Die Macht des großen Eindruckes auf die Seele giebt auch dem Leibe

solche Kraft, daß ihm das Hinansteigen auf den Gipfel der großen

Pyramide nicht mehr sehr schwer fällt. Ohnehin ist dasselbe dadurch

in etwas erleichtert, daß man zuerst auf breitem Wege an dem Hügel

des Schuttes und Aufwurfes, der hier später angebracht worden,

hinansteigt bis zu dem Eingang ins Innre der Pyramide, welcher schon

in ziemlich bedeutender Höhe liegt. Nun aber fängt die Arbeit des

mühsameren Hinanklimmens an. Die dienstfertigen Beduinen, welche wir

auf dem Herwege mit uns genommmen, waren uns übrigens hierbei sehr

förderlich. Mich, als den Aeltesten und Schwerfälligsten, faßte, ohne

daß ichs begehrte, unter jedem Arme einer an und bei den mächtigeren

stufenartigen Absätzen, welche von der Höhe eines Tisches und darüber

sind, eben so wie bei den niedreren oder zerbrochenen, in welche sich

durch die Verwitterung des Gesteines kleine Stufen gebildet haben,

halfen die guten Leute mit ihren bald zuvor- bald nachkommenden Händen.

Die muntre Hausfrau hatte nur einen Führer angenommen; so oft ich

aber wieder eine Strecke gestiegen war und ausruhend auf einer der

breiteren Stufen stehen blieb, sprang einer meiner Begleiter, so wie

etwa wir auf einer gemeinen Haustreppe es pflegen, die Stufen wieder

hinunter und half die leichte Gestalt mit ziehen, welche so, schneller

gehoben, von einem Absatz zum andern kam. Wir hatten uns, um den

Sonnenstrahlen auszuweichen, beim Aufsteigen an die nördliche Seite

gehalten, von welcher wir nur einige Male uns hinüber zogen nach der

östlichen; jetzt aber war die breite Platte des abgebrochenen Gipfels

erreicht, auf welcher bequem ein kleines Haus stehen könnte, und nun

waren wir im vollen Genuß der Aussicht, nach allen Weltgegenden hin.

Auf dieser freien Höhe wehte uns der Nordostwind ziemlich kalt an;

