In Abusabel, wo wir auf Herrn Clotbeys Veranstaltung sehr

gastfreundlich angenommen wurden, sahen wir mit wahrhafter Theilnahme

die den Jahren ihrer Begründung nach noch jugendliche, in ihren

Leistungen aber schon trefflich herangereifte Anstalt zur Bildung

junger Aerzte, Hebammen und Thierärzte. Einen wissenschaftlich

geordneten botanischen Garten, in welchem die Gewächse der heißeren

Erdgegend, meist im Freien stehend, in solcher Menge der Arten in

schönster Frische grünten, blüheten und Früchte trugen, hatte ich

in meinem Leben noch nie gesehen[28]. Die zoologische Sammlung ist

zwar erst im Entstehen, auch sie besitzt jedoch, von dem Lande in

welchem sie sich bildet und von der vielfachen Gelegenheit zum

Tauschen begünstigt, eine Menge von naturhistorischen Kostbarkeiten.

Die Mägdlein (meist Abyssinierinnen) und Frauen, welche zu Hebammen

gebildet werden, erhalten einen zweckmäßigen Schulunterricht; wir

fanden sie eben mit den Uebungen im Schreiben beschäftigt, in welchem

einige schon sehr große Fertigkeit zeigten. Für die jungen Männer

ertheilen den Unterricht in den verschieden Zweigen der Arznei-

und Veterinärkunde einige Europäische Aerzte; der Lehrer spricht

Italienisch oder Französisch; ein Dolmetscher übersetzt den Vortrag ins

Arabische, wobei dann die Anschauung der Gegenstände das Wesentlichste

hinzufügt. Ein großes Krankenhaus für Menschen, ein andres für Thiere

geben reichliche Gelegenheit zur Ausübung des Erlernten unter Aufsicht

eines Lehrers.

Aber ich bin es Dir und mir schuldig noch eine andre, höher geartete

Frucht unsrer Auswanderung in diese Gefilde von uralter Bedeutenheit

mitzunehmen, als der herrliche Gewächsgarten von Abusabel uns

darzureichen vermag. Der hohe Obelisk, der auf dem Wege hieher zur

Linken über Feld und Gebüsch hervorragt, hat schon lange den äußren wie

den innren Sinn mächtig zu sich hingezogen; er steht auf der Stätte der

hochgepriesnen Stadt der Sonne: On; auf der Stätte von Heliopolis.

Mit ganz besondrer Bewegung näherte ich mich dem einzigen noch stehen

gebliebenen Zeugen der alten Herrlichkeit die einst hier, eine Reihe

von Jahrhunderten hindurch ihre Tempel und Palläste aufgeschlagen

hatte; der Spitzsäule von rothem, Aegyptischen Granit, welche unter den

Hieroglyphen, womit sie beschrieben ist, das Namenszeichen jenes Pharao

Osirtesen des Ersten trägt, während dessen 43jähriger Regierung, nach

~Wilkinsons~ Forschungen[29] Joseph nach Aegypten kam. Als hätte

gerade das Andenken dieses Herrschers im mächtigen Denkzeichen erhalten

werden sollen, in dessen Regierungszeit eine Zukunft des geistigen

Verständnisses, die noch heute in ihrer Entfaltung und Gestaltung

begriffen ist, einen ihrer ersten Anfänge nahm.

Das Wasser, das bei den jetzigen Stromschwellen des Nils die Fläche,

worauf der Obelisk steht, überfluthet, war zurückgetreten; Felder

voller gelbblühenden Aegyptischen Rübsamen (+Brassica oleifera+)

grünten jetzt an seiner Stelle; Bienen der verschiedensten Arten flogen

summend in den duftenden Blüthen aus und ein; Mauerimmen bereiteten

in den Vertiefungen der räthselhaften Hieroglyphenschrift das Räthsel

ihres Instinktes: die wundervollen Sandgehäuse für die noch ungeborne

Brut. Es ist als wenn jene Weisheit, welche vormals hier, in einer

ihrer Schulen, zu dem Geist des Menschen zutraulich sich gesellte,

hinausgezogen sey aufs Feld, um da, unbeachtet von dem Auge der Welt,

ihr Spiel mit dem kleinsten und hülflosesten der Creaturen zu treiben.

