der Hand doch mit einem Ende des

Schleiers oder eines Tuches zu berühren; die Zuschauerinnen, welche

verschleiert hinter den jetzt weiter geöffneten Fenstern stehen, lassen

aus den oberen Etagen zusammengebundene Schawls herunter, damit der

unterste Zipfel des Gebindes am Kasten streife und die Stelle, die so

glücklich schien zur Berührung zu gelangen, wird geküßt. Auch hinter

dem Machmil giebts noch sonderbare Sachen zu sehen; es ist als sey

jetzt der Hahn, durch welchen bisher der Wein lief, aus dem Fasse

herausgezogen und als ob dem nun offenen Spundloche unaufhaltsam die

letzte Hefe des fanatischen Tollrausches entströmte. Denn obgleich

der Rotte der Derwische, die hinter dem »Heiligthum« drein zieht, das

Fressen der lebendigen, giftigen Schlangen und mancher andre Exceß,

den sie sonst begiengen, untersagt ist, geberden sie sich doch noch

wild genug, und obgleich die alte Um el Chutat oder Mutter der Katzen,

welche sonst mit einer ganzen Familie von Kätzlein, Kiezen und Katern

auf ihrem Kamele hinter dem Machmil ritt, gestorben ist, so lebt doch

der alte Scheikh el Gemel noch, der den Zug nach Mekka, ich weiß nicht

zum wie vielesten Mal mit macht; halbnackt auf einem alten, magern

Kamel reitend und dabei ohne Aufhören den Kopf im Kreise wirbelnd, eine

Bewegung die er auf dem ganzen Zuge, hin und zurück beibehalten soll.

Lassen wir nun die Hadschi's unter ihrem Heerpaukenklange und

Arafaat-Brüllen dahin ziehen, wir wissen doch, daß sie heute nicht

weiter kommen als auf die etwa eine Stunde abgelegne Ebene von Hhasweh,

dann an den Birket el Hadsch, wo sie mehrere Tage warten, bis Alle

sich versammlet haben, und wer Lust dazu hätte, der könnte sie auch

weiterhin noch einholen, denn sie brauchen zu ihrer ganzen Reise

bis Mekka volle 37 Tage, weil das ärmere Volk zu Fuße zieht und die

Tagreisen deshalb (von 2 Stunden vor Tagesanbruch bis 1 oder 1½

Stunden nach Sonnenaufgang) sehr klein sind. Mögen sie glücklich

reisen; unsren Augen und Ohren und allen Sinnen ist es so zu Muthe,

als wenn wir bei dem Getöse der Hämmer und Blasebälge lange in das

glühend rothe Feuer eines Eisenhammers gesehen hätten und nun mit

geblendeten Augen und betäubten Ohren wieder hinausträten ins Freie.

Dennoch blieb neben dem Gefühl der Betäubung auch ein andres zurück;

jenes der tiefesten Wehmuth. Diese regte nicht zunächst der Anblick

mehrerer jener jüngeren Büßenden auf, in deren Mienen ein Ausdruck der

tiefesten Trauer lag, sondern der Gedanke, daß dieses arme Volk in der

geistigen Wüste, in welcher ihre Seele herumschwärmt, vor Durst und

Hunger verschmachtet, während der Quell des lebenskräftigen Wassers

und die Bäume, deren Blätter schon zur Gesundheit der Heiden dienen,

so nahe an ihrem Wege stehen. Doch Gedult; der innre Weg des Glaubens

gieng bei diesem Volke bisher zwischen hohen Mauern hin, welche die

Aussicht nach den fruchtbaren Gärten mit ihren Quellen verdeckten; die

Mauern aber sind morsch geworden; ein Stein nach dem andren stürzt

von ihnen herunter, noch wenig Menschenalter vielleicht und Jeder

der Wandrer wird ungehemmt einzugehen vermögen, zu der Fülle die den

Hunger sättiget und den unabweisbaren Durst stillet. Denn wie tief das

Verlangen nach einer freien Aussicht über das Gebiet des Wirklichen und

Wahren, weiter und erhabener als die von der Höhe des Arafaat in den

Menschenseelen liege, das beweist uns auch dieses vergebliche Abmühen

und Ringen, welches hier, im Zuge der Hadschi's, sich kund giebt. Wie

der Pfeil den ein Jäger der Wüste von der Sehne hinausschnellt in den

Sand, eilen diese Schaaren, allen Gefahren trotzend, hinaus nach ihrem

wunderbaren Medinalichte; auch in unsrer Brust ist der Bogen schon

längst gespannt, nur noch ein leiser Druck und der Pfeil wird fliegen,

gerichtet freilich nach einem festeren Ziele als der leichte Sand,

nach dem Morgenrothe eines andren Glanzes als der ist, der über Medina

schwebt.