wir setzten uns in den Schutz eines der mächtigen Werkstücke welche

in ungleicher Höhe über die Bruchfläche der gewaltsam abgetragenen

Spitze hervorragen und ruheten so eine zeitlang in den lieblich

wärmenden Strahlen der Aegyptischen Sonne. Die Aussicht von dem

Gipfel der großen Pyramide empfängt ihren hohen, eigenthümlichen Reiz

durch den Ueberblick den sie über die nächstangränzende Region der

Pyramidengruppe und über den Bezirk der Grabstätten gewährt; weiter

denn an irgend einem andern Punkte der Gegend von Kairo blickt man

auch von hier aus in die große Libysche Wüste hinaus. Wir trennten uns

schwer von dieser Lust der Augen. Das Hinuntersteigen gieng leicht und

schnell; hier bedurften wir, da der Schwindel uns fremd ist, keiner

fremden Hülfe. Aber der mühsamste Theil des Tagewerkes stund uns noch

bevor: das Hineingehen dann Kriechen und Hinanklimmen zu den innern

Kammern der Pyramide. Eine Schaar von Beduinen aus dem zunächst bei den

Pyramiden gelegenem Dörflein, dessen Bewohner sich vor allen andern

das Recht anmaßen die Fremden hier herumzuführen, hatte schon mit Neid

es angesehen, daß uns beim Hinansteigen die Fellahs eines andern,

weiter entfernten Dorfes bedienten; um wenigstens nachträglich, im

Innren der Pyramide ein Trinkgeld zu ernten, waren sie, sobald sie

uns Anstalt zum Hineingehen machen sahen, mit brennenden Holzspähnen

eilig vorausgekrochen und hatten dadurch einen solchen Staub und

Rauch in die engen, verschlossenen Räume gebracht, daß uns das Athmen

schwer ward. Dazu kam die für unser Gefühl sehr lästige Wärme von fast

20 Grad R., welche in dem Innren dieser Gesteinmasse (als mittlere

Temperatur des Jahres) beständig herrscht. Die großen Fledermäuse

die da drinnen in den Steinklüften hausen und welche dem Fremdling,

der sich aus seiner vom lichten Tage beschienenen Welt hineinwagt

zu ihnen, erzürnt um den Kopf fliegen, öfters auch sein Licht ihm

verlöschen, die mögen sich in der dumpfigen Enge wohl befinden, nicht

aber der Mensch. Wir besahen zwar was zu besehen war, zu einem solchen

freudigen Gefühl aber, dergleichen uns sonst der Anblick eines neuen,

großartigen Gegenstandes gewährt, wollte es nicht kommen. Und doch

war Stoff genug zu solchem Gefühl vorhanden. Ich kann es dem Kalifen

Mamun nicht verdenken, daß er mit einem großen Aufwand von Geld, Zeit

und Menschenkräften in das innre Geheimniß des alten Weltwunders

einzudringen suchte, obgleich der Versuch, von Osten her, unterhalb

der eigentlichen Gänge, durch die dicht zusammengefügten Werkstücke zu

brechen, roh genug anzufangen war, und das Murren des Volkes über die

nutzlose Verschwendung so großer Mittel nur durch den vorgeblichen Fund

eines Schatzes gestillt werden konnte, den der Kalif hatte im Gemäuer

verstecken lassen. Der spätern Zeit wurde das Eindringen ins Innre

leichter, als die dreieckige Platte von Kalkstein herunter gefallen

war, hinter welcher die andersfarbigen, aus rothen Granit gehauenen

Schlußsteine des äußern Einganges alsbald ins Auge fielen. Und doch

fehlt auch jetzt noch gar viel zur vollständigen Kenntniß des Innren

der Pyramide. Denn weder ist jene Weitung (unvollendete Kammer) zu

welcher man vom Eingang unter einem Winkel von 27 Grad hinabsteigt das

Unterste, noch hat man das oberste Ende jenes geheimnißvollen Innren

erreicht, wenn man durch den mit Granitplatten ausgelegten Gang, 100

Fuß jenseit des Einganges, unter einem gleichen Winkel von 27 Grad

emporsteigt, und so zuerst durch einen andren, horizontalen Gang zur

sogenannten Kammer der Königin, dann aber auf der unter dem nämlichen

Winkel sich fortsetzenden Gallerie zu der größeren, höher gelegenen

Kammer des Königes gestiegen ist[42]. Ohnfehlbar führen jene jetzt

verschütteten oder noch verdeckten Schächte, von denen schon die Alten

(namentlich Plinius) reden, in unterirdische Gemächer, die sich weithin

im Felsen erstrecken mögen, und der noch undurchforschte obere Theil

des Riesenwerkes wird auch seine innren Auswölbungen haben. Vielleicht

daß eine und die andre künftige Entdeckung über den ganzen Umfang der

Bestimmung dieser Gebäude bessere Aufschlüsse giebt, als dies der

schöne Sarkophag in der Königskammer that, in welchem zwar nach der

Sage eines Arabischen Schriftstellers, (des Ibn Abd el Hakem), ein

Mumienbild und in diesem wieder eine Mumie mit einem goldnen, von

Edelsteinen glänzenden, mit unbekannten Charakteren beschriebenen

Brustharnisch sollte gefunden worden seyn, wovon jedoch, wenigstens die

spätere, genauer beobachtende Zeit nichts mehr zu sehen bekam[43]. Der

leere Sarkophag von geschliffenem Granit ist 7 Fuß lang 3 Fuß breit und

hoch und man begreift kaum wie er, wenn diese schon vollendet war, zu

der engen Thüre, die kaum 1½ Zoll breiter ist, hereingebracht werden

konnte.

Endlich, Gott Lob! waren wir wieder hinaus an die frische Luft, ganz

mit Schweiß und Staub bedeckt. Wie viel lieber hätte ich das Aeußere

der Pyramide dreimal und eben so oft das tiefste Bergschacht unsres

Vaterlandes besteigen mögen, als, wenigstens unter den Umständen unter

denen wir es heute thaten, noch einmal das Innre des Gebäudes.