Wer da weiß und bedenkt was vormals hier an dieser Stätte geschehen

und gewesen, dem begegnet etwas Aehnliches wie jenen Schiffern

an der Amerikanischen Küste, welche im Hafen einer auf ihrer

Landcharte, wie in der Erinnerung einiger unter ihnen bestehenden

Stadt ihre Anker warfen, und welche den Hafen unverändert als

denselben erkannten, während die Stadt durch die verheerende Macht

des Erdbebens hinweggetilgt war von ihrem Boden. Diese Spitzsäule da

stand einst, gepaart mit einer andern, ihr gegenübergelegnen, vor dem

Eingang des hehren Tempels der Sonne; zu dem älteren Paare der in

Hieroglyphensprache redenden Denksäulen hatte Pheron, der Sohn des

Sesostris noch zwei andre gesellt, welche gegen 150 Fuß hoch ragten;

eine Allee von Sphinxen lief von da zum nordwestlichen Thore der Stadt.

Zwar die Pracht des Sonnentempels, und seine bis dahin unverletzte

Würde hatte schon Cambyses in den Staub gebeugt, doch fand noch Strabo

der Geograph, der in der hehren Herrscherzeit des Kaiser Augustus

Heliopolis besuchte, die verödete Stadt in den Grundzügen ihrer alten

Anlage unverändert; ihm zeigte man selbst jene Häußer in denen Plato

und Eratosthenes wohnten, als sie hier die Lehren der Priesterweisheit

vernahmen. Anjetzt lassen nur noch die Wälle von Schutt, welche

den vormaligen Bezirk des Tempels und der zu ihm gehörigen Häußer

umschließen, den Umriß des Ganzen errathen, denn da, wo diese Wälle

herumlaufen stunden die Mauern; die Lücken oder Oeffnungen der

Schutthaufen bezeichnen die Lage der alten Thore. Unter diesen ist

jenes an der Nordwestseite noch am kenntlichsten; hier liegen und

stehen auch noch einzelne Trümmer von Kunstwerken, namentlich von

Sphinxen. Die längste Ausdehnung des ganzen Bezirkes misset 1500 die

Breite desselben fast 1150 gemeine Schritte; die Wohnhäußer lagen auf

der nördlichen Seite und nahmen einen Flächenraum von fast 540,000

Quadratfußen ein; der Tempel erhub sich an der Südseite.

Daß dieser Tempel einer der ehrwürdigsten und ältesten in Aegypten

gewesen, das gehet aus vielfachen Zeugnissen des Alterthumes hervor.

Wie zu Sais bestund hier eine Schule der Tempelweisheit, aus deren

Erkenntnißquell mit den Eingebornen zugleich auch Fremde, namentlich

die Weisen des klassischen Griechenlandes schöpften. Denn neben dem

Wort jener Geheimlehren, welche ein Erbgut der Väter waren, dessen

Werth und Bedeutung von dem spätern Jahrtausend kaum noch geahndet

wurde, waltete hier ein wissenschaftliches Erkennen des Laufes der

Gestirne und ihrer unwandelbar fest stehenden Zeiten. On war ein Tempel

der Sonne oder des Phre; der Vater der Asnath, welche Pharao dem Joseph

vermählte, war, wie die Septuaginta seinen Namen schreibt Pete-Phre:

