Der Weg nach Sakkara führte uns weiterhin im Walde der Akazien an

einigen Substruktionen alter Gebäude vorüber, dann hinaus auf die

grünenden Felder. Zwischen hier und dem Saume der westlichen Hügel

stunden noch große Teiche des Nilwassers, das von der Stromschwelle

zurückgeblieben war; nur durch manchen Umweg gelangten wir zu dem von

Arabern bewohnten Oertlein, welches seinen jetzigen Namen Sakkara

wahrscheinlich von dem Namen der ältesten Gottheit von Memphis,

des Phthah Sokar sich erhalten hat. Aus Unkunde hatte einer unsrer

Eseltreiber uns in ein Gebäude geführt, welches, wie uns dieß die

lautschreienden Stimmen einiger ältlichen Frauen ankündigten, ein

Harem war; schon wollten wir uns ein Nachtlager in einer der alten

Grabeskammern oder auf dem Vorplatze einer der nachbarlichen

Pyramiden suchen, da lud uns die Familie des Italienischen Grafen

Odeskalki (+Odescalchi+) der hier ein kleines Landhaus besitzt,

aufs freundlichste in ihre Wohnung ein und bot uns zugleich dar,

was den durch die heutige Reise nur aufgeregten, nicht gestillten,

leiblichen Hunger befriedigen konnte. Wir waren schon gegen zwei

Uhr des Nachmittags unter dem friedlichen Obdache angekommen; in

dem Zimmer, das man uns in dem höchsten und schönsten der kleinen

Seitengebäude angewiesen hatte, zwitscherte und nistete ein Pärlein

von Schwalben[35], schöner und buntfarbiger als die unsrigen. Unsre

Eierspeise sammt dem Arabischen Brod und der frischen Butter waren bald

bereitet und bald verzehrt; es blieb uns noch reichlich Zeit uns unter

den Pyramidengruppen und in den Grabeskammern der nachbarlichen Gegend

umzusehen.

Zu den Pyramiden von ~Daschur~, den südlichsten der ganzen,

langen Reihe hat man gegen eine Stunde weit zu reiten. Hier stehet,

am weitesten gegen den (östlichen) Abhang der Hügelkette nach dem

Nilthal hin, jene Pyramide, welche sich, in fünf Absätzen, bis nahe

zur Höhe von anderthalb hundert Fußen erhebt und welche durchaus von

ungebrannten Backsteinen erbaut ist. Der Lehmen oder Nilschlamm,

der die Hauptmasse dieser Backsteine ausmacht, ist mit gehacktem

Stroh gemischt, wodurch man ihm wahrscheinlich besseren Zusammenhalt

geben wollte, denn er ist voller Sand und kleiner Schnecken- und

Muschelstücke. Ohngeachtet dieser Vorsichtsmaßregel hat sich der

Backstein dennoch sehr aufgelöst und zerbröckelt, so daß es fast

unmöglich scheint das Aeußere der Pyramide zu besteigen oder in ihr

baufälliges Innres vorzudringen. Weiter gegen Norden und etwas tiefer

landeinwärts, erhebt sich, von Steinhaufen umringt die größeste der

Pyramiden der südlichen Gruppe, welche, wenigstens an Breite der Basis

jener von Ghizeh nur wenig nachzustehen scheint. Man zählt an ihr gegen

150 stufenweise Absätze. Auch eine Art von Tumulus oder Grabeshügel

kommt bei dieser Gruppe vor. Von hier gegen Westen zieht sich der Weg

nach dem nur wenig entfernten, lieblichen Fajoum, dem Distrikt von

Arsinoe, dem Lande der Rosen und der Fülle aller Naturgaben des unteren

Aegyptens; wir aber mußten uns für diesmal auf die Betrachtung der

Umgegend von Sakkara beschränken.