Werke von so ungewöhnlichem Maßstabe wie die Pyramide des Cheops oder

Saophis[44] sind dem Auge erst nach öfterem und länger fortgesetztem

Beschauen recht verständlich; es ergeht einem hier wie bei der

Peterskirche in Rom, deren Innres auch beim erstmaligen Sehen bei

weitem nicht so groß erscheint als es wirklich ist, weil die einzelnen

Theile in demselben Verhältnis zu einander und zur Höhe, Länge und

Breite des Gewölbes stehen als in jeder andern kleineren Kirche. Wir

haben, auch in unsern größeren Städten, nur wenig freie Plätze, welche

ein Viereck bilden, dessen Länge wie dessen Breite 300 reichliche

Schritte bildet; ein solches Viereck das einen Raum von 550000 Pariser

Quadratfuß umfaßte hat die Basis der großen Pyramide, als sie noch

vollständig war, eingenommen. Selbst in ihrer jetzigen Gestalt, wo

sie schon längst ihres Gewandes -- des geglätteten Ueberzuges von

marmorartigen Kalksteinen beraubt ist, misset jede der vier nackten

Seiten 716½ Pariser Fuß, der ganze Umfang 2866 Fuß, so daß man

ziemlich eine Viertelstunde Zeit gebrauchen würde um im Spazierschritt

um das ganze Gebäu herumzukommen; wegen der herumgestreut liegenden

Trümmer und des Aufwurfes an der Nordseite dauert aber ein solcher

Umgang noch länger. Man zählt vom Boden an bis zu dem jetzigen,

obersten Ende 206 Lagen von Werkstücken (ich konnte von Süden her nur

202 unterscheiden) deren Material großentheils der Nummulitenkalk der

Umgegend ist; von der Grundmauer an, so weit sie die neuern Forscher

bloß gelegt haben, bis zum jetzigen Gipfel beträgt die Höhe 428

Pariser Fuß[45]; wenn man sich aber die Spitze noch in ihrer alten

Vollständigkeit hinzudenkt, darf man das ursprüngliche Emporsteigen

dieses Riesen unter den menschlichen Bauwerken nahe auf 450 Fuß

ansetzen, eine Höhe welche nur von der des Belusthurmes zu Babylon,

wie ihn ein Schriftsteller des Alterthumes uns beschreibt, übertroffen

wurde.

Vor alten Zeiten (Herodot sahe es noch) da das nackte Gestell dieser

Pyramide mit seinem Gewand der geschliffnen Steine überzogen war,

konnte man auf dieser Bekleidung eine Haushaltungsrechnung lesen,

welche auf ihm gleich einer Stickerei angebracht war, und welche

die außerordentliche Wohlfeilheit der Lebensmittel in damaliger

Zeit bezeugen kann. Die ganze Verköstigung der Arbeitsleute an der

großen Pyramide hatte nach unsrem Gelde[46], freilich zunächst nur

für Zwiebeln, Rettich und Knoblauch (man wird den Leuten aber nur

selten mit Braten oder andern solchen Sachen aufgewartet haben und das

Nilwasser hatten sie umsonst) mehr nicht als etwa drei Millionen und

fünfmalhundert tausend Gulden rheinisch oder zwei Millionen preußische

Thaler betragen[47]. Rechnet man nun, daß mit den Vorarbeiten der

Begründung so wie mit dem eigentlichen Bau der Pyramide, nach Herodots

Zeugniß 100,000 Menschen, welche in jedem Drittel des Monates von

andern Arbeitern abgelöst wurden, dreißig Jahre lang beschäftigt

waren, so kommt auf jeden Einzelnen jährlich nur 1 fl. 5. kr., in je

fünf Tagen ein Kreuzer oder drei gute Pfennige. -- Solche Werke eines

unbegränzten Strebens, in denen die Vergänglichkeit den ungleichen

Kampf mit der Ewigkeit eingehen will, sind nur einer unbegränzten,

schrankenlosen Herrschermacht möglich; mag deshalb das Geschlecht Chams

den Ruhm des Erbauens der Pyramiden für sich allein behalten.