Priester des Phre, d. h. der Sonne. Wenn uns eine misverstehende Sage,

welcher de Vignoles folgt, die Erkenntniß der eigentlichen Dauer des

Sonnenjahres als eine Erfindung der Priester zu Heliopolis darstellt,

welche älter nicht denn 1325 Jahre vor Christo sey, so erinnert uns

dieselbe nur an das allgemeine Verhältniß des späteren Cultus der

Heiden zu einer reineren, älteren Erkenntniß des Göttlichen, welche

überall das Anfängliche war, das den Entartungen des Götzendienstes

vorausgieng. Der abgöttische Stierdienst, der auch hier in Heliopolis

bestund, wo der Stier Mmevis, am Range der nächste nach dem Apis der

Memphiten verehrt wurde, war allerdings eine sehr alte, aber nicht

die älteste Huldigung, welche der Menschengeist jener ausgebährenden

Schöpferkraft darbrachte, die älter als Sonne und Mond die Mutter

von beiden gewesen. Und wenn Osiris auch wirklich einem späteren

Geschlecht (nach Jablonsky) als Osch-Iri, d. h. Ordner der Zeit, nur

die Bedeutung des sichtbaren Wesens hatte, so war er doch einem älteren

der ewige Anfang alles Seyns der Zeiten und der Räume; die Neith zu

Sais nicht eine irdische, sondern eine himmlische Weisheit: Meisterin

des sichtbaren Gestaltens, Ordnerin und Lenkerin aller Bewegungen

des Lebens. Eine der werthvollsten Früchte des Forschens der neueren

Zeit ist der wissenschaftliche Erweis der Thatsache, daß auch hier in

Aegypten, wie in Indien jene Religion der Altväter die älteste und

anfänglichste war, welche auf ein Erkennen des wahren Gottes, des Drei

in Einem sich gründete; denn die früheste Grundlehre der Tempel war die

der Dreieinheit. Erst später wurde statt jenes Ewigen und Unsichtbaren

der sich dem Geschlecht der Menschen in leiblicher Gestalt nahete, die

leibliche, vergängliche Form selber vergöttert; dem Namen, welche die

Eigenschaften nur Seines Wesens bezeichneten, wurde die Bedeutung des

sichtbaren Gestirnes oder der Erde und des Niles beigelegt; über den

Gaben vergaß man des Gebers. Mitten in den Wegen dieses Irrens blieben

als Denksteine jene tieferen Kenntnisse der Natur bestehen, welche aus

dem gemeinsamen Quell des Erkennens des unsichtbaren wie des sichtbaren

Wesens gekommen waren, und namentlich Heliopolis blieb bis in die

spätere Zeit eine Schule der Sternkunde und Berechnung der Zeiten; eine

Verwahrungsstätte wenigstens der Gefäße einer höheren Weisheit, auch

dann noch als der anfängliche Inhalt dieser Gefäße verschüttet und

verloren gegangen war. Aus dem Blute jener Riesen, die gegen die Götter

stritten, als dieses auf die Erde floß, war nach einer Lehre der alten

Aegyptischen Priester der Weinstock mit seinen stärkenden, wenn auch

zuweilen berauschenden Früchten entstanden; so hatten die von Aegypten

aus über viele Länder ergossenen Kräfte des Erkennens, in dem Boden

derselben den Baum der Wissenschaft geweckt und zur Blüthe gebracht,

von dessen Früchten das noch jetzt lebende Geschlecht sich nährt und

berauscht.

* * * * *

Während wir so die Spuren und Trümmer einer alten Herrlichkeit

betrachteten, hatte sich ein freundlicher Mann, von Geburt ein Franzose

zu uns gesellt, der uns in sein kleines, auf der Stätte von Heliopolis

stehendes Haus einlud, um mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken. Wir

folgen der Einladung und freuten uns ganz besonders an dem kleinen

Garten, dessen Rasen grünte, dessen Aprikosenbäume heute, am 9ten

Januar, schon so blüheten wie bei uns im Frühling, und an der jungen,

zahmen Gazelle, welche wie ein Lamm mit sich spielen ließ. Um das

kleine Haus unsres Wirthes stehen mehrere Hütten, bewohnt von armen

Fellahs.

Auf unsrem Rückwege verweilten wir noch in dem nahe bei der Stätte

von Heliopolis gelegnem Dörflein Matarieh. Es ist von Gärten umgeben

in denen jetzt auch, wie in denen bei Heliopolis, der Frühling mit

all seinen Reizen eingezogen war. Denn zwischen den hohen Palmen,

Sykomoren und Granaten, zeigten sich im rosenrothen Gewand der Blüthen

unsre Obstbäume, vor allen die der »Mischmisch« oder Aprikosen[30].