Aber es ist Zeit, daß ich meinen Brief beende, wir haben noch so

Manches mit der Versendung unsrer Sachen über Alexandria zur Heimath,

wie mit den letzten Anstalten zur Weiterreise zu thun und dabei

Abschiedsbesuche zu machen. -- Wie gerne möchte ich Dich zu manchem

dieser Abschiedsbesuche mit mir nehmen. Vor allem hinaus zu meinem

theuren Gevatter Gobat und seiner lieben Frau, die eine Tochter

meines geliebten Zeller in Beuggen ist. Dieses auserwählte Paar, das

vor einigen Jahren unsre (auch Deine) Segenswünsche nach Abyssinien

begleiteten, hat sich dort treu erwiesen bis zum Tode, denn er, mein

lieber Gobat lag da fast ohne Unterbrechung als ein Sterbender und

doch Lebender, auf einem unbeschreiblich schmerzlichen Krankenlager

und nächst Gott war seine zarte junge Gehülfin und Lebensgefährtin,

mitten im fremden Lande, seine einzige Hülfe und Pflegerin. Und da

nun keine Aussicht zur Wiedergenesung für den theuren Mann übrig war,

wenn er länger in dem seiner Natur unverträglichen Klima bliebe; da

die dortigen wie die europäischen Freunde auf eine Weise, welcher er

nicht länger widerstehen durfte, in ihn drangen ins Vaterland, dessen

Luft und Boden ihm schon einmal die Gesundheit wiedergegeben hatten,

zurückzukehren, machte er sich endlich zur Heimreise auf. Betrachte

einmal die Landcharte und siehe wie weit der Weg war, den der kranke

Mann zu machen hatte; Du wirst finden, daß ich hier, oder wenigstens

in Alexandria erst halb so weit von der Heimath entfernt war als er in

seinem Abyssinien; er hatte durch das zum Theil wüste, heiße Land eben

so weit hieher zu reisen als ich von München. Unterwegens wurde das

einzige Kind, das ihnen Gott in der Fremde, als ein Kind der Sorgen

und der Schmerzen geschenkt hatte, todtkrank; ein liebes Knäblein.

Der Kleine konnte die schaukelnde Bewegung des Kamelreitens nicht

vertragen; die Mutter so schwer ihr das in ihren Umständen wurde,

gieng zu Fuße neben dem Kamele, durch die brennend heiße Wüste, trug

das kranke, dann das sterbende Kind auf ihren Armen, bis es da zur

Leiche wurde. So kamen sie hier an, wo ihnen, etliche Tage vor unsrer

Hieherkunft Gott ihr zweites Kind schenkte, bei welchem ich die Freude

hatte Taufpathe zu seyn. Du wirst Dich eines solchen Heldenmuthes in

so zartem Gefäß wie diese Frau ist wundern. Doch solltest Du auch ihn,

Gobat kennen. Ich habe wenig Menschen auf meinem Lebensweg gefunden,

mit denen es einem so leicht werden könnte durch die ganze Welt, in

Freud und Leid zu gehen. Es ist nicht seine hohe, kräftige, männlich

schöne Gestalt, die einem so guten Muth zu mitpilgern giebt, sondern

sein ganzes Wesen, welches das Siegel der Treue und des Glaubens

trägt, und dessen Wahlspruch ist: sey getrost und unverzagt. Wenn

irgend einer gemacht ist dem Morgenländer, dessen Sprachen er geläufig

spricht, Achtung, Liebe und Vertrauen einzuflößen, so ist es Gobat.

Doch die Liebe, sehe ich, macht beredter als mir es für heute meine

Zeit erlaubt, nur das Eine erwähne ich noch, daß jene Lügen, die man

zuweilen sogar öffentlich über das Wohlleben solcher Männer in fremden

Ländern ausstreut, rechte Erfindungen der Bosheit sind; ich weiß es

genau wie viel Gobats während ihres ganzen Aufenthaltes in Abyssinien

und auf der Hin- und Herreise an Besoldung erhalten und verbraucht

haben, und kann Dir in Wahrheit sagen, daß in derselben Zeit jeder

deutsche Schullehrer in Deiner Stadt eben so viel und noch mehr zu

verwenden hätte. Denn das Leben in Abyssinien ist sehr wohlfeil; die

Reisen, wie ein armer Mann sie macht, sind es auch, und Gobat nahm nie

mehr als er brauchte.

Von meinem theuren Freunde Champion, dem K. K. Oesterreichischen Consul

habe ich Dir schon öfter in meinen Briefen erzählt. Hat er sich doch

hier selbst unter den Mohamedanern, von dem Vicekönige an bis herunter

zu den Geringsten, durch seine Redlichkeit und Geschäftsklugheit

allgemeine Liebe und Achtung erworben; wie könnte ihm mein, ja gern

zur Dankbarkeit geneigtes Herz die Liebe und Verehrung versagen, die

er an mir auf tausendfältige Weise verdient hat. Der liebe Mann hat

viel Hauskreuz; seine treue, gute Gemahlin liegt krank und mein Freund

+Dr.+ ~Pruner~ giebt die Hoffnung zu ihrer Wiedergenesung

auf[51].

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 15 / 42 段