Jene Pyramidengruppe, welche zunächst an diesen Ort gränzt, scheint in

ältester Zeit ein durch Mauern und Gräben umschlossenes Ganzes gebildet

zu haben; ein sehr breiter gepflasterter Weg führte vom Hügelabhange

bei Sakkara zu ihr hin; es scheint[36], daß, wie ich schon erwähnte,

in diesem Bezirk das Serapion von Memphis lag. Da wir zu der größesten

Pyramide dieser Gruppe kamen, welche in sechs Absätzen, davon jeder

25 Fuß hoch ist, mit ihrem sehr breiten Gipfel bis zur Höhe von 150

Fuß emporsteigt, fanden wir bei ihr unsern guten Reisegefährten, den

Maler Bernatz, von einer Schaar Arabischer Knaben umringt, welche

jeder eine Gabe begehrten, weil sie alle ihn zur Pyramide begleitet

hatten. Seine deutsche Erklärung, daß er ihnen bereits Alles gegeben

habe, was er an kleinerem Geld bei sich trug, verstunden sie freilich

nicht; sie waren so vertraut geworden, daß sie ihm an die Taschen

fühlten; die Erscheinung unsers türkisch gekleideten Dragomans machte

ihren Vertraulichkeiten ein Ende. Gerne wären wir in das Innre der

Pyramide hineingekrochen, das eine saalartige Weitung enthält und

mehrere mit Hieroglyphen ausgemahlte Kammern, aber der Sturm der Wüste

und vielleicht auch die Araber, um auf eine ansehnlichere Belohnung

von den Fremden Anspruch machen zu können, hatten den Eingang mit

Sand verschüttet. Wenn wir denn auch bereit gewesen wären auf die

Forderung der Letztern einzugehen, so fehlte es doch für heute an

Zeit um die Wiedereröffnung abzuwarten, deshalb versparten wir uns

das Eindringen in die innren Räume einer Pyramide auf den nächsten

Tag. Dagegen verwendeten wir die letzten Stunden des Nachmittages zu

der Betrachtung einiger der Grabeskammern, deren Reihen sich weithin

über den Hügel und seinen Abhang verbreiten. Die Nachbarschaft dieser

Tausende der Mumiengräber kündigt sich dem Auge, eben nicht auf

angenehme Weise, durch die Menge der herumgestreut liegenden Schädel

und andern Menschengebeine an. Die armen Arabischen Bauern die seit

Jahrhunderten hier herum wohnten, haben mit dem fortwährend an ihnen

nagenden Hunger, auch die andern Eigenschaften der hungernden Wölfe und

Hyänen angenommen; gleich diesen durchwühlen sie die Gräber, um die

Leichname der Vorwelt, wenigstens auf mittelbare, menschliche Weise für

sich und die Ihrigen in Brod zu verwandeln. Früher, da man noch die

Mumien als Arzneimittel und braunen Farbestoff nach Europa verkaufte,

war das Gewerbe des Gräberraubes ein einträglicheres als jetzt, wo nur

noch ein Theil der Morgenländer an die Heilkräfte solcher von Gewürz

und Erdpech durchdrungenen und in sie verwandelten Menschenkörper

glaubt, Europa aber, fast allgemein solche Mittel mit Eckel von

sich weißt. Dennoch giebt es noch jetzt in und an den Mumien genug

zu erbeuten, weshalb auch die Araber, die übrigens das Geschäft der

Leichenbestehlung jetzt ganz heimlich betreiben müssen, weil Mehemed

Ali solche Privatunternehmungen verboten hat, niemals einen Europäer in

solche Todtenkammern führen, worinnen noch undurchsuchte Mumien liegen.

Die alten Aegypter nämlich wendeten bekanntlich eine ganz besondre

Vorsorge auf die Ausstattung der Gräber und der starren Menschenleiber

die da als Bewohner hausten. Das Leben hier auf der wandelbaren Erde,

so lehrten sie, ist nur von kurzer Dauer, das Harren der Seele auf die

neue Ueberkleidung mit diesem Leibe dauert lange. Damit sie, die Seele,

des Leibes, den die Verwesung zerstörte, beraubt, nicht den mühsamen

Lauf nach andern Leibern der Thiere und Pflanzen machen müsse, suchte

man ihr den armen Leib durch das Einbalsamiren zu erhalten; so lange

der dauerte, werde sie wohl bei dem alten Haus desselben verweilen, bis

im Verlauf der Jahrtausende ein neuer Lebensodem ihn anwehen werde.

Damit aber nun das lange Verweilen da in der Tiefe der Gruft nicht

ohne Vergnügung sey, zierte man das letzte Wohnhaus der irdischen

Hülle mit allerhand Erinnerungszeichen an das so schnell vergangene

Leben, an seine Lust und Freuden aus. Die alten Aegypter wohnten nie so

prächtig während des Lebens in ihren Pallästen und Häußern, als, wenn

sie des Aufwandes fähig waren, als Leiche in ihren Gräbern. Da findet

man die Wände mit den buntfarbigsten Gemälden, mit den Abbildungen der

täglichen Beschäftigungen wie all der Ergötzungen und Lustbarkeiten

verziert, welche der Verstorbene während seines Lebens am meisten

liebte, am begierigsten aufsuchte; die Seele die nicht mehr vom rohen

Stoffe, sondern vom Bilde der vormaligen Genüsse lebt, sollte hier im

reichsten Maaße Alles finden, was sie zu ihrer Unterhaltung begehrte.