Schon der Name Matarieh (frisches Wasser) deutet eine Nachbarschaft

an, durch welche dieses Dörflein noch jetzt für Einheimische wie für

Fremde ein anziehender Ort wird: die Nachbarschaft des Ain Schems oder

Quelles der Sonne. Er strömt das süßeste Quellwasser von Aegypten,

dessen übrige Brunnen meist einen salzigen Beigeschmack haben; man

schreibt seinem Wasser besondre Heilkräfte zu. Mohamedaner, namentlich

die vorüberziehenden Mekkapilgrime, und Christen rühmen diese Kräfte

und ihr Ruhm ist ein alter; er stammt aus jener Zeit, da auch der

hochummauerte Bezirk von Heliopolis einen Quell von geistiger Art

umschloß, dessen Kräfte Einheimische wie Fremde erfuhren. Die

Schranken der hohen Mauern, welche das Geheimniß verwahrten, sind

indeß längst gefallen; das Wasser strömte ungehemmt hinaus; was

als Eigentum nur eines Standes erschien, das ist, in der Form der

Wissenschaft ein Gemeingut der verschiedensten Stände und Völker der

Menschen geworden. Und wie ist jene vormals einsame und verschlossene

Weisheit der menschlichen Art, wie ist noch mehr jene höhere, von

göttlicher Natur, zu einer, der Gefangenschaft entlassenen, frei herum

wandelnden Gesellin und Freundin aller Pilgrime der Erde geworden? Der

uralte Sykomorusbaum hier in einem der Gärten von Matarieh und der

nachbarliche Quell der Sonne, könnten, wenn sie Sprache hätten, die

Geschichte der weiten Wanderungen der einst Gefangenen und nun Freien

erzählen. Hier fand, so erzählt eine Sage vieler Jahrhunderte, die

heilige Familie, auf der Flucht nach Aegypten, aus der Wüste kommend,

die erste Erquickung des lebendigen Wassers; den ersten Ruheort.

Gleich ihr mußte auch der Christenglaube durch so manche Länder der

Erde seinen Wanderstab setzen, damit er jedem von ihnen eine Aussaat

des Segens zurücklasse, welche, wenn auch spät, dennoch einst aufgehen

und Früchte des Friedens und der Liebe tragen wird. Da ~sie~, die

auserwählte der Frauen, von hier, mit dem göttlichen Kinde weiter zog

gen Fostat und neben sich die Pracht der Tempelgebäude von Heliopolis,

vor sich die Herrlichkeit der Pyramiden erblickte, wie klein mag ihr

doch alle diese Herrlichkeit der Weit erschienen seyn gegen jene die

sie in ihren Armen und an ihrer Brust, wie in ihrem Herzen trug.

Fünfter Brief.

=Reise nach der Stätte des alten Memphis, nach Sakkara und den

Pyramiden.=

Die mächtigen Pyramiden hatten mich vom ersten Tage meines Hierseyns

an, hatten mich so oft ich sie vom Dache unsrer Wohnung sahe, kräftig

zu sich hingerufen und gezogen, dennoch konnten wir erst am 17ten

Januar dazu gelangen unsern ersten Besuch bei ihnen zu machen, den wir

später noch einmal wiederholten.

Wir verließen die Stadt bald nach Anbruch des Tages. Ein leichter

Nebel, der sich in reichlich niederträuflenden Thau auflöste, lag

über dem Nilthale; die Sonne erhub sich mit purpurrother Scheibe

über den gelblichen Felsenhöhen des Mokkatam. In den Gartenanlagen

des Ibrahim Pascha, an denen wir vorüber kamen, waren die Gärtner

schon am frühen Morgen mit dem Abschneiden der Gemüse, namentlich

der jungen grünen Bohnen, und mit andren Arbeiten beschäftigt, zu

welchen man bei uns erst im Spätfrühling und Sommer Gelegenheit hat.