An der zweiten Pyramide, an der des Cephren oder Sensuphis, fanden

wir gerade eine Menge Arbeitsleute beschäftigt, welche ein vornehmer

Engländer, mit Erlaubniß des Vizeköniges nach den noch weniger

bekannten oder anscheinend leichter aufzufindenden innren Kammern

nachgraben ließ. Auch noch die jetzige Höhe dieser zweiten Pyramide

misset gegen oder über 400 Fuß, jede Seite der Grundfläche hat eine

Länge von nahe 680 Fuß; der Ueberzug von geglättetem, farbigen

Kalkstein (Marmor) ist an vielen Stellen des obern Drittels haften

geblieben. Als wir das zweite Mal die Pyramiden besuchten, bestieg

unser Dragoman, Herr Mühlenhoff, dieselbe im Geleite eines ortskundigen

Fellahs. Ich hatte von seinem Vornehmen nichts gewußt, das Getöse der

von oben herunterrollenden Gesteine, zog, als ich eben, mit andern

Betrachtungen beschäftigt, vorbeigieng, mein Auge hinan zu dem Gipfel

der Pyramide, wo ich den Kletterer erkannte. In der That, von unten

her mag das Wagstück noch viel mehr Bangen erregen als der empfindet,

welcher die nur in der Nähe bemerkbaren kleinen Vorsprünge der

Werkstücke vor Augen hat und zum Feststellen des Fußes benutzen kann.

Mich ergriff beim Zusehen, so oft sich wieder einmal ein Stein unter

dem Fußtritt ablöste und herunter rollte, ein Gefühl von Schwindel,

welches ich, so oft ich selber stieg, niemals empfunden habe.

Als ~Belzoni~, im Jahr 1816 durch einen der beiden jetzt bekannten

Eingänge in das Innre dieser Pyramide eindrang, sagte ihm eine

Inschrift, die er da antraf, daß er nicht der erste sey der diese

Gewölbe wieder aufgefunden, sondern daß schon ein Sultan Ali Mohamed

den Eingang eröffnet und wieder verschlossen habe.

Die dritte Pyramide, die des Mykerinus oder Moscheris, wenn auch um

ein Bedeutendes niedriger denn die andern beiden, übertraf diese an

Pracht des Ueberzuges, der hier ganz (bei der zweiten nur an ihrem

untersten Theile) aus geschliffenem Porphyr, Sienit und Granit bestund.

In neuerer Zeit ist noch kein Forscher in ihre innern Geheimnisse

eingegangen.

Nach dem Zeugniß eines Schriftstellers des Alterthumes (Plinius) wurden

die drei großen Pyramiden in kurzer Aufeinanderfolge: in einer Zeit

von 78 Jahren nach einander erbaut. Der größeste Theil der Bausteine

kam aus der Gegend des jenseits des Niles gelegnen Masara. Nicht

unwahrscheinlich ist die Vermuthung, daß diese drei architektonische

Räthsel der Vorwelt unten in der Tiefe des Felsens mit einander in

Verbindung stehen, durch abgeteufte Grubengebäude und Strecken, welche,

wie dies die Aussage der Alten andeutet, bis unter den Wasserspiegel

des Niles hinabreichen. Meist im Süden von den drei großen Pyramiden

stehen noch sechs kleinere und die untersten Grundmauern einer

siebenten da; Werke meist aus späterer Zeit, die sich dennoch durch

ihre zur mäßigen Thurmeshöhe emporragende Größe in jeder unserer

Städte, mitten unter den Kirchen und Pallästen sehr stattlich ausnehmen

würden. Jene, von welcher man die Tochter des Cheops als Erbauerin

nennt, hat die Baulust der spätern Zeiten großentheils abgetragen;

sie behauptet nur noch durch den Umriß der Trümmer ihre alte Stätte.

Nach Süden wie nach Norden ziehen sich noch jetzt von dem Bezirk der

Pyramiden Straßen, mit mächtigen Steinen gepflastert hin, der Weg nach

diesen Gränzsteinen zwischen der vergänglichen Zeit des Lebens und

der Ewigkeit muß den alten Aegyptern ein viel besuchter und wichtiger

gewesen seyn.

Dies bezeugen auch die Grabeshallen von prachtvoller Anlage und

Ausführung, die sich in der Nachbarschaft der Pyramiden finden. Wir

sahen einige der neuerdings aus den wiedereröffneten Bergschächten

der Gänge, die das Gebirge nicht zwar mit Erzen, aber doch mit ehern

festen Zeugnissen der Geschichte eines der ältesten Völker der Erde

durchsetzen, herausgeförderte Hieroglyphensärge, und ich kroch, in

Begleitung des Herrn Mühlenhoff, bei unserm zweiten Hierseyn, in einige

der mit Bildern des Lebens und Wirkens der alten Aegypter verzierten

Grabmäler. Als wir aber das erste Mal, ermüdet von dem Hinaufsteigen

auf die Aussenfläche der großen Pyramide und von dem Hineinkriechen

und Hinaufsteigen in ihr Innres hier verweilten, da gelüstete es uns

nicht nach einem weitren Umherspähen. Wir ruhten, in den Strahlen der

Frühlingssonne uns wärmend, an der Brust des riesenhaften Sphinx aus,

erquickten uns an dem zum Theil sehr übelschmeckenden Wasser, das

uns die Fellahs aus den in der Nähe stehenden Nilteichen brachten,

und gedachten, sobald wir und unsre Thiere dazu gestärkt waren, der

Heimreise.