Deshalb haben die Todtenberauber der älteren wie der späteren Zeiten

aus den Aegyptischen Grabstätten Kostbarkeiten und Schätze von vielfach

hohem Werthe erhoben; die Mährlein im Sinne von tausend und einer

Nacht, die von Schatzkammern der Tiefe erzählen, welche den der sie

auffand unermeßlich reich machten, haben abentheuerliche Glücksfälle

vor Augen gehabt, wie sie in älteren Zeiten in Aegypten oft vorgekommen

seyn mögen.

Man hatte aber noch eine andre, sonderbare Weise die Todten

auszustatten. Nicht bloß steckte man ihnen, wie einen Stoff zum langen

Nachdenken, beschriebene Papyrusrollen in die Grabtücher, womit man

die Mumie umwandt, sondern statt des Herzens und der andern innern

Theile, in denen einst das empfindende Leben sich bewegte, legte man

mit dem unverweslich machenden Gewürz zugleich allerhand symbolische

Figuren in ihre Brusthöhle hinein, welche, die eine an Apis, die

andre an Osiris und Isis; einige an das Bündniß der Treue, andre an

den im Leben genossenen Wohlstand erinnerten; gleich als gedächte man

hiermit dem todten Leibe Gedanken einzugeben, welche die vereinsamte

Seele trösten und in der Richtung jenes Hoffens, das im Leben der

Zeit nach einem Ewigen hingekehrt war, erhalten könnten. Ich selbst

besitze eine Menge so kleiner, gar sauber gearbeiteter Götterbilder

und andrer symbolischen Figuren, die man im Innern von Mumien fand;

zuweilen sind sie aus edlem Gestein, ja selbst aus Gold gefertigt und

ein solcher Fund lohnt dem armen, hungernden Fellah die Mühe seines

Suchens reichlich. Eckelhaft aber, und gräßlich bleibt deshalb dennoch

der Anblick der jetzigen Umgebung, dieser einst so heilig gehaltenen

Behaußungen der Todten.

Wir ließen uns indeß hierdurch nicht abschrecken auch das Innre einiger

dieser Todtenkammern zu besehen. Geöffnet, darauf kann man sich im

voraus gefaßt machen, und für Jedermann unter der Leitung einiger

Araber zugänglich sind nur die, welche außer den leeren, buntbemahlten

Wänden nichts mehr enthalten, was die Gewinnsucht der Fellahs reizen

könnte; andre, welche noch nicht ausgeleert, sondern erst neu von ihnen

aufgefunden sind, decken sie, bis sie des Fundes sich versichert haben,

sorgfältig mit dem Sande der Wüste zu. Die Eingänge zu den in den

Felsen gehauenen Grabeskammern sind theils schachtartig senkrecht und

stehen wie an der Pans Flöte in gewissen Reihen, theils verlaufen sie

horizontal in die Wand des Hügelabhanges hinein; in den Kammern sieht

man noch die nischenartigen Eintiefungen auf deren Gemäuer die Mumien

reihenweis aufgeschichtet lagen; die Gebeine der Urenkel und der noch

ferneren Nachkommen bei denen der Ahnen. An den Wandgemälden mehrerer

Grabeskammern, sowohl hier bei Sakkara als noch mehr bei Ghizeh,

sahen wir eine Frische der Farben und eine so fleißige Ausführung der

Zeichnungen, daß sie noch jetzt in einem kunstliebenden Lande von

Europa eine Zierde der Prunkzimmer und Gallerien seyn könnten.

Schon heute brachten uns die Araber viele Mumien von Vögeln, die noch

in ihren Töpfen verschlossen waren und mit ihnen zugleich eine Menge

der altägyptischen kleinen Kunstwerke zum Verkauf, und wer nichts

zu verkaufen hatte der bettelte. Beides geschah zum Theil unter

sonderbarer Form. So hatte ein Mägdlein einen der jüngeren Begleiter

ein Stück Carneol zum Kaufe angeboten; er wieß dasselbe an mich und die

Kleine verlangte von mir das Doppelte, »weil,« so sagte sie, da sie

herum befragt wurde, »du der Vater und Herr bist.« Ein alter Mann hatte

bei Mehreren von uns gebettelt und von jedem etwas erhalten. Da sagte

er, ich habe nun sechs dieser Geldstücke (eines zu fünf Fuddahs) von

euch bekommen, jetzt gebt mir noch vier, damit ich zehn habe, Gott ist

den Barmherzigen hold. Wir kamen zuletzt mit einer ganzen Schaar von

alten und jungen Fellahs und Fellahahs zum Dorfe zurück.