Am Nil, bei Fostat oder Altkairo, wo man nach Ghizeh überfährt, wird

fast täglich ein Markt gehalten; Fahrzeuge, beladen mit Getraide und

Mehl, mit Bohnen, Linsen, Reis, Hühnern und Eiern, legen daselbst

an, und da alle diese Gegenstände hier noch wohlfeileren Verkaufes

sind als in der Stadt, kommt das Volk aus Kairo und der landeinwärts

gelegnen Landschaft haufenweise herbei um sich zu versorgen; neben den

aufgethürmten Haufen der Bohnenkerne, des Hirses und andren Getraides

sieht man Verkäuferinnen und Verkäufer des Brodes, der großen, meist

aus Kamelfleisch bereiteten Würste, wie der Südfrüchte; die Preise

sind in der That nicht höher als in den fruchtbarsten und reichsten

Gegenden unsers Vaterlandes[31]. Aus den Lustgärten der Insel Rhouda

wehete uns der Wind als wir vorüberfuhren, den Duft der blühenden Bäume

zu und schwellte zugleich die Segel des Fahrzeuges; bald waren wir am

gegenüber liegenden, linken Ufer des schönen Stromes. Von Kairo nach

Sakkara würde man allerdings quer durch die Ebene einen näheren Weg

nehmen können, wir hielten uns, um die Stätte des alten Memphis zu

besuchen mehr in Osten in der Nähe des Niles.

Ein erfrischender Wind, der fast aus Norden kam, hatte die Nebel

zerstreut und die Lustgärten des Landes, durch die unser Weg führte,

entschleiert; wenn ich jemals den Sinn jenes Sprüchwortes recht

lebendig empfunden und verstanden, daß, wer einmal das Nilwasser

in solcher Frühlingszeit gekostet habe, lebenslang ein Sehnen

behalte es wieder zu kosten, so ist es an diesem Tage gewesen; eine

Reise durch die Akazien- und Palmenwälder des linken Nilufers von

Ghizeh gen Sakkara in solcher Jahreszeit müßte auch auf einen halb

erstorbenen Sinn mächtiger wiederbelebend und verjüngend wirken als

die Zauberbäder der Medea. Man hat vielfach die Bemerkung gemacht,

daß keine andern Sinneneindrücke so mächtig sind die schlafenden

Gefühle und Erinnerungen zu wecken, als jene, die auf das Geruchsorgan

geschehen; auf unsrer heutigen Reise hatten wir, mehr vielleicht denn

jemals Gelegenheit die Macht der Düfte zu erfahren. Die im Nilthale

einheimisch gewordene farnesische Mimosa (+Mimosa farnesiana+),

welche als Heckengewächs am Saume der Dörfer und Felder steht, begann

mit ihrem feinen, jasminartigen Dufte das Lied der Wohlgerüche, dann

folgten die zwischen den Palmenwäldern weithin ausgebreiteten Felder

der blühenden Aegyptischen Bohnen, der Lupinen und des Alexandrinischen

so wie des Trigonellenklees mit einer Stärke und Mannichfaltigkeit

der Düfte, wie sie ein Maienmorgen in unsern Orangengärten oder über

den Beeten der Hyazinthen und Jonquillen erweckt; alle Getraidearten

Aegyptens, untermischt mit der jungen Aussaat des Hanfes und Mohns

prangten im frischesten Grün des jungen Halmes[32]. Die Landleute

waren in den Palmenwäldern, deren auf unserem heutigen Wege einer auf

den andern folgte, beschäftigt die Dattelbäume zu reinigen an deren

Blätterschopfe sich schon die Kolben der neuen Blüthen entfalteten; auf

den Gipfeln der vereinzelt stehenden Bäume wiegte sich der große, weiße

Ibis (+Tantalus Ibis+) mit rosenrothen Schwingen, dazwischen

vernahm man den Gesang einiger lautstimmiger Vögel vom Geschlecht

der Drossel und der Lerche. Von Zeit zu Zeit öffnete sich durch

die Lichtung der Palmenwälder die Aussicht auf den Nil und die mit

günstigem Winde stromaufwärts seglenden Schifflein; auf die Felsenhöhen

des rechten Ufers bei Torrah mit seinen Landhäußern und Burgen. Selbst

unsre Eselein sprangen heute so munter durch die grünenden Auen, daß

die Treiber ihnen zuweilen auch im schnellsten Laufe kaum zu folgen

vermochten. -- Ihr alten Aegypter, ich kann euer Festkleben am Seyn des

Leibes und seinen Genüssen wohl begreifen. Damals noch, als der Vater

der griechischen Geschichte, Herodot euch besuchte, war euer Land eines

der reichsten, äußerlich gesegnetsten der Erde, und Israël in der Wüste

gedachte nicht mehr der Angst und Qual der Frohndienste, sondern weinte

nur sehnsüchtig nach den Fleischtöpfen und der andern Fülle Aegyptens;