Der Rückweg nach Kairo führte uns in gerader Linie über grünende Auen,

auf denen die buntfarbige Doppelzwiebel-Iris[48] blühete, dann durch

Felder voll Klee und üppig emporschprossendem Getraide nach Ghizeh,

wo wir beide Male jene merkwürdigen Brutöfen besahen, in denen seit

uralter Zeit, die Aegypter die Eier der Hühner fabrikmäßig und nur

durch künstliche Wärme belebend auskriechen machen. Es war noch nicht

die Zeit in welcher man die Oefen in den Gang setzt, doch wurde, als

wir zum zweiten Male hier waren, schon Anstalt zu ihrer Heizung und

Belegung mit Eiern gemacht, denn die Frühlingsmonate vom Februar bis

in den April sind zu dem Versuch die günstigsten und werden deshalb

ausschließend dazu angewendet. Zwei Reihen von Kämmerlein, zwischen

denen ein enger Gang für die Besorger der Oefen und Eier hinläuft; am

Boden der Kämmerlein Matten von Binsen und feinem Stroh; über jedem

Kämmerlein ein oben rund gewölbter Ofen, den man mit Dorfmist heizt,

das ist das Hauptsächlichste der Einrichtung. Die Oefen stehen mit

einander in Verbindung, in den ersten zehn Tagen heizt man in jeder

Reihe der Kammern die Hälfte der Oefen und legt unten diese Eier; am

11ten Tag legt man auch welche auf den Boden der andern bisher kalt

gelassenen Kammern, heizt die Oefen über ihnen, läßt aber dagegen das

Feuer in den ersten Kammern ausgehen, nimmt die Eier vom Boden weg

und bringt sie in die darüber befindlichen Oefen, deren Backsteine

noch warm von der vorhergegangenen Heitzung sind und in welche aus den

andern Oefen die warme Luft herüberdringt. Die Küchlein kriechen, wie

unter den Hühnern, am 20sten oder 21sten Tage aus, man nimmt sie aus

den Oefen, welche nun gereinigt und von neuem geheizt werden, während

man dagegen das Feuer in denen der andern Hälfte ausgehen läßt. Im

Mittel, so kann man rechnen, kriechen von 100 Eiern zwischen 60 und

70 Küchlein aus, die man noch ein oder etliche Tage in einer mäßig

erwärmten Kammer läßt, dann den Bauern, welche die Eier brachten,

gewöhnlich ein Küchlein für zwei Eier abliefert. Unterägypten hat

allein über hundert, Oberägypten nur halb so viel solche Brutöfen,

welche jährlich zusammen gegen 16 bis 17 Millionen Hühner liefern. Das

große Brutgebäude in Ghizeh, welches wir sahen und welches in jeder

der beiden Reihen zwölf Kammern zählt, bringt, wie uns versichert

wurde, zuweilen in einem Jahre gegen 130000 solche kleine, mutterlose

Thierlein aus.

Schon während unsrer kleinen Reise nach Sakkara und zurück von den

Pyramiden hatten wir oft bemerkt, daß unsre Eseltreiber mit einem

gleichen Vergnügen als ihre Thiere den jungen Klee aßen. Hier in

Ghizeh sahen wir eine ganze Gesellschaft von Landleuten um einen

Haufen Klee, der auf der schmutzigen Straße lag, herumkauern und von

diesem rohen Gemüße mit einem Appetit essen, als wenn es gekochte

Spargeln wären. Da wir zum Brutofen hingingen war der Haufen ganz

hoch, bei unsrer Rückkehr fast ganz aufgezehrt. Die Arten von Klee,

deren junge Stengel und Blätter wir bei mehreren Gelegenheiten von dem

Aegyptischen Landvolk essen sahen, waren der Helbeh (+Trigonella

foenum graecum+) und der Gilban (+Lathyrus sativus+).