Der Anblick dieser armen, bettelnden Bauern that mir wehe. Wer etwa

noch niemals den hohen Werth unsrer christlichen Staatsverfassungen

recht gründlich eingesehen hat, der sollte nur auf einige Zeit in einem

Aegyptischen Dorfe zur Miethe wohnen und das Leben seiner Bewohner

betrachten. Eigenthümer des Landes oder Erbes ihrer Väter sind sie

schon lange nicht mehr, darum ist die Sehnsucht und Begierde nach

Eigenthum in ihnen so heiß und heftig, darum mögen sie, auch wenn sie

zu ein wenig Geld gekommen, sich so schwer entschließen von ihm sich

zu trennen, daß sie öfters nur mit Schlägen und andern Mishandlungen

gezwungen werden können ihre Abgaben zu entrichten[37]. An manchen

Arten der Erzeugnisse des Bodens, namentlich an Baumwolle und Flachs

hat der welcher sie baute gar keinen Antheil, diese gehören ganz der

Regierung an; auch von den andern Feldfrüchten nimmt der Gouverneur

so viel hinweg und von dem Ertrag des übrig bleibenden sind noch so

vielerlei Abgaben und Unkosten, namentlich auch für die Miethe der

Kamele, welche die Regierung zum Transport herleihet, zu entrichten,

daß die armen Familien der Fellahs unsre Bienen beneiden möchten, denen

man beim Beschneiden des Stockes wenigstens so viel Honig lässet, daß

sie nicht hungern dürfen. Zum Bestellen der Felder erhalten sie zwar

das Saatkorn und andre Sämereien, diese gehen aber durch so viele

unredliche Hände, daß sie kaum zum Besäen auslangen. Und bei wem will

man klagen? hat nicht der Gouverneur schon im voraus das Ohr des

Richters für sich gewonnen, und wäre dies auch nicht, wer schützt dann

den armen Fellah vor der Rache des Gouverneurs? Zwar, solche Gräuel wie

sonst, werden wohl kaum mehr zugelassen; ein Gouverneur dürfte nicht

mehr wie jener Türkische zu Tunta einen Bauern hängen lassen, weil er

weniger Getraide gebracht hatte als ein andrer[38], noch weniger würde

es erlaubt seyn einen Steuereinnehmer in sechzig Stücke zerhauen zu

lassen und sein Fleisch an die Bauern zu verkaufen, weil er einem armen

Manne, der die Abgaben nicht bezahlen konnte, seine Milchkuh schlachten

lassen und ihr Fleisch, in sechzig Stücke zertheilt, denselben Bauern

zum Kaufe aufgedrungen hatte[39], aber auch in seinem jetzigen

Europäischen Gewande drückt das System der Regierung noch hart genug

auf das arme Volk des Landes und der Städte.

Unser gastfreundlicher Wirth, der Graf Odeskalki, war nun auch aus der

Stadt nach Hause gekommen; ein Gespräch mit dieser liebenswürdigen

Familie führte uns im Geiste in das theure christliche Vaterland und

der Zug des Heimwehes dauerte auch noch fort da wir jetzt heraustraten

auf das platte Dach des Haußes und hier noch lange die Herrlichkeit des

milden, klaren Aegyptischen Himmels genossen. Canopus, der schönste,

in Europa niemals sichtbare Stern der südlichen Halbkugel, leuchtete

mit Sirius zugleich am Himmel; tief am Horizont erschien noch in großer

Klarheit Merkur, der sich in unsern Gegenden fast immer in den Dünsten

verbirgt; ein balsamischer Duft kam von den blühenden Feldern und

Gärten her; das arme Volk verschlief die Sorgen und Noth des Tages,

nirgends aus den niedern Hütten vernahm man einen Laut.