so mag noch vielmehr dem vormals hier ~herrschenden~ Volke das

Scheiden von der so reichlich genossenen Lust der Augen und aller

Sinnen unmäßig schwer angekommen seyn.

Noch vor Mittag waren wir in jene Gegend der Palmen- und Akazienwälder

gekommen, wo man in einer Tiefe von etwa 20 Fuß unter den Schlamm-

und Sandlagen, welche die jährlichen Stromschwellen des Niles im

Laufe der Jahrhunderte über das niedre Land geführt haben, jenen

prächtigen, liegenden Coloß entdeckt hat, welcher für die Bildsäule

des Pharao Remeses +II.+ gehalten wird. Vermutlich ist es einer

jener sechs Kolossen, welche dieser Monarch vor dem Tempel des Phtha

errichten lassen und von denen der eine sein eignes, der andre das

Bild seiner Gemahlin, die übrigen vier jenes Söhne waren. Die beiden

ersteren ragten zu einer Höhe von fast 38 Fuß und noch jetzt misset

der auf seinem Angesicht niedergestürzt liegende Coloß, obgleich er

an den Füßen und Hauptschmuck etwas verstümmelt ist, 40 Fuß, ohne

das Piedestal. Hier also, oder nahe hierbei hatte Menes, der erste

Begründer des Aegyptischen Herrscherthrones, jenen Tempel erbaut, in

und an welchem sich eine Herrschermacht des Geistes kund gab, höher

und urkräftiger als die der Pharaonen; hier stund der Tempel des

~Phtha~, des unsichtbaren, ewigen Gottes, des Ursprunges und

Anfanges alles Seyns, dessen Wesen ein Licht ist, »das auch in der

Mitte der Nacht leuchtet, mit der Klarheit des Tages.« Wir befinden

uns hier auf einem klassischen Boden der Aegyptischen Vorwelt; hier

war Memphis, der älteste Königsitz des ganzen Landes. Der Name, als

Momf oder Menf, soll sich in der Sprache und Ueberlieferung des

hier wohnenden Volkes erhalten haben[33]; jene mächtigen Ruinen

aber, welche noch Abulfeda im Jahr 1342 n. Chr. hier sahe, sind

bis auf den erwähnten Coloß und einige bearbeitete Granittrümmer,

so wie jene wenigen Substruktionen, die am Saum des Waldes gegen

Sakkara und Mitraheny hin aus dem angeschwemmten Boden hervorragen,

verschwunden. Nahe bei dem Tempel des Phtha, des Vaters aller Götter,

dessen Herrschaft und Anbetung, nach der Lehre der Aegypter die

ursprünglichste und älteste gewesen war: ein Reich dessen Anfang sich

nicht bestimmen ließ, hatte ein späteres Geschlecht den Tempel des

göttlichen Stieres, des Apis errichtet, welcher von seiner Erzeugung

an für einen Träger der Leben und Begeistrung aufregenden Kräfte

der Sonne und des Mondes: für eine neue Verleiblichung der Seele des

Osiris gehalten wurde. Sobald derselbe, im siebenten Monat nach seiner

Geburt, im prachtvoll geschmückten Schiffe, welches die Schaaren der

bunt verzierten Fahrzeuge umgaben, im Geleite der Hymnen singenden,

Rauchwerk opfernden Priester von Nilopolis hieher nach Memphis gebracht

war, empfieng ihn der geweihte Wohnsitz, der in der Nähe des Tempels

des Phtha für ihn bestimmt war. Es bestund dieser gleich den jetzigen

Moscheen in Tempelhallen die nach einem freien Hofraum herausgiengen;

in einem der Seitengebäude wurde die mütterliche Kuh verpflegt, die den

Apis gebar. Durch die Fenster jener mit königlicher Pracht verzierten

Halle, in welcher der vergötterte Stier wohnte, konnte das Volk

beständig hineinschauen; Knaben, seinem Dienste geweiht, spielten zu

seinen Füßen und wurden nicht selten von einem Geiste der Weissagung

angewehet, der aus ihrem Munde das Künftige und Verborgene verkündete.