Im Kaffeehause bei Ghizeh, wo wir uns und unsern Seis oder Eseltreibern

eine Erquickung reichen ließen, hatte ich den Verdruß, daß mein Seis,

aus lauter Höflichkeit beim Kaffeenehmen, das schöne Skelet vom

Mumienibis (+Ibis sanctus+), das ich aus den Gräbern der Vögel

erhalten, fallen ließ. Es war in lauter kleine Stücklein zerbrochen.

Den Schädel vom Tantalus-Ibis hatte mir der gute Mann schon vorher

verloren. Die lieblichen Bilder und Erinnerungen jedoch, die ich auf

dieser Reise nach den Pyramiden in das eigne, lebende Haupt und in

das feste Gefäß der Seele aufgenommen, konnte mir kein Seis zu Boden

werfen und zerbrechen; diese innre Farbenwelt wird sich erhalten, wenn

auch die der Gräberkammern aus der Zeit der Pharaonen verbleichen und

zerstäuben sollte.

Kairo am 11ten Februar 1837.

Sechster Brief.

=Der Auszug der Mekkapilgrime; Anstalten zur eignen Abreise.=

Ich schreibe nun den letzten Brief aus Aegypten an Dich, meine liebe

Schwester, denn übermorgen des Nachmittags wollen wir unsre Reise in

Gottes Namen durch die Wüste über Suez und Tor nach dem Sinai und von

da über Akaba nach Hebron antreten. Schon sind alle Vorbereitungen

zur Reise getroffen; ich habe durch Vermittlung des guten Herrn von

Champion (des Kaiserlich Oesterreichischen Consuls) meinen Arabischen

Paß (Firman) erhalten; durch den griechischen Patriarchen und die Väter

des Sinai die herrlichsten Empfehlungsbriefe nach dem Sinai und an das

griechische Kloster in Jerusalem; durch den griechisch-katholischen

Patriarchen eben so treffliche nach Damaskus und in die Klöster des

Libanon empfangen, und durch die gütige Vorsorge meiner hiesigen

Freunde ist uns ein wackrer, zuverläßiger Arabischer Scheikh, der

alte Hassan der schon so manchen Europäer glücklich durch die Wüste

geleitet hat, zugewiesen worden, welcher uns und unsre Sachen mit

seinen Kamelen weiter führen soll. Unsre Gesellschaft hat sich um

mehrere Personen verstärkt. Ein junger, sehr geschickter Mechanikus

aus der Schweiz, Herr Franz, der längere Zeit in Algier gelebt hat,

jetzt aber für gewöhnlich in Malta wohnt, und der mit den Sitten der

Araber sehr vertraut ist, hat sich, veranlaßt durch die Briefe einiger

in der Schweiz und Würtemberg lebenden Freunde aus Malta aufgemacht

und ist zu uns hieher nach Aegypten gekommen um uns auf der weiteren

Reise nach dem Sinai und Palästina zu begleiten. Schon hier in Kairo,

wo er bereits vor uns angelangt war, hat er mir und meinen jungen

Leuten die treuesten Freundschaftsdienste erwiesen und wir dürfen uns

eines solchen aufopfernd treuen, tüchtigen Reisegefährten freuen.