Wir hatten ein langes und für uns sehr anziehendes Tagwerk vor uns,

darum stunden wir am andern Morgen noch vor Tagesanbruch auf und

nachdem wir mit der gastfreundlichen Familie des Grafen gefrühstückt

hatten verließen wir das Dorf. Der Tag fieng eben an den Weg der

Wüste nothdürftig zu erhellen, als wir am Hügelabhange der Gräber

hinanritten. Es war ungewöhnlich kühl, fast wie bei uns an einem

Morgen der letzten Hälfte des Octobers; ein Nebel lag über dem

Nilthal und dem Saume der Wüste. Wir nahmen unsern heutigen Weg nach

dem eigentlich sogenannten Mumienfelde der Vögel und andern Thiere,

denn in solcher Menge, wie hier sind diese Thierüberreste an keinem

andern Orte des Landes zusammengehäuft. Der Haupteingang zu diesen

merkwürdigen Grabeshallen ist etwas beschwerlich; er führt schräg

hinunter, hatte vielleicht vormals eine Treppe, diese aber, wie die

Hälfte der Höhe des Einganges ist mit feinem Sande der Wüste bedeckt.

Ich legte mich auf den Rücken und steuerte mich mit den Elnbogen auf

dem Sand hinunter, wobei mir zuletzt Herr Mühlenhof, der Dragoman zu

Hülfe kam. Unten ist ein ziemlich geräumiger Gang mit mehreren leeren

Kammern und buntbemahlten Wänden; eine schachtartige Oeffnung führt

senkrecht hinab in eine Gruppe von andern Kammern. Wie weit sich

diese unterirdischen Räume und Gemächer erstrecken das ist noch kaum

bekannt; man sieht an den Seiten der Gänge die irdenen Krüge, worinnen

die einbalsamirten, mit Leinwand umwickelten Thierkörper liegen, in

vielen Reihen hoch übereinander geschichtet; wenn eine solche Mauer von

Krügen hinweggenommen ist zeigt sich gewöhnlich hinter ihr eine neue

und noch bemerkt man kein Ende, so verschwenderisch auch die Beduinen

mit diesen Krügen umgehen. Denn jene, da sie bemerkten daß ich in den

Gefäßen besonders nach einigen Arten von Skeleten suchte, und daß ich

mit den zu stark verkohlten, morschen Exemplaren, deren Leinwandhülle

wie ihr Inhalt beim Anrühren in Stücken zerfiel, nicht zufrieden war,

holten mehr denn dreißig solcher Krüge herauf, zerschlugen sie bis auf

wenige die ich noch rettete und zeigten mir den Inhalt, aus dem ich mir

namentlich die Schedel eines Tantalus Ibis und eines heiligen Ibis[40]

herauswählte.

Auch hier in diesem Mumienfelde der Thiere verräth sich der überall

sinnvolle, wenn auch irre geleitete Tiefsinn der alten Aegypter.

Merkwürdiges Volk, dem fast jede tierische Gestaltung als eine

Hieroglyphe, die Hieroglyphe aber als ein Name und eine Bezeichnung der

Gottheit erschien; ein Name, dessen vom Leben durchdrungene Schriftzüge

zu vertilgen, gleich einer Gotteslästerung verboten war. -- Die Natur

ist allerdings eine Sprache in Bildern, voll bedeutungsvoller Namen;

höher aber als das Bild stehet das im Herzen lebende, unvergängliche

Wort, durch dessen Kräfte nicht nur die Welt des Sichtbaren, sondern

vor ihr und über ihr die Welt des geistigen Erkennens geworden ist.

Die dürftige Pyramidengruppe bei Abusir, an der wir vorüberkamen,

bietet wenig dar, was die Aufmerksamkeit fesseln und beschäftigen

könne. Diese Werke einer wahrscheinlich späteren, nur nachahmenden

Zeit, im Vergleich mit der älteren, von der die großen Pyramiden bei

Ghizeh zeugen, tragen mehr denn diese das Gepräge der Vergänglichkeit;

sie stehen, zum Theil unsymmetrisch und unförmlich, alle aber halb

aufgelöst und verfallen da, entweder durch die Gebrechlichkeit des

Gedankens der sie begründete oder des Materials aus dem sie erbaut

sind[41].

Wir kamen schon in der Nähe der großen Pyramiden von Ghizeh an einigen

Bauern vorüber, welche die Felder bestellten. Sie liefen zu uns heran

und boten sich uns zu Führern, hinauf zum Gipfel der Pyramiden und in

ihr Innres an und wir ließen uns dieses Geleite gefallen.