Wenn aber die Priester das angebetete Thier, wie dieß öfters geschahe,

herausführten zum Hofe, unter das Volk, das seinen näheren Anblick

begehrte, dann ward Apis selber ein Verkünder der Zukunft, der, wenn

er von selbst in die eine der Hallen hineingieng, Glück, wenn in die

andre Unglück andeutete; der das Futter aus der Hand Dessen nahm,

welchem ein gutes Schicksal nicht aber aus der Hand Jenes welchem

Unglück oder der nahe Tod bevorstund. Hatten doch die Priester selbst

dem großen Eudoxus, daraus, daß Apis den Saum seines Gewandes mit der

Zunge zu berühren schien, seinen künftigen Ruhm, zugleich aber die

kurze Dauer der glänzenden Laufbahn vorausgesagt, und dem Germanikus

bedeutete es, als Apis aus seiner Hand das Futter nicht annahm, den

nahen Tod. Man brachte dem Apis Opfer, sogar von Stieren; seiner

Gottheit huldigten mit dargebrachten Opfern Alexander der Macedonier

und selbst noch Titus und Hadrian. Während der sieben Tage, in denen

jährlich das Geburtsfest des Apis gefeiert ward, legten, nach der Sage

des Volkes selbst die Crocodile ihre grimmige Natur ab; sie zeigten

sich dann harmlos und beleidigten niemand. Fünf und zwanzig Jahre lang

-- dieß war eine altägyptische Periode der Ausgleichung des Sonnen-

und Mondenjahres[34] -- wurde des heiligen Stieres mit allen nur

ersinnlichen Mühen gepflegt, jetzt aber hatte er das Ziel seines Lebens

erreicht; seine bisherigen Pfleger selber, die Priester, ertränkten ihn

in dem geweihten Wasserbehältniß des Tempels; dem Volke wurde verkündet

Apis sey jetzt verschwunden, starb aber das Thier natürlichen Todes,

so wurde gesagt er sey gestorben. Der Leib des einbalsamirten Stieres

wurde im ersteren Falle in den geheimen, unterirdischen Grüften des

Tempelbezirkes, im andern aber mit feierlichem, öffentlichem Begängniß

in dem bei Sakkara gelegnen Serapeion bestattet. Zu solchem Ausgang

hatte sich der einst reinere Gottesdienst des Phtha in dem Geist und in

den Händen eines alles versinnlichenden Volkes verkehrt.

Nahe bei dem Koloß und der vermutlichen Stätte des Phtha und

Apistempels stehen einige armselige, von Bauern bewohnte Hütten,

erbaut auf kleinen Hügeln des alten und neuen Schuttes. Tiefer im

Walde, gegen den Nil hin, bestiegen wir einen der größeren Schutthaufen

und überblickten das nun verödete Feld alter Geschichten und Thaten

der göttlichen wie der menschlichen Art. Hier auf dieser Stätte der

Trümmer stund der Wohnsitz der Herrscher, bei denen Abraham ein Gast

und Fremdling war, Joseph, aus der Niedrigkeit des Gefängnisses zur

Macht des Fürsten emporstieg, Jacob mit seinen Söhnen Versorgung und

Schutz vor dem drückenden Mangel fand; dort fließt der schöne Strom aus

dessen Schilf die königliche Jungfrau Den herausführte und rettete, der

zum Führer und Retter seines Volkes bestimmt war. Wie lebendig werden

hier alle diese Züge der heiligen Geschichte dem Gemüth; diese Palmen

da sprechen noch immer von einem Reich des Friedens und der Freude,

welches, wenn auch auf lange Zeit gestört und verdunkelt, doch nicht

geendet hat.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 12 / 42 段