Zum Dragoman oder Dolmetscher ist uns von unsern hiesigen Freunden

ein junger Deutscher, Herr Mühlenhof aus Wünnenberg bei Paderborn

empfohlen, der schon acht Jahre in Aegypten wohnt, die Reise von hier

nach Palästina und über den Libanon bereits mehrmalen gemacht hat

und mit seiner Kenntniß des Landes auch die der Sprache des Volkes

verbindet. Von seiner Uneigennützigkeit und Redlichkeit, so wie von

seiner mannhaften Entschlossenheit hat er uns während unsers Hierseyns

schon treffliche Beweise gegeben. An die Stelle unsers bisherigen

Arabischen Knechtes und berühmten Koches Ibrahim, der nicht weiter

mitreisen will, »weil es ihm in der Wüste zu kalt sey,« tritt ein

andrer junger Araber, ein rüstiger, rühriger, trotzig aussehender

junger Pursche Namens Mohamed, begabt mit einer lautschreienden Stimme

und sehr großen Mund, der, so sollte man meinen, dem Feinde schon beim

bloßen Anblicke Furcht einflößen könnte. Außer diesen unmittelbar zu

unsrer Gesellschaft gehörigen Begleitern werden sich noch mehrere andre

Gefährten unsrer kleinen Karawane anschließen. Vor allem ein Herr

von Kron aus St. Petersburg, ein sehr vielgereister, kenntnißreicher

junger Mann, den ich schon in München (vor mehreren Jahren) habe

kennen gelernt und der mir durch den hiesigen Kaiserlich Russischen

Generalkonsul, den trefflichen Obersten Duhamel noch ganz besonders

empfohlen ist. Herr von Kron hat schon die meisten Länder Europas und

auch Oberägypten besucht und seine Reisen sich zu Nutze gemacht, so

daß ich mir viel Unterhaltung von dieser Gesellschaft verspreche. Ihn

begleitet ein starker Arabischer Knecht, Namens Abd-er-Wached, der ein

guter Koch seyn soll, eine Kunst die wir freilich in der Wüste nicht

viel brauchen werden. Aber auch noch einige andre deutsche Landsleute

und Freunde werden ein Stück Weges mit uns ziehen: Herr Kielmeier, ein

sehr gebildeter junger Officier aus Würtemberg und Herr Keller gehen

mit uns bis Suez, wo sie sich zur Reise nach Abyssinien einschiffen

wollen; unser Freund Baumgärtner, dessen Güte gegen uns ich Dir schon

in meinem ersten Briefe gerühmt habe, wird in unsrer Gesellschaft

bleiben bis an den Sinai, weil er seiner sehr leidenden Gesundheit

wegen in der Wüste die Kamelmilchkur brauchen will; mit ihm sein

Knecht und ein muntres Eselein. Denke Dir nun zu diesem ansehnlichen

Comitat von Menschen all die Kamele, welche sie und ihr Gepäcke tragen

und du wirst fragen, wo sollen diese alle zu essen hernehmen in der

dürren Wüste? Aber auch dafür, so weit es nämlich uns anging, ist

hinreichend gesorgt. Die beiden Begleiterinnen haben einen Sack voll

Reis gekauft der eine oder etliche Mahlzeiten für eine ganze Compagnie

von Soldaten geben könnte; das Wasser zum Kochen desselben führen

die Kamele in bocksledernen Schläuchen, die Kohlen in Körben; unser

Tafelservice, bestehend aus blechernen Tellern, blechernen Bechern und

ziemlich ordinären Messern und Gabeln, dazu ein Gefäß mit Schmalz,

Zwiebeln in Menge, Salz, Essig und mehrere Flaschen mit Racky oder

Dattelnbranntwein, auch Kaffee und Zucker sind in dem verschließbaren

Kafaß (einer Art von Kiste aus Palmenzweigen) enthalten, dazu kommt

noch ein Korb voll Schiffszwieback und für den einzelnen Haushalt eines

Jeden eine Anzahl guter, süßer Sevilla-Orangen so wie gepreßte Datteln

-- in der That ich schäme mich des großen Aufwandes für Pilgrime die

zum Sinai und nach Jerusalem gehen. Auch ein hübsches altes Zelt haben

wir um äußerst billigen Preis gekauft und Herr von Kron hat auch eines;

zum Ruhebette haben ich und die Hausfrau eine zu Semlin gekaufte

Matratze, welche, ich weiß selber nicht mit welchen Gegenständen von

ungleicher Härte gefüllt ist, bereits aber die Seekrankheit und die

Quarantäne mitgemacht hat, und vortrefflich genannt werden könnte, wenn

sie nicht schon für anderthalb geschweige für zwei Personen zu schmal

wäre, so daß eines von uns immer, wenigstens zur Hälfte auf dem weichen

Sande der Wüste liegen wird. Desto ausreichender ist aber die breite in

Smyrna gekaufte Decke, zu der hier noch zwei Ziegenfelle gekommen sind,

und so merkst du wohl, daß unser Haushalt, im Vergleich mit dem der

Söhne der Wüste, zu welchen wir reisen wollen, ein unerhört stattlicher

und splendider ist.

Je näher die Zeit der Abreise herankommt, desto inniger wird mein

Verlangen nach dem meiner Seele theuren Boden, den ich nun bald

betreten soll; mein Heimweh kann die Stunde des Auslaufes und des

endlichen Vorwärtsrückens zum langersehnten Ziele kaum erwarten.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 14 / 42 段