Es war fast Mittag da wir uns diesen Jugendwerken der alten Baukunst

naheten. Der letzte Theil des Weges, unten in der Ebene am Saume

der Hügel hin, über grünende Auen, an Heerden der Ziegen und Schafe

vorüber, war sehr angenehm gewesen; jetzt zog sich, jenseits der

kleinen Gruppe von Sykomoren und Palmen, die noch im Thale vor den

großen Pyramiden stehet, die lebende Welt des heutigen Tages zurück und

ließ uns mit dem Schweigen der Wüste und mit den hehren Denkmalen einer

riesenhaft hochstrebenden Vergangenheit allein.

Bei dem ungeheuren Bilde des Sphinx, gegen dessen Größe die des

Menschenleibes so dastehet, wie der Grashalm gegen den Palmbaum,

hielten wir an und stiegen herab von unsern Thieren. So mächtig

auch dieser steinerne Thürhüter oder Buab des Bezirks der großen

Pyramiden sich vor den Aufgang zu diesen hinstellt, erscheint er

dennoch gegen diese erstgebornen Werke der Memphitischen Größe nur

wie ein untergeordneter Diener. Er ist auch der Jüngste unter ihnen,

denn der Pharao, dessen Bild er darstellt und der ihn aus der Masse

des Felsens aushauen ließ, war, wie dieß aus den hieroglyphischen

Namenszeichen erkannt wurde, Thothmes +IV.+, welcher nach

Wilkinsons chronologischen Tafeln bis 1446 v. Chr. regierte. Das

Angesicht des mächtigen Bildes ist durch die Barbarei der späteren

Zeiten verstümmelt, namentlich fehlt ihm die Nase; der Kopfschmuck, der

wahrscheinlich von andrem Material gebildet und in eine noch sichtbare

Vertiefung des Scheitels hineingefügt war, ist hinweggenommen; der

Fels unterhalb des Halses hat durch Verwitterung gelitten; von dem

Altar und dem Getäfel, welche man zwischen den vorderen Löwenfüßen

wieder aufgefunden hatte, sieht man keine Spur mehr, denn der Sand der

Wüste hat die neueren wie die älteren Ausgrabungen großenteils wieder

zugedeckt. Wenn in oder unter dem Sphinx Grabeskammern sind, dann muß

der Eingang zu ihnen aus tief verborgenen Gängen herführen, denn am

Bilde selber und dem nächst umgebenden Felsen zeigt sich keine

Oeffnung.

Neben den Ueberresten der beiden pyramidalen Pylonon, welche zu

Herodots Zeiten den Eingang zu der prächtig gepflasterten Plattform

am Fuße der großen Pyramide zierten, giengen wir hinan zu diesem

Gedächtnißmale des Cheops. Ein leichtes Gewölk zog eben über seinen

Gipfel hin, bald aber stund das unwandelbare Gewölbe des Himmels wieder

in unwandelbarer Klarheit da. Worin ist doch die unbeschreibliche

Kraft des Eindruckes begründet, den der Anblick dieser Pyramide,

wenn man an ihrem Fuße stehet, auf die Seele macht? Er kann nicht in

der Masse allein liegen, denn die Massen so vieler unsrer gäh oder

pyramidal emporsteigender Felsenberge sind noch ungleich größer, ohne

daß ihre Wirkung auf den Sinn des Wandrers dieselbe ist. Die Kraft

jenes Eindruckes kommt nicht aus dem Gewicht und Umfange der hier

aufgehäuften Werkstücke, sondern sie beruhet auf dem Gedanken den

der Geist des Menschen, andren Menschen verständlich in das Werk der

leiblichen Hände hineinlegte. Dieser Gedanke heißet Ewigkeit. Wenn wir

auch keinen andern Beweis für die Fortdauer unsrer geistigen Natur,

nach dem Vergehen der leiblichen hätten, so würde der schon als ein

hinreichender erscheinen, der sich auf das unabweisbare Bedürfniß

unsers Wesens gründet, seine Wirksamkeit, wie die Schwingen eines über

dem Zukünftigen brütenden Adlers weit hinaus über das Leben der Zeit zu

breiten. Der Mensch fühlt in sich Kräfte der Ewigkeit; er fühlt es,

daß diese dereinst selbst den staubgebornen Leib durchdringen werden

und sollen; das Mißverständniß der alten Erbauer der Pyramiden und

Mumienkammern lag nur darinnen, daß sie wähnten jene Durchdringung und

Ueberkleidung des Vergänglichen mit Kräften des Unvergänglichen möge

durch ein Bestreben der leiblichen Kräfte bewirkt werden, da es doch

einzig nur vom Leben des Geistes ausgehen kann.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 13 / 42 段